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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Rabenfluch, Bettina Auer
Bettina Auer

Rabenfluch



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Thalia, Hugendubel
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1. Kapitel »Diebin! Haltet sie!« Die Stimme des beleibten Mannes hallte über den ganzen Markt, doch niemand schien ihm helfen zu wollen. Geschwind rannte sie durch die dichte Menschenmenge und lief in eine Gasse hinein, in der weniger los war. Noch immer hörte sie die Stimme des Händlers, doch langsam wurde sie nur noch ein Flüstern im Wind, während sie lachend von Gasse zu Gasse rannte. Ihre langen, braunen Haare, die sie zu einem Zopf gebunden hatte, hüpften auf und ab und die einfache Kleidung aus Leder, die sie trug, wirkte hier und da schon abgewetzt. An ihrem Gürtel hingen ein kleiner Beutel und ein silberner Dolch. Ihre graugrünen Augen blitzten nur so vor Freude. »Halt!« Die Stimme riss sie aus ihrem Lauf, sie stoppte und weil sie erschrak, fiel sie der Länge nach hin und schlug sich das Kinn auf dem Kopfsteinpflaster auf. Tränen traten ihr in die Augen, sie sah erschrocken nach oben. »Nyméria, Nyméria …. «, sprach der junge Mann, der vor ihr stand, tadelnd. Er schüttelte den Kopf, die Arme vor der Brust verschränkt. Er trug dieselbe Kleidung wie sie, aber anstatt eines Dolches zwei Kurzschwerter jeweils links und rechts an seiner Hüfte. Seine blauen Augen sahen sie spöttisch an und sein kurzes, blondes Haar war vom Wind leicht zerzaust. »Tyron …«, entfuhr es Nyméria knurrend. Dieser lächelte leicht. »Bist du wieder deinem Handwerk nachgegangen, werte Meisterin?«, fragte Tyron und zog die Augenbrauen nach oben. Nyméria nuschelte etwas, das Tyron nicht verstand. Sie stand auf und funkelte ihren Schüler an. »Ja! Jedoch hast du wie immer nicht aufgepasst!« »Was soll daran schon interessant sein, Leute zu bestehlen?«, stellte er die Gegenfrage und gähnte. »Ich kann es, und das weißt du. Ich brauche nicht noch mehr Unterricht auf diese Weise.« Nyméria wischte sich das Blut weg. Sie untersuchte die roten Flecken auf ihrem Handrücken und fluchte leise. »Tyron, ich bin deine Meisterin und du folgst dem, was ich dir sage. Wenn ich dich auffordere, in den Tówan-Fluss zu springen, dann leistet du dem Folge! Wenn ich dir befehle, den Arsch eines Pferdes zu küssen, dann tust du das ebenfalls! Hast du verstanden? ICH bestimme, was du machst. Also halte deinen Mund und lass alles über dich ergehen. So sind die Lehrjahre eben.« Tyron wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch er kam nicht dazu, denn etwas hinderte ihn daran. Ein schwarzer Schatten zischte auf Nyméria zu und bevor dieser mit ihr kollidieren konnte, legte er sanft die Flügel an und landete auf ihrer rechten Schulter. Die junge Frau betrachtete neugierig den Raben, der ihr den Kopf zuwandte und sie aus grünen Augen intensiv anblickte. »Guten Tag, Schwesterchen«, krächzte das Tier und schlug wild mit den Flügeln. »Wo warst du, Liyon?«, fragte sie den Raben sofort mit harter Stimme und zog die Stirn kraus. »Hier und da, und dort und dort«, sprach das schwarze Tier ausweichend und wanderte nun auf Nymérias Kopf herum. Sie verzog kurz die Mundwinkel, als seine Krallen in ihre Kopfhaut stachen. Liyon beugte sich tief über ihr Gesicht, so dass sie Tyron nicht mehr sah. Er pickte sie sanft mit dem Schnabel in die Nase. »Du, Schwesterlein, ich habe Hunger!« »Dann fang dir eine Ratte oder was weiß ich!«, hielt sie ihm harsch entgegen, doch der Rabe legte nur leicht den Kopf schief und sah sie traurig an. »Aber, Schwesterchen, ich kann doch keine Ratte fressen! Ich mag keine Ratten und das weißt du auch! Kauf mir etwas vom Metzger!«, forderte er und schlug wild mit den Flügeln. »Ich werde dir sicherlich nichts kaufen!