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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe SHIRIN Die Macht der Eule, Fianna Cessair
Fianna Cessair

SHIRIN Die Macht der Eule


Teil I

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Es ist eine stürmische Nacht. Eigentlich Vollmond, aber es regnet in Strömen und Wolken verdecken den Mond.


Die Wagen der Satra(Familie) stehen an einer Felswand im Schutz der Bäume.


Unruhig läuft Vadim in einem Wagen hin und her. Er ist der Sero, der Fürst, der Familie. Im Moment ist von seiner so überlegten, ruhigen Art allerdings wenig zu spüren. Er verflucht sich selbst. Warum hat er auf seine Frau und Raluca gehört? Rilana hat ihn überzeugt, dass sie dieses Tal erreichen müssen und die Puri Daj hat sie unterstützt.


Selbst ein Sero widersprach der weisen Frau nicht so einfach. Nun liegt Rilana in dem Wagen nebenan in den Wehen. Es werden noch Tage vergehen, bevor der Rest der Satra hier auftaucht.


Trotz des Sturmes kann er das Stöhnen seiner Frau hören. Seit dem Morgen liegt sie in den Wehen und es geht nicht voran. Vadim wird trotz seiner vierzig Jahre das erste Mal Vater. Rilana hat bisher alle Kinder verloren. Er hofft auf einen Sohn. Die Lovara brauchten Söhne. Eine Frau ist im Pferdehandel undenkbar.


Erstaunt hebt er den Kopf. Ihm ist etwas aufgefallen.


Es ist still … von einer Minute auf die andere. Ungläubig öffnet Vadim die Tür des Wagens und sieht hinaus


Hell steht der Vollmond am Himmel, nicht ein Lüftchen bewegt sich. Er fährt zusammen, als der Schrei einer Eule erklingt. Im gleichen Moment ist das Weinen eines Kindes zu vernehmen….


Ein Lächeln gleitet über sein kantiges Gesicht, bevor er sich wieder in den Wagen zurückzieht. Er darf jetzt nicht zu Rilana. Sie werden ihn holen, wenn es soweit ist. Selbst dann wird er seine Frau nur kurz sehen. Die nächsten Wochen gilt sie als tabu, unrein…


Seine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. Es dauert nahezu zwei Stunden, bevor eine der Frauen kommt, um ihn zu holen.


Zu seinem Erstaunen sitzt Raluca, die Puri Daj, mit dem Kind auf dem Arm in dem Wagen. Er schaut kurz zu seiner Frau und lächelt ihr liebevoll zu. Die Tradition verlangt, dass er sich erst sein Kind ansieht.


Langsam geht er zu Raluca. Er kann seinen Blick nicht abwenden. Pechschwarze Haare, was ihn jedoch mehr in den Bann zieht, sind die Augen …Fast genauso schwarz wie die Haare, aber dieser Blick …er wirkt uralt und wissend …


„Vadim, du hast eine gesunde Tochter“, sagt Raluca, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Die Enttäuschung ist ihm wohl anzusehen. Wortlos dreht Raluca das Kind um, so dass er den Rücken sehen kann.


Ungläubig weiten sich seine Augen. Er sieht Raluca an.


Lächelnd nickt sie: „Das Zeichen der Eule! Deine Tochter braucht einen Namen und du solltest sie anerkennen.“


Wortlos nimmt er ihr den nackten Säugling ab. Seine Hände zittern und er sieht noch einmal in diese unglaublichen Augen.





Dann tritt er mit dem Kind hinaus. Die komplette Satra hat sich vor dem Wagen versammelt.


Vadim schaut in die Runde. Er ist sich darüber im Klaren, dass alle gespannt warten, was er zu verkünden hat. Strahlend hebt er das Mädchen über seinen Kopf.


„Hiermit stelle ich euch meine Tochter Shirin vor! Shirin, Tochter von Vadim und Rilana! Heißt sie in der Satra willkommen!“


Genau in diesem Moment ertönt wieder der Schrei einer Eule. Ungläubiges Gemurmel ist zu hören, bevor ein Willkommenslied für Shirin angestimmt wird.


