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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Staub und Stolz, C. Dewi
C. Dewi

Staub und Stolz



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Kapitel 1


 


 


»So, so, Forlán. Sieh an. Bist du wirklich so gut, wie man sich erzählt?«


 


Forlán hob den Kopf und sah dem Prinzen in die Augen. Allein dieses Verhalten brachte ihn in ernsthafte Lebensgefahr. Doch was war sein Leben schon wert, ausgestoßen von seinem Stamm, namenlos? Wenn der Prinz seine Dienste wollte, so würde er sich damit abfinden müssen, dass Forlán nicht kuschte wie einer seiner Untertanen. Nein, er gehörte zum stolzen Volk Forlán, das der Roten Wüste trotzte. Da er keinen Namen mehr hatte, riefen ihn alle Menschen beim Namen seines Volkes. Forlán war so gut wie jeder andere Begriff auch.


 


Die Augen des Prinzen waren von einem intensiven Grün.


 


Forlán hatte schon als Kind von dem absonderlichen Aussehen der nördlichen Völker gehört, wenn nachts an den Feuern Geschichten erzählt wurden. Farbige Augen wie Edelsteine, dazu Haare, die schimmerten wie Gold oder Kupfer. Fünf Jahre lang, seit jener Nacht, in der sein Schicksal verkündet wurde, war er umhergezogen, hatte Land um Land bereist. Je weiter er nach Norden gekommen war, umso seltsamer erschienen ihm die Menschen. 


 


Ihre Gebräuche waren fremd, ihre Sprachen klangen sperrig in seinen Ohren, wenngleich er immer wieder Brocken verstand. Er hatte sich als Söldner verdingt, hatte für Geld gekämpft und so manches Mal getötet. 


 


Ja, er war gut. Seit rund drei Jahren lebte er in diesem Land. Er schützte die Reichen oder brachte sie um, je nachdem, was sein jeweiliger Auftraggeber verlangte. Es war ihm einerlei. Wenn der Prinz ihn als Leibwächter haben wollte, so würde er einen hohen Preis bezahlen müssen.


 


Forlán erwiderte die Frage des Prinzen mit einem knappen Kopfnicken, ohne den Blick zu senken. Er konnte das unruhige Raunen der ihn umgebenden Männer hören. Kein Sterblicher wagte es, dem Herrschersohn so herausfordernd ins Gesicht zu starren. 


 


Der Prinz schien dies ähnlich zu sehen. Seine Oberlippe zog sich empor, einem angedeuteten Knurren gleich. 


 


»Du bist stolz, Forlán. Eine gefährliche Eigenart. Sie kann einen schnell den Kopf kosten.« 


 


Der Prinz trat einige Schritte zurück und musterte ihn abschätzend. Forlán wusste, dass seine Kleidung abgetragen war. Eine schwarze Lederhose umschloss seine langen Beine. Sie war weich und von den langen Ritten an den Innenseiten seiner Oberschenkel glatt gescheuert. Das Wams, das er trug, war wohl eher mit einem Fetzen zu vergleichen. Große Löcher und Risse ließen Forláns dunkle Haut hindurchschimmern, die Ärmel fehlten gänzlich. 


 


Seine Arme wiesen den dunklen Olivton seines Volkes auf und waren mit dessen traditionellen Malen bedeckt. Die Stammesältesten hatten ihm bei seiner Verbannung bis auf seine Stute und sein Schwert alles genommen, was ihn als Sohn ihres Volkes ausweisen konnte. Doch seine Male, Zeugen seiner Taten und seiner Tapferkeit, hatten sie ihm nicht nehmen können.


 


»Mein Vater scheint es für nötig zu halten, mir einen weiteren Leibwächter zuzumuten. Ich muss dir sicher nicht erklären, dass ich die Meinung des Herrschers – die Götter mögen ihm ein langes Leben schenken – nicht teile. Ich glaube, gut selbst auf mich aufpassen zu können. Verstehe mich bitte nicht falsch, fremder Forlán, doch ich bezweifle, dass ein Mann deiner Statur einen Attentäter meines eigenen Volkes aufhalten könnte.«


 


Er deutete auf sein Gegenüber und damit auf den offensichtlichen Grund seiner Einschätzung. Forlán war einen knappen Kopf kleiner als der Prinz. Die Nordländer waren ein großes Volk, die Männer hochgewachsen und breitschultrig. Und plump wie die Ochsen, die seines Onkels Gespanne gezogen hatten. Forlán konnte ein abfälliges Schnauben nicht unterdrücken. In den Augen des Prinzen zeigte sich kurz ein wütendes Aufflackern.


 


»Nun denn, ich gebe dir Gelegenheit, dein Können unter Beweis zu stellen. Besiegst du mich, nehme ich meine Worte zurück und du wirst in meinen Diensten reich entlohnt werden. Verlierst du jedoch, wirst du deine Frechheit bereuen und die Peitsche schmecken. Und dies nur, weil ich heute großzügig gestimmt bin.«


 


Mit diesen Worten warf der zukünftige Herrscher der Nordländer seinen Umhang ab und Forlán einen Dolch mit kurzer, kräftiger Klinge zu. Seine eigenen Waffen hatte man ihm vor dem Treffen mit dem Prinzen selbstverständlich abgenommen. 


 


Forláns Gedanken rasten. Die Situation war heikel. Niemand wagte es, die Hand gegen die Herrscher des Hauses Tindúr zu erheben, und sei es nur in einem Kräftemessen. Sie vergaßen ebenso wenig, wie sie verziehen. Ihre Macht schien unbegrenzt, und das eigene Volk zitterte vor den Launen des Kriegerprinzen Iain, dem der Ruf vorauseilte, grausam zu sein. Es war gut möglich, dass Forlán diesen Kampf nicht überlebte – gerade weil er ihn gewinnen würde. Er spielte mit dem Gedanken, die Herausforderung abzulehnen, doch ein spöttischer Blick aus grünen Augen ließ seinen Stolz aufflammen. Sein verdammter Stolz. Wie oft hatte er ihm bereits Probleme eingebracht?


