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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe So dunkel das Zwielicht I, Christian Tobias Krug
Christian Tobias Krug

So dunkel das Zwielicht I


Raziels Erwachen

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--- !!! XXL Leseprobe !!! ---


 


Prolog


 


 


 


 


An diesem Ort der Hölle waren Gewitter nicht ungewöhnlich. Hier, am Rande der Unterwelt, konnte das Wetter von einem Augenblick auf den nächsten umschlagen und erschwerte das ohnehin mühsame Vorankommen durch die dichten, dunklen Wälder.


Prasselnd fiel der Regen vom pechschwarzen Nachthimmel auf die beiden Dämonen herab, die sich nebeneinander einen Weg durch das verwachsene, feuchtnasse Dickicht kämpften. Über ihren Köpfen grollte bedrohlich der Donner und im knarrenden Geäst der alten, turmhohen Bäume heulte ringsumher der brausende Sturmwind. Unter ihren Stiefeln gab der zu Schlamm gewordene Erdboden nach und ließ jeden Schritt zu einer kleinen Anstrengung werden.


Aufgrund der unwirtlichen Verhältnisse in der Hölle waren Dämonen Mühsal gewohnt. Kaum einer, der sich von einem Unwetter beeindrucken ließ. Doch Kallisto und Naberius waren bereits seit drei Tagen unentwegt unterwegs und allmählich neigten sich ihre Kräfte dem Ende zu. Nur selten hatten sie Rast gemacht, um ein wenig zu essen oder ein paar Stündchen zu schlafen. Weite Strecken über waren sie geflogen, getragen von dunklen Schwingen, bis Donner und Blitz sie buchstäblich zu Boden gezwungen hatten.


Als sie eine schmale Lichtung erreichten, gab Kallisto, die vorausgeeilt war, ihrem Begleiter durch eine Handbewegung zu verstehen, er solle anhalten.


»Was is’?«, fragte Naberius.


»Wir müssten bald dort sein«, erwiderte sie und warf einen Blick auf ihren wesentlich jüngeren Gefährten.


Runde blaue Augen schimmerten in dessen schmalen Gesicht, eingerahmt von dunkelblondem Haar. Naberius besuchte noch die Militärakademie und Kallisto, eine Erzdämonin von hohem Rang, wusste: Sollten sie versagen, stand nicht bloß seine Laufbahn auf dem Spiel. Wieder quälte sie der Gedanke: Wäre es besser gewesen, allein zu gehen?


Einen Seufzer auf den Lippen schaute sie mit zusammengekniffenen Augen durch das sich im Sturmwind wiegende Geäst. Dort, zwischen den Wipfeln, glaubte sie undeutlich die Umrisse eines hölzernen Daches zu erkennen, das zu einem kleinen Häuschen gehören musste. Endlich – sie waren am Ziel! Die Entfernung von der Lichtung aus schätzte sie auf eine gute Viertelstunde Fußmarsch.


Ihre schweren Stiefel waren vollkommen von feuchtem Morast verdreckt, als sie wenige Zeit später die einsame Hütte erreichten. Sie war umringt von hohen Tannen und weitaus größer, als aus der Ferne betrachtet. Durch die staubigen Fensterscheiben sah Kallisto Licht flackern. Rauch stieg aus dem Schornstein, zerstob im Wind.


Dort hauste also der Eremit? Er war verrückt, wie man hörte, doch das spielte keine Rolle. Nicht um seinetwillen waren sie hier. Sie kamen wegen dem, was er hoffentlich besaß: Das Buch der Portale. Das einzige Exemplar, das noch existierte.


»Glaubst du wirklich, in dem Buch steht, wie sich das Tor zum Kontraversum öffnen lässt?« Naberius Stimme zitterte, aber Kallisto konnte unmöglich sagen, ob dies an seiner Aufregung lag oder daran, dass der Junge bis auf die Knochen durchnässt war.


»Wer weiß? Irgendeine Antwort wird uns das Buch sicher geben.«


Sie klopfte. Das pochende Geräusch ging im Brausen des Sturms beinahe vollkommen unter. Von drinnen erklang eine schwache Stimme. Kallisto klopfte noch einmal – dann bemerkte sie, dass die Tür überhaupt nicht verriegelt war, und ging einfach hinein. Naberius folgte ihr zaghaft.


Drinnen herrschte wohlige Wärme. In einem Kamin knisterte ein Feuer und warf flackernde Schatten an die Wände. Darüber köchelte Suppe in einem Kessel.


In einem abgewetzten, wuchtigen Sessel saß ein Dämon, den Kallisto spontan auf gute zehntausend Jahre schätzte. Um ein kantiges, von tiefen Falten zerfurchtes Gesicht hing ein Kranz schlohweißer Haare. Die Augen wirkten müde, obgleich eine seltsame innere Ruhe in ihnen zu liegen schien.


»Verzeiht die Störung«, sprach Kallisto, »dürfen wir eintreten?«


»Nur zu!« Der Greis lächelte. »Was führt euch in die Wilden Wälder? Habt ihr euch verlaufen?«


»Nein, wir haben nach Euch gesucht.« Sie schloss die Tür hinter sich und nahm die Kapuze vom Kopf. Ihre langen blonden Haare gingen an den Spitzen in klatschnasse Strähnen über. »Mein Name ist Kallisto und das ist Naberius.« Mit dem Arm deutete sie auf ihren Begleiter. »Ich nehme an, Ihr müsst der altehrwürdige Gorak sein.«


»So ist es.« Der grauhaarige Dämon nickte bedächtig. Neben ihm auf dem Tisch stand eine dampfende Schale. »Nun, wenn ihr zwei schon mal hier seid, wollt ihr nicht ein wenig heiße Suppe zu euch nehmen? Die wärmt euch wieder auf.«


»Oh ja, das wäre nett!«, rief Naberius freudig.


»Für mich nichts, habt Dank«, sagte Kallisto und warf ihrem Weggefährten stumm einen tadelnden Blick zu.


Gorak lächelte nur und erhob sich langsam aus dem Sessel, nahm eines der Holzschälchen vom Kaminsims und reichte es, randvoll gefüllt, an Naberius.


Während sich der Junge auf einen klapprigen Stuhl hockte und lauthals zu schlürfen begann, schritt Kallisto auf das hohe Buchregal zu, verborgen in der hintersten Ecke der Stube. Es war von oben bis unten vollgestopft mit den verschiedensten Büchern. Viele davon, denen ihr hohes Alter anzusehen war, mussten unschätzbar wertvoll sein. Kallistos Augen glitten über die einzelnen Buchrücken.


»Es heißt, Ihr hättet Euch vor Jahrhunderten in die Wilden Wälder zurückgezogen, altehrwürdiger Gorak«, sagte sie, den Blick auf die Bücher im Regal geheftet. »Angeblich, nachdem Eure Söhne im Krieg gefallen sind.«


»Wer von uns hat nicht wenigstens einen seiner Nächsten an die Himmlischen Heerscharen verloren?«


Kallisto nickte flüchtig. Als sie Gorak anblickte, verengte sie ihre Augen zu zwei schmalen Schlitzen. »Man sagt auch, Ihr hättet ein bestimmtes Buch in Eurem Besitz«, fuhr sie flüsternd fort. »Ein äußerst seltenes Buch, das einzige, das es noch gibt – das Buch der Portale.«


Ruckartig hob der Alte den Kopf. Von einem Moment auf den anderen trat ein Ausdruck offenen Misstrauens in sein Gesicht. »So, sagt man das? Wer will das wissen? Dieses Buch, von dem du sprichst … Es ist berüchtigt, wie du sicher gehört hast …«


»Das erzählt man sich, ja. Doch seid versichert, uns bleibt keine Wahl.« Sie seufzte kurz und schloss für einen winzigen Moment die Augen. »Wir sind gekommen, Euch um Hilfe zu bitten, altehrwürdiger Gorak. Naberius und ich brauchen dieses Buch – um jeden Preis!«


Gorak schnaubte. Er schien etwas erwidern zu wollen, sagte aber nichts.


Instinktiv streifte Kallistos Blick ein kleines, unscheinbares, dünnes Buch im untersten Regal. Als sie es zögerlich hervorzog, sah sie, dass es ganz und gar mit rotem Leder eingebunden war. Modergeruch alten Papiers stieg ihr in die Nase. Der verschnörkelte Schriftzug vorne auf dem Einband verriet: Es war das Buch, nach dem sie suchte.


Das soll es sein? Es sieht so gewöhnlich aus … Und dennoch: Eine stille Kraft steckte in diesem Büchlein, geisterhaft und furchteinflößend. Fast wollte sie glauben, es habe jahrhundertelang in seinem Versteck nur darauf gewartet, dass sie es fand. Als hause eine finstere Stimme zwischen den Seiten, die flüsternd nach ihr gerufen hatte.


Langsam kam Gorak vom Kamin hinüber zu ihr. »Wollt ihr das in der Tat auf euch nehmen?« Sein Blick schien erschreckend kalt. »Ihr wollt allen Ernstes versuchen … Despariel zu befreien?«


»Woher …?!« Kallisto war für einen Augenblick viel zu überrascht, um zu antworten.


Gorak schnitt eine Grimasse. »Halte mich nicht für dumm, mein Kind! Selbst hier in der Abgeschiedenheit weiß jeder Dämon, was damals geschehen ist.«


Ihre Finger klammerten sich um den Deckel des Buches.


Ja, ja, wer kannte sie nicht, die alte Geschichte? Als Raziel, der Erzverräter, versuchte, Despariel zu töten; als er und die Rebellen den Palast im Herzen der Hölle angriffen und überwältigt wurden von der Schwarzen Garde. Doch noch bevor sie ihm den Kopf abschlugen, gelang es Raziel mit einem letzten Zauberspruch, seinen Bruder in das Kontraversum zu verbannen. Nur im Buch der Portale stand geschrieben, wie man das Tor dorthin öffnete. Zumindest hoffte sie darauf.


»Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass dem Herrscher euer Vorhaben gefallen würde.«


»Satan ist nicht mehr«, antwortete Kallisto ruhig. »Seit einer halben Ewigkeit hat ihn niemand mehr gesehen, nirgendwo, in der gesamten Hölle nicht.«


»Das stimmt – den Gerüchten nach hat er sich zurückgezogen!«, rief Naberius wie zur Bestätigung, sprang vom Tisch auf und stellte sich neben sie.


Gorak musterte sie beide von Kopf bis Fuß. Für einen Moment wirkte er noch viel älter, als er ohnehin schon war. »Ich warne euch ein letztes Mal …« Er sprach so leise, dass seine Stimme beinah im Sturm unterging, der von außen an den Fensterläden rüttelte. »Dieses Buch ist voll mit schwärzester Magie. Die Zauber darin sind lebensgefährlich, sogar für hohe Dämonen. Niemand öffnet ungestraft eine Pforte ins Kontraversum – niemand! Selbst Raziel, obwohl ein Sohn Luzifers, blieb vor dem Tode nicht verschont.«


»Raziel war nur ein rebellischer Unruhestifter«, entgegnete Kallisto kühl. »Ein selbstverblendeter Narr, der den Teufel und das gesamte Dämonenvolk hintergangen hat. Ihr werdet kaum etwas davon mitbekommen haben, hier in den Wäldern, aber die Dinge haben sich seit damals geändert. Nichts ist mehr, wie es war – die Hölle geht zugrunde! Wir brauchen Despariel, er ist unsere letzte Hoffnung!«


»Vielleicht, vielleicht«, murmelte der Greis. »Dennoch, glaubt mir: Dieses verruchte Werk wird euch bloß Verderben bringen. Ich erlaube nicht, dass ihr es an euch nehmt!«


Einen Moment starrte er ihr ins Gesicht – dann griffen seine knochigen Hände gewaltsam nach dem Buch und entrissen es Kallisto mit einem entschlossenen Ruck.


Die Augen des Alten weiteten sich, als ihre Lippen begannen, einen Fluch zu murmeln.


Der grüne Lichtblitz traf ihn schnell und gezielt. Gorak schrie nicht einmal auf, sondern sackte stumm in sich zusammen und fiel hinterrücks um wie ein schwerer Sack.


Ein entsetzter Laut drang aus Naberius’ Mund. Mit einem scharfen Blick brachte sie ihn zum Schweigen, noch bevor er etwas zu sagen imstande war.


Sie nahm dem Toten das Buch aus den Fingern, steckte es unter ihren Mantel. Was sie getan hatte, war schrecklich, zweifellos. Gewalt bereitete ihr gewiss keine Freude; jemanden grundlos zu töten, daran lag ihr nichts. Nichtsdestotrotz wusste sie aus Erfahrung, dass Gewalt manchmal notwendig war. Sie benötigte die geheimen Worte, die im Buch der Portale aufgezeichnet waren – koste es, was es wolle.


Naberius schloss stumm seinen Mantel.


Sie verließen das Häuschen, liefen hinaus ins Gewitter. Lange sprachen sie kein Wort miteinander.


Hätte es damals in ihrer Macht gestanden, Kallisto hätte alles getan, Despariels Verbannung zu verhindern. Wie viel würde sie erst tun, ihn wieder zurückzuholen?


 



 


Die schmale Seitengasse war nur sehr schwach beleuchtet, sodass kein Mensch das Erscheinen der zwei merkwürdigen Gestalten bemerkte. Hätte in diesem Moment jedoch rein zufällig jemand am Fenster gestanden, würde er sich womöglich einbilden, zwei Paar weiß schimmernder Flügel zu sehen.


Der eine – der Mann mit den schwarzen Haaren – steckte etwas in seine Tasche, das aussah wie ein silberner Schlüssel. »Selbst in dieser kleinen Stadt sind die Menschen zahlreich wie Sterne«, flüsterte er und blickte zu den Dächern der Häuser, die sich in der klaren Nacht gegen den vollen Mond abzeichneten. »Nur einer davon trägt die Seele in sich, nach der wir suchen.«


Die andere – die Frau, die ein Hundehalsband trug – trat neben ihn. »Bist du sicher, wir werden ihn finden?«


»Wenn nicht, war alles umsonst.«


Die beiden blickten sich um, dann verschwanden sie in der Dunkelheit.


 


 


 


Kapitel 1


 


 


 


 


Der Traum hatte Julian geweckt.


Gefallen und verdammt, doch stark und ungebrochen – des Morgensterns Kinder, Söhne und Töchter der Finsternis …


Es war früh am Morgen – noch viel zu früh, um aufzustehen – als er in seinem zerwühlten Bett aufwachte. Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber Julian konnte unmöglich sagen, ob die stickige Luft in seinem Zimmer oder der Albtraum daran schuld war.


Aus Gottes Reich verbannt, die dunklen Krieger, die das Höllenfeuer bewohnen …


Er warf einen kurzen Blick auf den Wecker. Die digitale, bläulich vor sich hin schimmernde Uhrzeit verriet, dass Julian erst in einer Stunde aufstehen musste.


Leise gähnend zog er die Decke zurecht und schloss die Augen. Ein erfolgloser Versuch, vielleicht noch einmal einzuschlafen. Minuten später gab er auf.


Auf den Schwingen der Nacht fliegend kämpfen sie für den Feldzug des stolzen Luzifers, dessen Licht einst im Himmel hell erstrahlte …


Julian stieg aus dem Bett und zog die Rollladen hoch. Draußen war es bereits hell und die frühe Morgensonne versprach einen heißen Spätsommertag.


Müde schaute er um sich: Der wuchtige Schreibtisch, an dem er abends meist am Computer saß und im Internet surfte, wurde von einem organisierten Chaos aus Schulbüchern beherrscht, einem Stapel Papier sowie Textmarkern und Kugelschreibern. Darüber hing ein Regal, in dem seine alten Comichefte sowie etliche Bücher Platz gefunden hatten. Den meisten sah man an, dass sie häufig zur Hand genommen worden waren.


Unten aus dem Kleiderschrank fischte er sich ein Paar Socken heraus und verließ dann, in Boxershorts und T-Shirt, das Zimmer.


Wie so oft kurz nach dem Aufwachen, war sich Julian mittlerweile schon gar nicht mehr sicher, was er geträumt hatte. Seine Träume, soviel wusste er, zeigten meist verschiedene Orte: Einige vollkommen gewöhnlich, manche wiederum düster und andere völlig skurril, als entstammten sie einer komplett fremden Welt. Einer keineswegs friedlichen Welt. Fast immer träumte er vom Krieg. Von ihrem Krieg – kein Kampf unter Menschen. Dabei war er nicht bloß stiller Beobachter, kein schlafender Zuschauer. Er sah nicht nur das blutige Sterben, nein, er selbst tötete und vergoss Blut. In ausnahmslos jedem seiner Träume war Julian in das Geschehen verwickelt. Oft kam es ihm dabei vor, als sei er jemand anderes – und das verstörte ihn. Denn wer derjenige auch sein mochte, in den er sich nachts, während er schlief, verwandelte – ihm war klar: Dieser Fremde war ebenfalls kein Mensch.


Manchmal, wenn die Bilder verschwanden, hörte er auch die Stimme. Die flüsternde Stimme, welche die gleichen Worte immerzu wiederholte wie eine Art geheimer Vers:


Doch es kommt eine Zeit, da währt die Nacht länger als der Tag …


Rasch durchquerte Julian den Flur und betrat die Küche, wo ihm ein Duft von frischem Kaffee entgegenwehte.


»So früh schon auf?«, fragte seine Mutter erstaunt und lächelte ihm vom Frühstückstisch aus freundlich zu.


»Schlecht geschlafen«, murmelte Julian.


»Wieder ein böser Traum?« Sie nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. »Das kommt in letzter Zeit aber häufig vor. Alles in Ordnung? Vielleicht solltest du mal zum Arzt …«


»Ne, ist okay. Mach dir mal keine Sorgen.«


Julian hatte schon immer viel geträumt. Als Kind litt er ständig unter Albträumen und als er noch kleiner war, hatte er im Schlaf manchmal das Bett genässt. Dann hatte es aufgehört, schlagartig. Bis vor einem Monat ungefähr. Seitdem kehrten die düsteren Träume zurück.


Er holte sich Teller, Messer und Tasse aus dem Ungetüm von Küchenschrank und setzte sich seiner Mutter gegenüber an den Tisch.


In der Ecke neben der Spüle spielte das Radio leise Musik. Vor dem Fenster hing das chinesische Windspiel, das seine Mutter vor Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Zumindest wenn er ihren Worten Glauben schenkte.


Anders als sein Bruder hatte Julian seinen Vater nie kennengelernt. Der Mann, der vor siebzehn Jahren bei einer Nummer auf dem Autorücksitz ungeschickterweise das zweite Mal Papa geworden war, hatte sich anschließend atemberaubend schnell aus dem Staub gemacht. Das jedenfalls hatte ihm seine Ma erzählt, eines Abends, als sie betrunken, im Halbschlaf, auf dem Sofa lag.


»Oh, bevor ich’s vergesse, Julian: Dennis hat gestern Abend angerufen. Soll dich grüßen.«


»Danke. Gefällt’s ihm noch drüben in Hamburg? Hoffe, er kommt klar.«


»Ach, sicher. Die Ausbildungszeit ist ja bald rum, drücken wir ihm die Daumen, dass sie ihn in der Autowerkstatt übernehmen.«


Dennis, lebte er auch nicht mehr zu Hause, blieb dennoch Julians Idol, wie es große Brüder oft sind, wenn der Vater fehlt. Da ihre Ma den Tag über arbeitete, hatte sein Bruder ihn praktisch aufgezogen – was im Klartext bedeutete, Julian durfte tun und lassen, was immer er wollte, solange er drei goldene Regeln befolgte.


Erstens: Nie vergessen, dass Dennis, wie er ihm einschärfte, der ›Boss im Hause‹ war. Zwar bezogen sich seine Anweisungen nur aufs Grundsätzliche – beim Essen nicht zu schmatzen wie ein Ferkel, nach dem Abwasch das Abtrocknen zu übernehmen oder den Müll rauszutragen – dennoch hatte Julian zu gehorchen, andernfalls konnte Dennis verdammt sauer werden.


Noch wütender wurde er, brach Julian Regel Nummer Zwei und riskierte seinem Bruder gegenüber eine allzu große Klappe. Dennis hatte das brüderliche Miteinander weiß Gott nicht zur Schimpfwort-freien Zone erklärt, allerdings, patzige Antworten oder dumme Sprüche von einem Dreikäsehoch duldete er in keinem Fall.


Zu guter Letzt, das Allerwichtigste: Er sollte sich gefälligst wie ein ganzer Kerl benehmen. Nicht jammern, nicht rumheulen. Schließlich, das Leben war hart und man musste sich durchsetzen. Siehst ja, kannst dich nicht mal auf den eigenen Papa verlassen – ein Thema, über das Dennis ansonsten nie ein weiteres Wort verlor.


Als Julian noch kleiner war, hatte er sich manchmal gefürchtet, in den Keller zu gehen – etwa weil Ma ihn bat, ein Glas der selbst gekochten Marmelade hochzuholen, die sie früher dort bunkerte. Wer wusste, ob nicht irgendwo dort unten in dem dunklen, muffigen Gewölbe ein Ungeheuer lauerte? Die meisten Leute mochten über solche Kinderfantasien lachen. Dennis nicht. Sein Bruder wurde böse, jedes Mal, wenn er sich vor dem verhassten Keller gruselte. Sei nicht so ein Waschlappen!


Bis heute erinnerte sich Julian, wie er in der ersten Klasse einmal völlig verweint zu Dennis nach Haus gerannt war, weil ihn ein Junge auf dem Heimweg verprügelt hatte – in sich die kindliche Hoffnung, sein großer Bruder würde gleich losziehen und den Fiesling ordentlich verdreschen. Weit gefehlt. Stattdessen – Watsch! Batsch! – fing er sich von Dennis links und rechts zwei schallende Ohrfeigen, als ihn dieser wie ein Mädchen flennen sah.


Wieso hast du dem Typen nicht eins vor die Glocke gegeben?! Läufst heulend weg – also echt! Bist du eine Schwuchtel, oder was?!


Julian brachte kein Wort heraus, so erschrocken war er gewesen. Krampfhaft hatte er gegen neue Tränen angekämpft, verängstigt, von Dennis sonst womöglich noch eine Tracht Prügel zusätzlich zu kassieren.


Ja, sein dreiteiliges Regelwerk setzte sein Bruder mit konsequenter Strenge durch – wenngleich er ihm, was Regeln allgemein betraf, alle Freiheiten ließ. Die Wochenenden durfte Julian meist bei Dennis im Zimmer schlafen und mit ihm zusammen all die schönen schaurigen Horrorfilme schauen, die Ma ihm verboten hätte, wäre sie dahintergekommen. Oft nahm ihn sein Bruder auf dem Moped mit – wie wild fegten sie über die Landstraße – und zu zweit verbrachten sie Abende lang vorm PC; Dennis ließ ihn alle Spiele zocken, für die er noch zu jung war, und gab ihm einen Klaps auf die Schulter, sobald er ein Monster per gezieltem Kopfschuss ins virtuelle Grab schickte.


Geiler Schuss, Kleiner!


Dinge, die Julian heute wusste, hatte sein Bruder ihm beigebracht – coole und nützliche Sachen: Wie man mit einem Taschenmesser Figuren aus Holz schnitzt, bei Klassenarbeiten erfolgreich spickt, einen Joint dreht, wie man sich behauptet und jemanden im Notfall windelweich schlägt.


Zu seinem dreizehnten Geburtstag bekam er von Dennis ein Geschenk, auf das er stolz war: Seine erste eigene Lederjacke – schwarz, die Ärmel etwas ausgebeult, die Brusttaschen verziert mit Aufnähern und bunten Buttons. Er hatte sie aufbewahrt, lange noch, nachdem sie ihm allmählich zu eng geworden war.


Julian griff nach der Kanne vor ihm auf dem Tisch und goss sich etwas Kaffee in seine Tasse. »Ich vermisse ihn.«


»Bald kriegt er Urlaub, dann kommt er uns bestimmt besuchen.« Lächelnd hielt ihm seine Mutter die Tüte vom Bäcker entgegen. »Wie wär’s mit ‘nem Brötchen?«


»Ja, danke.«


»Was macht die Englischklausur? Fit für übermorgen? Du und Kyu-Min habt ja am Wochenende eifrig gelernt.«


Kyu-Min … Gegen seinen Willen musste er lächeln.


Ein Großer Dämon wird erscheinen, viel mächtiger als alle anderen Dämonen …


»Wird schon schiefgehen. Ich glaub, im Moment hat eh keiner so wirklich ‘nen Kopf für die Prüfungen.« Er biss von seiner Brötchenhälfte ab, die er mit Erdbeermarmelade beschmiert hatte. »In der Schule ist die Stimmung grad echt nur noch im Keller. Seit der Sache mit Miriam, du weißt ja …«


»Kann ich mir vorstellen«, antwortete seine Mutter bestürzt und packte sich eine Scheibe Schinken auf ihr zweites Brötchen. »Gestern in den Nachrichten lief auch wieder was über diesen Mörder … Einfach nur furchtbar!«


Julian nickte düster. Verstohlen blickte er auf die leere Rotweinflasche, die am Tischrand stand. Daneben lag ein großer Bogen Papier. Seine Ma malte und zeichnete gern. Häufig kam es vor, dass sie am Abend bis in die Nacht hinein am Küchentisch saß, an einem Bild arbeitete und reichlich dabei trank.


Wenn sie gestern die ganze Flasche gekippt hat, muss sie jetzt ziemlich verkatert sein, dachte er und seufzte innerlich.


Er sah seine Mutter an. Das Gesicht wirkte tatsächlich etwas müde, aber ansonsten war ihr nichts anzumerken.


»Hast du gezeichnet?«, fragte er und deutete auf das Blatt Papier, während er sich den Rest seines Brötchens in den Mund schob.


»Ja, willst du’s sehen?« Sie reichte ihm die Zeichnung.


Das Bild zeigte einen verschlungenen Pfad, der sich zwischen hohen Bäumen durch einen dichten Wald schlängelte. Der darüber gezeichnete Himmel war dunkel bewölkt und es schien zu gewittern.


Sieht irgendwie verwunschen aus …


»Echt cool!«


»Danke!« Ein Strahlen huschte über ihr zartes Gesicht.


Schon immer war Julian der Meinung, dass seine Mutter sehr schön sei. Jetzt, wo sie in ihrem weißen Nachthemd am Küchentisch saß, fielen die morgendlichen Sonnenstrahlen durchs Fenster und ließen ihre langen Haare noch heller erscheinen, die ebenso blond waren wie seine eigenen.


Fast wie ein Engel


»Also, ich zieh mich an. Muss los zur Arbeit«, sagte sie, trank ihren Kaffee aus und erhob sich vom Tisch.


»Dann wünsch ich dir einen schönen Tag!«


»Ich dir auch! Mach bitte das Radio aus, wenn du gehst!«


Die Pforten des Himmels wird er zerstören, er wird Gott und all seine Engel vernichten …


Die grüne Matte fühlte sich weich unter seinen Füßen an, als er ins Badezimmer ging. Der kreisrunde Spiegel über dem Waschbecken zeigte das markante Gesicht eines Siebzehnjährigen, tiefblaue Augen und einen strähnigen Wuschelkopf.


Er wird das Dämonenvolk retten …


Nachdem er sich gewaschen hatte, schlüpfte er in eine abgeschnittene, ausgefranzte Jeans und zog eines seiner Metal-T-Shirt an. Über der Brust prangte in blutig zerfließenden Lettern der Name der Band: The Devil’s Child.


Anschließend machte er sich auf den Weg zur Schule.


… und führt uns aus der Dunkelheit zurück ins Licht.




 


 


Kapitel 2


 


 


 


 


Nirgends wehte ein Lüftchen und die Hitze lag schwül wie ein Dunstschleier über dem Dach des Schulgebäudes, einem alten Bauwerk mit hohen, verwinkelten Fenstern.


Dösend, mit halb geschlossenen Augen, rekelten sich Julian und Florian auf einer der Tischtennisplatten am hinteren Ende des Pausenhofes. Die großen Ferien waren seit wenigen Wochen vorüber und die Sonne brannte heiß auf sie herab. Fast mochte man glauben, der lange Sommer in diesem Jahr versuchte auf seine Weise, milden Trost zu spenden, jedoch heiterte er die gedrückte Stimmung nicht wirklich auf.


Beide hatten sie seit vier Nächten nicht vernünftig geschlafen. Julian, weil er unter Albträumen litt, Flo, weil er trauerte.


Florian war achtzehn und besuchte mit Julian die elfte Klasse. Auf seinem für gewöhnlich lebhaften Gesicht hatte früher oft ein spitzbübisches Lächeln gelegen – doch war er in der letzten Zeit sehr still geworden und lächelte nur noch selten.


Irgendwo auf dem Schulhof erklang ein albernes Lachen. Von der Tischtennisplatte aus sah Julian ein paar Fünftklässler träge auf dem Klettergerüst spielen. Ein leichter Windzug streifte sanft sein Gesicht, als er Nadja entdeckte. Langsam bahnte sie sich einen Weg durch eine Menge von Schülern, die mit ihren Turnbeuteln aus der Sporthalle kamen. Ihr düsterer Kleidungsstil stach aus der Masse hervor wie die sprichwörtliche Distel im Blumenbeet.


»Hallo, ihr zwei!« In ihren Händen hielt sie drei Cola-Dosen.


»Hi!«, erwiderte Julian und blinzelte, von der Sonne geblendet, zu seiner Freundin hinüber.


»Hab uns was gegen die Hitze klargemacht«, meinte Nadja und warf ihnen zwei der Cola-Büchsen zu. Über ihren vollen, mit dunklem Lippenstift bemalten Mund huschte ein Lächeln.


»Danke«, murmelte Florian, öffnete den Verschluss der Dose und nahm einen tiefen Schluck.


