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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Stolen Mortality, Jennifer Benkau
Jennifer Benkau

Stolen Mortality



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Intro


Flüsterworte in einem Wald, irgendwo in den Highlands. Kein Mensch könnte etwas sehen. Es ist Nacht, der Himmel wolkenverhangen. Die Brüder hüllen sich in Dunkelheit, werden beinah unsichtbar. "Red nicht länger drum herum, Jamian. Was sind wir?" Eine Pause dehnt sich aus. In der Ferne schreit ein Kauz, ein Totenvogel. "Glaub, was immer du willst", antwortet der Ältere schließlich leise. "Manche nennen uns Engel. Andere Dämonen. Beides ist richtig, das kommt auf den Standpunkt an. Wir sind vom Volk der Kienshi. Du und ich, wir sind Wächter." "Wächter? Wächter über was?" "Über die Finsteren. Die Bluttrinker. Vampire. Wir sorgen dafür, dass sie sich im Zaum halten und ihren Durst kontrollieren." "Warum wir, Jamian?" "Weil es unser Erbe ist, das Erbe unseres Vaters und dessen Vater. Über Jahrhunderte. Die Aufgabe, diesen Ort vor ihrer Gier zu schützen, ist die Meine." Sein Seufzen klingt erschöpft. "Und ab heute auch die Deine." "Dann sind wir die Guten", sagt der Jüngere. Er ist im gleichen Moment allein. Sein Blick huscht zwischen den Bäumen umher wie ein Tier auf der Flucht. Sein Bruder ist verschwunden. "Das sind wir doch. Ja?" Ein bitteres Lachen bleibt zurück und lässt dem Jungen einen Schauder über den Rücken laufen. Wir sind nicht die Guten, Junias, nur, weil wir kein Blut trinken. Wir sind einfach etwas anderes Böses.


 


Kraft zum Leben


 


Schottlands Schafe haben die Angewohnheit, mit stoischer Gelassenheit mitten auf der Straße zu stehen. Selten, dass Jamian Bryonts sich daran störte. Er verließ sich auf seine Reflexe, den abschätzbaren Bremsweg des Minis, sowie den Überlebenstrieb der Tiere und trat aufs Gas. Einerseits, weil er oft zu spät losfuhr, Unpünktlichkeit wiederum verabscheute, was er durch seinen Fahrstil kompensieren musste. Andererseits, weil er gern schnell fuhr. Auch an diesem Sommerabend ließ er die erlaubte Höchstgeschwindigkeit weit hinter sich. Ein Song von Snow Patrol aus dem Autoradio übertönte das Klappern des Handschuhfachs. Jamian trommelte im Rhythmus der Drums auf dem Lenkrad und unterbrach dies nur, um sich Weingummis in den Mund zu schieben. Der Wind, der durch das geöffnete Fahrerfenster in den Mini blies, zerzauste ihm die Haare. Im Westen zeugte nur noch ein rötlicher Saum über den Hügeln davon, dass den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte. Die letzten Reste einer heilen Welt, die zum Untergang verdammt war. Jeden Abend aufs Neue. Jamian befand seine romantische Ader für gut durchblutet, aber Sonnenuntergänge entlockten ihm selten mehr als ein finsteres Grinsen. Eine weitere Nacht brach herein. Eine Nacht, die Arbeit für ihn bedeutete. Was oft genug Ärger mit sich zog. Erneut griff er auf den Beifahrersitz, doch unter seinen Fingern knisterte nur noch die leere Tüte. Einen Fluch grummelnd fragte er sich, wie man auf einer Fahrt von fünfzehn Minuten eine ganze Packung englischen Weingummi - Preis: immerhin drei Pfund - leer machen konnte. Tante Holly hatte ihm als Kind immer erzählt, zu viel von diesem Sassenach-Zeug würde den Magen verkleben und für ein tagelanges Problem auf dem stillen Örtchen sorgen. Denkste. In nostalgischen Gedanken und Appetit nach weiteren Süßigkeiten versunken, parkte er seinen Wagen vor dem Backsteinhaus, in dem er mit seinem jüngeren Bruder lebte. Er tätschelte die Motorhaube und ging hinein. Kein Laut drang aus dem oberen Stockwerk. Junias war vermutlich noch unterwegs. In seinem Zimmer im Obergeschoss ließ Jamian sich am Schreibtisch nieder und sah aus dem Fenster in die windverwaschenen Farben der Dämmerung. Andere seines Alters gingen jetzt ins Kino, oder rauchten einen Joint, fuhren nach Inverness in einen Club und rissen ein paar Miezen auf. Er spielte den Vampirjäger. Ohne jede Vorwarnung wurde die Tür aufgestoßen, knallte gegen die Wand und ein großer Gegenstand flog auf Jamian zu. Reflexartig hob er die Arme, um seinen Kopf zu schützen. Er bekam den Drehstuhl zu fassen, den sein Bruder mit unwirklicher Kraft nach ihm geworfen hatte, dennoch traf eine der scharfkantigen Metallrollen seine Schläfe. Blut sickerte ihm über die Braue ins Auge. Der Schmerz setzte etwas zeitverzögert ein. Für einen Moment konnte Jamian an nichts anderes denken, als Junias den verdammten Stuhl über den Schädel zu ziehen. Genau so, wie er es verdient hätte! "Mann, was ist in dich gefahren?", brüllte er ihn an. "Bist du irregeworden?" Junias verharrte bewegungslos in der Tür. Sein Gesicht war tränennass. In der linken Faust zitterte ein zerdrücktes Blatt Papier, altmodisch mit schwarzer Tinte von einem breiten Federkiel beschrieben. Jamian wusste, was in dem Brief stand. Resignierend ließ er den Stuhl auf den Boden fallen. Es war das Urteil. Sein eigenes Urteil. Es kam nicht überraschend, keineswegs. Aber viel früher als erwartet. Er brauchte es nicht zu lesen, er wollte es gar nicht lesen. Sein Leben würde aufgrund dieses Stück Papiers von nun an ein anderes sein. Er sollte wohl nicht mal mehr zwei Tage älter werden. "Du … du Mistkerl!", stieß Junias hervor. "Wie kannst du mir das antun?" Mit dem Ärmel wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Jamian erwiderte nichts und schluckte den Zorn hinunter, wie er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte. Er konnte sich vorstellen, wie schmerzhaft die Schuldgefühle an seinem Bruder fraßen, denn in der Hand hielt Junias das Urteil, das Jamian die Sterblichkeit nehmen sollte. Für ein Vergehen, das er nicht begangen hatte. Einen Fehler, durch den ein Menschenleben ausgelöscht worden war. Totschlag nannten sie es, aber das traf es nicht. "Du hättest das nicht auf dich nehmen dürfen, Jamian! Es war meine Strafe - meine Schuld! Auf dem verfluchten Wisch hier sollte mein Name stehen, nicht deiner. Du verdammter Lügner!" "June, komm schon, reg dich ab." Jamian zwang sich zur Ruhe. Lieber hätte er getobt, aber das würde weder ihm noch Junias nützen. Sacht legte er seinem Bruder eine Hand auf die Schulter, so vorsichtig, als tickte in dem Jungen eine Bombe. Die Geste sollte ihn selbst ebenso beruhigen wie Junias, dessen Wut langsam der Verzweiflung zu weichen schien. "Es war nicht deine Schuld. Sie hätten dir diese Kräfte noch nicht geben dürfen. Du bist zu jung. Es war absehbar, dass etwas passieren würde. Ich hätte dich nicht überfordern dürfen." Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Junias in den Arm zu nehmen. Doch er kannte seinen Bruder zu gut und wusste, dass er das nicht zugelassen hätte. Seit dem Unfall schrak er vor jeder körperlichen Annäherung zurück und hüllte sich in einen Kokon aus sicherem, leerem Raum. "Jeder hat Schuld, Junias. Aber du am wenigsten." "Das gibt dir nicht das Recht, die Strafe auf dich zu nehmen!" Junias wollte weitersprechen, bekam aber nur noch ein Schluchzen zustande. Jamian wandte sich ab, um ihm etwas Platz zu lassen. Durch die verspiegelte Tür seines Kleiderschranks beobachtete er, wie der dünne Blutstrom, der ihm an Wange und Hals hinunterlief, in seinem Ramones-T-Shirt versickerte. Er konnte Junias verstehen, er würde ebenso denken. Doch er hatte den richtigen Entschluss gefasst. "Da ich volljährig und dein Vormund bin, in dieser sowie in der anderen Welt, habe ich nicht nur das Recht dazu, sondern die Pflicht. Ich kann schlecht zulassen, dass …" Er schluckte gegen die Übelkeit an, die diese Förmlichkeiten ihm verursachten. Er redete wie die Speichellecker im Senat, verdammt noch eins! "Mal im Ernst, du kannst nicht für immer sechzehn bleiben. Denk mal nach, was das bedeuten würde. Ein Leben ohne Bier!" Ein weiteres Zittern durchfuhr Junias, auf den flachen Scherz ging er nicht ein. "Du lügst doch schon wieder, oder? Das wäre nicht mein Urteil gewesen. Sie hätten mir nicht die Sterblichkeit genommen und mir diesen Fluch aufgedrückt." "Nein", antwortete Jamian leise. "Nicht in diesem Sinne." "Oh, ich hasse sie so!" Junias warf sich herum und versetzte dem Türrahmen einen Tritt, der das Holz unter seinen Nikes splittern ließ. "Für den Wandel bin ich ihnen alt genug. Aber zu meinem eigenen Prozess darf ich nicht kommen, weil ich zu jung bin. Das ist nicht fair!" Er stützte seine Unterarme an die Wand, drückte das Gesicht hinein und blieb, bis auf das leichte Zittern seiner Schultern, bewegungslos stehen. "Was wäre mein Urteil gewesen?", flüsterte er nach einer Weile in den Stoff seines Sweatshirts. Jamian hätte gern geschwiegen, doch Junias würde auf die Antwort aus seinem Mund bestehen, obwohl er sie kannte. "Was willst du hören? Sie hätten dich umgebracht, was denkst du denn?" Junias nickte und legte den Kopf seitlich gegen den Arm. "Dein Leben für meins. Sehe ich das richtig?" "Tust du. Nur dass ich", Jamian strich sich mit beiden Händen das Haar zurück und zwang sich zum Lächeln, "nicht sterben werde. Nicht so bald." "Dann wirst du also für immer neunzehn bleiben. Toll. Glückwunsch. Zumindest darfst du dich besaufen." "Du weißt, was du mich mal kannst." Mit dem Handrücken wischte Jamian sich das Blut aus dem Auge. Als er den Arm sinken ließ, starrte ihm sein eigenes Gesicht völlig besudelt aus dem Spiegel entgegen. Eine schaurige Kriegsbemalung, jetzt brauchte er nur noch blaue Farbe und einen Kilt. Jamian Bryonts auf seinem blutigen Freiheitskampf gegen den Senat seines Volkes. Tolle Vorstellung! Du hast doch einen Plan, oder?, fragte Junias still. Er wagte vermutlich nicht, die Worte laut auszusprechen, doch das war auch nicht nötig. Seitdem auch er vor drei Monaten ein Kienshi geworden war, brauchten sie ihre Stimmen nicht mehr, um miteinander zu reden. Ich lass mir was einfallen. "Und was?" "Keine Ahnung. Frag nicht, oder hab ich Löcher in den Händen?" Jamian schüttelte den Kopf und biss sich heftig auf die Unterlippe, um den schwelenden Zorn zu bändigen. "Vielleicht können wir beweisen, dass es eine Falle von Sinead war. Sie hätten dir diese Kraft einfach noch nicht geben dürfen. Nicht umsonst ist es nach ihren Drecksgesetzen frühestens mit achtzehn erlaubt. Dass Sinead so versessen darauf bestand, ich würde Hilfe brauchen und nur darum für dich eine Ausnahme gemacht wurde, kann nur eine Falle gewesen sein. Könnte mir vorstellen, dass sie sogar gezielt darauf spekuliert hat, es würde etwas schiefgehen. Vielleicht auch der ganze verfluchte Senat. Die wollten, das etwas passiert, was mich dazu bringt, ihnen jeden erdenklichen Mist zu unterschreiben - nur aus unterschiedlichen Gründen. Unsterblich haben sie länger was von mir, richtig? Die haben dich bloß benutzt, damit ich nach ihrer Pfeife tanze." "Sie konnten nicht wissen, dass du ein Idiot bist, der die Strafe seines kleinen Bruders auf sich nimmt." Ach, June. Natürlich wussten sie es. Es gab niemanden, dem nicht bewusst war, dass Jamian für Junias' Wohl jedem Teufel die Eier geleckt hätte, wenn es nötig gewesen wäre. Zu gern hätte Jamian seine Wut an jemandem ausgelassen. An irgendjemandem, nur nicht an seinem Bruder. Er sehnte sich verzweifelt nach seinem Schlagzeug, das selbst die schäbigsten seiner Emotionen immer in etwas Großartiges verwandelt hatte - in Musik -, aber selbst dieses Ventil hatten sie ihm genommen. Sinead konnte von Glück reden, dass sie weit weg war. Er würde ihr den hübschen Hals auf ganz andere Weise verdrehen, als sie es von ihm gewohnt war. "Und wenn es so ist - wie wollen wir das beweisen?", fragte Junias. Im nächsten Moment vergrub er den Kopf wieder im Ärmel seines Sweatshirts. "Tschuldigung. Du wärst nicht so wütend, wenn du es wüsstest." "Nee, keine Ahnung." Jamian zwang sich eine Maske aus Gleichgültigkeit auf. Ein erbärmlicher Versuch. Er wusste, dass er seinem Bruder nichts mehr vormachen konnte. "Aber sicher nicht, indem wir hier heulen, während draußen die Blutsauger ohne uns Partys feiern. Also komm, lass uns gehen." "Heute? Musst du nicht zum Senat? Die rasten aus, wenn du dich nicht fügst." Sollten sie doch. "Die werden schon kommen, wenn sie was von mir wollen. Ich kann dich kaum ein paar Tage hier allein lassen. Jetzt ganz sicher nicht mehr." Jamian war klar, dass den Senatoren diese Einstellung nicht gefallen würde, aber sein Nichterscheinen würde auch niemanden ernsthaft verwundern. Für seine Respektlosigkeit war er inzwischen bekannt. Sie erwarteten vermutlich neue Dummheiten. Er würde sie nicht enttäuschen. Wenig später fuhren Jamian und Junias über die nächtlichen Straßen Richtung Glen Mertha. Alles schien wie immer. Eine friedliche Sommernacht. Es war diese Art von Ruhe, die alle Wahrheiten verschweigt und ein vollkommen verlogenes Bild nach außen kehrt. Wie ein Blick in einen Zerrspiegel. Diese Art von Ruhe, die Jamian frösteln ließ, obwohl Wut unter seinen Rippen glühte. Das Kaff wirkte ausgestorben. Jeder müsste annehmen, dass sich in diesem Städtchen, eingebettet in ein Tal, umringt von Wäldern, Fuchs und Hase Gute Nacht wünschten. Hier, inmitten des schottischen Postkartenklischees, konnte doch sicherlich nichts Schlimmeres geschehen, als dass hin und wieder einem kichernden Mädchen die Unschuld geraubt wurde. Selbst die Einwohner glaubten daran, und die Touristen waren begeistert von der natürlichen, altmodischen Romantik und der friedlichen Ruhe dieser Gegend. Sie waren alle ahnungslos. Auf der ganzen Welt gab es sie, die Finsteren. Aber Glen Mertha schien ein wahres Blutsaugernest zu sein, auch wenn niemand wusste, was diesen Ort für Vampire so interessant machte. Nach Michael Bryonts Tod hatte Jamian, als dessen ältester Sohn, sein Erbe als Kienshi angetreten, ungeachtet dessen, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht einmal achtzehn Jahre alt gewesen war. Gerade er! Seit sein Vater ihn hatte wissen lassen, dass die Finsteren existierten und wo seine Bestimmung lag, hatte Jamian sich mit aller hilflosen Kraft an den Regeln gerieben, die Michael am liebsten nie für ihn aufgestellt hätte. Mit wachsender Besorgnis hatten beide zugesehen, dass Jamian bei seinen Versuchen, irgendwo anzuecken, mehr Zerstörung verursachte, als er sich blaue Flecken zuzog. Nun, da sein Vater mit all seiner sanften und unfreiwilligen Autorität unter der Erde lag, war es Jamian, der gezwungen war, die Gesetze zu verteidigen. Das war im Grunde fair, aber überforderte ihn darum nicht minder. Er hatte dafür zu sorgen, dass die Vampire nicht über die Stränge schlugen und den Menschen in und um Glen Mertha nicht mehr schadeten als unbedingt nötig. Vor allem hatte er zu verhindern, dass jemand getötet wurde. Jamian gab sich die größte Mühe und wusste, dass er seine Sache bisher gut gemacht hatte, wenngleich die anderen Wächter fast alle verächtlich die Nase über ihn und seine Methoden rümpften. Den Traditionen seines Volkes zum Trotz pflegte er einen kühlen und sachlichen Kontakt zu einigen Blutsaugern, was ihm schon einige Kämpfe erspart hatte. Feige, nannten andere Kienshi ihn deshalb, aber das kümmerte ihn nicht. Er hatte Gründe, die gewichtiger waren als sein Ruf unter Leuten, die ihm weniger bedeuteten als die Spinnen in seinen Zimmerecken. Heute war es wieder an der Zeit für ein kleines "Interview mit einem Vampir", wie Jamian die Gespräche mit Vertretern der Blutsauger nannte. Davon wussten diese natürlich nichts. Sie