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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Schlangenfluch 2, S.B. Sasori
S.B. Sasori

Schlangenfluch 2


Ravens Gift

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2014
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Im Grunde genommen war es nur die Kopie eines Videos, die sie ohne Dr. Johannsons Erlaubnis erstellt und mitgenommen hatte. Vivienne balancierte die CD auf ihrer Zeigefingerkuppe, während ihr Laptop hochfuhr. Nur ein Stück Plastik, doch ihr gesamtes Gewissen befand sich darauf. Ihre Finger huschten über das Tastenfeld und endlich grinste sie ein animierter Yeti an. Sie könnte diese Plastikscheibe wegwerfen. Sie könnte aufhören, sich daran zu erinnern. Würde dadurch der Mann vom Seeufer aufhören zu existieren? Wenigstens für sie? Würde er aufhören, in ihrem Kopf nach Gerechtigkeit zu schreien? Nach Vergeltung? Sein Name war Samuel Mac Laman. Sie hatte in Morar nachgefragt. Vivienne fuhr den Schlitten aus, legte die CD ein und wartete. Die erste Hälfte des Videos war nicht von Belang. Die Nachtgeräusche des Loch Morar vermischten sich mit Hamburgs Straßenlärm. Sie schloss das Fenster. Für das, was kam, brauchte sie keine Zeugen. Sie hätte die Lautstärke regulieren können, sie hätte Kopfhörer benutzen können, sie hätte den verdammten Lautsprecher komplett ausschalten können. Aber das wäre Verrat an dem Mann mit den Schuppen gewesen. Sein Leid verdiente es, von ihr gehört zu werden. Der Steg, der Mann in der Reiterjacke, das Gewehr, mit dem er sein Opfer zum Bootsschuppen trieb. Dann Szenen, die trotz des Zwanges dermaßen lustvoll waren, dass sie sich schämte. Trotzdem starrte sie hin. Wegsehen ging nicht. Das hatte sie längst versucht. Samuel sank zusammen, sein Peiniger kniete sich vor ihn. Ihr Herz begann zu hämmern. Wieder wurden Samuels Beine auseinandergedrückt. Wieder verschwand der Kopf des anderen zwischen ihnen, wieder schrie Samuel sich die Seele aus dem Leib. Vivienne klappte den Laptop zu und starrte durchs Fenster auf die Alster. Was jetzt kam, wollte sie nicht sehen. In den letzten Wochen hatte sie das zu oft. Dieser Bastard in der Reiterjacke gehörte eingesperrt. An einen Ort ohne Sonne. Die Leute in diesem schottischen Dorf hatten ihre Fragen nur widerwillig beantwortet. Samuel war selten in Mhorags Manor, nur, wenn er seine verrückte Mutter besuchte. Den anderen Sohn hatte seit Jahren niemand gesehen. Seltsame Söhne hatte Mia Mac Laman. Nur der Jüngste schien normal zu sein, aber der hatte einen anderen Vater. David Wilson. Den Mann in der Reiterjacke. Woher sollten die Leute aus Morar auch wissen, was David Wilson nachts am Ufer des Sees tat? Die Gegend war einsam. Vielleicht hatte niemand je Samuels Schreie gehört. Was für ein trostloser Gedanke. Der Bistro-Mann hatte sich über die Schulter gespuckt, bevor er weiter geredet hatte. Ob sie nicht die Gerüchte kenne, die um die Familie Mac Laman kreisten? Nein, kannte sie nicht. Sie wollte die Gerüchte über David Wilson hören, um ihm die Polizei auf den Hals zu hetzen. Wilson? Ein netter Mensch, nur leider zu selten da. Immer höflich. Warum Mia nicht seinen Namen angenommen hatte, wusste niemand. Aber die Mac Lamans waren eine alte Familie. Traditionsbewusst. Schottisches Urgestein. Ein Jammer, dass ausgerechnet Mia nicht alle Tassen im Schrank hatte. Als junges Mädchen sei sie normal gewesen und zum Sterben schön. Aber dann … Nun ja, wer sich mit Dämonen einließ, setzte nicht nur seine Seele, sondern auch seinen Geist aufs Spiel. Dämonen? Der Mann hatte mit betrübter Miene genickt, allerdings vergessen, sich die Sensationsgier aus den Augen zu wischen. Mia Mac Laman sei von dem Wesen Mhorag höchstselbst verführt worden. Ihren Zwillingssöhnen sähe man das an. Wenigstens dem einen, dem mit der Glatze. Der Briefträger hätte den Jungen ohne Sonnenbrille gesehen. Teufelsaugen! Natürlich sei das ein Gerücht, aber wo Qualm war, war Feuer, und die Mac Laman Zwillinge waren unheimlich. Das bestritt im Ort niemand. Der