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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Schattenherrscher, Kati Wepner
Kati Wepner

Schattenherrscher


Fremde Welt

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Thalia, Hugendubel
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Als ich wach wurde, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Es roch seltsam. Nicht, dass es schlecht roch, nein, es roch sogar äußerst gut. Aber ich kannte den Geruch nicht. Ich schlug die Augen auf und musste ein paar Mal blinzeln um mich an das dämmrige Licht im Zimmer zu gewöhnen. Dann sah ich mich langsam um. Ich lag in einem riesigen Raum in einem überirdisch großen Bett. Das Bett war mit teuer aussehender schwarzer Seidenbettwäsche bezogen und roch frisch gewaschen. Das Zimmer war sehr steril eingerichtet. Chrom und schwarzes Leder dominierten. Ich sah an mir herunter, und stellte fest, dass ich passend zum Raum neu eingekleidet worden war. Als wäre ich Dekorationsmaterial. Toll. Ich trug ein schwarzes Nachthemd mit Spitzenbesatz. So was besaß ich noch nicht mal, geschweige denn würde es freiwillig anziehen. Mit einem Mal war ich hellwach und setzte mich kerzengrade auf. Das Letzte an das ich mich erinnern konnte, war der Wald. Wie kam ich aus dem Wald hier her, und vor allem, wo war ich? Neben mir räusperte sich jemand. Erschrocken fuhr ich zusammen. Dann hätte ich beinahe aufgeschrien, als ich bemerkte, wer auf einem Ledersessel neben dem Bett saß. Er wirkte völlig entspannt, hatte die Beine übereinander geschlagen und die Hände locker ineinander gefaltet. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, der das dunkle Schwarz seiner Haare, die sanft sein Gesicht einrahmten, noch unterstützte. Sein Gesicht wurde von einem amüsierten Lächeln geschmückt. Seine Augen strahlten so intensiv wie noch nie. Caleb de Marco schoss mir sein Name durch den Kopf. Ohne darüber nachzudenken, zog ich mir die Decke, die bei meinem unüberlegten Aufsetzten in meinen Schoss gefallen war, bis zum Kinn hoch und setzte eine trotzige Miene auf. »Wo bin ich?«, fragte ich in einem unfreundlichen Tonfall. »In meinem Schlafzimmer«, entgegnete er trocken. »Um genau zu sein, in meinem Bett!« Ich erstarrte, fasste mich aber schnell wieder. »U-und wie komme ich hier her?« »Nun, ich denke Ihr habt Euch im Wald verirrt. Welch Glück, dass meine Schwester und ihr werter Gemahl Euch zufällig gefunden haben.« Er lächelte scheinheilig. »U-und was ist mit Chris und Pao? Geht es ihnen gut?«, fragte ich, als ich mich plötzlich erinnerte warum ich im Wald gewesen war. Er wirkte irritiert als er weitersprach. »Ihr wart allein als man Euch fand.« Einen Augenblick lang hatte er es geschafft, mich mit dem Klang seiner Stimme abzulenken. Sie klang so wunderschön, wie eine Melodie, der man ewig lauschen konnte. Er schien meine Reaktion bemerkt zu haben und lächelte. »I-ich muss gehen. Meine Freunde sind noch im Wald. Und sie haben keinen Kompass und keine Karte mehr.« Ich wollte aufstehen, erinnerte mich aber an mein unfreiwilliges Outfit und sah ihn auffordernd an. Anscheinend verstand er den Wink nicht, denn er rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Stattdessen starrte er mich an. Ungerührt davon, dass ich es mitbekam. Es war unheimlich. »I-Ich sollte jetzt wirklich gehen. Gibt es hier ein Telefon?«, fragte ich mit steigender Angst. »Macht Euch keine Sorgen, es wurde bereits alles in die Wege geleitet. Eure, …«, er hielt kurz inne als suche er nach dem richtigen Wort, dann betonte er es seltsam, »Familie… ist bereits darüber informiert, dass Ihr die Nacht hier verbringen werdet.« »Was?«, ich starrte ihn ungläubig an. »Jake weiß wo ich bin?« »Ja, er war sehr erleichtert, dass wir Euch gefunden haben, wo Ihr Euch doch im Wald verirrt hattet!« Seine Stimme war sehr bestimmend. »Hatte ich das?« »Aber ja.« Ich konnte mich nicht erinnern. Und mein Kopf tat weh umso stärker ich es versuchte. »Ich würde trotzdem lieber nach Hause, gehen«, sagte ich. »Jetzt!« »Bedaure.« Seine Stimme klang betroffen, aber die Betroffenheit wurde von dem leichten Lächeln das seine Lippen umspielte, überschattet. »Bei dem Unwetter wäre es viel zu gefährlich das Haus zu verlassen. Außerdem gibt es keine Straße zum Haus, sondern nur einen unbefestigten Weg. Bei dem ganzen Regen ist er vermutlich bereits völlig aufgelöst und selbst mit einem Geländewagen unpassierbar.« »Unwetter? Ja klar, draußen herrscht strahlender Sonnenschein.« Ungeachtet meiner peinlichen Aufmachung kletterte ich aus dem Bett und zog einen der schweren dunklen Vorhänge, die sämtliche Fenster verdeckten, zur Seite, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Mitten in der Bewegung hielt ich entsetzt inne. Gegen das Fenster prasselte der Regen wie Bindfäden vom Himmel. Der sonst so strahlend blaue Himmel war fast schwarz vor lauter Wolken. Etwas weiter weg zuckten Blitze am Horizont. Erst jetzt bemerkte ich den See. Ich konnte von hier aus über den Wald hinweg direkt auf den See blicken. Das war genau die gleiche Aussicht, die man haben musste, wenn man… Ich erstarrte. »Oh mein Gott, ich bin in der Geistervilla!