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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Sturmbeben (Flamme der Seelen 2), Melanie Völker
Melanie Völker

Sturmbeben (Flamme der Seelen 2)



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Dieser Morgen war kälter als die vorangegangenen. Zu kalt für diese Jahreszeit. Der Sommer war längst in die nördlichen Länder eingezogen, dennoch bibberte Andrûs unter den Schichten aus grober Wolle und Leder. Manches Mal glaubte er, diese Kälte rühre von etwas anderem her, das tief aus seinem Inneren heraufkroch. Er spürte die Eisnägel, die ihn durchstachen, wie gestern und am Tag davor und auch schon früher. Seit sie Mulwaq hinter sich gelassen und die Nordbrücke über den Blauen Arm passiert hatten, sangen die Winde frostige Lieder. Doch ihre Stimmen blieben für Andrûs oftmals unverständlich.


Nördlich der Brücke hatte Albwin sie von den zerklüfteten Flanken der Dol Yarrán fortgelenkt und nach fünf Tagesreisen ostwärts hatten sich die Wasser der beiden Quellflüsse vereint. Seitdem floss der Silberlauf friedlich zu ihrer Rechten. Weitere fünfzehn Tagesreisen nach Osten und sie kämen geradewegs zur Grünen Ehr, deren schimmernde Kronen zwischen den Ufern von Silberlauf und Frostquell gen Himmel wuchsen.


In der Laubburg Lys’Narval regierte Laubfürst Laad zusammen mit seiner Gemahlin Crinelle, Faerghas‘ Zwillingsschwester. Vom Atem Avaarus umtrieben, waren Crinelle und einige der Ellyllîm vor langer Zeit aus dem Alten Wald fortgezogen und dem Gesang Gandawyrs gefolgt. Anders als ihre Brüder und Schwestern in Shan’Doreel, die dem Samen Daeroniels entkeimten, traten sie rastloser und ungestümer auf. Ein Geist, der sich wie ihr Blut bald danach mit dem der Laubläufer vermischte, deren Antlitz mit den Jahrhunderten fast vollständig von der Erde getilgt worden war, und die so alt waren, dass ihnen gegenüber sogar die Ellyllîm als Kinder galten. Wie Faerghas erklärte, entsprachen sie mehr Geist als Körper, anfangs zumindest, was in ihrer eigenen Zeitrechnung mehrere Jahrhunderte umfasste.


»Ihren genauen Ursprung kennen heute nicht einmal wir, deren Blut sich mit ihrem vermischte«, gestand der Elfenprinz. »Einige sind der Ansicht, in den La‘an habe sich die Essenz Gandawyrs konzentriert und sie bezeichnen sie schlicht als Wesenheit.«


Elyjas verstand nicht recht, was er sich unter Wesenheiten vorzustellen hatte. Doch die welligen Hügel und nebelverhangenen Täler Uskûndors mit ihren Bachläufen und kleinen Wäldchen boten einen solch abwechslungsreichen Anblick, dass sie ihn rasch von seinen Grübeleien ablenkten. Das Gras fächerte bläulich und schloss sich hundert Schritte weiter zu gelbgrünem Flor, aus dem bunte Wildblumen blühten. Dann wieder umstreiften sie purpurne Lavendelfelder. Das trübe Tageslicht sponn ein Netz dunklerer Schatten darüber. Lichte Fichten- und Birkengruppen standen auf den Hügelkämmen, während sich in den Senken orangebraunes Gras und tiefgrüne Farne mischten. Eine milde Brise hauchte über sie hinweg.


»Wie lange dauert es, bis wir Askyr erreichen, Archanus?«, erkundigte sich Elyjas, um die Schatten, die sie im Tal von Aearn gefunden hatten, aus seinen Gedanken zu verbannen.


Der Erzmagier wandte ihm das Gesicht zu und einen Augenblick lang wirkte es, als habe er Elyjas‘ Frage nicht verstanden. Dann schaute er wieder nach vorne.


»Fünf Tagesreisen vor uns mündet der Frostquell, der bei Kaldun aus den Bergen herabströmt, in den Silberlauf«, informierte Albwin. »Wir folgen ihm drei Tage lang nach Norden und passieren die alte Steinbrücke. Von dort benötigen wir einige Wochen, um zum Sichelsee zu gelangen.«


Einige Wochen, dachte Elyjas zerknirscht. Bis dahin wäre der Sommer vorüber. Und dann lägen die Berge und die Eisige Einöde vor ihnen, wo sie nach dem letzten magischen Siegel suchen mussten, das die Seelenflamme schützte. Dem Schneediamanten.