 


Ein Kreis aus schaulustigen Adligen und Kriegern hatte sich um sie gebildet. Die Gesichter verrieten Vorfreude auf den Kampf – vielleicht auch Vorfreude auf das baldige Ableben des respektlosen Südländers. Der staubige Boden war hart und eben unter seinen Füßen – guter Grund für einen Kampf Mann gegen Mann. Forlán wog den Dolch in der Hand. Es war eine hervorragende Waffe, Klinge und Heft waren perfekt ausbalanciert. 


 


Unvermittelt attackierte ihn der Prinz. Er war schneller, als Forlán vermutet hatte. Mit einer Folge von brutalen Hieben und flinken Stichen wurde er von seinem Gegner bedrängt. Wahrlich, der Nordländer konnte kämpfen, und Forlán musste ihm recht geben: Dieser Mann benötigte keinen Leibwächter. Zumindest nicht gegen die Attentäter seines eigenen Volkes. Er hatte es mitnichten mit einem verweichlichten Adligen zu tun, sondern mit einem Mann, der bereits viele Kämpfe auf Leben und Tod ausgefochten haben musste.


 


Forlán hielt den Prinzen auf Abstand, testete seine Reaktionen. Seine eigenen Angriffe waren allerdings nur halbherzig geführt. Noch immer wusste er nicht, wie er am besten aus dieser brenzligen Situation entkommen konnte. Sein Gegner deutete sein Zögern als ängstliche Unfähigkeit und begann, ihn zu verhöhnen. Forlán fühlte kalte Wut in sich aufsteigen, bezwang sie aber sogleich wieder. Zorn war selten ein guter Ratgeber. 


 


Durch einen erneuten vehementen Angriff wurde Forlán zurück in Richtung der sie umstehenden Männer gedrängt. Staub wirbelte auf. Für einen winzigen Augenblick war er abgelenkt, als er Wirkos entsetztes Gesicht sah. Der Adlige, der sich für das Können des Südländers beim König verbürgt hatte, würde an Ansehen verlieren, wenn Forlán sich als untauglich entpuppte.


 


Der Prinz nutzte seine Unaufmerksamkeit und wirbelte in einer Drehung herum. Bevor Forlán sich versah, spürte er die fremde Klinge an seiner Kehle. Er erstarrte. 


 


Sie beide atmeten schwer. Er konnte die Wärme des anderen Mannes an seinem Rücken fühlen, als dieser ihn von hinten an den Haaren packte und seinen Kopf zurück zog, um seine Kehle zu entblößen.


 


Die Stimme des Nordländers war nur ein Raunen, als er in Forláns Ohr sprach: »Nun, wie es scheint, hatte ich recht, Mann ohne Namen. Ist dies die Art deines Volkes, mit ihren Versagern umzugehen? Indem man ihnen das Recht auf den eigenen Namen verwehrt?«


 


Forlán wusste, dass er sich mit seiner nächsten Bewegung einen tiefen Schnitt einhandeln würde und hoffte, dass der Prinz seine Luftröhre verfehlen würde. Doch er hatte die Spielereien und die Demütigungen satt.


 


Mit einer Drehung, die für seinen Gegner und auch die umstehenden Männer unerwartet kam, befreite sich Forlán aus dem Griff des Prinzen, kam hinter ihm zu stehen und zog ihm mit einem gezielten Tritt die Füße unter dem Körper weg. Noch bevor der Nordländer gänzlich vornüber gefallen war, war Forlán auf ihm. 


 


Er hörte, wie der Mann pfeifend die Luft ausstieß, als er ihm sein Knie zwischen die Schulterblätter rammte und ihn so mit dem Gesicht nach unten im Staub festnagelte. 


 


Metallisches Schaben verriet ihm, dass die umstehenden Männer ihre Schwerter gezogen hatten. Langsam sah Forlán vom blonden Hinterkopf seines Gegners auf. Über ein Dutzend Schwertspitzen waren auf ihn gerichtet und verharrten nur wenige Fingerbreit vor seinem Gesicht. Das Brennen an seinem Hals und die warme Feuchtigkeit, die den Halsausschnitt seines Wamses durchtränkte, erinnerten ihn an den tiefen Schnitt, den der Prinz ihm beigebracht hatte.


 


Forlán ließ den Dolch fallen und erhob sich in einer fließenden Bewegung. Die umstehenden Krieger traten zurück, ließen die Waffen jedoch nicht sinken. Der Prinz rappelte sich auf, seine helle Haut war mit braunem Staub bedeckt. In seinen Augen stand Wut und ließ sie kalt glitzern. Schweigend musterte er den Südländer. 


 


Der Schlag, der Forlán ins Gesicht traf, war hart und ließ seine Lippe aufplatzen. Sein Schädel dröhnte. Wut kochte in ihm hoch. Der Nordländer hatte ihn geschlagen wie einen Gassenjungen. Mit der flachen Hand. Er meinte, den brennenden Abdruck der Finger auf seiner Haut zu spüren. Langsam drehte Forlán den Kopf zurück. Reiner Überlebensinstinkt hielt ihn davon ab, sich unbesonnen auf den Mann zu stürzen. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Es war offensichtlich, wie sehr Forlán mit sich rang. 


 


Mit einem Mal begann der Prinz zu lachen. Vereinzelt stimmten die restlichen Männer ein, verstummten jedoch sogleich, als er erneut das Wort an Forlán richtete.


 


»Du bist stolz, Südländer. Zum Glück bist du auch schnell und kennst den Unterschied zwischen Mut und Torheit. Mein Vater hat eine gute Wahl getroffen.« 


 


Der Prinz klopfte sich den Staub aus den Kleidern, schenkte Forlán ein spöttisches Lächeln und ließ ihn bebend vor Zorn zurück. 