                                                                ***


Hunderte von Kilometern entfernt hebt Rodica den Kopf und lauscht. Ein wissendes Lächeln gleitet über das Gesicht der alten Frau. Zufrieden überlässt sie sich wieder dem Schlaf.


Am Morgen tritt sie gutgelaunt aus dem einzelnen Wagen, der unter dichten Eichen an der Felswand eines Talkessels steht. Rodica versorgt das Pferd und sieht nach den Hühnern, bevor sie das Morgenmahl vorbereitet.


Sie hat sich vor vielen Jahren in die Einsamkeit zurückgezogen. Der Grund dafür ist vierzehn Jahre alt und streckt sich gerade gähnend in der Tür des Wagens.


Nach dem Essen verkündet sie: „ Zoran, wir müssen morgen packen. Es wird Zeit, dass du etwas lernst und die Welt siehst.“


Der Junge hebt den Kopf und sieht sie an. Auch nach all den Jahren verblüffen sie seine Augen. Wolfsaugen, bernsteinfarben und wachsam.


„Ich habe heute Nacht etwas gespürt ...“, sagt er.


„Ich weiß.“


Er spürt, dass diese lakonische Antwort alles ist, was er erhalten würde.


„Wohin zuerst?“, fragt er resigniert.


Rodica überlegt kurz.


 „Mit den Lovara bist du vertraut. Ich denke, wir fangen mit den Korbflechtern an. Die Sepecides werden dich am Schnellsten akzeptieren. Fünf Jahre werden wir dort bleiben. Dann geht es weiter zu den Curaca. Siebmacher ist ein ehrbarer Beruf und eine gute Grundlage für die Kalderara, die Kesselflicker. Dann dürftest du bereit sein.“


Rodica ignoriert den Blick des Jungen, der fragend auf ihr ruht.


Gedankenverloren schaut sie über das Tal und murmelt: „Es hat begonnen ...“


                                                           ***


Vadim trägt seine Tochter wieder in den Wagen und übergibt sie den Frauen. Er weiß, dass Raluca mit ihm reden will. Bittend sieht er sie an.


„Gib mir noch einen Moment mit Rilana“, raunt er ihr zu.


Raluca wendet sich an die Frauen: „Nehmt Shirin mit, es muss einiges erledigt werden.“


Die Frauen verlassen den Wagen mit dem Kind und einem großen Korb. Die Puri Daj hat ihnen schon vorher gesagt, wohin sie den Korb bringen sollen. Der Korb enthält die Nachgeburt und die blutigen Tücher.


Morgen bei Sonnenaufgang wird sie diese Sachen mit den Frauen an einem versteckten Ort vergraben um die überlieferten Worte sprechen, die das Kind zu schützen.


Nur ihre Autorität als weise Frau verhindert Gerede, als sie den Wagen jetzt ebenfalls verlässt. Es ist nicht üblich, dass ein Mann alleine bei seiner Frau bleiben darf, wenn sie gerade entbunden hat.


Was ist bei Vadim und Rilana schon üblich? Sie haben aus Liebe geheiratet, gegen den Willen ihrer Eltern. Obwohl er fünfzehn Jahre auf ein Kind warten musste, hat Vadim Rilana nicht verstoßen. Und jetzt dieses Mädchen …


Vadim hat einen ungewöhnlichen Namen ausgesucht. Es ist kein Roma-Name. Raluca ist gespannt auf seine Erklärung.


Kaum hat sich die Tür hinter den Frauen geschlossen, eilt Vadim zum Bett seiner Frau.


„Liebling, wie geht es dir?“


Rilana sieht ihn nicht an.


„Es ist kein Junge, Vadim. Es tut mir leid!“


Er ergreift ihre Hände.


„Das ist mir egal, Rilana. Sie ist ein wunderschönes kleines Mädchen. Sie heißt Shirin. Es ist viel wichtiger, wie es dir geht. Sag doch was!“


Mit Tränen in den Augen sieht sie ihn endlich an.


„Mir geht es gut, Vadim. Ich liebe dich. Ich hätte dir gerne einen Sohn geschenkt.“


Vadim zieht sie in seinen Arm.


„Rilana, wir haben ein Kind, ein gesundes, lebendes Kind! Du hast mir, nein, du hast uns allen etwas ganz Besonderes geschenkt. Unsere Tochter trägt das Mal der Eule!“


„Bist du sicher?“ Rilana klingt ungläubig.