« »Ach, bitte! Ich werde dich auch die nächsten Tage nicht mehr danach fragen!« Nyméria sah Hilfe suchend zu Tyron. Dieser beobachtete die Szene mit einem amüsierten Lächeln. »Wieso ist der Rabe gleich noch mal bei uns?«, fragte er Nyméria und die seufzte frustriert auf, als sich Liyon von ihrem Kopf wegdrückte und vor ihr auf dem Boden landete. Er zupfte an ihrem Hosenbein. »Bitte!« »Dieses ehrenwerte Geschöpf dort ist, zu meinem Leidwesen, mein Bruder, der unter einem Familienfluch leidet«, erklärte sie knapp ihrem Schüler, der leise lachte. »Ich weiß nicht wer mir von euch beiden mehr leidtut.« Nyméria warf ihm nur einen wütenden Blick zu, sie wollte nicht näher darauf eingehen. Sie seufzte erneut. »In Ordnung, Liyon. Du bekommst etwas vom Metzger, wenn du dich jetzt brav benimmst, wenn wir zu der Wahrsagerin gehen. Dann darfst du dir alles aussuchen wonach es dich gelüstet! Was hältst du davon?« Sie streichelte den Raben sanft unter dem Schnabel. Liyon blickte sie aus hellen, grünen Augen, die an Smaragde erinnerten, an. Er legte den Kopf leicht schief und schien zu überlegen. Dann schlug er plötzlich wie wild mit den Flügeln und entlockte seiner Schwester dabei einen kurzen Aufschrei, als er mit seinen Krallen flüchtig über ihr Gesicht streifte, als er sich wieder auf ihren Kopf setzte und dort auf und ab hüpfte. »Nein, nein, nein! Ich will dort nicht hinein!« »Ach komm, Liyon! Du benimmst dich wie ein Kind! Immerhin geht es um deine Zukunft, du verfluchtes Federvieh! Du möchtest dein Leben nicht in dieser Gestalt verbringen und deswegen sind wir hier in dieser verfluchten Stadt, weil diese Frau die Einzige ist, die dir helfen kann! Also stell dich nicht so an und benimm dich wie ein Mann!«, herrschte sie ihn an und vertrieb ihn von ihrem Kopf. Sie funkelte den Raben an, als sie ihr Haar richtete, das ihr wild vom Haupt abstand. Liyon flatterte auf und ab. »Ich möchte aber nicht da hin«, beharrte er weiter, es klang verzweifelt. Tyron schüttelte den Kopf und versuchte nicht zu lachen. Er fand es jedes Mal aufs Neue komisch, wenn die beiden Geschwister miteinander stritten. Es wäre wohl nur halb so lustig gewesen, wenn Liyon kein Rabe gewesen wäre. »Liyon! Benimm dich!«, versuchte es Nyméria erneut, sie packte ihren Bruder am rechten Bein, öffnetet ihre Umhängetasche und sperrte den widerspenstigen Vogel dort ein. Der schlug wild um sich und versuchte mit seinem Schnabel den Stoff zu zerhacken, doch Nyméria kannte ihren Bruder und hatte die Tasche aus einem harten Material anfertigen lassen, das der Rabe nicht zerstören konnte. »Das hast du nun davon!«, schrie sie die zappelnde Tasche laut an. Ihr Bruder begann zu fluchen und Nyméria war kurz davor, die Tasche gegen die nächste Hausmauer zu schleudern, als Tyron die Augenbrauen nach oben zog und sie mahnend ansah. »Nein«, sagte er bloß und die Diebin seufzte auf. »Eines Tages?«, fragte sie ihn dann und sah Tyron mit einem hoffnungsvollen Blick an. Der Lehrling zuckte nur mit den Schultern. »Wenn wir hier nicht weiterkommen, dann können wir darüber reden.« Tristheim war, genau wie der Name schon sagte: Trist. Die ganze Stadt war in einem dreckigen Grau gehalten und man sah nirgends einen Flecken, der auf Frohsinn in dieser Stadt hingedeutet hätte. Selten sah man Blumen, geschweige denn Bäume. Die Bewohner der Stadt sahen nicht besser aus. Ihre Kleidung war schlicht gehalten und wirkte abgetragen. Man sah kaum jemanden, der edlere Kleidung trug. Vielleicht war das auch nicht die richtige Gegend für Wohlhabende, dachte sich Nyméria inzwischen, während die drei immer tiefer in den Gassen der Stadt verschwanden. Inzwischen begegnete ihnen niemand mehr, ab und an hörten sie Ratten, wenn das trippelnde Scharren ihrer Schritte an den engen Wänden widerhallte. Tyron, der hinter Nyméria ging, schaute sich immer wieder um. Ihm gefiel die Gegend nicht. Zwar war er auch nicht gerade in einem reichen Viertel aufgewachsen, doch in solch herabgekommene Wohngebiete hatte er sich noch nie begeben. »Weißt du, wo wir hinmüssen?