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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Schlüsselherz, Liv Abigail
Liv Abigail

Schlüsselherz



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Kapitel I


London hüllte sich in Grau und versteckte sich im schräg fallenden Regen wie hinter Schraffierungen von Bleistiftstrichen. Es schien, als wolle die Stadt nicht gesehen werden. Valender Beazeley ging es an diesem Abend ganz ähnlich. Er durfte nicht gesehen werden. Mit hochgeklapptem Kragen trat er aus dem kleinen Laden, mitten hinein in die unbehagliche Aprilnacht, und blickte sich verstohlen um. Kein Mensch war auf den Straßen; hinter einem blinden Fenster saß nur eine veraltete mechanische Katze und starrte trübselig ins kalte Nass, das ihre Zahnräder rosten lassen würde, ehe die erste Maus den stumpf gewordenen Krallen zum Opfer fiele. Armes Ding. In seinem Rücken klackerte das Schloss. Ein Sichtschutz wurde an der Innenseite der Milchglastür herabgezogen und das Licht, das eben noch in einem blassen Rechteck auf die nasse Straße gefallen war, verlosch. Valender hatte bezahlt. Nun war er hier nicht länger erwünscht, die alte Miss Mary würde ihm selbst dann nicht mehr die Tür öffnen, wenn er vor Räubern oder Dämonen flüchten müsste. Lautlos seufzend machte er sich auf den Heimweg. Die halb verfallenen Backsteinbauten der Toynbee Street erinnerten ihn jedes Mal an Miss Marys unvollständige Zahnreihen, wohl auch, weil die Straße ganz ähnlich roch wie der Atem der Alten. Er passierte die Hamal-Fleischerei, einen verdreckten Gebrauchtwarenladen und mehrere seit Jahren verrammelte Ladenlokale. Nur aus wenigen Schornsteinen dieser Nebenstraße stieg noch Kohlenrauch auf und färbte die rotbraunen Fassaden schwarz. Valender atmete auf, als er die breitere, von Gaslampen bleich erhellte Commercial Street erreichte. Die empfindlichen Waren, die er Miss Mary abgekauft hatte, steckten in einem Leinensack unter seinem Walkmantel, wo sie hoffentlich nicht nass werden würden. Doch als er nach wenigen Schritten spürte, wie der Regen sich an den Schultern durch den zu lang nicht mehr gefetteten Stoff fraß, begann er daran zu zweifeln. Er lief schneller und ärgerte sich maßlos, quer durch die Stadt fahren zu müssen, um sich seine – zugegeben ein wenig speziellen – Wünsche zu erfüllen. Doch andere Geschäfte aufzusuchen, war zu riskant. Die Händler könnten ihn verraten. Vermutlich nicht mit Absicht, wobei eine unbedachte Erwähnung ihn schon einmal näher an den Rand der Katastrophe geführt hatte, als er je gelangen wollte. Zur alten Miss Mary zu gehen, die ihren Laden seit Jahren nur noch auf Anfrage ihrer Stammkunden öffnete, erschien Valender sicherer, und obgleich er sich ansonsten als abenteuerlustig – gar verwegen – bezeichnete, so machte er in diesem speziellen Fall eine konsequente Ausnahme. Phillip Beazeleys düstere Drohungen verfehlten ihre Wirkung nie. Der Regen wurde stärker. Ein Wasserrinnsal lief ihm aus dem Haar in den Nacken und von dort aus die Wirbelsäule hinab. Er presste die Leinentasche fester an seine Brust und rannte, bis der Windschatten der Christ Church ihn notdürftig vor den Wassermassen schützte. Taubengurren erklang unter dem Portalgiebel und wurde von den Wänden gespenstisch zurückgeworfen. Jeder Windstoß ließ die noch kahlen Kronen der nahen Rotbuchen zittern, die Äste klapperten im Wind wie tanzendes Gebein. Valender fummelte umständlich seinen portablen Chronografen aus der kleinen Tasche im Brustfutter seines Mantels, ohne dabei einem Tropfen Gelegenheit zu bieten, unter den Stoff zu kriechen. Fünf nach halb elf, die nächste Dampfbahn würde erst in einer Viertelstunde fahren. Er konnte sich eine Kutsche rufen, aber Kutschleute waren geschwätzig, also wog er das Für und Wider eines Fußmarsches ab. Es war nicht weit bis in die City, doch würde sein Mantel resignieren, und der Regen seine Neuanschaffungen durchweichen. Als er noch überlegte, sah er auf der anderen Straßenseite eine zierliche Gestalt aus dem Pub Ten Bells treten. Die Silhouette ließ eine Frau vermuten, aber welches weibliche Wesen ging schon freiwillig in eine solche Spelunke? Das Viertel war kein guter Ort für Frauen. Seit hier 1888 der berüchtigte Ripper-Jack sein Unwesen getrieben hatte, gab es immer wieder Nachahmer, und in Ermangelung menschlicher Prostituierter nahmen diese es in Bezug auf den Beruf ihrer Opfer selten genau. Manche Trunkenbolde behaupteten sogar, dem verblichenen Rest des legendären Mörders höchstpersönlich begegnet zu sein, der in diesem Viertel immer noch seinem blutigen Laster frönte, und die Vorlautesten von ihnen versicherten, der Geist hätte sich längst zum menschenfressenden Dämon manifestiert. Vor allem, so hieß es, tauchte er in regnerischen Nebelnächten auf, was Valender amüsierte, wusste doch jeder, dass englischer Regen jeden Nebel in kürzester Zeit fortwusch. Doch den Geist, den wollten viele wirklich gesehen haben, es hatte Schwüre im Griff des Lügendetektors gegeben. Vermutlich auf das Leben der einen oder anderen Schwiegermutter. Valender schmunzelte in sich hinein. Selbstredend war auch er in seiner Jugend hier auf Geisterjagd gewesen, aber ein prominenter Verblichener oder gar ein Dämon war ihm nie über den Weg gelaufen. Der Abenteurer in ihm bedauerte das zutiefst. Neugierig beobachtete er die Frau. In eleganten Schritten tippelte sie auf spitzen, nassglänzenden Lackstiefeletten die Straße entlang, wobei sie kein Zeichen von Nervosität offenbarte und sich auch vom Regen nicht gestört zeigte. Sie hielt den Kopf gerade und zog weder den Hut in die Stirn noch den Kopf zwischen die Schultern. Zwar schenkte sie ihm keine Beachtung und ließ ihn nur einen kurzen Blick auf einen dichten Kranz gesenkter Wimpern, braunes Haar und elegante Kleidung erhaschen, aber sie machte auch keinen Bogen um Valender. Und das, obschon er wie ein Tunichtgut vor dem Kirchportal herumlungerte und, wie er vermutete, ein wenig dreckig lächelte. Sie trug nämlich auch keinen Schirm und die Nässe schmiegte ihr Cape äußerst ansehnlich um ihre Brüste. Was suchte die Kleine hier? Diese junge Frau war außerordentlich couragiert oder bemerkenswert dumm, und Valender war Frauenkenner genug, um die Vorzüge von beidem zu schätzen zu wissen. Er beschloss, ein paar Wasserflecken in seinen Neuerrungenschaften hinzunehmen und die Frau anzusprechen. Zu verführerisch schwang ihre Hüfte, sodass die Röcke bei jedem ihrer Schritte raschelten. Ihr Schatten tanzte regelrecht neben ihr her. Gerade wollte er ihr ein unaufdringliches ‚Warten Sie einen Moment, Miss‘ nachrufen, da blieb sie plötzlich wie zu Eis gefroren stehen. Reglos betrachtete sie eine Litfaßsäule, und nur ihr Schatten zitterte ein wenig im Schein der flackernden Straßenlaterne. Valender grübelte eine Sekunde, ob dort etwas Besonderes angeschlagen stand, was junge Frauen starr wie königliche Bobbys machen konnte. Stand eine neue Vereinigung oder Trennung von Take That bevor, war Prinz Harry auf Brautschau oder gab es irgendwo einen Ausverkauf von Schuhen? Doch dann sah auch er den großen, dunkel gekleideten Mann, der träge hinter der Säule hervorschritt, das Gesicht von einer Hutkrempe beschattet. Valenders Nackenhärchen richteten sich auf. Da stimmte etwas nicht. Nichts überstürzen, mahnte er sich, machte aber ein paar Schritte nach vorn, um besser sehen zu können. Der Fremde trug wie er einen langen Mantel und einen dunklen Hut; außerdem ein klobiges Kreuz, das an einer soliden Kette auf seiner Brust ruhte. Er redete mit der Frau, aber auf die Entfernung war nicht zu verstehen, was er sagte. Vielleicht kannten die beiden sich? Der Gedanke huschte Valender davon, ehe er ganz ausgedacht war, denn die Frau schrak mit einem Ruck aus ihrer Reglosigkeit und begann zu rennen, ohne einen Laut von sich zu geben. Bloß ihre Schuhe klapperten ein Stakkato auf dem Kopfsteinpflaster der Straße, in die sie einbog. Die Lady konnte nicht von hier sein, sonst hätte sie gewusst, dass sie auf diesem Weg in ihr Unglück rannte. Die Fashion Street war nichts als eine schmale, dunkle Gasse zwischen alten Geschäftsräumen, in denen nur noch Ratten ein- und ausgingen. Bis auf zerschlagene Fensterscheiben hinter Eisengittern, zugemauerte Eingänge und einen türkischen Supermarkt, der zu dieser Zeit alle Rollläden geschlossen hatte, gab es dort nichts, vor allem niemanden, der ihr helfen konnte. Wenn sie die dahinter liegende Straße und deren Imbissbuden und Bars nicht erreichte, ehe der Mann sie einholte, war sie ihm ausgeliefert. Der Fremde schien das zu ahnen. Eilig setzte er ihr nach, sein Mantel flatterte und schlug peitschenähnliche Laute. Valender überlegte keinen Augenblick und nahm die Verfolgung auf. „He“, rief er, so laut er konnte. „He, bleiben Sie stehen!