Er lächelt.


„Ja, ich bin sicher. Sie trägt das Zeichen der Eule auf dem rechten Schulterblatt. Außerdem habe ich heute Nacht zweimal eine Eule gehört. Liebling, Raluca war nicht umsonst hier. Sie kommt sonst nie zu Entbindungen.“


Plötzlich unterbricht er sich und sieht sie aufmerksam an.


„Gefällt dir der Name, den ich unserer Tochter gegeben habe? Er bedeutet Süß. Als sie mich so angesehen hat, war er plötzlich in meinem Kopf.“


Rilana lächelt ihn an. „Der Name ist wunderschön!“


 Vadim küsst sie.


 „Ich muss jetzt gehen. Es gibt schon genug Gerede. Ich liebe dich und ich bin stolz auf dich. Versuch zu schlafen Liebling. Ich schicke die Frauen mit Shirin wieder her.“


Noch einmal küsst er sie zärtlich. Rilana hat die Augen schon geschlossen, als er den Wagen verlässt und die Tür leise hinter sich schließt.


Draußen atmet er erstmal tief durch. Er hat eine Tochter! Er freut sich darüber, aber es macht ihm auch Angst.


Shirin ist kein normales Kind. Sie wird nie wie andere Kinder sein. Ihre Erziehung bedeutet eine große Verantwortung. Es muss soviel beachtet werden. Wo kann sie ungefährdet aufwachsen? Niemand darf herausfinden, wer sie ist, bevor die Zeit gekommen ist.


Vadim ist ein Mann, vor dem jeder Respekt hat. Er musste sich seine Stellung hart erkämpfen. Unzählige Narben an seinem Körper künden davon. Zum ersten Mal in seinem Leben fragt er sich, ob er einer solchen Verantwortung gewachsen ist.


Langsam geht er hinüber zu dem Wagen von Raluca. Sie wird ihm helfen. Wenn jemand weiß, was zu tun ist, dann sie.


 Die weise Frau der Satra, die gleichzeitig seine Großmutter ist, würde ihm helfen, die Leute auf den Schutz von Shirin einzuschwören. Ab heute gibt es für die Satra nur noch eine Aufgabe:


Shirin muss geschützt werden …egal was es kostet.


 


Als Vadim den Wagen betritt, schickt Raluca die Frauen mit dem Kind hinaus. Sie fordert ihn auf Platz zu nehmen, und schiebt ihm einen Becher gegorene Stutenmilch rüber. Nachdenklich mustert sie den Mann.


„Was denkst du, Vadim?“


Vadim lässt sich mit dem Antworten Zeit. Er trinkt einen Schluck Stutenmilch und beobachtet das Flackern der Kerzen. Dann schaut er sie an.


„Ich freue mich über Shirin. Natürlich hätte ich gerne einen Sohn gehabt, aber es sollte wohl nicht sein. Jetzt habe ich ein ganz besonderes kleines Mädchen….“


Vadim verstummt und sieht wieder in die Flammen. Raluca gibt ihm Zeit seine Gedanken zu ordnen. Nach einer ganzen Weile sieht er sie wieder an.


„Ich hatte noch nie Angst. Jetzt habe ich Angst. Angst um Shirin, Angst um Rilana und um die Satra. Sollte die Vorhersage zutreffen, wird es eine Menge Leute geben, die versuchen, das zu verhindern. Was machen wir jetzt, Raluca?“


Die alte Frau lehnt sich in die Kissen zurück. Sie hat Vadim also richtig eingeschätzt. Der Sero hat die Bedeutung dessen, was heute geschehen ist, richtig erfasst.


„Vadim, du wirst deinen Sohn noch bekommen“, sie schmunzelt, als sie das Leuchten in seinen Augen sieht. Bedächtig fährt sie fort.


„Aber du hast recht. Wir werden ab jetzt immer in Gefahr sein, solange, bis sich die Prophezeiung erfüllt. Sie kann sich nur erfüllen, wenn Shirin in Frieden aufwächst.


Ich fürchte viele Roma haben ihre Ankunft gespürt, aber noch weiß niemand, wo sie ist. Du musst morgen alle zusammenrufen und ihnen erklären, worum es geht.


