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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe So dunkel das Zwielicht II, Christian Tobias Krug
Christian Tobias Krug

So dunkel das Zwielicht II


Gefangen in ewiger Nacht

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So dunkel das Zwielicht II  – Gefangen in ewiger Nacht


 


 


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Kapitel 1


 


 


 


 


Wie die Nächte zuvor träumte er vom Wasser. Von der kalten, blauen See und ihren immerwährenden Fluten …


Hoch oben stand er auf einer steilen Klippe aus grauem Gestein. Vor seinen Augen ragte der Ozean in unendliche Ferne, eingehüllt in finsterste Nacht. In seinen Ohren klang das Rauschen der Wellen, der Gesang des Wassers …


Nächtlicher Wind pfiff durch sein Haar, als er näher an den Rand des Abhangs trat. Tief unter ihm brach die Flut tosend am Fuße des Felsens. Der Vollmond warf silbrigen Glanz vom rabenschwarzen Horizont hinab auf die wilden Wogen. Die Luft schmeckte salzig. Weit hinter dem Strand lag die Stadt, sein altes Leben. All das, was vergangen war. Er war der Stimme des Meeres gefolgt, die ihn leise aus dem Schlaf geweckt und nach ihm gerufen hatte – dem Ruf, den nur er allein vernahm:


Komm, mein Sohn, drang es aus den dunklen Wellen zu ihm herauf, zärtlich wie eine Mutter. Tritt näher, Kind!


Seine Füße bewegten sich, gebannt durch die wundersamen Worte. Je näher er dem Abgrund kam, desto größer wuchs in ihm das sehnsuchtsvolle Gefühl von … Heimkehr? Unten formte das Wasser sanfte Gesichter. Noch einen winzigen Schritt – dann würde er einem Stein gleich den Felsen herabstürzen, im ewigen Ozean versinken und … wäre endlich wieder zu Haus!


Kehre zurück zu mir!


Langsam breitete er die Arme aus, um bereitwillig in die Tiefe zu springen. Spürte die steife Brise auf seinem Gesicht und lauschte dem Flüstern des Meeres; süß wie das Lied einer Nixe, die sich nach ihm sehnte. Zart und glockenklar rief sie ihn beim Namen: Komm zu mir, Kyu-Min! Kyu …


»Kyu!«


Er schlug die Augen auf. Erst endlose Sekunden später dämmerte ihm, wo er eigentlich war: In Julians Zimmer, neben seinem Freund im Bett, die Decke bis zum Kinn gezogen.


»Is’ … alles okay?«, fragte Julian schläfrig. Die blauen Augen seines Liebsten betrachteten ihn im nächtlichen Zwielicht. Blau wie Wasser …


»Ja … W-Wieso, was …?«


»Hast im Schlaf irgendwas gemurmelt, bin wach geworden … Schlecht geträumt?«


»J… Ne … keine Ahnung …« Müde richtete Kyu-Min sich auf, das Kissen raschelte. Sein Schädel fühlte sich benommen an. »Ich … geh kurz was trinken, ja?«


»Mhm, klar.«


Schwerfällig schlüpfte Kyu in Julians Pantoffeln. In dem dunklen Raum regierte Eiseskälte. Ohne Licht einzuschalten, schlich er zur Küche. Aus dem Schlafzimmer tönte das betrunkene Schnarchen von Julians Mutter.


Leise öffnete Kyu-Min den Kühlschrank und griff nach der Mineralwasserflasche neben dem nur noch halb vollen Weißwein, den Frau Sanders sich zu ihrer allabendlichen Zeichenstunde gegönnt hatte. Seine Kehle schien trockener als die staubigste Wüste. Gierig setzte er den Flaschenhals an die Lippen und nahm einen riesigen Schluck, um das Prickeln der Kohlensäure auf der Zunge zu genießen. Wasser …


Ein Blick aus dem Fenster zeigte die einsame Straße. Draußen regnete es in Strömen; dicke Tropfen prasselten gegen die Scheibe.