“ Der Fremde warf einen Blick über die Schulter und fluchte. Er musste Valender im Schatten der Kirche übersehen haben, wie Valender auch ihn zunächst nicht bemerkt hatte. „Lassen Sie die Frau in Ruhe“, brüllte Valender. „Polizei! Polizei!“ Irgendwo wurde unter lautem Knall ein Fensterladen zugezogen. In dieser üblen Gegend würde sich niemand einmischen, und er konnte keine Hilfe rufen, denn sein radiomobiles Telefon lag zu Hause auf dem Schreibtisch. Seine verfluchte Nachlässigkeit! Der Mann lief weiter, bog in die Gasse ein und entschwand Valenders Blicken. Schwer zu beurteilen, ob er weiterhin die Lady verfolgte oder selbst floh. Valender rannte schneller. Er war ein guter Sprinter, die Grundausbildung bei der Royal Army hatte seinen Körper gestählt. Trotzdem kam er zu spät. Als er in die Fashion Street einbog, leuchteten an deren Ende die Buntglaslampen der Brick Lane. Ihm brach trotz der kalt-nassen Luft der Schweiß aus. Die Gasse lag völlig leer vor ihm. Bloß ein paar Müll- und Kohlensäcke stapelten sich vor den verrammelten Toren der letzten noch genutzten Räume. Aber wie zum Henker hatten die beiden so schnell verschwinden können? Die Straße hatte nicht die kleinste Abzweigung. Seine Schritte hallten von den Hauswänden wider, als er weiterlief. Die Frau musste, von dem Mann verfolgt, durch irgendeine Tür in eines der Häuser gelangt sein. Sie brauchte seine Hilfe. „Hallo?“, rief er und bekam sein Echo hundertfach als Antwort von den Mauern zurück. Davon abgesehen erwiderte niemand seinen Ruf, doch irgendwo zu seiner Linken knirschte im Inneren der Bauten Glas, als träte jemand in Scherben. Beinahe hätte er die schief in den Angeln hängende Tür übersehen. Jemand hatte sich mit Farbe am Holz und den umgebenden Steinen ausgelassen. Den Letzten holen die Hunde. „Schön für die Hunde!“, knurrte Valender. Die Frau und ihr Verfolger könnten gemeinsame Sache machen, kam es ihm in den Sinn. Womöglich waren sie ein Trickräuberpärchen und lockten ihn in die Falle. Er stieß die Tür trotzdem auf. Er las zu viele Kriminalromane. Seine überbrodelnde Fantasie durfte kein Zögern verschulden, das die Frau ihr Leben kosten könnte. Im Haus musste er blinzeln, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Zwischen feuchtem Steinfußboden, einer hohen von Spinnweben verhangenen Decke und farbbeschmierten Wänden standen alte Regale und verrieten, dass dies einst ein Ladenlokal gewesen sein musste. Es roch nach faulendem Holz. Valender war nicht pingelig, aber der schleimige Boden, der seine Schuhsohlen bei jedem Schritt schmatzen ließ, erfüllte ihn mit Ekel. Der Dreck verrottete schon zu traniger Flüssigkeit. Widerlich. Hastig durchmaß er den Raum und gelangte in ein schmales Treppenhaus. Die Tür, die zum Keller führte, war nur angelehnt. Gerade wollte er sie öffnen, als er oben eine Stufe knarren hörte. Hastig polterte er hoch ins Obergeschoss. Und dann geschah es. Wie aus dem Nichts erschien über dem Geländer ein breiter schwarzer Balken, schoss auf ihn zu, erwischte ihm mit einem ekligen Klatschen und Knirschen im Gesicht, schlug ihm die Zähne zusammen und den Kopf in den Nacken. Sein Hut wurde davon geschleudert. Valender drohte, rückwärts die Treppe hinunterzustürzen. Im letzten Moment gelang es ihm, sich am morschen Geländer festzuhalten. Dabei rutschte ihm die Tasche aus dem Arm, krachte zu Boden und polterte die Stufen hinab. Er schmeckte Holz und Blut und spürte Splitter in den Lippen. Vor seinen Augen tanzten Sterne in Weiß und Schwarz. Irgendwo dahinter sah er die Frau; ihr kühles, beinahe unbeteiligtes Gesicht. Hatte sie ihm tatsächlich kaltblütig eine Holzlatte ins Gesicht geschlagen? Als Dank, dass er ihr helfen wo… Sie ließ ihm keine Zeit, den Gedanken zu beenden oder gar ein Wort zu sprechen. Im nächsten Augenblick schoss ihm ein unglaublicher Schmerz durch Mark und Bein. Er fiel auf die Knie und krümmte sich zusammen. Ein Gleißen fraß sich durch seine zugepressten Lider. In seinen Ohren kreischte es, als stürzten Engel vom Himmel auf geradem Weg in die Hölle. Er presste gutturale Laute hervor, die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Zeitverzögert begriff er, was das teuflische Weib getan hatte. Sie hatte ihm mit ihren spitzen Lackschuhen genau in die Weichteile getreten. Als seine Augen wieder eine vage Ahnung bekamen, was vor sich ging, sah er nichts weiter als eine knappe Bewegung. Sie schlug ihm etwas auf den Kopf. Es tat kaum mehr weh. Seine Sinne schwanden endgültig und hüllten sich in die Gnade einer Ohnmacht. Das letzte, was Valender wahrnahm, war ein kurzer, spitzer und eindeutig zutiefst empörter Frauenschrei. * Liebste Melissa, heute schreibe ich Dir einen Brief, wie ich noch keinen für Dich verfasst habe. Ich schreibe Dir aus dem London Bridge Hospital, wo ich gezwungen war, die zweite Hälfte einer scheußlichen Nacht zu verbringen. Leider habe ich keines der Zimmer mit Blick auf die Themse erhalten, die man Dir bei deinen Aufenthalten regelmäßig zuteilt, damit du die beleuchteten Schiffe betrachten kannst. Bedaure mich, Melissa, die Langeweile quält mich auf unerträgliche Weise, aber die Ärzte wünschen, mich eine weitere Nacht zur Beobachtung hierzubehalten. Ich frage mich, ob dies auch die Vorgehensweise bei Patienten mit einer Gehirnerschütterung sowie einem Nasenbruch darstellt, wenn diese mittellos sind … Lassen wir das. Es wird Dich erheitern zu erfahren, dass ich niedergeschlagen wurde, was im Allgemeinen keinen Grund zur Belustigung darstellt, wäre die Täterin nicht eine Frau gewesen, die ich ursprünglich zu retten geplant hatte. Ganz offensichtlich bedurfte sie meiner Hilfe nicht. Ein türkischer Geschäftsmann fand mich nach dem schändlichen Angriff und setzte mich in ein Taxi, welches mich (nachdem ein Unfall zwischen Mageninhalt und Sitzbankpolsterungen gerade noch verhindert werden konnte) zum Krankenhaus brachte. Der Geschäftsmann berichtete von einem weiteren Opfer dieser so wehrhaften Lady. Bei diesem Mann, den es weniger hart erwischte als mich, musste es sich um den Verfolger der Dame handeln. Es ist zu bedauerlich, dass er sich davonschleppen konnte, denn nun wird seine Identität wohl ein Geheimnis bleiben. Ich werde, sobald mein Kopf mich nicht mehr mit Katzenmusik quält, ein paar Abende im Ten Bells und der Umgebung dieser Spelunke verbringen. O nein, sorg Dich nicht um mich, Melissa. Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass meine Neugier mich doch nicht in Frieden ließe. Ich werde vorsichtig sein, wenn ich mich nach dem Fremden mit dem Christenkreuz erkundige und nach der Dame mit den Stiefeln, für die sie einen Waffenschein bräuchte. Immerhin gibt es einen triftigen Grund. Stell Dir vor, Melissa: Sie hat meine Tasche mitgenommen! Es waren drei Bücher darin und Du wirst schon ahnen, dass es sich nicht um jene Romane handelt, die Vater als solche bezeichnet. Dass sie sie gestohlen hat, lässt mich zutiefst irritiert zurück, schließlich verfügen solche Werke über keinerlei materiellen Wert, und meine durch die Tageseinnahmen prall gefüllte Brieftasche rührte sie nicht an. Nein, die Frage, warum eine Frau mich niederschlägt, um Taschenbücher zu stehlen, die sie für ein, zwei oder drei Pfund pro Exemplar an jedem Bahnhof bekommen kann, muss und werde ich beantwortet wissen! Mit einem Eisbeutel im Schritt, der freudigen Aussicht auf ein paar kurzweilige Abende sowie dem stillen Wunsch, Du mögest irgendwann von meinen Abenteuern lesen können, und außerdem vollkommen ohne Blick auf die Themse verbleibe ich. In Liebe, Dein Bruder Valender 16. April 2012 Kapitel II Das Glöckchen schreckte Valender aus seinen Gedanken auf. Von seinem Ohrensessel hinter dem massiven, von ins Holz geschnitzten Intarsien gezierten Verkaufstresen, warf er einen knappen Blick zum Eingangsbereich der Buchhandlung, die seinem Vater gehörte, und vor ihm dessen Vater und davor und so weiter, und so weiter. Eine von einer blonden Hochsteckfrisur gekrönte Dame, nur wenig älter als Valender, trat zwischen die prall gefüllten Ebenholzregale und sah sich fragend um. Sie war elegant, aber farblich schauerlich Ton in Ton von Fuchsia bis Pink gekleidet. Nicht der Mode entsprechend, sondern eher, als spekuliere sie auf die Mode im nächsten Jahr, um dann mit ihren spitzen Lippen zu bemerken, dass sie es ja schon lange zuvor gewusst hätte. Gott sei Dank trug sie zumindest keinen dieser topaktuellen sprechenden Hüte, die sich für schrecklich wichtig hielten und den ganzen Tag nur Unsinn sabbelten. Ehe sie ihn entdeckte, senkte er rasch den Blick zurück auf das Buch, das in seinem Schoß ruhte. Wer selbst ein Bücherfreund war, verstand es schon, dass man eine Szene nicht im spannendsten Moment unterbrechen konnte, nicht einmal dann, wenn die Queen persönlich im Laden stünde. Zu behaupten, Das Schloss der Macbeths sei besonders spannend, wäre zwar gelogen … doch der Schinken bestand wie die besten Pageturner aus Leinen, Papier und gedruckten Buchstaben. Mit etwas Vorstellungskraft könnte statt des langwierigen, tragischen Verfalls einer Adelsfamilie darin über schier unlösbare Kriminalfälle, heldenhafte Ermittler und sadistische Bösewichte geschrieben stehen. Könnte … Ein akzentuiertes „Guten Abend, werter Herr“ störte seine Gedanken. Dicht vor der Theke hatte sich die Kundin aufgebaut und betrachtete ihn über den Rand einer rosafarbenen Schmuckbrille mit kunstvoll verziertem Gestell und Gläsern ohne Stärke. „Muss ich …“, er räusperte sich, „darf ich Ihnen helfen?“ Ein Strahlen breitete sich im Gesicht der Frau aus. „Ja!“ Fast rief sie das Wort und es betrübte Valender, diese freundliche, hübsche Dame gleich so tief frustrieren zu müssen. Sie gefiel ihm, und diese Art von Kundinnen enttäuschte er ungern und doch immer wieder. „Ich bin auf der Suche nach einem Buch.“ Ja, das war anzunehmen, wenn sie sich die Mühe machte, eine Buchhandlung zu betreten. Er nickte zustimmend. Aufzustehen würde allerdings nicht nötig sein. „Es ist ein Roman aus Deutschland, eine Übersetzung des Bestsellers Rrrubiiin-Rrrott.“ Beinahe verrenkte sie sich die Zunge bei dem Versuch, den Titel deutsch zu betonen. Aha, von dieser Art war sie also. Vermutlich sagte sie auch Pariii statt Paris und Kölle statt Cologne, um jene Art von Weltgewandtheit zu demonstrieren, die sie gern hätte, aber nie erreichen würde. „Tut mir leid“, erwiderte er. „Die Art Literatur führen wir nicht.“ „Oh. Wie bedauerlich.“ Sie setzte eine Kunstpause, die er aus Höflichkeit nicht unterbrach. „Dann können Sie mir vielleicht eine Alternative empfehlen?“ Sie klimperte mit langen, blonden, an den Spitzen dunkel getuschten Wimpern. „Es soll für meine jüngere Schwester sein, etwas Unterhaltsames, was sie zum Lachen bringt und …“ „Tut mir leid, so etwas führen wir nicht“, wiederholte Valender und musste sich zwingen, sich nicht wieder hinter der Familiensaga in seinem Schoß zu verstecken. Doch die Frau sah ihn an, als wäre es damit nicht getan. „Ich fürchte, dass wir hier in Beazeley’s Books nichts führen, das jemand wie Sie der kleinen Schwester schenken würde.“ Die Dame atmete tief ein und ihre Brüste strafften den fuchsiafarbenen Stoff ihres Mieders. Empörung nahm von ihrer Miene Besitz. „Na, hören Sie mal! Wenn Sie glauben, nur stocksteife Studierte wären des Lesens mächtig … also, so ist es in keinem Fall! Natürlich lese ich, sehr viel sogar, und meine Schwester ist eine richtige Leseratte und …“ „Denn wir führen auch nichts“, unterbrach er sie unbeeindruckt, „was ich selbst meiner Schwester schenken würde. Es ist so: Bei Beazeley’s handelt es sich um eine konservative Buchhandlung. Haben Sie das Messingschild am Eingang nicht gesehen?“ Die Dame trat von einem Fuß auf den anderen und wie erwartet nahmen ihre Wangen eine feine Röte an, die sich ganz entzückend mit dem Farbton ihrer Oberbekleidung biss. Valender wusste Bescheid. Die angebliche Vielleserin hatte keine Ahnung, was eine konservative Buchhandlung war. Gönnerhaft beschloss er, es ihr zu erklären. „Künstler“, begann er, „sind häufig Menschen, die Magie im Blut haben. Oft, ohne es zu wissen. Da sie gegenüber reinblütigen Menschen durch die Magie im Vorteil sind, wurde die „Wahre Kunst Society“ ins Leben gerufen, um menschliche Literatur, Musik, Malerei und sonstiges Kunsthandwerk unter besonderen Schutz zu stellen. Eine Buchhandlung, die die Auszeichnung nebst der Plakette „Wahre Kunst“ erringen will, muss nachweisen, ausschließlich Werke reinblütiger Menschen im Programm aufzunehmen.“ Zu seinem allergrößten Bedauern, fügte er in Gedanken hinzu und schloss die Hände fester um seinen Roman, um den aufkeimenden Unmut über diesen Umstand zu verbergen. Die Pink Lady hob grazil eine in Fuchsia behandschuhte Hand vor den Mund. „Nein, wie aufregend“, hauchte sie und lehnte sich weit über die Theke, sodass Valender trotz seiner niedrigen Position zu einem tiefen Blick in ihr Dekolleté verleitet wurde. Nun war er es, der erpinkte. „Und, verraten Sie es mir! Diese deutsche Schriftstellerin, ist sie eine Magische?“ „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ Dieses Dekolleté! Es war einfach überall. Und schön war es – halleluja. Seit der Trennung von Catherine haute ihn ein solcher Anblick zu schnell von den Füßen. Wie gut, dass er schon saß. Doch wenn er sich dem Anblick weiterhin ergab, würde gleich dramatische Bewegung in die flache Familiensaga auf seinem Schoß kommen. Er starrte auf die polierte Tischplatte. „Es … es … gibt Künstler, die sich verweigern. Ich meine, die verweigern, sich den Tests zu unterziehen. Angst vor Entdeckung und den daraus resultierenden schwindenden Einnahmen, Sie verstehen?“ Dies war zumindest die Aussage seines Vaters und Valender sollte sich hüten, in dessen Laden etwas anderes zu behaupten. Er selbst glaubte eher den veröffentlichten Stellungnahmen der Schriftsteller, in denen es hieß, sie würden den Tests aus Solidarität und dem Wunsch nach Gleichstellung nicht zustimmen. Etwas in seiner Miene musste ihn verraten haben, denn der tief ausgeschnittene Busen neigte sich noch weiter in seine Richtung, und die dazu gehörige Dame flötete: „Aber Sie halten diese rebellischen Zeitgenossen für die besseren Schriftsteller?“ „Für die unterhaltsameren, zweifelsfrei.“ Valender presste den Rücken gegen die Sessellehne und wünschte, mit dem Polster verschmelzen zu können, um als Sitzfläche zu dienen für diesen überaus appetitlichen, runden Apfel … „Und doch verkaufen Sie sie nicht?“, rief Pink Lady und richtete sich leider und zugleich Gott sei Dank wieder kerzengerade auf. „Das ist nicht sehr kundenfreundlich. Sollte es nicht um die Bücher gehen, statt um die Blutzusammensetzung der Autoren? Was bedeutet denn schon ein bisschen Magie im Blut? Das hat doch heutzutage fast jeder.“ Sie ahnte vermutlich nicht, wie recht sie hatte. Doch Phillip Beazeley war Konservativist durch und durch, und Valender sah sich zu seinem größten Bedauern als den letzten Menschen Royal Britanniens an, der in der Lage war, mit seinem Vater über diesen Punkt seiner Philosophie zu disputieren. „Die Buchhandlung gehört meinem Vater“, sagte er schlicht. „Die Entscheidungen über die Werke, die wir ins Programm nehmen, obliegen ihm.