«, entfuhr es mir dann, bevor ich mir erschrocken die Hände auf den Mund schlug. Aber es war zu spät. Ich wollte mich zu dem Sessel am Bett umdrehen um seine Reaktion zu sehen, und erschrak fast zu Tode, als ich fast in ihn rein lief. Er hatte unmittelbar hinter mir gestanden. Ich hatte ihn gar nicht kommen hören. »Geistervilla«, murmelte er, »mhm, der Begriff ist mir neu.« »T-tut mir leid. Ich wollte nicht…« Er sagte nichts, sondern hielt mir auffordernd eine Art Bademantel aus schwarzer Seide hin, ich nahm sein Angebot dankbar an und schlüpfte hinein. In dem freizügigen Nachthemd hatte ich mich, besonders in seiner Gegenwart, sehr unwohl gefühlt. Dann machte ich einen Schritt rückwärts um mehr Abstand zwischen uns zu bringen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl er wäre traurig, aber dann lächelte er wieder. Vermutlich hatte ich mich getäuscht. »Ähm, sind meine Sachen hier irgendwo…?«, fragte ich dann. Alles war besser als dieses Outfit. »Oh ja, verzeiht, sie waren sehr verschmutzt. Als man Euch fand, habt Ihr auf dem Waldboden gelegen. Meine Schwester war so nett Euch umzukleiden. Eure Kleidung befindet sich gerade im Waschsalon.« Erst jetzt fiel mir auf, dass er irgendwie komisch redete. So geschwollen. Wahrscheinlich einer dieser reichen Daddy-Sprösslinge die auf Elite-Unis zu perfekten Gentlemen gedrillt werden. »Oh!« Ich wusste nicht warum, aber ich wurde rot. Toll. »Ähm, dann muss ich mich wohl bei Ihrer Schwester bedanken, dass sie mir etwas von ihren Sachen zum anziehen geliehen hat«, lenkte ich schnell ab. »Nein, das müsst Ihr nicht. Die Sachen die Ihr gerade tragt, stammen nicht von meiner Schwester.« Er lächelte vor sich hin. »Oh, na dann bei Ihrer ähm Frau?« Die Idee ließ mich, warum auch immer, aufatmen. Wobei er auf mich sehr jung wirkte. Zu jung um verheiratet zu sein. Aber ich war noch nie gut im Schätzen gewesen. Besonders wenn es ums Alter ging. Seine Augen verengten sich. »Nein, auch nicht bei meiner Frau. Ich bin unverheiratet und alleinstehend, falls das Eure nächste Frage gewesen wäre.« Er sah mir so durchdringend in die Augen, dass ich automatisch noch einen Schritt rückwärts machte. »Die Sachen gehören Euch«, erklärte er dann ruhig. »Betrachtet sie als eine Art Geschenk.« »Ähm, das ist wirklich sehr großzügig, aber absolut unnötig, ich…« Weiter kam ich nicht. »Es gefällt Euch nicht.« Er klang gekränkt. »D-doch, es ist toll. Wirklich. Wunderschön. Ich, ähm, bin nur so exquisite«, tolles Wort, war das wirklich mir eingefallen, »Kleidung nicht gewöhnt. Nicht, dass ich etwas kaputt mache. Es war bestimmt teuer!«, wich ich aus. Sein Lächeln kehrte zurück. Unglaublich wie schnell man dieses Lächeln vermissen konnte, sobald es nicht mehr da war. »Ähm, kann ich wohl mal telefonieren?« Ich musste unbedingt Jake anrufen. Er würde mich bestimmt abholen. »Selbstverständlich.« Er griff in seine Hosentasche und beförderte ein kleines Handy ans Licht. Natürlich in schwarz. Als er es mir gab, kam es mir so vor, als würde er sehr darauf bedacht sein, dass sich unsere Hände nicht berührten. Ich sah schon überall Gespenster. Ich wählte, dann hielt ich inne. Er stand nun wieder sehr nah. Unangenehm nah für meinen Geschmack. Er bemerkte meinen Blick. »Ich werde mich dann wohl für einen Moment entschuldigen.« Damit verließ er den Raum. Ich wartete bis er die große Doppeltür hinter sich geschlossen hatte und wählte neu. »Green«, meldete sich Jakes Stimme. »Jake, oh mein Gott…« Er unterbrach mich. »Kate! Gott sei Dank. Weißt du eigentlich was ich mir für Sorgen gemacht habe? Wie konntet ihr nur so leichtsinnig sein. Verstecken spielen im Wald. Lass mich raten, das war bestimmt Chris Idee. Ich hab mich mal umgehört. Chris gehört mit zu den Unruhestiftern der Schule. Tut mir leid, ich hätte ihn eher überprüfen müssen.« »Verstecken?«, fragte ich verwirrt. »Ja, Chris und Pao kamen hier ganz kleinlaut an und meinten sie hätten dich dabei im Wald verloren. Keine Angst, dich trifft keine Schuld. Dafür bist du zu neu, du kennst dich noch nicht gut genug aus. Du hast verdammtes Glück gehabt, dass dich die de Marcos zufällig gefunden haben. Nicht auszumalen was passiert wäre, wenn du jetzt noch, bei dem Wetter, im Wald herumirren würdest.« Jake klang besorgt. »Ja. Ähm, da hab ich wohl Glück gehabt.« »Und wie. Normalerweise ist in dem Teil des Waldes sonst niemand. Geht es dir gut? Mr. de Marco meinte du wärst sehr erschöpft gewesen und gleich eingeschlafen.« »Ähm, ja. Bin gerade wach geworden. Mir geht’s gut.« »Gott sei Dank. Die de Marcos sind wirklich nette Leute, sie haben sofort angeboten, dass du über Nacht in einem der Gästezimmer bleiben kannst und sie bringen dich morgen sogar nach Hause. Und das, wo sie grade erst hergezogen und bestimmt noch mitten im Umzugsstress sind. Sag Mr. de Marco noch mal wie dankbar wir sind, dass sie sich um dich gekümmert haben.« »Ja, ähm, mach ich.« Von wegen Gästezimmer, dachte ich grimmig. »Ich weiß echt nicht, was ich getan hätte, wenn dir etwas zugestoßen wäre, Kate. Versprich mir, dass du so etwas nie wieder tust.« »Ja, versprochen. Das war, ähm, wirklich dumm von uns.« »Hauptsache es ist keinem was passiert.« Jake hatte gerade den Satz beendet, da piepte das Handy. Ich schaute auf das Display. Es wurde gewarnt, dass der Akku fast leer war. »Jake, ich muss Schluss machen. Der Akku ist gleich leer.