Durstig leerte Kyu-Min die gesamte Flasche, bevor er zurück in Julians Zimmer tapste. Einen Moment hielt er inne und betrachtete still seinen Freund, der längst wieder seelenruhig schlummerte. Liebevoll strich Kyu ihm eine seiner blonden Strähnen aus dem Gesicht, nachdem er ins Bett geklettert war. Schmiegte sich an ihn, schlief ein … und träumte erneut vom Meer, das sanft seinen Namen rief.


 



 


Als sie aus düsteren Träumen erwachte, herrschte draußen noch dämmrige Dunkelheit. Die Zeiger des kreisrunden Weckers kündigten an, erst in rund einer Stunde zu klingeln. Gähnend wandte Nadja den Kopf auf dem Kissen. Trotz Bettdecke glaubte sie zu frieren. Schaudernd erinnerte sie sich an ihren Traum … das grässliche Gelächter; die gespenstische Stimme, die nach ihr gerufen hatte. Verschwommen sah sie noch immer jene Gestalt vor sich … die Narrenmaske … dieses starre, kalte Lächeln …


Kraftlos erhob Nadja sich, um eine Schachtel Zigaretten aus ihrem Schulrucksack zu kramen; öffnete das Fenster und blies Qualm in die kalte Frühmorgenluft. Rauchen im Haus war ihr verboten – wäre Nadjas Pflegevater nicht schätzungsweise schon vor einer Viertelstunde zur Arbeit aufgebrochen, hätte es gewiss Ärger bedeutet. Früher zumindest. Seit dem Tod seiner Frau plagte Johannes weit Schlimmeres. Nadja stand ihm bei, soweit es in ihrer Macht lag; auf diese Art gewann ihr sonst eher unterkühltes Verhältnis neuerdings eine deutliche Spur an Vertraulichkeit. Johannes sprach häufig über Karin. Er schlief nicht viel und aß nur wenig, aber immerhin, er fraß nichts in sich hinein. Er redete. Über den Verlust seiner Ehefrau, die von Herzen versucht hatte, Nadja eine Mutter zu sein.


Worüber Johannes freilich nie ein Sterbenswörtchen verlor, waren die geheimnisvollen Umstände ihres Verscheidens. Die gesamte Stadt hüllte sich in einen Mantel aus Schweigen, um das Wüten des Wandelnden Nichts schnell im Grab der Vergessenheit zu versenken. Die Städter vermieden das Thema mit ausgeprägter Sorgfalt – flüchteten sich sogar in die Vorstellung, das Grauen hätte angeblich niemals stattgefunden, obwohl die Erinnerung wie ein Schatten spürbar über sämtlichen Häuptern schwebte.


Nadja nahm einen Zug brennenden Tabaks und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Am grauen Himmel schimmerten erste einsame Sonnenstrahlen. Der Himmel … in meinem Traum, dort …! Die Wolken schienen Gesichter zu formen. Grausig grinsende Fratzen. Der Engel mit der Maske … Wer …?


Sie schnippte den Zigarettenstummel hinaus ins schneebedeckte Beet. Eine eisige Brise blies um ihre nackten Beine. Rasch schloss Nadja das Fenster und huschte zum Kleiderschrank, um ihr Nachthemd gegen Hose, Pulli und Wollsocken zu tauschen. Vom Metal-Band-Poster überm Bett grinste ihr schelmisch ein halb verrotteter Zombie entgegen.


Hinter ihrem Rücken – ein dumpfes Geräusch. Erschrocken wandte sie sich um und starrte auf das Buch, das aus dem Regal gefallen war: eines ihrer ältesten Zauberbücher; ein Grimoire, welches sich seit dem 17. Jahrhundert in ihrem Besitz befand. Wann sie zuletzt darin gelesen hatte, vermochte sie nicht zu sagen; es musste vor Ewigkeiten gewesen sein. Aufgeschlagen lag der Foliant vor ihr auf dem Teppich, die Seiten hatten sich beim Sturz eigenmächtig geöffnet … scheinbar wie von Geisterhand.


Unbehagen wuchs in Nadjas Magengrube. Beklommen, beinah misstrauisch betrachtete sie das offene Buch. Hob es zögernd auf, ließ ihre Augen über den aufgeschlagenen Text wandern … und was dort geschrieben stand, raubte ihr vor Verblüffung den Atem.


