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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Sveta und der Junge aus dem Wald, Axel Saalbach und Ramona Mädel
Axel Saalbach und Ramona Mädel

Sveta und der Junge aus dem Wald



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Prolog

Der Anblick spielte ihr ein fröhliches Lied in Moll, denn obwohl sie die Natur liebte, konnte sie an diesem Tag keinen Gefallen an der Schönheit des Waldes finden. In der Stimmung, in der sie sich befand, glich ein Baum dem anderen, jeder Pfad sah genauso aus wie der zuvor. Svetlana war die Sicht leid, die sich ihr nun schon seit Stunden bot, wenn sie durch die Fenster des trägen Gleiters nach außen schaute. In dem kleinen Wagen fühlte sie sich wie eine Gefangene, die sich auf ihrem letzten Transport befand, ehe sie für lange Zeit hinter Schloss und Riegel verschwinden würde. Und wahrlich, ihr drohte eine wenig verheißungsvolle Zukunft.
    Man konnte nicht behaupten, dass die sechzehn Jahre ihres jungen Daseins bisher besonders freudvoll verlaufen waren. Im Gegenteil, nur zu oft war sie sich wie ein Spatz im goldenen Käfig vorgekommen. Dennoch schien ihr alles erstrebenswerter als die kommenden Jahre in dem kleinen Dorf mitten im Wald, fernab der Zivilisation und abseits von den ohnehin schon spärlichen Resten gesellschaftlichen Lebens. Dunkeltann – bereits der Name klang trist. Sveta, wie alle sie nannten, hatte bis vor wenigen Stunden noch nichts von der Existenz des Dorfs gewusst, nun sollte es ihre neue Heimat werden. Ihr neues Zuhause, in dem sie ohne die schützende Hand ihrer Mutter und deren Brüdern auskommen musste.
    Mit dem Jahreswechsel hatte sich alles geändert, von einem Tag auf den anderen war alles auf den Kopf gestellt worden. Beim Großen Moment der Vergabe war dem Hause Chasow vollkommen überraschend die Transporthoheit über die Deutsche Oblast zugesprochen worden, ausgerechnet jetzt, als ihr Vater bei den Anführern des Clans in Ungnade gefallen war. Sechzehn Jahre lang hatte er alle Dienste, die er für sie erledigen musste, zur vollen Zufriedenheit ausgeführt, war sich nie für etwas zu schade gewesen und hatte selbst zum bösesten Spiel immer eine gute Miene gemacht. Sechzehn Jahre, in denen er vom einfachen Söldner im Machtgefüge der reichen Herren immer weiter aufgestiegen war, so dass es ausgemachte Sache war, dass er zum Vorsteher einer größeren Stadt befördert werden würde, sobald den Chasows erst einmal die Macht verliehen wurde. Und gerade jetzt, da es so weit war, hatte er einen Hausdiener derart schikaniert, dass er sich die Arbeit all der Jahre wieder zunichte gemacht hatte. Mit jedem Stich, mit dem die klaffende Wunde des armen Tropfes genäht werden musste, war der Ort geschrumpft, den man ihm noch überantworten konnte. Als der Arzt die Fäden verknotet hatte, hatte der alte Chasow ihren Vater zu sich gebeten und ihm verkündet, was seine neue Aufgabe sein würde: Er wurde zum Vorsteher von Dunkeltann ernannt, einem so kleinen Ort mitten im thüringischen Teil der Deutschen Oblast, dass man in ganz Berlin noch nichts von ihm gehört hatte.
    Am gleichen Abend hatten sich Svetas Eltern lautstark gestritten. Mit Tränen in den Augen hatte das Mädchen an der Tür gekauert und gelauscht, während ein Wort das andere gab. Schon seit Jahren war das Verhältnis zwischen ihren Eltern immer schlimmer geworden, nun schien sich alles zu entladen, was sich aufgestaut hatte. Als ihr betrunkener Vater schließlich endgültig in Rage geraten war und auf ihre Mutter eingeschlagen hatte, war Sveta schreiend weggelaufen und hatte sich in ihrem Zimmer eingesperrt. Mit dem cholerischen Sergej Maximow war selbst an guten Tagen nicht zu spaßen, an einem Abend wie diesem war ihm gar nicht mehr beizukommen. Ein Einschreiten hätte aller Voraussicht nach nur zu noch mehr Gewalt geführt. Gewalt, der weder ihre Mutter noch sie selbst etwas hätte entgegensetzen können.
    Schon am nächsten Morgen war ihre Mutter ausgezogen. Ihre Koffer hatten gepackt im Flur gestanden, als sie an Svetas Tür geklopft und sie gebeten hatte, ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammenzusuchen und mit ihr zu kommen. Kaum hatte das Mädchen begonnen, ihren Schrank auszuräumen, war ihr Vater wieder aufgetaucht und erneut auf die Mutter losgegangen. Dieses Mal wollte Sveta dazwischengehen, doch Jan hatte sie davon abgehalten. Selbstverständlich, ihr großer Bruder stand immer auf der Seite ihres Vaters, selbst dann, wenn dieser wieder einmal durchdrehte und gewalttätig wurde.
    Als ihre Mutter weinend aus dem Haus gelaufen war, hatte sie Sveta zugerufen, dass sie schon bald mit ihren Brüdern zurückkommen und sie mit sich nehmen würde. Sergej hatte diese Worte natürlich mitbekommen und sofort den Entschluss gefasst, alle Zelte in Berlin abzubrechen und nach Dunkeltann zu reisen. Sveta hatte versucht, sich zu wehren, doch gegen ihn und Jan war sie chancenlos gewesen. Die beiden hatten wahllos einige ihrer Sachen in einen Sack gestopft und ihn zusammen mit Sveta selbst auf die Rückbank des Gleiters ihrer Familie verfrachtet, dann war es losgegangen. Hier saß sie nun seitdem, sprach kein einziges Wort und starrte mal aus dem Fenster, mal ins Leere.
    Eine knappe Stunde war vergangen, seitdem sie Rudatgrad passiert hatten und von der großen Trasse abgebogen waren. Der Hohe Wall, der das einstige Weimar umgab, war schnell aus ihrem Blickfeld verschwunden. Seitdem sah man nur noch den Wald, und je weiter sie vorankamen, desto dichter schien er zu werden. Als Sveta schon glaubte, dass sie den falschen Weg genommen hatten und hier keinesfalls noch ein Ort folgen würde, lichteten sich die Baumreihen und gaben die Sicht auf heruntergekommene Hütten und ärmliche Verschläge frei. Das musste es sein, ihr neues Zuhause, die Sackgasse ihrer Existenz.
    Ihr Vater und ihr Bruder hatten bis hierhin angeregt geplaudert, nun verstummten auch sie. Während Sergej den Wagen durch die engen Gassen steuerte, verfinsterte sich die Laune der beiden Männer zusehends. Berlin hatte in den beinahe einhundert Jahren des Unendlichen Krieges schwer gelitten, da sich die Zarenfamilie nicht um die Zustände in der Deutschen Oblast scherte, doch es gab wenigstens noch einige Ecken, die man als ansehnlich bezeichnen konnte. Dunkeltann hingegen war anders. In dem kleinen Ort, der allein von der Holzproduktion lebte und der vermutlich gar nicht mehr existieren würde, wäre er nicht inmitten von so viel Wald gelegen, zeugte scheinbar jeder Meter vom Verfall. Selbst die besten Hütten, die Sveta sah, waren nicht viel mehr als traurige Bretterbuden, Fenster waren eingeschlagen oder vernagelt, keine Menschenseele befand sich in den Gassen. Nur ab und zu konnte man einen Schatten entdecken, der sich in den Baracken bewegte. Missmutig massierte sich Sveta die Stirn, ihr neues Leben drohte noch schlimmer zu werden, als sie es ohnehin schon befürchtet hatte.
    An einem Platz, an dem fünf Gassen zusammenliefen, hielt Sergej den Gleiter an. Er und Jan stiegen aus und stellten sich mit verschränkten Armen vor eines der wenigen Häuser, die aus Stein errichtet waren und über eine obere Etage verfügten. Sveta erkannte, dass Jan ihrem Vater eine Frage stellte und ein Nicken zur Antwort erhielt. Das musste es also sein, das Haus des Ortsvorstehers, ihre neue Bleibe. Betreten schaute sie das Gebäude an und verharrte, bis sie bemerkte, dass die beiden Männer sie auffordernd anstarrten. Sveta schluckte, dann packte sie den Sack mit ihren Kleidern und öffnete die Wagentür. Nieselregen setzte ein, als das Mädchen erstmals einen Fuß auf Dunkeltanner Boden setzte.