« »Ja, ich hör‘s piepen. Ok, schlaf schön. Ich…« Den Rest des Satzes hörte ich nicht mehr. Die Leitung war tot. Trotzdem stand ich noch einen Augenblick da, und starrte auf das leblose Telefon in meiner Hand. Ich sah auf als sich die Tür öffnete. Mr. de Marco kam herein geschwebt. Und man konnte wirklich fast sagen, geschwebt, da er nicht ging, sondern sich fast schwebend fortbewegte, seine Bewegungen wirkten alle irgendwie ungewöhnlich fließend. Als hätte er gewusst, dass das Telefonat beendet war. Hatte er gelauscht? »Verzeiht, ich wollte klopfen, aber die Türen sind sehr massiv.« Ich nickte nur, also doch nicht gelauscht. Aber woher wusste er dann, …, egal, wahrscheinlich Zufall. »Ich befürchte ich habe Ihren Akku aufgebraucht, Mr. de Marco.« Ich lächelte entschuldigend. Er nahm vorsichtig das Handy aus meiner Hand. »Das macht überhaupt nichts. Ihr könnt mich übrigens Caleb nennen.« Er lächelte mich wieder an. Je länger er mich anlächelte, desto mehr hatte ich das Gefühl die Welt um mich herum zu vergessen, es war als würde ich in seinem Lächeln versinken. Ich sah zu Boden und befreite mich aus seinem Bann. »Ähm, gerne. Ich bin übrigens Kate. Ich soll Ihnen von Jake nochmals vielen Dank ausrichten. Dass ich hier übernachten kann und so.« Ich wurde wieder rot. Warum immer ich! »Glaubt mir, es ist mir eine außerordentliche Freude Euch hier zu haben«, sagte er mit einem komischen Unterton. »Habt Ihr einen Wunsch? Kann ich Euch irgendetwas bringen lassen?« »Nein nein, wirklich, ich bin schon froh genug, dass ich bei dem Wetter ein Dach über dem Kopf habe.« Ich lachte nervös auf. Wieso war ich plötzlich nervös. »Ich versichere Euch, dass Ihr in diesem Haus immer willkommen seid. Mehr als Ihr Euch vorstellen könnt.« »Ähm, danke. Das ist sehr nett von Ihnen.« Als ob ich jemals freiwillig in diese Haus zurückkehren würde, jetzt wo ich wusste wer dort lebte. Ich wickelte mich dichter in den Bademantel ein und zog die Schärpe enger. Falls er es bemerkt hatte, überspielte er es gut. »Worauf habt Ihr Lust? Oder wollt Ihr mir etwa weismachen, Ihr wäret schon wieder müde.« »Nein, müde bin ich nicht. Aber ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen. Wo Sie doch gerade erst hergezogen sind.« Klartext, ich würde den Abend lieber allein, als in seiner Gesellschaft verbringen. Er verstand den Wink nur leider nicht. »Oh nein, keine Sorge. Das Haus ist schon länger in Familienbesitz. Wir leben hier immer mal wieder. Je nach dem wohin uns unsere Arbeit gerade verschlägt.« »Was arbeiten Sie denn?« Sehr gut, ein neutrales Thema. »Finanzen. Aktienspekulationen und so. Sehr uninteressant. Glaubt mir. Was haltet Ihr davon, wenn Ihr mir etwas über Euch erzählt. Was macht Ihr gerne in Eurer Freizeit? Eure Interessen?« »Ähm, das ist…«, persönlich und geht Sie gar nichts an, hätte ich am liebsten geschrien. Mir wurde seine Gegenwart immer unangenehmer. »… wirklich total langweilig, glauben Sie mir.« Ich versuchte zu lächeln und scheiterte kläglich. Als er die Hand hob, zuckte ich zusammen und wich panisch einen weiteren Schritt zurück. Er sah mich an und mit einem Mal wirkte er gekränkt. Ich konnte seine Augen nicht sehen und er hielt den Blick gesenkt, als er mit gedämpfter Stimme sprach: »Ihr habt noch immer Angst vor mir. Sagt, was kann ich tun um Euer Vertrauen zu gewinnen.« Ich wusste nicht was ich sagen sollte und so wurde der Raum einen Augenblick lang von absoluter Stille beherrscht. Dann holte ich tief Luft. Eigentlich wollte ich sagen, dass ich generell sehr schreckhaft war und das nichts mit ihm zu tun hatte, stattdessen sagte ich, mal wieder ohne drüber nachzudenken: »Was wollen Sie eigentlich von mir? Ich meine, bei dem Motel, als Jake auf Sie geschossen hat, was haben Sie da gemacht? Oder im Wald, wobei ich mir da schon nicht mehr sicher bin, ob es überhaupt passiert ist. Als Sie mich berührt haben und ich dann eine gewischt bekommen habe. Oder auch jetzt wieder. Ich kann mich nicht erinnern was genau im Wald passiert ist, aber ich bin mir sicher, dass wir nicht Verstecken gespielt haben. Ich weiß noch, dass ich im Wald einem Tier oder so gefolgt bin. Das kann doch alles kein Zufall sein. Wie haben Sie mich gefunden und was zur Hölle wollen Sie von mir?« Ich hatte lauter gesprochen als beabsichtigt und meine Hände zu Fäusten geballt, ohne es zu merken. Jetzt wo ich alles rausgelassen hatte, ging es mir besser. Ich starrte ihn erwartungsvoll an. »Eine gewischt bekommen? So erklärt Ihr Euch was zwischen uns passiert ist?« Er lachte auf. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen amüsiert und traurig, eine bizarre Mixtur. Und wie er das ›uns‹ betonte, gefiel mir auch nicht. »Nein, Ihr habt Recht, ich bin Euch eine Erklärung schuldig und ich verspreche Euch diese auch zu geben, aber vorher, seid so nett und beantwortet mir eine Frage.« Er sah mich fragend an. Ich nickte nur still als Antwort, er fuhr fort: »Schön, man hat Euch Tabletten gegeben. Drei verschiedene. Sagt mir nur wann Ihr sie zum ersten Mal nehmen musstet und wann Ihr sie zum letzten Mal genommen habt.« Er wartete. Ich fühlte mich, als hätte mich etwas Hartes mitten ins Gesicht getroffen. Sein durchdringender Blick bohrte sich tief in meinen. Ich spürte, wie mir schwindelig wurde, ich atmete tief durch, um das Gefühl zu vertreiben. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, ich hatte in den letzten Tagen versucht, Dr. Smith und alles was mit ihm zusammenhing aus meinen Kopf zu verbarrikadieren. Aber jetzt wo er die Tabletten erwähnte, stürzte all das wie ein Kartenhaus über mir zusammen. All die Jahre hatte ich ihm blind vertraut, hatte alles getan was er verlangt hatte, ohne nachzufragen. Ich hatte wirklich geglaubt er wolle mir nur helfen, aber jetzt, wollte er das wirklich? Vielleicht hatte Jake Recht gehabt mit seiner Vermutung die Tabletten wären Drogen gewesen. Vielleicht hatte Dr. Smith mich unter Drogen gesetzt, oder Medikamente an mir getestet, die noch nicht zugelassen waren. Wer weiß was ich da jahrelang genommen hatte. Der Gedanke machte mir Angst und ich schluckte. »W-Woher wissen Sie von den Tabletten?«, fragte ich schließlich, da Caleb noch immer auf eine Antwort wartete. Er antwortete nicht und sah mich ungerührt weiter wartend an. Als hätte es meine Frage gar nicht gegeben. Ich wurde sauer. »Was haben eigentlich alle mit diesen bescheuerten Tabletten? Es waren nur ganz einfache Schlafmittel gegen meine Albträume. Die kriegt man in jeder Apotheke!« Ich verschränkte wütend die Arme vor der Brust. »Albträume?« fragte er und legte die Stirn in Falten. Er sah nachdenklich aus. »Ihr schlaft?« »Nicht wirklich gut, eben weil ich Albträume habe. Daher ja auch die Tabletten!«, knurrte ich unfreundlich zurück. Blöde Frage. Er schien verwirrt. »Aber Ihr schlaft! Ihr werdet müde und schlaft?« »Ja, ich hab doch vorhin auch geschlafen! Natürlich schlafe ich. Jeder schläft! Was ist das denn für eine bescheuerte Frage?« »Faszinierend«, murmelte er. »Total«, meinte ich nur gelangweilt. »Denkt bitte nach, an welchem Tag genau habt Ihr die Pillen das letzte Mal genommen?« Sein Blick machte mir langsam Angst. »I-Ich weiß nicht. Warum ist das so wichtig?« »Denkt nach!« Er machte einen Schritt auf mich zu. »I-Ich…, also ich hatte samstags immer einen Termin bei Dr. Smith, da hab ich immer das Rezept bekommen und hab hinterher direkt die Tabletten abgeholt. Aber nach meinem letzten Termin bei Dr. Smith war ich mit Schulfreunden im Kino, da hab ich sie in meiner Tasche bei Tyler im Wagen vergessen. Er hat sie zwar noch vorbeigebracht, aber Jake hat sie weggeworfen, er dachte es wären Drogen.« Ich sah auf. »Wann genau war das? Welcher Samstag?« Er wollte es wirklich genau wissen. »Keine, Ahnung, heute ist Mittwoch, also vor etwas über zwei Wochen. Warum?« »Weil man sagt, dass es circa zwanzig Tage dauert, bis ein Medikament, das über Jahre hinweg genommen wurde, anfängt den Blutkreislauf zu verlassen.« Er sah mich vielsagend an. Als hätte er gerade etwas gesagt und meine Antwort hätte, ach so, oder, verstehe, sein müssen. Das Problem war, ich verstand rein gar nichts. »Ähm, und? Ist doch egal. Das Zeug hat eh nichts gebracht, ich hatte trotzdem Albträume und konnte nicht wirklich viel mehr schlafen als sonst. Von daher ist es doch egal ob es in mir ist oder nicht!« Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Er sah mich ernst an. »Oh nein, glaubt mir, es macht sogar einen großen Unterschied. Heute ist Tag achtzehn. Noch zwei Tage, dann geht es los!« Es wirkte fast so, als würde er jetzt mit sich selbst sprechen. »Toll, noch zwei Tage und das Medikament verlässt meinen Körper. Wirklich, echt aufregend.« Irgendwie verstand ich seine Aufregung über diese Tatsache nicht so ganz. »Nein, nein«, murmelte er, »das meinte ich nicht.« »Und was dann?«, fragte ich, endgültig verwirrt. Er überlegte einen Moment, dann lächelte er geheimnisvoll und meinte dann nur: »Wir werden sehen.« Ich verdrehte genervt die Augen. Soviel Theater für ein ›Wir werden sehen!‹ ganz toll! »Ok, ok, Sie haben Ihre Frage beantwortet bekommen. Was ist jetzt mit meiner?« Sein Lächeln verschwand. »Selbstverständlich. Ich halte meine Versprechen. Aber ich denke wir sollten uns setzen.« Sein Blick wanderte zum Bett und dem Sessel. Ich schüttelte entschieden den Kopf. »Mein Arbeitszimmer?«, schlug er vor. Ich nickte zustimmend. Hinter der dicken Holztür lag ein langer Flur. Die Wände waren hoch und hell und an ihnen hingen alt wirkende Gemälde. Sie zeigten fast alle Landschaften. Es kam eine weitere Tür. Er musste meinen Blick bemerkt haben. »Noch etwas weiter.« Ich folgte ihm, als er an der Tür vorbeiging. »Das Zimmer Eurer Schwester?«, fragte ich und versuchte beiläufig zu klingen. »Nein, das Haus ist relativ groß, es ist genug Platz, so dass jeder von uns einen eigenen Teil hat.« »Also ist das hier dann Ihr Teil?« »Ähm, ja, sozusagen.« »Wie viele Personen genau leben denn in diesem Haus?« »Zurzeit mit mir fünf!« »Wow, das heißt Ihnen gehört ein Fünftel von diesem Haus? Nur für Sie allein?« Ich dachte an die vielen Fenster zurück, die ich vom See aus gesehen hatte. Das Haus war riesig. »Nein, eigentlich gehört mir ein Drittel!« »Was? Aber ich dachte…« Ich sah ihn fragend an. Er lächelte wieder sein umwerfendes Werbelächeln, aber damit konnte er mich diesmal nicht von der Frage ablenken, falls das sein Plan gewesen sein war. »Meine Schwester und mein Bruder haben beide bereits den Partner fürs Leben gefunden. Daher zählen wir uns als Pärchen.« »Oh. … Aber Sie sind allein!«, stellte ich fest, ohne darüber nachzudenken. »Ja, aber ich denke, dass sich dieser Zustand in naher Zukunft ändern wird. In sehr naher Zukunft!