Elyjas überlegte, wie schön es wäre, wenn sie Pferde hätten, um schneller voranzukommen. Doch bei der Erinnerung an ihren Ritt von Tánahar nach Tymeera zweifelte er, ob er den Rücken eines Pferdes einem langen Fußmarsch vorzog. Bisher hatte er das Reiten nie richtig gelernt.


Arik prahlte jeden Tag aufs Neue mit den Hallen seiner Ahnen. »Die Glitzernden Pforten von Azkar’dûn strahlten früher prächtig unterhalb der Sichelzipfel. Doch nun schweigen die Trommeln und kein Hämmern oder Schlagen ist mehr zu hören in ihren Hallen seit der letzte König-unter-der-Sichel starb.«


»Azkar’dûn liegt verschüttet«, seufzte Albwin. »Doch einige Tunnel sind passierbar und mögen unseren Weg nach Frosteera erleichtern. Zuerst aber müssen wir die Berge erreichen.«


Seit seinem Abstecher nach Mulwaq wirkte der Erzmagier noch grüblerischer als vorher. Immer wieder rieben seine Finger unruhig über seinen Hals oder zupften an seinem Bartzopf, während sie rasteten und er gedankenverloren dahockte. Nachts suchte er die Stille, was nicht ungewöhnlich war. Doch sobald sie aufbrachen, klangen seine Worte harsch und er hetzte sie ungeduldig und bis zur Erschöpfung vorwärts, als hingen die Rak’Zhâr unmittelbar an ihren Fersen. Elyjas blieb nicht der einzige, dem bald auffiel, dass E’aven und Albwin oft miteinander diskutierten und stets abseits der anderen. Einmal schnappte er Fetzen eines Gespräches auf. Den Namen des Mannes, der aus Mulwaq geflohen war – Ulfron. Und etwas wie: »Es blinzelt verschlafen ... noch unscharf.« Er konnte sich keinen Reim darauf machen.


Schließlich kamen sie an den Frostquell und folgten dessen Ufer nach Norden. Das letzte Tageslicht versank hinter den Gipfeln der Eisenberge, deren Röte in der Abendsonne kaum an Stärke zunahm. Wie eine Staubschicht breitete sich ein schmutziges Grau über den Nordteil der Dol Yarrán, deren Gipfel sie noch immer erspähen konnten. Die Schwärze aus Kunzûulh. An diesem Abend rasteten sie unter einer Lindengruppe, die tiefe Schatten in die davor abfallende Senke warf. Ein lauer Wind wehte. Wirre dünne Gräser wetteiferten am Ufer mit dem Himmelblau des Flusses.


Kurz danach überquerten sie die Steinbrücke, die Albwin erwähnt hatte. Sie bestand aus drei Granitplatten, von denen jede etwa dreizehn Fuß lang und sieben Fuß breit war, und die auf senkrecht stehenden Granitwänden ruhten. Darunter sprudelte das Wasser schnell und klar durch das steinige Flussbett, in dem winzige korallenrote Fische schwammen. Verglichen mit diesen waren die gefangenen Stichlinge vom Vorabend, die kaum Elyjas‘ Handfläche bedeckten, wahrhaft riesig gewesen.


Müde rieb Elyjas mit den Händen über sein Gesicht. Die Nacht hatte ihm einen tiefen Schlaf geschenkt, dennoch fühlte er sich schlapp. Seine Füße und Schultern schmerzten weniger als am Tag zuvor, aber zu stark, um sie zu ignorieren. Östlich des Flusses wirkte das Gras trocken wie Stroh und es fühlte sich spelziger an, wo seine Finger darüberstrichen. Wacholdersträucher wuchsen dunkelgrün aus diesem gelblichen Teppich. Sie wirkten seltsam auf Elyjas, kam jeder einzelne dieser Büsche, an dem sie vorbeiliefen, ihm wie ein weiterer Wächter vor, der ihn ermahnte, dass etwas Dunkles am Ende seiner Schritte lauerte.


»Ich hatte angenommen, Uskûndor sei heller«, meinte er matt. »Wir sind so viele Meilen nördlich der Ödnis. Aber alles wirkt so ... belastet.« Ein passenderes Wort fiel ihm nicht ein und er dachte erneut an die grausige Wahrheit, die sie im Tal von Aearn erfahren hatten.