Kapitel I

DUNKELTANN, EIN VORORT VON RUDATGRAD,
DEUTSCHE OBLAST, RUSSISCH-EUROPA,
HAUS VON SERGEJ MAXIMOW
 
24. JANUAR 2193, NOCH VOR SONNENAUFGANG

Die Befürchtungen waren zu bitterer Wahrheit geworden. Während sie in Berlin unter der Obhut ihrer Mutter eine Kindheit und Jugend durchlebt hatte, die den Umständen entsprechend erträglich gewesen war, verkam Svetas Dasein in ihrer neuen Heimat zu dem einer Maschine, die stur ihre Aufgaben zu erfüllen hatte. Die Männer redeten so gut wie nie mit ihr, und wenn doch, dann nur, um ihr Anweisungen zu geben. Sie musste lange vor dem Sonnenaufgang aufstehen, um das Frühstück vorzubereiten und die Uniformen herauszulegen, sie hatte die Wäsche per Hand zu reinigen, sie musste das Haus in Schuss halten und es an jedem Tag putzen, obwohl es in dieser Häufigkeit gar nicht nötig gewesen wäre. Mehrmals am Tag musste sie zum anderen Ende des Dorfs laufen, wo sich der einzige Brunnen Dunkeltanns befand, und Eimer mit Wasser durch die Gassen tragen. Außerdem hatte sie ihrem Vater und ihrem Bruder jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, ohne dass sie sich darüber beschweren durfte. Während die beiden Männer Patrouillengänge durch das Dorf machten und Einwohner befragten, kam ihr die Aufgabe zu, die Notizen des Vortags in Reinschrift zu übertragen und ein Personenregister für den Ort anzufertigen. Da Sergej und Jan jeder Papierkram zuwider war und beide nur leidlich schreiben konnten, hatten sie ihr diese Anordnung gleich am ersten Tag gegeben. Stundenlang saß sie vor einer flackernden Kerze in der dunklen Kammer im Keller des Hauses, die zu ihrem persönlichen Zimmer bestimmt worden war, und versuchte das unleserliche Gekritzel ihres Vaters und ihres Bruders zu entziffern. Kurzum, es hatte sich schnell gezeigt, warum ihr Vater sie überhaupt mit ins Thüringer Niemandsland genommen hatte, anstatt sie bei ihrer Mutter zu lassen: Sie diente ihm als unbezahlte Angestellte für alle Arbeiten, die ihm und Jan ein Dorn im Auge waren.
    Vor einigen Jahrzehnten hatten die Herrscher Russisch-Europas beschlossen, dass nur noch diejenigen Familien Nachwuchs zeugen durften, die zuvor eine Abgabe an die Zarenfamilie und ihre Helfershelfer entrichtet hatten. Der Geldbetrag war so stattlich, dass ihn sich die Mitglieder ärmerer Stände nicht leisten konnten. Mit der Abgabe wurde das Ziel verfolgt, die unteren Schichten im Laufe der Generationen einfach aussterben zu lassen, da man für mehr als die Hälfte der Bevölkerung ohnehin keine Arbeit mehr hatte und gravierende Armut die Folge war. Eine hohe Armut bedeutete immer auch die Gefahr von Unruhen, und diesen wollte man auf diese Weise aus dem Weg gehen. Sergej Maximow hatte knapp siebzehn Jahre zuvor die hohe Gebühr an das Zarenreich entrichtet, da er sich nach Jan einen zweiten Stammhalter erhofft hatte. Dass Sveta ein Mädchen geworden war, schien er ihr seit jeher übel zu nehmen. Die vielen Arbeiten, die sie für ihn erledigen musste, betrachtete er als einen Teil der Entschädigung, die sie für die vielen Rubel aufbringen sollte, die er einst gezahlt hatte, um sie zeugen zu dürfen.
    Seit ihrer Ankunft war endgültig jede Freude aus Svetas Antlitz gewichen. Tiefe Ringe hatten sich um ihre Augen gegraben, das Gesicht wirkte von Tag zu Tag ausgezehrter, und selbst das schwarze lange Haar hing traurig und stumpf von ihrem Kopf. Da sie keine robuste Figur hatte, sondern von zierlichem Wuchs war, ließen sie die Veränderungen geradezu kränklich erscheinen, ihr Äußeres glich einem Abziehbild ihrer verletzten Seele.
    Nach einer Woche waren zwei Söldner nach Dunkeltann gekommen, die vom Haus Chasow ausgesandt worden waren, um Sergej bei seiner Arbeit zu unterstützen. Seitdem hatte Sveta auch den beiden neuen Männern zu dienen, und Sergej hatte ihr harte Strafen angedroht, sollte er von ihnen jemals eine Klage über ihr Verhalten hören. Sveta hatte auch diesen Befehl schweigend hingenommen, so wie sie alles still ertrug.
    In den drei Wochen, in denen sie nun schon hier waren, war ihr Vater stets furchtbarer Stimmung gewesen, und meist begann er schon in den Morgenstunden mit dem Trinken, weswegen sie jedem Konflikt aus dem Weg ging. Statt ihr waren es deshalb zumeist die Bürger Dunkeltanns, die die Launen ihres neuen Ortsvorstehers ertragen mussten. Sergej führte das Dorf mit harter Hand, setzte die Regeln des Hauses Chasow viel brutaler um, als es ihm vorgegeben war, und gängelte die Menschen. Schon nach wenigen Tagen wichen die Bürger ihm und seinen Leuten aus und versteckten sich, sofern sie es konnten, da sie damit rechnen mussten, schon wegen eines falschen Augenaufschlags mit dem Schlagstock eines Söldners Bekanntschaft zu machen.
    Nur ein einziger Gedanke hielt Sveta vom völligen Verzweifeln ab: Unentwegt hoffte sie, dass es ihre Mutter schaffen würde, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Doch die Aussicht war gering, denn Berlin lag 200 Werst entfernt und die Familie ihrer Mutter verfügte über keinen eigenen Gleiter. Ohnehin erlaubten es die großen Transportclans zumeist nur ihren eigenen Söldnern und Bediensteten, den Hohen Wall um die Hauptstadt der Deutschen Oblast in einem Wagen zu passieren. Zwischen Sveta und ihrer Mutter lagen deshalb viele Tagesmärsche durch gefährliches Gelände, und selbst wenn sie und ihre Brüder es bis hierher schaffen würden, stünden sie Sergej und seinen bewaffneten Helfershelfern gegenüber, die in Dunkeltann die Fäden selbst in der Hand hielten. Wenn dem Ortsvorsteher daran gelegen war, dass sie hier blieb – und das war zweifelsfrei der Fall – dann hatte Sveta schlechte Karten. Zu allem Überfluss musste sie damit rechnen, dass ihre Mutter nicht einmal genau wusste, in welchem Dorf sie sich befand. Sie hatte vom Streit ihrer Eltern nur Fragmente mitbekommen, aber den Namen Dunkeltanns hatte sie dabei nicht vernommen.
   