« Wieder dieser Blick. »Das freut mich für Sie«, sagte ich und wich damit seinem durchdringenden Blick aus. Wir waren am Ende des Ganges angekommen und standen vor einer weiteren riesigen doppelseitigen Holztür. Er hielt sie auf und meinte: »Wenn ich bitten darf.« Ich folgte seiner Aufforderung und ging an ihm vorbei ihn den Raum. Der Raum erinnerte mich sofort an sein Schlafzimmer. Er war riesig. In der Mitte stand ein großer Schreibtisch. Davor standen zwei bequem aussehende schwarze Ledersessel. Er nahm in dem hinter dem Schreibtisch stehenden riesigen schwarzen Drehsessel platzt. Ich sah mich weiter um. An einer Wand stand eine Reihe von prall gefüllten Bücherregalen. An der anderen ein Sofa und zwei weitere Sessel, in der Mitte ein kleiner Tisch. Alles war in Schwarz und Silber gehalten. Es passte seltsamerweise zu ihm. Unheimlich und dunkel! An den Wänden hingen ebenfalls Gemälde, aber sie wirkten moderner, selbst da hatte er es geschafft Bilder zu finden, die in Grautönen gehalten waren. »Gefällt Ihnen die Einrichtung nicht?« Er hatte mich beobachtet. Ich merkte wie ich rot wurde. »Ähm, ich denke das ist wohl Geschmackssache!«, wich ich aus und mied seinen Blick »Aber Euer Geschmack wurde nicht getroffen?«, hakte er interessiert nach. »Es, ähm, ist nur alles etwas farblos. So dunkel!« Er ließ seinen Blick selbst durch sein Büro schweifen und nickte dann verständnisvoll. Als wäre ihm vorher nie aufgefallen, in welchen Farben sein Büro gestaltet war. »Hauptsache Ihnen gefällt es, nicht wahr?«, versuchte ich ihn abzulenken. »Zurück zu meiner Frage!« So langsam wurde ich neugierig. »Sicher, Eure Frage. Ihr wolltet wissen, warum ich in jener Nacht bei dem Motel war? Ganz ehrlich? Ich habe Euch gesucht! Seit sehr langer Zeit habe ich versucht Euch zu finden. Ich hatte bereits vor einiger Zeit aufgegeben. Glaubte Ihr wäret nicht mehr am Leben, und dann hat uns ein Zufall doch noch zusammengeführt!« Ich war sprachlos. Das war definitiv nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. »Ähm, warum haben Sie mich gesucht? Sie kennen mich doch gar nicht, oder hab ich was verpasst?« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und seufzte tief. »Das hier ist nicht einfach. Ich habe mir diesen Moment so oft in meinem Kopf ausgemalt, mir tausende von Malen vorgestellt wie es wäre, Euch gegenüber zu sitzen. Ich habe versucht mir vorzustellen wie Ihr ausseht, wie Eure Stimme klingt, was Ihr anhaben würdet, aber diese Version war nie dabei. Mhm, versteht mich nicht falsch, aber Ihr seid nicht ganz das, was ich erwartet habe.« Er sah auf und seine Augen strahlten mich an. Ich war total verwirrt und bereute bereits die Frage überhaupt gestellt zu haben. Eigentlich bereute ich gerade sogar, überhaupt in den Wald gegangen zu sein. Wäre ich nicht mit Chris und Pao in den verdammt Wald gegangen, dann wäre ich jetzt nicht mit diesem seltsamen Mann in diesem unheimlichen Haus. Eigentlich wünschte ich mir nur, und das war irgendwie witzig, da ich sonst hoffte keine Albträume zu haben, dass ich die Augen aufschlug und dieser Albtraum enden würde. »Wen habt Ihr denn erwartet? Madonna?«, fragte ich gereizt. »Nein…« Er überlegte einen Moment lang bevor er schließlich weitersprach. »Eigentlich habe ich jemanden erwartet, der so ist wie ich!« Er sah mich an. »Ok, Sie haben mich verloren.« Er lachte. Und sein Lachen ließ mein Herz schneller schlagen. Es klang so wunderbar. Wie eine eigene Melodie. Ein Lied, nur für mich. Er sah mich an und lächelte dann, als wüsste er, was für eine Wirkung sein Lachen auf mich hatte. Ich wurde rot. Toll. »Ich habe Euch eine Antwort versprochen, und ich halte meine Versprechen, aber in Euerem besonderen Fall würde ich es vorziehen, mit der Antwort, die Euch ohne Zweifel zusteht, noch zwei Tage zu warten.« »Was?«, rief ich. »Warum? Das ist nicht fair!« »Ich weiß, und es tut mir auch aufrichtig leid Eurer Frage nicht sofort nachkommen zu können, aber ich befürchte, dass Ihr zu diesem Zeitpunkt die Antwort noch nicht verstehen würdet.« Seine Stimme war sehr ruhig als er sprach. »Ach ja? Aber in zwei Tagen?« »Genau!« »Wissen Sie was? Sie können mich mal gern haben. Ist mir eigentlich auch egal, wen oder was Sie erwartete haben. Und da Sie mich ja jetzt gefunden haben, können Sie ja aufhören zu suchen und mich verdammt noch mal in Ruhe lassen.« Ich war wütend aufgesprungen und ging mit großen Schritten zurück zur Tür. Ich wollte einfach nur noch weg. Weg von ihm und seinen komischen Andeutungen. »Ihr seid sauer?«, fragte er, kurz bevor ich die Tür erreicht hatte. Seine erstaunte Stimmlage ließ mich wütend herumfahren. »Natürlich bin ich sauer. Verdammt noch mal. Erst verfolgen Sie mich, erschrecken mich fast zu Tode, verschaffen mir schlaflose Nächte, weil ich dachte Jake hätte Sie erschossen, lauern mir im Wald auf, und jetzt, wo ich frage warum, sagen Sie mir Sie könnten es mir erst in zwei Tagen sagen, weil ich es heute noch nicht verstehen würde! Hallo? Wer wäre da denn nicht sauer. Das ganze hier ist lächerlich!« Ich war stinksauer. Zu meinem Entsetzen lächelte er als ich ihm ins Gesicht sah. So langsam konnte ich sein Lächeln nicht mehr sehen. »Ich verschaffe Euch schlaflose Nächte!«, wiederholte er fasziniert. Ich starrte ihn an. Sprachlos. »Was?« »Ihr habt gerade gesagt, ich würde Euch schlaflose Nächte verschaffen. Denkt Ihr nicht, dass das ein Zeichen sein könnte?