 


Der Südländer zuckte zusammen, als sich eine schwere Hand auf seine Schulter legte. Wirko klang amüsiert und erfreut zugleich: »Gut gemacht, Forlán. Sehr gut.«


 


Ärgerlich wandte sich Forlán zu dem rotblonden Hünen um: »Er hat mich gedemütigt, mich geschlagen wie einen räudigen Hund!«


 


Verblüfft sah Wirko ihn an, dann lachte er schallend: »Aber nein, stolzer Südländer. Einen Untergebenen schlägt man mit dem Handrücken. Nur einen Ebenbürtigen schlägt man mit der Handfläche. Der Prinz schätzt dich. Mehr, als du vielleicht ahnst.«


 


 


 


* * *


 


 


 


 


Das Schaben des Schleifsteins klang angenehm eintönig in Forláns Ohren. Wieder und wieder führte er den Stein über die leicht gebogene Klinge, hielt den Winkel unverändert. Sein Schwert war anders als die der Nordländer. Zwar hatte es einen langen Griff, sodass man es beidhändig führen konnte, es war jedoch so leicht, dass auch ein Mann wie Forlán es gut mit einer Hand beherrschen konnte. Und obwohl es etwas kürzer war als die hiesigen Waffen, war sein Stahl unübertroffen hart und flexibel. Es war eine meisterhafte Leistung gewesen, die der Schmied seines Stammes vollbracht hatte.


 


Ungefragt drängte sich das Gesicht seines alten Freundes in Forláns Gedanken. Er sah Funken wirbeln, hörte den wiederkehrenden Klang des Hammers, der auf Stahl traf. Darüber Kolias Lachen, das sich durch die wabernde Hitze schlängelte. Worüber hatte der Schmied gelacht? Forlán wusste es nicht mehr. Eine verblasste Erinnerung. 


 


Er seufzte leise. Auch nach Jahren in der Fremde fühlte er es stets in sich. Das Ziehen an seinem Herzen, als sei es immer noch mit seiner Heimat verbunden. Eine Heimat, die ihm entrückt war, ihrer Gerüche und Farben beraubt.


 


Er zwang seine Konzentration auf die Arbeit seiner Hände, ließ sich erneut von den gleichmäßigen Bewegungen einlullen. Er wollte nicht an zuhause denken. 


 


Abwesend summte er vor sich hin. Eine kleine Melodie, die seine Mutter oft gesungen hatte. Wenn er sich bewegte, konnte er das Gewicht des Steines spüren, der an einem Lederband um seinen Hals hing und gegen seine Brust klopfte wie ein zweites, unregelmäßig schlagendes Herz. Ab und an ließ er den Blick über das Lager schweifen, das sie in einer Talmulde aufgeschlagen hatten. Das Zelt des Prinzen stand etwas abseits und war allein durch seine Größe gut von den anderen zu unterscheiden.


 


Nachdenklich setzte Forlán die gleichmäßige Bewegung seiner Hände fort. Er war sich nicht sicher, ob es tatsächlich eine Bedrohung für das Leben des Prinzen gab, die einen dritten Leibwächter nötig machte. 


 


Es gab keinen Moment, in dem der Thronfolger der Nordländer unbewacht war. Für gewöhnlich wurde der Leibwächter vor dem Zelt des Herrschers postiert, die Rückseite des Zeltes wurde von anderen Wachen gesichert. Forlán fragte sich, ob man ihnen vertrauen konnte. Zuweilen musste der Leibwächter auch mit dem Prinzen im Zelt bleiben, vor allem dann, wenn er Besuch empfing. Dann stand er schräg hinter dem Thronfolger. 


 


Forlán fragte sich, wie der Mann es ertrug, ständig unter Beobachtung zu stehen. Keine seiner Bewegungen blieb unbemerkt, kaum ein Wort ungehört. Forlán empfand die erzwungene Nähe zu einem anderen Menschen als befremdlich, aber sie war Teil seiner Arbeit. Er hatte sich daran gewöhnt, den Gesprächen um ihn herum möglichst wenig Beachtung zu schenken. Es war ihm recht, dass ihn auch der Prinz kaum ansprach.


 


Forlán fühlte sich wie ein Schatten. Stumm und doch immer präsent. Ein guter Vergleich, wie er fand.


 


Woran er sich weniger gewöhnen konnte, als an seine schweigsame Arbeit, war das Leben im königlichen Tross. Der Thronfolger pendelte zwischen den drei Residenzen Thiedra im Norden, Neer im Osten und der Hauptresidenz Farstad im Südwesten, um einen Eklat zwischen den Adelshäusern des Nordreiches zu verhindern. Dies hatte zur Folge, dass er einen großen Teil des Jahres auf Reisen zubrachte.


 


Forlán empfand das Lager als beengend. Überall um ihn herum waren große, grobe und raubeinige Männer, die schallend lachten oder lärmend fluchten. 


 


Alles an diesen Menschen schien laut zu sein und seine persönlichen Grenzen zu überschreiten. Forlán vermisste die ruhige und bedachte Höflichkeit seiner Leute genauso wie ihre Kunst des scharfzüngigen Disputs. Die wenigen Frauen im Lager waren recht burschikos. Wahrscheinlich war es ihre Art der Verteidigung gegen die ständigen Witze und Anzüglichkeiten, die sie vonseiten der Männer ertragen mussten. Bei den Forlán wurden Frauen geachtet und mit sehr viel Respekt behandelt. Sie waren diejenigen, die für das Überleben der Stämme entscheidend waren. Hatten denn all diese Männer keine Mütter oder Schwestern, dass sie die Frauen so unverschämt behandelten?


 


Für die Nordländer andererseits musste er sehr fremd wirken. Immer wieder bemerkte er, dass ihn musternde Blicke trafen. Manche waren neugierig, andere unverhohlen misstrauisch. Obwohl er inzwischen vom Heermeister Silas, der für die Organisation und die Verpflegung des Trosses zuständig war, neu eingekleidet worden war, machten allein schon sein pechschwarzes Haar und seine dunkle Haut ihn inmitten all der hellhäutigen Menschen unverwechselbar. 


 


Seine Waffen hatten beim Heermeister Erstaunen hervorgerufen. Ein kurzer Versuch Forláns, mit einem der langen Breitschwerter zu kämpfen, hatte jedoch deutlich gemacht, dass er mit seinem eigenen Schwert besser bedient war. Selbst ein neues Pferd hatten ihm die Nordländer angeboten, was Forlán entschieden von sich gewiesen hatte. Silas hatte mitleidig den Kopf geschüttelt, als er Forláns fuchsfarbene Stute musterte. 