***
   
An diesem Morgen war Sveta besonders früh aufgestanden, da es am Abend leichten Schneefall gegeben hatte und ihr Vater ihr mit drohendem Blick verdeutlicht hatte, dass der Weg, der von der Haustür bis zur Straße führte, von Schnee befreit sein musste, ehe er selbst den ersten Fuß vor die Tür setzte. Sveta stülpte sich ihre graue Uschanka über, legte sich einen Mantel um und verließ mit einer Schaufel bewaffnet das Haus. Dank der weißen Pracht, die überall lag, konnte man bereits zu dieser Uhrzeit alles gut erkennen. Tatsächlich schneite es immer noch.
    Sveta stellte die Schaufel zur Seite und schaute zum Himmel, aus dem die kleinen Flocken fielen. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie Schnee gesehen, viele Jahre war es her, und sie konnte sich kaum noch daran erinnern. Da die Winter inzwischen viel milder verliefen, vergingen in Berlin oft viele Jahre, in denen es gar nicht schneite. Wenn doch, dann blieb der Schnee nicht liegen. Hier in Dunkeltann, das deutlich höher gelegen war als die Hauptstadt der Deutschen Oblast, mochte dies anders sein. Zum ersten Mal, seitdem sie den kleinen Ort betreten hatte, huschte ein Lächeln in Svetas Gesicht. Sie schloss die Augen, streckte die Arme aus und konzentrierte sich darauf, die ihr ins Gesicht fallenden Flocken auf der Haut zu spüren.
    Ein Geräusch schreckte sie auf. Etwas hatte gescheppert, woraufhin zwei Hunde im Dorf wild zu bellen begannen. Offenbar bin ich nicht die Einzige, die zu nachtschlafender Zeit wach sein muss, dachte sich Sveta und griff nach ihrer Schaufel, um mit der Arbeit zu beginnen.
    Einen einzigen Meter war sie vorangekommen, als abermals Geräusche an ihr Ohr drangen. Wieder hatte es ein lautes Klappern gegeben, dann vernahm sie rasche Schritte, die durch den Schnee stapften. Sie packte ihre Schaufel und lief vor bis ans Tor, vor dem sich die fünf Gassen kreuzten. Dort angekommen, blickte sie suchend in die Richtung, aus der sie die Schritte immer näher kommen hörte. Einige Sekunden verstrichen, dann trat eine dunkle Gestalt zwischen zwei Hütten hervor. Eine überraschend kleine Gestalt, wie Sveta feststellte.
    Auch Sveta selbst blieb nicht unentdeckt. Die komplett in einen dunklen Umhang gehüllte und von einer Kapuze verdeckte Person hielt inne, blickte in ihre Richtung und zuckte zusammen. Einen Moment verharrte sie, dann rannte sie ansatzlos in eine der Gassen hinein.
    »Hey!«, rief Sveta der Gestalt hinterher, doch diese erhöhte ihr Tempo sogar noch und war kurz darauf nicht mehr zu sehen.
    Svetas Interesse war geweckt. Drei Wochen lang hatte ihr Leben in Dunkeltann nur daraus bestanden, eine Aufgabe nach der anderen zu erfüllen, ohne dass sie Zeit für sich selbst gehabt hatte. Ihr fehlte es, mindestens einmal am Tag die Sprewa zu sehen, in ihren Büchern zu lesen und in der Ausbildungsstätte des Hauses Chasow all die Dinge zu erfahren, die in der Welt wichtig waren. Und ihr fehlten die Gespräche mit den Menschen, die sie gern hatte. Ganz besonders die Gespräche. Doch die Leute, die sie mochte, waren in Berlin und damit unerreichbar fern. Neue Freunde würde sie in ihrer neuen Heimat nicht finden können, das war ihr bewusst, da sie die einzigen hier wohnenden Bediensteten des Transportclans waren und der Umgang mit den unteren Schichten als verpönt galt, ganz besonders bei ihrem Vater. Sie war zur Langeweile verdammt, und so war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie jede Gelegenheit, etwas erleben zu können, beim Schopfe packen musste.
    Das Mädchen lehnte die Schaufel an die Mauer, die das Grundstück umgab, und öffnete das Tor, das einen schrill quietschenden Ton von sich gab. Sveta biss die Zähne aufeinander, denn es war so laut gewesen, dass es womöglich die halbe Nachbarschaft aufgeweckt hatte. Tatsächlich begann es im Haus des Ortsvorstehers zu rumoren, und ein Fluch drang aus der ersten Etage herab, in der ihr Vater nächtigte.
    »Was ist das für ein Lärm, zum Henker?«, brüllte Sergej in ihre Richtung, nachdem er einen Flügel des Fensters seiner Kammer aufgerissen hatte.
    »Nichts, Vater«, erwiderte Sveta und konnte ein Grinsen nicht verkneifen, da Sergej mit der Schlafmütze, die er sich über sein kahles Haupt gestülpt hatte, geradezu lächerlich aussah. Ein Schweißfilm schimmerte auf seinem konturlosen runden Gesicht, das viel zu groß für den Rest seines Körpers wirkte. Svetas Mutter hatte ihr erzählt, dass Sergej als Jugendlicher sehr dick gewesen war. Als er später in den Söldnerdienst getreten war, hatte er durch den täglichen Drill schnell abgespeckt, sein Gesicht war jedoch weiter aufgedunsen geblieben. Inzwischen hatte er wieder zugelegt, doch die Proportionen stimmten immer noch nicht. Wie er da hinter seinem Fenster stand, nur mit einem traurigen grauen Nachthemd bekleidet und mit der Bommel seiner Mütze vor den Augen baumelnd, gab er ein Bild ab, das für einen Ortsvorsteher geradezu unwürdig war.