Das eiskalte Getränk belebte Julian nahezu neu, während sich Nadja zu ihm und Flo auf die Tischtennisplatte gesellte und gleichfalls an ihrer Cola nippte.


Wie üblich war sie von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet: Ein Kurzrock mit Strumpfhose, ein T-Shirt mit einem boshaft grinsenden Totenschädel, darüber wehte ein Mantel aus Leder. Julian war es ein Rätsel, wie Nadja es bei dieser brütenden Hitze in solch einer Kluft aushielt.


»Na, was geht bei euch?«, erklang plötzlich eine weitere vertraute Stimme.


»Hey, Kyu-Min!« In Julians Worte trat ein Hauch freudiger Aufregung, als er in das Gesicht seines besten Freundes sah.


Kyu-Mins dunkler, lässiger Igelschnitt schimmerte im Sonnenlicht. Unter dem orange leuchtenden T-Shirt glaubte Julian, die festen Konturen seines sportlichen Oberkörpers zu sehen, der unterhalb der Ärmel in zwei kräftigen gebräunten Armen mündete.


Meine Fresse, er ist so verdammt …!


Bei Kyu-Min stand Christina. Passend zum heißen Wetter steckte sie in einem bunten Top und einer eng anliegenden, sehr kurzen Shorts. Auf ihrem Mund lag ein dümmliches Grinsen. Soweit Julian wusste, belegte sie mit Kyu-Min zusammen den Mathe-Kurs und besuchte wie er die Volleyballgruppe.


»Tag auch!«, begrüßte Nadja die zwei.


»Und?«, fragte Christina neugierig. »Wie viele waren’s bei euch heute?«


»Einige«, antwortete Nadja. »Allmählich kehrt wieder so was wie Normalzustand ein.«


»Und bei euch?«, beteiligte sich Julian am Gespräch.


»In Mathe waren fast alle da«, sagte Kyu-Min.


»Dann scheint die Panik langsam vorbei zu sein«, meinte Christina und lachte. »Vor lauter Angst ist ja schon keiner mehr zur Schule gekommen. Waren bestimmt die Eltern, die wollten ihre lieben Kleinen am besten gar nicht mehr rauslassen!«


Julian sah den Anflug von Traurigkeit in Florians Augen. Düster trank Flo einen Schluck Cola und blickte mit einer Grimasse zu Boden.


»Ach, verdammt, ich Plappermaul!«, rief Christina, als sie von Julian einen vernichtenden Blick kassierte. »Sorry, Flo, tut mir echt leid, ich wollte nicht …«


Wie musste er gewesen sein, der Tag vor zwei Wochen? Als die Polizei bei Florians Eltern im Wohnzimmer gesessen und ihm, Flo, mitgeteilt hatte: Miriam, seine Freundin, war ermordet aufgefunden worden. Die Beamten hatten Florian zur Tat vernehmen wollen und ihn zwangsläufig über die näheren Umstände aufgeklärt. Der Rest der Stadt erfuhr es am darauffolgenden Tag aus der Presse, die lang und breit verkündete: Miriam Härtel sei das fünfte Opfer des Serienmörders, der seit Monaten die örtlichen Straßen und Nachbardörfer unsicher mache.


An der Schule hatte sich die Nachricht vom Mord verbreitet wie ein Lauffeuer. Von den Schülern der elften Klasse, die auch Miriam besucht hatte, waren in den ersten Tagen nach ihrem Tod die meisten zu Hause geblieben. Die Lehrer hatten ihr Bestes versucht, die Stimmung im Rahmen des Möglichen aufzuheitern, obwohl ihnen die eigene Beklommenheit mehr als deutlich anzusehen gewesen war.


Julian und Kyu-Min sorgten sich seitdem ernsthaft um Florian. Behutsam erkundigten sie sich beide regelmäßig nach seinem Befinden, erhielten allerdings meist nur ein knappes »Ist okay, geht schon« zur Antwort. Kyu-Min versuchte oft, ihn zum Lachen zu bringen, und gewann günstigenfalls ein gequältes Lächeln. Julian erwartete jeden Moment eine Flut von Tränen, Florians Augen jedoch blieben trocken. Vergebens hoffte er auf ein Zeichen schmerzlicher Wut oder sonst eine Regung, die ihm gezeigt hätte: Der alte Flo war noch am Leben. Tatsächlich aber beschlich ihn zuweilen der erschreckende Gedanke, sein Kumpel könne gemeinsam mit seiner Freundin gestorben sein. Wenngleich nicht körperlich, so doch in anderer Hinsicht.


»Tut mir wirklich leid, Flo!«, sagte Christina noch einmal.


»In eine Mülltonne hat er sie geworfen. Das muss man sich mal vorstellen!«, murmelte Kyu-Min bitter und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wie Dreck, einfach weggeworfen …«


Julian nickte düster. Trotz der Hitze lief es ihm eisig kalt den Rücken runter. Es stimmte. Miriams Leiche war wahrhaftig zwischen Säcken von Abfällen in einem Container gefunden worden.


»Und das mit dem Herz erst – das finde ich richtig krass!«, bemerkte Christina. Wer die Nachrichten verfolgte, kannte die Bilder von der klaffenden Wunde in Miriams toter Brust: dort, wo der Mörder das Herz herausgeschnitten hatte. »Wie krank muss man sein, so was zu machen?«


Julian zog die Lippen zusammen. Kann sie nicht verdammt noch mal endlich den Rand halten?!


Währenddessen kündigte der Gong der Schulglocke das Ende der Pause an.


Schleppend trotteten sie in Richtung Schulgebäude und stiegen die Stufen vor dem Haupteingang empor. Über dem Eingang thronte ein Kruzifix aus beschlagenem Messing. Darunter standen in verschnörkelter Schrift die Worte eingraviert: Herr, segne dieses Haus und jeden, der da geht ein und aus.


Nach der Pause stand für Julian und Kyu-Min Spanisch auf dem Stundenplan.


»Hey, wollen wir nach der Schule Eis essen gehen?«, fragte Julian auf dem Weg zum Klassenraum.


»Sicher. Standard-Eisdiele?«


»Logisch, wo sonst?«


 


Die Eisdiele mit den leckersten Eiskugeln im Städtchen lag auf einer breiten Einkaufsmeile, direkt zwischen einer Kneipe und einem China-Restaurant. Auf dem großen Platz davor befanden sich etliche kreisrunde Tischchen, wo sich im Schatten riesiger, rot-weiß gestreifter Sonnenschirme eine regelrechte Horde von Leuten tummelte.


Schnell spurteten sie auf einen der wenigen, freien Tische zu, gerade rechtzeitig, nachdem eine beleibte Dame mit ihren Kindern aufgestanden war und Platz gemacht hatte. Als sie sich setzten, stieß Julian Kyu-Min versehentlich gegen den Arm. Eine winzige Sekunde Kyus weiche Haut auf seiner, kühl und feucht vom Schweiß.


»Sorry, tut mir leid!«, entschuldigte er sich rasch und fürchtete einen Moment, rot zu werden.


»Ist doch nichts passiert«, antwortete Kyu-Min und sah ihn schief von der Seite an.


Eine blonde Bedienung kam zu ihnen an den Tisch. Julian bestellte einen Fruchteisbecher, Kyu-Min ein gemischtes Eis mit Vanille, Schoko und Walnuss. Im Schatten unter einem der Schirme nahm Kyu-Min seine Sonnenbrille ab und legte sie neben den Aschenbecher auf dem Tisch. Seine dunklen, mandelförmigen Augen schauten geradewegs in Julians blaue.


»Sollten uns vielleicht ein bisschen mehr um Florian kümmern. Seit Miriam tot ist, scheint es ihm richtig mies zu gehen.«


Julian nickte. »Stimmt, er spricht ja kaum noch ein Wort. Die Sache ist auch echt übel. Hoffe, sie schnappen diesen Mörder bald.«


»Wir könnten ja mal wieder alle gemeinsam was unternehmen und ihn mitschleifen. In ‘nen Club, abfeiern oder so … Tut ihm bestimmt gut, wenn er mal rauskommt.«


»Kann sein. Ja, warum nicht?« Unruhig spielte er mit seinen Fingern herum.


Entspannt lehnte sich Kyu-Min gegen seine Stuhllehne. »Und wie steht’s bei dir so? Was macht die Liebe?«


Für einen Moment zuckte Julian erschrocken zusammen. »Nichts eigentlich«, erwiderte er leise. »Bin bei den Mädels wohl nicht so angesagt.«


Gott … könnt ich’s ihm bloß beichten …


»Und bei dir? Was … ist das eigentlich mit dir und Christina?«


»Ach, gar nichts!« Kyu-Min pfiff Luft durch die Zähne. »Ich meine, sie ist ja ganz süß, okay, allerdings auch ziemlich kindisch drauf, oder?«


»Aber hallo!« Gegen seinen Willen musste Julian kichern.


Aus dem Menschengewusel tauchte erneut die Kellnerin auf und brachte ihre Bestellungen.


»Kyu? Kann ich dich was fragen?«


»Schieß los!«, antwortete Kyu und probierte von seiner Vanillekugel.


»Bist du eigentlich gern mit mir befreundet?« Fuck, was für eine dämliche Frage! Jetzt muss er ja denken …


Kyu-Min runzelte die Stirn, als er von seinem Eisbecher aufsah. »Ja … sicher. Warum?«


»Hm … nur so«, meinte Julian, versuchte ein Lächeln und steckte sich einen großen Löffel Eis in den Mund. »Sorry, ich rede Müll. Ist einfach zu heiß heute.«


Forsch setzte Kyu-Min ein arrogantes Grinsen auf, das Julian wie ein Stromschlag durchfuhr. »Keine Sorge, du weißt doch, ich mag dich, mein Bester!«, sagte er mit stichelndem Unterton in der Stimme. »Auch wenn du echt ein total verpeilter Homo bist!«


Was?!


»Was soll das? Warum sagst du so was?« Julian hätte sich beinahe an seinem Eis verschluckt.


Verdutzt leckte sich Kyu-Min ein wenig Sahne von den Lippen. »Beruhig dich, Mann, war nur ‘nen Scherz.«


»Oh, du kannst mich mal!«


Mit einem schiefen Lächeln schüttelte Kyu-Min den Kopf. »Manchmal bist du echt komisch, Alter!«


»Entschuldige …«


»Schon gut. Sag mal, hast du nun eigentlich dieses Playstation-Spiel, das du dir kaufen wolltest?«


»Jupp!« Julian nickte. »Was ist – gleich noch Lust zu zocken?«


»Morgen vielleicht«, erwiderte Kyu-Min und schabte die Reste aus seinem Becher. »Kannst es ja mitnehmen und zu mir kommen.«


Düster verzog Julian die Miene. »Zu dir? Ich glaub nicht, dass deine Mutter das toll finden würde, oder?«


»Na ja, komm so um vier, da ist sie noch auf Arbeit.« Kyu-Min presste die Mundwinkel zusammen. »Ehrlich, nervt mich auch, dass sie ständig über dich herziehen muss.«


»Die hasst mich eben«, entgegnete Julian trocken und löffelte den letzten Kleks Eiscreme auf. »Findet mich halt asozial.«


»Also, so würd ich das nun auch nicht sagen …« Dann warf Kyu einen Blick auf seine Armbanduhr. »Sorry, muss los. Hab später noch Training.« Er sah sich nach der Kellnerin um.


»Lass nur«, sagte Julian. »Bist eingeladen.«


»Danke! Ich liebe dich, Kumpel!«


Wenn’s nur wahr wäre …


Kyu-Min stand auf, zwinkerte Julian grinsend zu und setzte seine Sonnenbrille wieder auf. »Also, wir sehen uns in der Schule!«


»Ja, bis morgen!«


Er sah Kyu-Min nach, bis er den Platz vor der Eisdiele verlassen hatte und sein Kopf zwischen der Menschenmenge auf der Straße verschwand.


Nachdem er gezahlt hatte, blieb er noch ein paar Minuten sitzen und ließ seine Hand den Aschenbecher vor seiner Nase hin und her schieben. Er war schwarz, aus dunklem Plastik. Schwarz wie Kyu-Mins Haar.


 


 


 


Kapitel 3


 


 


 


 


In der Nische der kleinen Pizzeria saß Dominik Seidel und wartete auf sein sechstes Opfer. Es war sieben Uhr abends und noch immer schwülwarm draußen.


Das Mädchen kannte er nur als Lisa. Sie hingegen nannte ihn Oliver; im Chat stellte er sich stets unter anderem Namen vor. Vergangene Woche hatte Lisa ihm ein Foto geschickt. Sah sie im wahren Leben genauso aus? Nun, was spielte das für eine Rolle? – Dominik war nicht im Mindesten an ihrem Äußeren interessiert. Ihm ging es allein um ihr Herz.


Der Kellner, ein kleiner, rundlicher Italiener, kam zu ihm an den Tisch und fragte, ob er etwas trinken wolle. Er empfahl einen angeblich ausgezeichneten Wein, den Dominik jedoch ablehnte und stattdessen eine Cola bestellte. Alkohol mochte er nicht.


Als Dominik noch ein Kind war, hatte sein Vater sehr viel und sehr oft getrunken. Von der Kneipe kam er abends nach Hause, blau bis obenhin, ärgerte sich, weil Dominiks Mutter das falsche Essen auf den Tisch gestellt hatte, und prügelte sie windelweich.


Nutzlose Schlampe! Den dritten Tag der gleiche Fraß!


Dominik hatte meist schon im Bett gelegen, hellwach, den Kopf tief unter der Bettdecke versteckt. Er wusste, sobald sein Vater mit Mama fertig war, kam er an die Reihe …


Fast erschrocken zuckte Dominik zusammen, als auf einmal das Mädchen von dem Foto neben ihm stand und ihn ansprach.


»Oh … Hi!«, nuschelte er. Nasser Schweiß stand auf seiner Stirn. Das Mädchen dachte wahrscheinlich, dies käme von der Sommerhitze.


Lisa lächelte. Sie sah aus wie auf dem Bild: pummelig, dunkelblonde Haare, braune Augen in einem runden Gesicht. Jetzt trug sie ein helles und sehr kurzes Sommerkleid, was um den Bauch und an den Ärmeln ein wenig zu eng wirkte.


Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch in die Nische.


In der Schule hatten sie ihn den Mülleimer genannt. Wegen seiner schäbigen Hosen und den Pullis, die an den Ärmeln schon lange zu kurz waren.


Guckt mal, da läuft der Mülleimer!!


Mit vierzehn hatte er angefangen zu klauen. Anfangs Portemonnaies anderer Schüler, später in Supermärkten …


Der kleine italienische Kellner brachte Dominik seine Cola und reichte die Pizzakarte. Er nahm eine Margherita, sie eine Schinken-Salami.


Lisa lächelte ihn an, begann zu erzählen. Reden war nicht gerade Dominiks Stärke, erst recht nicht Frauen gegenüber. Diesmal war es nicht weiter schlimm, denn die meiste Zeit redete sie. Wie viele einsame Menschen war sie bereit, beim kleinsten Anzeichen von Interesse selbst einem Wildfremden gegenüber jede Hemmung fallen zu lassen und frei ihr Herz auszuschütten.


Mit den anderen fünf Mädchen war es ähnlich abgelaufen. Nur bei der letzten, bei Miriam, hatte sich das schlagartig geändert. Mit ihr hatte Dominik über ein paar Monate hinweg am längsten Kontakt gehabt. Vor sechs Wochen dann hatte sie ihm geschrieben, sie habe nun einen festen Freund, der Florian hieße. Dominik war innerlich außer sich gewesen, hatte sie aber über Chat gefragt, ob er sie trotzdem einmal treffen dürfe. Er würde sie ja bloß mal kennenlernen wollen, nur sehen, ob sie im wahren Leben genauso nett wäre wie in ihren Gesprächen übers Internet.


Wieder kam der Kellner und servierte die Bestellungen. Von zwei runden Tellern stieg ihnen der Dampf der heißen Pizzen in die Nase.


Lisa schnitt sich eine große Ecke ab, die mit besonders viel Käse und einer dicken Salamischeibe belegt war. Schon im Internet hatte sie Dominik anvertraut, dass sie mit ihren neunzehn Jahren nie mit einem Freund zusammen und in der Liebe noch ohne Erfahrung war. Früh war es ihm gelungen, diese Information aus ihr herauszulocken, die für ihn von grundlegendem Interesse war.


Jungfrauen, Dominik, ich brauche die Herzen von Jungfrauen …


Sie wäre ein paar Mal verliebt gewesen, sagte Lisa, doch hatte sie bei den Jungs keine Chancen gehabt. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie so schüchtern sei. Vielleicht war sie aber auch einfach nur zu dick? Sie wisse selbst, dass sie nicht sonderlich hübsch sei, hatte sie Dominik geschrieben. Die stille Traurigkeit hinter ihren Worten war ihm beim Lesen nicht entgangen.


Dominik war siebzehn, als er zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Einer dieser grauen Herbsttage war es gewesen, an dem er im Jähzorn einen Rentner zusammenschlug, der sich geweigert hatte, ihm Geld für den Bus zu wechseln. Was den trostlosen Alltag im Jugendgefängnis anging, empfand Dominik im Grunde kaum einen Unterschied zur kalten häuslichen Atmosphäre daheim.


Er hatte Pech im Leben gehabt, doch dumm war Dominik nicht; die Haftzeit hatte er genutzt, seinen Schulabschluss nachzuholen. Nachdem er wegen guter Führung ein paar Wochen früher entlassen worden war, ergatterte er dank guter Noten und den Bemühungen seiner Bewährungshelferin eine Lehrstelle zum Fachinformatiker. Versteckt hinter einem Monitor, zwischen Software und Netzsystemen, fühlte er sich wohl. Währenddessen war er wieder bei seiner Mutter eingezogen, die sich von seinem Vater hatte scheiden lassen. Zu zweit lebten sie nun in dem Haus seiner Großeltern, ländlich am Stadtrand, das seine Mutter nach deren Tod bezogen hatte. Ein halbes Jahr später erfuhr er, dass sie an Darmkrebs litt. Oft hatte seine Mutter ihn im Gefängnis besucht. Oft hatte sie dabei geweint, aber nie auch nur ein Wort über ihre Krankheit verloren. Dominik versuchte, es ihr so angenehm wie möglich zu machen. Als sie starb, war dies für ihn der Augenblick gewesen, in dem er begriff, was es bedeutete, ganz allein auf der Welt zu sein …


Als Lisa ihre Pizza aufgegessen hatte, berührte seine Hand einen zaghaften Moment die ihre. Sie errötete.


Nach dem Tod seiner Mutter hatte sich Dominik völlig zurückgezogen. Die meiste Zeit verkroch er sich in dem alten, nun völlig leeren Haus seiner verstorbenen Großeltern – dieses Haus mit seinen kalten Zimmern und düsteren, endlos scheinenden Fluren.


In dieser Zeit hatte er zu lesen begonnen. Vor allem Bücher über Okkultismus und Hexerei – und dann später auch solche, die sich mit Satansglauben, dem Dunklen und der, wie es dort hieß, Lust am Bösen beschäftigten. Er las Crowley, las LaVey und De Sade.


Beim ersten Versuch, einen Dämon zu beschwören, hatte er sich bereits zwei Jahre lang mit der Schwarzen Magie beschäftigt. Es war ihm gelungen, Flüche auszusprechen, Menschen zu verwünschen, die er nicht leiden konnte. Menschen wie den Mistkerl vom Arbeitsamt oder die unfreundliche Kassiererin im Supermarkt. Der Mistkerl verlor darauf seinen Job und Dominik rutschte in den Zuständigkeitsbereich einer netten, älteren Dame; die miesepetrige Schlampe brach vor seinen Augen hinter der Kasse zusammen und musste noch an Ort und Stelle unter unerklärbaren Krämpfen in die Notaufnahme eingeliefert werden. Irgendwann war ihm das nicht mehr genug. Dominik wollte mehr: Macht, Geld, sogar etwas Sex. Die geballten Mächte der Hölle wollte er herbeirufen – jawohl!


Die Beschwörung gelang auf Anhieb. Im Schein schwarzer Kerzen, im Dunst duftender Räucherstäbchen war die Dämonin erschienen – die schöne Dämonin mit den wundervollen blonden Haaren und den magisch grünen Augen!


Bring mir die reinen Herzen von sieben Jungfrauen und ich schenke dir alle Schätze der Welt!


Obwohl kein Mensch, war sie neben seiner Mutter die einzige Frau gewesen, die ihn je angesehen hatte, die ihn nicht für den Dreck hielt, der er in den Augen aller anderen Menschen zu sein schien.


Sieben Herzen von sieben Jungfrauen und ich erfülle dir all deine Wünsche. Möchtest du reich sein, Dominik?


So also hatten sie den Pakt geschlossen.


Sein erstes Opfer war eine Siebzehnjährige namens Jasmin Roth gewesen. Einen Menschen umzubringen hatte er eigentlich als gar nicht allzu besonders empfunden. Verglichen mit all den Morden in den bluttriefenden Horrorfilmen, die er sich als Jugendlicher jahrelang angesehen hatte, war es sogar enttäuschend unspektakulär. Weitaus schlimmer war die nervöse Anspannung bei den Treffen vorher und die Überwindung, die es kostete, den Leichen hinterher das Herz aus der toten Brust zu entnehmen.


Wie Lisa und Miriam hatte er Jasmin und die drei anderen Mädchen übers Internet kennengelernt. Selbstredend nutzte er dafür nicht den eigenen heimischen PC, andernfalls wäre ihm die Polizei bereits auf die Schliche gekommen, wenige Tage nachdem der erste Leichnam aufgetaucht war. Stattdessen pendelte er zwischen den Internetcafés in den Ortschaften und Nachbardörfern; die öffentlichen Anschlüsse in den Büchereien kamen ihm ebenfalls zugute. Oftmals suchte er die größeren Städte auf, fuhr hoch nach Hamburg oder runter nach Bremen und klemmte sich hinter einen Computer in den Uni-Bibliotheken. Meist half ihm das Märchen weiter, ausgerechnet heute im morgendlichen Stress seinen Ausweis vergessen zu haben; irgendein Student fand sich immer, der rasch die Karte mit der Matrikel-Nummer zückte und für Dominik das Log-in übernahm. Er wusste: Im Internet blieb man nur schwerlich vollkommen anonym, jedoch verdankte er allein seiner Ausbildung schon genügend technische Kniffe, in den Weiten des World Wide Webs unterzutauchen. Nie speicherte er Passwörter auf den fremden PCs, achtete auf verschlüsselte Verbindungen und reinigte nach Gebrauch alle Spuren. Für jedes seiner Opfer legte Dominik ein eigenes E-Mail-Postfach an, das er wenige Stunden vor den Treffen löschte. In den Partnerbörsen machte er jeder Jungfrau unter neuem falschen Profil den Hof, log ihnen das Blaue vom Himmel herunter, ohne je zu viel von sich preiszugeben. In kleine Chat-Cafés wagte er sich nur zu gut besuchten Zeiten. Ständig wechselte er und ließ grundsätzlich eine Weile verstreichen, bis er an ein und denselben Ort zurückkehrte, auf der Suche nach einsamen Herzen.


Dominik schwitzte noch immer. Ich muss sie nur überreden, mit mir nach Hause zu kommen, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Der Rest würde schnell gehen.


Er nippte den letzten Schluck seiner Cola. »Haste Lust, noch ein klein bisschen zu mir? Nur ‘nen Kaffee trinken oder so …«


»Gern«, sagte sie mit hoher Stimme. »Aber nicht zu lange, okay?«


»Okay«, erwiderte Dominik. »Ich fahr dich später heim, wenn du willst.« Dieser Schritt war geschafft!


Ein kleines Leuchten huschte über Lisas pausbäckiges Gesicht.


Der Kellner kam und sie bezahlten. Draußen dämmerte es bereits.


In drei Tagen würde durch Presse und Fernsehen die Nachricht eilen, dass der unbekannte Serienmörder ein erneutes Opfer gefunden, ein weiteres Herz geraubt hatte.


 



 


Auf dem Balkon saß Julian im Liegestuhl, ein Glas kalte Limonade in der Hand. Die Luft der Abenddämmerung war angenehm kühl auf seiner Haut, als er, versunken in seine Gedanken, den letzten Sonnenstrahlen zusah, wie sie glutrot am Horizont untergingen.


 


Es war der erste Tag im neuen Schuljahr gewesen. Der Sommer damals war nicht so unerträglich heiß wie der jetzige, doch die Luft im Klassenraum der 2a warm und stickig, als Herr Schenkmann hereingekommen war, den kleinen fremdländischen Jungen im Schlepptau. Behutsam schob ihn der Lehrer nach vorne zum Pult, wo er von der ganzen Meute Zweitklässler beäugt wurde.


»Das ist Kyu-Min. Er ist mit seinen Eltern von Korea hierhergekommen und ab heute neu in unserer Klasse. Ich bin sicher, ihr werdet nett zu ihm sein und ihm alles zeigen – da kann ich mich bestimmt auf euch verlassen, oder?«


Bejahendes Gemurmel im Klassenzimmer. Zwei Mädchen kicherten.


»In Ordnung!« Herr Schenkmann lächelte und wandte sich an Kyu-Min: »Siehst du den Jungen mit den blonden Haaren dahinten? Das ist Julian. Wenn du magst, kannst du dich zu ihm setzen.«


Mit kleinen Schritten tapste Kyu-Min zu dem leeren Platz neben ihm in der vorletzten Reihe.


»Äh … Darf ich neben dir Platz nehmen bitteschön, äh, Julian?«


»Klar!«


Vorne vom Pult aus nickte ihnen der Lehrer schmunzelnd zu und ließ die Schüler anschließend ihre Hefte aufschlagen.


»Wow, voll cool deine Haare – schwarz und schön!«, rief Julian fröhlich und wuschelte zum Spaß einmal durch das dunkle Haar seines neu gewonnenen Tischnachbarn.


Kyu-Min kicherte und enthüllte beim Lachen eine Zahnlücke.


In diesem Augenblick, ohne es zu wissen, hatten sie Freundschaft geschlossen.


Noch am selben Tag, direkt nach der Schule, nahm Julian Kyu-Min mit nach Hause, um ihn Dennis und seiner Ma vorzustellen. Seine Mutter hatte sich besonders gefreut, wusste sie doch, dass er die meiste Zeit mit seinem Bruder verbrachte und nur wenig Freunde besaß. Regelmäßig lud sie Kyu-Min daraufhin zum Abendessen ein, wenn er zu Besuch gewesen war. Hatten Ma, Dennis und er im Winter zu viele Weihnachtsplätzchen gebacken, schenkte sie ihm einen Haufen davon. Mit ihrer typisch herzlichen Art hatte sie Kyu immer gemocht – während umgekehrt Kyu-Mins Mutter Julian schon früh mit Distanz begegnet war.


Manchmal, wenn sie in der Schule nebeneinander saßen, berührte Julian wie durch Zufall flüchtig Kyu-Mins Handgelenk. Schon als kleiner Junge hatte Kyu so hübsche Hände gehabt. Schmal und geschickt waren sie, die Haut hellbraun wie Milchkaffee. Hin und wieder, wenn alle Schüler schreibend über ihren Heften brüteten, schielte er zu ihm herüber, bis sich ihre Blicke trafen und etwas Warmes in seinem Bauch zu flattern begann.


Einmal waren sie mit den Fahrrädern hinausgeradelt, obwohl es wie aus Eimern gegossen hatte. Die Straßen waren nass und der Asphalt glänzte im trüben Tageslicht.


»Na los, du Feigling, wer als erster unten ist!«, rief Julian vorlaut.


Sie standen auf einer Anhöhe, von der aus die Straße steil nach unten führte.


Im Affenzahn waren sie den Berg hinuntergejagt, heftig in die Pedalen strampelnd, der Regen peitschte ihnen ins Gesicht.


Julian war als erster unten gewesen, ein kindlich siegessicheres Grinsen auf dem Gesicht – als er plötzlich seinen Freund hatte schreien hören. Wie von der Tarantel gestochen war er vom Sattel gesprungen und zu Kyu-Min gerannt, der wenige Meter hinter ihm auf dem Bürgersteig kniete und sich jammernd das Bein hielt. In freier Fahrt war er ins Schleudern geraten und vom Rad gestürzt. Zwischen den feinen Regenperlen auf seinem Gesicht flossen dicke Tränen aus den dunklen Mandelaugen.


»Kyu, alles okay? Bitte hör auf zu weinen!« Erschrocken starrte er seinen schluchzenden Kumpel an – und fast kam es ihm vor, als wäre dies das allererste Mal in seinem jungen Leben, dass er wahrhaftig Angst hatte.


»Mein Fuß – es tut so weh!«


Julian wusste nicht, was er tun sollte, blickte hilflos auf Kyu-Mins verletztes Bein – dann kniete er sich zu ihm hinunter und umarmte ihn. »Hör bitte auf zu weinen«, flüsterte er und hielt Kyu-Min fest an sich gedrückt.


Kyu schniefte leise. Trotz ihrer vom Regen durchnässten Jacken fühlte er sich warm an in seinen Armen.


Der Fuß war gebrochen gewesen. Einige Tage über hatte Kyu-Min im Krankenhaus liegen müssen, das Bein in Gips.


Frau Choi, Kyu-Mins Mutter, hatte Feuer und Gift gespuckt. »Ein Wettrennen bei klatschnassem Wetter mitten auf der Straße!«, hatte sie Julians Ma durchs Telefon angeherrscht und ihr im vollen Ernst vorgeworfen, sie habe ihn, ihren Sohn, ohne jegliches Verantwortungsgefühl erzogen.