Damals in Draegeyja hatte Andrûs gemeint, in Uskûndor sei es trauriger. Doch hatte er selbst bis zu jenem Tag nur die südlichen Steppen, die dicht an der Ödnis verliefen, gekannt.


»Es liegt am trüben Himmel. Grau wie wir«, scherzte Arik. »Die Wolken ehren uns, denn sie haben das Skaltr Thrôn Ghorzad’dûms lang nicht mehr zu Gesicht bekommen.« Er lachte zuversichtlich.


Elyjas war nicht nach Witzeln zumute, mochte er die fröhliche Art der beiden Steinlinge an sich gut leiden, denn sie lenkte seine eigenen schwermütigen Gedanken zwischenzeitlich in leichtere Gefilde. Manchmal aber empfand er sie als unpassend. Dann schien es, als prallten gewisse Dinge tatsächlich an den Ghorrocs ab wie an einer Mauer. Aegnon blieb häufig in der Nähe der Zwillinge, mit denen er sich seit ihrem Besuch in Ghorzad’dûm angefreundet hatte. Dies wiederum wunderte Elyjas nicht, galt Aegnon doch als Storonkâr. Als einer, der die Erde fasste. Die meiste Zeit verbrachte Aegnon dicht an Ariks Seite und mit ihm auch Nilremh.


Elyjas war ein Sohn Diurylsars. Dennoch konnte er das Wasser nicht fassen, haderte er, nicht einmal in diesem Reich, das man »Land des Wassers« nannte. Der Schneediamant, der in der Eisigen Einöde verborgen lag, barg tiefe Wassermagie. So sehr Elyjas auch hoffte, das würde ihre Suche erleichtern, ängstigte ihn der Gedanke, als Sohn des Wassers ausgerechnet bei dieser Aufgabe zu versagen.


Im nächsten Moment warnte der Elfenprinz seine Begleiter: »Schattenspäher, neunzig Spannen vor uns.«


Albwin schritt ungerührt vorwärts. Doch sein Blick war wachsam auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. »Ich sehe sie.«


Fast zeitgleich spannten Faerghas und E’aven einen Pfeil auf und nur den Bruchteil eines Augenzwinkerns später stieb rund ein Dutzend schwarzer Saatkrähen aus dem Wipfel zweier einsamer Eschen. Blitzschnell surrten die Pfeile durch die Luft und weitere folgten, kaum dass die ersten der Sehne entflohen waren. Ein schrilles Krächzen durchdrang die Stille.


Yorik spuckte aus. »Baskra! Sollen die Viecher nur herkommen, dann stutze ich ihr Gefieder mit meiner Axt.«


Auch Farnaell und Nilremh waren drauf und dran, den Vögeln am Boden nachzujagen. Doch die Krähen flogen zu fern und zu hoch. E’avens letzter Pfeil verfehlte ihr Ziel und noch während sie einen neuen Pfeil aufspannte, entkamen die beiden letzten Krähen hinter eine bewaldete Hügelkuppe, wo die Gefährten sie nicht mehr ausfindig machen konnten.


Albwin drückte den Stab der Wächter ins Gras und stützte sich auf. Sein Blick haftete auf der Hügelkuppe, doch sein Geist schien weit darüber hinweg zu sehen. Ein schwaches blaues Leuchten über seinem Armreif signalisierte Elyjas, dass jemand in der Nähe Magie ausübte.


»Sie werden geradewegs zu ihrem Herrn fliegen. Wir sollten schneller werden, Seelenhüter«, mahnte Faerghas.


Unruhig linste Elyjas umher. Er nahm wahr, wie E’aven ihren Bogen sinken ließ, dann sah er zu Andrûs, der einige Schritte hinter Albwin stand und mit zusammengekniffenen Augen in die gleiche Richtung wie dieser stierte.


Dann fuhr der Erzmagier wirsch zu den anderen herum. »Nehmt eure Beine in die Hand. Los!«


 


Während der darauffolgenden Tage erstreckten sich grüne Wiesen, Torfmoore und karge Granitbuckel vor ihnen. Im Norden wuchsen die bleichblauen Schatten der Frostberge mit jedem Tag höher und eines Abends hingen purpurne Wolken über den zackigen Gipfeln. Elyjas und die anderen löffelten hungrig von dem Eintopf aus gelblichen Sprossen, Hexenröhren, die beim Sammeln schmierig an den Fingern klebten, und pflaumenfarbenen, wabbeligen Ohrenpilzen. Farblich wirkte diese Kost, die Grrruuuargh und Yorik zubereitet hatten, wie ein schleimiger grauer Matschklumpen. Solange man aber die Augen schloss, schmeckte das Ganze überraschend gut.


