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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Scheiß auf Ritter!, Akira Arenth
Akira Arenth

Scheiß auf Ritter!


(K-)ein Prinzessinnenroman

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Einführung


Es war einmal ein großes Königreich namens Ührks, in dem alle Menschen und Tiere in freudiger Eintracht zusammenlebten. Kein Groll und kein Ärger konnten ihren Alltag trüben, und wenn einem Knecht doch mal eine Laus über die Leber lief, so nähte der Arzt seinen Brustkorb halt wieder zu. Die Sonne wärmte jeden Tag die behaarten Köpfe der Einwohner und die Temperaturen fielen nie unter neunzehn Grad. Außer zum heiligen Weihnachtsfest! Dies war auch die einzige Zeit, in der es schneite. Ührks war in allem besser, schöner und größer als jedes andere Reich. Selbst die Sterne schienen dort des nächtens viel heller und unübertrefflicher, als sie es woanders taten. Die Vögel trällerten sich tagaus, tagein die Lunge aus dem Leib und waren so bunt und heiter, als wären sie auf Acid. Das Gras war grüner, die Eichhörnchen röter und die Hundehaufen weniger miefig. Selbst die mickrigsten Hirsche strahlten vor Eleganz und schmeckten auch besser als anderswo. Kurzum, Ührks war der schönste Ort der Welt, und wer dort lebte, ward unausweichlich glücklich! Ob er nun wollte oder nicht.


 


Beobachtung der königlichen Familie durch einen x-beliebigen Untertanen


Die Menschen versammeln sich jubelnd und singen in melodischem Einklang das Kredo des Landes: »Wir lieben alles und jeden. Wir woll`n keinen Regen auf unseren Wegen, jaaaa ein schönes Leben möchten wir hegen!« Zugegeben, es ist etwas holperig, und der Reimer hatte wohl einen Becher zu viel getrunken, als er diese Zeilen verkündete. Dem König gefiel es trotzdem, denn es vermittelt unsere positive Grundeinstellung und so sang es bald jeder auf der Straße und es wurde zum Ohrwurm. »Seht! Oh seht doch nur! Da kommen sie!«, kreischt meine Frau plötzlich und bekommt dabei rote Backen. Also die im Gesicht, obwohl die anderen wahrscheinlich auch gerade erröten. Wir stehen in der vierten Reihe auf dem Schlosshof, die immerhin besser ist als die fünfte, und just in diesem Moment tritt die Königsfamilie auf ihren ausladenden Marmorbalkon, der in das charmant rötliche Licht der aufgehenden Sonne getränkt ist. Da sind sie! Der starke, gerechte und immer ehrliche König Neidhart der Rote, mit seiner anmutigen, braungelockten Gattin, Königin Kothild, und ihren zwei hinreißenden Thronerbberechtigten: Auf der rechten Seite Prinz Uhrich der Furchtlose, stramme achtzehn Jahre alt und damit der ältere der beiden Nachkommen. Gesegnet mit einem Gesicht, das Frauenherzen schmelzen lässt, weil es so heiß ist. Er hat das Kreuz eines Bären und die vollen, braunen Haare seiner Mutter (also nicht ihre, sondern eigene), wobei seine glatt sind. Zur Linken, gerade mal siebzehn Frühlinge alt, die kindlich schöne Prinzessin Brunhilde, mit den goldgelben Augen, den feurig roten Locken und den hinreißenden Apfeltittchen. Mein Unterleib hustet beim rosig entzückenden Anblick der hochherrschaftlichen Grazie und meine Hose wird feucht. Wobei Prinz Uhrich, in seinen anregenden Glanzstrumpfhosen, sogar die schöneren