Julian plagte unterdessen ein furchtbar schlechtes Gewissen. Kyus Mama hatte ja recht: Wessen Idee war es denn gewesen, wie wild den Berg hinunterzurasen? In einem Bastelladen hatte er eine runde, hölzerne Plakette gekauft, oben ein Loch hineingebohrt und ein Lederband hindurchgezogen. Mit großer Sorgfalt ritzte er anschließend ein Symbol vorne in das Holz. In einem Buch hatte er gelesen, dass es sich dabei um ein chinesisches Glückszeichen handelte. Julian wusste zwar, dass Kyu-Min eigentlich nicht aus China kam, aber ob nun China oder Südkorea – mit seinen acht Jahren nahm er den Unterschied nicht so genau. In die Rückseite schnitzte er die Worte: Für Kyu.


»Bitte mach ihn schnell wieder gesund!«, flüsterte er und hielt das Holz mit dem Glückssymbol fest in der Hand.


Kyu hatte sich über die Kette gefreut, als er ihn im Krankenhaus besuchen kam. »Ich fühl mich schon besser, glaub ich«, sagte er lachend, nachdem er sich das Lederband um den Hals gelegt hatte.


Sechs Wochen später war Kyu-Mins Fuß auf dem Weg der Besserung.


Dass Frau Choi begonnen hatte, sich vollends gegen die Freundschaft zwischen ihm und ihrem Sohn zu stellen, nahm seinen Anfang durch ein unheimliches Ereignis, das er sich bis heute nicht zu erklären wusste:


Er und Kyu-Min waren nach dem Unterricht zu dem verwahrlosten Spielplatz gelaufen, um den sich seit Jahren niemand mehr kümmerte; bestens geeignet für zwei Jungen, die ungestört irgendwo abhängen wollten. Wie gewöhnlich, wenn sie herkamen, setzten sie sich auf die alte Schaukel. Das Gerüst war derart vom Rost zerfressen, dass sie ohne Umstände zusammengebrochen wäre, hätte sich ein Erwachsener daraufgesetzt. An den Schnürsenkeln ihrer Turnschuhe klebte der Sand. Die Blätter in den Bäumen raschelten im milden Frühlingswind.


»Ich hab da was«, sagte Julian und setzte ein schelmisches Lächeln auf, während er eine Flasche Bier aus seinem Schulranzen kramte, versteckt zwischen den Büchern. »Hab sie heut Morgen aus der Abstellkammer gemopst. Ma bunkert immer welche zu Hause.«


Auf der Schaukel neben ihm zog Kyu-Min ein überraschtes Gesicht. »Und du denkst, die merkt das nicht?«


Julian zuckte die Achseln. »Wird schon nicht.«


»Sind wir nicht ein bisschen jung dafür? Mama hält mir oft Vorträge, wie mega-ungesund das ist.«


Er verdrehte die Augen und wollte seinem Kumpel bereits an den Kopf werfen, wie unglaublich ihm seine Mutter auf den Sack ging – sah ihn an und brachte es nicht übers Herz.


»Aber trotzdem ganz schön cool von dir!«, fügte Kyu-Min plötzlich hinzu und setzte ein freches Grinsen auf.


Julian lächelte. Es waren die Worte, die er hören wollte, der einzige Grund, weshalb er den Alkohol geklaut hatte – und sie brannten sich warm in seine Brust ein.


Er nahm das PET-Bier in die Hand und öffnete den Schraubverschluss. Vorsichtig trank er einen winzigen Schluck. Es schmeckte bitter, lauwarm und absolut widerlich. Ich wollte, dass Kyu mich cool findet, nun muss ich da durch! Er zwang sich, noch einmal zu trinken, dann reichte er die Flasche an Kyu-Min weiter.


Aufgeregt nahm Kyu hastig einen viel zu großen Schluck, hustete und verzog angewidert den Mund. »Äh ja … sehr lecker!«


Mit einem Male – er wusste selbst nicht, weswegen – beschlich Julian das Verlangen, Kyu-Min über die Wange zu streicheln, so wie er dort neben ihm auf der rostigen Schaukel saß.


»Hey, was macht ihr kleinen Scheißer da?!«, zerschnitt auf einmal eine grobe Stimme die Luft.


Vor ihnen tauchten zwei Typen auf, bestimmt drei oder vier Jahre älter und gut zwei Köpfe größer.


»Hier ist unser Platz!«, pöbelte einer der Jungen im Schnodderton. Sein Schädel war fast kahl geschoren und seine Haut deutete auf einen südländischen Teint.


»Ey, guck ma!«, johlte sein Kumpel, dessen Gesicht kränklich bleich aussah, umrahmt von einer langen Zottelmähne. »Die Pisser saufen Bier!«


»Verzieht euch!«, rief Kyu-Min vorlaut.


»Werd nicht frech, kleiner Hurensohn!«, erwiderte die Kalkleiste und verpasste Kyu einen Rempler, dass dieser um ein Haar von der Schaukel flog.


Der Bursche wusste kaum, wie ihm geschah, da hatte sich Julian schon auf ihn gestürzt. Brutal trat er ihm zwischen die Beine, worauf der Typ jaulend zusammenknickte und daraufhin einen zweiten Tritt geradewegs ins Gesicht kassierte. Aus der Nase schoss ein blutroter Schwall.


»Ey, du Missgeburt!«, brüllte hinter ihm der Kahlschädel, während sein bleichgesichtiger Freund jammernd zu Boden sackte. »Was glaubst ‘n du, wer du bist, Hosenscheißer?«


Langsam drehte sich Julian zu dem südländischen Jungen um – der ängstlich zwei furchtsame Schritte zurückwich.


»Ich?« Er fühlte in sich ein zähnefletschendes Tier, das von der Kette gelassen wurde. »Ich bin der Abgrund, ich bin die Nacht! Ich bin der Wolf, der das Kind in der Krippe zerreißt!« Seine Stimme war nicht mehr die seine, klang grausig wie die eines furchterregenden Fremden. »Dich bring ich mit bloßen Händen um, stinkender Sau-Kanake!«


Mit einem einzigen Treffer seiner Fußsohle streckte er den anderen Jungen zu Boden und sprang mit einem Satz auf ihn drauf. Seine Hand griff nach einem großen Stück Holz, das im Sand herumlag.


Töte ihn! Ein in ihm eingesperrtes Ungeheuer schrie und zerrte an den Stäben seines Gitters.


»Ni-Nicht! Bitte!«, stammelte der Junge flehend, die Lippen zitternd vor Schreck – bevor Julian ihm den Holzscheit mit einem hämmernden Schlag mitten ins Gesicht rammte.


Töte! Morde! Zerstöre sein Antlitz und vernichte ihn ganz!


Ein zweites, ein drittes und viertes Mal schlug er auf den Jungen ein, gefangen zwischen seinen Beinen: schlug zu wie von wilder, zerstörungswütender Besessenheit getrieben. Wieder fuhr das Holz in seinen Händen nieder auf das blutige Gesicht am Boden. Schmerzerstickte Schreie drangen an sein Ohr. Dann nur noch gequältes, um Gnade bettelndes Röcheln.


»Julian, hör auf! Du bringst ihn ja um!«


Von irgendwoher spürte er, wie sich in seinem T-Shirt zwei Hände verfingen und ihn hinterrücks vom Bauch seines geprügelten Opfers herunterzerrten. Mit einem Ruck landete Julian im Sand. Als er benommen zu sich zu kommen glaubte, sah er Kyu-Mins Gesicht, in den Augen panisches Entsetzen.


Neben ihnen erklang leise ein mitleiderregendes Winseln.


Julian hatte dem Jungen mehrere Zähne ausgeschlagen und die Nase zertrümmert, die Hornhaut links war gerissen.


Kyu-Min, sichtlich verstört, saß der Schrecken lang in den Knochen. Als Julian ihn am Morgen darauf in der Schule sah, verhielt er sich wie ein eingeschüchtertes Küken. Er konnte es ihm schwer übel nehmen, hinterließ jener Tag doch in seiner eigenen Erinnerung selbst Jahre später noch einen bitteren Nachgeschmack: Es war das erste Mal, dass sich diese andere, dunkle Seite in ihm offenbart hatte.


Sie beide sprachen nie mehr davon, Frau Choi aber hätte Kyu am liebsten verboten, sich weiter mit Julian zu treffen. Völlig unverhohlen verkündete sie, ein Nichtsnutz, der andere Menschen klinikreif schlug, sei kein geeigneter Umgang für ihren Sohn. Kyu-Min fing sich bald und hatte ihr offenbar zu erklären versucht, was auf dem Spielplatz tatsächlich vorgefallen war: Dass die beiden Typen, älter und stärker, sie belästigt, ihn halb von der Schaukel gestoßen und Julian ihn bloß hatte beschützen wollen. Dies besänftigte seine Mama ein wenig, jedoch, ihr Misstrauen sollte seitdem nie wieder verfliegen. Natürlich, sie schob weiter Behauptungen vor; kritisierte Julians mangelnde Manieren, meinte, er sei auf dem besten Wege auf die schiefe Bahn. Intuitiv aber ahnte Julian den wahren Grund: Er war ihr unheimlich. Nicht wegen des Burschen, den er mit dem Holzscheit attackiert hatte, sondern auf subtile Weise, als umwehe ihn eine gespenstische Aura. Still und leise hatte die Mutter seines besten Freundes schlichtweg Angst vor ihm.


Ich liebe dich …


Lange hatte er gebraucht, zu begreifen, was in ihm vorging. Als ihm seine Gefühle allmählich dämmerten, war ihm natürlich sofort klar, wie man so etwas nannte. Tucke. Kotstecher. Schwule Sau. Dennis benutzte solche Begriffe ständig.


Da war dieser Junge gewesen, die Tucke, der Kotstecher aus Dennis’ Klasse. Julian glaubte sich zu erinnern, er hätte Felix geheißen. Sicher war er sich nicht, denn sein Bruder sprach von ihm fast ausnahmslos immer bloß als Die Schwuchtel. Mit Sicherheit wusste er nur, dass Dennis und seine Kumpel diesen Jungen in der Schule hänselten, ihm in der Pause das Butterbrot wegnahmen und auf die Jacke spuckten, liefen sie hinter ihm den Korridor entlang. Vor Julian prahlte Dennis daheim manchmal mit seinen Schikanen, die er knapp mit »Is’ cool« oder »Ja, ja, geile Aktion, Dennis« kommentierte, ganz wie es sein Bruder still von ihm erwartete. Lachend erzählte er, wie er rein versehentlich gegen Felix’ Tisch trat, kaum dass dieser seinen Kaffeebecher dort abgestellt hatte, oder wie er ihn zusammen mit Sven nach dem Sportunterricht, fertig angezogen, ein zweites Mal unter die Dusche schickte. Sven trieb es offenbar besonders gnadenlos mit der Schwuchtel, hatte Felix sogar ›getauft‹: seine Flasche mit Orangensaft über ihm ausgeleert. Mit dreizehn war Sven der jüngste in Dennis’ Clique, dazu noch einen Kopf kleiner und mit weniger Muskeln gesegnet als die übrigen Jungs; so bot ihm sein Opfer die Chance, Dennis wenigstens auf diese Weise zu imponieren.


Sven war es auch gewesen, der Felix auf dem Rummelplatz entdeckt hatte.


Die Hände lässig in den Hosentaschen waren sie die bunten Karussells und duftenden Popcornstände entlanggeschlendert, vorbei am hell erleuchteten Riesenrad. Julian lief neben seinem Bruder und knabberte an einer Tüte gebrannter Mandeln, überglücklich, dass Dennis ihn mitgenommen hatte. Er, ein Zwerg von zehn Jahren, durfte mit den coolen großen Jungs losziehen – Mann, sein Herz war so stolz an diesem Abend! Sein Bruder hatte ihn zu einer Runde Autoskooter eingeladen, Sven und Tim fuhren mit ihm Geisterbahn und Paolo schenkte ihm nach einem erfolglosen Versuch an der Wurfbude sogar seinen Trostpreis – obwohl er anfangs gemault hatte: »Dennis, was willst du denn den Hosenscheißer mitschleifen?« Nun, Pech, Dennis hatte entschieden, dass Julian mitdurfte – und es wurde getan, was Dennis anordnete. Kein Zweifel, sein Bruder war durchaus ein Anführer, der jederzeit für seine Jungs einstand; dafür zollten sie ihm Respekt und ließen sich von ihm sagen, wo es langging.


An einem Bierstand seilte Dennis sich los, um Getränke klarzumachen. Sei es, dass er deutlich älter aussah, als seine vierzehn Jahre vermuten ließen, oder der Mann hinterm Zapfhahn offensichtlich selbst sein bester Kunde war und daher versäumte, nach dem Ausweis zu fragen – jedenfalls kam sein Bruder mit randvollen Gläsern zurück und erntete bewundernde Blicke.


Die Kirmes endete auf einem großen Platz neben einer Scheune. Zwischen den letzten einsamen Imbissbuden verlor sich die Menge.


»Guckt mal da! Ich glaub’s ja nicht!«, rief Sven plötzlich teils aufgeregt, teils höhnisch.


Julians Augen folgten seinem ausgestreckten Finger: Weit abseits, halb versteckt nahe der Scheune und einer Bude mit Reibekuchen, stand ein Junge in Svens Alter zusammen mit einem Typen in T-Shirt und ausgewaschener Jeans. Dicht beieinander berührten ihre Finger Schultern und Taillen – ihre Gesichter wandten sich zu und sie küssten sich flüchtig.


»Wusst ich’s doch! Der blöde Homo!« Paolo rotzte auf den Gehweg.


Gebannt, auf unbestimmte Weise fasziniert, beobachtete Julian, wie der Bursche in Jeans dem anderen einen zweiten Kuss auf die Wange schenkte, wohl im Begriff, sich zu verabschieden.


Dennis gab seinen Jungs ein Zeichen per Kopfnicken und grinsend schlichen sie um den Reibekuchenstand herum. Julian folgte stumm seinem Bruder, wachsendes Unbehagen in der Magengegend.


»Felix – Schwuuuchtel!!«, johlte Tim.


Felix, der seinem Freund nachblickte, wie er hinter einem Kinderkarussell verschwand, drehte sich ruckartig um. Julian, der ihn nun zum ersten Mal aus der Nähe sah, wölbte die Augenbrauen wie Fragezeichen. Das sollte Die Schwuchtel sein, die er aus Dennis’ munteren Berichten kannte? Die Tucke, von der sein Bruder mit Bestimmtheit wissen wollte, dass sie heimlich Muttis Kleidchen und Lippenstifte ausprobierte? Gut, er besaß diese typisch weichen Züge eines Milchbubis und hatte kaum was auf den Rippen – bei den Jungs, allesamt sportlich, war er damit natürlich als Hänfling abgemeldet, als Schlaffi, wie Dennis sagen würde. Aber ansonsten … also, hätte Julian ihn nicht gerade zusammen mit dem anderen Typen gesehen …


»Na, musste deine Freundin schon gehen?« Sein Bruder feixte breit. »Wo haste denn die heiße Braut abgeschleppt?«


Felix blickte Dennis an. Seine Augen wirkten glasig – vielleicht war er auf dem Rummel ebenfalls an Bier gekommen oder beflügelt von romantischen Gedanken an seinen Freund? Über das Milchbubigesicht huschte das todesmutige Lächeln eines Verzweifelten. Wie bei jemandem, der ohnehin nichts zu verlieren hatte. »Eifersüchtig?« Seine Lippen bebten. »Suchst … noch ‘nen hübschen Hintern für heut Nacht … wie, Dennis?«


Julian konnte förmlich hören, wie um ihn herum die Bombe explodierte. Tim, Paolo und Sven tauschten erstaunte Blicke. Ihre offenen Münder sprachen Bände: So viel Selbstbewusstsein von ihrem Lieblingsopfer war scheinbar ungewohnt, solch mutige Worte von ihrer kleinen Schwuchtel kannten sie wohl nicht. Dennis’ Grinsen verhärtete sich zu einer grimmigen Miene. Julian spürte die Luft vor Spannung brennen.


Blitzschnell verschwand Felix’ Lächeln und wich einem Ausdruck, als sei er überrascht von seinem eigenen Konter. »S-S-Sorry!«, stammelte er, sichtlich erschrocken über das, was ihm gerade herausgerutscht war – Sekunden, bevor er sich in Dennis’ Schwitzkasten wiederfand, der ihn abführte wie einen Schwerverbrecher zur Hinrichtung.


»Ui, ui, ui, jetzt gibt’s Stress, Schwuli!« Sven lachte hämisch und verpasste Felix einen Tritt in den Hintern.


Julians Herz pochte bis zum Hals. »Tut mir leid! Tut mir leidtutmirleidtutmir …!«, hörte er Felix betteln, ängstlich mit hoher Stimme, aber ihm wurde in diesem Moment klar: Lieber hätte er Dennis schon mal nach einem Grabstein fragen sollen. Die Schwuchtel hatte seinen Bruder nicht bloß in seiner Männlichkeit gekränkt, angedeutet, er könne selbst ein Kotstecher sein – er hatte dies auch noch offen vor seinen Jungs getan! Das schrie nach Rache.


Dennis schleppte Felix hinter die Scheune und weiter hinaus auf die Wiese. Sven, Tim und Paolo liefen ihm nach; Julian im Schlepptau, der die sich vor ihm abspielende Szene verfolgte mit einer Mischung aus Angst, Nervenkitzel und morbider Neugier.


Sein Bruder entließ Felix aus dem Würgegriff und packte sein Opfer beim Kragen. »Schnucki, du riskierst ja ‘ne richtig dicke Lippe heut Abend. Ich glaub, die große Klappe muss ich dir schleunigst abgewöhnen – was meinst du?«, fragte er bedrohlich ruhig.


»Sorry, ich … Mach das nicht!« Felix klang den Tränen nahe. Ihm musste sonnenklar sein: Dennis war entschlossen, seiner Visage neue Formen zu verleihen.


»Nicht? Hmm.« Dennis tat, als würde er überlegen. »Na schön. Du darfst dich entschuldigen. Vielleicht verzeih ich dir«, sagte er, großzügig wie ein Stammesfürst, der einem schuldbeladenen Untertan gegenüber Gnade walten ließ. In seinen Mundwinkeln nistete ein kühles Lächeln. »Geh auf die Knie!«


»Wa … Was?« Felix schien so fassungslos, dass er erneut Mut schöpfte. »Arschloch!«, zischte er – da war Sven schon hinter ihm und trat Felix erbarmungslos in die Kniekehle, worauf er zu Dennis’ Füßen im hohen Gras landete.


Julian hielt erschrocken den Atem an. Sein Bruder lachte.


»Komm, bitte beruhig dich, Mann«, redete Paolo zögernd auf Dennis ein. Ihm wurde spürbar unbehaglich. »Scheuer ihm eine und dann lass gehen! Wir wollten doch noch mit dem Breakdancer fahren und …«


Dennis gab Felix eiskalt einen Tritt in die Magengrube. Qualvolles Keuchen. »Haltet ihn fest!«


Tim und Sven gehorchten, packten Felix’ Arme und zogen seinen Kopf an den Haaren hoch.


Dennis riss mehrere Büschel trockenes Gras aus der Wiese und formte daraus einen Ballen, den er Julian in die Hand drückte, ehrenvoll wie einen Revolver. »Dein Job, Kleiner«, sagte er in einem Ton, honigsanft und befremdlich. »Du darfst ihm die große Klappe stopfen.«


Julian starrte seinen Bruder an, als hätte er in einer fremden Sprache gesprochen. Ich soll …?!


Auf Felix’ Zügen erschien die blanke Panik.


»Fressluke auf!«, befahl ihm Dennis. »Und keinen Mucks – sonst erlebst du wirklich was!«


Zitternd lösten sich Felix’ Lippen voneinander, sein Mund öffnete sich langsam wie unter Schmerzen. Tränen rannen ihm über die Wangen.


»Jetzt kommt, Jungs, ich glaub, der Spasti hat genug …«, versuchte Paolo kläglich einen zweiten Einwand, den Dennis mit einer drohenden Geste im Keim erstickte. Paolo begriff offenkundig: Hier bahnte sich was anderes an, als Felix die Schultasche wegzunehmen und ihn seine Hefte einzeln auf dem Hof aufsammeln zu lassen. Etwas, das möglicherweise übel enden könnte.


Der Grasbatzen in Julians Hand fühlte sich schwer an, wie eine Bleikugel. Sein Blick sprang gehetzt von einem zum anderen: Von Felix’ furchtsam geweiteten Augen zu dem fiesen Grinsen auf Tim und Svens Gesichtern hinüber zu Paolo, der wie verloren ein paar Schritte abseits stand. Er spürte die Hand seines Bruders, wie sie ihm ermutigend auf die Schulter schlug. »Na los, Kleiner! Stopf der dummen Schwuchtel das Maul!«


Und Julian stopfte Felix das Maul – so schnell er es nur hinter sich bringen konnte. Blindlings stolperte er vor und presste ihm den gesamten Ballen auf einmal zwischen die Lippen, bemüht, ihm bloß nicht ins Gesicht zu sehen; die Hälfte der Grashalme fiel daneben, Felix röchelte, sein Speichel klebte an Julians Hand – rasch taumelte er zu Paolo, kniff die Augen zusammen, schaute weg.


Das Gelächter seines Bruders drang an Julians Ohr. Dann Felix, wie er hustete, spuckte und sich übergeben musste – und das Würgen brannte sich in seine Gehörgänge.


In dieser Nacht fand er keinen Schlaf. Hellwach in seinem Bett tauchten in der Dunkelheit die Bilder auf, wie Dennis diesen armen Schwächling erniedrigt – dann wie er selbst ihn gequält hatte. Na los, Kleiner! Stopf der dummen Schwuchtel das Maul!


Am folgenden Morgen der nächste Schreck: Kaum saßen Julian und sein Bruder am Frühstückstisch, hielt ihnen ihre Mutter eine Standpauke wie ein Stabsfeldwebel. Felix’ Eltern hatten sie über den Vorfall in Kenntnis gesetzt. Ihre harschen Worte wurmten Dennis merklich. Was man ihm auch vorwerfen mochte – Ma hatte er stets unterstützt, wo er konnte: bei Besorgungen und Reparaturen im Haushalt; nicht zuletzt mit ihm, den er heute mit siebzehn noch immer liebevoll seinen kleinen ›Dreikäsehoch‹ nannte. Dass ihre Mutter ihnen, ihren Söhnen, gegenüber die Stimme erhob, grenzte ohnehin an eine Premiere; so ließ sie es denn dabei bewenden, sie beide mit sechs Wochen Computerverbot zu belegen und Dennis aufzufordern, er solle sich in der Schule bei Felix entschuldigen. Julian erfuhr nie, ob diese Entschuldigung stattgefunden hatte, denn er hütete sich, über das Ereignis je wieder ein Wort zu verlieren.


Neue Geschichten über Die Schwuchtel verschwanden tatsächlich bald aus dem brüderlichen Zusammenleben, Dennis’ Temperament aber wandelte sich nicht. Als strahlend großer Bruder, ›Boss im Hause‹ und unangefochtener Cliquenführer mischte er buchstäblich jeden auf, der nicht nach seiner Pfeife tanzte, und zog Julian mit hinein in Schwierigkeiten. Kyu-Min war oft besorgt deshalb. Außer Kyu sorgte sich niemand je groß um ihn. Manchmal glaubte Julian, Frau Choi hätte in einem Punkt recht: Vielleicht wäre er auf die schiefe Bahn geraten, wäre Kyu nicht gewesen und hätte sein Leben mit seinem Lachen, seinem Licht erfüllt.


Einmal hatte er eine Fünf in Mathematik bekommen und Rachepläne geschmiedet. Das Taschenmesser bereits gezückt verkündete er Kyu-Min teuflisch grinsend, er werde dem Wichser von Mathelehrer die Reifen aufschlitzen – und Kyu sah ihn an, lächelte und sagte bloß: »Ach, Quatsch! Bei der nächsten Prüfung haust du einfach doppelt rein! Ein Typ wie du, der lässt sich doch nicht von ‘ner schlechten Note unterkriegen!« Wenige Worte nur – und sie brachten ihn sofort zur Vernunft: freundlich, ohne jeden Vorwurf, und gerade deshalb so entwaffnend, dass ihm beinah das Messer aus der Hand gefallen wäre.


Julian liebte Kyu-Min, immer schon, auch wenn er es ihm niemals würde sagen können. Was sollte Kyu denn sonst von ihm denken? Ein hübscher Kerl wie er, der ein so hässliches Geheimnis erfuhr? Kyu könnte anfangen ihn zu hänseln, seine Orangensaftflasche über ihm ausleeren und von ihm nur noch als Die Schwuchtel reden. Andere Jungs würden ihn vielleicht eines Abends packen, auf eine Wiese zerren und irgendwer würde seinen jüngeren Bruder ermuntern: Na los, Kleiner! Stopf der dummen Schwuchtel das Maul! Julian heißt dieser eklige Kotstecher! Lass ihn Gras fressen, der hat’s nicht besser verdient – weißt du, was er damals mit dem armen Felix gemacht hat?!


Und Dennis!wenn er je herausfinden sollte, dass … vielleicht würde er sogar selbst … Nein, Quatsch, ihm, seinem Dreikäsehoch, würde er so was nie antun! Oder …? Julian fiel ein, wie Dennis ihn geohrfeigt hatte, als er in der ersten Klasse weinend von der Schule heimgekommen war … Bist du eine Schwuchtel, oder was?!


Das Abitur in der Tasche war sein Bruder seiner Ausbildung wegen nach Hamburg gezogen. Seitdem er dort an Autos herummontierte, schrieben sie sich häufig Handynachrichten und längere E-Mails. Vermiss dich sehr, Dreikäsehoch! mailte er ihm oft und: Wenn du dein Abi hast, kommst du auch nach Hamburg, ja? Endlich raus aus dem blöden Kaff!, aber auch: Wenn ich dich und Ma wieder besuche, stellst du mir dann endlich mal ‘ne Freundin vor? Wird doch Zeit, dass du zum Mann wirst, oder, Kleiner?


 


Am Himmel war die Sonne untergegangen und über den Dächern lag nun die kühle, schattige Sommernacht.


Kyu-Min würde nie wissen, was er für ihn fühlte. Doch jetzt, in der Dunkelheit, im Liegestuhl auf dem Balkon, war Julian ihm so nah wie er wollte – und ohne dass er es hörte, konnte er sagen, was ihm auf der Seele lag: Ich liebe dich, Kyu!


 


 


 


Kapitel 4


 


 


 


 


Auf dem Schulhof standen die beiden merkwürdigen Gestalten und schauten sich um.


»Wenn stimmt, was die Hexe sagt, muss er hier irgendwo sein«, meinte der mit den schwarzen Haaren.


»Zumindest spüre ich deutlich die Aura eines Dämons«, antwortete die Frau mit dem Hundehalsband.


Nachdem Michael und Zadkiel auf die Erde gekommen waren, trieben sie etwas von dem Geld auf, das den Menschen so wichtig war. Damit hatten sie eine kleine Wohnung im Stadtzentrum gemietet, oben im sechsten Stock, wo sie vor menschlichen Augen sicher waren. Dort, hinter dichten Vorhängen, hatten sie ein Schlaf- und Spielzimmer eingerichtet, wo sie sich leidenschaftlich liebten und zärtlich liebkosten. Wo er sie in Handschellen legte, sie manchmal mit einer Gerte schlug und sie vor ihm kniete, seine Füße küsste und leise dabei keuchte – vor Erniedrigung, vor Erregung.


Ein Gongschlag kündigte das Ende des Unterrichts an und kurz darauf füllte sich der Hof mit Leben.


Michaels Blick fiel auf das Kreuz über dem Haupteingang. »Sieht aus, als wäre dies ein gottesfürchtiger Ort. Warum sollte Raziel ausgerechnet solch einen Unterschlupf wählen?«


»Verzeih, Master, ich glaube, das ist unerheblich. Bedenke, Raziel hat sich damals gegen die Hölle gewandt«, erwiderte Zadkiel demütig.


Michael nickte ernst und schaute hinab auf seine weißen Schuhe. »Sieh, mein Schuhwerk setzt Staub an bei dem Wetter«, sagte er und zeigte ein kühles Lächeln. »Du freust dich sicher, es heut Abend fein sauber zu lecken, nicht wahr, Zadkiel?«


»Ja, Herr! Alles, was du sagst, Michael.«


Er blickte sich um, seine Augen überflogen die Köpfe der Schüler auf dem Pausenhof, in sich die leise Hoffnung, den zu entdecken, nach dem er so lange schon suchte. War er wirklich hier …? Er musste, verflucht, er musste einfach! – irgendwo unter den Menschenkindern.


Auf einmal sah er ihn.


 



 


»Kyu-Min, du hast ja geduscht!«, höhnte Marco, laut genug, dass jeder in der Jungenumkleide es hören konnte. »Dachte, Schlitzaugen waschen sich nur an Weihnachten und koreanischen Feiertagen!«


»Du und denken? Ganz was Neues«, erwiderte Kyu-Min ruhig, während er seine Sportsachen in den Turnbeutel packte.


»Was faselt der wieder?!«, schrie Christopher von der hintersten Bank Marco zu, der sich an Kyu-Mins T-Shirt zu schaffen machte.


»Einen Fünfer für Kyus Billig-Lumpen!«, johlte er und hielt das Kleidungsstück mit spitzen Fingern in die Höhe.


Ein paar der anderen Jungen lachten – jene, die auch sonst verzweifelt jede Chance nutzten, sich bei Marco und seiner Clique beliebt zu machen. Die meisten hatten bereits ihre Sportklamotten zusammengepackt und schickten sich an, die Umkleide zu verlassen.