 


Sie war zierlich und von schlankem Wuchs, ganz anders als die großen und schweren Pferde der Nordländer. Ihr Fell hatte eine rostrote Farbe, ihre Beine waren weiß gestiefelt. Unruhig hatte sie mit den Augen gerollt und die Nüstern gebläht, als der Heermeister nach ihrem Halfter gegriffen hatte. 


 


»An einem Reh ist mehr dran als an diesem Pferdchen. Die gäbe ja kaum genug Würze für eine magere Brühe. Wenn du im Dienste des Prinzen bestehen willst, brauchst du ein kräftiges Pferd, das den Strapazen unserer Reisen gewachsen ist. Und eines, das schnell genug ist, mögliche Angreifer zu verfolgen.«


 


»Glaub mir, Heermeister Silas, diese Stute stellt alle Pferde deines Landes in den Schatten. Sie ist schnell wie der Wind, dessen Namen sie trägt. Sie ist mutig und wird mir bis zum Tode beistehen.«


 


Silas hatte angesichts dieser Worte amüsiert geschnaubt. »Nun gut, behalte dein Reh. Aber denke an meine Worte, wenn du zu Fuß laufen musst, weil sie auf dem Weg nach Neer zusammengebrochen ist. Wir werden einige Wochen unterwegs sein.«


 


Ein schrilles Wiehern riss Forlán aus seinen Gedanken. Es klang panisch und viel zu hell für die hiesigen Pferde. Fluchend erhob er sich und eilte in Richtung der Verpflegungszelte, neben denen die Reittiere angebunden waren. Er hatte versucht, Shahil nah bei seiner Schlafstatt zu halten, wie es Brauch seines Volkes war, doch dies war ihm vom Heermeister untersagt worden.


 


Eine weitere Eigenart, die Forlán für unklug hielt. Wie sollten die Männer im Falle eines Angriffs schnell zu ihren Pferden kommen, wenn sie so schlecht zugänglich untergebracht waren?


 


Die Stämme seines Volkes lieferten sich oft Fehden und Scharmützel. Nächtliche Überfälle auf die Lager eines anderen Stammes waren normal. Kein Mann würde weit entfernt von seinen Waffen oder Pferden schlafen.


 


Ein weiterer panischer Laut trieb Forlán zu größerer Eile. Inzwischen rannte er zwischen den Zelten hindurch, sein Schwert in einer Hand erhoben. 


 


Ein Mann stolperte ihm in den Weg, sodass Forlán einen unfreiwilligen Satz über eine Feuerstelle machen musste, um nicht mit ihm zusammenzuprallen. Als er an dem gespannten Seil angelangt war, an dem die Pferde einzeln angebunden waren, suchte er vergeblich nach Shahil.


 


Lautes Lachen lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine kleine Ansammlung von Schaulustigen, die sich beim Küchenzelt eingefunden hatte. Aufgewirbelter Staub und derbe Flüche verrieten ihm, wo er sein Pferd suchen musste. Grob drängte er sich durch die Menge und achtete nicht wie gewöhnlich darauf, einen ausreichenden Höflichkeitsabstand zu den anderen Menschen einzuhalten.


 


Was er zu sehen bekam, als er sich durch die Reihen der Schaulustigen gekämpft hatte, schürte weißglühende Wut in ihm. Wie konnten sie es wagen?


 


Drei Männer zerrten an den Seilen, die sie seiner Stute um den Hals geschlungen hatten und die ihr die Luft abschnürten. Shahils Halfter lag in Fetzen am Boden. Die Stute war mit Schweiß bedeckt, ihre Augen waren wild verdreht. Sie bäumte sich auf und versuchte, den Mann, der ihr am nächsten war, mit einem Tritt ihrer Vorderhufe zu treffen.


 


»Vorsicht, Torge, das Biest ist mit allen Wassern gewaschen!«


 


»Ja, Torge, pass auf, dass sie dir nicht den Schädel einschlägt!«


 


Raues Lachen erscholl rund um Forlán.


 


»Du hättest dich nicht überreden lassen sollen, das Suppenfleisch für diese Woche einzufangen.«


 


Die Menge johlte, als der Mann, der wohl Torge sein musste, sich mit einem Satz aus der Reichweite der wirbelnden Hufe rettete. Wütend ruckte er am Seil.


 


»Aufhören! Was fällt euch ein? Lasst das Pferd los!«, brüllte Forlán und stieß einen der Männer grob zur Seite.


 


Obwohl Shahil vor Angst halb wahnsinnig war, erkannte sie seine Stimme. Nun, da sie nur noch von zwei Männern gehalten wurde, hatte sie genügend Kraft, diese mit sich zu ziehen, als sie zurückwich. Dabei kam sie dem Küchenzelt mit seinen Feuerstellen gefährlich nahe. 


 


Forlán wusste, dass er schnell handeln musste, um Schlimmeres zu verhindern. In der Sprache seines Volkes, der Sprache, die im Norden außer für ihn nur noch für sein Pferd eine Bedeutung hatte, rief er Shahil einen Befehl zu. Seine Stute war ausgebildet worden, inmitten des verstörenden Schlachtengetümmels an seiner Seite zu kämpfen. Forlán hoffte, dass sich ihre Ausbildung auch in einer solchen Situation auszahlen würde. 


 


Und tatsächlich, die Stute kam auf allen Vieren zum Stehen. Sie zitterte am ganzen Körper und warf unruhig den Kopf hoch. Mit wenigen, entschlossenen Schritten war Forlán bei ihr und stellte sich vor sie, das Schwert drohend erhoben.


 


»Keiner rührt dieses Pferd an! Was seid ihr für Barbaren?«, schrie er bebend vor Wut. Seine angespannte Haltung drückte aus, dass er die Stute im Notfall mit Gewalt verteidigen würde. 