Mann hatte sicherheitshalber noch einmal ausgespuckt. Der andere Zwilling lebe zurückgezogen. Es hieß, er hätte eine verunstaltete Hand, daher der Handschuh. Nun ja, der Teufel hinterließ an seinen Kindern immer Zeichen. Das wüsste hier jeder. Kein Teufel. Eine Chimäre. Halb Mensch, halb Wasserwesen. Oder, was wissenschaftlicher klang, ein Hybrid. Oder beides gleichzeitig? Vivienne raufte sich die Haare. Geschissen auf den Terminus. Der Kerl hatte gelebt, hatte Kinder gezeugt, die jetzt an ihrem Erbe zu leiden hatten. Woher kamen die Gene, die sich in sein Erbgut geschlichen hatten? Johannson vermutete, sie seien prähistorischen Ursprungs. Jedenfalls hatten sie einem der Zwillinge eine faszinierende Schuppenhaut auf seiner linken Körperhälfte beschert. Diese seltsame Haut hatte ihn verraten und Johannson davon überzeugt, am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein. Seit Ewigkeiten jagte ihr Chef das Ungeheuer von Loch Morar. Mit Samuel hatte er einen Nachkommen des Monsters gefunden. Vivienne wischte sich über die Augen. Sie hätte damals schon eingreifen müssen. Hätte sich von einem fanatischen Kryptozoologen nicht wegschicken lassen dürfen. Johannson hatte den Ruhm für sich allein gewollt. Jetzt war er wie vom Erdboden verschluckt. Mit Samuel? Ohne ihn? Oder hatte er ihn in Teilen mitgenommen? So oft war sie kurz davor gewesen, in dem Hotel in Morar anzurufen. Vielleicht wusste die Empfangsdame, was mit Samuel Mac Laman geschehen war? Ob er wieder in Mhorags Manor angekommen sei, ob er noch fort wäre, wo er sein könnte? Aber sie hatte es nicht getan. Die Angst vor der Antwort war zu groß. Was, wenn er wie Dr. Hendrik Johannson verschwunden wäre? Was, wenn dieser alte Drecksack ihn in ein geheimes Labor gesperrt hätte? Was, wenn er Samuel längst getötet und seziert hätte? Drei dicke Kluntjes plumpsten in die Teetasse und verursachten eine Überschwemmung auf dem Untersetzer. Sie war schuld, dass Johannson von Samuel erfahren hatte. Hätte sie ihm nur nie dieses verfluchte Video gegeben. Wäre sie nur nie in diese jämmerliche Abteilung gegangen. Kryptozoologie. Drauf scheißen sollte man. „Hey, Vivienne!“ Das schlaffe Pochen an der Tür klang massiv nach durchgemachter Nacht. Erik stand mit verquollenen Augen und einem Paket in der Hand im Flur. „Ist abgegeben worden für dich.“ Aus seinem Mund stank es nach ungeputzten Zähnen. Widerlich. Vivienne drehte den Kopf weg. Als Post Town war Mallaig angegeben. Morar lag um die Ecke. Wer zum Teufel schickte ihr Pakete aus diesem Kaff? Johannson. Ihre Adresse prangte in seiner grässlichen Krakelschrift auf dem braunen Papier. „Liegt schon ein bisschen länger bei mir rum. Bin nicht dazugekommen, es vorbeizubringen.“ Erik kratzte sich durch sein ungewaschenes Haar. „Nachtschichten.“ Sollte sein Schulterzucken seine Schlampigkeit entschuldigen? Der Stempel auf dem Paket war von letztem Monat. Mein Gott! „Du kompletter Idiot!“ Erik fuhr zusammen. „Sachte! Immerhin habe ich es angenommen.“ „Sachte? Du hast es vier Wochen bei dir Schimmel ansetzen lassen, du faule Sau!“ „Hey, ich hatte zu tun.“ Vivienne schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Ein Monat. Was war hier drin? Proben? Der Kopf der Chimäre? Der Tee wurde bitter in ihrem Magen. Johannson war nicht irre. Er würde im Sommer keinen Kopf durch Europa schicken. Höchstens eingelegt in Formaldehyd. Dazu war das Paket zu leicht. Aber die Größe könnte hinkommen. Entspann dich, Vivienne. Du bist ein Profi. Mach es einfach auf und sieh nach. Zweimal fiel ihr das Messer aus der Hand, als sie das Paketband aufschnitt. Bevor sie die Pappdeckel auseinanderbog, atmete sie tief durch. Wenn etwas in dem Päckchen ihr sagte, dass der Mann noch lebte, würde sie ihn suchen und retten. Das war sie ihm schuldig. Noch einmal atmen, dann klappte sie die Deckel auseinander. Notizbücher. Disketten. Ein Brief. Hallo Vivienne! Ich breche die Expedition ab. Der Inhalt dieses Päckchens ist für Professor Klaus Wegener vom biologischen Institut Hamburg bestimmt und soll meine