Beine hat. Meine Frau hüpft auf der Stelle und tritt sich vor Nervosität von einem Plattfuß auf den anderen. Sie starrt gebannt nach vorne und verfolgt jeden subtil nachdenklichen Bartstreichler des Königs mit den Augen. Außerdem schmachtet sie die schlanke, wohlgeratene Prinzessin an und wünscht sich insgeheim, sie könnte mit ihr tauschen. Das ist vollkommen normal. Jedes Mädel in diesem Königreich möchte so sein wie Königin Kothild oder Prinzessin Brunhilde. Letztere ist noch dazu für ihre unendliche Freundlichkeit und ihr warmherziges Benehmen bekannt, weil sie sogar dem niedrigsten Fußvolk gegenüber stets höflich und zuvorkommend auftritt. Ja, wir gönnen es ihr von Herzen, vollkommen sorglos im großen, wunderschönen Schloss zu leben, in dem sie sicherlich Tag für Tag lachend durch die Flure hüpft, bis irgendwann ein Prinz auf seinem weißen Schimmel daherkommt und sie bis an ihr Lebensende befriedigt. Die Masse verstummt, denn der Vorleser tritt vor und liest vor, das kann er nämlich gut. »Adeliges Schlossvolk, gemeine Untertanen und gefräßiges Gesocks!« Dabei schaut er grimmig auf die Menschen in der letzten Reihe, die gar nicht zuhören und sich lieber schon am Bürgerbuffet bedienen. »Euer König und seine Königin haben eine Ankündigung zu machen. Doch bevor dies geschieht, werden uns Prinz Uhrich und Prinzessin Brunhilde eine gesangliche Einstimmung auf die bedeutsame Bekanntmachung darbieten.« Der Höfling tritt beiseite und die beiden Blaublütigen stehen auf. Prinzessin Brunhilde legt eine Hand auf ihr genussfreudiges Dekolleté, die andere hebt sie in die Höhe und beginnt mit ihrer hohen, zartschmelzenden Stimme, die ersten Töne anzuschlagen . Erst ganz leise, dann immer lauter singend, glockenklar, wie eine menschliche Harfe, sodass beinahe Gläser zerspringen, verzückt sie uns alle. »Laaaaahaaaaa laaaaahaaaaa lalalalaaaaa loooaah looooaahhhhhh, haaa haaa haaa haaa lalalaaaaaaa looahhhh ...« Kleine putzige Vögelchen lassen sich auf ihrem ausgestreckten Arm nieder und zwitschern so fröhlich, als wären sie hypnotisiert. Indessen stimmt ihr hochwohlgeborener Bruder mit einem tiefen, nussig epischen »Bumbada bumm bumm, bumbada bumm bumm, bumbada bumm bumm« in ihren Gesang ein. Ich kann erkennen, wie König Neidhart erst lächelt, dann gähnt und seinen Kopf mit der Hand stützt, während er für einen Moment die Augen schließt. Doch seine hoheitsvolle Gattin stößt ihn mit dem Ellenbogen an und scheint ihn leise zu rügen. Das akustische Meisterwerk der Sangeskunst klingt weich aus und die Geschwister ernten einen rauschenden Applaus. Diesen genießen beide ausgiebig, baden sich regelrecht darin und Prinz Uhrich zwinkert einigen Mägden zu, die neben den Knechten stehen und sich vor verliebtem Gekreische kaum einbekommen. Dann setzen sie sich wieder, nachdem Brunhilde das Geflügel verscheucht und Uhrich den ausgewölbten Schritt in seiner Strumpfhose gerichtet hat. Nun ist es König Neidhart selbst, der zufrieden aufsteht und die jubelnden Menschen mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen bringt. Ja, er ist ein sehr mächtiger Gebieter! »Mein Volk«, beginnt er heroisch und nimmt erst nach einer Weile seinen rechten Arm herunter. »Heute ist ein großartiger Tag – so wie immer - in diesem prachtvollen, starken Land!