« »Ein Zeichen?«, wiederholte ich verdutzt. »Ja, eine Art Schicksalsdeutung!« »Ja klar.« Ich war wieder sauer als ich merkte worauf er hinauswollte. »Ich denke Sie interpretieren das gar nicht mal so falsch. Das ist ein Zeichen dafür, dass Sie mich ganz dringend in Ruhe lassen sollten. Sie sollten sich in Zukunft so weit von mir fernhalten wie nur irgendwie möglich.« Er lächelte nur. »Und hören Sie endlich auf so blöd zu lächeln. Das macht mich wahnsinnig!«, schrie ich. »Oh nein, das macht Euch nicht wahnsinnig. Nicht mein Lächeln macht Euch wahnsinnig, sondern der Gedanke, dass Ihr es anziehend findet! Das macht Euch wahnsinnig. Weil Ihr es nicht versteht. Noch nicht.« Er lächelte wieder geheimnisvoll. Ich starrte ihn nur mit offenem Mund ungläubig an. »Ach ja, glauben Sie mir, ich finde gar nichts an Ihnen anziehend. Und schon gar nicht Ihr Lächeln. Im Gegenteil, um ganz ehrlich zu sein, ich finde Sie unheimlich. Alles an Ihnen. Kein Wunder, dass Sie in meinen Albträumen vorkommen!« Die Tatsache, dass sein Lächeln stärker wurde, ließ die Wut in meinem Bauch ins Unermessliche steigen. »Seid Ihr sicher, dass es sich bei Eurem Traum um einen Albtraum gehandelt hat? Oder wollt Ihr einfach nur nicht wahrhaben, dass Ihr insgeheim von mir träumt?« Einen Moment lang war ich überrascht von so viel Überheblichkeit. »Wissen Sie was, ich hasse Sie. Und glauben Sie mir, wenn ich könnte, würde ich jetzt so viel Abstand zwischen uns beide bringen, wie nur irgendwie möglich. Und ich schwöre Ihnen, sobald dieser Sturm morgen vorbei ist, werde ich gehen und ich werde dieses Haus nie wieder betreten!« Meine Hände zitterten leicht, als ich mich umdrehte und endlich die Türklinke herunterdrückte. »Wusstet Ihr«, sagte er mit ernster Stimme, trotzdem lächelte er weiter vor sich hin, »dass Hass das einzige Gefühl ist, das genauso stark ist wie Liebe?« »Was?« Dieser Satz schaffte es, mich noch mal herumfahren zu lassen. »Ich meine nur, dass es mich freut, dass Ihr ein Gefühl für mich empfindet, das wahrer Liebe gleichkommt, das ist alles!« »Ich glaub das alles einfach nicht«, murmelte ich und ließ die Tür hinter mir so laut zuknallen wie ich konnte. Zurück in seinem Schlafzimmer stand ich unschlüssig vor der Tür. Anscheinend gab es keinen Schlüssel, also konnte ich mich nicht einschließen. Aber ich war trotz allem Gast in diesem Haus, ich konnte nicht einfach durchs Haus laufen und mir ein anderes Zimmer suchen. Egal wie sehr mich der Gedanke anwiderte in seinem Schlafzimmer zu sein. Wütend riss ich die Bettdecke vom Bett. Ich würde garantiert nicht freiwillig in seinem Bett schlafen. Ich setzte mich auf eins der Sofas an der Wand und sah mich um. Der Raum war schon fast zu groß um als Zimmer bezeichnet zu werden. Es fehlten nur Wände und es war eine Wohnung für eine vierköpfige Familie. Großkotzig und überheblich. Das war er. Und genau das spiegelte der Raum wider. Ich wollte nur noch nach Hause. Zu Jake. In sein kleines Zimmer, weit weg von diesem Albtraum. Ich stand auf und ging zum Fenster. Es regnete immer noch in Strömen. Verdammt. Und ein Telefon gab es hier auch nicht. Die Fenster gingen bis zum Boden, ich schob einen der schweren Vorhänge ganz zur Seite, setzte mich auf den Boden davor, lehnte mich an die Wand, zog mir die Bettdecke bis zum Kinn und starrte in die verregnete Dunkelheit. Man sah wie sich der Mond im See spiegelte. Und wie die Wolken langsam über ihn hinweg glitten. Irgendwie war es seltsam, obwohl draußen ein gigantischer Sturm tobte und im Hintergrund immer wieder Blitze zuckten, deren Licht den Raum für Sekunden komplett erhellte, wirkte es ungemein friedlich. Als ich aufwachte, lag ich wie durch Geisterhand wieder in seinem Bett. Ich rieb mir stöhnend den Kopf. Dann ließ ich den Kopf langsam zur Seite gleiten und sah erwartungsvoll zu dem Sessel neben dem Bett. Ich wurde nicht enttäuscht. Dort saß er, als würde er dort hingehören. In seiner ganzen kranken Perfektion. Sein Haar glänzte und wirkte perfekt gestylt. Er trug andere Sachen als gestern. Eine schwarze Jeans und ein schlichtes schwarzes Hemd. Dadurch wirkte er noch mal etwas jünger. Und natürlich lächelte er wieder. Die Wut von gestern war sofort wieder da. »Guten Morgen, habt Ihr gut geschlafen?«, fragte er, als wäre es das normalste der Welt, dass er neben meinem Bett saß und mir beim Schlafen zuschaute. »Hat Ihnen noch nie jemand gesagt, dass es sich nicht gehört, fremde Leute beim Schlafen zu beobachten?«, fragte ich gereizt. »Schon, es sei denn, die besagte Person schläft in dem Bett des Beobachters und der Beobachter war besorgt, dass besagte Person Albträume in einem fremden Haus haben würde und wollte ihr im Fall der Fälle beistehen.« Seine Augen blitzten als er fortfuhr: »Aber ihr hattet keine Albträume!« »Nein, heute nicht.« Ich sah in seine leuchtenden Augen und sie machten mich unglaublich wütend. Ich war mir noch nicht mal sicher warum. »Wie auch, wenn der Inhalt des Traums neben einem sitzt! Ein Traum kann schlecht gruseliger sein, als die Realität, nicht wahr?