waren nicht gerade für ihren Humor bekannt und beleidigen durfte man sie schon gar nicht. Vermutlich war dies der Grund, dass die Kienshi den Kontakt zu den Finsteren normalerweise strikt ablehnten und sich lieber auf ihre körperliche Kraft im Kampf verließen. Die Kienshi waren ein temperamentvolles Volk. Ruhige Verhandlungen mit Feinden fielen ihnen schwer. Das ging auch Jamian nicht anders, doch er hatte sich im Griff. Er musste sich zusammenreißen; der Grund hieß Junias. Er war noch kein guter Kämpfer, auch wenn er stark war. Doch er war zu aufbrausend, kopflos und überschätzte sich maßlos. Er war einfach noch zu jung. Jeder ernsthafte Kampf bedeutete eine tödliche Gefahr für ihn, daher galt es, Auseinandersetzungen zu vermeiden, soweit es möglich war. Und wenn der Preis dafür war, den Blutsaugern Honig um die Mäuler zu schmieren, dann tat Jamian das. Mit knirschenden Zähnen - zugegeben -, aber er tat es. Er lenkte den Wagen an der aus unregelmäßigen Wackersteinen gemauerten Kirche vorbei und steuerte den zwischen Bäumen und Sträuchern versteckt liegenden Parkplatz dahinter an, den der Pfarrer jede Nacht für ihn frei hielt. Bei dem Gedanken an den kantigen Pastor MacBennet überkam ihn wie immer Schwermut. MacBennet war ein Freund der Familie, der beste Freund seines Vaters. Okay, Freunde belog man nicht, aber für diesen machten die Bryonts eine Ausnahme. Zwar wusste MacBennet, dass sie keine gewöhnlichen Männer waren - er kannte und unterstützte ihre Aufgabe, die Vampire im Zaum zu halten -, doch von der Kehrseite der Medaille, dem Opfer, das die Menschen für den Schutz der Kienshi geben mussten, ahnte er nichts. Das war auch besser so, sonst hätte er vermutlich sogleich einen Exorzisten aus dem Vatikan herbeordert. Seufzend tastete Jamian seine Schläfe ab. Die Wunde war noch offen, ein deutliches Zeichen, dass er sich in dieser Nacht besser nicht zurückhalten sollte. Wenn der Senat seine Handlanger schickte, würde er Kraft benötigen. Kraft, die er nicht mehr hatte. Er riskierte einen kurzen Seitenblick auf Junias, der mit gesenktem Kopf auf dem Beifahrersitz hockte und die Hände in den wuscheligen, braunen Haaren vergraben hatte. Junias sah auf. Das Grün in seinen Augen war matt und dunkel geworden, die tiefen Ringe darunter und die blasse Haut waren Jamian zu Hause schon aufgefallen. Dabei hatte Junias gestern erst ein Opfer gehabt. Trotzdem schien er bereits wieder völlig kraftlos. Gar nicht gut. In dem Zustand könnte jedes harmlose Scharmützel problematisch werden. Die Vampire mochten einfältig sein, aber sie bemerkten sofort, wenn die Wächter nicht bei ganzer Stärke waren. Dies würde einer Einladung zum Ärgermachen gleichkommen. Es gab also keine Möglichkeit, den Raub aufzuschieben, nicht nur der Blutsauger wegen. Jede Stunde des Wartens machte Junias' Beherrschung instabiler. Das war Jamian zu spät klar geworden, erst, nachdem es schiefgegangen war. Junias brauchte so viel, weil er noch jung war. Viel zu jung, um die Bürde eines Kienshi zu tragen und die Verantwortung, die der Raub der Lebenskraft mit sich brachte. Er war gefährlich, so unschuldig er aussehen mochte. Jamian zwang den besorgten Ausdruck aus seinen Zügen und legte die Maske aus Lässigkeit darüber, die ihm in den vergangenen Jahren so vertraut geworden war, dass er sich damit selbst täuschen konnte. Junias machte sich ausreichend fertig, diesem Leid wollte er nicht noch Zunder geben. "Wir holen uns erst, was wir brauchen", wies er mit ungerührter Stimme an. "Danach treffen wir den Blutsauger John Petters." Junias nickte mit vorgeschobener Unterlippe und Jamian musste sich ein Grinsen verkneifen. Frustriert sah der Kleine noch viel jünger aus, als er tatsächlich war. Es fiel Jamian immer schwerer, die Ähnlichkeit zwischen ihnen zu erkennen, die noch vor wenigen Jahren so verblüffend gewesen war; sah man davon ab, dass er selbst hellbraune und Junias strahlend grüne Augen hatte. "Willst du es heute allein versuchen?", fragte er, als er den Wagen zwischen den Haselnusssträuchern einparkte. Ein paar Zweige kratzten über den Lack. Insgeheim hoffte er, dass sein Bruder verneinen würde. Junias' Entgleisung lag über einen Monat zurück, seitdem war er sehr beherrscht und vorsichtig vorgegangen. Doch Jamian hatte ihn nie aus den Augen gelassen. Es war an der Zeit, etwas Vertrauen zurückzugeben. Zumindest anbieten wollte er es. Zu seinem heimlichen Entsetzen nickte Junias trotzig und stieg aus dem Wagen. "Ich schaffe es." Es klang, als müsste er sich selbst überzeugen. "In einer halben Stunde bin ich wieder hier." Damit verschwand Junias flink und lautlos wie eine Katze zwischen den Bäumen, um einen geeigneten Menschen zu suchen. Jamian ließ das Gesicht in seine Handflächen sinken und verharrte so einen Moment, das Beste hoffend, ehe er selbst auf Jagd ging. * Junias fühlte den Herzschlag in jeder Faser seines Körpers. Am liebsten wäre er umgekehrt und hätte Jamian doch um Hilfe gebeten, aber er ahnte, dass es zu spät war. Bestimmt war Jamian längst weg. Und irgendwann musste er es ja auch wieder allein schaffen, das hatte er schließlich Dutzende Male getan. Bis zu dem Tag, an dem sein Opfer, ein Campingtourist aus London, plötzlich tot unter seinen Händen gelegen hatte. Junias bemühte sich, die Erinnerung an das leblose Gesicht und die aufgerissenen, leeren Augen zu verdrängen. Er schüttelte den Kopf, schlug sich mit der Handfläche vor die Stirn, als könnte er die Bilder damit vertreiben. Aussichtslos. Er konnte sie nie vertreiben. Wie sollte man je vergessen, dem Tod ins Auge zu blicken, wenn man ihn selbst herbeibeschworen hatte? Was waren seine Gefühle wert im Vergleich zu denen derer, die einen Freund, einen Geliebten oder einen Sohn verloren hatten? Er würde sich das, was geschehen war, nie verzeihen. Aber weitermachen musste er ja trotzdem. Er entdeckte ein offenes Fenster im ersten Stock eines Einfamilienhauses. Er schloss die Augen und lauschte, hörte durch die leisen Geräusche der nächtlichen Stadt einen ruhigen Atem aus der Richtung dieses Fensters. Eine Frau schlief dort im Inneren. Verstohlen sah er sich um, nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang mit einem kraftvollen Satz bis ans Fensterbrett. Während er hineinkletterte, bemühte er sich, die Geranien im Blumenkasten nicht zu zerdrücken, dann kauerte er sich auf dem Teppichboden des Schlafzimmers nieder. Alles blieb ruhig, so erhob er sich und trat lautlos an das Bett der Frau. Die zweite Hälfte des Ehebetts war leer. Junias verschwendete keine Zeit damit, sich lange umzusehen. Angeekelt von sich selbst legte er der Frau die Hand auf die nackte Schulter und murmelte sicherheitshalber das hypnotische, lang gezogene "Schlaf", das seinem Opfer neben den Erinnerungen auch jede Gegenwehr nahm. Dann begann er, von ihrer Energie zu nehmen, von ihrem Prana. Das war es, was Kienshi zum Überleben brauchten. Was sie selbst nicht mehr hatten, und was ihnen, wenn sie es raubten, nicht nur das Weiterleben ermöglichte, sondern außerdem die übernatürliche Stärke verlieh, mit der sie in der Lage waren, gegen Vampire anzutreten. Junias keuchte leise auf, als ihre Kraft auf ihn überfloss. Er brauchte mehr. Viel mehr. Es war immer dasselbe. Zuerst musste er sich überwinden, überhaupt anzufangen und dann war die Kraft, die in ihn überging, so berauschend, dass er sich fast darin verlor. Er kämpfte gegen die Schwere in seinem Kopf, die seine Lider langsam zudrücken wollte. Nur noch ein bisschen, ein bisschen kann ich es noch aushalten. Gewaltsam hielt er seine Augen offen. Es war ein schmaler Grat, auf dem er tanzte. Nahm er zu wenig, gab es ihm nichts außer stärkerer Gier nach Leben, und er müsste