“ Einen Moment beachtete sie ihn mit ebenjenem mitleidigen Blick, den er zu verachten gelernt hatte, so freundlich er auch gemeint sein mochte. Er hasste es so sehr, auf das Wohlwollen seines Vaters und auf dessen finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein. Er hätte sich nach Abschluss der Universität unabhängig machen und einen eigenen Beruf erlernen sollen, statt bei seinem Vater einen Kredit aufzunehmen, um einen der letzten Plätze für die Grundausbildung in der Royal Army zu ergattern. Seit man sich zunehmend auf mechanische Söldner verließ, kosteten die letzten Ausbildungsplätze für Menschen astronomische Preise. Er hatte das Geld gern bezahlt; die Aussicht auf Abenteuer und das Bereisen ferner Länder war es wert gewesen. Letztlich jedoch hatte sich die Ausbildung als einzige Ernüchterung entpuppt. Die täglich größten Aufregungen waren es gewesen, welcher Kamerad bei den Saufgelagen als Erstes mit dem Einverleiben von Getränken aufhörte und mit dem Ausverleiben begann, und wer sich nach dem Opiumgenuss am unterhaltsamsten danebenbenahm. Geblieben waren ein Haufen Schulden bei seinem Vater und massenhaft geschürte Sehnsüchte. Valender seufzte leise. Er musste sich daran erinnern, jetzt Buchhändler zu sein und kein Soldat. Das vergaß er hin und wieder. Die Pink Lady hob das kecke Näschen in die Luft und schnüffelte. „Sagen Sie, riechen Sie das auch?“ Sein Blick fiel ihm wie ein Taubenklecks in den Schoß. Guter Gott! Wo eben noch Das Schloss der Macbeths gelegen hatte, loderte ein kleines Feuer. Es brannte zwischen seinen Beinen! Nur dem festen Cordstoff seiner Hose war es zu verdanken, dass es nicht ein entscheidendes Teil war, das in Flammen stand. Hastig griff er nach der Teetasse. Er musste den Unfall nicht inszenieren, vor Schreck entglitt die Tasse seinen Händen ohne Zutun. Lauwarmer Earl Grey stellte sich als Retter seiner Männlichkeit heraus und löschte das Feuer. Vom Roman war nichts übrig außer einem Häufchen matschiger Asche, die sich in den Falten seiner durchnässten Hose verteilte. Grundgütiger! Das war ihm ja noch nie passiert! In seiner stürmischen Jugend war es hin und wieder vorgekommen, dass er den Aggregatzustand von Substanzen versehentlich verändert hatte. Doch nie war dabei etwas in Brand geraten! Konnte es an dem Schlag auf den Kopf liegen, dass er seinen Makel so wenig im Zaum hatte? Oder – großer Gott – wurde es etwa schlimmer? Hastig rückte er im Ohrensessel näher an den Tresen, sodass die Armlehnen gegen das Holz stießen und seine Beine unter der Tischplatte weitestgehend verborgen waren. „Ich weiß nicht, was Sie meinen. Hier riecht es wie immer. Nach Staub, Papier und etwas Leim. Der Duft des Wissens.“ Und der grenzenlosen Langeweile. Sie schnüffelte erneut. „Also wie auch immer das Wissen riecht. Ich könnte schwören, es stinkt verbrannt.“ Sie blickte sich skeptisch und mit gekräuseltem Näschen um. Böse Falle. „Ach“, lachte Valender nervös, „das meinen Sie. Natürlich. Das muss die alte, schottische Lady sein, die die Wohnung in der ersten Etage gemietet hat. Lässt schon mal die Haferkekse anbrennen, die Gute. Sie sollten froh sein, dass sie keinen Haggis im Ofen hat.“ „Ich weiß nicht, Sir. Es riecht eher wie verkokeltes Papier.“ „Sorgen Sie sich nicht. Wir haben Rauchmelder angebracht.“ Durchaus, und genau dieser Umstand ließ ihm kalten Schweiß im Nacken ausbrechen. Hoffentlich reagierten die Apparaturen nicht auf faulen, unfreiwilligen Zauber. Himmel, Arsch und Zwirn – wenn sein Vater davon erfuhr! Rasch zog er einen Kugelschreiber und sein Moleskin heran. Bitte, flehte er das Notizbuch stumm an, bitte, bleib, was du bist. Doch offenbar hatte sein magischer Makel nur kurzzeitig für Strapazen gesorgt und sich nun wieder still in seinen Körper zurückgezogen, wo er auf die nächste unachtsame Sekunde lauerte. „Ich notiere Ihnen eine Buchhandlung, in der Sie Ihre Unterhaltungsliteratur bekommen.“ Er kritzelte eine Adresse auf, riss das Blatt aus dem Moleskin und beugte sich – so weit er konnte, ohne den Asche-Tee-Fleck sichtbar zu machen – über die Theke. „Sie schicken mich zur Konkurrenz?“ Pink Lady wirkte ernsthaft verblüfft. Er wedelte hilflos mit dem Stück Papier. „Nehmen Sie schon. Der Kontakt zu unseren Mitbewerbern ist ganz außerordentlich.“ Außerordentlich zänkisch lautete die Wahrheit, aber wer war schon kleinlich, wenn er kurz davor stand, sich vor einer schönen Frau kolossal zu blamieren und seinen guten Ruf irreparabel zu ruinieren. Was wohl gesellschaftlich unakzeptabler war – eine nasse Hose oder spontane menschliche Selbstentflammung? „Wie reizend von Ihnen, Mr Beazeley.“ „Keine Ursache, Madame, keine Ursache. Nun sputen Sie sich, die Konkurrenz schließt gleich die Pforten.“ „So früh? Es ist doch erst …“ „Nicht jeder bietet den Kunden Öffnungszeiten wie Beazeleys Books“, unterbrach er sie. „Beehren Sie uns doch bald wieder. Vielleicht, wenn Sie einen auserlesenen literarischen Genuss für Ihren ehemaligen Hochschulprofessor suchen. Oder Zerstreuung für den Steuerberater. Oder“, ab hier murmelte er nur noch in sich hinein, „einen Wälzer, um deine künftige Schwiegermutter zu erschlagen. Nur hau endlich ab!“ Er räusperte sich, rief ihr ein „Auf baldiges Wiedersehen!“, hinterher und sank, kaum dass die Tür mit Glöckchengebimmel ins Schloss gefallen war, erschöpft in seinem Sessel zusammen. Bitte, Gott. Gib mir eine Stunde ohne Kunde. *** Cera warf einen Blick über die Schulter und sah auf die metallisch schimmernde Uhr am Turm des Westschiffes der St. Paul’s Cathedral. Ihr blieben noch gute zwei Stunden bis zum nächsten Auftritt. Die Nervosität, die in jeder ihrer Fasern kribbelte, war unbegründet. Und doch nicht abzuschütteln. Wie verdrießlich. Sie eilte über den in konzentrischen Spiralen gepflasterten Hof und ließ das mächtige Eingangsportal mit seinen korinthischen Säulen hinter sich. Diese blütenweiß gestrichene Kathedrale verunsicherte Cera. Wie konnten Fassaden so weiß bleiben, in einer Stadt voller Kohlenstaub? Wie konnte es sein, dass die Kathedrale sich nach der Bombardierung vor wenigen Jahren längst wieder stolz und prall in den Himmel wölbte, während im nördlichen Teil der Stadt noch Menschen ohne Dächer lebten, weil kein Geld für den Wiederaufbau ihrer Viertel da war? Menschliche Entscheidungen waren oft so sonderbar. Aber bei dieser Kirche konnte sie auch nicht ausschließen, dass sie sich aus eigener Kraft aus ihren Trümmern erhoben hatte. Der Bau weckte Ehrfurcht in ihr, und die schweren, bleigrauen Wolkenmassen, die dicht über der Kuppel hingen, als müssten sie sich darauf stützen, verstärkten das Unbehagen noch. Es war, als strahlten die Steine, aus denen St. Paul’s errichtet war, eine kühle Präsenz aus. Als atmete das Gotteshaus, und obwohl es kein übler Atem war, blies er ihr – einem gottlosen Geschöpf, wenn auch inzwischen geduldet in Heiligen Mauern –, bedrohlich ins Gesicht. Cera presste sich das Bündel, das sie bei sich trug, fest vor die Brust und ging weiter, ohne ihren Schritt zu beschleunigen oder sich ein weiteres Mal umzusehen. Die schmale Peter’s Hill presste sich zwischen zwei klobigen Backsteinbauten hindurch. Der rechte besaß weiß getünchte, vergitterte Fenster, den linken, in Urgestalt den Bomben zum Opfer gefallen, hatte man modern wiederaufgebaut, mit großen Fensterfronten. Panzerglas, vermutete sie, alles andere wäre eine Torheit in diesen unsicheren Zeiten. Obgleich sich in beiden Gebäuden gut besuchte Restaurants, lauschige Cafés und sogar eine Tanzschule befanden, aus der schwatzende Mädchen mit Zöpfen und Spitzenschuhen über den Schultern heraus gehopst kamen, fühlte Cera sich, als durchschritte sie eine finstere Schlucht. Sie atmete tief ein, erwischte sich bei dieser unnötigen Geste und schalt sich eine Närrin. So trat sie die Treppenstufen in eine sanfte Senke hinab, wich zwei spielerisch rangelnden Jugendlichen aus und entdeckte die Buchhandlung, die die alte Frau ihr genannt hatte. Sie musste sich korrigieren: Von der die alte Frau behauptet hatte, dass man sie gleich wieder hinauswerfen würde. Cera zwang sich ein unverbindliches Lächeln auf die Lippen. Das wollte sie doch mal sehen. „Beazeley’s Books“ stand in eleganten, unverschnörkelten Messingbuchstaben über der Tür des Geschäftes, das sich zwischen ein Café und ein angrenzendes Bürogebäude quetschte wie ein nervöses Kind in die Lücke zwischen seinen großen Brüdern. Cera öffnete die Tür, ohne zu zögern. Die Begrüßung war … speziell, aber das hatte sie erwartet. „Ach du Sch…ande. Sie?