« Ich hoffte ihn verletzt zu haben, dass ihm sein dämliches Lachen im Gesicht zu Eis gefrieren würde, stattdessen begann er wieder sein atemberaubendes Lachen. Er kriegte sich kaum mehr ein. Und das Unheimliche war, dass je länger ich diesem wunderbaren Lachen zuhörte, desto mehr wollte ich ihn zum Lachen bringen. Ich wollte, dass er glücklich war. Verwirrt schüttelte ich den Kopf und erinnerte mich daran, dass ich sauer auf ihn war. Mein Blick fiel auf den Stapel ordentlich zusammengefalteter Wäsche am Ende des Bettes. Meine Kleidung. Erleichtert kletterte ich aus dem Bett und nahm die Sachen. »Ich bin im Bad!«, knurrte ich und ging. Im Bad erwartete mich eine Überraschung. Und das war noch nicht mal die Tatsache, dass alles in dunkelgrauem Marmor gehalten war und die schwarzen Handtücher über chromfarbenen Stangen hingen. Nein, vielmehr die Tatsache, dass auf dem Waschbecken eine noch originalverpackte Zahnbürste, in einem neuen Becher steckte. Daneben eine unbenutzte Tube Zahnpaste. Das Unheimliche hier war, dass es genau die gleiche Zahnbürste war, die ich zu Hause immer gekauft hatte. Sogar die gleiche Farbe, die ich immer nahm. Rot. Und die Zahnpastasorte benutze ich auch schon seit ich sieben war. Mit zittrigen Fingern öffnete ich die Packung und nahm die Bürste heraus. Das konnte nur ein dummer Zufall sein. Es gab zwei Waschbecken nebeneinander. Meine Zahnbürste stand auf der linken Seite in einem identischen Becher, wie seinem auf der rechten Seite. Ich schluckte. Dann öffnete ich langsam den schwarzen hohen Schrank der neben der riesigen Spiegelwand eingelassen war. Ich schluckte wieder. Dort lag eine nagelneue Haarbürste, es wunderte mich schon nicht mehr, dass es die Gleiche war, die ich zu Hause gehabt hatte. Daneben ein Haargummi, der genau wie einer von meinen aussah. Dann gab es noch Duschgel und Haarshampoo, auch hier meine Standardmarke und der Duft den ich seit Jahren kaufte. Ich konnte nicht anders und schielte zur Dusche. Ich brauchte dringend eine Dusche. Aber die Tür zum Bad konnte man auch nicht abschließen. Andererseits, das würde selbst er nicht bringen. Ich biss mir auf die Lippe, dann nahm ich eins der frischen Handtücher und nahm die wohl schnellste Dusche meines Lebens. Als ich schließlich, mit noch nassen Haaren aber in meinen eigenen Klamotten, frisch geduscht vor ihm stand, ließ ich mir nichts anmerken. Ich tat als wäre nichts gewesen. Als wäre es ganz normal, dass er wusste was für ein Haarshampoo ich benutzte und es zufällig in einem, bis auf meine Sachen, leeren Badschrank stehen hatte. »Wollen wir?«, fragte er höflich, als er aufstand. Ich nickte nur. In dem Augenblick knurrte mein Magen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich seit gestern, nein, ich hatte gestern auch nicht gefrühstückt, verdammt, seit vorgestern, nichts mehr gegessen hatte. Mein Gesicht lief dunkelrot an. Er starrte mich mit erschrockenem Gesichtsausdruck an und fragte dann mit ungläubiger Stimme: »I-ihr habt Hunger?« »Nur ein bisschen, aber ich frühstücke lieber zu Hause!«, stellte ich sofort sicher, dass er nicht auf die Idee kam, meine Zeit in dieser Hölle um ein Frühstück zu verlängern. »Aber Ihr esst? Normales Essen?« »Kommt zwar drauf an, was genau Sie unter normal verstehen, aber ja, ich esse. Und ja, ich schlafe auch. Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie echt seltsam sind? Wenn wir jetzt bitte fahren könnten!« »Natürlich!« Sein ungläubiger Blick blieb, als er mich interessiert musterte bevor er mir die Tür aufhielt. Wir gingen diesmal in die andere Richtung des Flurs. Er führte zu einer gigantischen Treppe, die in eine riesige Eingangshalle und zur offensichtlich zu erkennenden Haustür führte. Erleichtert atmete ich auf. Nur noch ein kleines Stück, dann war ich frei. Draußen atmete ich erst mal tief ein und genoss die frische Luft. So musste sich jemand fühlen, der aus dem Gefängnis entlassen wurde. Frei. »Die Luft ist unglaublich nach einem Regenschauer, nicht wahr? Irgendwie frisch. Und sie riecht anders«, stellte Caleb neben mir fest. »Ja…«, murmelte ich nur. Ich sah wie er sich eine Sonnenbrille aufsetzte. Mein Blick wanderte zum Himmel. Er war noch immer mit Wolken behangen. Außerdem war es noch recht früh, die Sonne stand noch so niedrig, dass sie hinter all den Bäumen kaum zu sehen war. Auf jeden Fall kein Sonnenbrillenwetter. Angeber, dachte ich. Ein paar Metern von uns entfernt stand ein großer schwarzer Geländewagen. Er ging darauf zu und ich folgte. Als er mir die Tür der Beifahrerseite aufhielt, verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Wissen Sie, Sie müssen mir nicht dauernd die Türen aufhalten. Ich bin durchaus im Stande, sie selbst zu öffnen.« Er grinste. »Da wo ich herkomme, gehört es zum guten Ton einer Dame die Tür zu öffnen.« »Was wenn ich keine Dame bin?«, fragte ich schnippisch während ich einstieg. »Daran lässt sich arbeiten«, meinte er, während er an der Fahrerseite einstieg. Wir fuhren los. Ich bemühte mich nicht in seine Richtung zu sehen, sondern starrte aus dem Seitenfenster. Der Weg war wirklich schlammig und nur schwer passierbar. Er fuhr sehr langsam. »Ich denke ich schulde Euch ein Frühstück«, fing er ein Gespräch an. »Glauben Sie mir, Sie schulden mir rein gar nichts. Es war sehr nett von Ihnen, dass ich über Nacht bleiben konnte, und ich muss mich dringend bei Ihrer Schwester dafür bedanken, dass sie mir vermutlich das Leben im Wald gerettet hat, aber Sie, nein, Sie schulden mir gar nichts.