ein weiteres Opfer nehmen. Ein erneutes Risiko eingehen. Nahm er auch nur einen Hauch zu viel, würde er in Ekstase fallen. Sein Körper würde sich in den anderen Leib krallen wie ein Raubtier, das Blut geleckt hatte, und so lange weiter das Leben an sich reißen, bis das Opfer tot war. Die gefährliche Schattenseite des bösen Vampirzaubers käme hervor. So, wie es schon einmal geschehen war. Der Gesetzesbruch, der einen jungen Mann das Leben gekostet hatte und Junias' Bruder die wertvolle Sterblichkeit kosten sollte, und damit jede Aussicht auf Frieden nach dem Tod. Unsterbliche fanden niemals Frieden. Das war der Fluch des ewigen Lebens, mit dem man einst jene strafte, die es gewagt hatten, sich über den Tod zu stellen, indem sie das Blut der Dämonin Lilith tranken, durch das sie unsterblich und zu den ersten Vampiren geworden waren. Aus deren giftigem Blut wiederum hatten die Kienshi, einst ein kleines Volk aus kampferfahrenen Alchimisten, ihre Macht über die Unsterblichkeit gewonnen. Doch der Fluch, den dieses Blut trug, ließ sich nicht besiegen. Wenn der Körper vernichtet war, verwandelten sich unsterbliche Seelen allesamt in ruhelose Geister. Sklaven der Lilith, an denen sie ihren Zorn auf jene ausließ, die sie einst betrogen hatten. "Verdammt, Jamian", flüsterte Junias zitternd, als er seine Hände mühsam vom Körper der schlafenden Frau löste. "Warum hast du das nur getan?" * "Eine späte Runde mit dem Hund?" Jamian grüßte den Mann mit einem freundlichen Nicken. Der Alte zuckte mit den Schultern, nahm die Filzmütze vom Kopf, die er auch im Sommer selten abzulegen schien, und strich sich durch das schüttere Haar. "Ist ja schon älter, der Bobby. Schafft es mit seiner Blase nicht mehr die ganze Nacht. Da wandern wir halt noch mal ein Stück hier am Waldrand entlang." "Verstehe." Jamian kraulte dem struppigen Setter das Fell. Lange würde er es nicht mehr machen, der alte Bobby. Man kannte sich. Schon häufiger war Jamian dem Mann in seinem Wachsmantel über den Weg gelaufen, wenn dieser den Hund ausführte. Zum Pub und wieder zurück. Gelegentlich machte der Alte einen Umweg am Waldrand entlang. Bobby zuliebe, und um heimlich eine Zigarre zu rauchen, obwohl es ihm die Frau wegen seiner kranken Lungen verboten hatte. Jamian klopfte dem Hundebesitzer beiläufig auf die Schulter, wie er es oft tat. Im gleichen Moment griff er die Hand des Alten und gab seine mentale Anweisung. Die Augen des Mannes wurden leer, dann gaben seine Knie nach und er sackte in sich zusammen, fiel Jamian in die Arme. Mühelos trug er ihn zu einer Holzbank am Wegrand und nahm dabei von seinem Prana. So alt der Mann auch war, so kränklich sein Körper, aber seine Lebensenergie war gewaltig, gewachsen und gereift an vielen harten Jahren. Von solchen Menschen musste Jamian nicht viel nehmen. Sie erholten sich schnell. Er legte den schlaffen Körper auf dem Holz ab. Es würde den Alten nicht wundern, hier mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Er hatte getrunken und würde es wieder auf den Whisky schieben. Wie passend, seine Nebenwirkungen gerade auf das sogenannte "Wasser des Lebens" schieben zu können. Jamian spürte die erleichternde Kraft durch seine Fasern kriechen und genoss das kribbelnde Brennen, mit der sich die Wunde an seiner Schläfe schloss. "Grüß mir meine Familie im Jenseits, Bobby", flüsterte er dem Setter zu, als er ihn an der Bank festband. "Und vergiss meine Katze nicht. Beiß ihr ruhig in den Hintern, sie war ein Miststück. Ich hab sie trotzdem gemocht, sagst du ihr das? Meinen Leuten kannst du sagen, dass ich gern irgendwann nachgekommen wäre. Daraus wird jetzt wohl nichts mehr, für mich geht ein anderes Tor auf. Sag ihnen, dass es mir leidtut." Er verharrte, erheitert über sich selbst. "Und jetzt verrat mir mal, warum ich mit einem Hund über das Jenseits plaudere?" Kopfschüttelnd stand er auf, vergewisserte sich, dass der Alte auf der Bank nicht zu unbequem lag, und schlenderte den Weg zurück Richtung Kirche. Im nächsten Moment vernahm er einen Schrei aus dem Wald. Er dachte nicht nach, war bereits hundert Meter gerannt, als ihm der Gedanke an seinen Bruder kam. Kurz zögerte er. Junias sollte dem Blutsauger nicht allein gegenüberstehen. Auch wenn Petters harmlos war - Junias war es nicht immer. Doch dann ertönte wieder dieser Schrei, diesmal unmissverständlich von Panik getränkt, und Jamian hatte sich entschieden. Junias würde keine Dummheiten machen. Hoffentlich. Er rannte, so schnell er konnte, durch den Wald. Die Dunkelheit bereitete ihm keine Probleme, seine Augen sahen nachts kaum schlechter als am Tag. Die Schreie wurden schnell lauter. Und dringlicher. Ein Mädchen war es, das da schrie, und er konnte bereits spüren, dass mehrere Vampire in der Nähe waren. Was zum Geier taten die da? Er kämpfte sich durch ein Gestrüpp und achtete nicht auf die Zweige, die ihm ins Gesicht peitschten. All seine Gedanken kreisten um die Vorstellungen von bestialisch tötenden Vampiren. Oder Schlimmerem. Gerüchten zufolge war sein Vater tagelang von seinem Mörder gefoltert worden, ehe er starb. Jamian rannte, als ginge es um sein Leben, oder um mehr als nur den kümmerlichen Rest davon. Er fand die Blutsauger am Rande eines felsigen Abgrundes. Unten wand sich ein Bach durch ein Kiesbett; das Geräusch sanft plätschernden Wassers passte nicht zu dem Horrorszenario, das sich ihm im fahlen Mondlicht bot. Sie waren zu dritt, zwei Männer und eine Frau, er kannte sie alle aus der Stadt und hatte sie für friedlich gehalten. Doch auf dem Boden lag ihr Opfer. Eine junge Frau, mehr noch ein Mädchen, mit langem, lockigem Haar, das ihr zerzaust im Gesicht hing. Ihre Bluse war zerfetzt, regelrecht vom Leib gerissen, sodass ihre Brüste freilagen. Sie krümmte sich auf dem nackten Waldboden zusammen, blutete aus zahllosen Wunden, und drückte sich mit letzter Kraft die linke Hand auf einen großen Riss im unteren Bauchbereich, aus dem das Blut sprudelte. Die Vampirfrau trat mit ihren schweren Boots auf sie ein und einer der Männer trank an ihrem Handgelenk. Entsetzt rang Jamian nach Luft. Etwas Derartiges hatte er noch nie mit ansehen müssen. "Zurück!" Sein Brüllen schien ihm kalt und fremd in den Ohren. Er zog seinen Dolch aus der Scheide am Gürtel und trieb zunächst die Vampirin von dem Mädchen fort. "Verschwindet, lasst sie in Ruhe!" Verdammt, warum hatte er keine Pistole dabei? Er war zu spät. Das Mädchen hatte schon zu viel Blut verloren und lag mit verdrehten Augen unter halb geschlossenen Lidern auf dem Boden. Sie reagierte nicht mehr auf die Quälereien der Blutsauger. Jamian unterdrückte ein verzweifeltes Aufstöhnen. Gegen drei Vampire gleichzeitig hatte er allein keine Chance, wenn sie es auf einen Kampf anlegen würden. "Bleib weg, Bryonts!", rief einer der männlichen Vampire. Es war Vladin, er hatte schon häufiger mit ihm gesprochen und ihn bislang als vernünftig eingeschätzt. Etwas dümmlich, aber ohne böse Absichten. "Das hier geht dich nichts an!" "Das sehe ich anders!", knurrte Jamian durch die Zähne und fixierte Vladin. Er fühlte, wie der Schock die Angst erfror und den Kämpfer freiließ, zu dem sie ihn ausgebildet hatten. Kalt und hart wie Stein. "Verzieh dich augenblicklich, Nackenbeißer, sonst ist der Erste, dem ich das Maul stopfe, der Pazifist in mir. Und dann lernst du mich kennen." Alle drei Vampire starrten ihn höhnisch an und bewegten sich keinen Zentimeter vom Fleck. Die ließen sich nicht mit Gerede beeindrucken. Jamian ging ohne weiteres Zögern auf Vladin los und versuchte, ihn zu packen. Doch der Blutsauger war schnell und entkam. Der andere Mann riss der Frau eine weitere Wunde, diesmal in die Armbeuge. Sein Blick fixierte Jamian. Reine