»Lass ihn gefälligst in Ruhe, kapiert?!«, rief Julian dazwischen und stellte sich schützend neben Kyu-Min, vor sich Marco: blonder Surferschnitt, sonnenbankgebräunt und offenkundig bedacht, seinem Körper ansehen zu lassen, dass er einen Großteil seiner Freizeit im Fitness-Studio verbrachte. Zusammen mit seinem Kumpel Christopher zählte er sich zur Jahrgangs-Elite: Prinzen aus wohlhabendem Elternhaus, stets ausgestattet mit Designerpulli, teurer Markenjeans und neuestem Smartphone in der Tasche. Daraus leitete Marco das Privileg ab, das niedere Schulvolk nach Belieben zu schikanieren. Er und seine Freunde belegten kaum einen Kurs, ohne ein Opfer zu wählen. In Mathe mobbten sie Paul, einen dürren Streber mit Brille und Akne im Gesicht; im Englischunterricht hatten sie es auf Rachel abgesehen, ein Mädchen mit mehreren Kilo zu viel auf den Rippen. Am erbarmungslosesten traf es Daniel, einen Mitschüler, der in jungen Jahren schon an Inkontinenz litt – so zumindest erzählte es die Gerüchteküche und so behauptete es Marco, der diesen Umstand weidlich ausnutzte, um Daniel zu quälen. Jeder dieser Unglücksseligen – dieser dummen Knechte in Marcos Worten – war irgendeines Verbrechens schuldig: Die falschen Klamotten, die verkehrten Freunde; zu dick, zu eklig, im schlimmsten Fall zu uncool. Manche – wie Julian und Kyu – hatten wiederum ein noch viel größeres Vergehen auf sich geladen; ihr Fehler bestand darin, schlicht und ergreifend zu existieren.


Marco feixte hämisch übers ganze Gesicht. »Ach, wie putzig! Beschützt wieder brav deinen allerliebsten Freund, was, Julian? Langsam glaub ich, der steht auf dich, Kyu!«


»Klar! – Kyu-Min hält ihm später die Nudel!« Christopher lachte und gesellte sich neben Marco.


»Dämlicher Penner!«, grollte Julian zornentbrannt und trat Christopher bedrohlich nahe.


»Na, na – nun mach mal halblang!«, entgegnete Marco und stieß ihn grob beiseite.


Mit einem fiesen Grinsen warfen er und Christopher ihre Sporttaschen über die Schultern und ließen ihn mit Kyu-Min allein im Umkleideraum zurück.


»Kyu, alles okay?«, fragte Julian. Ganz wie von selbst wollte er ihm die Hand auf die Schulter legen.


»Lass nur«, meinte Kyu-Min und hob sein T-Shirt auf, das Marco achtlos auf den Boden hatte fallen lassen. »Das sind doch Idioten. Waren sie schon immer.«


»Sicher … Du, ich spring noch eben unter die Dusche, okay?«


»Mach das. Also, wir sehen uns!« Kyu-Min winkte und wollte die Umkleide verlassen. Dann plötzlich drehte er sich noch einmal um. »Julian?«


»Ja?«


»Danke, dass du mich verteidigt hast!«


Julian lächelte. »Logisch, was denkst du denn?«


»Na ja … danke auf jeden Fall!«


Nachdem Kyu-Min gegangen war, schnappte er sich ein Handtuch aus seinem Turnbeutel und schlüpfte in die Dusche neben dem Umkleideraum.


Der Strahl aus der Brause kühlte ihn spürbar ab und wusch den Schweiß vom Sportunterricht weg – nicht aber dieses beschämend quälende Gefühl, das sich in seinem Bauch versteckt hielt.


Es stimmt ja, was Marco sagt …


Während ihm das Wasser über die Schultern rann, tauchte hinter seiner Stirn das Bild auf, das ihm nicht zum ersten Mal in den Sinn kam – der Gedanke, wie er Kyus Lippen zärtlich auf seinen eigenen spürte, Kyu-Mins volle, kaffeebraune, leckere Lippen. Ein Gedanke, peinlich und reizvoll, während Julian sich vorstellte, wie seine Hände über Kyus Rücken strichen und …


Nein! Die Fliesen des Raumes verschwammen hinter einem feuchten Schleier, doch Julian war sich nicht sicher, ob es das Wasser aus der Dusche oder Tränen waren, die ihm in die Augen stiegen. Ob er’s mir ansieht? Sich fragt, warum ich manchmal rot werde? Die Blicke merkt? Gott, bitte nicht, bloß das nicht! Ich will dich nicht verlieren, Kyu!


Als er geduscht hatte, zog er sich an und verließ die Sporthalle. Fünf Minuten später waren seine Haare bereits wieder trocken, so heiß war es draußen.


Es war die letzte Stunde gewesen und der Schulhof überfüllt mit Schülern, die sich auf den Heimweg machten.


Seine Sporttasche über der Schulter, kämpfte er sich durch die Menge und kassierte ein paar Rempler, als auf einmal eine Stimme hinter ihm rief: »Raziel!«


Wie angewurzelt blieb Julian stehen. Ihm wäre gar nicht in den Sinn gekommen, dass er gemeint war, wenn nicht … Diese Stimme – das war doch …!


Er drehte sich um und sah einen Mann mit schwarzen Haaren, vollkommen in Weiß gekleidet, und eine Frau, die einen Lederschmuck trug, der einem Halsband für Hunde ähnelte.


»Verzeih, glaubst du wirklich, das ist Raziel?«, fragte die Frau skeptisch.


»Bin mir nicht sicher. Er hat in etwa sein Gesicht …«


»Sagt mal, wollt ihr irgendwas?«, rief Julian den beiden zu.


Einige Schüler auf dem Hof drehten sich neugierig um.


»Ich spüre die Aura der Hölle, aber irgendwie … scheint er blockiert zu sein«, redete die Frau weiter, ohne ihn zu beachten.


»Mal sehen …«, murmelte der in Weiß und legte den Kopf schief, als müsse er sich konzentrieren. Julian fiel auf, dass seine himmelblauen Pupillen auf faszinierende Weise zu schimmern schienen.


Was sind denn das für zwei Spinner?, dachte er – und wagte im nächsten Moment seinen Augen nicht zu trauen, als zwischen den Händen des Schwarzhaarigen scheinbar aus dem Nichts eine runde Flamme zu flackern begann, die dieser wie einen brennenden Ball geradewegs in seine Richtung schleuderte.


Wie von einer Wespe gestochen sprang Julian zur Seite und landete unsanft auf den Knien, während das Feuergeschoss glühend heiß an ihm vorbeirauschte.


Was …? Was zur Hölle war das denn?!


Er wollte aufstehen, schien vor Schreck jedoch wie gelähmt. Ungläubig starrten seine Augen hinüber zu dem Unbekannten, der ihn offensichtlich angegriffen hatte. »Ey du, hast du einen an der Waffel?! Was … zum Teufel war das?!«


Zwei Schüler, die noch als letzte auf dem Hof waren, glotzten verblüfft zu Julian und den beiden seltsamen Gestalten herüber.


»Wirklich enttäuschend!«, meinte der Mann in Weiß und musterte ihn mit so säuerlicher Miene, als hätte er ihm einen Test gestellt, bei dem er mit Pauken und Trompeten durchgerasselt war. »Raziel hätte diesen popligen Feuerball im Nu in eine Schneeflocke verwandelt!«


»Was du nicht sagst!«, gab Julian grimmig zurück. »Stell dir vor, ich heiße aber nicht Raziel!« Er rappelte sich vom Boden auf und klopfte sich den Staub von den Knien. »Wer seid ihr zwei komischen Vögel überhaupt?«


»Wir sind’s!« Der Schwarzhaarige kam ein paar Schritte näher. »Ich bin Michael und das ist Zadkiel, meine Sklavin!« Er deutete auf die Frau mit dem Hundehalsband. »Wir sind Engel aus Schamajim, dem Reich im Westen des Himmels – erkennst du uns wieder?«


»Himmel? Sklavin?«, Julian musste grinsen. »Alles klar! – zwei unschuldige Engelchen, die auf harten Sadomaso stehen, wie?«


»Findest du das etwa witzig? Das ist kein Spaß!«, entgegnete der Mann, der sich als Michael vorgestellt hatte, ärgerlich. »Wir sind auf der Erde, weil wir nach Raziels Seele suchen.«


»Schon kapiert«, antwortete Julian, der sich fragte, ob er nicht einfach gehen sollte, anstatt sich dieses bescheuerte Gesabbel anzuhören. Bei den beiden saß ganz klar mehr als nur eine Schraube locker! »Und wer soll das sein, dieser komische Raziel?«


»Na, Raziel, der Sohn Satans, der Höchste der Hölle, die dämonische Seele, die du in dir trägst!«


Für einen fassungslosen Moment war sich Julian nicht sicher, ob er lachen, schreien oder schlichtweg stumm die Kinnlade fallen lassen sollte. »Du … denkst also, ich wäre ein Dämon, ja? Der Sohn Satans. Okay. Klar, was sonst?« Meinen die den Scheiß etwa ernst?


»Bitte komm mit uns!«, begann Zadkiel, die Frau mit dem Hundehalsband, flehentlich. »Du wirst sehen, du …«


»Ne, lass mal«, meinte Julian und hob seine Sporttasche auf, die er verloren hatte, als er dem Feuerball ausgewichen war. »Ich geh schön nach Hause und ihr beiden am besten zum Psychiater – oder sucht euch ‘nen hübschen SM-Club und erzählt den Leuten dort euren Müll!«


»Halt, du Pestbeule! Bleib gefälligst hier!«, explodierte Michael hinter seinem Rücken.


»Ist gut jetzt!«, rief ihm Julian über die Schulter zu. »Kriegt euch wieder ein, ihr Freaks!«


Und damit verduftete er durch das Schultor, ohne sich noch einmal nach den zwei sogenannten Engeln umzusehen.


»Michael? Master?«, erklang es leise.


»Ja, was denn?«


»Das ging total in die Hose, oder?«


Ein klatschendes Geräusch, wie bei einer Ohrfeige, folgte.


 


 


 


Kapitel 5


 


 


 


 


Das Wohnzimmer in dem alten Haus, in dem erst seine Großeltern, dann Dominik und seine kranke Mutter gelebt hatten, war in eine Gruft verwandelt worden:


Vor sämtlichen Fenstern hingen schwere, dunkle Vorhänge, die Tag und Nacht zugezogen waren. Dichte Weihrauchschwaden drangen aus dem Gefäß auf dem breiten Wohnzimmertisch, der hergerichtet war wie ein Altar. In der Mitte lag ein Bogen Papier, auf dem ein komplexes gezeichnetes Symbol zu sehen war, welches Kallisto im Buch der Portale gefunden hatte. Dahinter stand ein kleiner, bauchiger Kessel, halb voll mit Spiritus. Drumherum lagen in schmutzigen Schalen blutrot die Herzen der sieben getöteten Mädchen.


Vorn vor dem Altar stand Kallisto und warf einen Blick auf die alte Kuckucksuhr an der Wand. Noch zehn Minuten bis Mitternacht.


Das siebte und letzte Mädchen war erst seit wenigen Stunden tot. Ihr Name war Olga gewesen. Wie Miriam, Lisa und die anderen fünf hatte Dominik sie übers Internet als Opfer ausgewählt und sie nach ihrem Treffen zu sich nach Hause gelockt. Wie den anderen auch hatte er ihr ein Glas Wein angeboten, darin ein starkes Betäubungsmittel. Schläfrig und benebelt war es danach nicht weiter schwer gewesen, sie die Treppe hinauf ins Bad zu schleifen und ihrem Leben, oben in der Wanne, ein Ende zu bereiten.


Ein Raum weiter, in dem heruntergekommenen Schlafzimmer, lag Dominik starr auf dem Bett.


»Krieg ich jetzt meinen Lohn? Gibst du mir alles, was ich mir wünsche, wie versprochen?«


Dominiks Hände hatten gezittert, als Kallisto ihm eine kleine Flasche reichte, in der eine rötliche Flüssigkeit schwamm.


»Was is’n das?«


»Ein Zaubertrank, gebraut in den Tiefen der Hölle. Trinkt ihn ein Mensch, erhält er die Gabe der Finsternis, die Macht eines Dämons. Dann wirst du in der Lage sein, dir selber jeden Wunsch zu erfüllen.«


Das Gift hatte gewirkt – rasch, tödlich, zuverlässig.


Lieber hätte sie die sieben Herzen auf eigene Faust aufgetrieben und die sieben Mädchen, wenn es schon notwendig war, selbst umgebracht – schnell und schmerzlos. Doch Kallisto war niemals zuvor auf der Erde gewesen, sie wusste nicht mehr von der Menschenwelt als die üblichen Geschichten, die sich Dämonen erzählen. Sie hatte die Hilfe eines Menschen benötigt, ganz gleich nun, zu welchem Preis. Kurz entschlossen war sie Dominiks Ruf gefolgt, der wie ein Echo durch den Äther der Hölle gehallt war, als dieser völlig stümperhaft versucht hatte, ein Tor zu öffnen, einfach, um irgendeinen Dämon zu beschwören. Er sollte ihr bringen, was sie so dringend brauchte, danach würde sie ihm Macht verleihen und jeden Wunsch erfüllen – so hatte sie es ihm versprechen, ihm ihr dunkles Ehrenwort geben müssen, besiegelt durch den Schwur der dreifaltigen Unheiligkeit.


Kallisto verstand nicht viel von Menschen. Aber sie war klug genug zu wissen, was Macht in den Händen von jemandem ohne Mitgefühl und Verantwortung anrichtete.


Mit einem mechanischen Schrei verkündete der Kuckuck in der Uhr den Beginn der Mitternachtsstunde, als das verwahrloste Wohnzimmer sekundenlang in rötliches Licht getaucht wurde. Ein Höllenportal öffnete sich und Naberius erschien. In der Hand hielt er einen Gegenstand, der an einen silberfarbenen Schlüssel erinnerte – eine sogenannte Jakobsleiter, die das Reisen zwischen den Welten ermöglichte.


»Du kommst keine Minute zu früh!«


»Tut mir leid!«, entschuldigte sich Naberius und wirkte zerknirscht. »War gar nicht so leicht, zu verschwinden, ohne dass sie in der Akademie davon Wind bekommen.«


Aus seinem Rücken wuchsen zwei mächtige schwarze Schwingen, die aussahen wie die Flügel eines Drachen.


»Du fällst hier auf der Erde weniger auf, wenn du deine Flügel unsichtbar hältst«, mahnte Kallisto.


»Verstehe«, antwortete er und die Dämonenschwingen verschwanden im Nichts.


Naberius’ furchtsamer Blick fiel auf den zum Altar hergerichteten Tisch mitsamt den sieben Herzen. »Oh je, wenn das mal gutgeht! Hab ein paar Stellen aus dem Buch der Portale gelesen – was da für Grausamkeiten drinstehen, da wird einem Angst und Bange. Oh je, wenn das mal …«


»Du hattest Zeit genug, dir das zu überlegen!«, unterbrach Kallisto. »Von mir aus aber kannst du gerne gehen, wenn du magst. Also, bist du in der Tat der Feigling, für den sie dich in der Militärakademie halten?«


Etwas Dunkles huschte über Naberius’ blaue Augen. »Natürlich nicht!«, rief er wütend und verzog gekränkt das Gesicht.


»Fein. Dann ist es jetzt an der Zeit.«


Kallisto schnippte mit dem Finger und der Spiritus fing Feuer, hell stieg eine lodernde Flamme empor. Einen Moment zögerte sie, nahm darauf das erste der Herzen aus seiner Schale und warf es in den brennenden Kessel.


Ihr Herrscher der Finsternis, verzeiht! Vergebt mir, mich Eurem Willen zu widersetzen, doch für ihn – für ihn würde ich alles tun!


Als Raziel damals den Fluch aussprach, der seinen Bruder verbannte, war er, als höchster der Dämonen neben Despariel, fähig gewesen, die Pforte durch reine Geisteskraft zu öffnen. Der Zauber hatte jedoch selbst an Raziels enormen Kräften gezerrt – für Kallisto würde allein der Versuch tödlich enden, da machte sie sich keine falschen Hoffnungen. Die einzig andere Möglichkeit stand im Buch der Portale beschrieben: Ein uraltes, finsteres Ritual, demnach sich ein Tor ins Kontraversum öffnen würde, sobald man die unberührten Herzen sieben menschlicher Jungfrauen opferte.


Kallisto warf das zweite Herz in die Flammen. Zischend und dampfend verkohlte das fleischige Gewebe. Wieder und wieder rezitierte sie im Geiste die Zauberformel aus dem Buch der Portale, die sie sich eingeprägt hatte. Stumm bewegten sich ihre Lippen, während sie mit langsamen, bedächtigen Handbewegungen nacheinander jedes einzelne der sieben Herzen ins Feuer warf. Die helle Flamme loderte heiß auf ihrem Gesicht.


»Hier um Mitternacht, an diesem Ort, in diesem Augenblick opfere ich die unberührten Herzen sieben menschlicher Jungfrauen und stoße damit auf die Porte zum Kontraversum! Jetzt und hier möge es sich für mich öffnen, das Tor in die Vergessene Dimension! Ich befreie Euch aus der Verbannung und hole Euch zurück in diese Welt – Despariel!«


Blau.


Mit einem Mal begann der Raum in blauem Licht zu schimmern. Vor Kallistos Augen bildete sich auf groteske Weise ein leuchtender Riss in der Luft, ähnlich einem Sprung in einem riesigen, unsichtbaren Glas.


Hinter den dunklen Vorhängen zerbarsten klirrend die Fensterscheiben. Der schwebende Riss, der Spalt zwischen den Welten, wuchs mit jeder Sekunde, um sich schließlich langsam zu öffnen. Die Welt um Kallisto und Naberius verschwand vor ihren Gesichtern, verschwand im Licht, im blauen, gleißenden Licht …


 


 


 


Kapitel 6


 


 


 


 


Das Training der Volleyballgruppe war seit zwanzig Minuten vorüber. Kyu-Min stand vor der Schulsporthalle, in die Tastatur seines Handys vertieft. Mit flinken Fingern tippte er eine Nachricht an Julian:


Hey, Alter, was geht bei dir? Training ist grad zu Ende. Lust auf ‘ne Runde Playstation?


Er drückte die Taste mit dem Sendebefehl.


Zwei seiner Mannschaftskameraden kamen aus der Halle. »Bis dann, Kyu!«


Kyu-Min winkte zurück. Er stellte seine Sporttasche zwischen seinen Füßen ab und wartete auf eine schnelle Antwort. Plötzlich, während er die goldenen Strahlen zwischen den Bäumen beobachtete, kamen ihm – weshalb auch immer – Julians blonde Haare in den Sinn; wie sie glänzten, wenn die Sonne darauf schien. Das Bild seines Freundes vor Augen musste Kyu-Min lächeln, als er sich erinnerte, wie Julian ihm einmal gesagt hatte, dass er sein eigenes schwarzes Haar sehr schön fände.


Über sich vernahm er mit einem Mal ein Krächzen, heiser und gespenstisch. Oben auf dem Dach hockte eine Krähe und spähte mit ihren runden nachtdunklen Augen zu ihm hinunter. Schien ihn zu beobachten …


Erschrocken zuckte Kyu zusammen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte.


»Sorry!« Das alberne Kichern einer Mädchenstimme. Es war Christina, die soeben aus der Sporthalle gekommen war. Ihre kurzen brünetten Haare waren feucht vom Duschen.


»Schon gut«, versicherte Kyu-Min. »War nur grad ‘n bisschen in Gedanken …«


»Hast gut gespielt heute!« Sie machte einen Schritt auf ihn zu und berührte flüchtig seinen Unterarm.


Kyu-Min war nicht entgangen, dass während des Trainings kaum ein Moment verstrichen war, in dem Christina ihn aus den Augen gelassen hätte. »Ja, du auch.«


»Oh, danke!« Ihre Hand griff zu der Silberkette, die Kyu-Min um den Hals trug. »Steht dir echt gut! Richtig sexy!«


»Die trag ich doch schon total lange …«


»Äh … klar, sorry!« Ruckartig zog sie die Hand zurück und errötete. »Ich, äh, meinte ja nur so …«


»Ist okay. Danke für das sexy.« Gegen seinen Willen musste Kyu-Min grinsen.


»Haste noch was vor? Sonst können wir ja vielleicht was trinken gehen oder so …?«


»Leider keine Zeit, sorry! Bin gleich mit Julian verabredet.«


Das stimmte zwar nicht ganz, da sein Handy bisher stumm geblieben war, Kyu-Min hoffte jedoch, dass sich dies im nächsten oder übernächsten Moment ändern würde. Mann, jetzt schreib endlich zurück!


Christina schnaubte leise, aber deutlich. »Echt, kapier nicht, warum du ständig mit diesem Julian abhängst. Ich meine, der prügelt sich dauernd und hat eine Gossensprache am Hals – ätzend! Völlig kaputt, der Typ!«


Die Hand in seiner Hosentasche ballte sich instinktiv zur Faust. »Hey, Vorsicht, Julian ist mein bester Kumpel, okay?!«


Irritiert wich Christina einen Schritt zurück. Kyu-Min hatte gar nicht bemerkt, wie laut seine Stimme geworden war.


»War nicht so gemeint …«, entschuldigte sie sich kleinlaut.


Kyu-Min lächelte. »Sorry, wollte dich nicht so anfahren. Solltest nur besser aufpassen, was du sagst. Genauso wie letztens bei Florian.«


»Hast recht, tut mir leid, bin echt doof manchmal …« Christina war auf einmal knallrot im Gesicht.


In Kyu-Mins Hosentasche piepste das Handy.


Hey, Kyu, wie war’s beim Volleyball? Klar, kannst gern vorbeikommen! Neben der Nachricht zwinkerte ihm ein digitaler Smiley entgegen.


Kyu lächelte.


»Kyu …?«


»Ja?« Er steckte das Smartphone zurück in die Tasche.


Ein Leuchten lag in Christinas Augen. »Sag mal, würdest du, ähm … vielleicht mal mit mir ausgehen?« Ein schwaches Zittern durchfuhr sie, kaum hatte sie das ausgesprochen.


Überrascht zog Kyu-Min die Augenbrauen hoch. »Na ja, ich, äh …«


»Ach, schon gut!« Mit einem Mal sah Christina tieftraurig aus, sodass sie Kyu-Min fast leidtat. »Sorry … bin einfach ein Trampel … mache immer alles falsch …«


»Quatsch!« Lächelnd gab er ihr einen Klaps auf die Schulter. »Ich, äh, überleg’s mir, einverstanden?«


Zwei eben noch enttäuschte Augen strahlten ihn an. »Echt?«


»Ja.« Kyu-Min biss sich auf die Unterlippe. »Du, ähm, entschuldige, aber ich muss jetzt echt los …« Er hob seine Sporttasche auf und warf sie sich über die Schulter.


»Äh, sicher … Dann sehen wir uns in der Schule, ja?«


Kyu-Min nickte. »Klar doch.« Im Umdrehen winkte er ihr zu. »Also mach’s gut!«


»Wiedersehen …«


Während sich Kyu-Min auf den Weg machte, las er sich noch einmal Julians Antwort durch. Mal wieder hatte er ihn buchstäblich gerettet! Ein Lächeln huschte über Kyu-Mins Gesicht. Auf dich ist eben immer Verlass, Kumpel!


 



 


Fünfhundert Jahre lang, gefangen im Kontraversum …


Oben auf dem Flachdach eines Bürogebäudes stand Despariel in der Dämmerung und blickte über die Stadt. Während er in der Verbannung geschlafen hatte, war die ihm bekannte Welt untergegangen und hatte sich ein gänzlich neues Gesicht zugelegt.


So viele verlorene Jahre …


Sein rabenschwarzes lockiges Haar, das ihm lang bis zu den Schultern reichte, flatterte im Abendwind.


Neben ihm auf dem Dach stand Kallisto.


Sie waren gemeinsam geflogen, hatten ihre drachenähnlichen Schwingen entfaltet und sich gen Himmel erhoben. Während die Sonne allmählich feuerrot unterging, waren sie zusammen über den Horizont gesegelt, Kallistos Hand in seiner, die Häuser tief unter ihnen.


»Die Erde hat sich wahrlich verändert in all der Zeit«, sagte Despariel und blickte hinab auf die winzigen Köpfe unten auf der Straße. »In der Tat überwältigend …«


»Nicht nur die Menschenwelt hat sich verändert«, erwiderte Kallisto, »auch die Hölle ist nicht mehr dieselbe.«


»Das erwähnst du nicht zum ersten Mal. Hast du mich nicht gerade deswegen aus dem Kontraversum befreit?« Über seine Lippen legte er ein hochmütiges Lächeln. »Du warst sogar gewillt, zu morden und Menschen zu opfern, um mich zu retten.«


»Es war notwendig, Ihr seid unsere letzte Hoffnung. Die Hölle wird von einem Krieg zerrissen, Herr – einem Krieg, der unter den Dämonen selber wütet. Satan hat sich in den Dunklen Turm zurückgezogen, seitdem hat niemand mehr etwas von ihm vernommen. Die oberen Fürsten führen die Revolution gegen Gott seither mit strengster Grausamkeit, indem sie das Volk der Unterwelt knechten und peinigen. Der Missmut unter den Dämonen wächst, immer mehr schließen sich den Rebellen an. Der Feind nutzt dies zu seinem Vorteil – tagtäglich nehmen die Angriffe der Engel zu. Die Straßen von Gehenna ertrinken im Blut. Es ist grausig!« Einen Augenblick lang schien ihr die Stimme zu stocken. »Ich bitte Euch, Despariel, nehmt Euren ehemaligen Platz als Herr der Hölle ein und beendet all dies! Ihr seid der einzige, der das Dämonenvolk zu retten vermag!«


Am Himmel war die Sonne beinahe untergegangen, während Despariel aufmerksam zugehört hatte.


»Fast könnte man meinen, du sprichst von der alten Prophezeiung. Von dem Großen Dämon, der kommen wird, uns aus der Finsternis zu führen.«


»Ich verstehe nichts von Weissagungen«, erwiderte Kallisto, »doch wer außer Euch sollte uns führen? Eure Rückkehr würde den Dämonen neue Hoffnung geben – Ihr, noch so stark, schön und ungebrochenen Willens wie damals, als Ihr in Pandämonium geherrscht habt!«


Despariel lächelte. »Viele hätten sich dem Aufstand angeschlossen, sagtest du? Dann sind sie also zurück, Raziels rebellische Freunde?«


»Offen gesagt, Herr, ich glaube nicht, dass sie jemals ganz verschwunden waren.«


Despariel nickte.


Rötlich verblassten die Strahlen der Sonne.


»Er ist hier, Kallisto …«, flüsterte er. »In dieser Stadt …«


»Euer Bruder?« Sie legte die Stirn in Falten. »Aber … Raziel ist tot, lange schon!«


»Raziel und ich sind Geschwister, Kallisto. Uns durchströmt dieselbe Energie, wir spüren die Lebenskraft des jeweils anderen. Seine Seele ist auf der Erde, näher als du glaubst. Sie versteckt sich im Körper eines Menschen.« Er verengte die Augen zu zwei Schlitzen. »Wenn ich die Hölle retten soll, wäre es klug, ihn zu töten, solange er ein menschliches Gesicht trägt – bevor die Rebellen ihn finden und erwecken!«


»Ja, Herr … vielleicht.« Über Kallistos grüne Augen huschte ein Schatten.


Auf dem Dach, wo sie standen, öffnete sich ein Höllentor, woraus Naberius erschien. In den Händen hielt er eine kleine Schatulle.


»Seid gegrüßt, Despariel, Herr!«


»Naberius!« Despariel schritt auf ihn zu. »Was hast du mir mitgebracht?«


Naberius überreichte ihm das Kästchen. Darin lag ein runder Kristall, etwa so groß wie eine Faust, der in tiefblauen Tönen funkelte.


»Das ist der Bannstein, in den Raziel die Seelen Eurer Gefolgsleute einschloss, damit sie nicht wiedergeboren werden«, sagte Naberius. »Der Schwarzen Garde gelang es vor einigen Jahren, ihn den Rebellen während eines Gefechtes abzujagen. Er wurde seitdem in den Gemäuern des Palastes aufbewahrt.«


»Exzellent!«, sagte Despariel und nahm den Stein aus der Schatulle. »Wahrlich exzellent!«


»Und du hast ihn einfach so entwenden können?«, fragte Kallisto skeptisch.


»Selbstverständlich, immerhin bin ich Unteroffizier der Militärakademie von Gehenna!«, antwortete Naberius und war sichtlich bemüht, mit möglichst gefestigter Stimme zu sprechen. »Nach einem halben Jahr bei der Palastwache besitze ich einen gewissen Zugang zu den königlichen Gemächern, meine liebe Kallisto!«


»Dann will ich nur hoffen, du hast keine Spuren hinterlassen«, entgegnete sie. »Wenn das auffliegt, bist du geliefert – wir alle!«


»Ich war mehr als vorsichtig!«, gab Naberius ärgerlich zurück.


»Aber gewiss!«, sagte Despariel. Lächelnd legte er Naberius die Hand auf die Schulter. »Das hast du äußerst geschickt angestellt. Ich habe dir zu danken, Naberius! Du riskierst viel für deinen Herrn. Ein wahrlich mutiger junger Mann!«


»Vielen Dank, Herr!«, antwortete Naberius mit glänzenden Augen.