    »Ich musste das Tor aufsperren, damit ich auch hier den Schnee wegräumen kann«, erklärte Sveta nach einem kurzen Räuspern. »Tut mir leid, ich wusste nicht, dass es so stark quietschen würde.«
    Mit zusammengekniffenen Gesichtszügen musterte Sergej seine Tochter. »Ich erwarte, dass du das Ding nachher ölst, wenn dein Bruder und ich unterwegs sein werden«, befahl er schließlich. »Wenn das noch einmal passieren sollte, dann wird es Konsequenzen für dich haben.«
    »Natürlich, Vater«, gab Sveta zurück und senkte untertänig das Haupt.
    Sergej brabbelte noch ein paar unverständliche Worte, dann schlug er das Fenster zu und legte sich wieder in sein Bett. Sveta hob den Blick und beobachtete die erste Etage noch einige Sekunden. Als sie sich sicher war, dass der Choleriker nicht noch einmal zum Fenster kommen würde, schritt sie durch das Tor auf den Platz. Von der unbekannten Gestalt war weit und breit nichts mehr zu sehen, was sie nicht wunderte, so schnell wie sie davongelaufen war. Sveta spähte für einige Zeit in die Gasse, in der sie verschwunden war, dann lief sie zu der Stelle, von der aus die Gestalt zum Sprint angesetzt hatte. Ihr Interesse galt einem kleinen Gegenstand, der dort am Boden im Schnee lag. Verwundert stellte sie fest, dass es sich um ein halbes Brot handelte, das beim Losstürmen heruntergefallen sein musste.
    Sveta hob das Brot auf und betrachtete die Spuren, die im Schnee zurückgeblieben waren. Die Fußabdrücke ließen keinen Zweifel zu, welchen Weg der oder die Unbekannte genommen hatte. Sveta schaute zurück zu ihrem Haus, dachte darüber nach, ob ihr genügend Zeit blieb, ehe ihr Vater, ihr Bruder und die beiden Söldner aufstanden, und entschloss sich dann dazu, den Spuren zu folgen. Wenigstens ein Stück, zu weit wollte sie sich in der Dunkelheit nicht entfernen.
    Das Mädchen lief schnell, da es sich erhoffte, noch einen Blick auf die Person erhaschen zu können. Nachdem die Fährte das erste Mal abbog, verringerten sich die Abstände zwischen den Fußabdrücken, die Gestalt musste hier also wieder in einen langsameren Gang gewechselt sein. Sveta bog nochmals ab, die Hütten wirkten hier noch verfallener und ärmlicher als im Rest von Dunkeltann. Abermals führten sie die Spuren in eine neue Gasse, und langsam zeichneten sich die Konturen der vielen Bäume in der Dunkelheit ab, denn sie näherte sich dem Rand des Dorfes.
    Als sie den Waldrand erkennen konnte, blieb Sveta abrupt stehen, denn sie hatte eine Bewegung wahrgenommen. Sie sah sich um und schlich sich hinter einen der heruntergekommenen Verschläge, die am Rand des Weges standen. Dort presste sie sich an die Wand und lugte vorsichtig dahinter hervor. Zwischen den Bäumen stand die Gestalt, die sie bis hierhin verfolgt hatte, neben ihr eine weitere, die sie um Längen überragte. Erst jetzt nahm Sveta wahr, wie klein die Person wirklich gewesen war. Unter dem dunklen Umhang musste sich ein Kind verbergen, sieben oder acht Jahre allenfalls, vielleicht sogar noch jünger.
    Sveta fasste einen Entschluss. Wenn einer der Unbekannten ein Kind war, dann ging vermutlich keine große Gefahr von den beiden aus. Sie atmete tief ein und wieder aus und sprach sich Mut zu, dann trat sie hinter dem Verschlag hervor und reckte das Brot in die Höhe.
    »Das hast du vorhin verloren!«, rief sie entschlossen in Richtung der beiden anderen.
    Die Unbekannten fuhren zu ihr um und erstarrten. Einen Augenblick lang lag gespannte Stille in der Luft, dann schauten sich die große und die kleine verhüllte Gestalt gegenseitig an, nickten sich zu und rannten wie auf Kommando los, hinein in die undurchdringliche Dunkelheit des Waldes. Nach wenigen Sekunden war nichts mehr von ihnen zu sehen.
    Das Mädchen spähte ratlos dorthin, wo die beiden gerade eben noch gestanden hatten. Sie zögerte und sah sich um, dann schlich sie vorsichtigen Schrittes zum Rand des Forstes. Da die Wipfel der Nadelbäume bisher kaum etwas durchgelassen hatten, lag auf dem Waldboden nur wenig Schnee, so dass nur vereinzelte Spuren zu erkennen waren. Selbst wenn sie sich getraut hätte, weiter in den Wald hineinzulaufen, wäre es Sveta unmöglich gewesen, die Fährte der Unbekannten aufzunehmen.
    Unschlüssig sah sie durch die Baumreihen. Da sie nichts erkennen konnte, gab sie ihre Suche schließlich auf und entschloss sich, zu ihrem Haus zurückzukehren. Es war ohnehin schon viel Zeit verstrichen, und die ersten Vögel, die nicht in den Süden gezogen waren, begannen mit ihrem morgendlichen Gesang. Um noch vor dem Aufstehen ihres Vaters mit dem Schneeschippen fertig zu werden, musste sie sich deshalb sputen. Da sie nichts mit dem Brotlaib anfangen konnte, legte sie ihn auf einem Baumstumpf ab und rannte schnellen Schrittes zurück nach Hause.