«, fragte er nun. Nyméria nickte kaum merklich. »Gleich sind wir da.« Und sie behielt recht. Nyméria blieb stehen, als sich die Gasse lichtete. Die drei befanden sich nun in einem schäbigen Hinterhof. Der Boden war schlammig und aufgewühlt, über ihnen waren von einem Fenster zum anderen Wäscheleinen mit Kleidung gespannt. In der Ecke des Hinterhofes stand eine windschiefe Hütte aus schwarzem Holz. Tyron bekam eine Gänsehaut und er merkte nun, dass hier, in dem Teil der Stadt, kein Sonnenlicht zu sehen war. »Komm.« Nyméria ging zielstrebig auf die marode Hütte zu, ihr Lehrling folgte. Kurz bevor sie an der Tür klopfte, holte sie Liyon aus der Tasche hervor. Der Rabe plusterte sich auf und setzte sich beleidigt auf ihre rechte Schulter. Nachdem Nyméria geklopft hatte, dauerte es eine Weile, bis hinter der Tür etwas zu hören war. Zuerst war da nur ein Schaben, dann das Geräusch von Glas, das zerbrach, und dann ging die Tür, mit einem Quietschen auf. Gedämpftes Licht schien ihnen entgegen und sie konnten kaum etwas erkennen, außer der Gestalt, die sich ihnen aus dem Inneren der Hütte näherte. Nyméria und Tyron blinzelten. »Lady Mëira?«, fragte Nyméria zögerlich und ihr stockte der Atem, als die Frau in das spärliche Licht des Hinterhofes trat. Sie war schlank und zierlich, dazu noch blutjung, sogar jünger als Tyron, der erst sein neunzehntes Lebensjahr erreicht hatte! Ihr rotblondes Haar war zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden und ihre blauen Augen funkelten die drei an. Ihr Gesicht zierten unzählige Sommersprossen. Sie trug ein ockerfarbenes Kleid, blieb in der Tür stehen und sagte kein Wort. »Seid ihr Lady Mëira?«, versuchte es Nyméria erneut. Ihre Stimme hatte nun etwas an Stärke zurückgewonnen. Sie wusste selbst nicht, wieso sie so unsicher war. Vielleicht lag es daran, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass die Wahrsagerin so jugendlich war? »Lady Mëira ist tot, schon seit Langem. Ich bin ihre Enkelin, Júna«, stellte sich das Mädchen vor und lächelte verkrampft. »Doch das heißt nicht, dass ich euch nicht helfen kann. Meine Großmutter hat mich die Kunst der Wahrsagerei und des Lesens in den Sternen gelehrt.« Nyméria sah kurz unsicher zu Tyron, doch dieser nickte nur. »Wir haben ein Anliegen, ehrenwerte Júna. Besser gesagt, er hat eines.« Der junge Mann zeigte auf Liyon. Der saß wie versteinert auf der Schulter seiner Schwester und blickte Júna an. Júna runzelte die Stirn, als sie Liyon sah. »Was ist mit ihm?« »Er leidet unter einem Fluch, dem Estáre-Fluch. Vielleicht habt Ihr schon einmal davon gehört?«, fragte Tyron und lächelte matt. »Natürlich! Meine Großmutter hat mir oft davon erzählt, ach der Arme! Es muss schrecklich sein, darunter leiden zu müssen.« Sie seufzte wehmütig auf. »Wie kann ich Euch helfen?«, fragte sie an den Verfluchten gewandt. Liyon erwachte aus seiner Starre und schüttelte sich. »Helft mir wieder der zu sein, der ich früher war, werte Maid.