 


Schlagartig kehrte Stille ein. Forlán streckte die Hand nach Shahils Hals aus, fuhr beruhigend darüber und löste dann entschlossen die Schlingen. Als seine Stute befreit neben ihm stand, wandte er sich zur still gaffenden Menge um: »Barbaren. Ein solches Geschöpf wie Schlachtvieh herumzuzerren.« Er spuckte auf den Boden, um seine Verachtung auszudrücken. Ein ungehaltenes Murren aus der Menge antwortete ihm. Er hob die Spitze seines Schwertes höher. Sofort verstummten die Leute wieder. 


 


»Merkt euch: Keiner rührt an, was mir gehört«, knurrte er heiser. 


 


Mit diesen Worten wandte sich Forlán ab, griff in die Mähne seines Pferdes und sprang katzengleich auf dessen Rücken. Shahil tänzelte auf der Stelle. Mit einem leichten Druck seiner Schenkel beruhigte Forlán sie und hinderte sie daran, doch noch rückwärts in das Küchenzelt zu drängen. Dann stieß er einen gellenden Schrei aus, riss sein Schwert in die Höhe und preschte auf die Menge der Schaulustigen zu, die ängstlich auseinander stob.


 


Forlán wusste, dass er sich mit seinem Verhalten sehr unbeliebt machte. Dennoch bereute er seine Handlung nicht. Sollten sie ihn hassen. Es war ihm einerlei. Doch sie würden ihn respektieren, bei der Großen Göttin. Barbaren.


 


Seine Sorge wurde von dem prickelnden Gefühl abgelöst, das ihn immer überkam, wenn er wild und eins mit seiner Stute den Wind zu einem Wettrennen herausforderte. Sie verband ein stilles Verständnis, das nicht auf Sattel und Zaumzeug angewiesen war. Im wilden Zickzack sprengten sie zwischen den Zelten hindurch. Erschrockene Aufschreie und wütendes Fluchen begleiteten ihren Weg. Bald würden sie den Rand des Lagers erreicht haben. 


 


Laufen! Frei sein! Danach dürstete es sie beide, nach Tagen in dieser drangvollen Enge. 


 


Mit einem Mal traten mehrere Männer aus dem Zelt, an dem Forlán als Nächstes vorbei preschen wollte, und verstellten ihm den Weg. Nur, indem sie die Hufe in den Boden stemmte, kam Shahil schlitternd zum Stehen. Forlán lehnte sich weit nach hinten, um nicht vornüber geschleudert zu werden. Die Männer vor ihm wurden in Staub und Dreck eingehüllt. Ein Blick auf das große Zelt schräg vor ihm vertrieb das Prickeln aus seinen Blutbahnen. Es gehörte dem Prinzen. 


 


Forlán musste einen alles andere als harmlosen Eindruck gemacht haben, als er mit erhobenem Schwert auf den zukünftigen Herrscher der Nordländer und die ihn umgebenden Adligen zugerast kam. Die Männer, allen voran der zweite Leibwächter Murno, hatten ihre Schwerter gezogen und auf Forlán gerichtet. Einzig der Prinz schien von seinem Auftritt ungerührt. Forlán bemerkte, dass dieser im Gegensatz zu den meisten seiner Männer nicht zurückgewichen war. Die grünen Augen des Prinzen bohrten sich in die seinigen.


 


»Dritter Leibwächter. Was soll dieser Auftritt? Erkläre dich!« Urza, einer der königlichen Berater und Vertrauter des Prinzen, funkelte ihn zornig an. Noch immer hatte keiner der Männer sein Schwert gesenkt.


 


Ein anderer Mann, den er noch nie gesehen hatte, knurrte: »Was sitzt der Südländer hoch zu Ross? In den Staub mit ihm, denn kein Mensch erhebt sich über königliches Geblüt.« 


 


Das Gesicht des Mannes drückte Verachtung aus. Im Gegensatz zu vielen der Nordländer trug er, ebenso wie der Prinz, keinen Bart. Sein langes rotblondes Haupthaar war zu einem Zopf gebunden und mit Bändern durchflochten, die ihn als Adligen hohen Standes auswiesen. Seine Augen waren von einem kalten Grau, wie der Himmel, der sich über ihnen spannte.


 


Zwei Wachen kamen an Forlán heran, um ihn grob vom Pferd zu zerren, doch Shahil bleckte die Zähne und schnappte nach ihnen. Beruhigend redete er auf sie ein und verstärkte die Spannung seines Körpers, um ihr einen Rahmen zu geben, den sie nicht überschreiten würde. Alles, was ihm jetzt noch fehlte, war, dass sein Pferd jemanden niedertrampelte.


 


Als die Wachen einen zweiten Vorstoß unternehmen wollten, hob der Prinz die Hand: »Haltet ein! Mir scheint, der stolze Forlán ist recht beschäftigt damit, sein zaumloses Pferdchen in den Griff zu bekommen. Tretet zurück.«


 


Mit einer herrischen Geste scheuchte der Nordländer seine Männer nach hinten, nur er selbst rührte sich nicht von der Stelle. Forlán war erstaunt über diese Aussage, denn sie rettete ihn einerseits, andererseits beleidigte und verspottete sie ihn. Er wusste nicht, ob er erleichtert oder erbost sein sollte. Doch er wusste, was er seinen Dienstherrn schuldig war: Gehorsam. 


 


Der Südländer neigte den Kopf: »Ich danke euch, Hoheit. Ich musste meine Stute aus einer misslichen Situation befreien, und ohne Zaum lässt sie sich am besten führen, wenn ich sie reite.« Dass Shahil ihm auch am Boden folgte wie ein Hündchen, unterschlug Forlán wohlweislich.


 


»Du hattest es recht eilig, wie es scheint. Es erstaunt mich, dass du in der Lage bist, das Pferd ohne Zaum im vollen Galopp zu beherrschen. Ist dies üblich bei deinem Volk?«


 


»Ja und nein, mein Herr. Wir Forlán werden nicht zu Unrecht das Volk der Zentauren genannt. Doch hat meine Stute eine besondere Ausbildung genossen, die sie – neben ihrer Abstammung – über die meisten Pferde meines Stammes erhebt.«


 


Der Prinz legte den Kopf schief und musterte seinen Leibwächter und dessen Stute ausgiebig. Dem Südländer wurde unter dem prüfenden Blick recht unwohl. Es lag etwas Lauerndes darin, das er nicht näher benennen konnte.