Kapitel II
 
DUNKELTANN, EIN VORORT VON RUDATGRAD,
DEUTSCHE OBLAST, RUSSISCH-EUROPA,
HAUS VON SERGEJ MAXIMOW
 
25. JANUAR 2193, NOCH VOR SONNENAUFGANG
 
Das Gesehene hatte sie nicht losgelassen. Nach den entnervenden ersten drei Wochen in Dunkeltann war endlich etwas geschehen, das sie aus ihrem traurigen Alltag herausgerissen hatte. Während sie ihrem Vater, ihrem Bruder und den beiden Söldnern das Essen zubereitet und anschließend stumm mit ihnen am Tisch gesessen hatte, während sie das Haus gefegt und den neu hinzugekommenen Schnee ein weiteres Mal entfernt hatte, war sie in Gedanken stets bei dem gewesen, was sie vor dem Morgengrauen beobachtet hatte. Immer wieder hatte sie sich gefragt, wer die beiden Gestalten wohl gewesen waren, was es mit ihnen auf sich hatte und wohin sie gerannt waren, nachdem sie sie bemerkt hatten.
    Als sie zum Brunnen gelaufen war, um Wasser zu holen, war Sveta noch einmal zu der Stelle zurückgekehrt, an der sie das Brot zurückgelassen hatte. Es war nicht mehr dagewesen, aber das musste nichts heißen. Vielleicht waren die beiden Unbekannten noch einmal zurückgekehrt und hatten es mitgenommen. Vielleicht war es aber auch einem der vielen Sammler in die Hände gefallen, die keine Arbeit besaßen und nur überlebten, indem sie sich an den Dingen bedienten, die sie auf den Straßen, in den Wäldern und auf den Feldern fanden. Da ein Großteil der Bevölkerung verarmt war, wäre ein solches Fundstück für viele ein regelrechtes Geschenk des Himmels gewesen. Sveta hatte nach weiteren Spuren der Unbekannten gesucht, aber nichts gefunden, weswegen sie unverrichteter Dinge weitergezogen war.
 
