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Renascut


Was bringt dir die Zukunft, wenn du in der ..

von Sahar G. Khamseh

fantasy
Ausstattung:
Ca. 220 Seiten, mit Illustrationen, nur eBook-Version
Preis:
3.49 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Self-Publisher
Leseprobe

R e n ă s c u t

Copyright © 2019 by Sahar G. Khamseh

 

 

DER TRAUM

»Laura, wer sitzt denn da neben dir auf der Rückbank?«

»Aber das bist doch du.«

»Mein Schatz, ich sitze doch hier vorne auf dem Fahrersitz. Der Fremde kann unmöglich ich sein.«

»Bennet, du tust mir weh. Hör bitte auf. Lass los.«

»Aber das bin ich nicht. Laura, ich bin doch hier. Ich kann nicht nach hinten. Es ist, als würde eine unsichtbare Wand mich aufhalten.

Hey du! Lass meine Verlobte in Ruhe! Siehst du nicht, dass sie sich dagegen wehrt? Lass sie los.

Laura, Liebling! Versuch dich zu befreien.«

»Das kann ich nicht. Warum tust du mir denn weh?«

»Aber das bin nicht ich! Befreie dich von seinen Klauen.

LASS SIE LOS! Wer bist du überhaupt? Warum vermutet sie, dass du ICH bist? … Lass ihre Kehle los. Laura, bitte befreie dich von ihm.

Befreie dich von ihm und lauf weg!«

»Bennet, du erwürgst mich.«

»Nein Laura! NEIN! Wehr dich! Hey! HÖR AUF! Nein! NEIIINNN! Lauraaaa!«

 

Mit weit aufgerissenen Augen schreckt Bennet aus seinem Albtraum auf. Er dreht sich zu seiner Angebeteten um, während Laura den verdammten Wecker, der laut und penetrant vor sich hin klingelt, ausschaltet.

 

Jedes Mal wenn er seine große Liebe erblickt, fühlt er wie sein Herz hüpft und sich über ihre Anwesenheit freut. Laura ist sprichwörtlich das Beste, was ihm geschehen konnte. So ist zumindest seine Ansicht, seitdem er sie kennengelernt hat. Eine Begegnung, die er nie vergessen wird.

 

Bei einer Tagung für Architekten, bei der Laura ihre Freundin im Catering unterstützen sollte, da ihre Kollegin kurzfristig krank geworden war, waren Bennet und sie zusammengestoßen, als er sich über den Kaffee beschwerte und sie diesen in einem sehr selbstbewussten Ton verteidigte.

 

Nicht nur das, sie hatte ihn auch noch für sein unakademisches Verhalten gerügt, das sich angeblich für einen Architekten nicht schickte. Laura hatte sich so sehr für diesen ungenießbaren Kaffee eingesetzt, dass er sie zu einem richtigen Kaffee einladen musste, um ihr zu beweisen, wie Kaffee, seiner Meinung nach, eigentlich schmecken sollte.

 

Als es dann nicht nur bei einem Kaffeetrinken geblieben ist und sie kurze Zeit später zusammen kamen, erklärte sie, dass der Kaffee vom Catering wirklich verdammt schlecht schmeckte und ihr diese Tatsache sehr bewusst gewesen war, jedoch sie unter den damaligen Umständen nicht das Catering ihrer Freundin schlecht machen wollte.

Er musste darauf hin lachen und umarmte sie für ihren loyalen Einsatz.

Jetzt, nach drei Jahren, genießt er jeden Morgen aufs Neue den Anblick ihres wunderschönen Gesichtes mit den glänzenden braungrünen Augen, den schön betonten Lippen und dem dunkelbraunen langen Haar, das ihr kleines ovales Gesicht umformt. Mit ihren achtundzwanzig Jahren ist Laura in seinen Augen die perfekte Vollendung der Sinnlichkeit einer Frau. Die Vorstellung, seine Zukunft mit ihr verbringen zu dürfen, entfacht in ihm eine Symphonie der Gefühle. Gefühle, die sich sogar noch steigern, wenn er sie mit ihrem charmanten und herzlichen Charakter addiert.

Eine wunderbare Frau, die gerade zu ihm schaut und sagt: »Aufstehen!«

Bennet legt ihr die Arme um die Schultern und zieht sie an sich. »Nein! Noch ein wenig kuscheln.«

»Dein Chef wird dir den Kopf abreißen, wenn du wieder zu spät kommst«, erklärt Laura, ergibt sich aber lächelnd in seine Umarmung.