« Er ballt seine Hand zur Faust vor seiner Brust und legt die Stirn in Falten, während er die Lippen schürzt und kurz nickt. Das tut er öfter. Manche sagen, er hätte Zuckungen. »Unsere liebliche Tochter, Prinzessin Brunhilde die Zarte, nähert sich ihrer achtzehnten Jährung und ist somit endlich bereit, ihre ersten Freier zu empfangen!« Brunhilde glotzt ihren Vater geschockt an und einige Männer bekommen schon das Sabbern, während sie eilig ihre Ledersäckchen hervorkrempeln, um die Goldmünzen darin zu zählen. Ein Raunen macht sich zwischen den Bürgern breit und Königin Kothild zuppelt ihrem Gatten mit Schmackes am Ärmel, bevor sie ihm etwas zuflüstert. »Freie Edelmänner!«, korrigiert er sich schnell. »Also Prinzen und edle Ritter, von nah und fern, dürfen sich ab sofort um die Hand unserer Tochter bewerben und ihre Kühnheit beweisen! Zur heiligen Weihnacht werden wir ein großes Fest veranstalten, zu dem keiner von euch Primitivlingen eingeladen ist, und dann wird sich zeigen, für wen sich das Herz von Prinzessin Brunhilde erwärmt.« Ja, er wird nicht umsonst auch Neidhart der grundlos Ehrliche genannt. Ich überlege. ›Wenn keiner von uns eingeladen ist, warum dann die große Ankündigung? Von der Zeremonie kriegen wir doch eh nichts mit, bis sich das Schätzchen entschieden hat und es verkündet wird. Und selbst dann ist es für uns vollkommen unerheblich, denn schließlich ist sie nur die Zweitgeborene und wird sowieso ins Land ihres Prinzen ziehen. Na ja, egal. Wir werden uns trotzdem für sie freuen!‹ »Also«, fährt unser König fort, »tragt es hinaus in die Welt! Erzählt es euren Verwandten, fahrenden Händlern oder Zigeunern und gebt die Botschaft jedem Reisenden mit, der euch über den Weg läuft! Auf dass alle in der Welt erfahren, dass ihnen der Schoß meiner Tochter fortan offen steht!« Subtil werden Flugblätter mit einem vortrefflichen, über Holzschnitt gedruckten Portrait der jungen Lady verteilt. Ah! Jetzt verstehe ich! Wir sollen die Werbung übernehmen! Ja natürlich, das tun wir gerne, denn so sind wir Ührkser nun mal.


 


Friede, Freude, Keuschheitsgürtel


Wir verlassen den Balkon und gehen gesittet zurück ins Schloss. »Brunhilde die Zarte?« Lachend stößt mich mein großer Bruder an. »Wäre Brunhilde die Arglose nicht besser?« Uhrich ist immer so gemein, aber sicher sagt er diese Dinge nur, weil er seiner Liebe zu mir nicht anders Ausdruck verleihen kann. Er ist halt ein bisschen naturblöde, der Gute. Kichernd hält er sich die Hand vor den Mund. »So flach, wie sie ist, wäre auch Brunhilde das Brett passend gewesen!« »Höret auf mit den Späßen, Ulli! Das ist eine ernste Angelegenheit!«, maßregelt ihn unsere Mutter widerwillig. Sie tut das nämlich äußerst ungern und schaut währenddessen beim Laufen über ihre Schulter. »Müssen wir erst wieder Euren Prügelknaben züchtigen, damit Ihr Eurer Schwester Respekt zollt?« Leider empfindet mein Bruder wenig Mitleid für das arme Schwein, das für ihn die Hosen herunterlassen muss. Manchmal glaube ich sogar, er macht absichtlich etwas Ungeziemtes, um sich an der Züchtigung zu ergötzen, denn seine knielange Pluderhose spannt sich dann immer so seltsam nach vorn. »Aber Mutter, wir belieben doch nur zu scherzen!