Wenn die anderen Wagen eintreffen, ziehen wir weiter. Es gibt unweit von hier einen Ort, an dem wir bleiben können. Von dort aus sind die anderen Satras problemlos zu erreichen und Platz für die Pferde gibt es auch.


Wir werden Rilana als Grund vorschieben. Sie braucht nach der schweren Geburt Ruhe. Alle wissen, dass du sie abgöttisch liebst und deshalb wird das erst einmal als Begründung ausreichen.


Deine Tochter muss immer so bekleidet sein, dass man das Zeichen nicht sieht. Mit ein wenig Glück gelingt es mir im Laufe der Zeit, es soweit aufzuhellen, dass es zumindest nicht sofort auffällt. Noch etwas Vadim: Du solltest den Göttern danken für das Vertrauen, das sie in dich setzen. Ich weiß, es ist eine große Verantwortung, aber vergiss nie, was daraus entstehen kann…“


 „Ich weiß, aber es wird nicht einfach. Was meinst du, wie viele es gespürt haben?“


Raluca runzelt nachdenklich die Stirn.


„Alle, die mit den alten Göttern verbunden sind. Du weißt so gut wie ich, dass die Wenigsten aus Überzeugung Christen geworden sind. Viele nur deshalb, weil sie so ruhiger leben können und einige, weil sie sich Vorteile und Macht davon versprechen. Genau die sind gefährlich. Das sind diejenigen, die die Prophezeiung verhindern wollen.“


Plötzlich lächelt Raluca.


„Wir haben einen entscheidenden Vorteil: Du hast dich so häufig gegen die Traditionen -und somit gegen die Götter- gestellt, dass niemand so schnell auf die Idee kommen dürfte, du könntest der Vater der Eule sein. Das ist unsere Chance.


Zieh Shirin so auf, wie niemand eine Tochter aufziehen würde. Steck sie in Hosen, lass sie jagen und kämpfen. Alle werden sich aufregen, aber jeder wird nur sehen, dass du ein Aufrührer bist und nicht weiter forschen.“


Vadim erhebt sich.


„Ach Bunica, was würde ich ohne dich machen?“


„Das Gleiche wie jetzt, mein Junge. Dafür hat dein Vater dich erzogen und ich habe ihn erzogen. Jetzt werden wir gemeinsam meine Urenkelin erziehen. Geh schlafen, Vadim. Du wirst in nächster Zeit all deine Kraft brauchen.“


                                                  ***


Am nächsten Tag beruft Vadim eine Versammlung ein. Fast dreißig Männer und Frauen haben sich um das große Feuer versammelt.


Die Kleidung der Leute wird von Grün- und Brauntönen bestimmt. Hin und wieder entdeckt man auch ein graues Kleidungsstück.


Sie passen sich dem Land und ihrer Umgebung an. Lediglich zu Feiern wird bunte Kleidung bevorzugt.


Prüfend blickt der Sero in die Runde. Als er sich erhebt, verstummt das Gemurmel schlagartig. Er hört noch, wie gesagt wird: „Das Mal der Eule“, dann ist es still. Alle Augen hängen wie gebannt an ihm. Leise aber deutlich beginnt er, zu sprechen.


„Danke, dass ihr alle erschienen seid. Ich nehme an, jeder von euch weiß inzwischen, dass ich Vater einer ganz besonderen Tochter geworden bin. Ja … Shirin trägt das Mal der Eule. Damit sind wir ab jetzt in ständiger Gefahr, denn es gibt Menschen, die versuchen werden zu verhindern, dass die Prophezeiung sich erfüllt. Sie werden in erster Linie versuchen, Shirin zu töten, aber ich glaube nicht, dass sie Mitwisser am Leben lassen.“


Bevor er weitersprechen kann, steht Raluca neben ihm. Die Puri Daj trägt ihre Festtagskleidung. Sie hebt ihre Arme, und als es still wird, fängt sie mit erstaunlich voller Stimme an, das Lied der Prophezeiung vorzutragen:


 


Ihr Roma und Sinti, gebt alle Acht


Noch halten die Götter über uns Wacht


Sie schützen die Ernte, die Menschen, das Vieh


Doch folgt eine Zeit, da vergessen wir sie


Wir werden gespalten, gejagt und vertrieben


Egal wo wir hingehn, nirgends herrscht Frieden.