»Damit droht er mir jedes Mal«, murmelt er und küsst sie an ihrer Schläfe.

Spielerisch befreit sie sich aus seiner Umarmung, steht aus ihrem gemeinsamen Bett auf und geht in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten.

Mittlerweile herrscht an den Werktagen, immer eine Art Routine bei den Beiden. Es steht immer einer von ihnen auf und bereitet das Frühstück vor. Meistens macht es Laura, weil ihr Schatz öfters morgens nicht so früh aus dem Bett kommt und wenn es nach Bennet ginge, würden sie nur mal rasch eine Tasse Kaffee trinken und dann zur Arbeit fahren.

 

Laura hingegen nimmt sich Zeit und bereitet immer ein leckeres Frühstück für beide vor.

Auch wenn es ihm schwer fällt früher aufzustehen, schätzt er es an seiner Verlobten, die darauf besteht den Tag immer gemeinsam mit einem Frühstück zu beginnen.

Dafür ist er auch bereit, ein klein wenig früher aufzustehen.  

 

Jeden Morgen diese angenehme Routine im Leben, eine tolle Frau an seiner Seite und einen spannenden Job als Architekt, den Bennet mit seinen dreißig Jahren erfolgreich meistert.

Da fühlt er sich mitten im Leben und ist ein glücklicher Mensch. Während Laura Kaffee aufsetzt, steht ihr Verlobter schleppend aus dem Bett auf und macht sich frisch.

Fertig angezogen geht er herunter in die Küche und sieht sie, die gerade dabei ist, für beide Brötchen zu beschmieren.

Auch wenn sie mit dem Rücken zu ihm steht, beeindruckt sie ihn trotzdem durch ihre galante Art.

Er schleicht sich langsam an sie heran, packt sie an ihrer Taille und zieht sie sanft zu sich.

Kurz überrascht dreht sie sich zu ihm, lächelt und entspannt sich wieder. Leicht verträumt schmiegt er seine Wange an ihre und genießt ihre Nähe.

»Weißt du, wie sehr ich dich liebe?«, flüstert er ihr leise ins Ohr. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen dreht sie sich zu ihm und fragt: »Nein, wie sehr?«

Ihr Lebensgefährte lächelt verlegen und dreht seinen Kopf zur Seite, während er ihr antwortet: »Hör auf, mich zu ärgern!

Ich gebe mir wirklich viel Mühe, dir das jeden Tag zu zeigen.« Laura grinst. »Ich weiß und ich bin auch glücklich mit dir.«

Erleichtert geht er zur Kaffeemaschine, die bereits anfängt die Meldung »Kaffee ist fertig!« herauszubrodeln und holt aus dem Schrank, über der Kaffeemaschine, zwei Kaffeetassen heraus. Anschließend schenkt er den Kaffee für sich und seine Auserwählte in die Kaffeetassen und geht zum Esstisch.

»Schatz, heute Abend hat John meinen Junggesellenabschied vorbereitet.«, erinnert er sie. »Ich werde also entweder etwas später nach Hause kommen oder wir sehen uns erst morgen wieder.«

Sie nickt. »Ich weiß! John erwähnt es fast jedes Mal, wenn ich mit ihm spreche. Ich glaube er freut sich über heute Abend mehr als du.«

Beide lachen, während Bennet die Uhr bemerkt und feststellt, dass es viel später ist als gehofft.

»Oh!«, stöhnt er auf. »Jetzt komme ich zu spät zur Arbeit. Ich muss leider los, sonst reißt mir mein Chef wirklich den Kopf ab!«

Laura richtet ihren Blick fragend zu ihm. »Aber du hast noch nichts gefrühstückt!«

»Das tut mir leid. Es ist wichtig, dass ich pünktlich bin. Wir haben ein wichtiges Meeting. Da darf ich nicht zu spät kommen. Ich nehme einfach dein lecker belegtes Brötchen mit und esse es in der Pause.«

Bennet umarmt sie und gibt ihr noch einen Abschiedskuss. Dann flitzt er eilig aus der Haustür heraus, um die U-Bahn noch zu erreichen.