«, entschuldigt er sich sofort und ich habe keinen Zweifel an der Ehrlichkeit seiner Worte. Er tätschelt mir nämlich versöhnlich den Kopf und wirft seine nussbraunen Haare zurück, die nur halb zu einem Zopf eingeflochten sind. Wir erreichen den Salon und unsere Mutter wendet sich uns jetzt gänzlich zu, als die Bediensteten den Raum verlassen. »Ullischnulli, ich erwarte, dass Ihr unserem Brunhildchen den Rücken stärkt und ihr allzeit mit helfender Hand zur Seite steht!« Dabei kneift sie in seine Wange, so wie sie es öfter gern tut. Wahrscheinlich sind seine Bäckchen deshalb immer so rosig. »Selbstverständlich!« Uhrich legt seinen Arm um mich und wartet, bis unsere Mutter zufrieden nickt. Die nimmt derweil an einem der kleinen Tische Platz, um sich ihren Tee kredenzen zu lassen. Dann erst flüstert er mir zu: »Habt keine Bange. Wenn demnächst Euer Schoß geweitet wird, passe ich gerne auf, dass Euch die Pfeife Eures Auserwählten nicht verletzt und halte Eure Lippen auseinander.« »Es ist sehr liebenswürdig von Euch, dass Ihr derart besorgt um mich seid.« Manchmal weiß ich gar nicht, was ich darauf sagen soll, aber es würde mich doch beunruhigen, wenn mein Zukünftiger der Raucherei frönt. Schließlich möchte ich nicht, dass er krank wird, denn dann braucht mein Bruder auch nicht verhindern, dass er mich küsst. Uhrich lacht ein wenig stupide und fläzt sich dann auf die große Chaiselongue, auf der ihm gleich von einer fleißigen Kammerzofe die Schuhe ausgezogen und die Füße massiert werden. Es ist wirklich seltsam. Seit seiner Pubertät, in der ihm eine der Mägde die Lanze gelutscht hat, wie er es ausdrückte, hat er sich vollkommen verändert. Ich verstehe gar nicht, warum sie das tat, schließlich gibt es dafür doch Putzlappen. Doch für ihn war es wohl ein bedeutsames Geschehnis. Früher hat er viel mit mir im Schlossgarten gespielt, gesungen und gemalt, doch diese Momente sind selten geworden. Natürlich verstehe ich, dass er jetzt die Pflichten eines Königs erlernt und viel Zeit mit dem Schwertkampf verbringt, aber es ist trotzdem schade. Auch in naher Zukunft werden wir nicht mehr viel miteinander zu tun haben, denn er wurde im letzten Jahr mit einer Prinzessin aus dem Fernen Osten verlobt. Die Heirat wird jedoch erst stattfinden, wenn sie ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht hat und über das Meer schiffen kann, was ja reichlich Kraft erfordert. »Wir beginnen am morgigen Tage mit den Vorbereitungen, Brunhilde!«, ergreift mein Vater das Wort und reißt mich aus meinen Gedanken. »Ich erwarte von Euch, dass Ihr ein treffliches Gesangsstück einstudiert und einhundertprozentige Folgsamkeit leistet! Ihr werdet Euch benehmen, wie es sich für eine Prinzessin geziemt, Euch von Eurer besten Seite zeigen, lächeln und schweigen!« Er kommt zu mir und hebt wohlwollend mein Kinn. »Ich bin mir sicher, dass ich mich darauf verlassen kann, nicht wahr?« »Natürlich, mein ehrwürdiger König und Vater!«, antworte ich gehorsam und deute einen Knicks an. Dann beginne ich aber zu hibbeln, denn ich möchte endlich wissen, ob sich die Arbeit der letzten Tage gelohnt hat. »Wie fandet Ihr denn unsere Darbietung? Ich habe lange an der mittleren Passage gearbeitet und hoffe, es hat Eure Ohren erfreut!