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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Saphirrot, Sven Rübhagen
Sven Rübhagen

Saphirrot


Der letzte weiße Drache

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Die schwebende Stadt


 


»Großer Gott, Meister Lembrix, an welchen Ort habt Ihr mich geschickt?«


Niedergeschlagen und in Gedanken versunken saß Dasgo auf dem staubigen Boden seiner Kammer, die man ihm zugewiesen hatte. Die aufgehende Sonne schickte ihre goldenen Strahlen durch das hochliegende, kleine Fenster, sodass man den Staub in der Luft fliegen sehen konnte. Ein schartiges Schwert, dessen Klinge bereits von rostigen Flecken besetzt war, lag vor ihm auf dem Boden.


Wenn Dasgo an das dachte, was gleich kommen würde, verzog es ihm schmerzhaft das Gesicht. Das Schwert, das hier vor ihm lag, würde ihm kaum behilflich sein!


Nervös stand Dasgo auf und lief in der Kammer auf und ab. Sie war sehr klein und spärlich eingerichtet. Gerademal ein Haufen Stroh in der Ecke diente ihm als Schlafplatz und ein Eimer, in dem er seine Notdurft verrichten konnte, sonst hatte diese Kammer nichts zu bieten.


Dasgo war ein Gefangener!


Er setzte sich auf das Stroh, das nach Schmutz und Schweiß roch, vergrub sein Gesicht in den Händen und wartete auf das Unvermeidliche.


Minath, das war die Stadt, in der er sich seit ein paar Wochen aufhielt.


Minath war eine große Stadt. Die Stadt der Drachenreiter!


Plötzlich musste Dasgo lachen, da er daran dachte, dass er von seinem Meister hierher geschickt worden, um seine Erfahrungen als Drachenreiter zu erweitern.


Dasgo war noch recht jung. Er hatte die zwanzig gerade erst überschritten, doch schon, seit er ein kleiner Junge war, faszinierten ihn Drachen und deren Reiter. Seinen Traum, Drachenreiter zu werden, hatte er sich vor ungefähr einem Jahr erfüllt, als er in der Nähe seines Heimatortes Kalant einem jungen Drachen das Leben gerettet hatte. Kalant war eine Stadt westlich des großen Perlenmeeres, das die gesamte Westseite des Kontinents Aratras beherrschte. Auf dem Wasser hatte Dasgo einen kleinen, weißen Drachen schwimmen sehen und ihn vor dem Ertrinken gerettet.


Bei diesem Gedanken musste Dasgo lächeln.


Er hatte schließlich seinem Lehrmeister Lembrix davon erzählt. Von ihm hatte er viel über Reiter und Drachen erfahren. Er hatte Dasgo die letzten Jahre weiterunterrichtet und sein Drache, den er auf den Namen Dragonit getauft hatte, war ebenfalls gewachsen und reifer geworden. Schließlich hatte sein Lehrmeister ihn nach Minath geschickt, um wirklich unter Drachenreitern zu leben und mehr Fortschritte machen zu können.


Die Stadt Minath war weit von seinem Heimatort Kalant entfernt. Es lag ganz im Osten Aratras und nicht einmal direkt auf dem Kontinent, sondern noch etwas weiter östlich. Jeder, der Minath auch nur aus der Ferne sah und noch nichts vorher von ihr gehört haben sollte, würde seinen Augen nicht trauen. Minath war eine schwebende Stadt, getragen von einer dichten Wolkendecke, die sich in der Nähe der Stadt niemals verzog. Das Faszinierende dabei war, dass es trotzdem immer sonnig war. Minath war nur mithilfe eines Drachen zu erreichen. Einen Pfad oder eine Brücke gab es nicht.


Ein Schmunzeln schlich sich auf Dasgos Gesicht, als ihm sein eigener Gedankenfehler auffiel, denn aus der Ferne war Minath nur sehr undeutlich zu erkennen. Dafür lag sie einfach zu hoch am Himmel.


Dasgo erinnerte sich noch gut daran, wie er nach Minath gekommen war.


Die Reise war sowohl für ihn als auch für Dragonit sehr anstrengend gewesen. Schon vorher waren sie viel geflogen, allerdings hatten sie sich dabei immer in der Nähe von Kalant aufgehalten. Sie hatten fast zwei Tage gebraucht und der Aufstieg war nicht leicht gewesen, da Dragonit, um Minath anzusteuern, sehr hoch fliegen musste. Immer wieder fand es Dasgo faszinierend, wie stark und groß Dragonit bereits war, trotz seines jungen Alters.


Dasgo stand wieder auf und trat dabei dem Eimer um, sodass sich der Inhalt langsam auf dem schmutzigen Boden verteilte.


Kaum waren sie hier angekommen, war sein Drache von den Minath-Drachen verstoßen worden. Er war zu schwach gewesen, so hatte man ihm später erklärt.