 

Während er auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle ist, genießt er die ersten Sonnenstrahlen des schönen Spätsommermorgens. Die Bäume zeigen ihre Blätter in den schönsten Grün-, Rot- und Gelbtönen und die Vögel zwitschern vor sich hin. Er sieht, wie die Straßen ihre Laternen nach und nach auslöschen und die Bäckereien den herzhaften Duft der frisch gebackenen Brötchen in die Straßen aufsteigen lassen. Am liebsten würde er seine Verlobte wieder abholen, sich mit ihr irgendwo hinsetzen und ein leckeres Frühstück zu sich nehmen.

Doch die Zeit gönnt ihm das leider nicht. Er beeilt sich, um die U-Bahn nicht zu verpassen.

Viele Menschen sind wie er morgens unterwegs. Alle haben es eilig und möchten zuerst dran kommen. Auch an den U-Bahn- Stationen herrscht meistens um diese Zeit Gedrängel.

Wie immer sind alle Waggons hoffnungslos überfüllt. Beharrlich drängt er sich mitten in die Menschenmenge und hält sich fest. Zum Glück muss er nur vier Stationen fahren.

 

Erleichtert kommt er gerade noch rechtzeitig im Büro an und beeilt sich Richtung Besprechungsraum zu ihrem Meeting.

 

Sein Chef, Herr Hahn, der wie immer als Letzter den Raum betritt, läuft zur Chartwand und dreht sich zu seinen Mitarbeitern um. »Guten Morgen! Lassen Sie uns gleich beginnen.«, kündigt er an in einem lauten Ton. »Ich weiß, heute ist Freitag und Sie möchten alle schnellstmöglich nach Hause. Heute wird jedoch ein langer Tag werden, da wir an unserem Auftrag für Herr Kamline arbeiten müssen, weil er gleich am Montag die ersten Resultate sehen möchte.

 

Sie alle wissen, Herr Kamline ist einer unserer wichtigsten und einflussreichsten Kunden, der bisher viel Geld in unser Unternehmen investiert hat und weiterhin investieren möchte. Daher sollten wir ihm beweisen, dass unsere Arbeit die Richtige für ihn ist. Da er gestern Abend überraschenderweise seinen Besuch am Montag angekündigt hat, um zu sehen, wie weit wir mit unseren Planungen für die Villa für ihn und seiner Frau gekommen sind, arbeitet heute jeder ausschließlich für Herrn Kamline, damit wir zeigen, dass wir voran kommen und bisher viele Ideen hatten. Lassen Sie uns zuerst darüber sprechen, wie weit wir sind und was wir noch benötigen.«

 

Während sie zusammen für den heutigen Tag die Projekte besprechen, wird Bennet bewusst, dass er keinesfalls zeitig zu John fahren kann und wahrscheinlich zu seiner eigenen Junggesellenabschieds-Party zu spät kommen wird.

Es gibt noch so viel zu tun und ein früher Feierabend ist unwahrscheinlich.

Er schreibt nach dem Meeting seinem Freund eine SMS.

»Morgen John! Ich werde heute Abend leider nicht rechtzeitig zur Party erscheinen können. Mein Chef verlangt Überstunden, da wir am Montag einen wichtigen Kunden zu Besuch haben. Sorry!«

Nach einer Weile tippt John zurück. »Das kann doch nicht wahr sein. Nach langer Zeit organisiere ich mal wieder eine Party, auch noch deine Junggesellenabschieds-Party und du kannst nicht rechtzeitig da sein. Ich bestehe darauf, dass du, egal wann, zu der Party kommst.

Und ich werde versuchen die Termine, die ich für uns bereits letzten Monat festgelegt habe, zu verschieben. Ruf sofort an, sobald du auf dem Weg zu mir bist.«

Nach Bestätigung der SMS beginnt der Junggeselle, der bald keiner mehr sein wird, auch sofort zu arbeiten. 

 

 

DIE ARBEIT

 

Den ganzen Tag nur Hektik! Es bleibt nicht mal Zeit eine kleine Pause einzulegen. Bennet möchte unbedingt früh mit seiner Arbeit fertig werden, damit er nicht zu spät zu John fahren muss.

Dennoch hat er sich über das Sandwich von Laura, welches sie heute Morgen mit viel Liebe und Belag für ihn eigentlich zum Frühstück vorbereitet hatte, gefreut. Da keine Zeit zur Mittagspause ist, kann er das Sandwich während der Arbeit essen.

Das ist seine Rettung, sonst müsste er nicht nur ohne Frühstück, sondern auch ohne Mittagessen den stressigen Tag überstehen.

»Bennet, hast du das erste 3D-Modell für die Präsentation schon fertig?«, ruft sein Kollege Dean ihm zu.