Provokation. Jamian brüllte seine Wut heraus und stürzte mit erhobenem Dolch in seine Richtung. Einen Sekundenbruchteil später steckte die Klinge bis zum Heft in der Schulter des Gegners. Schade, das Herz hatte er verfehlt. Die Vampirin fing sich einen platzierten Tritt vor die Kehle, der sie mehrere Meter zurückwarf. Aufgebracht kreischte sie Worte in einer Sprache, die Jamian nicht kannte. Er hätte auch akzentfreies Englisch nicht mehr verstanden. In seinen Ohren rauschte das Blut. Vladin zerrte das Opfer in die Aufrechte, spie der Frau ein paar Worte ins Gesicht und stieß sie von sich. Direkt den Felsabhang hinunter. Jamian fuhr zusammen, als der Körper im Bachbett aufschlug. Es waren gute vier Meter bis zum Grund, trotzdem glaubte er, Knochen knirschen zu hören. Die Vampire warfen ihm verächtliche Blicke zu. Der Verwundete riss sich das Messer aus der Schulter und warf es Jamian vor die Füße. Vladin grollte: "Die ist erledigt! Sag Danke, Bryonts. Los, verschwinden wir." Damit rannten sie davon. Für einen Moment wollte Jamian das Opfer aufgeben. Das konnte sie nicht überlebt haben. Er musste die Vampire verfolgen und zur Rechenschaft ziehen. Sie würden bereuen, was sie getan hatten! Doch dann war ihm, als hätte er ein schwaches Stöhnen gehört und so musste er zunächst nachsehen, ob die Frau möglicherweise doch noch lebte. Hoffentlich nicht, denn wenn sie es tat, dann nicht mehr lange. Fluchend vor Zorn, da die Blutsauger ihm entkommen würden, eilte er an den Rand des Abhangs. Der Körper lag still und seltsam verdreht im flachen Wasser. Die Strömung bewegte ihr Haar. Sie hätte tot sein müssen. Doch aus den Wunden pulsierte weiterhin schwach das Blut, demnach war da noch ein Herzschlag. Er sprang und landete neben ihr im kiesigen Bachbett. Wasser spritzte auf und durchtränkte seine Schuhe. Er ließ sich auf die Knie fallen und hob den Kopf der Frau an, damit sie Luft bekam. Falls ihr die noch etwas nützte. Sie ertrinken zu lassen, wäre vielleicht gnädiger gewesen. Er presste seine freie Hand auf die nächstbeste Verletzung, um die Blutung einzudämmen, doch es waren zu viele Wunden, er hätte fünf Hände gebraucht und sie wäre trotzdem in seinen Armen verblutet. Auch an ihrem Hinterkopf spürte er einen klaffenden Riss. Blut rann ihm über die Hände und in den Bach, färbte eine rötliche Spur ins Wasser. "Oh nein, Scheiße!" Er war eindeutig zu spät. Das Mädchen - Himmel, sie musste noch jünger sein als er -, war mehr tot als lebendig. Zu viele klaffende Wunden zerfurchten ihre durchscheinende Haut. So viel Blut überall. Die Hilflosigkeit machte ihn schwindlig. Er konnte nichts tun. Hier draußen hatte er keine Möglichkeit, die Blutungen zu stoppen, von den anderen Verletzungen ganz zu schweigen. Mit all den Vampirbissen und den grausigen Erinnerungen war es ihm nicht einmal erlaubt, sie in ein Krankenhaus zu bringen, selbst wenn dazu noch Zeit geblieben wäre. Ihre Rippen waren obskur verformt, ebenso die Finger ihrer linken Hand. "Scheiße", schluchzte er wieder, als ihm bewusst wurde, wie barbarisch dieses Mädchen gefoltert worden war. Normalerweise hinterließen Vampire nur winzige Löcher durch ihre Reißzähne, die sie durch einen Tropfen ihres eigenen Blutes innerhalb von Sekunden schließen konnten. Ihr hatten sie die Adern buchstäblich aufgerissen. Was sie ihr sonst noch angetan hatten, wollte er gar nicht wissen. Aber da keines ihrer Kleidungsstücke unbeschädigt war und der Vampirgeruch überall an ihr haftete, ahnte er nichts Gutes. Was konnte dieses Mädchen den Blutsaugern Böses getan haben? Er fragte sich, woher sie kam, und wo man vergeblich auf ihre Heimkehr warten würde. Mit der engen Röhrenjeans und den hochhackigen Stiefeln aus cremefarbenem Leder passte sie nicht aufs Land. Sicher war sie aus der Großstadt und hatte nicht geahnt, in was für ein Rattenloch sie gekommen war. Um irgendetwas tun zu können, zog er sein Hemd aus, legte es um ihren halb nackten Oberkörper und hob sie vorsichtig aus dem Wasser. Sie wimmerte kaum hörbar an seiner Brust. "Schon gut, bald ist es vorbei", flüsterte er ihr zu. Lieber hätte er vor Wut geschrien, aber das Einzige, was er für sie tun konnte, war, ihr das Sterben ein klein wenig zu erleichtern, und ihr nicht noch mehr Angst zu machen. Mit beruhigendem "Schschsch" wiegte er sie in den Armen und wartete darauf, dass ihr Herzschlag aussetzte. Er hätte es beschleunigen und ihr die Schmerzen nehmen können. Dass sie litt, war offensichtlich, dass es nichts als einen seiner düstersten Gedanken bedurfte, um dies zu beenden, ebenso. Doch er hatte noch nie getötet. Sein Bruder hatte es getan, wenn auch aus einer anderen Situation heraus, und Jamian hörte fast jede Nacht die Schreie, mit denen die Schuld Junias aus dem Schlaf riss. Er wagte es nicht, ihr das Leben zu nehmen und schämte sich, ihr diese Gnade zu verweigern. Sie starb entsetzlich langsam und schaffte es immer wieder, ein paar Laute zu wimmern, die Jamian nicht verstehen konnte. Schließlich glaubte er, ein schwaches "Verzeih" zu vernehmen. Dabei wäre ein Fluch auf seine Feigheit angebrachter gewesen. Was tat sie nur, betete sie? Schmerzlich getroffen drückte er sie an sich und sah zum Himmel. Bat etwas, an das er längst nicht mehr glaubte, es möge wenigstens schneller gehen. Plötzlich machte das Mädchen eine krampfartig zuckende Bewegung und nahezu im gleichen Moment spürte er, dass sich etwas wie ein Messer in seinen Hals grub. Zwei oder drei Herzschläge lang war er vor Schmerz und Schreck wie versteinert und drückte den schwachen Körper an sich. Er spürte das heftige Pulsieren seiner Halsschlagader, den saugenden Mund unter seinem Wangenknochen im gleichen, panischen Rhythmus. Als er sie schockiert losließ, hatte sie bereits ihre Arme um ihn geschlungen und hielt sich selbst an ihm fest. Entsetzen hämmerte durch seinen Kopf, er wollte zurückweichen und sie von sich reißen, doch er stolperte und fiel. "Nein - hör auf!" Er zerrte an ihr und schlug auf sie ein. Dann wurde ihm jäh dunkel vor Augen. "Hör auf!" Der Schock war zu groß, als dass er rechtzeitig an das Naheliegende hätte denken können - ihr Prana zu nehmen. Seine Beine gehorchten ihm kaum noch, er kam nicht mehr auf die Füße. Sie krallte sich unbarmherzig an seinem Nacken und seiner Schulter fest, schlang ihre Beine um seine Hüften. Er gelangte nicht einmal mehr an seinen Dolch, der irgendwo im Bachbett liegen musste. Seine Hände gaben den vergeblichen Kampf auf, wurden schwer und fielen an seinen Seiten hinab ins Wasser. Es war kalt. Das Saugen an seiner Kehle wurde ruhiger und langsamer, langsamer wie auch sein Herzschlag. Langsamer. Schließlich spürte er sich nach hinten kippen. Seine Panik schwoll an, als sein Kopf unter die Wasseroberfläche geriet. Sprudelnd stiegen Blasen um ihn herum auf, das eisige Quellwasser brannte in seinen Atemwegen und kreischte ein schrilles Lied vom Sterben. In seiner Brust brannte ein Feuer. Ertrinken war harmlos? Gnädig? Wer hatte ihm denn den Scheiß erzählt? Noch immer drückte sich das Mädchen gegen seinen Körper und trank selbst unter Wasser gierig an seinem Hals. Ein Vampir. Sie war ein gottverfluchter Scheißvampir. Und er ein Idiot. Er hatte seiner verdammten Mörderin das Leben gerettet. Toter Idiot. Wie Dad. Er starb und ließ Junias im Stich, genau wie Dad. Die Gedanken entglitten ihm und wurden in den Strudel der Bewusstlosigkeit gezogen. Die Hand der Feinde Der Keller einer stillgelegten Fabrik nahe der Kirche erschien Junias als geeignetes Versteck. Von hier aus könnte er Jamians mentale Stimme hören, wenn dieser zurück zum Auto ging. Hier würde er den herumschleichenden Blutsaugern nicht in die Arme laufen, die ihn seit zwei Stunden