Die Sichelzipfel, die im östlichen Drittel der Frostberge das Nordufer des Sichelsees umsäumten, ragten angeblich noch höher als die Berge, die sie jetzt sahen. Aber schon diese hier erschienen Elyjas recht hoch. Dennoch galten die Berge bei Kaldun weniger unwegsam, sogar in heutigen Tagen, obwohl höchstens zweimal im Jahr Händler aus Fhaerûn den Kylriss-Pass passierten.


Sechshundert Stufen waren vor ewigen Zeiten nördlich von Kaldun in den Berg gehauen worden; grob und ungleich führten sie hinauf zum Pass. Schnee lastete ganzjährig auf ihnen, wodurch der Aufstieg gefährlich werden konnte und der Abstieg hernach noch schwieriger. Trotzdem wagte es manch einer, um in den frostigen Senken Schneekatzen oder Hasen zu jagen. Kaldun, früher die drittgrößte Stadt Uskûndors, war beim Vorrücken der Rak’Zhâr nach Westen hart geschliffen worden. Eis und Felstrümmer waren lawinenartig abgesackt und hatten den Nordteil der Stadt unter sich verschüttet.


»Können wir nicht Pferde in Kaldun erwerben?«, kam Aegnon auf die gleiche Idee wie zuvor Elyjas.


Albwin sprach dagegen. »Ehe wir die Stadt erreichten, hätten wir ebenso die halbe Strecke zum Sichelsee hinter uns gebracht. Und die Pferde Kalduns werden gebraucht, wo sie sind.«


Elyjas süßte den herben Krauttrunk, den Grrruuuargh gekocht hatte, mit Maidegras, dessen Blüten sie unterwegs gepflückt hatten, und ließ die Wärme durch seinen Rachen strömen. Seit den Krähen vier Tage zuvor hatten sie keine weiteren Schattenspäher entdeckt. Dennoch war das mulmige Ziehen in Elyjas‘ Eingeweiden stärker geworden.


Andrûs lehnte mit dem Rücken am Stamm einer Korkeiche. Der Kiefernstab lag neben ihm, seine linke Hand fingerte in der Manteltasche herum. Noch immer konnte Andrûs den seltsamen Impuls, der ihn zum Kauf des bunten Schmucksteins bewogen hatte, nicht deuten. Was er empfand, wenn seine Finger die Kühle des Steins berührten, blieb undurchschaubar wie eine tosende Sturmfront. In der Abenddämmerung beobachtete er E’avens dunklen Schemen im Schatten einer Eiche, wo sie die erste Wache der Nacht hielt. Seit Wochen kribbelte es nervös in seinen Eingeweiden. Wenn dein Herz spricht, musst du ihm folgen, hörte er zum wiederholten Mal eine Stimme in seinem Kopf, die ihm fremd und zugleich merkwürdig vertraut vorkam. Er schloss die Augen und reckte sein Gesicht dem lauen Wind entgegen; einer sommerlichen Abendbrise, in die sich ein leicht säuerlicher Geruch mischte. Vor nicht langer Zeit hätte Andrûs mit Elyjas über das geredet, was in ihm vorging. Sie hätten ihre Gedanken miteinander geteilt und einander Mut zugesprochen. Doch Elyjas hatte eine Aufgabe zu erfüllen und folgte einem Weg, von dem Andrûs seit Wochen glaubte, sich zu entfernen. Kälte fröstelte ihn.


Am darauffolgenden Tag begegnete ihnen ein Fremder, den sie beinahe übersehen hatten, hätte Faerghas seine Begleiter nicht auf ihn aufmerksam gemacht. Seine Hose bestand aus braunen Blättern und darüber trug er ein durchschimmerndes Gewand in den Farben von Farn, Gras und Zweigen. Die Haut an Gesicht und Händen, die zart doch weniger anmutig als die der Ellyllîm wirkten, war in lichten Braun- und Grüntönen gefleckt und erinnerte an frühes Sonnenlicht, das durch eine Blätterkrone brach. Schilfgrünes Wurzelhaar wallte lockig um seine Wangen.