»Brauche noch etwas Zeit, dann schick ich es dir zu!«, erwidert er.

»Ja, aber beeil dich bitte, damit wir heute noch rechtzeitig zu deinem Junggesellenabschied gehen können«, erinnert ihn Dean.

»Was haben wir denn eigentlich vor?«, erkundigt er sich, mit einem breiten Grinsen und dem Wissen, dass seine Arbeitskollegen ihm nichts verraten werden.

»Wir werden zu John fahren!«, erklärt Chris, ein weiterer Arbeitskollege.

»Ha, ha! Sehr lustig!«, kommentiert Bennet sarkastisch. Ein kleiner Vorteil der Großraum-Büros, findet er.

Hier kann man einfach hemmungslos herüber rufen und seine Fragen auf dem schnellsten Weg stellen.

 

Die Zeit vergeht, als würde die Uhr rasen und die Sekunden laufen doppelt so schnell wie gewöhnlich. Es ist bereits Abend, als Dean und Chris zu Bennets Schreibtisch kommen, die Jacken angezogen und bereits im Feierabendmodus. »Na Herr Heiratswillig, wie sieht es denn aus?«, möchte Dean wissen.

»Bist du auch soweit? Wir werden mit meinem Auto zu John fahren! Da ist noch Platz.«

»Sorry«, entgegnet Bennet etwas gestresst, »aber ich muss noch die letzten Modelle vorbereiten.

Wie wäre es, wenn ihr vorgeht und ich komme nach?«

»Aber John hat einen strikten Plan vorbereitet!«, weist Chris ihn zurecht. »Wir sind jetzt schon zu spät dran. Du musst so zügig wie möglich nachkommen!«

»Ja!«, gelobt er. »John weiß schon Bescheid. Ich habe bereits heute Morgen mit ihm gesprochen und ihn vorgewarnt, dass es bei mir später wird.«

»Alles klar!«, meint Chris achselzuckend, »Dann holen wir jetzt noch Max ab und fahren los. Wir sehen dich dann bei John!«

»Genau, und lasst mir noch etwas Bier übrig!«, beeilt er sich hinzuzufügen.

»Mal sehen!«, beendet Dean mit einem Grinsen das Gespräch und verabschiedet sich mit Chris Richtung Fahrstuhl.

Bennet arbeitet im Rekordtempo. Je später er zu seiner eigenen Party kommt, desto unangenehmer wird John reagieren.

Zwar ist der Organisator sein bester Freund, aber wenn er etwas plant, dann muss auch alles eingehalten werden. Das heißt, dass auch die Gäste zeitig zu seiner Party erscheinen sollten. Schließlich gibt er sich sehr viel Mühe, wenn er Partys organisiert. Ganz besonders für seinen besten Freund, der bald heiraten wird.

 

Gegen 21. 30 Uhr sind er und einige weitere Arbeitskollegen, die ebenfalls noch Überstunden leisten mussten, mit der Arbeit fertig. Langsam fahren sie ihre Rechner herunter, ziehen ihre Jacken an und bereiten sich für den Nachhauseweg vor. Es folgt noch ein kleiner Small-Talk über die vorbereitete Präsentation am Montag und ihre Hürden, sowie die Erleichterung, dass es jetzt endlich fertig ist und anschließend der Feierabend eingeläutet werden kann.

Die Kollegen steigen zusammen in den Fahrstuhl und fahren herunter.

Unten verabschieden sie sich voneinander und jeder geht in einer anderen Richtung nach Hause.

 

Bennet muss mit der U-Bahn zu John fahren. Es sind nur ein paar Schritte bis zu der nächsten Station. Trotzdem ist es für ihn etwas zu weit. Das stellt er fest, als er bemerkt, dass er nicht mehr richtig laufen kann, sondern eher schlurft. Anscheinend war die Arbeit heute doch stressiger als gedacht. Aber jetzt darf er nicht rumnörgeln.

Noch fix John anrufen und dann geht es erst richtig los! John und die anderen warten schon auf ihn und er freut sich, mal wieder etwas mit seinen Freunden zu unternehmen und außerdem ist morgen Samstag und er kann so lange schlafen wie er möchte. Also Zähne zusammenbeißen und durch.

 

Als er die U-Bahn-Haltestelle erreicht, ist noch keine Bahn weit und breit zu sehen. Auf der digitalen Tafel oben an der Decke hängend sieht er, dass die U-Bahn in etwa zwei Minuten angekündigt ist. »Hoffentlich kommt sie rechtzeitig an!«, denkt er sich und läuft auf und ab, damit er nicht gleich im Stehen einschläft.