verfolgten. Mühelos glitt er durch ein eingeschlagenes Fenster. Manchmal hatte es Vorteile, so zierlich zu sein. Die Vampire würden ihre Körper kaum durch diese enge Lücke quetschen können. Er ließ seinen Blick durch die Dunkelheit in dem vollgestellten Keller gleiten. Nichts als ausrangierte Möbel, ein paar Kisten und unglaubliche Mengen Müll in blauen und schwarzen Plastiksäcken. Alles, was nicht lohnte, verkauft oder mitgenommen zu werden, hatte man hier zurückgelassen, nachdem die Fabrik geschlossen worden war. Einen Nachmieter würde es vermutlich nie geben. Junias fand einen abgewetzten Sessel und ließ sich hineinfallen. Er hustete vom aufgewirbelten Staub, zog die Beine an den Körper und wartete. Ein paar Ratten leisteten ihm bald Gesellschaft. Den Mutigen unter ihnen warf er klebrige Stücke von dem Snickers zu, das er noch in der Tasche seiner Jeansjacke gehabt hatte. Mental rief er Jamians Namen, aber er bekam keine Antwort. Sein Bruder war immer noch zu weit weg, sonst hätte er ihn gehört. Irgendetwas war schiefgegangen. Jamian war nicht nach einer halben und nicht nach einer ganzen Stunde zurückgekommen. Da stimmte etwas nicht, ganz und gar nicht. Man mochte über Jamian sagen, er wäre verantwortungslos - das sagten ja nahezu alle - aber Junias wusste, dass er ihn nicht im Stich lassen würde. Nie. Und erst recht würde er ihn nicht nachts in einer Stadt voller Blutsauger zurücklassen, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte versucht, Jamian auf dem Handy anzurufen, doch außer der Mailbox meldete sich niemand. Auch die Vampire hatten bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Mit einem Mal waren sie an jeder Ecke gewesen. Er hatte ihre Stimmen gehört, vor allem aber auf diese diffuse, unheimliche Art ihre Anwesenheit gespürt. Einige wirkten aufgeregt, andere richtiggehend besorgt. Sie flüsterten sich leise Warnungen zu, die er nicht verstehen konnte. Petters war nicht am Treffpunkt aufgetaucht. Dafür waren plötzlich drei andere hinter ihm hergeschlichen. Wie Schatten hatten sie ihn fast zwei Stunden lang kreuz und quer durch die Straßen der Stadt verfolgt. Nah an ihn herangekommen waren sie nicht. Er hatte Blut an ihnen riechen können - Vampirblut. Es hatte also einen Kampf gegeben. Eine Stimme in ihm riet zur Flucht, aber ihm war klar, dass er in der Nähe des Wagens bleiben musste. Ohne ihn würde Jamian nicht wegfahren. Also hatte er die Blutsauger ganz in der Nähe des Dorfes mit einem plötzlichen Sprint in den Wald abgehängt. Während sie seine Spur vermutlich noch zwischen den Bäumen suchten, war er längst zurück im Dorf gewesen und hatte sein Versteck angesteuert. Wie gut, dass sein Geruch für die Blutsauger kaum wahrnehmbar war. Er grinste bitter und bewarf eine der bettelnden Ratten mit seinem Schlüsselbund. Die Blutsauger waren vielleicht die idealen Raubtiere, aber die Kienshi waren ihre Jäger. Auch wenn er selbst kein Jäger war, sondern lediglich ein Wächter. Was sich irgendwann ändern könnte … Er umschloss seine Beine mit den Armen und legte das Kinn auf die Knie. Ein Wächter, der sich verkroch wie eine Ratte. Armselig. Mit seiner Kraft hatte er das nicht nötig, er hätte es auf einen Kampf ankommen lassen können. Ganz sicher wäre er als Sieger hervorgegangen. Sie unterschätzen ihn. Alle. Er mochte noch jung, fast kindlich aussehen, aber seine enorme Kraft hatte selbst seinen Bruder beeindruckt. Er wäre ein mächtiger Kienshi … wenn er sich nur besser im Griff hätte. Das war der Grund, warum er Kämpfen auswich. Nach einem Gefecht würde er einem weiteren Menschen Kraft rauben müssen. Und je nachdem, wie viel Prana er benötigen würde, könnte ihm das rechtzeitige Aufhören zu schwer fallen. Im verletzten Zustand ein Opfer allein aufzusuchen, käme einem Mord gleich - einem weiteren Mord. Das durfte er nicht riskieren, keinesfalls. Ein weiteres Mal rief er in Gedanken seinen Bruder. Ein weiteres Mal antwortete nur Stille, die mit geduldiger Penetranz seine Nervosität schürte wie leichtes Pusten ein Feuer. Junias senkte die Stirn auf seine Knie. Verstecken, alles andere wäre dumm. Doch die Angst, dass Jamian etwas passiert war, fand ihn überall. * Langsam kam Jamian zu sich. Das Erste, was er wahrnahm, war das Brennen in den Lungen, dann folgte das Bewusstwerden einer Kraftlosigkeit, wie er sie nie zuvor erlebt hatte. Er hörte jemanden pfeifend atmen und kam erst nach einiger Zeit auf den Gedanken, dass er es selbst sein musste. Als er die Augen öffnete, blieb es schwarz. Ein entsetztes Röcheln entrang sich seinem Hals. Warum konnte er nichts sehen? Worauf auch immer sein Kopf lag, es war weich und bewegte sich. Jemand berührte sein Gesicht und strich ihm über die Haare. Eine helle Stimme sprach zu ihm. Beruhigende Worte. Weich. Beinah zärtlich. Er ließ die Schwere in seinem Kopf zu, schloss die Augen wieder und tat für eine Weile nichts, als zu atmen, zuzuhören und die Berührungen zu fühlen. Versuchte, sich nicht auf das Brennen in seinem Hals zu konzentrieren. Es fühlte sich an, als hätte er sich stundenlang übergeben. Nur schnell an etwas anderes denken. Die fremden Finger flüsterten über seine Kehle. Viel besser. Ganz nah hörte er Wasser rauschen; oder rauschte es nur in seinen Ohren? Verwundert fragte er sich, ob er vielleicht doch gestorben war. Aber das schien unwahrscheinlich, denn in der Hölle gab es sicher keine Engel, die einen im Schoß hielten, und im Himmel fühlte man sich vermutlich nicht wie dahingerotzt. Nein, im Paradies standen sie sicherlich auf Ästhetik. Er musste nichts sehen, um zu wissen, wie beschissen er gerade aussah. Kaffee wäre gut. Himmel, wie kam er denn darauf? Er war vielleicht nicht tot, aber ziemlich nah dran. Sein Hirn fühlte sich an wie püriert und in flüssiger Form wieder in seinen Schädel gefüllt. Ein seltsamer Moment, um sich Kaffee zu wünschen. Skurril. Eigentlich wollte er lieber einen Whisky. Irgendwann verstummte die Stimme und sofort versuchte er erneut, die Augen zu öffnen. Nichts zu machen - er war blind, sah nichts als Schwärze. Auch etwas zu sagen gelang ihm nicht, aus seinem Mund kam wieder nur dieses erbärmliche Röcheln. Das Geräusch erinnerte ihn an den angefahrenen Fuchs, den er als Kind mal gefunden und gemeinsam mit Junias gesund zu pflegen versucht hatte. Vermutlich war das kein so gutes Zeichen, der Fuchs war gestorben. "Nicht sprechen." Sie war direkt vor seinem Gesicht, als beugte sie sich über ihn. Er spürte ihren Atem auf der Schläfe. Etwas Kaltes schmiegte sich gegen die Wunde am Kopf, die sich zwar geschlossen hatte, aber immer noch pochte. Als wollte sie aufbrechen; gegen die unnatürlich schnelle Heilung durch gestohlenes Prana rebellieren. Was immer sie gegen den Schmerz lehnte - vielleicht die Rückseite ihrer Finger? - es tat gut. "Komm", sagte sie, die Stimme weich wie Seide und genau so unnachgiebig. "Versuch, etwas zu trinken." Nässe benetzte zunächst nur seine spröden Lippen, dann bekam er aus einer hohlen Hand ein wenig Wasser eingeflößt. "Danke", gelang es ihm danach zu wispern. Sie seufzte sanft. "Leider muss ich dir danken." Er sinnierte darüber, aber fand nicht heraus, was sie meinte. Warum war er völlig durchnässt? Wie kam er hierher? Er konnte sich nicht erinnern. Es war kalt. Es war so verdammt kalt. Seine Hirnsynapsen waren schockgefrostet - ja, das musste es sein. "Wer bist du?", fragte er. "Ich bin ein Traum. Und gleich wieder verschwunden." Mühsam schüttelte er den Kopf. Nein, nicht weggehen. Er wollte nicht allein sein, nicht in dieser Kälte. Er wollte das Gesicht zu der Stimme sehen, doch alles blieb schwarz. Auch sein Geruchssinn versagte ihm den Dienst, und in seinen Ohren war fast nur dieses Rauschen. "Ich kann