« Nyméria warf ihrem Bruder einen überraschten Blick zu. Seit wann benahm er sich so höflich? Júna beäugte ihn eine Weile stumm, dann drehte sie sich um und ging in die Hütte hinein. Nyméria und Tyron blieben unsicher stehen. »Kommt herein«, hörten sie die dumpfe Stimme des jungen Mädchens, und so taten sie beide, was man von ihnen verlangte. Tyron schloss die Tür hinter sich und bereute es sofort wieder. In dem Inneren der kleinen Hütte roch es stark nach Talg, Kräutern und etwas, das er nicht identifizieren konnte. Die beiden mussten aufpassen, wohin sie traten, denn überall lagen Knochen, Felle von Tieren und Glasscherben herum. Die Hütte an sich war spärlich eingerichtet. Eine kleine Schlafnische befand sich in der linken Ecke, die mit Decken und Fellen ausgelegt war. In der rechten Ecke befand sich eine kleine Kochstelle, auf der ein Topf stand, in dem eine grünliche Flüssigkeit vor sich hin brodelte. Keiner von ihnen wollte wissen, was das war. In der Mitte befand sich ein großer Tisch, in dessen Platte Runen eingraviert waren. Um den Tisch herum waren Kissen ausgelegt und überall in der Hütte standen Kerzen, die ein schwammiges Licht erzeugten. Júna kniete sich vor den Tisch und sah Nyméria und Tyron wartend an. Die beiden setzten sich zu ihr und ihnen wurde mulmig. Der Einzige der ruhig wirkte, war Liyon. Der Rabe hockte immer noch auf der Schulter seiner Schwester und wartete ab. Júna holte einen kleinen Lederbeutel hervor und ließ den Inhalt auf den Tisch fallen. Es waren Steine und Knochen, in die mit filigraner Schrift einzelne Runen eingeritzt worden waren und an dem ein oder anderen sah man sogar einen Edelstein. Tyron und Nyméria sahen sich an. Keiner von ihnen war je bei einer Wahrsagerin gewesen, doch sie wussten, dass diese Knochen eine große Macht über die Zukunft und das Schicksal hatten. »Nun, Liyon, was möchtet Ihr wissen?«, fragte Júna und ihr Blick fixierte ihn. Liyon schloss seine Augen. »Ich möchte, dass Ihr mir sagt, wie ich den Fluch brechen kann.« Ein flüchtiges Lächeln schlich sich auf die Züge der jungen Wahrsagerin. »Seid Ihr Euch sicher?« »Ja, ich bin sicher.« Júna nahm die Runensteine in ihre Hände und presste sie an ihre Brust, dann schloss sie die Augen, begann unverständliche Worte zu murmeln und sich hin und her zu wiegen. Ihre Stimme wurde lauter, bis sich ein Singsang daraus bildete, der die ganze Hütte einnahm. Auf Nymérias Körper breitete sich eine Gänsehaut aus und sie sah verstohlen zu Tyron, der mit zusammengepressten Lippen dasaß. Júna öffnete ihre Augen und ihr Blick schien leer an die Decke der Hütte gerichtet zu sein, dann ließ sie die Hände über den Tisch kreisen und öffnete sie. Die Knochen und Steine fielen mit einem lauten Poltern heraus und blieben kreuz und quer auf der Tischplatte verteilt, liegen. Für Nyméria, Liyon und Tyron sah es nach dem reinsten Chaos aus, doch Júna wusste es besser. Ihr Blick wurde wieder klarer und sofort begann sie, die Runen zu deuten. »Du hast Angst, große Angst, immer ein Rabe zu bleiben, doch du weißt, dass du dich auf deine beiden Begleiter immer verlassen kannst; das ist gut. Sie werden immer zu dir stehen. Aber seid gewarnt, ihr alle drei, jemand wird versuchen dieses Band, das euch alle verbindet zu zerstören. Lasst euch nicht in die Irre führen und haltet fest zusammen!« Sie strich über die nächsten Knochen, murmelte etwas, zog die Stirn kraus, und schüttelte den Kopf. »Sieben Federn und einen Fluchstein benötigt Ihr, um wieder der sein zu können, der Ihr vorher wart. Ansonsten müsst Ihr Euer Leben in den Federn des Rabenkleides verbringen.« »Und wo ist einer dieser Fluchsteine?«, versuchte nun Nyméria, die als Erste wieder die Sprache gefunden hatte, zu erfahren. Júna blickte noch einmal auf ihre Knochen hinab und schien plötzlich wie erstarrt zu wirken. »Der Meistermagier Ican besitzt den letzten Fluchstein von Irale.« Stille herrschte in der Hütte und nur das Knistern der Kerzen war zu hören. »Ican … seid Ihr Euch sicher?«, fragte Tyron. Júna nickte. »Ja, ich bin mir sicher. Die Knochen lügen nicht.« »Na, dann können wir ja gleich wieder nach Hause gehen.« Es war Liyon, der das betroffen aussprach. Er ließ die Flügel traurig hängen und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist Wahnsinn. Ican hat das ganze Elfenreich eingenommen! Wir kommen nie an ihn heran und wenn, dann wird er uns rösten!