»Und die Höllenfürsten haben den Bannstein lediglich aufbewahrt?«, fragte Despariel ungläubig. »Haben sie denn nie versucht, den Bann zu brechen und die Seelen der gefangenen Dämonen zu befreien?«


»Ich fürchte, sie wussten nicht, wie sie es anstellen sollten. Der Umgang mit diesen Steinen gehört zu einer alten Form von Magie, die nicht mehr gelehrt wird.«


»Das ist wahr«, bestätigte Kallisto. »Nur die Alten und Mächtigen wissen heute noch um die Natur der Bannsteine.«


»Schon gut«, unterbrach Despariel. »Ich weiß, wie man seine Kräfte nutzt.« Die dunkelblauen Farben des Kristalls in seiner Hand funkelten kalt. »Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis ich meinen geliebten Bruder gefunden habe. Raziel täte gut daran, sich in Acht zu nehmen …«


Am Himmel verschwanden die letzten Sonnenstrahlen. Es wurde Nacht über der Stadt.


Bald, Raziel – bald ist sie gekommen, die Stunde meiner Rache.


 


 


 


Kapitel 7


 


 


 


 


Im Zentrum von Gehenna, dem Reich im Herzen der Hölle, erhob sich der Palast Pandämonium. Gebaut aus schwarzem Gestein thronte er auf einem steilen Berghang riesig über den Dächern der Hauptstadt. Die Spitzen seiner zahlreichen Türme reichten hoch bis in den bewölkten Horizont. Rings um die Mauern zog sich ein tiefer Graben, darin rauschte die Flut des strömenden Flusses. Der Palast verfügte über vier Tore in jeder Himmelsrichtung, bewacht von der königlichen Schlossgarde, ausgerüstet mit tödlichen Schusswaffen. Über der Burg erstreckte sich unsichtbar ein magischer Schutzwall, der die himmlischen Krieger und alle sonstigen Angreifer abwehren sollte.


Im hinteren Bereich, umzingelt von dunklen Zinnen, lag ein üppig bewachsener Garten. Im Schatten hoher Baumkronen blühten Blumen, die ausschließlich in den höllischen Gefilden vorkamen und die kein menschliches Auge je gesehen hatte.


Auf einem schmalen Pfad, quer durch das Grün, schritt hocherhobenen Hauptes der Höllenfürst Mephistopheles. Die vergangene Ratssitzung hatte ihn angestrengt, so war er hinaus an die frische Luft getreten. Seine spitze Raubvogelnase sog teilnahmslos den Geruch wilder Blüten auf. Der sanfte Regen hinterließ kleine Perlen auf seinem wallenden Gewand. In der aufrechten Gestalt lag unverhohlener Stolz, gleichzeitig wirkte jede Bewegung steif und auf seltsame Weise mechanisch.


»Seid gegrüßt, Hochfürst!«, rief ehrfurchtsvoll ein Gärtner, der die Beete pflegte, und senkte sein Haupt.


Mephistopheles würdigte ihn eines halben Blickes seiner starren Augen, ohne die Regung irgendeines Gefühls.


Eine Gartenlaube kreuzte seinen Weg, überwuchert von Rosenranken. Auf der Bank im Rondell saß eine Dämonin und ließ ihren Blick gedankenverloren über die roten Blüten wandern. Ihr langes, vollkommen silbernes Haar war feucht vom Regenwetter.


»Hekate?«


»Ich grüße Euch, Hochfürst!« Zwei seefarbene, klare Augen glänzten ihm entgegen. »Sagt, wie geht es unserem König heute? Ich hoffe, er fühlt sich wohl für den Unterricht morgen?«


»Das hoffe ich ebenso«, erwiderte Mephistopheles und trat zu Hekate in die Laube. »Seine Majestät Baal fühlte sich sehr schwach heute Morgen und klagte über Gliederschmerzen. Den heutigen Tag über wird er das Bett hüten müssen.«


»Der arme Junge!« Hekate seufzte. »Baal hat es durch seine Krankheit wahrlich schwer getroffen.«


»Möglicherweise erholt er sich davon, wenn er älter ist – ich vermag es nicht zu sagen.«


Hekate lächelte. »Das wird er gewiss! Daran glaube ich fest!« Die Regentropfen in ihren Silberhaaren glitzerten wie winzige Diamanten.


Mephistopheles nahm auf der Bank ihr gegenüber Platz.


»Gestattet mir zu fragen, wie ist die Ratsversammlung verlaufen, Hochfürst?«


»Es wurde viel geredet, allerdings wenig Sinnvolles.«


»Keine Neuigkeiten bezüglich der Aufständischen?«


»Oh doch!« Mephistopheles triumphierte. »Gestern Abend hat die Schwarze Garde vier Rebellen festgenommen!«


Hekate riss die Augen auf. Für einen winzigen Augenblick schien es, als habe sie sich erschrocken. »Und wurden sie schon verhört?«


»Bisher nicht. Ich habe beantragt, die Häftlinge höchstpersönlich zu vernehmen.« Sein ernstes Gesicht verzog beide Mundwinkel. »Wollen sehen, ob sich aus diesen Volksverrätern nicht etwas herauspressen lässt!«


»Verstehe … Ist denn in der Zwischenzeit Näheres über den Aufstand bekannt?«


»Kaum.« Er stieß ein Grollen aus, seine Unwissenheit ärgerte ihn. »Der Rat vermutete hinter den Aufrührern zunächst nur eine kleine Randgruppe abtrünniger Dämonen und gefallener Engel. Mittlerweile haben wir aber Grund zur Annahme, dass die Rebellen über eine gewaltige Untergrundarmee verfügen, die sich im Verborgenen formiert. Unter dem Volk scheint sich derweil eine gewisse Sympathie abzuzeichnen – eine Regung, die selbstredend im Keim erstickt werden muss!«


Mephistopheles sah, wie Hekate einen Gärtner beobachtete, der gebückt das abgefallene Laub von den Büschen aufsammelte.


»Das Volk ist unglücklich, Mephisto«, sagte sie leise. »Viele Gesetze, die der Rat der Höllenfürsten erlässt, werden als zu hart empfunden. Mir ist zu Ohren gekommen, Ihr habt letzte Woche weitere Bücher verbieten lassen?«


»Das ist korrekt«, antwortete Mephisto mit eisiger Stimme. »Solcherlei Maßnahmen sind notwendig. Konterrevolutionäres Gedankengut darf unter keinen Umständen geduldet werden! Wir können nicht zulassen, dass der Geist des Volkes auf eine Weise vergiftet wird, die den erklärten Zielen der Hölle zuwiderläuft!«


»Konterrevolutionäres Gedankengut?« Ein schiefes Lächeln flog über Hekates Lippen. »Wurden wir nicht einst in die Hölle verbannt, weil wir aufbegehrten, weil wir frei leben wollten?«


Der leise Regen tropfte auf die Blätter der Laube.


»Gebt Acht, Hekate«, entgegnete Mephistopheles aalglatt und musterte starren Blickes die Frau, die ihm gegenübersaß. »Solche Worte könnten Euch schnell als Hochverrat ausgelegt werden.«


»Aber Hochfürst, ich bitte Euch!«, erwiderte Hekate sanft. »Ihr werdet doch nicht der Lehrerin des Königs misstrauen!«


»Gewiss, wir Dämonen haben uns einst dem Himmel widersetzt«, fuhr Mephisto fort, ohne auf ihre Äußerung einzugehen. »Jedoch, wenn wir ihn gewinnen wollen, den Großen Krieg, dann muss das starke Wesen unserer Revolution bedingungslos aufrechterhalten werden. Geschlossen als Einheit müssen wir zusammenstehen – dazu braucht es nun einmal Disziplin, Einsatz, Aufopferung, wenn nötig auch Zwang! Auf die belanglosen Bedürfnisse einiger weniger kann da keine Rücksicht genommen werden!«


»Selbstverständlich, Ihr habt sicher recht«, antwortete Hekate beschwichtigend. »Dennoch, wenn sich der Widerstand zu neuer Stärke formiert, stimmt vielleicht das Gerücht, dass die Rebellen nach der Seele ihres früheren Anführers Raziel suchen – was meint Ihr?«


»Wenn es bloß das wäre! Vor drei Nächten wurde einer der Bannsteine aus dem Palast gestohlen.«


»Tatsächlich?« Ihre Augen blickten den Höllenfürsten fragend an. »Was hat das zu bedeuten?«


»In dem Stein sind die Seelen der Gefolgsleute des damaligen Königs Despariel versiegelt«, erklärte er. »Der Raub bestätigt meiner Ansicht nach die Informationen, die mir vor geraumer Zeit mitgeteilt wurden – über einen kleinen Kreis von Dämonen, der angeblich den Plan verfolgt, Raziels Bruder aus dem Kontraversum zu befreien.«


»Habt Ihr den Dieb denn fassen können?«


»Bisher nicht.« Die Hände auf Mephistopheles’ Schoß verkrampften sich zu zwei Fäusten. »Doch wenn, ist ihm das Todesurteil sicher, so viel steht fest!«


»Das ist in der Tat ein Problem, dem wir Beachtung schenken sollten … Wenn Despariel zurückkehrt, wird er die Macht in Pandämonium für sich beanspruchen wollen.«


»Allerdings! Dies könnte eine ernsthafte Gefahr für Seine Hoheit darstellen! Gerangel um den Thron können wir nicht brauchen, zumal Seine Majestät bereits durch die Erkrankung stark beeinträchtigt ist.«


»Nun, ein Glück, dass Seine Hoheit jemanden wie Euch an seiner Seite hat«, sagte Hekate freundlich. »Jemanden, der ihm mit Freuden die belastenden Pflichten des Regierens abnimmt.«


Mephistopheles ging nicht weiter darauf ein. »Es wird Zeit, ich muss zurück in den Palast«, sagte er nur und erhob sich von der Bank.


Mit langsamen Schritten verließ er die Laube, dann drehte er sich noch einmal zu ihr um. »Lasst mich Euch eine Warnung mitgeben: Ihr mögt die Lehrerin unseres Königs sein und ich weiß, Baal empfindet gewisse Sentimentalitäten für Euch. Dennoch solltet Ihr in Zukunft genauestens überlegen, welche Ansichten Ihr offen auszusprechen gedenkt.« Sein Gesicht formte ein süffisantes Lächeln. »Es wäre doch überaus bedauerlich, wenn sich eine Verbindung zwischen Euch und irgendwelchen rebellischen Aktivitäten herleiten ließe – meint Ihr nicht auch?«


»Aber wo denkt Ihr hin, Hoher Fürst!«, antwortete Hekate seelenruhig und schenkte ihm ein warmes Lächeln.


Mephisto wandte sich ab, ohne noch etwas zu sagen, und verschwand durch den verregneten Schlossgarten in Richtung Palast.


 


 


 


Kapitel 8


 


 


 


 


»Julian, alter Teufelskerl, was geht ab?«, rief Nadja, als sie ihm die Haustür öffnete. Aus ihrem bleich geschminkten Gesicht schauten ihn ihre mit schwarzem Eyeliner untermalten Augen an. Sie trug ein dunkles T-Shirt, auf dem ein Monster zu sehen war, das auf einem Friedhofsgrab tanzte. Darüber erkannte Julian in blutroten Buchstaben den Namen einer Black-Metal-Band, die er selbst gern hörte.


»Hi!«, grüßte er und betrat die Diele.


Nadja war offensichtlich allein, ihre Pflegeeltern schienen nicht daheim zu sein. Sie bot Julian etwas zu trinken an, worauf sie in die Küche gingen und sie ihm ein Glas mit kaltem Mineralwasser in die Hand drückte.


»Und, wie geht’s dir? Gestern am Telefon klangst du irgendwie neben der Spur.«


»Ach, war nichts weiter!«, antwortete Julian und trank einen Schluck Wasser. »Gestern nach dem Sport haben mich nur so zwei Verrückte blöd von der Seite angemacht.«


»So? Dachte schon, es hätte mit Kyu-Min zu tun …«


Fragend hob er die Augenbrauen. »Wieso denn das?«


Nadja lächelte wissend, dann gab sie ihm mit der Faust einen schwachen Stoß gegen die Schulter. »Mann, tu nicht so! Wer dich mit Kyu-Min sieht, weiß, was los ist. Ich mein, ständig machst du einen auf knallhart, aber kaum ist er in der Nähe, da benimmst du dich echt wie ein kleiner, verknallter Junge!«


»Wie kommst du denn auf so ‘nen Quatsch?« Julians Hand zitterte, als er das leere Glas neben der Spüle abstellte. »Ich – in Kyu-Min verknallt? Einen Kerl? Du spinnst wohl!« Sein Gesicht erzwang ein Lächeln. »Was für Drogen nimmst du eigentlich?«


Nadjas Blick wurde ernst. »Laber nicht! Glaubst du, ich bin blöd? Deine Gefühle machen dir Angst, das kann ich verstehen. Wahrscheinlich schämst du dich und …«


»Jetzt hör aber auf mit dem Scheiß, okay?! Echt mal, ich bin doch keine Schwuchtel!«, gab Julian lautstark, fast aggressiv, zurück. »Komm, lass uns auf dein Zimmer gehen!«


»Na schön, wie du meinst …«, murmelte Nadja und folgte Julian nach, als er die Küche verließ.


Die Wände von Nadjas Zimmer waren überladen mit den düsteren Postern verschiedener Rockmusiker. Zwischen Kleiderschrank und Buchregal stand ein Tischchen an der Wand, hergerichtet wie ein kleiner Altar mitsamt künstlichem Totenkopf, schwarzen Kerzen und einem Halter für Räucherstäbchen. Ein Hauch von Patschuli lag in der Luft.


Rücklings ließ sich Julian auf Nadjas Bett fallen.


»Hey, Lust, einen durchzuziehen?«, fragte Nadja.


»Klar, warum nicht?«


Sie ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine Schublade und förderte Tabak, Zigarettenpapier sowie einen kleinen Plastikbeutel mit Marihuana zutage. Beide Arme hinter dem Kopf verschränkt, beobachtete Julian vom Bett aus, wie sie einen Joint drehte.


Sie kannten sich seit dem letzten Sommer, als Nadja zu ihm auf die Schule gekommen war. Dennoch, wenn Julian recht überlegte, wusste er im Grunde nur wenig über sie. Er wusste, dass sie in Russland geboren und Waisenkind war. Auch, dass sie seit über einem Jahr bei den Bergers lebte, einem Ehepaar um die Vierzig ohne eigene Kinder. Das Verhältnis war, soweit er sagen konnte, eher schlecht als recht. Nadja hatte ihm erzählt, sie habe zuvor bereits bei anderen Pflegefamilien gelebt. Mehr war nicht aus ihr rauszubekommen und Julian hielt es für das Beste, nicht weiter nachzubohren. Offensichtlich wollte sie über diese Dinge nicht sprechen. Was er sonst noch wusste, war, dass sie sich anzog wie ein Gruftie, gern kiffte, sich für Magie, Satanismus und anderes komisches Zeug interessierte.


Nadja hatte eine pralle Tüte gedreht und warf sie Julian zu, der nach Feuer fragte.


Sekunden später erfüllte eine dichte Hanfwolke das Zimmer und sickerte dunstartig zum offenen Fenster hinaus. Das Gras zog in Julians Schädel und breitete sich dann spürbar langsam in seinem Körper aus, ließ ihn ruhig werden und sich entspannen.


»Nadja? Kann ich dich mal was fragen?« Er aschte in eine alte Teetasse, die Nadja neben ihm auf ihren Oberschenkeln balancierte. »Du bist doch Satanistin, oder? Also, ich meine, du kennst dich mit solchem Kram aus … Mit der Hölle, dem Teufel und so …«


»Kann sein. Warum?«, antwortete sie mit benebelter Stimme.


Julian atmete grünlichen Rauch aus und reichte den Joint zurück an Nadja. »Hast du schon mal was von einem Dämon namens Raziel gehört?«


Sie schien einen Moment nachzudenken. »Glaube ja …«


Nadja nahm einen tiefen Zug, stand vom Bett auf und ging zum Bücherregal.


»Irgendwo hier müsste es sein …«, murmelte sie, während Julian zusah, wie sie die aneinandergereihten Buchrücken studierte. Plötzlich, wie einem Geistesblitz folgend, zog sie mit einem Ruck ein dickes, recht ramponiertes Taschenbuch heraus und reichte es ihm.


Der Einband war dunkelblau und zeigte die Abbildung eines mit Hörnern, Ziegenfuß und Dreizack bewaffneten Teufels. Darüber stand reißerisch knallgelb der Titel des Schinkens: Dämonologie und Engelskunde – Mythen, Legenden und die Wahrheit.


»Guck mal rein!«, sagte Nadja, lümmelte sich zurück aufs Bett und zog am Joint.


Julian schlug das Buch auf. Nervösen Blickes überflog er Seite um Seite, seine Augen rasten über die alphabetisch geordneten Einträge – bis er auf den Namen stieß, nach dem er suchte. Weshalb er Nadja nach diesem Raziel gefragt hatte, wusste er selbst nicht genau. Vermutlich wollte er sich schlicht überzeugen, dass die beiden Vollpfosten von gestern wirklich nichts als kompletten Schwachsinn gefaselt hatten. Eigentlich hatte er sogar erwartet, rein gar nichts über irgendeinen Dämon, Teufel oder was auch immer unter diesem Namen zu finden. Umso mehr stieg nun schiere Aufregung in ihm hoch, als er hastig, beide Hände an den Enden des Buches festgekrallt, den Eintrag las, der dort unter Raziel geschrieben stand:


 


… Die Dämonen schäumten vor Zorn. Denn in ihrem Hass gegen das Himmelreich waren die Höllenfürsten blind und grausam geworden und lange schon kümmerten sie sich nicht mehr um die Belange ihres eigenen Volkes. Schließlich aber erhob sich Raziel, der höchste der Dämonen, stellte sich gegen Satan und die Legionen seines Bruders Despariel – worauf die Hölle sich spaltete in zwei Lager und zerrissen wurde im Gewimmel eines gewaltigen Krieges …


 


»Und? Irgendwas Interessantes entdeckt?«


»Weiß nicht …«, nuschelte Julian. »Hier steht was über einen Aufstand in der Hölle … ein Krieg unter Dämonen oder so …«


Krieg …? Die Bilder aus meinen Träumen … Sein Herz schien ihm ein Stück in die Hose zu sacken.


»Was ist los? Ist das Gras nicht gut?«


»Doch, doch …« Gedankenverloren blätterte Julian in dem zerfledderten Wälzer herum. Dort, im hinteren Teil des Buches, versteckt zwischen den vorletzten Einträgen, stieß er plötzlich auf eine zweite Textstelle:


 


Zadkiel:


Engel der Barmherzigkeit. Ihr Name bedeutet ›Gerechtigkeit Gottes‹. Zadkiel ist der Engel, der Abrahams Hand zurückhielt, als dieser seinen eigenen Sohn opfern wollte. Im Himmel ist sie die oberste in der Hierarchie der Herrschaften und eine Kriegerin aus der Armee des Erzengels Michael.


 


Julian schluckte schwer. Eine Sekunde lang hielt er das, was vor seiner Nase geschrieben stand, glatt für einen schlechten Witz. Zadkiel? Michael? – die beiden Spinner?


Julian klappte das Buch zu und warf es runter auf den Teppich. Er griff nach dem Feuerzeug, das neben Nadja auf der Bettdecke lag, und zündete den Joint neu an. Etwas Schwarzes stach in seine Augenwinkel. Draußen auf dem Fensterbrett saß eine Krähe und glotzte zu ihnen ins Zimmer hinein. Zwei Federn sträubten sich wild wie teuflische Hörner. Leises, unheimliches Krächzen. Ein Flügelschlag und sie flatterte davon.


»Hey, alles okay bei dir?«, fragte Nadja und legte den Arm um ihn, beinah wie eine große Schwester.


»Ja …« Zugedröhnt legte er den Kopf auf ihre weiche Schulter. »Alles in Ordnung, denke ich …«


 


 


 


Kapitel 9


 


 


 


 


Versunken in seine Erinnerungen saß Michael im Wohnzimmer der spärlich eingerichteten Wohnung – ihrem Versteck, solange sie sich auf Erden aufhielten.


Unterdessen war Zadkiel damit beschäftigt, auf seinen Befehl hin das Bad zu putzen. Dumpf drang das entfernte Geräusch des Staubsaugers an sein Ohr.


Komplett bis auf die Haut hatte sie sich ausziehen müssen und die Zähne zusammengebissen, als er ihr zwei eiserne Klemmen an die Brüste legte. Kalt lächelnd hatte er sie gezwungen, nackt auf allen Vieren die Toilette zu schrubben.


»Ich fürchte, da hast du eine Kleinigkeit übersehen!«


»Verzeihung, Master Michael!«, hatte sich Zadkiel umgehend entschuldigt und die bräunliche Stelle am Klorand mit dem Fingernagel abkratzen müssen.


An den Sessel gelehnt stand der Rohrstock, gut sichtbar, sobald seine Sklavin ins Wohnzimmer käme. So würde sie wissen, was ihr blühte, sollte sie ihre Arbeit nicht gründlich und genau so ausgeführt haben, wie befohlen.


Michael schloss die Augen. Manchmal, wenn er sich in seine Gedanken zurückzog, konnte er sie noch immer hören, die Schreie seiner sterbenden Kameraden …


 


Mehr als fünf Jahrhunderte war es her, dass er und Raziel sich das erste Mal begegnet waren. Über die frühesten Jahre seines Lebens wusste Michael nicht viel. Er erinnerte sich an das kleine Dorf in irgendeiner abgelegenen Provinz des Himmels, erinnerte sich dunkel an grüne Wiesen und blühende Weiden, an niedrige Holzhäuser, an die klappernde Windmühle. Noch klein war er gewesen, als die Abgesandten kamen, um ihn aus der Hütte seiner Eltern mitzunehmen in den Palast von Schamajim, dem Himmelreich weit im Westen. Ob sich Vater und Mutter gewehrt hatten, daran konnte er sich nicht entsinnen. Doch er wusste noch, wie ihm die Engel sein vermeintliches Schicksal zu enthüllen versuchten, allzu bald nachdem er die Burgmauern betreten hatte. Man stelle sich das vor! Ein Kind, dem gesagt wurde, es sei einst, in einem vorigen Leben, der mächtigste Krieger des Himmels gewesen – jener Engel, der den Erzfeind, den abtrünnigen Luzifer, aus Gottes Reich verbannt haben soll. Michael selbst erinnerte sich an nichts davon. Er hatte bloß zugehört und gestaunt; weniger wie jemand, dem ein anderer seine Lebensaufgabe klarzumachen versucht, sondern mehr wie ein Knabe, der ein aufregendes Märchen erzählt bekommt. Vielleicht wollte er sich nicht erinnern? Er wollte nur in sein Heimatdorf zurück; er war kein tollkühner Kämpfer, sondern ein Kind, das zurück zu seinen Eltern wollte. Aber sie erlaubten ihm nicht, Schamajim zu verlassen. Er sollte im Palast bleiben und lernen – um wieder der große Krieger zu werden, der er, wie sie glaubten, vor Jahrtausenden gewesen war. Der, von dem sie hofften, mit seiner Kraft einen entscheidenden Schlag gegen die Dämonenwelt landen zu können. So viele Erwartungen auf seinen damals noch so kleinen Schultern! Wenn der Fürst von Schamajim nicht mehr wäre, eröffneten sie ihm, wollten sie ihn zum Herrn über das westliche Himmelreich machen. »Wer weiß«, sagten sie, »vielleicht gewährt man dir irgendwann sogar Einlass in die Residenz Gottes in Araboth – eine Ehre, die nur den allerhöchsten Engeln zuteil wird!«


Sie schickten ihn nicht mal auf die Militärschule. Stattdessen erteilte man ihm privaten Unterricht, für gewöhnlich ebenfalls Privileg der hohen Engel.


Michael erinnerte sich: Es war ein milder Frühlingstag, als sie ihm Samael vorstellten, seinen Lehrmeister. Die weißen Federn seiner leuchtend hellen Flügel hatten im morgendlichen Sonnenlicht gestrahlt.


Alles, was Michael heute wusste, wusste er von ihm. Er hatte ihn gelehrt, wie man kämpft, ihn im Schwertkampf und im Umgang mit Schusswaffen unterrichtet. Darüber hinaus hatte ihm Samael geholfen, seine magischen Fähigkeiten zu entwickeln; ihm verdankte Michael seine Kenntnisse über Schadens- und Schutzzauber. Auch Bildung war wichtig. Samael motivierte ihn zum Lesen. Michael erinnerte sich an die vielen Nächte, die er damals in der riesigen Bibliothek verbracht hatte; eine kleine Lampe auf dem Tisch, die Nase in einem Buch versunken. Er hatte das Wissen verschlungen, förmlich alles aufgesogen, was ihm unter die Augen gekommen war: Bücher über das Wort und den Willen Gottes, über Hierarchien und Eigenschaften der Engel, die Geschichte des Himmels und nicht zuletzt über den alten Feind, die Bewohner der Hölle, und den Großen Konflikt.


Michael war ein fleißiger Schüler und bald ein fähiger Krieger gewesen – folgsam, wissbegierig und diszipliniert. Samael war ihm ein guter Lehrmeister, der beste, den er sich hätte wünschen können – ein Vorbild in vielerlei Hinsicht. Wenn er zurückdachte, schien ihm dies beinahe das Allerschlimmste. Wann er übergelaufen war, wusste Michael nicht mit Gewissheit. Sicher war er sich nur: Samael musste lange zuvor schon im Dienste der Hölle gestanden haben – ein dunkler Cherub, der heute als Gemahl der Dämonin Lilith im Rat der Neun Fürsten über die Unterwelt herrschte.


Wie die meisten Engel, wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen, bemerkte Michael Gefühle an sich, die sein Herz zu quälen begannen. Bald fiel ihm auf, dass einige der Hofdamen – vor allem die niederen Zofen, die ehrfürchtig jedem Wink von ihm folgten – ihn auf seltsame Weise anzogen. Mehr und mehr fing er an, von jungen Frauen zu schwärmen, die er zu beherrschen sich wünschte; träumte heimlich von einem Mädchen an seiner Seite, zu seinen Füßen, das ihm gehorsam zu Diensten sein würde, das er nach seinem Willen erziehen könnte. Gleichwohl, er wusste: Was in ihm war, würde er niemals ausleben können, war den Wesen des Lichtes doch jegliche Wollust verboten.


Jugendliche hundertvierzig Jahre alt war Michael, als er sich das erste und einzige Mal verliebte. Zadkiel war die jüngste Tochter des Nachtwächters im Schloss von Schamajim. In einem nahe gelegenen Wäldchen war er ihr begegnet, als er auf einem weißen Einhorn zur Jagd ritt. Auf einer Wiese im kühlen Schatten eines Baumes hatte sie gesessen, neben sich einen Korb gepflückter Beeren. Die Schritte des Einhorns verlangsamten sich, als er vorbeigeritten kam. Das fremde Mädchen, die Beeren im Korb zählend, lächelte ihn an, als sie plötzlich den Kopf hob und ihr Blick auf ihn fiel. Heiß lief es ihm den Rücken rauf und runter, wie er ihre Augen auf sich spürte – rasch gab er dem Einhorn die Sporen, um seine Jagd schleunigst fortzusetzen.


Die Woche drauf hatte er sie in der Burg wiedergetroffen, auf einem der endlos langen Flure. Von Weitem schon sah er, wie sie ihm entgegenkam – und er nahm seinen Mut zusammen und sprach sie an, als sie vor ihm stand: Ihre zarte Gestalt mit den klaren braunen Augen und ihren vollen, wie aus rötlicher Seide gesponnenen Haaren.


»Ich heiße Michael.«


»Ich weiß«, hatte sie geantwortet und gelächelt. »Jeder hier im Schloss kennt deinen Namen. Ich bin Zadkiel.«


Von da an sahen sie sich jeden Tag. Zusammen gingen sie im Garten des Palastes spazieren oder ritten gemeinsam in die nahen Wälder hinaus – auf dem Rücken seines Einhorns, ihre Arme um seine Brust geklammert. Manchmal, wenn er draußen auf dem Hof mit Schwert oder Speer trainierte, stand sie oben an einem der hohen Fenster und sah ihm zu.


In der elften Nacht kam sie zu ihm ins Zimmer, weit oben in einem der Türme. Zadkiel hatte ihre seidenen Strümpfe ausgezogen und sie Michael gegeben. An die Pfosten des Bettes ließ sie sich fesseln und so, ihm ausgeliefert, ihren wehrlosen Körper streicheln. Im Mantel der Dunkelheit hatten sie sich geliebt, still und heimlich, da solcherlei unter den Engeln verpönt war. Dann, unter der Decke in seinen Armen, hatte sie ihm ihre Seele entblößt, frei, ohne ein Zeichen von Furcht. Ihre Lippen an seiner Wange flüsterte sie ihm ihre Wünsche ins Ohr: Dass sie sich sehne, einem Mann zu Knien zu liegen, vielleicht geschlagen zu werden, ihm zu dienen voller Hingabe. »Einem Mann wie dir, Michael!«


Er erschrak beinah über die Worte, gleichzeitig bewunderte er ihre Offenheit. Welch innere Stärke musste dazu gehören, sich derart ehrlich zu einer Lust zu bekennen, die als Sünde verachtet war? Michael wusste nicht mehr, was ihn geritten haben mochte, doch bereut hatte er es nie. Er hatte Zadkiel geliebt – liebte sie heute noch – und wollte ihre gemeinsame Leidenschaft auskosten. Sich zusammen vorwagen, das Spiel von Macht und Gehorsam, von Dominanz und Ergebenheit ausleben. So war Zadkiel seine Welt geworden: vertraute Freundin, gefühlvolle Geliebte und fügsame Sklavin.


Zweihundertfünfzig Jahre alt war er, als man ihn zum General über die Armee von Schamajim beförderte. Dies war nur wenige Monate vor dem Massaker gewesen. Aus Elysium, dem Palast des Schöpfers, war an Michael der Befehl herangetragen worden, einen geheimen Stützpunkt der Dämonen ausfindig zu machen. Den Informationen nach diente die kleine Basis, irgendwo versteckt in der Gläsernen Wüste, dem sogenannten Supersoldaten-Projekt – Gerüchten zufolge ein Klon-Experiment zur Züchtung genetisch überlegener Krieger.