« »Was haltet Ihr davon, wenn ich Euch morgen zum Frühstück einlade?« »Hören Sie, das ist zwar sehr nett gemeint, aber was ich gestern Abend gesagt habe, habe ich ernst gemeint. Sie sollen mich in Ruhe lassen. Außerdem bin ich mit Jake zusammen, ich denke nicht, dass er begeistert wäre, wenn ich mit irgendwelchen fremden Männern essen gehe!«, machte ich meinen Standpunkt klar. »Ach ja, Jake!« Er lachte sein wunderbares Lachen, es klang leicht spöttisch. Ich sah ihn an. »Ja Jake! Der Jake, der Sie schon einmal, ohne mit der Wimper zu zucken, erschossen hat. Nur so nebenbei, ich denke er würde es wieder tun!« »Vielleicht sollten wir das Detail, dass ich in jener Nacht vor dem Motel war, für uns behalten. Wir wollen Jake doch nicht beunruhigen…«, meinte er beiläufig. Verdammt. Er hatte Recht. Jake würde durchdrehen, wenn er wüsste wer Caleb war. Wahrscheinlich säße ich innerhalb der nächsten halben Stunde in einem Flieger nach wer weiß wo. Nicht gut. »Schön, ich sage Jake nichts. Aber Sie lassen mich dafür in Ruhe!« »Wieso? Denkt Ihr, Euer Freund Jake käme mit etwas Konkurrenz nicht zurecht?« »Was? Nein, ich befürchte nur, Sie wären keine Konkurrenz. Noch nicht mal annähernd.« »Ihr verletzt mich zutiefst.« Er grinste. »Und es tut mir noch nicht mal leid. Sollte Ihnen das nicht zu denken geben?« »Nein, eigentlich nicht. Außerdem, ich habe mein ganzes Leben auf Euch gewartet, da werde ich es bis morgen auch noch aushalten.« »Oh mein Gott. Was haben Sie eigentlich immer mit Ihren zwei Tagen. Morgen wird gar nichts passieren. Morgen ist Freitag. Weiter nichts. Ein ganz normaler Tag. Und was immer Sie sich erhoffen, bloß weil sich die Medikamente langsam abbauen, wird nicht passieren. Was soll schon passieren?« »Habt noch etwas Geduld. Morgen Nacht werde ich Euch alles erklären können. Dann werdet Ihr es verstehen.« »Ach ja? Tja, das würde dann ja wohl voraussetzen, dass wir uns morgen Abend sehen, nicht wahr? Aber wissen Sie was, da muss ich Sie enttäuschen. Sie glauben ja wohl nicht im Ernst, dass ich jemals wieder freiwillig einen Fuß über Ihre Türschwelle setze. Was immer Sie sich da ausmalen, lassen Sie es. Es wird nicht passieren.« »Wir werden sehen…«, flüsterte er geheimnisvoll. Den Rest der Fahrt schwiegen wir. Sehr zu meiner Freude. Ich war so weit von ihm weggerutscht wie nur möglich. Er tat als würde es ihm nicht auffallen. In Gedanken verfluchte ich mich bereits, Jake nicht gebeten zu haben mich abzuholen. Aber vermutlich wäre er mit seinem Wagen im Schlamm stecken geblieben. Als endlich unsere Straße in Sicht kam, atmete ich erleichtert auf. »Sie können mich ruhig hier schon rauslassen...« Er ignorierte meine Bitte und hielt direkt vorm Haus. Anscheinend wurden wir bereits erwartet, denn in dem Augenblick in dem er mir die Tür aufhielt, damit ich aussteigen konnte, keine Ahnung wie er es so schnell um das Auto herum geschafft hatte, ging die Haustür auf. Alle standen in der Tür. Ganz vorne Jake. Er kam uns entgegen. Ich hatte die starke Vermutung, dass sie nicht aus lauter Wiedersehensfreude, sondern aus Neugierde auf den neuen Eigentümer der Geistervilla da waren. Ich rannte fast in Jakes Arme. Er küsste mich erleichtert auf die Stirn und hielt mich einen Augenblick ganz fest. Ich spürte förmlich, wie eine riesige Last von mir fiel. Dann ließ Jake mich los, als ich mich umdrehte, stand Caleb direkt neben mir. Jake hielt ihm die Hand hin. »Caleb de Marco«, stellte sich Caleb vor, ergriff aber nicht Jakes Hand. Jake erwiderte die förmliche Begrüßung und ließ die Hand langsam sinken. »Freut mich, Mr. de Marco. Ich bin Jake Green!« »Angenehm«, antwortete Caleb in seiner Singsang-Stimme. »Ok, dann können wir ja jetzt reingehen«, meinte ich und versuchte Jake hinter mir herzuziehen. »Kate, hey. Mr. de Marco war sehr großzügig und hat dir geholfen, obwohl er dich nicht kannte. Du solltest dich wenigstens bedanken.« Ich sah Caleb grimmig an und murmelte: »Danke!« Caleb lachte. »Ich muss mich auch nochmals bei Ihnen bedanken. Und auch bei Ihrer Schwester.« »Keine Sorge, es war mir ein Vergnügen Kate über Nacht bei mir zu haben. Sie ist mir immer herzlich willkommen.« Er sah mir direkt in die Augen, aber ich hielt seinem Blick stand. Er sah zuerst weg. »Aber ich werde meiner Schwester Euren Dank ausrichten.« »Danke«, meinte Jake. Caleb wandte sich zum Gehen, als Jake einen Schritt nach vorne machte und zu meinem Entsetzen »Warten Sie!«, rief. »Ähm, ich weiß, dass Sie vermutlich gerade sehr beschäftigt sind. Wegen des Umzugs und so, aber ich wollte heute Abend für mich und meine Geschwister kochen, also wenn Sie noch nichts vorhaben, ich meine, Sie sind herzlich eingeladen. Ihre Schwester natürlich auch.« Jake klang unsicher. Das passte nicht zu ihm. Caleb hatte sich langsam umgedreht. »Er hat keine Zeit«, sagte ich bestimmend und zerrte an Jakes Arm. Der lachte nur. »Was ist den nur los mit dir, Kate?« Calebs Blick lag wieder auf mir als er sprach. »Das ist ein sehr nettes Angebot, ich werde diesem mit Freude nachkommen.« Ich erstarrte neben Jake. Das konnte einfach nicht wahr sein. »Schön, das freut mich. Dann so gegen sieben?«, schlug Jake vor. »Sehr wohl, ich werde da sein«, entgegnete Caleb, bevor er mit einer eleganten Bewegung in den Wagen stieg und endlich wegfuhr.


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