nichts sehen", flüsterte er und fasste mit zitterndem Arm nach seinem Gesicht. Er griff sich direkt ins offene Auge und hatte seine Hand doch nicht kommen sehen. "Weil es zu dunkel ist." Sie hielt seine Hand fest, um sie zurück auf seine Brust zu legen. "Ganz ruhig. Bald geht die Sonne auf, dann kannst du wieder sehen." Ihre Worte beruhigten ihn kein Stück. Im Gegenteil. Er konnte in der Dunkelheit so gut sehen wie am Tag, aber das konnte sie natürlich nicht wissen. Bei der Vorstellung, seine Augen könnten auf Dauer blind bleiben, hätte er sich am liebsten die Schwärze von den Pupillen gekratzt, in der Hoffnung, darunter Licht zu finden. "Ist schon gut." Sie sprach wie zu einem verängstigen Kind, und die kühle Hand strich tröstend über seine angespannten Gesichtszüge. "Hab keine Angst." Die Präzision der Berührungen verstörte ihn. "Du kannst sehen, auch wenn es dunkel ist." Sie lachte leise. "Natürlich. Ich gehöre ja zu diesem Traum, hast du das schon vergessen?" Für einen weiteren Moment gab er sich ihrer Ruhe hin, ehe seine Gedanken langsam wieder Konturen annahmen und in unterschiedlichen, abgehackten Szenarien wirr vor ihm abgespielt wurden. Was immer davon ein Traum gewesen war, sie war keiner. "Was ist passiert?", fragte er, da sie auf die entscheidende Frage, wer sie sei, nicht geantwortet hatte. "Warum kann ich mich nicht erinnern?" "Du musstest vergessen." Und damit hatte er genug gehört. Er wusste nun, was sie war. Und als er das Wort Vampir in Gedanken aussprach, konnte er sich schemenhaft wieder an die vergangenen Ereignisse erinnern. "Du hast mein Blut getrunken", stellte er fest und wunderte sich, wie trocken man eine derartige Aussage formulieren konnte. "Ziemlich viel, würde ich vermuten." "Ja." Ihre streichelnde Hand zögerte nicht einen Augenblick. "Woher weißt du denn das?" Er hatte schon zu viel gesagt und bemühte bloß die Schultern um ein schwaches Zucken. Es war offensichtlich: die kühle Haut, ihre Sicht im Dunkeln. Nur ein Vampir oder ein Kienshi konnten Menschen dazu bringen, mehrere Minuten des Lebens einfach zu vergessen. Menschen, aber nicht ihn. Menschen wussten nichts von diesen Geheimnissen. Jedes Wort der Erklärung würde ihr offenbaren, wer er war. Es schien, als wüsste sie es nicht. Nach ihren schweren Verletzungen war es ihr offenbar nicht einmal an seinem Blut aufgefallen. Vermutlich war das sein großes Glück. Für einen Vampir musste es ein erhabenes Gefühl sein, einen Wächter hilflos im Arm liegen zu haben. Katzen fühlten sich vermutlich ähnlich, wenn der verhasste Hund sich in seiner Leine verwickelt und bis zur Bewegungslosigkeit verheddert hatte. Seine Situation war ausgesprochen aussichtslos. Aber Angst hatte er nicht; vielleicht war er einfach zu schwach, um Angst zu haben. Angst würde ihm auch nicht helfen. Er konnte nicht mal seinen Kopf heben und all seine Sinne schienen geschwächt oder nicht mehr vorhanden. "Wie ist dein Name?" Dass er diese Vampirfrau nicht kannte, war nicht ungewöhnlich. In Glen Mertha tauchten häufig fremde Vampire auf, durchstöberten die Wälder, blieben eine Weile und zogen weiter. Sie atmete tief durch, zum ersten Mal schien sie zu zögern. "Laine." Jamian fragte sich, ob er riskieren konnte, seinen Namen zu verraten. Doch an diesem würde sie ihn erkennen, er sollte einen anderen nennen. Sie fragte allerdings nicht danach. Schweigend strich sie Strähne für Strähne seiner Haare glatt. Er musste ständig an diesen toten Fuchs denken. "Ich frage mich, warum du nicht gestorben bist", sagte sie unvermittelt, ohne dass ihre Hände ihre Tätigkeiten unterbrachen. "Ich habe zu viel Blut genommen, weil ich verletzt war. Viel zu viel. Du müsstest tot sein." "Entschuldige bitte." Er zwang sich ein Grinsen ins Gesicht. "Aber ich bin ganz froh, dass ich es nicht bin." "Oh, ich auch! Der Moment, in dem ich dich für tot hielt, hat mich bekümmert." "Ich nehme an, das hätte Ärger gegeben, was?" "Tatsächlich, du hast recht. Da sind diese albernen Gesetze." Sie lachte leise, es klang, als lachte sie über ein niedliches Kind. Es klang aus tiefster Seele überlegen und damit brandgefährlich. "Aber es sind ja nicht meine Gesetze. Nein, das war es nicht." "Sondern?" Angst wäre wirklich angebracht gewesen. Im Arm eines Vampirs zu liegen war für jedermann gefährlich. Für ihn ganz besonders. Hier, hilflos im Arm einer Partisan aber, die jene Gesetze bekämpfte, für deren Einhaltung ausgerechnet er sorgte, war für ihn vermutlich der gefährlichste Ort der Welt. Dennoch fühlte er sich seltsam sicher. Welche Hölle gab es noch zu fürchten, wenn man einem Teufel in den Armen lag? Dass sie ihm nichts tun würde, war Wunschdenken. Aber ihm blieben für den Moment nichts als Wünsche, und das fühlte sich erschreckend gut an. Blind, tot oder zur Unsterblichkeit verdammt - machte es überhaupt einen Unterschied? "Du hast mein Leben gerettet", sagte sie ruhig und fuhr mit ihren Fingern sanft über seine Lippen. Die Berührung kam unerwartet und ließ ihn heftig Atem holen. "Wie undankbar wäre es gewesen, dich für deine mutige Hilfe zu töten? Dein Leben ist der Dank für meines. Es tut mir leid, dass ich von dir trinken musste, nachdem du mir geholfen hast. Aber hätte ich es nicht getan …" "Schon okay." Sicher, alles war bestens. Sein Leben war ohnehin zu einer Vernissage aus Katastrophen geworden, da kam es auf ein paar Liter rote Farbe mehr oder weniger nicht an. "Nun ja, du hättest mir ein wenig mehr Blut lassen können." "Du kannst froh sein, dass ich überhaupt aufhören konnte. Dein Blut ist sehr stark. Ungewöhnlich, denn dein Geruch ist es nicht. Du kannst es nicht sehen, aber all meine äußerlichen Wunden sind durch dein Blut bereits geschlossen." "Was ist mit deinen Fingern und deinen Rippen? Die Knochen waren gebrochen." Sie gab ihm keine Antwort. Jamian hob erneut den Arm gegen die Schwere an und tastete blind nach ihrem Handgelenk, fuhr an ihm entlang und befühlte die Stelle, an der kurze Zeit zuvor noch große Wunden im Fleisch geklafft hatten. Ihre Haut war kühl und beinahe glatt. Er fuhr ihren Arm weiter nach oben, schob dabei den Ärmel seines Hemdes hoch, welches sie trug, und tastete nach ihrer Ellenbeuge. Nur Narbengewebe erinnerte an die schweren Verletzungen. Beeindruckend, wie schnell sie geheilt waren. Sie musste ein mächtiger Vampir sein. Oder sehr alt. Okay, mächtig gefiel ihm besser. Ohne darüber nachzudenken, wanderte seine Hand weiter an ihrem Arm entlang, glitt ungeschickt über ihre Schulter und den Hals zu ihrem Gesicht. Wenn er sie schon nicht sehen konnte - auf ihr Gesicht hatte er vor dem Biss überhaupt nicht geachtet -, wollte er wenigstens erahnen, wie sie aussah. Das Zittern seiner Hand machte es ihm schwer, mit der angebrachten Feinfühligkeit über die sanft geschwungene Linie ihrer Wangenknochen, ihren Mund, die Nase und die geschlossenen Augen zu streichen. Doch schließlich hatte er eine Skizze von ihrem Gesicht in seinem Kopf, von der ihm unweigerlich wärmer wurde. Himmel, sie trug sein Hemd, darunter nur Fetzen über bloßen Brüsten und … in Ordnung, sie hatte Fänge. Schade. Reiß dich zusammen, Bryonts. Du hast ganz andere Probleme als bissige Mädchen. "Ich muss jetzt gehen", hauchte sie, als seine Finger noch an ihrer Stirn lagen. Ihr Atem ging schwer an seinem Handgelenk, er spürte, wie sie den Geruch seines Blutes einsog. Rasch nahm er die Hand wieder runter. "Ich kann dich kaum hier liegen lassen, vielleicht …" "Verdammt, mein Bruder!" Er hatte Junias vergessen; wie hatte er seinen Bruder vergessen können? "Wie spät ist es?" Hastig fummelte er sein Handy aus der Tasche seiner Jeans. Sie nahm es ihm aus der Hand. "Ich fürchte, es ist kaputt. Wir haben fast vier Uhr morgens. Sag