 



 


Zu beiden Seiten des Tores hockte je ein grimmig dreinschauender Wasserspeier. Steinerne Wächter mit gespreizten Flügeln und stummen, weit aufgerissenen Mäulern. Despariels Hand griff nach der rostigen Kette vor dem Schloss … und gespenstisch quietschend öffnete sich das eiserne Gitter.


Kallisto folgte ihrem Herrn durch den verwilderten Garten hinter dem Tor. Unkrautgestrüpp überwucherte die früheren Beete; nach fünf Jahrhunderten war von der einstigen Blumenpracht bloß ein verwelktes Abbild übrig geblieben. Silbern spielte das Mondlicht im schwarzen Geäst der uralten Bäume, während in der Ferne ein Käuzchen schrie.


Auf dem verschlungenen Pfad zum Anwesen kamen sie an einem ausgetrockneten Brunnen vorüber, halb von Schlingpflanzen erstickt. Kallisto erinnerte sich an das fröhliche Springbrunnengeplätscher … damals, fünfhundert Jahre zuvor. Wehmütig hob sie den Blick zu den dunklen Türmen des Herrenhauses, die hoch bis zur düsteren Wolkendecke ragten. Kastell Astarte war das Zuhause ihrer Kindheit gewesen: das Heim, in das ihr Herr sie als verarmte Waise einst aufgenommen hatte. Kallistos Augen wanderten die Fassade entlang zum verwitterten Fenster von Despariels früherem Schlafgemach. Jene Gewitternacht drang zurück in ihr Gedächtnis … die Nacht, in der sie – ein kleines Mädchen, verängstigt vom Unwetter – zu ihrem Pflegevater ins Bett gekrochen war, seine Einsamkeit gelindert und die Tränen über Raziels Verrat getrocknet hatte …


Langsam stiegen sie die Stufen zur Pforte empor.


»Trautes Heim, Glück allein«, murmelte Despariel und griff nach den Türringen aus schwerem Messing. »Schon damals wusste ich die Abgeschiedenheit dieses Ortes stets zu schätzen, wenn ich mich von den Regierungsgeschäften zurückzog.« Ein Flackern in seinen Augen. »Möge dieses Haus uns auch heute ein Hort der Ruhe sein. Schließlich stehen große Taten bevor.«


Kallisto antwortete mit ernstem Lächeln, während Despariel die knarrenden Türflügel öffnete.


Dahinter lag die Eingangshalle in vollkommener Finsternis. Stille. In dem verlassenen Gemäuer war nicht der leiseste Laut zu hören.


Ihr Herr ging voran, Kallisto folgte ihm auf dem Fuße. Gemeinsam verschwanden sie im Dunkeln des Kastells wie einsame Schatten.


 


 


 


Kapitel 2


 


 


 


 


Der Audienzsaal von Pandämonium war vornehm getäfelt. In den prächtigen Fackelleuchtern zuckten unruhige Flammen. Rund um den Thron aus schwarzem Saphir standen die Herrscher der Hölle versammelt; Besorgnis spiegelte sich auf sämtlichen Gesichtern.


Das reinste Schmierentheater! Er inszeniert seine Rückkehr als dramatische Darbietung – der verfluchte Brief war Teil davon, grollte Mephistopheles, zur Rechten von Baal, dem kindlichen Monarchen der Unterwelt.


Unbehagen regierte im Schloss, seit jene hohntriefende Nachricht eingetroffen war. Dass Despariel früher oder später im Palast auftauchen würde, war natürlich unvermeidlich gewesen – die Art und Weise, wie er seine Ankunft angekündigt hatte, glich jedoch einer Farce. Entgegen Mephistos ursprünglicher Annahme brauste der ehemalige Dämonenkönig nicht als zorniger Wirbelsturm heran, um unter wüsten Drohungen die Krone zurückzufordern – nein, er hatte allen Ernstes den formellen Weg gewählt und den Rat schriftlich um eine Audienz ersucht!