 


Mit einem Mal wandte sich der Herrscher von ihm ab. »Bursche, bring mir mein Pferd.« 


 


Der angesprochene Knabe eilte davon. Mehrere der Männer warfen sich fragende Blicke zu. Ohne ihnen weitere Beachtung zu schenken, sprach der Prinz zu Forlán: »Mir scheint, du warst gerade auf dem Weg zu einem kleinen Ausritt. Ich werde dich begleiten, und du wirst mir mehr von den Pferden und der Reitkunst deines Volkes erzählen.«


 


»Wie ihr wünscht«, sagte Forlán und beugte erneut den Kopf. 


 


Äußerlich wirkte er unbewegt, doch innerlich rasten seine Gedanken. Was hatte es mit dem plötzlichen Interesse des Thronfolgers auf sich? Ihm war unwohl bei dem Gedanken, Zeit mit ihm verbringen zu müssen. Eigentlich lachhaft, denn Forlán brachte einen Großteil eines jeden Tages in der Nähe des Prinzen zu. Doch in dieser Zeit schenkte er ihm keine weitere Beachtung und Forlán war froh darum.


 


Der Leibwächter Murno regte sich und orderte ein zweites Pferd, aber der Prinz unterbrach ihn: »Murno, ich benötige deine Dienste nicht mehr. Forlán begleitet mich, das reicht.« 


 


Forlán sah, dass der grauäugige Adlige protestieren wollte. 


 


»Geht. Alle«, schnitt der Prinz ihm das Wort ab.


 


Die Männer zerstreuten sich. Der Grauäugige warf Forlán einen drohenden Blick zu, bevor er sich abwandte und den anderen Adligen folgte.


 


 


 


Schweigend ritten der Prinz und Forlán nebeneinander her und erklommen die leichte Steigung, die aus dem Tal führte. Shahil tänzelte auf der Stelle. Forlán fühlte ihren Wunsch nach ungezügelter Bewegung, nach Schnelligkeit. Doch er musste sich dem Tempo des Nordländers anpassen. Er wusste nicht, was ihn nervöser machte: dass dieser beharrlich schwieg oder der Gedanke, er könne mit ihm reden wollen. Forlán war sich sicher, dass sein Verhalten im Lager ein Nachspiel nach sich ziehen würde. 


 


In den Tagen, die er bisher im Dienste des Prinzen zugebracht hatte, hatte er einen Eindruck von dessen Charakter gewonnen. Er herrschte mit uneingeschränkter Autorität.


 


Sein Vater, der König, war alt und nicht mehr in der Lage, die kräftezehrenden Reisen zwischen den Residenzen zu bewältigen. So war der Prinz zwar noch nicht zum Herrscher gekrönt, tatsächlich aber schon seit einigen Jahren in dieser Rolle in seinem Reich unterwegs. Er duldete keinen Ungehorsam und auch keine Respektlosigkeit. Er zeigte die unbeugsame Grausamkeit eines Menschen, der mit einem Handstreich über das Leben seiner Untertanen entscheiden konnte. Dennoch schien er nie unüberlegt zu handeln. 


 


Seine Urteile waren hart, aber nicht kopflos gefällt. Die adligen Männer, die ihn stets umringten, zweifelten niemals seine Autorität an. Manchmal glaubte Forlán, eine leichte Verachtung seitens des Thronfolgers zu bemerken, wenn die Adligen vor ihm katzbuckelten.


 


Forlán sah zu dem neben ihm reitenden Mann hinüber und zuckte unwillkürlich zusammen. Der Prinz musterte ihn unverhohlen. 


 


»Ist deine Stute immer so nervös?«


 


Forlán befeuchtete seine trockenen Lippen, bevor er sprach. »Nein. Ich habe sie in den letzten Tagen vernachlässigt. Sie ist es gewohnt, weite Strecken zurückzulegen und hat einen großen Bewegungsdrang. Außerdem habe ich durch unseren kurzen Ritt im Lager ihre Lust am Rennen geweckt.«


 


Der Prinz hörte ihm interessiert zu. Forlán nahm eine erneute Eskapade seiner Stute zum Anlass, ihr seine Aufmerksamkeit zu widmen.


 


»Man erzählt sich im Lager, du seist der Meinung, dass dein Pferd den unsrigen überlegen ist.«


 


Forlán war bewusst, dass die Menschen im Lager über ihn redeten und viele seiner, in ihren Augen absonderlichen, Eigenarten kommentierten. Dass dieses Geschwätz an die Ohren seines Dienstherrn drang, hatte er jedoch nicht erwartet. 


 


»Ja«, antworte Forlán und sah stur geradeaus.


 


»Was hältst du davon, wenn wir ein kleines Rennen gegeneinander reiten?«


 


Forlán sah den Nordländer erstaunt an, schwieg aber.


 


»Nun, mein Artark hier ist eines der besten Pferde, das ich besitze. Er sollte sich wohl mit deiner kleinen Stute messen können«, erläuterte der Nordländer spöttisch seinen Vorschlag.


 


»Wie ihr wünscht, mein Herr«, meinte Forlán nach kurzem Überlegen.


 


Der Prinz deutete auf einen Baum, der am Ende der Ebene stand, die sie soeben überquerten. Der Südländer nickte ihm sein Einverständnis zu und griff mit einer Hand in die Mähne seiner Stute. Sie kamen nebeneinander zum Stehen.


 


»Los!« 


 


Das Kommando des Nordländers glich einem Knurren. Beide Pferde sprangen von der Stelle. Forlán fühlte den Ruck der Beschleunigung, presste sich fest an den Pferdeleib und beugte sich nach vorne. Shahils Mähne peitschte ihm ins Gesicht. Er trieb sie nicht an. Er wusste, dass ihr natürlicher Drang sie befeuerte, das fremde Pferd nicht überholen zu lassen. Die Muskeln ihres Körpers arbeiteten unter ihm. Der Wind trieb ihm eine Träne aus dem Augenwinkel. Sein Herz klopfte hart in seiner Brust, ein Prickeln flutete seine Adern. Er konnte sehen, dass Artarks Kopf auf Höhe von Shahils Flanke war. Doch seine Stute schob sich Schritt um Schritt weiter nach vorne. Sie hatten kaum die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als Shahil uneinholbar in Führung lag. Forlán konnte ein Lachen nicht unterdrücken.