***
 
Nun, da die Dämmerung des nächsten Morgens kurz bevorstand, wartete Sveta vor ihrem Haus. Zwar war dieses Mal kein Schnee gefallen, aber sie wollte Ausschau halten, ob sich erneut etwas zutrug. Auf leisen Sohlen hatte sie sich aus dem Haus geschlichen, sehr darauf bedacht, dass ihr Vater nicht wieder aufwachte. Wie es ihr befohlen worden war, hatte sie die Scharniere des Hoftors geölt, eine Aufgabe, die sie ausnahmsweise gerne erledigte, da es ihrem morgendlichen Vorhaben in die Karten spielte. Sie öffnete das Tor, um gegebenenfalls schnell losrennen zu können, lehnte sich an die Einfassung und begann zu warten.
    Das Mädchen dachte bereits, dass nichts geschehen würde und sie wieder ins Haus zurückkehren könnte, als sie das Tapsen von Schritten vernahm. Sie waren dieses Mal langsamer, viel vorsichtiger als gestern. Sveta machte sich neben der Mauer ganz klein und lugte hervor. Sollte es wieder das Kind sein, wollte sie auf keinen Fall riskieren, es erneut zu verschrecken und zu verjagen.
    Die Schritte verhallten, die Nacht war nun wieder still wie zuvor. Sekunden verstrichen, und Sveta beschlich mehr und mehr der Eindruck, dass sie sich nur geirrt und etwas ganz anderes gehört hatte.
    Ehe sie sich aufrichtete, konzentrierte sie sich noch einmal genau auf die Gasse, aus der tags zuvor das Kind gelaufen war. An einer der Hütten, die an ihrem Rand standen, haftete ein merkwürdiger Schatten. Nach einigen Augenblicken bemerkte Sveta, dass sich der Schatten sachte bewegte. Nun erkannte sie, was sie vor sich hatte: Es war das Kind vom Vortag, nur war es dieses Mal nicht unbedacht auf den Platz gerannt, sondern hatte sich versteckt, um in Ruhe nachschauen zu können, ob die Luft rein war. Was bedeutete, dass es nach Sveta Ausschau hielt und sicherstellen wollte, dass sie nicht da war. Die Sechzehnjährige ärgerte sich. Es wäre schlauer gewesen, sich an einer anderen Stelle auf die Lauer zu legen, denn sie kannte ja den Weg, den das Kind einschlagen würde.
    »Ich will dir nichts tun!«, rief sie stimmlos zu dem Kind hinüber. »Hab keine Angst!«
    Der Schatten zog sich schlagartig hinter seiner Hütte zurück und war für sie nicht mehr zu sehen.
    Kurzerhand stand Sveta auf und hob die Hände nach oben, damit man sehen konnte, dass sie keine Waffe trug. »Ich bin allein. Bitte renn mir nicht wieder davon.«
    Das Mädchen harrte aus und lauschte den eigenen Atemzügen, die als einziges Geräusch zu vernehmen waren. Zehn Sekunden verstrichen, dann zwanzig … und dann schoss das Kind aus seinem Versteck hervor und flitzte quer über den Platz, wieder in Richtung der Gasse, in die es eine Nacht zuvor gelaufen war.
    Sveta seufzte, dann machte sie sich an die Verfolgung. Da sie größer war als das unbekannte Kind, holte sie rasch auf.
    »Lass mich in Ruhe!«, hörte sie. Es war die Stimme eines kleinen Jungen. »Ich will nichts mit dir zu tun haben!«
    Sveta ließ sich nicht beirren und hastete dem Knaben weiter hinterher. Nachdem beide einmal abgebogen waren, hatte sie aufgeschlossen und griff in seine Richtung, um ihn zu packen. Sie erwischte ihn nicht, aber der Junge geriet ins Straucheln. Er machte noch einige ungelenke Schritte, ehe er endgültig das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Um ihn herum kamen zwei Brotlaibe und zwei weitere Bündel, die in Tücher eingewickelt waren, zum Liegen. Auch rutschte ihm die Kapuze vom Kopf, wodurch der Blick auf rötliches gelocktes Haar und ein mit Sommersprossen übersätes blasses Gesicht freigegeben wurde.
    »Verzeih bitte, das wollte ich nicht.« Sveta hatte sich die Hände vor den Mund geschlagen und schaute erschrocken auf den Jungen. »Geht es dir gut? Bist du verletzt?«
    Der Junge sah mit eisigen Augen zu ihr herauf, dann schüttelte er den Kopf und kam wieder auf die Beine. Ohne ihre Frage einer Antwort zu würdigen, drehte er sich um und wollte eines der Brote aufheben, als er plötzlich aufstöhnte und sich an die Hüfte griff. Sofort war Sveta zur Stelle und bot ihm einen Arm an, um ihn zu stützen. Der Junge aber stieß den Arm weg und beugte sich mit sichtbaren Mühen zu seinem Brot. Beeindruckt nahm Sveta zur Kenntnis, dass die Mimik des Kindes nahezu ausdruckslos blieb, obwohl es höllische Schmerzen verspüren musste.