Dieser Wahnsinnige! Solche Spielchen sind in der Tat sein Stil! Von Despariels demutsvoller Wortwahl und galantem Ausdruck ließ der oberste Höllenfürst sich nicht täuschen: Seine Botschaft war alles andere als eine höfliche Bitte gewesen. Erst recht keine, die der Rat schlicht hätte ignorieren können! Zwischen den feinen Lettern hatte eine boshafte Fratze aus dem Schreiben hervorgelugt, um die Machthaber der Unterwelt unverhohlen zu verspotten.


Dann geschah es: Die Bediensteten öffneten die Türflügel – und Despariel betrat den Audienzsaal, verfolgt von einer Schar neugieriger Augenpaare. Allen Anschein nach hatte er sich nicht damit begnügt, das Schloss durch einen beliebigen Seiteneingang zu betreten, sondern vor dem großen Haupttor um Einlass gebeten; dort, wo ihn der halbe Hofstaat zu Gesicht bekam.


Gemächlich schritt Despariel über den langen Edelteppich, während seine eisigen Blicke über alle Anwesenden glitten. »Seine Majestät Baal und die Großen Neun – so treffen wir nach fünf Jahrhunderten endlich wieder zusammen!« Ein spitzes Lächeln stahl sich auf seine Züge. »Äußerst zuvorkommend, in meiner Abwesenheit meinen Thron zu bewachen!«


»Despariel … Ihr seid es wahrhaftig …«, entgegnete Mephistopheles schnarrend. Der soeben Eingetroffene erinnerte ihn an ein ekelerregendes Ungeziefer, das er schleunigst zerquetschen wollte.


Die eisblauen Augen durchbohrten ihn wie stählerne Speere. »Erfreut, mich zu sehen, Hochfürst? Mir drang zu Ohren, Eure Regentschaft gestaltet sich recht tadelnswert. Ich könnte Euch zur Hand gehen, falls Ihr erlaubt!«


Mephisto stieg vor Wut die Galle hoch, bitter verschluckte er eine bissige Antwort. Ein Seitenblick zeigte Baal, der unruhig auf dem Thron umherrutschte. Die kränkliche Knabenmiene, noch blasser als sonst, verriet eine Mischung aus Staunen und Furcht. Der kindliche König war dem früheren Höllenherrscher niemals zuvor begegnet und wusste lediglich, was Dämonen sich über Despariel erzählten.


»Verehrter Despariel, selbstredend sind wir in höchster Freude über Eure Aufwartung!«, ergriff Adramelech das Wort, der schleimtropfende Großkanzler des Schattenreichs. »Verzeiht unsere schlechten Manieren; viel früher hätten wir Euch empfangen, käme Eure Wiederkehr nicht allzu unversehens. Gestattet die Frage: Was hat Euch so lang in der Menschenwelt aufgehalten?«


»Welch freundliche Ansprache, Kanzler!« Despariel lächelte ironisch. »Nun, auf der Erde gab es Angelegenheiten, die meiner Aufmerksamkeit bedurften – vorrangig die Rückkehr meines verkommenen Bruders Raziel.« Er feuerte spöttische Blicke auf die Umstehenden ab. »Ich nehme an, die Bedrohung durch die wiederaufkeimende Rebellion dürfte in Euren Reihen bekannt sein?«


»Von diesen … Missständen wissen wir«, erwiderte Mephisto widerwillig. »Seid versichert, wir haben bereits Maßnahmen getroffen, um den bedeutungslosen Aufstand dieser Unruhestifter zu zertreten.«


»Tatsächlich?« Der Hohn in Despariels Stimme war unüberhörbar. »Mit Verlaub, ich hege eher den Verdacht, der ehrenwerte Rat sonnt sich in Unfähigkeit.«


»Mildert die Schärfe Eurer Zunge!«, zischelte der schlangenhafte Ahriman. »Soweit ich mich entsinne, seid Ihr den Rebellen bisher ebenso wenig Herr geworden.« Das verschlagene Gesicht lauerte listig. »Zudem beschäftigen uns gewisse seltsame Vorkommnisse während Eurer Zeit auf Erden … Das Wüten des Wandelnden Nichts ist Euch gewiss nicht entgangen.«