« »Meine war viel schwerer!«, ruft Uhrich natürlich gleich wieder dazwischen. Unsere Mutter setzt sich neben ihn und gibt ihm einen Kuss. »Ja, ihr wart beide ganz zauberhaft!« *** Drei Wochen später. Ich öffne meine Augen und erwache wie immer in meinem Gemach. »Hach, es ist so herrlich!«Jeden Tag erfreue ich mich an den Farben in meinem Zimmer, das ich in knalligem Pink mit goldenen Ornamenten habe ausstatten lassen. Noch dazu liegt neben mir, auf einem großen Kissen, mein zuckersüßer Papillonrüde, der sich gerade vom Bauch auf den Rücken dreht und mich zufrieden angrunzt. Für seine Rasse ist er sehr hell, also fast vollständig weiß, und nur an den Ohren zeigt sich ein bisschen Schwarz. Am liebsten sitzt er auf meinem Garderobenstuhl und sein Futter muss ich mit Zimt würzen, damit er es frisst. Also habe ich ihn Monsieur Hellar Zimtstuhl genannt, aber meistens rufe ich ihn nur Hellar, denn sonst gucken die Leute immer so komisch. Ich kraule sein kleines Bäuchlein, bis er gähnt und sich ausgiebig räkelt, was ich ihm, davon angesteckt, gleichtue. »Komm Schätzchen, raus aus den Federn! Heute ist es endlich soweit! Heute lerne ich meinen Prinzen kennen!!!« Ich hüpfe gut gelaunt aus den Laken, springe an die Querstange meines Himmelbettes und wirble in einer eleganten Rolle nach oben, um auf ihr zum Sitzen zu kommen. Dort strecke ich mich und verleibe mir als Appetitanreger sechs der dreißig herzförmigen Törtchen ein, die ich am Vorabend noch gebacken und hier oben in einem Körbchen versteckt habe. Eine Weile bleibe ich mampfend und mit den Beinen schaukelnd sitzen und summe dabei lustig vor mich hin. Dann schwinge ich mich wieder herunter und öffne meine großen Balkontüren, bevor ich diesen sprechsingend betrete. »Prinzessin sein, ist so fein, immer braves Mädelein, hüpf ich rum, gar nicht stumm, bin dabei strohdu - Huch, was ist das?« Da rollt mir doch glatt ein Stein auf dem Boden entgegen. Wahrscheinlich hat ihn ein Vogel verloren, der sich ein Haus bauen wollte. »Hm. Na ja, egal. Was für ein wunderschöner Dezembermorgen.« Ein sanfter Windhauch bläst unter mein Nachthemd und bewegt auch die steifen Brokatvorhänge, welche ebenfalls reichlich golden verziert sind. »Oh, es wird kühler, das Weihnachtsfest naht!« Da kommt es! Ich spüre es tief in mir! Es brodelt in meinem Brustkorb, wie ein voluminöser Rülpser, nur dass es ein spontanes Liedlein ist, welches ich jetzt in die Welt hinaustragen muss! Mein Hals zieht sich zusammen und plopp - da ist es! »Laaa laaaa laaaa lahahahahaaaaa hoooo hoaaaaahh lahahaha lahahaha hoaaaaahh hoaaaaahh hoaaaaahh ...« Wie immer werden von meinem hohen Gesang die schönsten Vögel angelockt. Sie setzen sich auf die Brüstung meines Balkons sowie auf meine Schultern, zwitschern mit mir und erfreuen sich an diesem erquicklichen Tag. Als es mir langsam zu voll wird, lasse ich meinen Gesang ausklingen und atme einmal tief durch, um die frische Luft in meine Brust zu saugen. Ich schaue in die Ferne und seufze, als ich, nahe dem Horizont, die Wälder und Flüsse erkenne. Mein Vater ist nicht nur der König dieses Landes, sondern auch ein strenger Regent, wenn es um seine eigene Familie geht. Seit Wochen lässt er mich nur noch in den Burghof gehen. Die Felder, Wiesen und Waldungen sind mir verboten worden. Er befürchtet, so sagte er, ich könnte auf einem meiner Ausritte entweiht werden. Dann wäre ich nichts mehr wert und kein Mann von Ansehen würde noch um meine Hand anhalten wollen. »Welch vortreffliche Stimme Ihr habt, oh holde Maid!