Michael zur Seite stand ein Engel namens Kamael, ein erfahrener Soldat. Kamael glaubte nicht an das, wie er sagte, Geschwätz vom genverbesserten Dämonenkrieger und hielt sämtliches Hörensagen für komplette Ammenmärchen. Dementsprechend war er guter Dinge, dass sich die angeblich geheime Dämonenbasis schließlich als ein üblicher Stützpunkt voll feindlicher Spitzel entpuppen würde.


Die Gläserne Wüste verdankte ihren Namen den allgegenwärtigen Bergen aus weißem Sand; hell und durchsichtig wie Glas konnte man sich beinahe darin spiegeln. Als schimmernder Landstrich durchzog sie quer den Himmel und trennte die Reiche Schamajim und Djanna. Vier Tage lang hatte Michaels Armee die gläsernen Dünen durchstreift, als einer der Suchtrupps meldete, das Ziel in südwestlicher Richtung erspäht zu haben.


In der Nacht des Angriffs stand der Vollmond hoch über dem Lager der Dämonen, eine Ansammlung von Zelten um eine brennende Feuerstelle. Gespenstisch weiß glänzte das silbrige Mondlicht auf dem hellen Wüstensand. Michael und Kamael hatten den Befehl gegeben, das feindliche Lager ringsum einzukesseln, um auf Kommando von allen Seiten heran zu stürmen.


Kaum fiel das Zeichen, da flogen ihnen aus der Deckung der Zelte die ersten Kugeln entgegen. Sie durchlöcherten die Brustkörbe der Engel, die schreiend und blutend zu Boden stürzten. Weitere Salven folgten und ließen das himmlische Heer in helle Panik geraten – kurz bevor wahnsinniges Gebrüll ertönte und sich die Dämonen in schwarzer Rüstung auf sie stürzten, bis zum Scheitel angefüllt mit Mordlust.


Sie waren verraten worden! Die Teufelskrieger hatten sie erwartet – das begriff Michael noch im selben Moment, als um ihn herum die Schlacht grausam zu lodern begann.


Stimmten die Gerüchte? Waren ihre Angreifer jene Dämonen, an denen die Hölle ihre ominösen Gentests durchgeführt hatte? Wie auch immer, sie schienen keinerlei Schmerz zu kennen! Michael wehrte einen Dämon ab, der mit einer Streitaxt blindlings auf ihn zugerannt kam; sein Schwert trennte den gegnerischen Arm von seinem Besitzer. Doch der Feind bemerkte den blutenden Fleischstumpf nicht einmal, kämpfte unerbittlich weiter und schrie auch dann nicht, als er ihm den Todesstoß versetzte.


Um Michael herum stürzten seine Kameraden scharenweise in den Tod. Der weiße Wüstensand verwandelte sich in ein Laken aus feuchtem Rot. Schmerzerfüllte Schreie zerrissen die Luft.


Michael rettete einen Engel, dem ein irrsinnig tobender Dämon den rechten Flügel auszureißen drohte – stürzte sich dazwischen und schlug dem Schwarzgerüsteten den Kopf von den Schultern. Versehentlich stolperte er und stieß mit dem Fuß gegen etwas Hartes. Ein schrilles Kreischen entfloh seiner Kehle, als er auf Kamaels geschundene Leiche blickte: das linke Auge ausgestochen, beide Flügel zerfetzt, ein stummer Schrei auf den toten Lippen.


Das war das Ende. Hier in der Wüste würden sie sterben, schoss es Michael durch den Kopf – im gleichen Moment, als ihnen plötzlich irgendjemand zu Hilfe kam:


Wie schwarze Kometen fielen sie auf dunklen Schwingen vom nächtlichen Himmel und stürzten sich gnadenlos auf ihre Feinde. Am ganzen Leibe zitternd sah er, wie die fremden Dämonen die besinnungslos schlachtenden Höllenkrieger in den Tod trieben – als ihn urplötzlich ein Schlag auf den Hinterkopf zu Boden gehen ließ.


Durch die schweißverklebten Strähnen seiner Haare erspähte er drei Feinde, die ihn umzingelten. Zwei waren mit einem Schwert bewaffnet, der dritte hielt eine Axt in Händen.


Michael, im Wüstensand, schaute in die Gesichter der Dämonen über ihm … und was er dort sah – die seelenlose Kälte, der Wahnsinn, der darin brannte – fuhr als grausiger Schrecken durch sämtliche seiner Glieder. Was auch immer das Supersoldaten-Projekt gewesen sein mochte, es hatte ihnen vollständig den Verstand genommen, sie zu Kriegsmaschinen werden lassen, die wahllos mordeten.


Michael senkte die Lider, als der Dämon mit der Axt seine Waffe erhob … und wurde in der nächsten Sekunde in einer Blutfontäne gebadet. Der neben dem Axtträger verlor nur einen Moment später seinen Kopf, während der dritte kurz darauf durch einen einzigen Schwerthieb aufgeschlitzt wurde.


Blutbeschmiert blickte Michael auf in blaue, unsagbar tiefe Dämonenaugen. Vor ihm im Sand – ein stattliches Wesen der Finsternis. Strohblonde Haare hingen wild um das entschlossen wirkende Gesicht. Auf seinem Rücken, riesenhaft und mächtig, die Schwingen des Drachen. Die weiße Haut über dem spartanischen Körper wirkte bleich und silbern im Mondenschein. In der Hand hielt der Dämon ein breites Schwert, von dem rot das frisch vergossene Blut tropfte, die Klinge übersät mit mystischen Runen.


»Es war Samael, er verriet dich an die Dämonen.«


Samael? Mein Lehrmeister?! Michael kniff die Augen zusammen, spürte die Tränen. »Wer … bist du?«


»Ich bin Raziel, der Sohn Luzifers. Du siehst, ich bin ein Kind der Dunkelheit, aber wisse, ich bin frei und stelle mich gegen die Hölle!«


Michael blickte über das Feld, auf dem der Kampf gewütet hatte: sah wie Raziels Dämonen die restlichen Angreifer zur Strecke brachten, sah all die Leichen, die blutig den sandigen Erdboden überfluteten.


»So viele tot … meinetwegen … was jetzt …?«


»Verbünde dich mit mir!«, erwiderte Raziel und hielt ihm seine ausgestreckte Hand entgegen. »Erzengel Michael, der du die Kraft des mächtigsten Kriegers des Himmels in dir trägst – schließe dich mir an! Gemeinsam werden wir den Teufel bekämpfen, Seite an Seite, und deine toten Freunde rächen!«


Michael blickte Raziel ins Gesicht, diesem Dämon mit den tiefgründigen Augen, in denen sich der Kosmos selbst zu spiegeln schien. Dessen Stimme ihn gefangen nahm, seine Stimme, die aus vollstem Herzen zu ihm sprach. Es war Wahnsinn, das wusste er! Er wusste, der bloße Umgang mit einem Kind der Finsternis bedeutete Hochverrat für einen Engel – er wusste es, streckte den Arm aus und schlug in Raziels Hand ein.


Erschöpft wie er war, packte Raziel ihn auf seine Schultern und erhob sich mit ihm in die Lüfte.


Als sie die Burg erreichten, lag der Palast von Schamajim tot und wie ausgestorben da. Raziel und seine Dämonenschar landeten im Hof hinter der Schlossmauer, beinahe jeder mit einem verletzten, halbtoten Engel auf den Schultern. Ein kurzer Rundgang vermittelte den Eindruck, als sei die Burg in der Zwischenzeit von einer Horde wilder Drachen in Trümmer geschlagen worden: Das Glas in zahllosen Fenstern war zerbrochen, nahezu jeder Raum verwüstet, jedes Gemach in zerwühltes Chaos gestürzt. Die große Festhalle schien wie von einem Katapult bombardiert. Als Michael die Bibliothek betrat, packte ihn kaltes Entsetzen, als er die zerrissenen Schriften sah, die wüst über den Boden verteilt lagen.


»Michael …? Michael!«, hallte mit einem Male eine Stimme durch die einsamen Gänge. Es war Zadkiel, die ihm mit Tränen auf den Wangen um den Hals fiel.


»Was ist geschehen?«, fragte er und hielt Zadkiel fest in seinen Armen. »Wo sind sie alle?«


»Alle geflohen! Samael … als du und die Männer in der Gläsernen Wüste waren … er und ein Trupp Dämonen – sie plünderten das Schloss! Samael … ein Verräter – er ist ein Verräter, Michael!«


»Ich weiß … Es ist meine Schuld. Ich habe versagt …«


Zadkiel schien ihn gar nicht zu hören. »Sie schrien mich an, mitzukommen, als sie davonliefen … ich wollte nicht … nicht ohne dich!«, sagte sie und umarmte ihn noch heftiger. »Du würdest zurückkommen, das wusste ich!«


 


In den darauffolgenden Tagen nutzten Raziel und die anderen Rebellen das verlassene Schloss als Versteck, während sie halfen, die Verwundeten zu pflegen, die das Massaker in der Wüste überlebt hatten.


Michael war elend zumute. Er gab sich die Schuld für den Tod und das Leid seiner Männer und alle Bemühungen Zadkiels, ihn zu trösten, scheiterten kläglich. In der Nacht hatte er Albträume, in denen er von Todesschreien gequält wurde. Tagsüber wollte er nichts essen, redete kaum und zog sich zurück.


Eines Nachts, als er unruhig in den dunklen Gängen umhergeirrt war, traf er Raziel, der auf einem der hohen Balkone stand und hinaus in den Sternenhimmel blickte.


»Findest du wieder keinen Schlaf?«, fragte er, als Michael zu ihm auf den Balkon getreten war.


Es war warm draußen und in den Büschen des Palastgartens unter ihnen zirpten die Grillen.


»Nur schwer. Ich war ihr Anführer, hatte die Verantwortung … sie sind tot, weil sie für mich gekämpft haben. Hätte ich da nicht wenigstens mit ihnen sterben sollen?«


»Was hätte dein Tod geändert? – und getötet hätten sie dich wohl, wären meine Männer und ich nicht gekommen.« Raziel seufzte leise. Ein milder Windhauch fuhr durch sein wildes strohblondes Haar. »Das ist es, was er uns bringt, unser Großer Krieg: Sieg für niemanden, dafür Leid und Schmerz für so viele.«


Michael nickte düster. »So war es wohl immer schon …«


»So muss es aber nicht sein! Wenn ich die Augen schließe, sehe ich eine neue Welt ohne Krieg – eine geeinte Welt, in der Himmel und Hölle nicht mehr sind, wo Dämonen und Engel miteinander in Frieden leben.«


Über den Balkon gelehnt streifte Michaels Blick die funkelnden Sterne am klaren Nachthimmel. »Denkst du wirklich, wir könnten so leben, Raziel …? Frei und ungebunden – wie die Menschen?«


»Warum sollten bloß sie frei sein dürfen?« Trotz der Dunkelheit erkannte Michael, wie sich ein vielsagendes Lächeln auf Raziels Gesicht bildete. »Engel und Dämonen, Seite an Seite als vereintes Volk! Kein Licht, kein Schatten, kein Großer Konflikt. Reichen wir einander die Hand, anstatt uns wegen eines kosmischen Plans zu bekämpfen, den niemand von uns je verstehen wird. Tun wir uns zusammen und bestimmen unser Schicksal selbst! Lasst uns ein Reich erbauen, wo der Friede regiert, in dem Glück und Kinderlachen herrschen und Liebende frei sind!«


»Klingt beeindruckend …«, murmelte Michael. Er zögerte, bevor er weitersprach: »Dann könnten du und ich auch Söhne eines geeinten Volkes werden? Ist es das, was du sagen willst?«


»Ja doch! Du und ich als Brüder, das ist es, was ich mir wünsche, Michael! Schließ dich mir an, damit er wahr wird, mein Traum von der neuen Welt!« Raziel wandte sich ihm zu und seine tiefen Augen blickten fest in seine. »Dennoch, ich warne dich! Wenn du an meiner Seite kämpfst, wird alle Welt dein Feind sein. Es werden dir nicht nur die Schergen der Hölle nach dem Leben trachten! Auch die anderen Engel werden dich verfolgen, weil du dich mit mir, einem der Finsteren, verbündet hast. Wenn du dich fürchten solltest – ich verstehe das!«


»Schwachsinn!«, rief Michael laut, dass er sämtliche Schlafenden hätte wecken müssen. »Für was hältst du mich? – einen Feigling?« Kameradschaftlich schlug er dem Dämon neben sich auf die Schulter. »Ich bewundere dich, Raziel! Dir allein verdanke ich, dass ich noch am Leben bin. Auch ich wünsche mir, du könntest mein Freund werden, ein Bruder, den ich niemals hatte. Was ich alles von dir lernen, was du mir alles beibringen könntest! Und irgendwann … ja, irgendwann möchte ich so sein wie du!«


Raziel legte den Kopf schief, schien fast ein wenig überrumpelt dieser euphorischen Worte wegen. »Ich danke dir, Michael! In dir steckt wahrlich der Geist eines tapferen Kämpfers!« Wieder sah er hinauf zu den Sternen. »Wäre die Frau, die ich einst bewunderte, doch nur ein wenig gewesen wie du …«


In derselben späten Stunde noch wiederholten sie ihren Handschlag und kämpften von da an Seite an Seite. Quasi über Nacht war er zu einem Gesetzlosen geworden, der mit anderen Gesetzlosen von nun an ein gefährliches Doppelleben führte. Verborgen aus dem Schatten heraus schlugen sie zu, rebellierten und führten Krieg – bis zu jenem dunklen Tage schließlich, an dem Raziel während des Angriffs auf Pandämonium von der Schwarzen Garde gefangen genommen und zum Tode verurteilt worden war.


Nachdem zwei Jahrhunderte verstrichen waren – keine lange Zeit für ein Engelleben – verstarb der Fürst von Schamajim. Tatsächlich wurde Michael zum neuen Herrn über das westliche Himmelreich ernannt, ganz wie es ihm als Kind prophezeit worden war.


Hundert Jahre darauf empfing man ihn in Elysium, wo er von Metatron, dem König der Engel, die Feuertaufe erhielt und so zu einem der Elementare wurde. Ehrenvoll überreichten sie ihm das Flammenschwert und ernannten ihn zum Engel des Feuers – die höchste Anerkennung für seine Dienste im Namen des Himmels, den er verachtete und der seine wahren Bestrebungen nicht mal erahnte …


 


Es klingelte plötzlich. Er öffnete die Augen. Es klingelte noch einmal. Zadkiel kam aus dem Bad und steckte ihren Kopf zum Wohnzimmer herein.


»Hörst du nicht, dass es schellt?«


Noch immer nackt bat sie mit zarter Stimme, ob sie zuvor die Klemmen von der Brust nehmen und sich etwas anziehen dürfe.


Hämisch spielte Michael mit dem reizvollen Gedanken, sie zu zwingen, die Tür so wie sie war öffnen zu müssen – schnell überlegte er es sich jedoch anders und gab ihr seine Erlaubnis.


Es war Nadja.


»Wurde auch Zeit, dass du auftauchst, alte Hexe!«, rief Michael. »Was gibt’s Neues?«


Sie ließ sich auf das Sofa an der völlig kahlen, weiß gestrichenen Wand gegenüber von Michaels Sessel fallen. »Julian scheint sich allmählich an sein früheres Leben zu erinnern. Gestern war er bei mir und hat sogar nach Raziel gefragt – ob mir der Name was sagen würde.«


Michael schnaubte abfällig. »Zadkiel und ich sind in der Schule gewesen und haben deinen ach so tollen Julian mal unter die Lupe genommen. Nie im Leben ist dieser rotzfreche Lump Raziel! Keine Ahnung, wie du jemals auf diese Idee gekommen bist!«


»Lass mich raten«, bemerkte Nadja spöttisch, »ihr habt ihm die Wahrheit eiskalt ins Gesicht geschleudert und seid jetzt beleidigt, weil er euch natürlich kein Wort geglaubt hat – stimmt’s?« Schief lächelnd schüttelte sie den Kopf. »Typisch Michael und Zadkiel! Manchmal könnte man meinen, die größten Idioten fallen einfach so vom Himmel, was?«


»Spar dir die Sprüche!«, entgegnete Michael kühl. »Soweit ich weiß, hat deine Methode, sich langsam und mit Samthandschuhen ranzutasten, auch noch keine Früchte getragen, oder? Seit über einem Jahr verbringst du jeden Tag mit diesem blonden Nichtsnutz, trotzdem ist Raziel nicht erwacht!«


Nadja zündete sich eine Zigarette an, die sie aus dem Päckchen in ihrer Manteltasche zog.


»Kann mich nicht erinnern, dass ich dir erlaubt habe, hier zu rauchen!«


»Och! Komm ich dafür in die Hölle?«


Aus der kleinen, anliegenden Küche kam Zadkiel und hatte einen Aschenbecher dabei, den sie vor Nadja auf den sperrigen, mit Schrammen überzogenen Tisch stellte.


»Julian ist Raziel, ohne Zweifel!«, sagte Nadja und nahm einen Zug, während sich Zadkiel neben sie aufs Sofa setzte. »Er hat dieselbe Aura, sogar das gleiche Gesicht. Ich würde seine Seele unter Millionen wiedererkennen!«


»Falls das stimmen sollte, ist es erschreckend, was diese Welt aus ihm gemacht hat!«, antwortete Michael und tiefe, verzweifelte Enttäuschung lag in seiner Stimme. »Wenn dieser Julian tatsächlich Raziel ist, warum erwacht seine Seele dann nicht? Wenigstens ein Stück Erinnerung an uns muss doch geblieben sein! Wie er mit uns gekämpft … mir das Leben gerettet hat!«


Aus der glimmenden Glut von Nadjas Zigarette zog bläulicher Qualm die kahlen Wände empor.


»Er ist verliebt, Michael«, sagte sie beinahe flüsternd. »In einen Jungen, mit dem er schon seit Kindertagen befreundet ist: Kyu-Min Choi. Ich vermute, diese Gefühle lassen den Dämon in ihm schlafen und ihn an seinem jetzigen Leben festhalten.«


Michaels Augen tauschten einen erstaunten Blick mit Zadkiels.


»Raziel – verliebt?«, fragte er ungläubig. »Raziel, der Krieger, der sich wie ein Berserker in die blutigsten Schlachten stürzte? Er, der Hunderte Dämonen tötete, soll zum schwärmenden Trottel geworden sein? Wegen einem Kerl?« Laut lachte er auf. »Raziel hat den Kampf geliebt, sonst gar nichts!«


»Nun, Verzeihung, Michael, aber wer weiß …?«, warf Zadkiel ein. »Raziel ist jetzt ein Mensch und führt hier auf der Erde ein anderes Leben als damals.«


»Stimmt«, bestätigte Nadja. »Er ist nun Julian Sanders, nicht mehr Raziel. Selbst wenn es uns jemals gelingen sollte, seine dämonische Seite zum Erwachen zu bringen – ich fürchte, er wird dennoch nicht mehr der sein, den wir kannten.« Sie zwinkerte Michael zu. »Auch wenn ein Haudrauf wie du das nicht einsehen wird!«


»Ist ja absolut lächerlich!« Grimmig verzog Michael den Mund.


Für einen Moment herrschte Stille, bis Zadkiel schließlich aussprach, was auch ihm durch den Kopf geisterte: »Wenn es dieser Junge ist, der Raziel an seine momentane Inkarnation bindet: Müsste seine Seele dann nicht erwachen, sobald dieser Kyu-Min Choi … verschwindet?«


Nadjas Blick erstach sie fast. »Soll das ein mieser Witz sein? Deine Andeutung gefällt mir nicht!«


»Mir auch nicht«, fuhr Michael dazwischen, »dennoch hast du vielleicht recht, Zadkiel. Wenn es die Liebe zu diesem Menschen ist, die Raziel an die Erde kettet, könnte der Verlust seines Freundes der Schlüssel sein.« Er seufzte schwer und rutschte ein wenig tiefer in seinen Sessel hinab. »Hoffen wir, dass es nicht dazu kommen muss …«


 


 


 


Kapitel 10


 


 


 


 


Der Gongschlag vor Schulschluss kam ihm wie wahre Erlösung vor. In Windeseile knallte Julian Bücher und Hefte in seinen Rucksack und sauste mit Kyu-Min im Schlepptau aus dem Klassenraum.


Draußen auf dem Gang trafen sie Nadja und Florian und marschierten zu viert in Richtung Bus.


An der Haltestelle herrschte das übliche Tohuwabohu.


Zwei, drei Schritte hinter ihnen standen Marco, Christopher und Jens. Auf ihren Schultaschen blitzten edle Embleme.


»Kannst echt hingehen, wo du willst, überall trifft man die Opfer-Clique!«, hörte Julian Marco sagen, der absichtlich laut genug sprach.


»Ey, Vorsicht, sonst kommt Kyu-Min und verhaut dich!«, erwiderte Jens und verstellte die Stimme, als sei er ängstlich. »Kann bestimmt Kung-Fu!«


»Na, soll er herkommen! Dem klatsch ich eine, dann heult der!«


Christopher lachte. »Keinen Schiss vor der Satansbraut? Ich sag’s dir, die böse Nadja verflucht dich! Verwandelt uns in Schweine oder so – hex hex!«


»Da braucht sie sich nicht anstrengen!«, mischte Julian dazwischen, der dem Geläster nun lang genug gelauscht hatte, dass ihm der Kragen platzte.


»Schon gar nicht bei dir, Hübscher!«, ergänzte Nadja kühl und musterte eiskalt Christophers rosa Polohemd, das er selbst bekanntlich für eine modische Trophäe hielt.


»Große Worte, die kleine Teufelsanbeterin!«, höhnte Marco. »Wann steigt denn die nächste Schwarze Messe?« Seine Augen wanderten weiter zu Florian. »Dass du ständig mit diesen Nieten rumhängst! Haste keine Freunde?«


»Geht dich ja wohl ‘nen Feuchten an!«, fauchte Florian.


»Nicht frech werden, Florilein!«, tadelte ihn Jens spöttisch. »Erzähl mal, wie war’s am Wochenende?« Sein Blick flackerte zu Julian hinüber. »Schön Schwanzparade mit der Schwuchtel gehabt?«


»Halt’s Maul!«, brüllte Julian und machte schon Anstalten, Jens an die Gurgel zu gehen.


»Was laberst du da?!«, stieß Kyu-Min hervor.


»Bist echt dämlich, oder, Schlitzi?« Marco schnaubte und funkelte Kyu-Min hämisch an. »Merkste nicht, wie Julian dir hinterherdackelt? Sieht doch jeder Idiot, dass er was von dir will, der schwule Arschficker!«


Was?! Entsetzt zog sich Julians Magen verkrampft zusammen. Nein, nein, das ist nicht wahr! Bitte nicht …


»Ach, halt einfach die Klappe, du Idiot!«, zischte Nadja.


»Was redest du für Schwachsinn?«, fragte Kyu-Min. »Was soll denn der Scheiß wieder?«


»Soll heißen, er steht auf dich, Kyuuu, Schatzi!«, johlte Jens.


Vernichte ihn! – die vertraute Stimme in Julians Kopf. Die Stimme, die ihm leise, aber entschlossen zuflüsterte – Sekunden nur, bevor seine Faust nach vorn in Jens’ Gesicht preschte.


Jaulend wie ein geschlagener Hund taumelte Jens zwei Schritte zurück und hielt sich die Hand vors Nasenbein. Zwischen seinen Fingern sickerten rote Tropfen hervor.


Julian spürte, wie seine Augen brannten. »Blöder Schwätzer! Warte nur, in deinem Blut werde ich baden!« Er wollte sich erneut auf Jens stürzen, als ihn Nadja und Florian packten und zurückhielten.


»Schluss! Beruhig dich!«, rief Florian.


Die Haltestelle schien in helle Aufregung versetzt. Sämtliche Leute drehten sich zu den Streitenden um; Schüler bildeten einen Reigen, tuschelten und gafften neugierig in die Runde.


Währenddessen fuhr rumpelnd ein Bus vor und öffnete mechanisch zischend seine Türen.


»Zeit, zu verduften …«, meinte Marco, der reichlich perplex aus der Wäsche schaute.


Christopher zog Jens am Ärmel, dessen Finger noch immer die scheinbar höllisch schmerzende Nase umklammerten.


»Das bereust du!«, rief er Julian hinter vorgehaltener Hand zu. »Verlass dich drauf!«


Unter Julians vernichtend rasenden Blicken verschwanden die drei rasch durch die sich schließende Bustür.


»Okay, die Show ist vorbei!«, schnauzte Nadja die glotzende Menge an.


»Alter, was war denn das für ‘ne Nummer?«, fragte Kyu-Min und wollte Julian vorsichtig die Hand auf die Schulter legen.


»Nicht!«, schrie er panisch und wich drei Schritte von ihm weg. »Nicht anfassen! Pack mich nicht an!«


»Okay, okay, ist ja gut …«


Kyu-Min sah haargenau so aus wie damals, als er den Jungen auf dem Spielplatz halb tot geprügelt hatte: Geschockt, sprachlos, den Schrecken deutlich in allen Gliedern.


Sieht doch jeder Idiot, dass er was von dir will, der schwule Arschficker!


»Ich … sollte gehen«, flüsterte Julian. »Sorry, mir ist schlecht … ich, äh, muss weg …«


»Ja, aber …?«, begann Nadja.


Kyu-Min und Florian glotzten ihn verständnislos an.


Blitzartig fuhr er auf dem Absatz herum und rannte davon, so schnell er nur konnte – rannte durch die wartende Menge, wobei er zu allen Seiten ein paar heftige Rempler verteilte.


»Kyu, ich … es tut mir leid!«, rief er im Laufen über die Schulter.


Julian hechtete über die Straße, bog dann an der nächstbesten Ecke ab, ohne die leiseste Ahnung, wohin. Egal, einfach nur weg – bloß fort hier!


Sieht doch jeder Idiot, dass er was von dir will, der schwule Arschficker! Arschficker! Der schwule Arschficker! NA LOS, KLEINER, STOPF DER DUMMEN SCHWUCHTEL DAS MAUL!!! Die Gedanken in seinem Kopf rasten kreisend ineinander. Ja … es stimmt ja! Eine dumme Schwuchtel bin ich, ein schwuler Arschficker! Tränen stiegen ihm in die Augen. Warum, verdammt? Warum musste Marco, dieser gottverfluchte Scheiß-Marco, ausgerechnet Kyu gegenüber so etwas sagen? Schlimmer noch: Wieso musste er selbst so ausrasten? Mal wieder derart ausrasten, dass er Jens ins Gesicht geschlagen hatte? Weil es stimmte, nicht wahr? Weil Jens und Marco recht hatten!


Seine Füße rannten schneller.


Scheiße, was mach ich jetzt? Wenn Kyu nun etwas ahnt, wenn er …


Doch er kam gar nicht dazu, den Gedanken zu beenden, da standen auf einmal mitten auf der Straße zwei altbekannte Spinner vor ihm.


»Siehst mitgenommen aus, Julian! Miesen Tag gehabt?«, fragte Michael und seinem Gesicht nach schien er besorgt.


»Richtig mies!« Er war so schnell gerannt, dass seine Stimme nur ein Hecheln war. Müde lächelnd musterte er die beiden Gestalten vor sich. »Aber ich fürchte, er wird gleich noch viel schlimmer, was?«


»Ich denke nicht«, antwortete Michael. »Wir wollen nur kurz mit dir reden, das ist alles.«


»Ein paar Minuten bloß!«, bestätigte Zadkiel sanft. »Bitte!«


»Na schön. Von mir aus«, murmelte Julian und zog den Mund schief. Warum nicht? Beschissener ging es eh nicht mehr, da konnte er sich genauso gut von den Freaks volltexten lassen – egal, spielte auch keine Rolle.


Die zwei kamen auf ihn zu und griffen ihm zu beiden Seiten unter die Arme.


»Suchen wir uns ein Örtchen, wo wir etwas ungestörter sind!«, meinte Michael – nur einen Moment, bevor Julian die Kinnlade runterklappte und glaubte, seine Augen würden ihm einen bösen Streich spielen: Wie aus dem Nichts erschienen auf dem Rücken der beiden je ein Paar leuchtender, weiß gefiederter Flügel.


Zadkiel zwinkerte ihm zu. »Bist hoffentlich schwindelfrei, oder?«


 


 


 


Kapitel 11


 


 


 


 


Nach dem halsbrecherischen Flug durch die Lüfte waren sie auf dem Saalgebäude der alten Marktkirche gelandet – mit ihren vielen Giebeln, der schneeweißen Fassade, den kaminroten Ziegeln und dem kupfernen Kreuz, oben auf der Spitze des Glockenturms, das höchste Bauwerk im ganzen Städtchen. Die bunten Bleiglasfenster zeigten kunstvoll verschiedenste Szenen der Bibel: Die Kreuzigung Jesu, Heilige in prunkvollen Gewändern; die Friedenstaube, umgeben von heiligem Glanz. Über der Eingangspforte, aus Stein gemeißelt, thronte ein ehrfürchtig anzusehender Engel.


»Ähm, ja, also schön«, stammelte Julian, der sich vergewissert hatte, doch nicht zu träumen, und wieder halbwegs festen Boden unter seinen Füßen spürte. »Ihr, äh, wolltet mit mir reden, ja?« Er setzte sich auf den Rand des Daches und blickte die schwindelerregende Höhe hinunter auf den Marktplatz.


Links und rechts von ihm nahmen die beiden Engel Platz. Die weißen Flügel hatten sie im Nichts verschwinden lassen, aus dem sie zuvor unglaublicherweise so plötzlich erschienen waren.