Despariels Augen funkelten. »Ihr unterstellt, ich hätte bei diesem zerstörerischen Fluch die Finger im Spiel gehabt? Hoffentlich vermögt Ihr Euren Vorwurf mit Beweisen zu untermauern, Fürst Ahriman!«


»Wen wollt Ihr zum Narren halten?«, entgegnete Moloch barsch. Der Schein der brennenden Leuchter flackerte über seine groben Züge. »Unverhofft kehrt Ihr aus dem Exil zurück – und kurz darauf versinkt die Erde im Chaos. Zufall? Dass ich nicht lache! Ihr …«


»Genug!«, durchschnitt Baals helle Stimme unverhofft den Saal, worauf alle Köpfe sich schlagartig der blutjungen Hoheit zuwandten. Seine Finger klebten zitternd an den Thronlehnen. »Ich bitte Euch, sprecht offen, Despariel: Weshalb diese Audienz? Seid Ihr gekommen, um die königliche Macht zurückzuverlangen … oder wollt Ihr bloß Zwietracht säen?«


Momente angespannter Stille, in denen der frühere und der jetzige Monarch einander schweigend betrachteten.


»Lieber Junge, mir liegt lediglich das Wohl des Dämonenvolkes am Herzen«, entgegnete Despariel schließlich sanft, mit gefrorenen Mundwinkeln. »Ihr werdet verstehen, Eure Majestät: Als Sohn Luzifers vermag ich nicht tatenlos zuzusehen, wie unsere Welt dem blinden Zorn dieser Widerständler anheimfällt.«


»Der ehrenwerte Hochfürst erwähnte bereits, dass wir die Rebellengefahr mit äußerster Entschlossenheit bekämpfen«, fuhr Balberith dazwischen.


»Sehr beruhigend! Dann darf ich mich wärmstens empfehlen und harre der Taten, die den Worten folgen werden – habe ich recht?«


»Gewiss, wir halten Euch auf dem Laufenden!«, zischte Ahriman frostig.


Mephistos Blicke bohrten sich vergifteten Pfeilspitzen gleich in Despariels Rücken, während dieser Richtung Ausgang schritt. »Meine Herrschaften, bei unserer nächsten Zusammenkunft erwarte ich entscheidende Ergebnisse!« Ein kaltes Lächeln, bevor er durch die Saaltür verschwand. »Andernfalls sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen … Euch den Dienst zu quittieren.«


Kaum hatte Despariel die Audienzhalle verlassen, wütete um Mephistopheles herum ein Wirbelsturm der Entrüstung:


»Unverfrorenheit!«, polterte Yen-Lo Wang.


»Wie kann er es wagen?!«, empörte sich Lilith.


»Gedroht hat er uns!«, wetterte ihr Gemahl Samael.


»Warum hetzen wir nicht einen unserer Attentäter auf diesen Irren?« – »Trübt der Ärger Eure Sinne, Moloch? Wir können unmöglich …«


Unverschämt, in der Tat! Dennoch, ich gestehe, der Moment zum Handeln ist überreif! »Eure Majestät, werte Fürsten, ich bitte Ruhe zu bewahren!«, brachte Mephisto das erboste Geschnatter zum Verstummen. »Despariel spricht in einem Punkt die Wahrheit: Wir haben den Vorkommnissen um Raziels Rückkehr zu lang unbeteiligt zugeschaut. Zeit, uns den Anführer dieser Rebellenplage vom Halse zu schaffen – endgültig!« Rasch winkte er die Bediensteten zu sich, während hinter seiner Stirn ein grausamer Plan brütete. »Schickt mir Astaroth! Der Dämon der Flammen wird diesen vermaledeiten Julian Sanders mit einem Freudenfeuer beehren …«


 


 


 


Kapitel 3


 


 


 


 


»Keinen Hunger heute Morgen?«, riss Julian ihn aus seiner Gedankenwelt.


Kyu-Min räusperte sich verlegen, als er vergegenwärtigte, dass er seit geschlagenen fünf Minuten stumm in seine Kaffeetasse starrte.