Nur Neid und Hass brennen wie Glut


Letztendlich fließt zwischen Brüdern das Blut.


Das Volk wird verstreut, in alle Winde


Dann liegt unsre Hoffnung allein in dem Kinde


Wir werden die Zeichen deutlich sehn


Und hoffentlich die Bedeutung verstehn


Der Wolf wird kämpfen, mit all seiner Kraft


Doch trägt die Eule die wahre Macht


Denn sollte der Wolf die Eule küssen.


Fremde Götter weichen müssen


Nehmt an die Beiden … und steht ihnen bei


Dann endlich sind Roma und Sinti frei!


 


Raluca lässt die Worte wirken, bevor sie weiterspricht.


„So lautet die Prophezeiung. Geschrieben vor fast 400 Jahren. Was nun geschieht, liegt an uns. Wollen wir weiterhin so leben, wie wir es jetzt tun? In der Welt zerstreut, nirgendwo zuhause, bestenfalls geduldet? Oder wollen wir versuchen, das Volk der Roma und Sinti wieder zu vereinen?


Wollen wir eine Zukunft ermöglichen, in der unsere Kinder so frei aufwachsen, wie sie geboren werden? Eine Zukunft ohne Verfolgung, in der wir endlich wieder das zeigen dürfen, was wir sind. Nämlich, das stolze Volk der Roma und Sinti! Ich sage nicht, dass es einfach sein wird. Im Gegenteil, wir alle leben ab jetzt in großer Gefahr, bis die Eule den Wolf trifft. Es liegt in unserer Macht, diese Prophezeiung Wirklichkeit werden zu lassen.“


Sie tritt aus dem Feuerschein heraus und flüstert Vadim leise zu: „Ich habe getan, was ich tun konnte. Jetzt ist es an dir, Vadim!“


 Dankbar lächelt er ihr zu, bevor er sich wieder an die Satra wendet.


„Ihr wisst jetzt alle, worum es geht. Jeder von euch muss für sich entscheiden, ob er das Risiko eingeht und hier bei uns bleibt oder ob er uns verlassen will. Nur um eines bitte ich diejenigen, die gehen möchten: Erzählt niemandem, dass das Kind mit dem Zeichen der Eule hier bei uns lebt. Das ist alles, was ich verlange!“


Damit dreht er sich um und setzt sich abseits des Feuers im Schneidersitz auf den Boden. Er beobachtet seine Leute, ohne sie wirklich zu sehen. Es gibt zu viele Dinge, über die er sich Gedanken machen muss. Dankbar nimmt er den Becher Stutenmilch entgegen, der ihm von einer der Frauen gereicht wird.


„Sero, Rilana bittet dich, nachher zu ihr zu kommen.“


„Niksa, sag ihr bitte, ich komme heute Abend mit Raluca.“


Die Frau eilt mit wehendem Rock in Richtung Wagen. Vadim schaut ihr nach und lächelt unwillkürlich bei dem Gedanken an seine Frau.


 Er vermisst die Gespräche mit ihr, Rilana hilft ihm immer dabei, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Leider darf er in den nächsten acht Wochen nicht mit ihr alleine sein. Nur in Gesellschaft und nur auf Distanz dürfen sie sich sehen. Dabei würde Vadim es gerade jetzt schön finden, wenn sie abends im Bett aneinander gekuschelt die Probleme besprechen könnten.


Schon häufig hat sie ihn mit ihrer weiblichen Sicht der Dinge verblüfft. Im Laufe der Jahre haben sich ihre Vorschläge fast immer als richtig erwiesen. Sie ist sein wichtigster Ratgeber geworden, auch wenn das kaum jemand wissen durfte. Gerade jetzt fehlen ihm ihre Nähe, ihre ruhige, überlegte Art schmerzlich.


Als ein Schatten auf ihn fällt, blickt Vadim auf. Vor ihm stehen die Männer der Satra. Er fordert sie mit einer Geste zum Hinsetzen auf.


Als alle sitzen, ergreift Mihai das Wort.