 

Außer ihm stehen noch fünf bis sieben weitere Personen an der Haltestelle und warten beziehungsweise schauen ihm beim Auf- und Abgehen zu. Er realisiert sie gar nicht. Er läuft weiter während, kurze Zeit später, eine weibliche Stimme aus dem Mikrofon die Ankunft der U-Bahn ankündigt.

 

Zeitentsprechend fährt die U-Bahn vor und öffnet ihre Türen, während die wartenden Gäste einsteigen. Ihm wird bewusst, wie sein Körper wie ein schwerer Stein in den Sitz der Bahn fällt und keine Lust mehr hat, sich einen Zentimeter weiter nach rechts oder links zu bewegen.

 

Zum Glück sind die anderen Gäste in dem anderen Waggon eingestiegen, sodass er das ganze Abteil nur für sich alleine hat. Und einen anderen Mann, der noch in letzter Sekunde quasi in den Waggon hereingesprungen ist und sich am anderen Ende hingesetzt hat.

»Die Party werde ich auch noch überstehen«, nimmt Bennet sich vor und grinst erschöpft.

Die U-Bahn schließt ihre Türen und fährt los. Es sind nur sieben Haltestellen bis zu Johns Wohnung. Ungefähr sieben bis zehn Minuten kann er unterwegs sein. Das ist gut, um herunterzukommen.

 

 

Während er darüber sinniert, wie es wäre ein Ehemann zu sein, bemerkt er im rechten Augenwinkel den Mann, der ganz hinten gesessen hat, auf ihn zukommen.

Er taumelt ein wenig, wahrscheinlich ist er bereits jetzt schon betrunken.

Bennet schenkt ihm keine weitere Aufmerksamkeit und versinkt wieder in träumerischen Gedanken. Als der Mann sich neben ihm hinsetzt, dreht er seinen Kopf zu ihm hin und bewegt sich nicht mehr. Der angeblich Betrunkene sitzt seit Sekunden, vielleicht Minuten regungslos da. Mit einem skeptischen Blick dreht sich Bennet zu ihm um, um zu schauen, ob der Mann nicht bereits eingeschlafen ist. Doch das ist er nicht.

Es sieht eher so aus, als hätte er sich zuvor mit jemandem geprügelt, denn seine Klamotten sind zerrissen, sein Haar zerzaust und er hat Kratzer und Blutspritzer überall. Sein Gesicht kann er nicht genau erkennen, denn der Fremde beobachtet ihn zwar mit einem aufdringlichen und schmerzhaften Blick, aber sein Kopf ist leicht gesenkt und die hellen Haare bedecken das meiste seiner Augenpartie.

Dem Noch-Junggesellen ist es trotzdem unangenehm. Die ganze Situation scheint etwas eigenartig zu sein.

Der Mann strahlt eine gewisse Bedrohung aus.

»Jetzt noch mit jemanden zu prügeln, darauf habe ich keine Lust und keine Kraft.«, überlegt er.

Rasch dreht er sich wieder um, damit keine Missverständnisse auftauchen und hofft, dass die U-Bahn so blitzartig wie es nur geht seine gewünschte Haltestelle erreicht.

 

 

Währenddessen beobachtet er den verletzten Mann aus dem Augenwinkel weiterhin und merkt, dass der Unbekannte sich immer noch nicht bewegt. »Das ist doch nicht normal! Sogar ich bewege mich trotz meiner Müdigkeit immer wieder«, muss er sich gestehen. Vorsichtig und leicht eingeschüchtert schaut er zu den Fremden. Keine Veränderung. Der Mann glotzt ihn weiterhin aufdringlich und schmerzhaft an, während er mit beiden Händen die Bank, auf der er sitzt, festhält, als würde er sie gleich zerstören.

Beim genauen Hinsehen fällt Bennet das in Blut getränkte Hemd des Mannes auf, welches wie eine zweite Haut auf seinem Körper klebt.

Mit weit geöffneten Augen und aufgerissenem Mund, hebt er unsicher seinen Kopf und blickt in das Gesicht des Unbekannten. Durch seine zerzausten Haare erkennt er ein einziges zerfleischtes Etwas, das ihn gerade so noch mit einem Auge und einem offenen Mund anstarrt.

Ihm wird es mulmig, ja beinahe schlecht.