In der Küche der Sanders’ mit ihren apfelgrünen Wänden herrschte gemütliche Wärme. Aus dem kleinen Radio neben der Spüle drang leise Musik. Das Fenster mit dem chinesischen Windspiel zeigte die winterlich weiße Straße; der nächtliche Regen war inzwischen in Schnee übergegangen. Julian und Kyu mussten erst zur dritten Stunde in die Schule, ihnen blieb also genügend Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Julians Mutter hingegen befand sich zu ihrem Leidwesen bereits auf dem Weg zur Arbeit.


»Was is’ denn los, Kyu? Bedrückt dich was?«, fragte Julian und mampfte munter sein Brötchen, meterdick mit Marmelade bestrichen.


»Ne … nur … ach, weiß auch nicht …«


Sein Freund warf ihm einen besorgten Blick über den Küchentisch zu. »Noch immer wegen heut Nacht? Weil du schlecht geträumt hast?«


Kyu-Min nickte knapp und nahm schweigend einen Schluck Kaffee.


»Hey, war doch nur ‘n blöder Traum! So schlimm?«


Gedankenverloren packte Kyu zwei Scheiben Käse auf seine Brötchenhälfte. »Ich … träume schon die ganze Zeit, Julian … Jede Nacht, seitdem du meine Seele aus dem Totenreich befreit hast …«


Verwundert legte Julian den Kopf schief. »Aha? Davon hast du ja gar nichts erzählt … Wieso, was träumst du denn?«


»Von Wasser … Ich sehe das Meer … dann ist da eine Stimme, die meinen Namen ruft …«


Nachdenklich schob Julian sich den Rest seines Brötchens in den Mund. »Na ja … du hast ‘ne Menge durchgemacht … Dämonen haben uns angegriffen – Himmel, du warst zwischenzeitlich sogar tot! Schätze, das muss man alles erst mal verarbeiten.« Sein Liebster bedachte ihn mit schwachem Lächeln. »Noch ein Grund, weshalb du dich aus der ganzen Sache besser raushältst.«


Kyu-Min verdrehte die Augen. »Komm, nicht wieder das Thema! Ich bin dein Freund, ich steck mit drin!«


»Das ist zu gefährlich!«, schlug Julian ihm dasselbe Argument um die Ohren wie jedes Mal, wenn sie dieselbe leidige Diskussion führten. »Sorry, aber ich kann nicht ständig auf dich aufpassen!«


»Ja, ja … ist eben nicht jeder ‘n cooler Typ mit Dämonenpower«, knurrte Kyu grimmig.


»Witzig, echt! Denkst du, das ist Spaß, oder was? Willst du, dass dir noch mal was passiert?! Ich sag’s dir jetzt zum letzten Mal klipp und klar: Du bleibst im Hintergrund, verstanden?«


Der barsche Ton traf Kyu-Min hart wie eine Ohrfeige. »Mach mir keine Vorschriften, verdammt!«, fauchte er gereizt zurück.


Julian seufzte. »Hör zu … ich bin glücklich, dass du mir helfen möchtest, ehrlich! Nur – hab halt Angst um dich, versteh das doch!«


»Mhm, ja … sicher, sicher …«, murmelte Kyu-Min zähneknirschend und wich seinem Blick aus. Wann immer diese unliebsame Debatte zwischen ihnen aufkam, war ihm danach sterbenselend zumute. Julians harte Worte weckten wieder jene Befürchtung, die ihn seit Wochen schon quälte und sich schleichend zu schmerzlicher Gewissheit wandelte. So gern Kyu sich dagegen sträuben wollte, wurde ihm dennoch zunehmend klar: In Wahrheit war er seinem Freund keine Unterstützung in irgendeiner Hinsicht … sondern schlichtweg sein lästiges Anhängsel. Ein Klotz am Bein, nichts weiter! Schutzbedürftiges Küken, das es zu behüten galt.


Julian langte über den Küchentisch, um versöhnlich seine Schulter zu streicheln, und entlockte Kyu ein erzwungenes Lächeln. Sein Magen fühlte sich an, als ob er einem Boxer als Sandsack gedient hätte. Missmutig schob er Julians Hand beiseite, goss Kaffee nach und widmete seine Aufmerksamkeit wieder stillschweigend seiner Tasse.


 


 


 


 


Leseprobe - Ende


 


 


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