»Am Anfang aller Tage schuf Gott das Himmelreich mit seinen Engeln«, begann Michael. »Unter uns geflügelten Wesen war einst auch Luzifer, dessen Licht am allerhellsten strahlte. Gott schließlich aber erschuf den Menschen und ernannte ihn zur Krone der Schöpfung – ja, er stellte ihn noch über uns, seine Kinder im Himmel, und befahl den Engeln, den Menschen zu Diensten zu sein: sie zu führen, damit sie den rechten Weg fänden und den Namen Gottes preisen würden. Luzifer jedoch widersetzte sich dem Willen des Herrn! Er konnte nicht ertragen, dass es ein Wesen gab, das über ihm, dem höchsten des Lichts, stehen sollte. So entbrannte im Himmel ein Krieg, worauf Luzifer und jene, die ihm nachfolgten, aus dem Paradies vertrieben und hinab in die Tiefen der Hölle gestoßen wurden. Dort, in Verbannung und Verdammnis, errichteten die Gefallenen das Reich der Dunkelheit und nannten sich von nun an Dämonen. Seit dieser Zeit tobt der Große Konflikt – der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis, dessen Sieger die alleinige Herrschaft über die gesamte Schöpfung winkt.«


Julian musste schmunzeln, trotz der mehr als ungewöhnlichen Situation, in der er sich befand. »Kommt mir bekannt vor, die Story. Glaube, ein Lehrer hat mir das auch schon mal auftischen wollen. Tja, so ist das auf ‘ner katholischen Schule! Und wie geht er aus, dieser … Große Konflikt?«


»Wer kann das sagen?«, antwortete Zadkiel. »Entschieden wird der Krieg durch die menschlichen Seelen. Daher versuchen beide Reiche, Licht wie auch Finsternis, die Menschen auf die helle oder aber dunkle Seite zu ziehen. Der Preis wird demjenigen zufallen, der die meisten Seelen für sich gewinnt.«


»Klingt ja fast wie ein Wettkampf.« Julian schnaubte und sah hinab auf die winzigen Köpfe, die unten zwischen Läden und Marktständen umhermarschierten. »Und wir Menschen sind die Spielsteine, so wie Schachfiguren, was? Ist das unsere Rolle in eurem kleinen Turnier?«


»Nun ja, also nein, ganz so ist das nicht …«, murmelte Michael. »Und was dich angeht, so bist du ja nicht mal ein wirklicher Mensch. Du bist die Wiedergeburt von Raziel und …«


»Was du nicht sagst!« Julian verzog das Gesicht. »Aber irgendwas ist schiefgegangen, nicht wahr? Der Aufstand im Himmel, das Reich der Dunkelheit – es hat den schwarzen Engeln nicht gebracht, was sie sich erhofft hatten, oder? Hab da was in einem Buch gelesen … dass einige Dämonen unzufrieden waren, weil die Höllenfürsten immer grausamer wurden …«


Zadkiel nickte. »Das mag ein fieser Scherz des Schicksals gewesen sein – wer weiß? Die Dämonen waren es, die einst die Revolte gegen Gott begannen, nach Freiheit und Selbstbestimmung schrien. Doch wie es so kommt: Während des langen Krieges, über die Jahrhunderte in der Hölle hinweg, wurden sie bald selbst zu dem, was sie eigentlich bekämpfen wollten …«


»Verstehe«, antwortete Julian. »Und wer ist nun dieser Raziel?«


Ich bin Raziel, der Sohn Luzifers …


»Raziel war einst der stärkste Krieger unter den Dämonen«, erklärte Michael. »Er führte das legendäre Runenschwert, beherrschte die Magie und die Mächte der Finsternis. Als er das Unrecht in der Hölle erkannte und sah, wie der Krieg zwischen Dunkelheit und Licht nur Leid mit sich brachte, stellte er sich gegen Satan: Eine Rebellion, deren Ziel eine neue Welt sein sollte, frei von kriegerischen Machtgelüsten. Eine Welt, in der jeder willkommen ist, ganz gleich, ob Höllenkind, Engel oder Mensch.«


Etwas in Julians Brust zog sich zusammen. In seinem Kopf tauchten die Bilder auf: Die Bilder aus seinen Träumen, die Träume, die von Tod und blutigen Schlachten handelten. Ein Dämon? Ihm fiel ein, dass ihm oft so war, als wäre er im Traum jemand anderer. Raziel, der stärkste Krieger der Hölle …? Ich soll …? Schwindel erfasste ihn. Ob es an der Höhe lag, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen.


»Also … ihr zwei gehört zu denen, die auf Raziels Seite stehen?«


»Ja«, antwortete Zadkiel, »wir gelten als Rebellen, weil wir auf seine Vision vertraut und uns damals mit ihm gegen Himmel und Hölle gewendet haben.«


Raziels Vision – eine geeinte Welt … Julian musste schlucken. Staunend musterten seine Augen den jung aussehenden Mann neben sich, dem kurze Zeit zuvor noch weiße Flügel aus dem Rücken gewachsen waren. »Und du … dann bist du wirklich … der Erzengel Michael? Der, der Satan aus dem Himmelreich gestürzt hat?«


»Zumindest sagten sie das. Ich selber kann mich nicht erinnern.« Oben auf dem Dach der Kirche pfiff ein heftiger Wind und ließ Michaels schwarze schulterlange Haare flattern. »Ich weiß nichts davon, dass ich jemals irgendwen aus dem Himmel vertrieben hätte. Ich weiß nur: Die Engel, die mich als Kind damals meinen Eltern wegnahmen und zum Krieger ausbildeten, glaubten an diese Legende.« Seine Blicke streiften Julians Gesicht. »Zugegeben, Raziel hat es auch geglaubt. Er sagte, in mir ruhe die Kraft eines mächtigen Kämpfers, als er vor fünfhundert Jahren mein Leben rettete.«


»Davon wiederum weiß ich nichts«, erwiderte Julian ausweichend, der sich in Wahrheit urplötzlich doch an etwas zu erinnern glaubte. Vor seinem geistigen Auge erschien eine Wüste, eine weiße Wüste, der Sand so hell, dass er aus Glas zu bestehen schien …


Über ihren Köpfen zogen sich dunkle Regenwolken zusammen.


Julian erzwang ein Lächeln. »Ich seh’ schon, dieser Raziel bedeutet dir ziemlich viel, was? Aber glaub mir, ich bin nicht der Kerl, nach dem du suchst. Ich meine, guck mich an: Ich bin nur ein stinknormaler Schüler, hab eine ständig besoffene Mutter, bin unglücklich verknallt und baue nur Scheiße. Ich kriege nicht mal den Alltag eines Siebzehnjährigen auf die Reihe!« Er seufzte leise. »Wie kommst du bloß darauf, ich könnte ein Dämon sein, der Rebellionen anzettelt und anderen das Leben rettet? Ich – gerade ich? Sorry, das ist Schwachsinn!«


»Du bist es!«, beharrte Michael. Er legte ihm die Hand auf den Rücken und für einen Moment durchfuhr Julian ein Anflug unbestimmter Vertrautheit. »Egal, was heute ist, ich habe dir einmal gesagt, ich liebe dich wie einen Bruder. Irgendwann werde ich meine Schuld begleichen, dass du mich damals gerettet hast!«


Die Wolkendecke über ihnen schickte die ersten kleinen Tropfen.


»Du bist die Wiedergeburt unseres Anführers«, fiel Zadkiel mit ein. »Wir brauchen dich, Raziel!«


»Nennt mich nicht dauernd Raziel! Ich heiße Julian, kapiert?!« Grob schob er Michaels Arm beiseite. »Selbst wenn diese verrückte Geschichte tatsächlich stimmt – was kann ich schon tun? Wie könnte ich gegen irgendwen kämpfen oder einen Haufen Rebellen anführen? Wer auch immer ich in einem früheren Leben vielleicht mal gewesen sein mag – mein jetziges Ich kann euch nicht helfen!«


Über ihnen brach der Regenschauer los.


»Du Narr!«, fluchte Michael. Die Enttäuschung stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. »Wie sehr du dich verändert hast! Bist ja ein richtiger Weichling geworden, Raziel!«


»Wie gesagt, ich bin nicht Raziel«, erwiderte Julian müde. »Und wenn’s euch nichts ausmacht, wäre es nett, wenn ihr eure … ähm, Flügel auspacken und mich zurück nach unten bringen würdet. Wird langsam kalt hier oben!«


»Bitte überleg dir das«, bat Zadkiel sanft und sah ihm eindringlich in die Augen. »Du bist unsere größte Hoffnung! Ich bitte dich, Julian!«


Von der Spitze des Glockenturms tröpfelte es herab. Unten wanderten aufgespannte Regenschirme über den Markt.


»Euch ist der Käse echt ernst, was?« Julian seufzte. »Na schön, hört zu, ich werde drüber nachdenken – über euch und eure krasse Story …«


»Ist das dein letztes Wort?«, fragte Michael düster.


»Ja …«


»Tja, dann kann ich wohl nur hoffen, du entscheidest dich richtig!«


»Wie auch immer. Würdet ihr mich jetzt bitte wieder runterbringen?«


»Gut …«, meinte Michael und packte ihn mit Zadkiel zusammen bei den Schultern. Wie von selbst erschienen die weißen, strahlenden Flügel.


Unten auf der Straße rieben sich einige Leute ungläubig die Augen, als Julian mit den zwei Engeln durch die Luft gesegelt kam. Vielleicht glaubten sie an eine Fata Morgana bei feuchtnassem Wetter mitten in der Stadt?


 


 


 


Kapitel 12


 


 


 


 


Verfluchter Mist!, ging es Nadja durch den Kopf, als sie im Wohnzimmer auf dem Sofa lag, eine brennende Zigarette in der Hand.


Mehrmals hatte sie erfolglos probiert, Julian übers Handy zu erreichen. Verdammt, warum bloß hatte das passieren müssen?! Natürlich war ihr bewusst: Raziels Seele schützte Julian in heiklen Situationen – und drohte ihn gerade dadurch in Schwierigkeiten zu bringen. Falls sich solch ein Vorfall wiederholte … war er erst in Raserei, könnte Julian irgendwann vielleicht weit Schlimmeres tun, als jemandem die Nase blutig zu schlagen. Dann Marco und Jens – hätten sie nicht einmal, ein einziges Mal nur, die Klappe halten können? Diese dämlichen Bemerkungen ausgerechnet in Kyus Gegenwart! Wenn Kyu-Min jetzt …


»Mach den Glimmstängel aus, sofort!«


Erschrocken fuhr Nadja zusammen. Derart in Gedanken hatte sie gar nicht gehört, dass ihre Pflegemutter von der Arbeit gekommen war.


»Wie oft habe ich dir gesagt, dass du im Haus nicht rauchen sollst, hm, wie oft?«, fragte Karin säuerlich.


»Ja, ja. Prob mal nicht gleich ‘nen Aufstand wegen dem bisschen Qualm!«, gab Nadja zurück und nahm einen absichtlich tiefen Zug. »Reiß halt das Fenster auf, wenn’s dich stört!«


Mit einem einzigen energischen Schritt trat Karin aufs Sofa zu, riss ihr die Zigarette aus den Fingern und zerdrückte sie in der alten Teetasse: Nadjas provisorischem Aschenbecher, den sie auf dem Wohnzimmertisch abgestellt hatte.


»Ey, sag mal, spinnst du?!« Wütend sprang sie von der Couch.


»Weißt du, unser Zusammenleben wäre einfacher, wenn du dich ein wenig an die Regeln hier im Haus halten würdest«, sagte Karin bedrückt, während sie ein Fenster öffnete.


»Schieb dir deine Regeln sonst wohin!«, entgegnete Nadja und verschränkte die Arme vor der Brust. »Zur Not gebt mich wieder weg, dann habt ihr eure Ruhe!«


»Bitte, nicht in diesem Ton!«, erwiderte ihre Pflegemutter und hob schlichtend die Hand. Etwas Trauriges lag in ihren Augen. »Auch wenn Johannes und ich nicht deine Eltern sind – wir können dennoch eine glückliche Familie werden, wenn du es nur willst …«


»Ist das so?« Nadjas Augen musterten sie mit kaltem Blick. »Ihr verschwendet eure Zeit! Wenn man sein ganzes Leben lang keine Familie gehabt hat, braucht man irgendwann keine mehr. Man gewöhnt sich dran.«


Karin kam ein paar Schritte näher. »Das meinst du nicht ernst«, sagte sie leise und lächelte sanft. »Du bist ein liebes Mädchen – ein guter Kern steckt in dir, das weiß ich. Wir möchten gerne, dass du dich bei uns wohlfühlst. Nur würden wir uns freuen, wenn du uns ein klein wenig entgegenkommst, dich etwas mehr öffnest …«


Nein! Verzeih, aber ich kann nicht … Das darf nicht sein …


»Mach dich nicht lächerlich! Ich bin ein hoffnungsloser Fall, glaub mir das! Völlig verkommen und eure Mühe nicht wert.«


Ein Zucken durchlief Karins Gesicht.


»Aber Kind … liebes Kind, was redest du denn …?!«, rief sie ihr hinterher, als Nadja über die Wendeltreppe nach oben in ihr Zimmer verschwand.


Hör auf! Sei nicht so fürsorglich zu mir! Ich werde niemals deine Tochter! Wenn du alt und greise bist, bin ich noch so wie eh zuvor. Es würde mir am Ende nur wehtun, hätte ich dich gern.


»Kind? Kapier’s endlich, ich bin kein Kind – schon gar nicht dein Kind!« Nadja knallte die Zimmertür hinter sich zu.


 



 


Hastigen Schrittes, mit versteinerter Miene, eilte Hekate durch die Kerkergewölbe von Pandämonium. Gehörten die Gefangenen zu den Rebellen, die ihr persönlich bekannt waren?


Reiß dich am Riemen!, ermahnte sie sich selbst. Auf dem harten Metallboden unter ihren Füßen hallte jeder einzelne ihrer Schritte wider. Haltung bewahren, Hekate! Einen unsichtbaren Spiegel vor sich, überprüfte sie im Geiste Gestik und Mimik, bemüht, möglichst gefasst zu wirken.


Sie erreichte das Ende des Ganges, wo zwei Wärter sie in Empfang nahmen. Mit ausdruckslosen Gesichtern ging es vorbei an grauen, trostlosen Wänden hinüber zu den Verhörräumen.


Herrische, aufgebrachte Stimmen drangen an ihr Ohr, bevor die Wächter eine schwere Tür aufschlossen und sie in einen kahlen, fast steril anmutenden Raum ohne Fenster führten. Über einem langen Tisch flimmerte fahles Licht. Drumherum standen Mephistopheles sowie die Dämonen Samael und seine Gemahlin Lilith, beide ebenfalls Mitglied im Rat der Neun Fürsten.


Die beiden Wachen nickten Mephisto respektvoll zu und entfernten sich stumm.


»Was hat sie hier verloren?«, giftete Lilith herablassend. Ihre smaragdgrünen Augen musterten Hekate misstrauisch von Kopf bis Fuß.


»Schon in Ordnung!«, erwiderte Mephistopheles und hob beschwichtigend die Hand. »Hekate, die Lehrerin unseres geliebten Königs, hat meine Erlaubnis, der Vernehmung beizuwohnen.« Er warf Hekate einen kalten Blick von der Seite zu. »Vorausgesetzt: Sie verhält sich ruhig und vergisst nicht, dass sie lediglich als Beobachterin fungiert!«


»Ich weiß ja nicht …«, bemerkte Lilith und schien von dieser Erlaubnis nur wenig begeistert.


Hinten, am anderen Ende des Tisches, saß auf einem Stuhl ein junger Mann in hellblauer Sträflingskleidung. An Händen und Füßen hatte man ihm eiserne Ketten angelegt. Sein Haar hing, vom nassen Schweiß verklebt, wirr ins Gesicht.


Hekate sah hinüber zu ihm, im selben Augenblick hob der Bursche den Kopf – und sie erschrak. Meine Güte – Marchosias! Sekunden über blieb ihr der Atem weg. Marchosias, warum ausgerechnet du? Jetzt, hier, in dieser Situation Gleichgültigkeit vorzuspielen, schien ihr im ersten Moment fast unmöglich.


Ihre Augen trafen sich mit denen von Marchosias, stumm kreuzten sich ihre Blicke über den Tisch hinweg. In seinem Gesicht waren mehrere blutige Platzwunden zu erkennen. Es war offensichtlich, dass er geschlagen worden war.


Halt dicht, mein Freund! Sag jetzt bitte nichts Falsches!, versuchte sie ihm per geistige Botschaft zuzuflüstern.


»Fahren wir fort!«, ordnete Samael an, der sich gegen eine der kahlen grauen Wände gelehnt hatte.


Mephistopheles nickte. »Zum letzten Mal: Wo befinden sich die Stützpunkte der Rebellen?«, fragte er mit fester Stimme quer über den Tisch hinweg.


Marchosias blickte ihm voll trotzigem Zorn entgegen. »Was für Stützpunkte sollen das Eurer Meinung nach sein?«


»Die geheimen Standorte eurer Rebellion! Wo haltet ihr euch vor den Schwarzen Garden versteckt? Von wo aus koordiniert ihr eure Angriffe? Rede!«


»Ich habe wirklich nicht die leiseste Ahnung, wovon Ihr sprecht, Hochfürst!«


Hekate fiel innerlich ein kleiner Felsen von der Brust. Offensichtlich war es bisher niemandem gelungen, Informationen aus ihm herauszubekommen. Guter, tapferer Marchosias!


»Stell dich nicht dumm!«, herrschte ihn Samael an, der seinen Platz an der Wand verließ und sich drohend vor ihm aufbaute. »Du wurdest verhaftet bei einem versuchten Terroranschlag auf ein Verlagsgebäude. Deine Verbündeten und du, ihr hattet vor, ein Zeitungshaus in Dschahannam in die Luft zu sprengen!«


»Dieses Lügen verbreitende Schundblatt!« Marchosias schnaubte verächtlich. »Zeitungen sollten der Berichterstattung dienen, nicht unser Volk mit Propaganda narkotisieren!«


Samaels Mundwinkel zuckten. »Soweit ich weiß, bist du doch selber ein Mann des geschriebenen Wortes. Ein vielversprechendes Nachwuchstalent, sagten das nicht die Kritiker? Was treibt einen Schriftsteller dazu, gemeinsame Sache mit einer militanten Terrorbande zu machen?«


»Nicht zuletzt die Tatsache, dass Ihr selbst es wart, der all meine Bücher zensieren ließ, verehrter Samael!« Marchosias’ Stimme klang, als wolle er dem Höllenfürsten seine Verachtung geradeheraus ins Gesicht spucken.


Ein klatschendes Geräusch fuhr durch den Verhörraum, als ihm Samael eine schallende Ohrfeige verpasste.


»Aber Hochfürst!«, platzte es aus Hekate hervor.


Liliths smaragdgrüne Augen funkelten stumm von einem der Anwesenden zum nächsten.


»Ich denke nicht, dass solche Methoden rechtens sind!«, sagte Hekate entschlossen, obgleich ihr eine innere Stimme zuflüsterte, besser ruhig zu sein.


»Habt Ihr vergessen? – ich hatte Euch unmissverständlich ermahnt, Euch ruhig zu verhalten!«, entgegnete Mephistopheles kalt. »Habe ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt?«


Hekate biss die Zähne zusammen. »Verstanden, Hochfürst Mephisto«, erwiderte sie ruhig.


Mephistopheles wandte sich an Marchosias: »Ich fürchte, du scheinst die Angelegenheit äußerst misszuverstehen. Dich erwartet die Todesstrafe wegen Hochverrats! Du bist ein Rebell, ein schamloser Verräter an unserem Herrn, dem Teufel, und an allen edlen Zielen und Prinzipien der Dämonen – ein Feind der ganzen Hölle! Falls du dein verkorkstes Leben retten willst, solltest du kooperieren!«


Nein! Nein, tu’s nicht!, dachte Hekate.


»Tatsächlich?«, entgegnete Marchosias eisig. Er blickte in die Runde aller Anwesenden und seine Augen brannten derart hasserfüllt, dass Mephisto und Samael erschrocken einen Schritt zurückwichen. »Ihr verlogenen Fürsten – ihr seid die wahren Feinde der Hölle! Eure ach so edlen Ziele setzt ihr durch, indem ihr das Dämonenvolk ausbeutet! Erstickt an eurer Heuchelei, ihr dreckigen Lügner!«


Mephistopheles verzog grausam das Gesicht. »Was fällt dir ein? Du denkst, du kannst hier sitzen und die Obersten der Hölle aufs Übelste verhöhnen?«, schnarrte er gefühllos, wobei seine starren Augen beinahe aus ihren Höhlen quollen. »Warte nur ab! Ich werde dich Achtung vor unseren Gesetzen lehren!«


»Ja«, fiel Lilith mit ein und strich sich eine lange Strähne ihres lockigen erdfarbenen Haars aus dem Gesicht. »Ich schlage das Abtrennen der Flügel vor.«


Die Ketten seiner Handschellen rasselten laut, als Marchosias erschrocken zusammenfuhr.


Hekate fühlte, wie ihr abwechselnd heiß und kalt zu werden drohte. Das Abtrennen der Flügel – sie wusste, was das hieß! Verlor er die Schwingen der Finsternis, würde Marchosias auch all seine Dämonenkräfte verlieren; seine Lebensenergie würde versiegen und er selbst langsam zugrunde gehen.


Der Anflug eines flüchtigen Lächelns huschte über Mephistos emotionslose Miene. »Wahrlich eine hervorragende Idee, verehrte Hochfürstin!«, gab er sein Einverständnis.


Von Marchosias’ Stirn rann der Schweiß. »Verbrecher! Ihr widerlichen Bastarde!«, brüllte er und begann, wie ein Wilder auf seinem Stuhl zu toben.


Hekate blickte hilflos um sich, unschlüssig, was sie tun sollte.


Samael stolperte zur Tür und betätigte den Knopf der Sprechanlage, um nach den Wachen zu verlangen.


»Verreckt doch alle, ihr stinkenden Verbrecher!«


Die beiden Wärter erschienen.


»Führen Sie diesen Häftling umgehend ab!«, befahl Samael, worauf die zwei Wachen auf den tobenden Marchosias zustürmten. Seine wüsten Flüche drangen noch an Hekates Ohr, als sie ihn unlängst wieder in den Kerker gebracht haben mussten.


Im Anschluss, vielleicht eine Viertelstunde darauf, kamen sie zurück und führten den nächsten der vier gefangenen Rebellen herein – eine Frau diesmal, auch sie gefesselt und in hellblauer Sträflingskleidung.


Die Stahltür schloss sich. Das nächste Verhör begann.


Hekate schlug bedrückt die Augen nieder.


 


 


 


Kapitel 13


 


 


 


 


Zuhause angekommen hatte sich Julian aufs Bett gelegt und war in einen seiner Träume gefallen. Vor ihm tauchte die Wüste auf, deren Sand hell wie Glas war, getränkt vom Blut einer grausamen Schlacht.


Du siehst, ich bin ein Kind der Dunkelheit, aber wisse, ich bin frei und stelle mich gegen die Hölle! … Erzengel Michael, der du die Kraft des mächtigsten Kriegers des Himmels in dir trägst – schließe dich mir an!


Als Julian erwachte, spürte er einen dumpfen Schmerz auf der rechten Seite seines Oberschenkels. Während er geträumt hatte, musste er sich gewälzt und im Schlafe um sich geschlagen haben, bis er zuletzt in einer völlig verrenkten Position aufgewacht war. Sein Kopf tat weh. Nach dem Tag, den er hinter sich hatte – der Vorfall an der Bushaltestelle, das sonderbare Treffen mit den Engeln – fühlte er sich ausgelaugt wie nach einem Marathon. Er lag noch schlapp auf dem Bett, als er etwa eine halbe Stunde später hörte, wie seine Mutter von der Arbeit kam.


»Alles in Ordnung, Schatz?«, fragte sie beim Abendessen.


Julian nickte und stocherte lustlos in den dampfenden Spaghetti herum.


»Hast du dich gestritten? Mit Kyu-Min vielleicht?«


»Mhm …« Julian spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Scheiße, warum musste ich so austicken? Was sollte Kyu jetzt bloß von ihm denken?


»Möchte nicht drüber reden!«, meinte er barsch und stopfte sich einen viel zu großen Löffel voll Nudeln in den Mund.


»Schon gut«, erwiderte seine Mutter irritiert. Dann erschien ein Lächeln auf ihrem weichen Gesicht. »Aber du kannst immer mit mir reden, egal was ist – weißt du doch, oder?«


Julian nickte wieder und aß schweigend den Teller leer.


 


 


Es war bereits halb zehn abends, als es mit einem Mal an der Tür klingelte. Missmutig öffnete Julian und fragte sich entnervt, wer um die Uhrzeit schellte – als er im nächsten Moment überrascht registrierte, wie Kyu-Min das Treppenhaus hinaufkam.


»Äh … Hi!«, begrüßte ihn Julian und musste reichlich lächerlich aussehen, so überrumpelt war er.


»Hallo! Sorry, ist schon spät, ich weiß. Hoffe mal, ich störe nicht …?«


»Ähm, Quatsch, nein! Was gibt’s denn?«


»Na ja, also, ich wollte mit dir reden«, begann Kyu-Min zögerlich. »Wegen, na ja, wegen der Sache heut Nachmittag … Ähm, Lust auf ‘nen kleinen Spaziergang?«


»Äh, klar, warum nicht?«, entgegnete Julian unsicher. »Warte kurz, okay?«


Er ließ Kyu-Min für einen Moment vor der offenen Wohnungstür stehen und machte sich auf die Suche nach seiner Mutter. Recht schnell fand er sie am Küchentisch sitzend, über einer Zeichnung vertieft, in inniger Umarmung mit einer Flasche Gin.


»So spät?«, antwortete sie mit lallender Stimme, als Julian ihr sagte, dass Kyu-Min gekommen sei und er mit ihm noch eine Weile durch die Straßen ziehen wolle. »Na, is’ gut, dann vertragt euch ma’ wieda, ne?«


Es war eine klare Nacht und hoch am Himmel leuchteten Sterne. Es erschien Julian ungewöhnlich, dass Kyu-Min um diese Uhrzeit noch draußen war, ohne Gefahr zu laufen, von seinen heißgeliebten Eltern geköpft, gebrandmarkt oder gevierteilt zu werden.


»Mama und Papa sind ausgegangen«, sagte Kyu-Min, als hätte er erraten, was Julian durch den Kopf ging. »Also dacht ich, nutz ich die Chance und schau bei dir vorbei.«


Die Luft war kühl und ein leichter Wind wehte. Nebeneinander liefen sie her und bogen schließlich in einen kleinen, nahe gelegenen Park ein. Sie erreichten eine Bank am Rande einer dunklen Wiese. Die abendlichen Tautropfen schimmerten im Mondlicht wie glitzernde Perlen. Der Baum, unter dem sie saßen, warf schwarze Schatten in die Nacht.


»Also, was war denn heut Mittag los mit dir? Warum dieser Ausraster?«


Wegen der Stimme, dachte Julian und starrte auf seine Turnschuhe, mit denen er in der Erde scharrte. Seiner Stimme, die von … Raziel?


»Keine Ahnung, hab die Nerven verloren. Bin halt impulsiv, kennst mich ja …«


Kyu-Min nickte bedächtig. Obwohl es dunkel war, erkannte Julian den sehr ernsten Ausdruck auf seinem Gesicht. »Du bist mein bester Freund, das weißt du. Aber wenn du so ausflippst, ganz ehrlich, da bekomm selbst ich echt Angst vor dir. Ich meine, klar, Jens ist ein Volldepp – doch es sah glatt so aus, als hättest du ihm die Nase gebrochen! Wenn das mal keinen Ärger gibt …«


»Kann’s dir auch nicht erklären … Manchmal … weiß auch nicht, manchmal glaube ich, da ist irgendwas … Böses in mir …«


»Klingt strange«, meinte Kyu-Min nachdenklich. »Mache mir halt Sorgen, weißt du? Und dann dein komischer Abgang …«


Julian seufzte. Die Blätter über ihnen raschelten leise im Abendwind. Er sah Kyu-Min an und trotz der späten Schatten entging ihm nicht, wie hübsch er auch jetzt war – mit seinem flotten Igelschnitt und diesem Gesicht, auf dem stets der Ansatz eines lässigen Lächelns zu liegen schien, das cool um seine Lippen spielte.


»Hör zu, es tut mir leid! Ich weiß, ich hätte nicht … ach, ist einfach scheiße gelaufen! Die drei Blödschwätzer haben mich echt so was von provoziert, da bin ich ausgetickt, verstehst du? Entschuldige!«


Ihre Augen trafen sich und für einen unbewussten Moment versanken sie ineinander … bis Julian hastig den Blick abwandte.


Gott, ob er’s merkt? Woran ich denke, wenn ich ihn ansehe …?


»Was sollte das Gelaber eigentlich?«, fragte Kyu-Min und klang etwas verunsichert. »Wie kommen Marco und die anderen auf so ‘n Zeug? Also, ich meine … dass du was von mir willst und so …?«


Julian biss die Zähne aufeinander. War ja klar, das musste ja kommen! Verdammt, ich hab mich grade entschuldigt! Vergiss den Müll einfach – bitte!


»Was weiß ich! Dummes Gerede von dummen Idioten halt!«


Oh Mann, bin ich ein Feigling! Ich will dich ja gar nicht anlügen, Kyu, ich würd dir ja so gern alles sagen … aber ich kann nicht! Ich hab so Angst, so verdammt scheiße Angst!