Dragonit hatte sich zwei der Minath-Drachen stellen müssen. Er war unterlegen gewesen und man hatte ihn weggesperrt! Wohin wusste er nicht.


»Und jetzt soll ich dasselbe durchmachen?«, rief er seine Frage laut in den Raum. Natürlich bekam er keine Antwort, denn er war alleine in seiner Kammer. Sein Blick wanderte zu dem Schwert, das noch immer unverändert am Boden lag. Warum war er es nicht würdig ein Drachenreiter zu sein? Dragonit war kein schwacher Drache. Er war sein bester Freund!


Die Einwohner von Minath, und das waren nicht gerade wenige, wussten nicht einmal, was einen wirklichen Drachenreiter ausmachte! Es kam nicht nur alleine auf Stärke und Härte an. Die Drachen in Minath wurden zum Töten gezüchtet. Sie kannten kein Gefühl und eine Verbundenheit zu ihren Reitern erst recht nicht!


Dasgo schüttelte den Kopf. Er war sich nicht einmal sicher, ob Dragonit überhaupt noch lebte. Bei diesem Gedanken zog es ihm schmerzhaft den Bauch zusammen. Dutzende Male hatte er bereits darüber nachgedacht, wie er seinen Drachen befreien könnte. Doch dies erwies sich als praktisch unmöglich. Minath war durchzogen von einem Verlies, das aus der Ferne von den schweren Wolken verborgen gehalten wurde, und wurde von Drachen bewacht. Es war unmöglich, ungesehen dort rein zu kommen.


Minath war eine Stadt von hohem Rang. Jeder Neuankömmling musste eine Prüfung bestehen. Eben diese, in einem Drachenkampf zu bestehen. Gewann er, wurde er zusammen mit seinem Reiter aufgenommen; verlor er, wurden Drache und Reiter getrennt weggesperrt. Und das für unbestimmte Zeit!


So wie Dasgo und Dragonit!


Dasgo wusste, dass er nur auf die Folter wartete. Eine Folter, die mit dem Tod enden würde.


Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, öffnete sich eine schwere Gittertür und ein muskulöser Mann mit einem großen Messer am Gürtel betrat Dasgos Kammer.


»Mitkommen!«, befahl er knapp und im übellaunigen Ton.


Widerwillig setzte sich Dasgo in Bewegung, hob allerdings noch das Schwert vom Boden auf.


»In wenigen Minuten beginnt dein Kampf«, sagte der Wächter und stieß ihn hart in den Rücken, als er an ihm vorbeigegangen war, sodass er beinahe zu Boden ging.


Dasgo keuchte schwer, stolperte ein, zwei Schritte und konnte sich gerade noch an der betonierten Wand festhalten aber er blieb stehen.


Der Wächter lachte abfällig. »Wenn du jetzt schon den Boden küsst, wird der Drache in der Arena keinen Spaß mit dir haben.«


Dasgo verkniff sich jeglichen Kommentar und lief wortlos weiter. Im Gehen wog er seine Waffe in der Hand. Nicht dass er dies nicht schon in seiner Kammer oft genug getan hätte, doch es beruhigte ihn etwas.


Der ehemalige Drachenreiter wurde durch einen dunklen Korridor geführt. Links und rechts gewahrte er immer wieder neue Kammern, in denen erschöpfte, schwache Menschen saßen.


Dasgo musste bei dem Anblick nur den Kopf schütteln. Wie konnte man Menschen nur so behandeln?


»Was ist los, drachenloser Drachenreiter? Zu müde, um weiter zu gehen?«


Dasgo hatte gar nicht bemerkt, wie er vor einer Kammer stehengeblieben war. Zur Antwort bekam er noch einen derben Schlag in den Rücken dazu.


Erneut stolperte Dasgo vorwärts. Dieses Mal tat er dem Wächter nicht den Gefallen, um sein Gleichgewicht zu kämpfen, sondern landete auf dem Boden. Was für seinen Begleiter nach Schwäche aussah, war Dasgos volle Absicht!


Kaum schlug Dasgo zu Boden, rollte er über die Schulter ab und riss in derselben Bewegung die Beine in die Höhe. Alles ging so schnell, dass der Wächter einfach in sein hochgestelltes Bein hineinlief und sich gleich darauf krümmte.


»Was sollte das?«, fragte dieser abfällig und suchte mit seinem Augen gehetzt nach Dasgo. Dieser war bereits wieder auf den Füßen und ohne auf seine Frage zu antworten, schlug er ihm mit dem Schwertknauf vor die Schläfe, sodass sein starker Wächter einfach zur Seite kippte.


Dasgo schenkte ihm noch einen abfälligen Blick, dann setzte er seinen Weg zur Arena fort.


 


Er war vielleicht drachenlos aber auf keinen Fall wehrlos oder schwach.


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