“ Der Buchhändler sprang auf, riss ein Notizbuch an sich und hielt es sich vor den Schritt. Er fluchte äußerst ungalant, klappte das Notizbuch auf, um eine größere Fläche zu bekommen, und hielt es sich erneut vor die Hose. Cera schloss die Tür hinter sich. Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Dem Buchhändler war offenbar ein Missgeschick passiert, darauf ließ der dunkle Fleck vor seinem Gemächt schließen. Aber war es nicht höchst sonderbar, dass jene Art von Missgeschicken erwachsenen Männern passierten? Ausnahmefälle waren Betrunkene, Kranke und sehr alte Menschen. Der Buchhändler war eindeutig nichts von alldem. Neugierig trat sie näher. Für einen Moment vergaß sie ihre gute Ausbildung und starrte direkt auf den Fleck. Dieses Malheur war zu interessant. Sie zog Luft ein und analysierte den Geruch in den olfaktorischen Filtern, die in ihrer Nase und ihrem Rachen lagen. Nein, kein Urin. Aber es konnte sich auch nicht ausschließlich um ein verschüttetes Getränk handeln, da war noch mehr. Ein Hauch von verbranntem Papier. Asche? Dahinter nahm sie den herben Geruch des Mannes wahr, er roch ein wenig verschwitzt, entweder war er nervös oder hatte das Deodorant vergessen. „Was wollen Sie hier?“, fragte er mit einem verärgerten Unterton in der Stimme. „Ich möchte mich entschuldigen.“ Was denn sonst? Menschen, die sie nicht kannte, waren jedes Mal eine enorme Herausforderung für Cera. Es gelang ihr einfach nicht, ihr Gebaren richtig einzuschätzen. Sie sah ihm wieder ins Gesicht. An seiner Unterlippe zeugte eine verharschte Platzwunde von ihrem letzten Zusammentreffen, und auch seine Nase wies noch ein paar blass-bläuliche Verfärbungen auf. Das war wahrhaft bedauerlich. Andererseits … Cera wusste, dass sie nicht schwächlich war, und wenn sie ganz ehrlich zu sich war, hatte sie mit schlimmeren Blessuren gerechnet. Und da Cera zu Aufrichtigkeit erzogen worden war, sagte sie schlicht: „Es tut mir wirklich leid. Obgleich ich mit schlimmeren Blessuren gerechnet hatte.“ Dem Buchhändler klappte der Unterkiefer herab. Ob der Schlag auf seinen Kopf Schaden angerichtet hatte? Erklärte eine Hirnblutung den Fleck in seinem Schritt? Das wäre schrecklich – sie hatte ihm keinesfalls ernsthaft Schaden zufügen wollen. „Sie sind hergekommen, um mich zu verspotten?“, rief er, als sie ihn gerade besorgt darauf ansprechen wollte. „Aber nein!“ Hatte sie ihn nun auch noch verärgert? Das lag im radikalen Gegensatz zu ihren Absichten. Die Dinge liefen nicht so, wie sie geplant hatte, ganz und gar nicht – wie unangenehm. „Ich möchte mich doch bloß entschuldigen. Ich wurde vorgestern Abend ein wenig bedrängt. Sie waren meinem Verfolger ganz ähnlich gekleidet. Ich habe Sie zu meinem größten Bedauern mit ihm verwechselt.“ Während sie sprach, trat er um die Theke herum und kam auf sie zu. Auf halbem Weg drehte er eine Gaslampe, die von der Decke hing, an einem Regler heller. Bleiches Licht weichte die Düsternis zwischen den schweren Holzregalen auf. Zum ersten Mal sah sie den Buchhändler im Hellen. Er war jung, vielleicht Mitte zwanzig, was man seiner rauen, vollklingenden Stimme nicht anhörte. Mit der breiten Stirn und der eckigen Kinnpartie sah er nicht aus wie ein Buchhändler. Eher wie ein Arbeiter, und zwar einer von denen, die von Frauen zu deren Vergnügen bei der Arbeit beobachtet wurden. Er kniff die Augen zusammen und musterte sie erst skeptisch, dann erstaunt und schließlich mit jenem Hauch von Unbehagen in den Augen, den sie zu ignorieren gelernt hatte. „Du bist … eine Puppe.“ Sie überspielte seine Bestürzung eilig. „Mein Name ist Cera, Sir. Ich bin Tänzerin im Keyman Theatre in Chelsea.“ „Und was zum Teufel willst du von mir?“ Sie lächelte. Es war das Einzige, was ihr zu tun blieb, wenn Menschen derart auf sie reagierten. „Wie ich bereits sagte, Sir …“ „Entschuldigen willst du dich. Ja, das sagtest du. Schickt dich dein … dein Meister, oder wie diese Leute sich nennen? Der Mann, der dich“, er ließ den Zeigefinger vor seinem Gesicht kreisen, „aufzieht?“ „Mr Richard J. Keyman nennt er sich. Aber die Antwort ist Nein, Sir. Ich habe Sie selbstständig niedergeschlagen, da sollte ich auch in der Lage sein, selbstständig für mein Missgeschick um Verzeihung zu bitten.“ „Soso.“ Der Buchhändler fuhr sich übers Gesicht. Er wirkte schwer gestresst, mit den Ringen unter den Augen und dem Bartschatten im Gesicht. Cera bezweifelte, dass sie an seiner Unruhe Schuld trug, er musste vorher schon nervös gewesen sein. Interessant war, dass er nicht zu jenen Menschen zählte, die durch Erschöpfungsanzeichen an Attraktivität verloren. Den meisten Frauen würde er wohl gefallen. „Ich muss mich selbstredend auch bedanken“, fuhr sie fort. „Es hatte den Anschein, dass Sie mir helfen wollten.“ Er senkte den Blick. „Es war dunkel. Ich wusste ja nicht, dass du … dass du …“ Erneut spannte sie die Wangen an, um ihre Mundwinkel anzuheben. Er hatte ihr geholfen, weil er nicht gewusst hatte, dass sie eine Puppe war. Nur darum. „Auch unsereins braucht dann und wann mutige Hilfe.“ Darauf erwiderte er nichts, was alles sagte. „Was ist mit Ihrer Hose passiert, Sir?“, fragte sie, weil es den Anschein hatte, dass Schweigen alles nur schlimmer machte. Er blickte sie einen Moment an, als wisse er nicht, wovon sie redete. Dann sah er an sich hinab, schüttelte den Kopf und strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirn, das ihm in Strähnen von der Farbe nassen Sandes bis zu den Ohrläppchen reichte. „Ich musste ein Feuer löschen.“ „Mit Tee?“ „Nein, mit Earl Grey.“ Er hob eine Augenbraue. Vielleicht, weil er selbst nicht wusste, warum er ihr das erzählte. „Verstehe“, sagte sie, und da er nichts erwiderte, fügte sie hinzu: „Eine gute Wahl. Zumindest, wenn es darum geht, Feuer zu löschen.“ Einen Moment standen sie einander gegenüber. Wieder wartete Cera auf eine Reaktion, die nicht kam. Der Buchhändler wirkte, als wäre er lieber sehr weit fort. Lag es an ihr, oder mochte er die Gesellschaft all seiner vielen Bücher nicht? Wenn dem so war, dann hatte sie ein Problem, denn sie brachte ihm noch mehr davon. Doch darauf musste sie es nun ankommen lassen, denn er machte nicht den Anschein, als wolle er sich heute noch vom Fleck rühren. Er starrte sie nur an. Das war sie selbstredend gewohnt – wenn sie tanzte, starrten Hunderte von Menschen sie an. Aber dieser Mann hier betrachtete sie mit einer Art halb verdeckter Abscheu und unverhohlener Skepsis. Und all das nur, weil sie ihn niedergeschlagen hatte? Wie nachtragend er war! Und warum tangierte es sie so stark? Viele Menschen waren konservativ und straften Ihresgleichen mit Verachtung. Selten machte es ihr etwas aus. Bei diesem Mann hatte sie sich allerdings der Hoffnung hingegeben, er könne anders sein. Schließlich hatte er versucht, sie zu retten. Cera beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und stur ihr Vorhaben durchzuziehen. „Ich bin aus einem weiteren Grund hier, Sir. Ich habe, nach unserem Zusammenstoß“ – das Wort brachte seine Augen für einen winzigen Moment zum Grinsen – „Ihre Tasche an mich genommen.