»Sha’anaem, ar La‘an«, grüßte Faerghas und legte dabei seine linke Hand flach an die Brust.


Der Fremde erwiderte und seine Stimme raschelte wie Herbstlaub im Wind. »Mein Name lautet Naal«, wechselte er ins Tengiar, »seid auch ihr gegrüßt.«


Er war schlank aber weniger hochgewachsen als der Elfenprinz. Tatsächlich ragte er knapp an Elyjas‘ Körpergröße heran.


»Was trieb Euch nach Norden, Wehender?«, fragte E’aven.


»Der Atem Gandawyrs singt seinen Kindern allezeit, Al’Qauun.« Er breitete die Arme in die Luft. »Ich höre sein Rauschen, sein Knistern und Brüllen und treibe in seinem Sog, wie die Wehenden es seit Anbeginn getan haben. Er hat mir von Euch verkündet, Gesandte. Auch Ihr folgt Eurem Lied.«


Andrûs verengte die Augen und fixierte Naal, sein Unterkiefer spannte. Es ärgerte ihn, dass der andere, im Gegensatz zu ihm, E’aven sofort als Hohepriesterin der Qa’nai erkannt hatte. Noch mehr jedoch missfiel ihm E’avens interessierter Blick.


Albwin betrachtete Naal aus trüben Augen, um die herum sich die Fältchen innerhalb der letzten Tage verdoppelt hatten. »Also habt Ihr kein festes Ziel«, vermutete er, der nicht zum ersten Mal einem der Laubläufer gegenüberstand.


»Meine Pfade sind flüchtig wie eine Blüte im Strom. Doch blies mich der Atem in die Wärme Eurer Schneise und noch weiter nach Norden und Osten weht mich sein Flüstern.«


Albwins Blick schien einen Moment lang zu verschwimmen, als schweiften seine Gedanken in weite Ferne. »Innerhalb des Großen Liedes singen die Stimmen Avaarus ihre eigenen Melodien, die uns vorübergehend zu klangvollen Harmonien zusammenfügen. Flink spielen die Töne der Wehenden und lange erhielt ich keine Sicht ins Herz von Lys‘Narval. So lasst uns eine Weile gemeinsam klingen.«


E’aven und Faerghas bestärkten Albwins Worte mit einem knappen Nicken. Einzig Andrûs starrte den Erzmagier finster an.


Danach reiste der Laubläufer mit ihnen nach Nordosten. Viele Stunden lang schritt er an E’avens Seite, was Andrûs angespannt beobachtete. Und dies wiederum rief auf Aegnons Gesicht ein spöttisches Grinsen hervor.


»Der schwarze Geifer faucht über das Land und der wahre Atem röchelt«, sagte Naal verzagt.


»Ich höre kein Röcheln außer dem meines Bruders, der seinen schweren Wanst nicht mehr tragen kann«, kicherte Arik. Doch die anderen lächelten nicht und Naal fuhr unbeirrt fort.


»Euer Hauchender hört sein Brüllen ebenfalls«, behauptete er ohne jeden Zweifel.


Andrûs spürte, wie die Köpfe der anderen zu ihm schwenkten, und seine Augen begegneten flüchtig denen des Erzmagiers, bevor dieser sich wieder Naal zuwandte. Hitze sammelte sich in Andrûs‘ Brust.


Am nächsten Abend hockte E’aven sich zu Elyjas, um den Sohn des Wassers Fian Diurlyn, das Abtauchen in die Tiefen der Quelle, zu lehren.


»Wieso nennt Naal Andrûs Hauchender?«, fragte Elyjas, als ihm die Bezeichnung wieder einfiel.


»Dein Freund lauscht dem lauten Eifer Gandawyrs. Doch die Wehenden vermögen auch das sanfte Wispern zu verstehen.«


Elyjas spähte hinüber zu Andrûs, der einige Schritte entfernt still an der Seite des Laubläufers saß. Naal würde ihm sicher helfen, leichteren Zugang zu Fhae Ganlyn zu finden, so wie die Steinlinge Aegnon im Spüren von Faes Daeryn unterstützten. Tatsächlich glaubte Elyjas, Andrûs besäße von ihnen allen längst den stärksten Zugang zu den Elementaren. Doch eben dadurch wirkte Andrûs auf ihn immer schwermütiger.


 


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