 


»Shahil, Feyna al Naar! Feyna al Shamaal, vetara!«


 


Shahil quittierte seinen Ausruf, indem sie sich streckte, noch flacher wurde und nun endgültig die Geschwindigkeit annahm, die ihrer würdig war. Die Welt flog an ihnen vorbei, der Baum näherte sich viel zu schnell. 


 


Forlán richtete sich auf, um Shahil zu verlangsamen. Dennoch waren sie sehr schnell, als sie den mächtigen Stamm erreichten und sich gemeinsam in die Kurve legten, um ihn zu umrunden. Sie waren bereits fast zum Stehen gekommen, als der Prinz hinter ihnen eintraf. Sein Schimmel war schweißnass, seine Flanken bebten. Auch der Prinz war atemlos, einige blonde Strähnen hatten sich aus seinem Zopf gelöst.


 


Er musterte Forlán und seine Stute aus zusammengekniffenen Augen: »Wahrlich, ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen.« 


 


Wieder fühlte sich Forlán an ein Raubtier erinnert. Fast meinte er, Gier im Antlitz des Nordländers zu erkennen. Heiß durchzuckte ihn der Gedanke, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war, Shahils Fähigkeiten so offen zur Schau zu stellen. Wenn der Prinz ihm seine Stute nehmen wollte, würde er nichts dagegen ausrichten können. Stur erwiderte er den Blick seines Dienstherrn.


 


»Südländer, du hast gewonnen. Erstaunlich«, schüttelte der Prinz den Kopf, dann schlich sich ein durchtriebenes Lächeln auf sein Gesicht. »Was würdest du tun, wenn ich dich für diese Dreistigkeit bestrafe?«


 


»Ihr betrachtet den Ausgang eines gerechten Wettrennens als Affront?«, fragte Forlán verwirrt.


 


Das Lächeln des Prinzen wurde breiter, dennoch lag eine Spur Bitterkeit darin: »Niemand traut sich, mir die Stirn zu bieten. Keiner meiner Gefolgsleute würde es wagen, mich zu fordern oder gar zu besiegen.« Er stieß ein freudloses Lachen aus. »Ab und an quäle ich sie, indem ich sie zu einem Kampf herausfordere. Es ist amüsant zu sehen, wie sie sich winden. Verhält es sich bei deinem Volk etwa anders? Würdest du gegen deinen König antreten und ihn gar besiegen können?«


 


»Bei uns werden die Könige nach ihrer Befähigung ausgewählt, nicht nach ihrer Blutlinie. Sich einem Wettstreit zu entziehen, wäre eine Schande.« Im nächsten Moment bereute Forlán seine Worte, denn er hatte dadurch seinem Dienstherrn ehrloses Verhalten bescheinigt.


 


»Hüte deine Zunge, Südländer!« Zornig funkelte der Prinz ihn an. 


 


Forláns Starrsinn erwachte, befeuert von seinem Stolz: »Wenn ihr eine ehrliche Auskunft wünscht, so fragt mich. Wenn ihr bedingungslose Zustimmung wollt, so beschäftigt euch mit euren Speichelleckern.«


 


Im Gesicht des Nordländers zeigte sich maßlose Verblüffung, dann begann er schallend zu lachen. Forlán wusste nicht recht, was er vom sprunghaften Benehmen seines Gegenübers halten sollte.


 


»Fürwahr, stolzer Forlán, deine Gesellschaft ist erfrischend. Dennoch solltest du lernen, nicht alles auszusprechen, was dir durch den Kopf geht. Es könnte dich sonst selbigen kosten.« Die leise Drohung war unüberhörbar. Dennoch lächelte der Prinz Forlán an, und dieser konnte nicht anders, als zurückzulächeln. Um die grünen Augen des Herrschers hatten sich Lachfalten gebildet, die Forlán noch nie wahrgenommen hatte. Nach einigen Herzschlägen wurde der Nordländer wieder ernst, fast nüchtern.


 


»Du bist es nicht gewohnt, den Kopf vor einem anderen zu beugen. Und dennoch bin ich mir sicher, dass diese Geste auch in deinem Volk nicht unbekannt ist. Wer bist du? Verrate mir deinen Namen«, verlangte der Prinz fordernd.


 


Forlán biss fest die Zähne aufeinander. Dies war also der wahre Grund für das Interesse seines Herrn. »Ich bin ein Mann, dem sein Volk alles genommen hat, sogar seinen Namen. Ich bin verdammt, fern von meiner Familie und meinem Stamm zu leben. Ich habe keinen Stand. Und ich beuge mich nur vor denjenigen, die sich meinen Respekt erwerben. Dies muss euch als Auskunft reichen«, erwiderte er kalt. 


 


Nur mühsam konnte er seine Wut unterdrücken, denn er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand versuchte, ihn auszuhorchen oder gar zu manipulieren. 


 


Und wie es schien, verstand sich der Thronfolger auf beides. Er musterte seinen Leibwächter einige Herzschläge lang, dann nickte er. »Es reicht mir, solange ich mir deiner Loyalität sicher sein kann. Was den Respekt angeht, so werde ich mir Mühe geben, ihn mir zu erwerben«, sagte er spöttisch und beugte den Kopf. 


 


Forlán konnte nicht anders, als zu lachen. Seine Wut war ebenso schnell verraucht, wie sie gekommen war.


 


»Sag mir, was hast du deinem Pferdchen vorhin zugerufen? Ich konnte es nicht verstehen, aber es hat ihm Flügel verliehen.«


 


»Ich habe Shahils wahre Namen genannt und sie aufgefordert zu laufen, wie es ihnen gebührt.«


 


»Wahre Namen? Was bedeutet das?«, fragte der Nordländer interessiert.