“ Prompt verdunkelte sich seine Miene wieder, er sah zu ihr herüber wie aus einer Schießscharte hinaus. „Lassen Sie mich erklären“, bat sie rasch. „Kurz nachdem ich Sie … Sie wissen schon … hörte ich Schritte im Keller. Ich erkannte, dass ich den falschen Mann erwischt hatte. Aber was einmal funktioniert, klappt mit etwas Übung meist noch besser, und so beschloss ich, den zweiten Mann, meinen wahren Verfolger, auf die gleiche Weise niederzuschlagen. Leider war das Stück Holz an Ihrem Gesicht zerbrochen.“ Der Buchhändler betastete erschrocken seine Nase. „Ich brauchte also etwas anderes, um es ihm entgegen zu schleudern.“ Cera öffnete ihren Ledermantel und ließ die Leinentasche an den Henkeln aus geflochtenem Seil vor sich hin- und herschwingen wie ein Pendel. „Ihre Bücher haben mein Leben gerettet, Sir.“ Er murmelte etwas, das wie „eher Existenz“ klang, nahm ihr die Tasche mit spitzen Fingern ab und untersuchte sie mit kritischen Blicken. „Es waren kaum Blutspritzer drauf und diese ließen sich leicht entfernen“, beeilte sie sich zu sagen. „Eiskaltes Wasser und Soda. Ein Tipp von Mrs Keyman. Ich habe die Tasche gleich gereinigt, nachdem ich Hilfe für Sie geholt hatte.“ „In Ordnung“, sagte der Buchhändler, legte die Tasche auf dem Tresen hinter sich ab, um sich erneut über die Stirn zu reiben. Dann sah er sie durchdringend an. „Ich werde auf eine Anzeige verzichten und die Angelegenheit vergessen. Ist noch etwas?“ Cera war sich klar, dass es einen Unterschied gab zwischen einer angenommenen Entschuldigung und einer vergessenen Angelegenheit. Vielleicht hätte sie nun mit Ärger reagieren sollen – wenn es nach ihrer Mentorin, der stolzen Mrs Keyman, ging, ganz gewiss –, aber das Gefühl wollte sich nicht einstellen. Eher schien etwas Dunkles, Zähes ihre Empfindungen zu ummanteln. Eine Schicht aus Schlamm, in der Gefühle verdorben und ganz bitter wurden. Enttäuschung. Sie war kein Mensch und musste sich ihre Emotionen nicht von außen ansehen lassen, wenn sie das nicht wollte. Doch sich mit einem kühlen Lächeln abzuwenden, kam nicht infrage. So leicht würde sie diesen Buchhändler nicht davonkommen lassen. Und so setzte sie das bittere Gefühl um, übersetzte das Unsichtbare in menschliche Gestik und Mimik und stellte es dar, wie sie Figuren auf der Bühne darstellte, nur ohne den exzessiven Dünkel, der im Theater nötig war, um auch dem kaltherzigsten Zuschauer in der letzten Reihe begreiflich zu machen, was der Tanz ihm zu erzählen gedachte. Übertreibung war nicht nötig. Der Buchhändler reagierte schon auf subtile Anzeichen. Er verhärtete sein Gesicht, und obgleich sie das Gegenteil – sein Mitgefühl – erreichen wollte, wusste sie, dass sie nicht gescheitert war. Sie wusste es, bevor er betroffen schluckte. Der Buchhändler spielte ihr etwas vor, und als Schauspielerin sah sie das auf den ersten Blick. „Hör mal“, sagte er, nun viel milder. „Du solltest besser gehen. Wenn dich jemand hier sieht, bringt mich das in große Schwierigkeiten.“ Ach ja. Sie hatte diese „Wahre Kunst“-Plakette an der Tür gesehen. Der Buchhändler war also doch nur ein Konservativist. Einer von diesen Leuten, die ihre Kinder zum Kumbaya-Singen ins Wir-sind-alle-eine-Welt-Ferienlager schickten, jedoch nie ohne die Anweisung, sich von allen Fremden fernzuhalten. Man wisse schließlich nie, was hinter der Stirn eines Magischen so vor sich ging. Ihre Enttäuschung wuchs noch an, aber diesmal verbarg sie es. „Du darfst nicht denken, es würde mich stören, was du bist“, fuhr er unerwarteterweise dennoch fort. „Aber das Geschäft gehört meinem Vater, und der …“ Er übersetzte unschmeichelhafte Worte mit einem Augenrollen. „Ich hoffe nur, dass er heute nicht mehr herkommt. Wenn er die Bücher sieht, kann ich etwas erleben. Woher wusstest du überhaupt, wo du mich findest?“ „Zwischen den Romanen lag ein Zahlungsbeleg, der war mit einem Namen und einer Anschrift aus dem Kommunikations-Schienen-System bedruckt. Ich habe Miss Mary Danninger einen Brief über das KSS geschickt und Miss Mary war so freundlich, mich zu empfangen und mir Ihre Adresse zu nennen.“ Der Buchhändler seufzte und rieb sich die Nasenwurzel. Ob sein Kopf von dem Schlag noch schmerzte? Das tat ihr leid. „Das hättest du nicht tun sollen. All die Aufmerksamkeit …“ Sie zuckte mit den Schultern. Es waren doch seine Bücher. Hatte er geglaubt, sie würde sie behalten? Er setzte zu einer Erklärung an, schüttelte dann aber bloß den Kopf. „Schon gut. Es war ja gut gemeint.“ Aber offenbar nicht gut gemacht, dachte Cera unbehaglich. Ach, sie machte einfach äußerst ungern Fehler. Man fühlte sich dann immer so … falsch. Wie ein selbst zu Gestalt gewordener Fehler. Und ein weiteres Mal breitete sich Stille aus wie ein unangenehmer Geruch. Cera wäre am liebsten gegangen. Es wäre einfach gewesen, sich höflich zu verabschieden, den Laden zu verlassen, und nie wieder herzukommen. Andererseits hatte sie so viele Hoffnungen in den Buchhändler gesetzt. Vor allem, Yasemine zu retten, bevor das Schreckliche mit der Freundin geschah, wovon sie manchmal träumte, wenn ihr Uhrwerk abgelaufen war, all ihre vom Willen und der Vernunft gesteuerten Gedanken stillstanden und Emotionen grässliche Schatten warfen, die sich zu Träumen verwoben. Beinahe überkam es sie, und sie hätte dem Buchhändler alles erzählt und ihn um Hilfe angefleht. Doch sie entsann sich Mrs Keymans Worten, die lauteten: Fall nicht mit der Tür ins Haus, Kind. Nicht, wenn es um Männer geht. Und so riss sie sich mühsam zusammen, vertraute darauf, dass dieser Mann sich auch weiterhin als hilfsbereiter Zeitgenosse zeigte, und fragte: „Wundern Sie sich denn gar nicht, was eine Tänzerin aus Chelsea im schlimmsten Viertel des East Ends sucht?“ *** Endlich hörte sie auf, wie eine Katze um den heißen Brei herumzuschleichen. Valender hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dieser Frau – nein, dieser mechanischen Frau, korrigierte er sich – würde es um etwas ganz anderes als eine Bitte um Verzeihung gehen. Das war ihm gleich abstrus vorgekommen. Puppen konnten zwar höfliche Umgangsformen erlernen, aber keine wahren Emotionen. Dass sie sich selbst auf eigenen Wunsch stellte, obwohl sie die Sache auch schlicht als Unfall hätte abtun können, schien ihm unglaubwürdig. Dahinter steckte etwas anderes. Offenbar war sie endlich bereit, die Wahrheit zu verlauten. Er lehnte sich an die Theke, griff nach einem herumliegenden Klemmbrett und verdeckte damit unauffällig den Tee-und-Asche-Fleck auf seiner Hose, den die Puppe hin und wieder mit amüsierten Blicken bedachte. „Ich hatte mich an jenem Abend schon gefragt, was dich wohl ins Ten Bells führte.“ Um ehrlich zu sein, hatte er sich gefragt, was eine so schöne Frau in die Spelunke führte. Dass sie eine Puppe war, sah man tatsächlich nur, wenn man genau hinblickte. Noch immer musste er zugeben, dass sie eine Schönheit war, auf ihre ganz eigene Art und Weise. Ihre braunen Augen hinter tintenschwarzen, langen Wimpern hatten eine Tiefe, als sähe man durch gegenüberliegende Spiegel ins Unendliche. Ob der Puppenmacher, der sie geschaffen hatte, in ihren Glasaugen Spiegelsplitter verarbeitet hatte? Sicher war sie von einem Araber geschaffen worden. Der Hautton verriet es. Europäer und Asiaten bevorzugten Puppen mit perlweißer Haut, doch diese hier hatte einen Teint wie der Milchkaffee, den seine Schwester trank: Mehr Milch als Kaffee. Ihr Macher musste eine Koryphäe sein, er hatte selbst an winzige Unregelmäßigkeiten in ihrem Antlitz gedacht, die sie fast menschlich erscheinen ließen. Sie war nur einen Hauch zu perfekt – die Haut zu glatt, das Haar zu glänzend, die Augen zu funkelnd –, was verriet, dass sie ein Kunstprodukt war. „Ich war dort, um einen Privatdetektiv zu treffen.“ Mit ihrer schmalen Hand vollführte sie eine abwinkende Bewegung. „Eine sehr lange Geschichte. Übel, wenn Sie mich fragen.