»Hm … stimmt schon«, murmelte Kyu-Min. »Frag mich sowieso, wie Marco bloß ständig zu solchem Bullshit kommt!«


Die mandelförmigen Augen schauten ihn an und einen Moment lang glaubte Julian beschämt, unter Kyus Blick im Erdboden zu versinken.


Vom nächtlichen Himmel, so schien es, glitzerten die Sterne traurig auf ihn herab.


Und wenn ich einfach …? Ich kann ihm doch vertrauen! Hat er nicht eben noch gesagt, wir wären beste Freunde?


Er öffnete den Mund, seine Kehle jedoch fühlte sich trocken an, so staubig trocken, in seinem Bauch ein dumpfes Gefühl, als wäre ihm speiübel.


Nein! Ich kann’s ihm nicht sagen, nein, es geht nicht, ich kann nicht!


»Es ist wahr«, flüsterte er. Julian hatte den Eindruck, als sei es gar nicht seine Stimme, die da aus ihm hervorbrach. »Was Marco sagt … stimmt. Ich liebe dich …«


Verdattert blickte Kyu-Min ihn an – dann grinste er neckisch. »Ah, so ist das! Tja, ich steh da eher auf Hunde und Katzen – sorry, nichts zu machen!«


»Hä? Was …?« Julian fühlte förmlich einen Hammer, der ihm vor den Kopf schlug. Er glaubt mir nicht! Etwas in ihm schien zu zerbrechen. Er hatte erwartet, Kyu würde geschockt sein, befürchtet, er könnte ihn auslachen, vielleicht sogar beschimpfen – aber nie, dass er es einfach als blöden Scherz abtun würde! Das war zu viel … Nicht heulen, fang jetzt bloß nicht auch noch an zu flennen!, zwang er sich und spürte, wie es feucht wurde auf seinen Wangen.


Das Grinsen auf Kyu-Mins Gesicht verschwand wie fortgewischt. »Du … meinst das ernst …?«, fragte er leise.


Julian nickte wimmernd und zog die Nase hoch.


»Ja, aber … warum? Ist doch Quatsch! Ich meine, du bist doch nicht schwul … äh, oder?«


Julian wollte etwas erwidern, brachte allerdings nur ein Schluchzen hervor und weinte.


Kyu-Min, völlig aufgelöst, kramte eine Packung Taschentücher aus seiner Jeansjacke.


Silbern wanderte der Mond am Horizont und überzog Wiese und Sträucher mit kaltem Glanz.


»Schwul, nicht schwul – darum geht es doch nicht«, sagte Julian, nachdem er sich die Nase geputzt hatte. »Ich war noch nie verliebt vorher, in kein Mädchen, in keinen Jungen. Für mich gab’s immer nur dich. Ich glaube, so ist es, seit wir uns das erste Mal gesehen haben: den Tag, als du neu zu uns in die Klasse gekommen bist. Seitdem will ich dir nahe sein – so lange liebe ich dich schon.« Erneut spürte er Tränen. »Weißt du, ich hab ewig nicht kapiert, was mit mir los ist. Ich wollte es dir ja sagen, aber … ich hatte so Angst, du würdest mich auslachen …« Aus feuchten Augenwinkeln blickte er Kyu-Min von der Seite an. »Ich meine, vielleicht hasst du mich jetzt ja …«


»Na ja, ist echt krass …«, murmelte Kyu-Min und starrte vor sich hin.


Julians Stimme zitterte. Die Frage, die nun kam, war die, vor deren Antwort er sich fürchtete: »Denkst du, wir können Freunde bleiben …?«


»Weiß nicht … Denke, ich brauch erst mal ‘ne Weile, um das zu verdauen … Sorry!«


»Okay, aber … okay … wenn du meinst …«


Ein, zwei Minuten sprachen sie kein Wort. Weiter entfernt, außerhalb der Parkanlage, drang einsam das Geräusch eines Automotors zu ihnen hinüber.


»Na ja … vielleicht schlafen wir erst mal ‘ne Runde«, schlug Kyu-Min vor. »Ist schon total spät. Meine Eltern killen mich, wenn sie heimkommen und ich bin nicht da.«


Sie standen von der Bank auf und verließen den Park. Schweigend trotteten sie die Straße entlang. Julian vermied es, Kyu-Min anzusehen; er tat es ihm scheinbar gleich. In den Fenstern war es dunkel und nur noch selten brannte irgendwo Licht.


»Also, dann sehen wir uns morgen in der Schule?«, fragte Julian, als sie vor dem Haus standen, in dem er mit seiner Mutter wohnte.


Kyu-Min nickte und zog ein ernstes Gesicht.


»Hey, Kyu … verzeih mir … Ich wollte nicht …«


»Schon gut.«


In Julians Brust klopfte es schwer. »Okay … Bis morgen dann also, ja?«


»Ja …«, murmelte Kyu.


Julian fischte seinen Schlüssel aus der Hosentasche. Im Treppenhaus drehte er sich um und sah Kyu-Min hinterher, solange bis vor seinen Augen langsam die Tür ins Schloss gefallen war.


 


 


 


Kapitel 14


 


 


 


 


Am Morgen beim Frühstück hatte Julian keinen Appetit. Sein Bauch fühlte sich schwer an, unerträglich schwer, und irgendetwas Kaltes lag wie ein Stein in seiner Brust.


Gott, hilf mir! Ich würde ihm niemals wehtun, ich will ihn doch nur nicht verlieren! Lieber Gott, wenn’s dich wirklich gibt, dann hilf mir bitte!


Ob Julian gläubig war, wusste er im Grunde selbst nicht genau. Er war sich nicht sicher, was er von all dem halten sollte, was in der Bibel stand oder ihm die Lehrer in der Schule versuchten weiszumachen. Dennoch, wenn er ehrlich war: An einen gütigen, liebevollen Gott wollte er gern glauben und hatte in seinem Leben das ein oder andere Mal gebetet. Und nun die letzte Nacht – in sein Kissen weinend, während in seinem Inneren schmerzhaft ein Presslufthammer rumort hatte – hoffte er von ganzem Herzen: ER möge sein Gebet hören. Natürlich, dass seine Chancen schlecht standen, wusste er. Von verschiedenen Leuten schnappte er öfters Predigten auf, dass Gott es nicht mochte, wenn ein Junge Gefühle für einen anderen Jungen empfand. Andererseits, hieß es nicht, der Herr sei barmherzig? Vergebend? Vielleicht – wer weiß! – vielleicht würde ER ein Auge zudrücken? Ausnahmsweise?


Ein kleines Wunder schien Gott schon vollbracht zu haben: Der Bus, den Julian morgens nahm, platzte heute ausnahmsweise nicht aus sämtlichen Nähten. So gelang es ihm, einen Sitzplatz zu ergattern, wo er die paar Haltestellen zur Schule gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Düstere Wolken hingen am Himmel und kleine Tropfen klopften von außen gegen die Scheibe.


Was, wenn Kyu-Min bereits alles brühwarm rumerzählt hatte? Was war, wenn er gleich in die Schule kam und alle wüssten Bescheid, würden lachen und mit dem Finger auf ihn zeigen? Unsinn, so gemein ist er nicht, das würde Kyu nie tun. Oder …? Er spürte, dass sich sein Magen wie eine Faust zusammenzog, und begriff, dass er Angst hatte – richtig quälende Angst! Und da glauben die, ausgerechnet ich soll ein Dämon sein! Ein Waschlappen wie ich?


Sein Herz pochte heftiger, als er den großen Haupteingang betrat und sich zwischen das Gemenge der Schüler schob. Spontan entschied er, das gemeinschaftliche Gebet, das jeden Morgen zu Schulbeginn stattfand, heute sausen zu lassen. Kyu-Min unter dem Gewimmel in der Aula zu suchen, erschien ihm ohnehin sinnlos – er würde ihn ja später im Physik-Kurs treffen. Die halbe Stunde konnte er besser auf dem Klo verbringen, um vielleicht halbwegs das plagende Übelkeitsgefühl loszuwerden, das ihn fest im Griff hielt.


Die sterilen Kacheln glänzten grau und kalt im Neonlicht, das von der Leuchtröhre an der Decke fiel.


Julian wusch sich die Hände; Wasser plätscherte zwischen seinen Fingern, Tränen stiegen in ihm auf. Was, wenn Kyu ihn eiskalt fallen ließ? Wenn sein bester Freund nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte? Kurz überlegte er, sich einfach auf einer der Toiletten einzuschließen und loszuheulen. Der schmierige Spiegel über dem Waschbecken zeigte, wie sich weiter hinten eine der Kabinen öffnete. Er spürte einen Kloß im Hals.


»Kyu …«


»Oh … Hey, Julian«, sagte Kyu-Min, trat an das Becken neben ihm und drückte auf den weißen Plastik-Seifenspender.


»Wie, ähm, geht’s?« Julians Stimme kam ihm vor wie ein krächzendes Flüstern; fast meinte er, sie würde hilflos im Wasserrauschen untergehen, als Kyu-Min den Hahn aufdrehte.


Ihn jetzt vor sich zu sehen, tat so furchtbar weh: zum Greifen nah und gleichzeitig zu wissen, dass er sein kleines Geheimnis nun kannte, ihn sicher verachtete, sich bestimmt sogar vor ihm ekelte. Aber was erwarte ich? Ein Typ wie er – warum sollte er sich mit ‘ner Schwuchtel abgeben?


»Du, äh … wegen gestern … bist du sauer?«


»Hm … ne, eigentlich nicht«, antwortete Kyu-Min, machte sich die Finger feucht und fuhr quer durch seine schwarzen Haare, dass sie stachelig nach oben standen.


»Ähm … wirklich nicht?« Julians Herz schien bis an den Kehlkopf zu stoßen; er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.


»Nein, nein …« Kyu warf ihm ein schüchternes Lächeln zu.


Bei den Urinalen erledigte ein weiterer Junge sein Geschäft, wusch sich rasch die Hände und verließ eilig das Schulklo.


»Hör mal … sorry!«, fuhr Kyu-Min fort, als sie alleine waren. »War gestern nicht gerade nett zu dir, schon klar. Aber … na ja, ist halt ‘nen Hammer! Also, du hast mich echt überrumpelt mit … na, du weißt.«


»Logisch, versteh ich …«, murmelte Julian und senkte die Augen nieder, dass er Kyu nicht anzusehen brauchte. »Tut mir auch leid. Ich wollte nicht, dass alles so kommt … dass du jetzt was Schlechtes von mir denkst – ehrlich nicht! Verzeih mir, okay?«


»Ist in Ordnung. Werd’s überleben.«


Julians Wangen glühten, so schrecklich heiß war ihm. »Können wir denn Freunde bleiben?«, fragte er zögerlich und merkte, wie die Angst vom Vorabend wieder in ihm hochstieg. Bitte, Gott, ich will ihn nicht verlieren! »Ich versprech dir auch, ich mach bestimmt keinen Stress, nur weil … Also, ich meine, äh …«


Kyu-Min nickte langsam. »Sicher.«


»Ehrlich?«


»Ja!« Er lächelte und es war sein typisch strahlendes Lächeln.


»Wie cool! Danke!« Julian glaubte, abzuheben, weil ihm gefühlt ein ganzer Wagen voll Steine von der Brust fiel. »Du bist der Beste, wirklich!«


Kyu grinste. »Na, komm mal her, Schwuli!«, sagte er keck und nahm ihn in den Arm.


»Danke, Kyu! Danke, ich …«


»Kein Ding! Was sollte ich denn ohne dich machen, Kumpel?«, hörte er Kyu-Mins Stimme, spürte seine Finger sanft über seinen Rücken streichen. Zärtlich beinah.


Er hielt ihn noch in den Armen, da wurde plötzlich die Tür des Toilettenraums derart heftig aufgerissen, dass sie beide erschrocken zusammenfuhren.


Wie nach einem Stromschlag wirbelte Julian herum, blickte in die Gesichter von Marco und Christopher – und erschrak. Ihre Gesichter … sie wirkten so ausdruckslos, als ständen sie unter Drogen.


»Hier steckt ihr also!« Christophers Tonfall glich einem merkwürdig anmutenden Geifern. »Was treibt ihr denn so allein?«


»Wir schmieden Mordpläne, wie man Vollpfosten wie euch zum Schweigen bringt«, entgegnete Kyu-Min trocken.


»Riskierst wieder ‘ne dicke Lippe, was?«, fragte Marco und kam bedrohlich nahe.


Als Julian ihm in die Augen sah, durchfuhr ihn ein grausiger Schauer. Leer. Marcos Augen schienen unbeschreiblich leer. Sein Blick huschte hinüber zu Christopher und erspähte in seinem kantigen Gesicht dasselbe: kalte, leere Augen – leer und seelenlos. Wie bei einem Zombie … Die Hand in seiner Hosentasche ballte sich instinktiv zur Faust.


»Haben schon die ganze Schule nach dir abgesucht, kleiner Teufel«, fuhr Marco an Julian gewandt fort. »Jens würde sich gern mit dir unterhalten – wegen eurer kleinen Auseinandersetzung.«


»Und weil er sich nicht her traut, schickt er euch zwei?«, fragte Julian und lächelte schief.


»Nicht so vorlaut!«, blaffte Marco. »Du kommst jetzt schön brav mit uns!«


»Du kannst mich mal! Ich …«


Doch Julian kam gar nicht dazu, den Satz zu beenden, da packte ihn Marco bei den Armen. Hart und unerbittlich, mit einer derart ungeheuerlichen Kraft, dass es schmerzte.


»Was soll der Scheiß?!«, protestierte Kyu-Min. »Wir haben jetzt echt keine Zeit für euren Müll! Gleich ist Unterricht!«


»Keine Sorge, wir schreiben deinem Lehrer eine Entschuldigung!«, höhnte Christopher, griff nach Kyus Ärmel und zog ihn mit einem einzigen Ruck zu sich. »Du kommst auch mit! Unser Meister will dich sehen!«


»Vorwärts!«, befahl Marco und verpasste Julian einen erbarmungslosen Tritt.


»Ist ja gut, Mann!«, zischte Julian zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Etwas weniger grob, wenn’s geht!«


Marco zerrte ihn hinaus auf den Gang. Christopher hielt Kyu-Min fest, der offenbar ebenfalls außerstande war, sich zu wehren. Wie zwei Schwerverbrecher wurden sie beide durch den Flur und schließlich quer über den menschenleeren Pausenhof in Richtung Schulkapelle geschleift – einem separaten, geräumigen Anbau.


Drinnen brannte ein helles Lichtermeer. In den Messingständern und dem runden Leuchter unter der Decke waren sämtliche Kerzen entzündet worden. Der Geruch von Weihrauch erfüllte die Luft.


Julian wurde mit Kyu-Min zusammen über den breiten Mittelgang gezerrt. Drei Stufen führten zum Altar hinauf, der mit einem schneeweißen Tuch gedeckt war, bestickt mit einem goldenen Kreuzsymbol. Davor stand in erwartungsvoll anmutender Haltung Jens, der – ungewöhnlich für ihn – ganz in Schwarz gekleidet war. Auf seiner Nase klebte ein dickes Pflaster, offensichtlich die Folge seiner Prügelei mit Julian.


Endlich lösten Marco und Christopher ihre Griffe und ließen los!


»Was geht denn hier ab?« Verwundert blickte Kyu-Min in das flackernde Kerzenmeer. Außerhalb des Schulgottesdienstes blieb die Kapelle in der Regel geschlossen.


Julian rieb sich den schmerzenden Unterarm, wo ihn Marco gepackt hatte. Unwillkürlich schweiften seine Augen nach oben – Sekunden, bevor ihm die Spucke wegblieb. Über dem Altar hing ein großes Kruzifix mit einer gekreuzigten Jesusfigur. Es war schon dort seit seiner Einschulung – anders als sonst aber baumelte es nun plötzlich verkehrtherum von der Decke!


»So, da hätten wir also den kleinen Teufel und seinen treusten Gefährten!«, sagte der schwarz gekleidete Jens und musterte sie beide mit Augen, ebenso seelenlos wie Marcos und Christophers.


»Was willst du Idiot?«, fragte Julian grimmig.


Jens stieß ein hämisches Lachen aus. Es klang seltsam befremdlich, beinahe wie das Gackern eines Huhns. »Eine Kämpfernatur wie eh und je! Der Kerl, der diesen Körper bewohnt, ist reichlich sauer auf dich, Julian Sanders. Deine Faust hat ihm fast die Nase gebrochen!«


»Julian bricht dir gern noch was anderes, wenn ihr uns nicht in Ruhe lasst!«, entgegnete Kyu-Min barsch.


»Vorsicht, Kyu!«, zischte Julian. »Frag mich nicht, warum, aber … das da ist nicht Jens!«


Über Jens’ Gesicht breitete sich ein grausames Grinsen aus. »Kluger Junge!«, raunte er in einer höhnischen Singsang-Stimme. Langsam kam er die Stufen vom Altar hinunter. »Wirklich sehr gut bemerkt – Raziel!«


Was?! In Julians Schädel klingelten die Alarmglocken in ohrenbetäubender Lautstärke. »Kyu, lauf weg!«


»Was? Du …«


»Hau ab, verdammt!«


Wie vom Blitz getroffen nahm Kyu-Min die Beine in die Hand und rannte los Richtung Pforte.


»Halt ihn auf, Abigor!«, rief Jens Marco zu. »Despariel bringt uns um, wenn er entwischt!«


Verblüfft sah Julian mit an, wie Marco plötzlich durch die Luft flog und mit einem einzigen Satz direkt vor dem flüchtenden Kyu-Min landete.


Kyu stieß einen Schrei aus, als er nach einem gnadenlosen Tritt zwischen die Stuhlreihen knallte, wo er schmerzgekrümmt liegen blieb.


Entsetzt wollte ihm Julian zu Hilfe eilen und verspürte einen Schlag auf den Hinterkopf, der ihn in die Knie zwang.


»Hast du mich schon vergessen, Raziel?«, erklang hinter ihm die Stimme des Wesens, das im Körper von Jens steckte. »Mich, Andras, erster Offizier aus Despariels Legion? Dabei warst du es, der mich über fünfhundert Jahre in einem Bannstein versiegelt hat – körperlos und eingesperrt auf ewig!«


Julian bemühte sich, aufzustehen, und erspähte im gleichen Moment Christophers Beine. Ein Tritt in die Magengrube ließ ihn mit einem lauten Klatscher auf den Bauch fallen.


Qualvoll rang er nach Atem – und kassierte einen zweiten Tritt geradewegs ins Gesicht, der seinen Kopf brutal herumwirbeln und ihn durch einen Tränenschleier sehen ließ.


»Julian!« Kyu-Mins panischer Schrei drang an sein Ohr.


»Hört auf …«, röchelte er und bekam kaum einen Ton heraus, da sich sein Magen anfühlte, als stünde er vorm Explodieren. Seine Nase blutete.


»Was meinst du, Baphomet? Ist dieser Schwächling wirklich Raziels Wiedergeburt?«, spottete Andras und trat zu.


»Das wird der Meister herausfinden, sobald er hier ist!«


Andras schien etwas erwidern zu wollen – das jedoch urplötzlich in einem Aufschrei unterging.


Julian spürte, wie es auf einmal brennend heiß wurde. Beinah zu geschunden war er, sich darüber zu wundern, dass rings um ihn kurioserweise der Fußboden in Flammen stand. Einen Moment glaubte er, einer der Kerzenständer sei umgefallen, bevor er feststellte: Er war von einem lodernden Ring aus Feuer umschlossen, der ihn von den beiden Besessenen abschirmte. Einige Meter entfernt, nahe dem Eingang, entdeckte er völlig unerwartet drei vertraute Gesichter: Michael, Zadkiel und – merkwürdig! – Nadja neben ihnen.


»Nadja … was …? Woher kennst du …?« Die Gedanken in seinem Kopf schienen wild Karussell zu fahren. Mühsam rappelte er sich hoch auf die Knie.


In Michaels Hand sah er ein Schwert, dessen Klinge gezackt in die Höhe ragte, ähnlich einer brennenden Feuerzunge. Offensichtlich war er derjenige, der den schützenden Flammenring erschaffen hatte.


»Verdammt!«, fluchte der von Baphomet besessene Christopher und wischte sich hastig die Funken vom T-Shirt.


»Du hattest recht, Nadja«, hörte Julian Zadkiel sagen. »Es verweilen Dämonen an diesem Ort.«


»Ja, ich spürte die Aura der Hölle, kurz nachdem ich das Schulgebäude betreten hatte.«


»Ich weiß zwar nicht, was ihr hier zu suchen habt«, drohte die Dämonenseele in Jens, »aber offen gesprochen – ihr stört!« Zwischen seinen Fingern erzeugte er einen Flammenball und schleuderte ihn auf Nadja.


Mit einer einzigen Handbewegung ließ sie die rasende Feuerkugel mitten in der Luft zu Eis erstarren und als gefrorenen Klumpen zu Boden krachen.


»Teufel noch mal, vernichtet sie!«, schrie Abigor, der in der Ecke stand und Kyu-Min zwischen den Stühlen bewachte.


Jens, das hieß Andras, wollte erneut angreifen, da breitete Michael ruckartig beide Arme aus: Die Flammen sämtlicher Kerzen schossen in die Höhe, bündelten sich und bildeten eine Feuerwand, die Andras und Baphomet überrollte wie eine brennende Walze.


Julian zwang seinen von tausend Tritten geprellten Körper zurück auf die Füße. Der Ring um ihn erlosch. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Abigor auf ihn zukam – als im nächsten Moment ein hellrotes Licht erstrahlte.


Im Durchgang der Kapelle bildete sich geradewegs aus dem Nichts heraus eine Art leuchtender Riss in der Luft. Ein Spalt öffnete sich und die imposante Erscheinung eines Mannes erschien: Rabenschwarzes gewelltes Haar reichte ihm lang bis zu den Schultern; darüber wehte ein Mantel aus dunklem Leder. Neben seinem markanten Gesicht funkelte links ein silberner Ohrring. Seine Augen bohrten sich in Julians. Sie erinnerten an die Farbe des Meeres, kalt und tief wie ein eisiger Ozean.


»Wer … bist du?«, fragte Julian – und für einen undefinierbaren Moment kam ihm das Gesicht des Fremden seltsam bekannt vor.


»Das ist doch …! Das kann nicht sein!«, hörte er Michaels verblüffte Stimme.


»Mein Name ist Despariel! Vor langer Zeit war ich der höchste aller Dämonen, geliebt und verehrt von der gesamten Hölle! Immerfort sangen die unheiligen Chöre allein für mich.« Ein merkwürdiges Lächeln lag auf seinen bleichen Lippen. »Nun also, Bruder, sind wir endlich wieder beisammen!«


»Was … willst du?«, fragte Julian zögernd und wich zurück, bis er an Marcos Brust stieß, da Abigor plötzlich hinter ihm stand.


»Meine Mitstreiter haben mich befreit, um die Dämonen von dem Joch der finsteren Fürsten zu erretten!« Despariels Mundwinkel verhärteten sich. »Aus der Verbannung, in der du mich Jahrhunderte lang hast leiden lassen, Raziel!«


»Dafür kann ich nichts …«, entgegnete Julian mit belegter Stimme, wenngleich eine ungewisse Erinnerung in ihm hochzusteigen begann. »Ich bin kein Dämon, verstehst du? Ich bin ein Mensch, bloß ein stinknormaler Mensch!«


»Ach? Tatsächlich, ja?« In den eisblauen Augen blitzte es auf. Julian erspähte eine kleine Feder, die sich zwischen den dunklen Locken verfangen hatte – schwarz wie die einer Krähe. »Ich und meine Untergebenen, wir beobachten dich schon heimlich seit längerer Zeit, Raziel – oder auch Julian Sanders, wie du dich nun zu nennen pflegst. Während ich eingeschlossen war in der Einsamkeit des Kontraversums, besitzt du die Dreistigkeit, dir hier auf der Erde ein bequemes Leben aufzubauen!« Sein angewiderter Blick fiel auf Kyu-Min, der wenige Meter entfernt am Boden kroch; dann auf Nadja neben den Engeln beim Eingang. »Ganz zu schweigen von den Menschen, bei denen du dich anbiederst – deinen sogenannten Freunden!«


»Lass sie gefälligst da raus!«, herrschte Julian ihn an. »Sie haben nichts damit zu tun!«


»Deine Besorgnis – wahrhaft rührend!«, spottete Despariel. Etwas Schmerzliches lag in seinen Augen. »Bedeuten sie dir denn mehr als dein eigener Bruder? Mehr als all das, was uns beide verbindet?«


Er wandte sich ab und schritt auf Kyu-Min zu, der ein angstvolles Quieken vernehmen ließ. Despariel packte ihn am Kragen und hob ihn spielend leicht in die Höhe.


»Kyu-Min!«, schrie Julian und wurde von Abigor an den Armen gepackt.


Despariels Lippen formten ein grausames Lächeln. »Sieh gut hin, Raziel! Bevor ich dich töte, darfst du zusehen, wie er stirbt, dein bester Freund!« Er warf seinen Mantel zurück und Julian sah den silbernen Dolch, den der Dämon am Gürtel trug. »Ich werde ihn langsam ausbluten lassen wie ein Schwein!«, sang er beinahe, wobei ihm der eifersüchtige Hass wie aufgestempelt ins Gesicht geschrieben stand.


Ein verängstigtes Kreischen drang aus Kyu-Mins Mund, als ihm Despariel den Dolch unter die Kehle hielt.


Julian sah, wie Michael sein Schwert erhob, hörte Zadkiels beschwörende Worte. Offenbar wollten sie einen Angriff wagen, wurden jedoch augenblicklich durch die Zauberkraft von Andras und Baphomet in Schach gehalten.


In heller Panik begann er wild zu toben, sodass Abigor Mühe hatte, ihn festzuhalten – trotz der dämonischen Stärke, die er Marcos Körper verlieh.


Kyu schrie erneut, fing an zu zappeln, verzweifelt wie ein Fisch am Haken. Die ersten Blutstropfen tränkten die silberne Klinge.


In Julians Kopf setzte es aus …


»Kyu-Min …!!« Eine Druckwelle kosmischer Energie drang aus seinem Körper und fegte Abigor von den Füßen, der durch die Luft wirbelte wie Papier.


Julian spürte, wie sich seine Augen verschleierten und alsbald begannen, in blutigem Rot zu leuchten – funkelnd wie zwei Rubine!


»Raziels Seele – sie erwacht!«, schallte Michael an sein Ohr.


»Rühr diesen Jungen nicht an, Despariel!«, rief aus seinem Mund eine fremde Stimme, die seiner eigenen in keiner Weise ähnelte. Zwischen seinen Händen begann die Energie zu fließen. Bläuliches Licht formte sich zu einem Geschoss, das Julian mit einem kraftvollen Satz Despariel entgegenwarf.


Die gebündelte Macht traf ihn wie ein funkender Blitz und schleuderte ihn weit bis in die hinterste Ecke der Kapelle, einen panischen Schrei hinter sich herziehend.


Mit ausgebreiteten Dämonenschwingen trat Julian auf Kyu-Min zu.


»Jul… Julian …?« Sein Gesicht starrte ihn an, fassungslos entgeistert.


»Hab keine Furcht, junger Menschensohn!«, erklang die Stimme aus Julians Mund. »Siehe, ich beschütze dich vor den Kräften des Bösen, die dich bedrohen.«


Nadjas Warnung zerriss die Luft: »Vorsicht, Raziel!«


Julian konnte Kyu-Min gerade noch zur Seite reißen, da sauste ein leuchtendes Energiegeschoss an ihm vorbei, so gefährlich nahe, dass es ihm die Haarspitzen ansengte.


»Sieh an, Bruder, zeigst du also doch dein wahres Ich!«, ertönte Despariels Stimme, der sich neben dem Altar aufgerafft hatte.


Er beschwor einen Sturm herauf, der tosend durch den Saal pfiff und Nadja, Michael und Zadkiel gegen die Wände klatschen und zwischen die Stuhlreihen krachen ließ.


Allein Julian, noch immer Raziel, vermochte dem Wind standzuhalten. Sanft schloss er sich in einem Schutzkreis ein; raunte magische Worte, deren Bedeutung er nicht begriff, die ihm jedoch das fremde Bewusstsein zuflüsterte. Es war die alte vertraute Stimme – die Stimme, die ihm so oft schon aus den hinteren Winkeln seines Geistes zugewispert und nunmehr völlig in ihn eingedrungen war.


Despariel breitete seine Flügel aus, die ebenso gewaltig waren wie die seines Bruders. »Soll das alles sein, Raziel? Ein lachhafter Schutzzauber? Wahrlich, du bist so erbärmlich in dieser menschlichen Gestalt, es bricht mir fast das Herz!« Er begann zu schweben, kam näher und näher – dann plötzlich preschten seine Finger nach vorn wie scharfe Klauen.


Ein hysterischer Schrei entfloh Julians Kehle, als Despariel den Arm aus der klaffenden Wunde in seiner Brust zog. Es fühlte sich an, als würde ihm sein innerstes Selbst herausgerissen werden – Sekunden, bevor er in Despariels triefender Hand sein blutiges, schwach pulsierendes Herz entdeckte.


Dumpf drang an sein Ohr, wie Kyu-Min aus unendlich weiter Ferne seinen Namen rief. Die mächtigen Drachenschwingen verschwanden, lösten sich auf im Nichts, aus dem sie erschienen waren. Das rote Leuchten in seinen Augen erlosch.


»Seht her, Rebellen! Dies ist das Ende eures stolzen Anführers!« Zwischen Despariels Fingern quoll das Blut seines Herzens hindurch wie Saft aus einer reifen Tomate.


»… K … Kyu … Kyu-Min …«, röchelte er leise.


»Ich habe Raziel getötet! Seht, Julian Sanders ist tot!«


 


 


 


Leseprobe - Ende


 


 


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