 


»Bei uns bekommen Pferde neben ihrem Rufnamen auch noch ein bis zwei andere Namen, die ihren Charakter oder auch die Hoffnungen, die man in sie setzt, beschreiben. Shahil bedeutet in eurer Sprache etwa so viel wie schnell oder flink. Sie hat aber noch zwei weitere Namen: Feyna al Naar, Tochter des Feuers. Und Feyna al Shamaal, Tochter des Nordwindes.«


 


»Ihr Südländer seid ein poetisches Volk.«


 


»Wir lieben unsere Pferde. Sie sind der Garant unserer Stärke und sichern unser Überleben. Sie verdienen unsere Achtung.«


 


Der Prinz warf Forlán daraufhin einen Blick zu, den dieser nicht deuten konnte.


 


»Heute gilt mein Respekt dir, Forlán. Für deinen Mut und deine Ehrlichkeit. Doch vergiss nie, dass ich der Herrscher bin und du nur ein Leibwächter in meinen Diensten bist.«


 


Forlán zog die Brauen zusammen. Wie sollte er je vergessen, dass Welten zwischen ihnen lagen? Hielt sein Dienstherr ihn für so naiv, sich wegen einiger freundlicher Töne gleich zu vergessen? 


 


Stumm nickte Forlán dem Prinzen zu, dann wendete er Shahil und ließ sie in Richtung des Zeltlagers trotten. Zumindest sie war nun mit der Welt im Reinen, während Forlán grübelte, warum der Prinz eine so deutliche Warnung ausgesprochen hatte. 


 


Die Stimme des Nordländers riss ihn aus seinen Gedanken. »Ich dachte bisher immer, dein Volk lebe auch in einer Monarchie«, brach der Prinz das Schweigen zwischen ihnen.


 


»Dem ist auch so«, erwiderte Forlán.


 


»Gerade sagtest du noch, eure Herrscher würden ausgewählt. Wie passt das zusammen?«


 


»Die Linie der Königin trägt die Monarchie. Ihr Haus gehört keinem der Stämme an. In ihrem Blut fließt das Erbe der Großen Göttin. Der König hingegen wird von den Stämmen gewählt. Jeder der neun Stämme stellt seinen fähigsten Mann zur Wahl, wenn es Zeit für eine der Prinzessinnen ist, den Thron zu besteigen. Aus diesen Kandidaten wird der zukünftige König bestimmt und der Königin zum Gemahl gegeben. Ihre weiblichen Nachfahren verbleiben im Hause der Königin, die männlichen Nachfahren werden dem Stamm des Mannes zugerechnet.«


 


»Ein interessantes Verfahren.«


 


Forlán zuckte mit den Schultern: »Es sichert das Auskommen zwischen den Stämmen, weil jeder Stamm königliches Blut und damit das Blut der Göttin in sich trägt. Die Frauen des Königshauses sind die Trägerinnen der Weisheit. Sie führen unser Volk mit Weitsicht, ohne sich in die alltäglichen Zänkereien innerhalb der Stämme einzumischen. Nur bei größeren Konflikten greifen sie vermittelnd ein.«


 


»Die Frauen haben viel Macht bei deinem Volk«, meinte der Nordländer nachdenklich.


 


»Sie nutzen ihre Macht weise. Doch auch die Königin kann nicht ohne den Mann an ihrer Seite regieren, denn er symbolisiert die Verbindung der Großen Göttin mit den Stämmen. Nur gemeinsam können sie unser Volk führen und schützen.«


 


»Wie verhindert ihr, dass ein Stamm die Macht an sich reißt, dadurch, dass er die meisten Könige stellt? Und könnte es nicht passieren, dass Bruder und Schwester sich ehelichen?«


 


»Nein, denn einem Stamm, der den König gestellt hat, ist es für die nächsten zwei Wahlen verboten, einen Bewerber vorzustellen. Natürlich gibt es Stämme, die öfter als andere den König stellten. Aber die Königin spielt hier eine wichtige Rolle, da sie keinem Stamm angehört und so um einen Ausgleich bemüht ist.«


 


»Und wonach bemisst sich, welche der Prinzessinnen als Königin ausgewählt wird?«


 


»Zumeist ist es eine der Töchter des letzten Königspaares. Wenn dieses keine Töchter hatte, so weitet sich der Kreis auf Tanten und Cousinen aus. Welche der Prinzessinnen ausgewählt und wie die Wahl getroffen wird, obliegt dem Hause der Königin allein. Doch alle Prinzessinnen werden ihr Leben lang auf die mögliche Rolle als Königin vorbereitet.«


 


»Hat eine Prinzessin denn die Wahl, ob sie Königin werden möchte?«


 


Als Forlán nicht sofort antwortete, sah der Nordländer irritiert zu ihm hinüber. Forláns Blick war in die Ferne gerichtet und hatte einen abwesenden Ausdruck. 


 


»Ja, das hat sie«, sagte er schließlich leise, aber bestimmt. Der Südländer richtete sich auf. Ein Lächeln huschte über seine Züge. »Aber es ist die Bestimmung der Prinzessinnen, ihrem Volk als Königin zu dienen. Keine von ihnen würde diese Bürde ablehnen.«


 


»Ihr habt eine seltsame Vorstellung von der Monarchie. Bei uns dient das Volk dem Herrscher, nicht umgekehrt«, schüttelte der Prinz belustigt den Kopf.


 


»Und doch ist eure Herrschaft auch eine Bürde, mein Herr. Denn euer Leben ist vorbestimmt und in mancherlei Hinsicht habt ihr so wenig Wahlfreiheit wie der einfachste Knecht.«


 


Rüde hielt der Herrscher seinen Schimmel an, sodass dieser verärgert schnaubte. »Maße dir kein Urteil an, Südländer«, zischte er erbost.


 


Dann gab er seinem Pferd die Sporen und sprengte ins Tal hinab.



 


Eine umfassendere Leseprobe ist auf der Verlagshomepage zu finden. 


http://www.incubusverlag.de/shop/data/datenblatt_0000007_1.pdf


 


 


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