«, höre ich plötzlich einen Mann sagen und erschrecke mich. Hellar kläfft ebenfalls und steckt den Kopf zwischen den Säulen hindurch. Ich schaue über das Geländer und sehe tatsächlich einen jungen Herrn in violettgelb gestreiften Pluderhosen und einem ebenso passenden Wams, samt Hut. »Oh, diese wallenden feuerroten Haare, sie umrahmen Euer Antlitz wie die Abendsonne! Welch reizender Anblick Ihr seid, schöner noch, als die Erzählungen es beschreiben! Und dies hauchzarte Nachtkleid, das Ihr da tragt, lässt eure feinen Knospen erahnen! « Erst glotze ich ihn nur verwirrt an, doch dann realisiere ich, dass er meine Brustwarzen meint und hebe schnell die Arme vor meinen Busen, bevor ich errötend in mein Gemach husche. »Verzeih Er mir, ich muss mich sputen!«, sage ich dabei und verschwinde. »Nicht doch, Mylady, kommt wieder zurück!«, ruft er mir hinterher, doch ich halte es für unziemlich, mich einem Fremden in Unterwäsche zu zeigen. Kaum habe ich die Türen geschlossen, drehe ich mich um und schrecke erneut zusammen, denn meine Kammerzofe Eadgyth steht im Raum. »Prinzessin! So kommt doch vom Fenster weg, nicht dass Ihr Euch erkältet, so kurz vor der Ritterschau!« »Sie hat unnötig Bangnis. Ich war doch noch nie krank, meine Liebe! « Ich kenne Eadgyth schon seit meiner Geburt und sie macht sich immer viel zu viele Sorgen. Sie ist ungefähr im Alter meiner Eltern, trägt ihre blonden Haare zu einem Dutt frisiert und hat stets ein graues Kleid an, das von einer Schürze bedeckt wird. »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, Mylady! Nun eilt Euch, der König wartet bereits!« Trotz ihres beleibten Umfangs wirbelt sie herum, rückt mir das Waschtablett an den richtigen Platz und gießt warmes Wasser in eine Schüssel, neben der bereits ein Seidentuch liegt. Sie versieht beides noch mit einigen Tropfen Rosenöl und will mir schon den Lappen ins Gesicht klatschen. »Warte Sie, Eadgyth! Ich reinige mich heute allein. Sei Sie so gut und führe Hellar nach draußen in den Garten, während ich mich wasche und ankleide.« Meine Kammerzofe nickt lächelnd. »Natürlich Mylady, wie Ihr wünscht!« Sie schnappt sich Hellar Zimtstuhl und geht hinaus. Hach, es ist so schön, eine Bedienstete wie sie zu haben! Fröhlich summend löse ich die Schnürung im Nacken meines Nachtkleides und lasse den feinen Stoff zu Boden sinken, bevor ich mich nackt vor den Waschtisch setze. Mein Summen mutiert zu leisem Trällern und lockt ein auf einem Baum sitzendes Eichhörnchen an, das neugierig über ein noch offenes Fenster in mein Zimmer gehopst kommt. Es setzt sich an den Rand meines Spiegels und beobachtet mich, während es mit dem Kopf wippt und mit dem rechten Hinterfüßchen rhythmisch im Takt meiner Musik klopft. Tatkräftig bürste ich meine Haare und stecke sie anschließend mit einigen Holznadeln hoch, um mir das Gesicht zu waschen. Dann trockne ich mich ab und sehe dabei in den Spiegel. Meine vollen Lippen zittern ein bisschen und ich bemerke erst jetzt, wie aufgeregt ich eigentlich bin. »Bald ist es soweit, lieber Eichkater«, flüstere ich leise und sehe mir dabei in die goldenen Augen. »Bald lerne ich den Mann meines Herzens kennen und werde seine Frau.