Doch er versucht stark zu bleiben. Während er seine Hand in die Hosentasche steckt, um sein Handy herauszuholen, beruhigt er den Mann mit den Worten: »Keine Panik! Ich rufe einen Krankenwagen.«

Der Mann hebt seinen linken Arm hoch und greift nach Bennets rechten Schulter. Fest gedrückt zieht er ihn sachte zu sich. Doch erschöpft versucht Bennet sich zu entziehen.

Ängstlich wiederholt er seinen Satz und versucht den Fremden zu beruhigen, aber der lässt nicht locker.

Verzweifelt lässt Bennet sein Handy wieder in seine Hosentasche fallen und fasst behutsam den Arm des Fremden. Er drückt dagegen, damit der Mann endlich loslässt, doch der fletscht seine Zähne.

Lauras Verlobter, der sich auf seine Zukunft freut und am Leben hängt, wird panisch. Er versucht sich mit Gewalt loszureißen, doch der Fremde springt plötzlich auf ihn und beißt in seinen Hals. Schreiend versucht Bennet mit seiner ganzen restlichen Kraft den Unbekannten von sich zu drücken, aber er hat keine Chance.

Der Mann ist einfach viel zu stark und lässt sich nicht abschütteln. Er merkt, wie der Fremde sein Blut aussaugt. Er saugt sehr schnell. Es fühlt sich an, als würde er durch einen Strohhalm seine ganzen Innereien mit einem Schlag heraus saugen. Ein eigenartiges und unangenehmes Gefühl, das ihm versteifen lässt. Innerhalb von Sekunden ist er geschwächt und hat nicht mehr die Kraft sich zu bewegen. Das Blut aus den Gesichtswunden des Fremden tropft auf ihn herab und

verbrennt seine Haut, seinen Rachen und seine Augen. Es tropft einfach auf ihn herab und er kann es nicht wegwischen. Das Brennen ist fürchterlich. Ihm war nicht bekannt, dass Blut brennt.

Nach einer Weile hat er gar keine Kraft mehr den Mann von sich zu drücken. Er merkt, wie ihm schwarz vor den Augen wird und er fällt in Ohnmacht.

 

 

»Endstation!«

»Eine Stimme! Woher kommt diese Stimme?«, grübelt Bennet. Mühsam öffnet er seine Augen. Es ist sehr hell. Das Licht in der U-Bahn wirkt grell. Er hat kaum Kraft. Sein ganzer Körper brennt. Er kann sich kaum bewegen und es ist ihm sehr heiß. Es fühlt sich an, als würde sein ganzer Körper vom Hals abwärts in Flammen stehen.

»Was zum Teufel ist denn nur passiert?«, fragt er sich im Flüsterton.

»Endstation, der Herr!«, wiederholt der Schaffner, der ihn schon seit einer Weile beobachtet und hofft, dass er es beim zweiten Mal versteht, dass er aussteigen und endlich die U-Bahn verlassen muss.

Benommen versucht er aufzustehen. Sein Körper fühlt sich an wie ein Sack voll mit nassem Sand, der nicht bewegt werden möchte.

Mit voller Kraft und endlosem Brennen kämpft er sich hoch und setzt sich aufrecht auf die Bank hin.

»Seit wann ist es denn so schwer aufzustehen?«, stellt er mit gefühlten zehn Kilo Blei an sich fest. Doch keiner beantwortet ihm diese Frage. Sein Hals brennt und fühlt sich trocken an. Völlig erschöpft blickt er zum Schaffner hoch, ein älterer Herr, der sich trotz seines Alters sehr gut in Form gehalten hat. Bennet mustert ihn genau. Es ist, als würde er zum ersten Mal einen Menschen so deutlich und klar vor sich sehen. Die Falten, die Flecken auf seiner Haut, die müden Augen, sein Herzklopfen, das dumpfe Brummen seines Magens, der anscheinend gerade am Verdauen ist und sein süßlicher Geruch. Ein Geruch, der keinesfalls das Parfum des Schaffners sein kann, denn es riecht nicht wie ein Parfum. Es riecht anders! Angenehm süßlich und warm. Es betäubt Bennets Sinne. Er möchte diesen Geruch den ganzen Tag um sich herum haben. Es riecht, als würde man zum Leben erwachen und die Welt aufs Neue entdecken. Es riecht …!

»Alles in Ordnung?«, fragt der Mitarbeiter der Bahn.