letzten zehn Jahre Forschungsarbeit vor ihm rechtfertigen. Sagen Sie ihm, ich sei kein Spinner und zeigen Sie ihm um Gottes Willen die Probe und das Video. Was er damit macht, ist seine Sache. Er war stets Rationalist. Er wird die richtige Entscheidung treffen. Gruß, Hendrik Johannson Der Kerl hatte die Expedition abgebrochen? Bevor oder nachdem er Scheibenpräparate aus Samuel hergestellt hatte? In Unmengen Blisterfolie steckte ein Fläschchen. Haut? Sie hielt die Probe ins Licht. Dunkelgrün, an den Rändern glatt, relativ groß geschuppt. Sie schluckte die Übelkeit hinunter. Er war tot. Der Mann mit der schillernden Schuppenhaut, dessen Leid sie kaltherzig gefilmt hatte, war tot. Nein, sie war nicht kaltherzig gewesen. Nur zu feige, um ihm zu helfen, als dieser Reiterjacken-Kerl … Egal. Es war zu spät. Johannson hatte Samuel für seinen Forscherruhm umgebracht. * Schwarzes Wasser. Überall. Es schluckte das Licht ebenso wie jedes Geräusch. Wo war Laurens? Er hatte nach ihm gerufen, von irgendwo unter ihm. Samuel tauchte tiefer in das schwarze Wasser ein. Keine Stimme. Kein Laurens. Nur Stille. Doch Stille im Loch Morar war nicht möglich. Samuel konzentrierte sich auf die Geräusche, die nicht da waren, aber da sein müssten. War Laurens Stimme wirklich von hier unten hergekommen? Laurens hasste es zu tauchen. Er hatte Angst davor. Warum sollte er ohne ihn in den See gehen? Samuel war schon fast am Grund. Seine Zehen streiften über schlammigen Boden, seine Hände tasteten Felsen ab. Verdammt noch mal, als ob er blind wäre. Wenn er nicht aufpasste, schlug er sich in dieser Finsternis noch den Schädel ein. Etwas Weiches streifte an seinem Fuß entlang. Samuel griff hinein. Haare? Sie umschlangen seine Finger, streichelten über seine Unterarme. Dann etwas Hartes, Glattes. Stirn, Nase, Lippen. Sie waren offen. In ihrer Mitte war Schlick. Nein! Samuel fuhr hoch. Kein Wasser, keine Finsternis. Herrgott noch mal! Sein Herz donnerte in seiner Brust. Verdammter Traum! Laurens stand am Fenster. Lebendig und schön. Der Nachtwind spielte mit ein paar Haarsträhnen, die mit dem Mondlicht um die Wette glänzten. Samuel ging innerlich auf die Knie und küsste jedes Stückchen Boden, das Laurens jemals betreten hatte. „Schlechte Träume?“ Laurens resigniertes Lächeln verriet, dass seine Träume auch nicht besser gewesen waren. „Ziemlich schlechte.“ Das Gefühl von Laurens nassen Haaren zwischen seinen Fingern spürte er jetzt noch. Laurens schlang die Arme um sich. Wie lange stand er dort schon in der Kälte? „Ich wollte dich gerade wecken. Du hast so unruhig geschlafen, dass ich mir Sorgen gemacht habe.“ „Musst du nicht.“ Samuel schlug die Decke zurück. „Komm zurück ins Bett. Ganz dicht an mich ran.“ Er musste Laurens an sich spüren. Ihn nur zu sehen reichte nicht. Laurens zog die Brauen hoch. „So schlimm?“ „Schlimmer.“ Du warst tot. Sei das niemals. Erst als sich Laurens an ihn schmiegte, beruhigte sich sein Herz. Er vergrub sein Gesicht in Laurens’ Haaren. Sie dufteten nach Nacht und Kälte. Laurens seufzte und schmiegte sich näher an ihn. „Ich würde eine Menge für traumlose Nächte geben. Aber kaum schließe ich die Augen, geht der Horror los.“ „Was war es diesmal? Der See oder Davenport?“ Laurens’ Albträume variierten meist zwischen beiden Motiven. „Davenport“, sagte Laurens leise. „Er rammt mir diese elende Flinte zwischen die Rippen und lacht dabei dreckig.“ James Davenport. Er hatte Laurens als Köder benutzt, um ihn zu fangen. Hatte Laurens wie ein Tier in einen Käfig gesperrt, ihn gequält. „Du musst nicht mit den Zähnen knirschen.“ Laurens küsste ihn sacht auf die Wange. „Es ist vorbei. Ich würde nur mal gerne wieder von etwas Schönem träumen.“ „Von mir, wie ich ihm den Kopf abreiße?“ Das war ein Fest gewesen. Allerdings nur für ihn. Laurens hätte es niemals sehen dürfen. Laurens drehte sich aus seiner Umarmung und stützte sich auf dem Ellbogen auf. „Es reicht mir, wenn ich Ravens Sarkasmus ertragen muss. Fang du nicht auch noch an.“


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