“ Das Stichwort ließ ihn innerlich zusammenzucken. Es war wahrhaft übel, dass sie hier war. Wenn ihn jemand bei einem Stelldichein mit einer Puppe, dem niedersten aller magischen Wesen, ertappte und verriet, wäre die Hölle los. Er zögerte. Wenn es doch nur die monetären Schulden wären, hätte er jederzeit einen innerfamiliären Krieg in Kauf genommen. Aber sein Vater könnte ihm den Umgang mit Melissa untersagen. Der alte Kauz hatte alle Fäden in der Hand. Sie wussten es beide: Wenn es hart auf hart kommen sollte, würde Valender wie eine Marionette vor seinem Vater tanzen. Kalte Wut braute sich in ihm zusammen. Er war den ständigen Druck, das Verbiegen und das Nachbeten von ihm fremden Prinzipien so leid. Und so vermischte sich in seinem Inneren die Wut mit dem unsinnigen Wunsch nach einem Befreiungsschlag sowie der Neugier auf die Geschichte dieser Puppe. „Ich habe Zeit“, sagte er und wies auf die Ecke, in der hinter einem Pariser Paravent zwei schlanke Stühle mit geschwungenen, klauenartig auslaufenden Holzbeinen an einem runden Tischchen standen. „Dort hinten können wir uns setzen.“ Die Nische hatte den Vorteil, dass sie vom Laden aus nicht einzusehen war. Sein Vater führte darin die Gespräche mit den Verlagsvertretern. Die Vorstellung, eine Mr Beazeley so verhasste magische Kreatur würde auf dessen Platz sitzen und aus seinen geliebten chinesischen Porzellantassen trinken, erfüllte Valender mit einer trotzigen Hochstimmung, wie er sie zuletzt als Kind erlebt hatte. „Trinkst du Tee?“ Er musste gegen ein diebisches Grinsen ankämpfen. „Ich bin körperlich in der Lage dazu“, antwortete sie ausweichend. Das reichte für seine Zwecke. Er lächelte das Puppenwesen an, entschuldigte sich für einen Moment und begab sich in die Teeküche, um eine Kanne nordindischen Assam, Vaters Lieblingstee, aufzubrühen. *** Mit einem Lächeln, das etwas Bissiges in seinen Winkeln verbarg, schenkte der Buchhändler Tee ein. Dann setzte er sich, gab Kandis in seine Tasse und rührte bedächtig um. Cera lauschte auf das leise Knistern, mit dem der Zucker schmolz. Eine Stumpenkerze mit drei Dochten flackerte zwischen ihnen auf dem Tisch, ohne ihr Licht wäre es hinter dem Paravent stockduster gewesen. Die Buchhandlung erschien ihr ein trostloser Ort. Zunächst hatte sie das auf die Plakette an der Tür geschoben, die eine deutliche Sprache sprach: Magische waren hier nicht erwünscht. Doch dann war ihr aufgefallen, dass der tunnelartig geschnittene Laden, abgesehen von der gläsernen Eingangstür, kein einziges Fenster besaß. Vermutlich war es hier um Mitternacht nicht dunkler als am helllichten Tag. Da konnte man ja nur in schlechte Stimmung geraten. Es war kein Wunder, dass der junge Buchhändler sich als solcher Griesgram ausgab. Vermutlich passte er sich bloß seinen Arbeitsbedingungen an. „Nun, dann erzähl“, forderte er sie auf. „Gern, Mr Beazeley.“ Er hob abwehrend die Hand und beugte sich ein wenig über den Tisch. „Bitte, nenn mich Valender.“ Cera erwiderte sein Lächeln, das sich plötzlich zu öffnen schien, als hätte er den Vorhang aus unguten Hintergedanken beiseitegeschoben. „Sehr gern.“ Sie prostete ihm ansatzweise mit der Teetasse zu, nahm einen Schluck und ließ sich das Gebräu die Kehle herablaufen. „Wie gesagt, war ich im Ten Bells, um einen Privatdetektiv zu treffen, mit dem ich über das KSS Kontakt aufgenommen hatte. Leider sah er sich nach unserem persönlichen Zusammentreffen nicht mehr willens, mir zu helfen.“ Dass der verbohrte Konservativist die Dreistigkeit besessen hatte, ihr das Erstgespräch zu berechnen, obgleich dieses beendet war, als er beim ersten Blickkontakt erkannt hatte, dass sie kein Mensch war, verschwieg sie. Der Rüpel hatte sich sogar die Frechheit erlaubt, ein Bier zu bestellen und sie die Rechnung zahlen zu lassen. Als wäre die Kutsche ins East End und seine nicht existente Beratung nicht schon teuer genug gewesen. Cera schüttelte die Erinnerung ab. „Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass so mancher Detektiv die Herausforderungen scheut, die dieser Beruf mit sich bringt. Aber“, sie warf Valender einen Blick zu und erkannte, dass er ihren Köder geschluckt hatte, da er sie interessiert ansah, „darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Am Nebentisch saß ein älterer Herr mit schwarzen Lederhandschuhen, der mich die ganze Zeit über unverhohlen anstarrte. Irgendwann ging er zur Theke und bat um ein Telefon. Während er sprach, sah er mich immer wieder auf mir unbehagliche Weise an. Und nach dem Gespräch bekam sein Gesicht etwas Höhnisches, sobald er sich mir zuwandte. Ich vermute, dass er einen Assassinen beauftragt hat.“ Valender schüttelte langsam den Kopf. „Dann wärst du jetzt mechanischer Schrott.“ Die Unverblümtheit, mit der er sprach, erstaunte sie. Die meisten Menschen, die mit ihr sprachen, redeten peinlich berührt um den Umstand ihrer Andersartigkeit herum. „In jedem Fall grinste der Mann, als ich ging, und kurz darauf sprach mich der Kerl mit dem Kreuzanhänger an und bedrohte mich.“ Valender trank einen Schluck Tee. „Was hat er gesagt?“ „Was sollte er schon gesagt haben? Das Übliche.“ Die Frustration ließ Cera schnauben. „Ich sei eine Schande, das sagte er. Eine wandelnde Gotteslästerung. Magische Spielerei. Tot geboren. All die Propaganda der extremistischen Konservativisten.“ Sie musste sich beherrschen, um Valender ihre Erregung nicht erkennen zu lassen. „Und zum Schluss verkündete er, er sei von Gott geschickt, um den Makel zu beheben, den ich darstelle. Aber ich sage es Ihnen, Valender, Gott war das nicht, der im Ten Bells saß, Bier trank und telefonierte.“ „Gottes Wege nennt man nicht umsonst unergründlich“, spottete Valender, aber es war freundlicher Spott, er heiterte Cera ein wenig auf. „Mag sein. Aber seit wann benötigt Gott mechanische Arme?“ Valender hob erstaunt die Brauen. „Ich sah es zufällig, als er seinen metallenen Krug abstellte. Seine Finger hinterließen Druckstellen, feine Rillen. Das vermögen nur mechanische Glieder, wenn diese schlecht justiert sind. Und da hätten wir auch gleich das Motiv. Jemand neidet mir meine präzise Feineinstellung. Ach, aber was rede ich? Es gibt so viele Menschen wie diesen. Ich suche immer nach Gründen, aber Mrs Keyman sagt, für Fremdenhass und Dummheit braucht der Mensch keinen Grund.“ Um sich zu Hilfsbereitschaft herabzulassen, brauchten Menschen dagegen sehr gute Gründe. Sie konnte nur hoffen, dass die ihren den Buchhändler überzeugten. Er spielte mit seinem Löffel, während er überlegte, und ließ die gebogene Unterseite im Kreis über den vergoldeten Rand der Teetasse streichen. Das helle Schaben brach die Stille nicht, es betonte sie. Schließlich sagte er: „Kann der Angriff im Zusammenhang mit dem Grund stehen, aus dem du dich an den Privatermittler gewandt hast?“ Endlich. Endlich hatte sie ihn dort, wo sie ihn haben wollte, und er stellte die richtige Frage. Cera hob die Hand und berührte mit zwei Fingern ihre Lippen. „Sie meinen … ach herrje. Daran hab ich keinen Moment lang gedacht. Wenn das wahr ist, dann …“ Unauffällig fuhr sie mit dem rechten Daumen in die Ellenbeuge des linken Arms, wo sich unter der synthetischen Haut ein winziges Zahnrädchen verbarg. Sie drehte daran, eine Vierteldrehung war mehr als genug. Schon spürte sie, wie mit leichtem Kribbeln Farbe aus ihrer Haut wich und sie erblasste. Sie schob das Rädchen wieder ein wenig zurück in Richtung Ausgangslage. Wenn Valender bemerkte, dass sie bleich wurde, würde das sein Misstrauen wecken. Sie musste diese menschenähnliche Regung subtil einsetzen, damit es ihren Schrecken verkörperte, ohne dass er dessen gewahr wurde. Ein Flirt mit dem Unterbewusstsein. Valenders Miene verdüsterte sich, aber nicht, weil er ihren schändlichen, kleinen Schwindel durchschaute. Dass sie sich ängstigte, gefiel ihm offenbar nicht. Da sind wir schon zwei, dachte sie pragmatisch und schämte sich nur eine Sekunde für den Trick. Das Gefühl war schließlich echt, sie hatte fürchterliche Angst, wenn auch nicht um sich selbst. Sie konnte auf sich aufpassen. Yasemine hatte das nie gekonnt, sie war zu gutgläubig, zu naiv und vertrauensselig. „Was ist passiert?