Irritiert starrt Bennet den Schaffner an und merkt, wie nah er ihm gekommen ist, während er diesen Menschen, den er zum ersten Mal so deutlich vor sich sieht, bewundert hat.

Der Mann beobachtet eine Sekunde lang Bennets Augen und geht dann schnell einen Schritt zurück. Bennet ist es etwas peinlich. Er möchte nicht wissen, was der Schaffner sich gerade ausmalt.

Er schnappt sich seine Tasche, rafft sich aus dem Sitz und geht hastig aus der U-Bahn heraus.

Gerne hätte er noch den Schaffner gefragt, was geschehen ist, aber er hatte Angst. Hat überhaupt der Schaffner etwas gesehen? Wenn ja, warum hat er nicht geholfen? Wo ist eigentlich der Unbekannte geblieben, der ihn in den Hals gebissen hat? Verstört fasst er sich am Hals an, doch er fühlt keine Wunde. War es vielleicht doch nur ein Albtraum? Es könnte doch sein, dass er in der U-Bahn eingeschlafen ist und einen Albtraum hatte, der allerdings sehr real war.

Wie es auch war, jetzt ist es vorbei und ihm ist nichts geschehen, schätzt er ein. Dennoch war es ganz schön unheimlich, wie er auf dem Schaffner reagiert hat. Und dieser süßliche Geruch. Wie gut der Mann doch gerochen hat.

 

Bennet fühlt sich immer noch nicht gut. Vielleicht war es die Angst, die ihn gepackt hatte und jetzt anfängt sich wieder zu legen. Allmählich verändern sich auch seine Beschwerden. Sie werden auf eine unbeschreibliche Art schlimmer und schlimmer. Innerhalb kürzester Zeit sind sie so unerträglich, dass er beinahe den Verstand verliert. Taumelnd läuft er durch die Straßen, versunken in Gedanken und in Leiden.

War es doch kein Albtraum? Wurde er tatsächlich von einem Fremden attackiert? Hat der Mann ihn etwa mit irgendeiner unheilbaren Krankheit infiziert, indem er ihn gebissen hat? Hat er ihn vergiftet?

Warum hat er denn sonst solche schrecklichen Schmerzen? Und wo ist überhaupt die Wunde am Hals?

Verwirrt läuft er in Richtung von Johns Wohnung.

Vielleicht sollte er dort einen Krankenwagen rufen.

Das Brennen, Beißen und Stechen entwickelt sich zu einer Art Taubheit. Leicht panisch versucht er schneller zu laufen, damit er Johns Wohnung schleunigst erreicht. Vielleicht kann er auch jetzt schon John anrufen und ihn bitten ihn abzuholen. Es sind ja nur noch ein paar Schritte bis zu seiner Wohnung. Mühsam holt er sein Handy heraus und sieht, dass sein Akku bald leer ist. Leicht hibbelig, leicht gelähmt wählt er Johns Nummer.

»Hallo, Hallo!«, ruft John.

»John? Hi, ich bin es!«

»Bennet! Altes Haus! Wann bist du denn endlich hier? Ich konnte zum Glück alles umdisponieren und habe einen Plan B vorbereitet. Wir warten schon sehnsüchtig auf dich und wollen endlich anfangen zu feiern.«

»Sorry, aber ich habe gerade starke Schmerzen und kann kaum noch laufen.«, keucht Bennet. »Mein Akku ist auch bald leer. Auf dem Weg zu dir wurde ich von einem Unbekannten überfallen. Er hat mir in den Hals gebissen und mich wahrscheinlich mit irgendeiner Krankheit infiziert. Mir geht′s verdammt schlecht und ich kann gar nicht mehr geradeaus laufen.«

»Ach du meine Güte!«, hört er John sagen. »Wo bist du gerade? Wir kommen zu dir und bringen dich ins Krankenhaus.«

»Ja das wäre gut!«, bestätigt er erleichtert. »Mir tut es überall weh und das Eigenartige ist, dass der Unbekannte mich in den Hals gebissen hat, jedoch jetzt keine Bissspuren mehr zu fühlen sind.«

Für einen Moment ist es still zwischen den beiden.

»Wie? … Du meinst, der Fremde hat dich gebissen, wie ein Vampir, und jetzt verwandelst du dich gerade zu einem Vampir und die Bissspuren verschwinden, weil deine Haut wieder verheilt? Wie in diesen Vampir-Filmen?«

»Nein! Ich verwandle mich nicht John!«, stellt der verletzte klar.