« Dieser Gedanke beflügelt und beunruhigt mich zugleich. »Wie mag er wohl sein? Ein gutaussehender, starker Edelmann, keusch und rein, der mich bis an mein Lebensende lieben wird? Ein tapferer Ritter, voller ehrenhafter Tugenden, dessen Leidenschaft es ist, poetische Texte zu rezitieren? Oder wird es doch ein Prinz aus einem fernen Land sein, von dem ich viele neue Dinge lernen kann?« »Mylady, Euer Kleid!« »Aaah!!!« Abermals erschrecke ich mich furchtbar und verjage mit meinem Aufschrei sogar das arme Hörnchen. Ich lege eine Hand auf meine nackte Brust und beruhige mein Herz. »Eadgyth!!! Schleiche Sie sich nicht immer so an!« Wie kann eine so voluminöse Frau nur so lautlos sein? »Verzeiht mir bitte«, sagt sie lächelnd und setzt Hellar ab, der sich sofort erst mal schüttelt, währenddessen sein lockeres, pinkes Halsband klappert. Dann stellt mir meine Kammerzofe eine armlange Holzkiste auf den Tisch und schaut ein wenig verlegen drein. Dies hier ist für Euch, von Eurem Vater. Er bittet Euch, ihn anzulegen und mir den Schlüssel zu überlassen.« »Was ist das?«, frage ich neugierig, denn Vater macht mir sonst nie Geschenke. »Eine Halskette? Oder ein paar neue Schuhe vielleicht?« »Nein ... es ... es ...« Ich öffne die Truhe und da blitzt mich tatsächlich ein massives Metallstück an, das aussieht, als gehöre es zum Geschirr eines Pferdes. »Mylady, es ist ein Keuschheitsgürtel!«, rückt Eadgyth nun endlich mit der Wahrheit heraus. »Ein was?« Ich verstehe die Welt nicht mehr. »Ich bin das keuscheste Mädchen im ganzen Reich! Wozu brauche ich denn einen solchen Gürtel?« »Euer Vater ist aufgrund des Versprechers in seiner Rede sehr besorgt, dass mancher Bewerber ihn, Euch bezüglich, falsch verstanden haben könnte. Außerdem, bei den vielen, fremden Männern, die in den nächsten Tagen im Schloss nächtigen werden, ist er zu Eurer eigenen Sicherheit. Nicht dass Ihr vor Eurer Hochzeit noch entehrt werdet!« Ich starre auf den Metallschlüpper, der eigentlich nur aus zwei Streifen besteht: einem um die Hüfte und einem durch die Beine. Hinten sind die Metallbänder über ein Gelenk miteinander verbunden und vorne hält ein Schloss die Konstruktion zusammen. Doch beim Anblick der scharfkantigen, grausigen Zacken an den Aussparungen im Intimbereich, wird mir angst und bange. »Aber ... diese Kanten! Da ist nur eine dünne Lederumsäumung dran! Das tut doch weh beim Laufen!« »Oh, nein nein!«, lacht sie nur und wedelt kurz mit ihrer Hand, während sie sich hinter mich stellt und meine Frisur richtet. »Das ist das neueste Modell und seht doch, da ist sogar ein nettes Herz eingraviert! Ein Herz für die Liebe, auf dass Euer Schoß noch ein wenig warte und keusch bleibe, bis die Verträge unterzeichnet sind!« Bedrückt nicke ich und ziehe das Ding heran. »Ja, das Herzchen ist wirklich ganz allerliebst ... Nun gut, wenn mein Vater es verlangt, so werde ich es tun.« »Ihr seid so ein gutes Kind!«, lobt sie mich, hilft mir dann in mein goldgelbes Kleid hinein und schnürt es zu.


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