    Nachdem er all seine Sachen zusammengesucht hatte, ließ der Junge Sveta stehen und marschierte ab. Da er sein linkes Bein nur schwer bewegen konnte und im Gehen nachziehen musste, kam er kaum voran.
    »Das kann man sich ja nicht mit ansehen«, kommentierte das Mädchen kopfschüttelnd. »Nun lass mich dir doch helfen. Bitte.«
    In einer Geschwindigkeit, die man ihm angesichts seiner Verletzung nicht zugetraut hätte, fuhr der Junge herum.
    »Siehst du nicht, dass du bereits genug angerichtet hast? Lass mich zufrieden, verschwinde einfach!«
    Verdattert sah Sveta in die ausdruckslosen Züge des Jungen, die so gar nicht zu der Wut passen wollten, die mit seiner Stimme schwang. Auch passte die Ausdrucksstärke nicht zu ihm, denn viel älter als acht oder neun Jahre konnte er wirklich nicht sein.
    »Es ist wirklich besser, wenn du jetzt gehst«, dröhnte eine sonore, aber doch jugendliche Stimme von hinten, und Sveta spürte, wie ihr ein spitzer Gegenstand gegen den Rücken gedrückt wurde.
    Vorsichtig drehte sich das Mädchen um. Hinter ihr stand die zweite Person, die sie am Vortag gesehen hatte. Das vermutete sie zumindest, denn der junge Mann war wieder von Kopf bis Fuß verhüllt. Die Kapuze, die er über den Kopf trug, barg sein gesamtes Gesicht in Schatten.
    »Wer seid ihr?«, fragte Sveta, nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte.
    Der ältere der beiden Unbekannten schien sie aus dem Dunkel seiner Kapuze zu mustern, sagte aber nichts.
    »Na, was ist?« Sveta wurde forscher. »Hat es dir die Sprache verschlagen?«
    Anstelle des jungen Mannes war es wieder der Knabe, der das Wort ergriff.
    »Es geht dich nichts an, wer wir sind«, gab er zu verstehen und stierte ihr dabei mit seinem versteinerten Blick in die Augen. »Wir wissen, wer du bist, das ist alles, was zählt. Und mit Leuten wie dir wollen wir nichts zu tun haben.«
    »Mit Leuten wie mir?«, gab Sveta überrascht zurück. »Und woher wisst ihr, …«
    Der Junge schnitt ihr das Wort ab.
    »Wir wissen es eben. Und du solltest das einfach hinnehmen. Lass uns in Zukunft in Ruhe und hör auf, mir aufzulauern.« Einen Moment schien es, als wolle er sich abwenden, dann setzte er noch einmal nach. »Außerdem kann ich dir nur raten, deinem Scheusal von Vater kein Sterbenswort über diese Begegnung zu sagen. Andernfalls wird es Konsequenzen geben.«
    Entgeistert blickte Sveta zu dem Knaben, dann zu dessen Gefährten, der nach wie vor schwieg. Er hatte inzwischen die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf leicht gehoben, wodurch das Mondlicht in sein Antlitz fiel. Als er bemerkte, dass sich Sveta zu ihm drehte, senkte er rasch den Kopf. Für einen Lidschlag aber hatte sie in seine Augen blicken können, in denen sich der Schein des Mondes gespiegelt hatte. Helle Augen, wache Augen, die sie durchdringend angesehen hatten und die von einem Selbstbewusstsein zeugten, das der schweigsamen Zurückhaltung seines Auftrittes entgegenzustehen schien. Oder war sein Schweigen gar kein Ausdruck von Zurückhaltung? Hatte er die ganze Zeit versucht, aus ihrem Gesicht zu lesen?
    Ehe sie ihn direkt ansprechen konnte, deutete der Knabe ihm an, dass er seine Hilfe benötigte. Der Angesprochene nickte und streckte dem Jungen einen Arm hin, damit er sich aufstützen konnte. Dann wandten sich die beiden ab und liefen langsam zum Waldrand.
    Sveta blieb allein zurück und starrte den beiden Gestalten ratlos hinterher, die in diesem Moment im Dunkel zwischen den Bäumen verschwanden. Sie stemmte ihre Arme in die Seiten und versuchte zu überlegen, was sie von diesem Zusammentreffen halten sollte, konnte sich jedoch keinen Reim darauf bilden. Schließlich entschloss sie sich, es für diesen Morgen dabei bewenden zu lassen, und machte sich auf den Rückweg.
   