»Als Vampir hat man doch bekannterweise kein Empfinden. Zumindest nicht solche starken Schmerzen … Denke ich! Die Bissspuren sind allerdings tatsächlich verschwunden, obwohl sie zu hundert Prozent da waren.«

»Bei der Verwandlung müssen Vampire auch leiden!«, erklärt John.

»Vielleicht hattest du deswegen diese Qualen?« Bennet überlegt.

»John, du machst mich noch wahnsinnig! Was erzählst du für einen Blödsinn? Ich kann nicht mehr klar denken und mich quält gerade ein Brennen und Bohren, das ich nicht richtig zuordnen kann und es ist unbeschreiblich stark.

Wenn du denkst, dass ich mich in einen Vampir verwandle, dann meinetwegen, aber ich weiß nicht, ob ich es noch zu dir schaffe.«

Eine Zeit lang herrscht Funkstille. Dann schallt ein lautes Gelächter aus dem Handy heraus.

»Jetzt hättest du mich beinahe erwischt!«, lacht John. Bennet begreift nichts, »Was meinst du?«

»Ich wäre beinahe darauf hereingefallen.«

»Nein! Ich meine es ernst, John!«

»Ja genau, du verwandelst dich gerade zu einem Vampir und kannst deswegen nicht zu deiner Junggesellenabschieds-Party erscheinen! Da du schon auf dem Weg bist, komm erstmal herüber und wir werden heute Abend alle Vampire sein und die Damen der Nacht aussaugen! Ha, ha! Bis gleich!«

Tuuuut. Und schon ist der Anruf zu Ende. Leicht verwundert über Johns Aussage, muss Bennet wirklich zugeben, dass die Geschichte tatsächlich etwas eigenartig geklungen hat. Trotzdem beschließt er den Notruf anzurufen.

»Notrufzentrale! Was kann …«

Sein Handy verstummt. Verwirrt blickt er auf ein schwarzes Display. Sein Akku hat letztendlich seinen Geist aufgegeben. Sein Kopf ist kurz vorm Platzen und sein Körper tut unheimlich weh. Seine Sicht ist von weißen Punkten verdeckt. Er kann nichts mehr sehen und nicht mehr laufen. Die Taubheit hat mittlerweile seine Beine erreicht und er taumelt hin und her. Kurzerhand setzt er sich auf die Bürgersteigkante und verschnauft.

Langsam versucht er zu atmen. Es fällt ihm sehr schwer.

Das Leiden wird immer schlimmer. Nur winseln kann er zur Zeit. Er möchte am liebsten schreien und die Bewohner auf sich aufmerksam machen. Doch er kann sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen heraus kommt und ihm hilft.

Bestimmt werden sie denken, dass er ein Obdachloser ist, der betrunken und ziellos durch die Gegend läuft und randaliert.

Er krümmt sich zusammen, dreht sich hin und her. Beißt die Zähne zusammen. Seine Pein steigt extrem hoch und sinkt wieder, die Taubheit in seinem Körper wird abwechselnd immer mehr und weniger.

Es sind undenkbare Qualen, die auf keinen Fall menschlicher Natur sein können. Bennet kann nicht mehr.

All die Versuche, gegen die Schmerzen anzukämpfen, in der Hoffnung sie würden bald verschwinden, sind vergebens. Er fängt an zu schreien und er hört nicht auf.

Einzelne Bewohner machen ihre Lichter an, um aus dem Fenster zu schauen, doch keiner traut sich heraus zu kommen und den winselnd vor sich hinkrabbelnden, ständig gegen irgendwelche Hauswände schlagenden, angeblich Betrunkenen zu beruhigen. Nach gefühlten zehn Stunden Qualen fällt er in Ohnmacht und bekommt nichts mehr mit. ...

 

 

 

Klappentext

Bennet geht es gut. In seinen jungen Jahren hat er sich im Jahr 2018 ein solides Leben aufgebaut und freut sich bald seine geliebte Laura zu heiraten. Doch dann wird er von einem Vampir gebissen und nichts ist mehr, wie es war.

»Was bringt dir die Zukunft, wenn du in der Gegenwart alles verlierst?« 

Diese Frage muss sich auch Bennet stellen, der ungewollt in eine dunkle Welt gerissen wird.

 

Eine neue Welt, die ihre eigenen Gesetze und vielleicht auch Vorzüge hat. Er genießt jeden Augenblick, bis eines Tages in der Zukunft seine Vergangenheit ihn wieder einholt.