mir, wen du anrufen möchtest, mein Mobiltelefon funktioniert noch." Ach. Dann war sie offenbar mit sehr robustem Material unterwegs. Aus gutem Grund? Vielleicht prügelte sie sich häufiger mit Vampirgruppen und ließ sich in Bäche werfen. Jamian nannte keinen Namen, nur die Nummer. Dann streckte er seine Hand aus, sie legte ihr Handy hinein und schloss seine Finger darum. Junias ging nach dem ersten Klingeln ran. In kurzen Worten erklärte Jamian, dass er verletzt war, und nannte die Richtung, in der Junias ihn finden würde. Nachdem er Laine das Handy zurückgegeben hatte, schob sie seinen Kopf behutsam von ihrem Schoß. Er hörte kein Geräusch, das eine Bewegung verraten hätte, aber ihre Stimme war plötzlich weiter entfernt als zuvor. Die Kälte wurde dichter. "Ich muss gehen." Er wollte widersprechen, aber sie ließ ihn nicht. "Erinnere dich. Ich bin ein Traum. Und ich bin kein guter Traum für dich. Ich könnte ein Albtraum werden, wenn wir uns wiedersehen, also hoffe, dass dies nicht geschehen wird. Leb wohl." Jamian erwiderte den Abschiedsgruß, ohne zu wissen, ob sie ihn noch hörte. * Junias rannte durch den Wald, so schnell er konnte. Immer wieder rief er in Gedanken seinen Bruder, und endlich kam eine Antwort. Ich bin am Ufer des Bachs, June. Du weißt schon, wo er direkt an der Felswand entlang verläuft, die du mal hochzuklettern versucht hast. Junias hörte seinen Bruder über die peinliche Erinnerung schmunzeln. Er hatte es damals nicht bis ganz nach oben geschafft, konnte sich zwar an der Felswand festhalten, hatte aber ein Stück Geröll herausgebrochen. Mitsamt dem Steinbrocken war er mit dem Hintern im Bach gelandet. Dass Jamian sich den Aufstieg gar nicht erst zugetraut hatte, tröstete Junias nur geringfügig. Er brauchte nur wenige Minuten, um den Hang zu erreichen, warf einen kurzen Blick in die Tiefe, sah seinen Bruder unten am Bachufer liegen und sprang sofort. Die Steinchen knirschten unter seinen Füßen und Jamian sah erschrocken auf. "Alter!" Verletzt, hatte er gesagt. Halb tot traf es eher. Jamians Haut war leichenblass, fast grau, und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Die Augenringe hätten aus einem Boxkampf stammen können. "Du siehst aus, als hätte dich ein … nein, oder?" Jamian verzog genervt das Gesicht. "Als hätte mich ein Vampir ausgesaugt, sag's ruhig." "Aber das ist nicht erlaubt!" Fassungslos schüttelte er den Kopf und kniete bei seinem Bruder nieder. Den Vampiren war es unter Todesstrafe verboten, einen Kienshi zu beißen. "Welcher war das?" Jamian hievte sich in eine halb aufrechte Position. "Ich kenne sie nicht. Eine Partisan, vermute ich." "Partisan?" Junias sprang wieder auf die Füße. "Dann haben wir jetzt Partisanen hier rumlaufen? Verdammt, Jamie! Haben wir nicht genug Ärger?" "Halt die Luft an, Kleiner!" Jamian wirkte fahrig. "Ich hab sie nicht eingeladen, oder? Außerdem schien sie hier noch größere Probleme zu haben als wir. Ich hab sie vor drei anderen Blutsaugern gerettet." Junias musste sich verhört haben. "Hast du einen Schlag auf den Kopf bekommen?" Ganz offensichtlich war sein Bruder nicht mehr zurechnungsfähig. "Warum rettest du ausgerechnet die Bösen unter den Vampiren und lässt dich dann dafür aussaugen?" Jamian gluckste. Albern, fand Junias. Die Jungs aus seiner Klasse glucksten. Gar nicht Jamians Art. Er musste ordentlich etwas abbekommen haben. "Ich erklär dir alles auf dem Weg nach Hause. Du musst mir helfen, ich glaub kaum, dass ich allein gehen kann." "Auch das noch. Hey, warte mal. Dann darf ich aber auch fahren, oder? Wer nicht gerade gehen kann, darf nicht hinters Steuer." "Vergiss es." Jamian grinste, dankenswerterweise schon fast wieder der Alte. Alles andere hätte Junias' Nerven auch überstrapaziert. "Aber du wirst heute Nacht einmal auf mich aufpassen dürfen, June. Ich weiß nicht, wie weit ich mich in dem Zustand im Griff habe. Du wirst mir einen Menschen bringen müssen. Ich sehe nicht besonders gut." "Was soll das heißen?" "Weiß ich auch nicht. Ich war bis eben völlig blind. Ich habe auch nichts gerochen und kaum etwas gehört. Die Sache hat mir offenbar die Sinne geblendet. Aber schau nicht so entsetzt. Es scheint sich zu geben." Junias stützte Jamian auf dem Weg zum Waldrand und bekam in knappen Worten die Ereignisse der Nacht dargelegt. Seine Nackenhaare sträubten sich vor Ekel, als Jamian ihm erzählte, wie er im Arm dieser Blutsaugerin aufgewacht war. Widerlich, er konnte sogar noch ihren Geruch an ihm wahrnehmen. Er hätte die Jagd auf die Partisan so schnell wie möglich aufgenommen und dafür auch ohne zu zögern Hilfe beim Senat angefordert. Aber Jamian hatte andere Pläne. Er verbot Junias, über die Vorfälle zu sprechen. Als er nicht antwortete, erlaubte Jamian ihm für sein Wort sogar, den Wagen nach Hause zu fahren. Junias traute seinen Ohren nicht. Was war in seinen Bruder gefahren? Am Waldrand ließ er Jamian im Schutz einiger Büsche zurück und schlich erneut ins Dorf. Er musste unauffällig einen Menschen in den Wald bekommen, dabei möglichst keinem Vampir über den Weg laufen und konnte zudem nur darauf hoffen, dass die Blutsauger nicht zufällig über seinen Bruder stolpern würden. An einem schmucken Einfamilienhaus blieb er stehen. Hier wohnte Heather Kalms, ein Mädchen aus seiner Schule. Die war genau das, was Jamian jetzt brauchte. Er sah so mies aus, dass das hübscheste Mädchen der Schule gerade recht war. Sie hatte früher sogar mal für Jamian geschwärmt und Versuche angestellt, über Junias an seinen Bruder heranzukommen. Eine mehr als unangenehme Erinnerung. Dicht an die Hecke geduckt, die das Grundstück umgab, schlich Junias zur Hinterseite des Hauses. Heather besaß einen Haufen Rassekatzen, die sie manchmal zu Ausstellungen schleppte, um danach mit den Preisen anzugeben. Möglicherweise verfügten diese ja über ihren Privateingang. Tatsächlich fand er an der Hintertür, die über eine Veranda in die Küche führte, eine Katzenklappe. Sie war zu eng, um sich hindurchzuzwängen, aber er bekam einen Arm durch die Luke und nach einigen Versuchen gelang es ihm, sein Schlüsselband um die Türklinke zu werfen und sie damit herunterzuziehen. Wie nett von den Kalms, nicht abzuschließen. Er schlich lautlos durch die Küche, die Treppen hoch in die obere Etage. Dankbar registrierte er die albernen bunten Namensschilder an den Zimmertüren. In einem der anderen Räume hörte er jemanden schnarchen, doch aus Heathers Zimmer klangen nur gleichmäßige Atemzüge. Junias drückte die Tür auf. Wow. Heather Kalms ungeschminkt und im Hello-Kitty-Schlafanzug! Dass er so was mal erleben würde. Er gab sich einen Moment, sie zu beobachten, registrierte ein gewisses Verlangen, aber auch eine noch viel stärkere Wut auf dieses Mädchen. Sie hatte ihn zum Gespött der ganzen Klasse gemacht, ihn einen Freak genannt. Sei es drum; er war drauf und dran, zum Stalker zu werden, was sicher noch schlimmer war, als Menschen zu entführen, um ihr Prana zu rauben. Er war ein gottverdammter Freak. Heather bewegte sich im Schlaf, ihre Augenlider flatterten. Rasch legte er eine Hand an ihren Arm. Schlaf, dachte er konzentriert. Schlaf! Sie bewegte sich nicht mehr; auch nicht, als er sie hochhob und zum Fenster trug. Er konnte sie mühelos in einem Arm halten, während er das Fenster öffnete. Angesichts des Risikos, das er jetzt eingehen musste, atmete er durch und zog ungewollt ihren Geruch tief in seine Lungen. Die Reste von zu viel Parfum vermischten sich mit dem angenehmen Duft des Schlafs. Eine irritierende Mischung, abstoßend und anziehend zugleich. Er hielt die Luft an, stützte ihr Genick, indem er ihren Kopf an seine Brust drückte, und sprang.


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