Daheim angekommen, schloss sie das Hoftor hinter sich mit höchster Behutsamkeit, um kein Geräusch zu verursachen. Die Nacht war noch nicht vorüber, es war noch immer finster, und auch das Haus selbst lag in völliger Dunkelheit.
    Als sie zur Klinke greifen wollte, um ins Haus eintreten zu können, schwang plötzlich die Tür in ihre Richtung auf. Dahinter kam Jan zum Vorschein. Wie er da vor ihr stand, wirkte er wie ein selbstgefälliges junges Abbild ihres Vaters. Obwohl er erst Mitte zwanzig war, hatte sich sein Haaransatz schon spürbar nach hinten bewegt, das schüttere dunkle Haar klebte ihm fettig am Kopf. Sein Gesicht war käseweiß und wirkte aufgeschwemmt, und im Glauben, sein Doppelkinn damit zu verbergen, hatte er sich einen fusseligen Bart stehen lassen, der die gewünschte Wirkung verfehlte und seine gesamte Erscheinung noch liederlicher wirken ließ. Jan trug bereits seine Uniform, er musste also schon länger wach sein.
    »Was … was machst du hier? Warum bist du schon aufgestanden?«, wollte Sveta wissen.
    Von oben herab blickte Jan seine Schwester an. »Ich denke nicht, dass ich hier derjenige bin, der eine Erklärung abzugeben hat.«
    Sveta verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Was willst du damit sagen? Dass ich schon zu solch einer Zeit auf den Beinen sein muss, ist die Schuld von dir und Vater. Ihr wart es doch, die mich zu einer unbezahlten Hausangestellten verdammt habt. Immerhin hätte es in der Nacht wieder schneien können, also musste ich früh aufstehen, um nachzusehen, ob es Arbeit für mich gibt.«
    Das Grinsen in Jans Gesicht wurde immer breiter und nahm bedrohliche Züge an. »Natürlich. Du hast nachgesehen, ob frischer Schnee liegt. Eine halbe Stunde lang.«
    Sveta, die sich gerade an ihrem Bruder vorbeischieben wollte, hielt inne. Jan musste schon wach gewesen sein und sie beobachtet haben, als sie das Haus verlassen hatte.
    »Da ich gesehen habe, dass es für mich nichts zu tun gab, habe ich mir die Beine vertreten. Tagsüber komme ich schließlich nicht dazu, womit wir wieder bei der Schuld von dir und Vater wären.«
    Während Jan sie skeptisch musterte, drückte Sveta ihn zur Seite und quetschte sich an ihm vorbei durch die Tür. Auf eine weitere Diskussion hatte sie keine Lust, zumal Unterhaltungen mit ihm ohnehin immer im Streit endeten. Womöglich würde dann auch noch ihr Vater aufwachen, der sich immer auf die Seite seines Lieblingskindes schlug, und dann würde der Tag gleich mit großem Ärger beginnen. Stattdessen beschloss das Mädchen, in die Küche zu gehen und das Frühstück vorzubereiten.
    »Eins noch«, rief Jan ihr hinterher. »Du solltest vorsichtig sein. Nachts ist es nicht nur in Berlin gefährlich, auch in einem Kaff wie diesem können sich in der Dunkelheit zwielichtige Gestalten herumtreiben. Nicht, dass du bei deinem Frühsport jemandem in die Hände gerätst.«
    Sveta verlangsamte ihren Schritt. Hatte Jan sie womöglich schon länger beobachtet und gesehen, dass sie dem Jungen hinterhergelaufen war? Auch wenn sie nicht wusste, wer der Unbekannte und sein großer Freund waren, hatten sie ihr doch eingeschärft, niemandem ein Wort über sie zu sagen. Sveta packte die Klinke der Küchentür, blieb aber noch einmal stehen und wandte sich Jan zu.
    »Vielen Dank für deine Besorgnis. Ich komme zurecht.«
    »Selbstverständlich«, gab ihr Bruder mit einem Funkeln in den Augen zurück, das alles bedeuten konnte.
    Das Mädchen atmete durch, ließ Jan stehen und verschwand in der Küche.


 


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