„Sero, wir haben uns beraten. Niemand wird gehen. Du führst uns seit vielen Jahren und es geht uns gut. Jeder hier wird Shirin schützen. Deine Tochter ist die einzige Hoffnung für unser Volk.


Wir sehen das nicht als Pflicht, nein, es ist uns sogar eine Ehre.


Außerdem werden wir einen Eid schwören, wenn die anderen Wagen eintreffen. Auf die alten Götter und auf Shirin!“


Dankbar schaut Vadim in die Runde: seine Satra! Obwohl sie seine Entscheidungen in der Vergangenheit nicht immer nachvollziehen konnten, haben sie doch  hinter ihm gestanden. In ihm machen sich Stolz und Hoffnung breit. Gemeinsam können sie es schaffen!


Die Männer sitzen noch lange zusammen und langsam wendet sich das Gespräch dem Alltäglichen zu. Als Vadim schließlich aufsteht, um zu Raluca zu gehen, erfüllt ihn ein Gefühl von Wärme und Zufriedenheit.


Raluca bittet ihn in den Wagen.


„Wie ist es gelaufen, mein Junge?“


„Sie wollen einen Eid auf die alten Götter und Shirin schwören. Alle!“


Die Erleichterung ist ihm deutlich anzuhören. Auch Raluca wirkt befreit.


„Dann werden wir an unserem neuen Wohnort einiges zu tun haben.“


Vadim lässt sich in die Kissen fallen.


„Sag Bunica, wo ziehen wir denn hin? Wem gehört das Land?“


Ralucas Miene wird schlagartig ernst.


„Was ich dir jetzt erzähle, darfst du niemals verraten! Zwei Tagesreisen von hier liegt ein Tal. Dieses Tal gehört uns. Es ist über Mittelsmänner gekauft worden. Wir haben mehrere solcher Orte als Zuflucht hier in den Apuseni.


Sie gehören uns seit den Zeiten, in denen Subotai hier noch herrschte. Zu Zeiten der Goldenen Horde hatten wir noch das Recht Land zu besitzen. Nicht alles konnte man uns wieder wegnehmen.


Einige Orte konnten wir retten, indem wir sie Freunden überließen. Die Ältesten verschiedener Satras, die den Göttern nahestehen, haben direkt nach der Geburt des Wolfes dafür gesorgt, dass diese Orte sicher sind. Wir haben jetzt die Verantwortung für die Eule und müssen sie vielleicht irgendwann in Sicherheit bringen.  Dann solltest du wissen, wohin du kannst.“


Sie schmunzelt, als sie sein verblüfftes Gesicht sieht.


„Junge, es gibt einiges, was du nicht weißt. Diese Geheimnisse sind für unser Volk überlebenswichtig, sie werden gut gehütet. Möchtest du jetzt zu deiner Frau und deiner Tochter?“


Vadim erhebt sich und strahlt sie an.


„Ich hoffe, dass die acht Wochen schnell vorbei gehen. Ich vermisse Rilana!“


Gemeinsam gehen sie zu dem Wagen. Wortlos verlassen die anderen Frauen den Wagen. Raluca nimmt das Kind und setzt sich in die Kissen.


„Geh zu ihr und lass den Vorhang runter“, sagt sie, „du weißt doch, dass man in meinem Alter schlecht sieht und noch schlechter hört. Ihr habt Zeit, bis eure Tochter Hunger hat!“


Spontan umarmt Vadim seine Großmutter, bevor er zu seiner Frau eilt. Er lässt die Vorhänge herunter und beugt sich dann über sie, um sie zu küssen.


„Liebling, wie geht es dir?“


Besorgt stellt er fest, dass sie immer noch sehr schwach aussieht.


„Vadim, mir geht es gut. Ich bin nur müde. Ich konnte heute Nacht kaum schlafen, weil ich überlegen musste, was das alles jetzt für uns bedeutet.“


Vadim setzt sich aufs Bett und streicht ihr über das Haar.


„Mach dir keine Sorgen, Rilana. Alle wollen uns helfen, die ganze Satra!“ Leise erzählt er ihr, was die Männer beschlossen haben. Erleichtert hört er sie lachen. Er liebt ihr Lachen, es ist so voll Leben.


 



 


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