“, fragte Valender. „Wozu brauchst du diesen Privatdetektiv?“ Seine Stimme war noch dunkler geworden. Sie hatte etwas Beruhigendes an sich, wie weit entferntes Donnergrollen, wenn man Gewitter mochte. Und Cera mochte Gewitter sehr. „Meine Freundin wurde entführt.“ Erstaunlich, dass dieser Satz, obschon sie ihn sicher zum fünfhundertsten Male aussprach, nie an Gewicht verlor. Er legte eine schwere Last auf Ceras Schultern. „Yasemine ist aus meinem Ensemble, sie ist so etwas wie meine Schwester, geschaffen vom gleichen Puppenmacher. Wir kamen zusammen nach Royal Britannien. In den letzten fünfzehn Jahren waren wir unzertrennlich. Und nun ist sie fort.“ „Entführt?“, fragte Valender. Skepsis spielte in seinem Gesicht mit Verwunderung. „Wer sollte eine Puppe entführen?“ „Sie ist nicht die Erste. Ende letzten Jahres wurde im Thames Theatre eine Puppe entführt, im Januar verschwand dann die erste aus dem Keyman Theatre. Ayla. Wir dachten zunächst nichts Böses. Ayla träumte davon, nach Ägypten zu gehen, oder zurück in unsere Heimat nach Dubai. Wir glaubten, sie hätte ihren Wunsch wahr gemacht. Wir haben uns für sie gefreut, heimlich natürlich. Aber dann verschwand Yasemine.“ „Vielleicht ist sie auch weggelaufen?“ „Ausgeschlossen.“ Cera schüttelte den Kopf und verbarg, dass der Kommentar sie kränkte. „Das hätte sie nie getan. Nicht Yasemine. Sie war glücklich im Theater, mehr als wir anderen zusammen.“ Sie erinnerte sich gut, wie irritiert Yasemine gewesen war, als Cera begonnen hatte, alles zu hinterfragen. Alles infrage zu stellen. Beide liebten das Tanzen – die Bühne war ihr Himmelreich. Trotzdem hatte Cera diesen einen Stachel nie aus dem Sinn bekommen: Es muss noch mehr geben, das Leben kann nicht nur aus Tanz bestehen. Ceras Fragen hatten Yasemine verstört, und Yasemines Irritation wiederum hatte in Cera neue Fragen heraufbeschworen. Wie konnten sie, die aus dem gleichen Material und von selber Hand geschaffen waren, so unterschiedlich sein? Cera seufzte, weil die Fragen immer zahlreicher wurden, zahlreich wie die Sterne, und die Antworten ebenso weit fort. „Ich komme nicht dahinter, aus welchem Grund man sie entführt haben könnte“, grübelte Valender. „Hatte sie Feinde? War sie magisch-politisch engagiert und ist womöglich jemandem auf die Füße getreten?“ „Nein. Politik interessierte sie nicht, Religion noch weniger. Sie war immer zufrieden, regelrecht anspruchslos, solange sie nur tanzen durfte. Es ist kaum zu glauben, dass gerade sie entführt wurde. Sie hat ein so freundliches Wesen, dass jedermann sie gleich ins Herz schließt.“ „Dann vielleicht ein Verehrer?“ „Wenn, dann war es keine erwiderte Liebe, sonst wüsste ich davon. Bewunderer hat sie zugegeben sehr viele. Mr Keyman hat die Entführung selbstverständlich bei Scotland Yard gemeldet, aber er konnte bloß Anzeige gegen unbekannt erstatten. Wegen Diebstahl!“ „Diebstahl?“, echote Valender. Seine Entrüstung tröstete nur wenig. „Eine Puppe ist kein Mensch, Valender, daher kann der Tatbestand der Entführung bei ihr nicht greifen. Und mit welcher Intensität Diebstähle verfolgt werden, können Sie sich vorstellen. Sie suchen nach meiner Freundin mit dem gleichen Aufwand wie nach einem gestohlenen Fahrrad.“ „Deshalb der Privatermittler.“ Sie nickte. „Aber es scheint aussichtslos. Kein Detektiv will für mich arbeiten. Den Konservativisten bin ich zu magisch – den Magischen bin ich es nicht hinreichend.“ Cera verbarg das Gesicht in den Händen. Die Geste musste sie nicht einmal spielen, ihr Kopf wurde zu schwer, um ihn noch länger aufrecht zu tragen. Auf einmal fühlte sie sich unglaublich müde. Das Wissen, in etwas mehr als einer Stunde auf der Bühne stehen zu müssen, kam ihr wie ein schlechter Scherz vor, den jemand auf ihre Kosten machte. „Ich brauche Hilfe“, sagte sie und erschrak vor ihrer eigenen Stimme, die so viel schwächer klang, als sie es beabsichtigt hatte. Valender streckte ihr die Hand entgegen und rieb ihr unbeholfen über den Oberarm. Er wollte sie offenbar trösten, doch bewirkte dies nur, dass sie sich noch hilfloser fühlte; noch schwächer, noch kleiner. „Ich wünschte, ich könnte dich unterstützen“, sagte er schließlich mit einem Pfund Unbehagen in der Stimme. „Aber ich kenne keine Privatermittler und habe auch keinerlei Verbindungen zu Scotland Yard.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Als Sie mir vorgestern nachgelaufen sind und nach der Polizei gerufen haben, da dachte ich, Sie wären von der Polizei. Ich dachte wirklich, Sie würden den Schurken vertreiben und mir helfen, Yasemine zu finden.“ Er blickte auf seine Schuhspitzen. Sorgsam poliert waren die. Natürlich. Ein solcher Mann lief nicht oft über staubige Wege, und wenn er es doch tat, dann ließ er gleich darauf seine Schuhe wichsen. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen.“ Er klang, als meinte er es ehrlich. „Als ich später dann die Bücher fand“, fuhr sie fort, „und sah, dass Sie Kriminalromane lesen, da dachte ich mir: Auch wenn er kein Polizist ist, so scheint er sich zumindest für Verbrechensbekämpfung zu interessieren. Ich dachte, dass ich doch ein einziges Mal Glück haben muss, und der Zufall mich mit einem Menschen zusammenstoßen lässt, der bereit ist, mir zu helfen.“ „Cera“, murmelte er beklommen. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich dir helfen sollte. Ich bin kein Ermittler, ich bin bloß Buchhändler und lese Trivialliteratur, die mein Chef und Vater als solche Beleidigung empfindet, dass er mich für das Verbrechen, solche Machwerke durch meinen Kauf unterstützt zu haben, sofort feuern und enterben würde.“ „Sie sind ein guter Mensch, Valender. Sie wollten mir helfen.“ Er setzte zu einer Antwort an, aber dann verkniff er sie sich. „Ich bräuchte doch nur ein wenig Unterstützung. Mr Keyman hat einen Verdacht, das weiß ich. Er hält mir Informationen vor, weil er nicht will, dass ich auf eigene Faust ermittle. Wenn Sie sich als Privatdetektiv ausgeben würden und ihm das entlocken, was er mir verschweigt, dann hätte ich einen Ansatzpunkt. Bitte, Valender, ich drehe mich im Kreis und brauche nur einen kleinen Tipp in die richtige Richtung. Ich bezahle Sie gut dafür.“ Valender rieb sich die Stirn. „Es geht nicht um Geld.“ Sie zögerte. Noch nie war sie so weit gegangen. Aber sie brauchte die Hilfe dieses Mannes, sie brauchte sie dringend. Yasemines Sicherheit war so viel mehr wert als ihr lächerlicher Stolz. Darum sagte sie lasziv, mit einem vielsagenden Augenaufschlag: „Ich bin Tänzerin, Valender. Ich zahle mit Dingen, die Sie für Geld nicht kaufen können.“ Der Buchhändler stutzte erst. Und dann lächelte er in sich hinein und murmelte eine vage Zustimmung. Meine liebste Melissa, ich habe eine Überraschung für Dich. Erinnerst Du Dich noch an Deinen Geburtstag vor zwei Jahren? Es war der Tag, an dem es so heiß war, dass der Asphalt klebte und wir beim Spaziergang schon nach hundert Metern wieder umkehren mussten, weil uns der Schweiß in Strömen über die Körper lief. Es war der erste Geburtstag, den wir nach meiner Ausbildung wieder gemeinsam feiern konnten, und außerdem war es Dein erster Geburtstag nach dem Kriegsende. Endlich war es wieder sicher, und da verhinderte ausgerechnet die Sonne, dass wir es bis zum Eiscafé schafften. Ich habe Dir damals dieses mechanische Hündchen geschenkt, erinnerst Du Dich? Es hat Dir solche Freude bereitet … Leider hielt es nicht lang. (Es hätte sicher länger gehalten, wenn Vater es nicht vor die Wand geworfen und mit dem Absatz zertreten hätte, aber wer will schon kleinlich sein.) Denk an das Hündchen. Es ist zwar nicht Dein Geburtstag, aber am Wochenende habe ich etwas viel Besseres für Dich, mein Herz. Verrat es nur nicht. Es bleibt unser Geheimnis. In Liebe Valender


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