« »Ich sehe nicht, dass Euch dort der Tod erwartet.« Júna sah jeden der drei intensiv an. »Ich sehe etwas Dunkles, das dort auf euch lauert. Es ist nicht euer Tod, sondern ...« Sie schloss die Augen und es schien so, als würde sie mit den nächsten Worten kämpfen. »Es ist schlimmer als alles, was ihr euch vorstellen könnt.« Tyron näherten sich Nyméria ein klein wenig und flüsterte ihr ins Ohr: »Die hat sie doch nicht mehr alle.« Nyméria gab ihm einen unsanften Schubs, dann sah sie kurz zu Liyon. »Was denkst du darüber, Bruder?« Liyon schwieg und Júnas Blick ruhte immer noch auf den Dreien. »Danke für Eure kostbare Zeit, die Ihr uns geschenkt habt. Nyméria, Tyron: Wir gehen.« Nyméria und der junge Mann standen auf, nickten Júna zu und gaben ihr ein paar Goldmünzen. Die lächelte verkrampft. »Ich habe es gerne getan. Sollte einer von euch noch Fragen haben, ich bin hier und warte auf euch.« Nyméria nickte ihr noch einmal zu, dann ließen sie Júna allein in ihrer Hütte zurück und der Schein der Kerzenflammen gab ihrem mädchenhaften Gesicht etwas Dämonenartiges. Die drei verließen die Hütte und stellten fest, dass es bereits Nacht war und ihnen die kühle Abendluft kurz den Atem raubte. »Ich glaube kaum, dass heute noch ein Metzger offen hat, mhm?«, versuchte Liyon die gedrückte Stimmung ein wenig aufzuheitern, doch keiner seiner Begleiter reagierte darauf. Der Rabe seufzte, kuschelte sich zusammen und schloss die Augen, während Nyméria und Tyron zurück zur Hauptstraße gingen. Sie mussten weg von diesem Ort, an dem sie nichts als ihre Zeit verschwendet hatten. 2. Kapitel Die beiden saßen mit hängenden Mundwinkeln in der kleinen Taverne, die sie in einem sauberen Stadtteil gefunden hatten. Die Nacht würden sie dort ebenfalls verbringen, allerdings im Stall, da alle Zimmer bereits belegt waren. Nyméria, die genau wie Tyron einen Krug Met vor sich stehen hatte, schob ihn unruhig in den Händen hin und her, während Tyron seinen Gedanken nachhing. Liyon hockte vor ihnen auf der verkratzten Holztischplatte und aß ein paar Nüsse, die sie vom Wirt bekommen hatten. Der warf dem ungewöhnlichen Vogel ab und an einen misstrauischen Blick zu. Er hatte schon vieles gesehen – doch einen handzahmen Raben der reden konnte, das war selbst ihm neu. Obwohl er jeden Tag die verrücktesten Dinge sah … Wie zum Beispiel den Mann, der ganz hinten einsam und verlassen in einer Ecke saß. Die Kapuze hatte er tief ins Gesicht gezogen und der Teller, der vor ihm stand, war unberührt, sowie das Glas Rotwein, das er bestellt hatte. Dem Wirt war das eigentlich herzlich egal. Solange er bezahlte, warf er das Essen auch gerne den Schweinen vor. Doch das war es nicht, was ihm an dem Kerl komisch vorkam. Es war die Kleidung, die er trug. Sie bestand aus dem edelsten Stoff, den er je gesehen hatte. Der dunkle langärmlige Wams und die Hose waren mit silbernen, filigranen Mustern verziert, die an Ranken erinnerten. Die Füße steckten in schweren, schwarzen Stiefeln mit silbernen Schnallen. Neben dem Fremden lag ein langes, silbernes Schwert und aus dem linken Stiefelschaft sah der Gastwirt den Griff eines Dolches ragen. Der Inhaber schüttelte kurz den Kopf – es gab schon komische Leute, und die saßen alle in seiner Taverne. »Und? Was machen wir jetzt?«, es war Liyons krächzende Stimme, die die Stille zerriss. Nyméria erschrak und Tyron wäre beinahe von der Bank gefallen, weil er sich ebenfalls erschreckt hatte. »Wie meinst du das?«, fragte die Söldnerin und gähnte. Liyon krächzte erneut und plusterte sich auf. »Ich meine das so, wie ich es sage. Was machen wir jetzt? Däumchen drehen, einen anderen Weg suchen oder einfach drauflos rennen in den Tod?« Nyméria und Tyron sahen sich an. »Keine Ahnung …«, antworteten die beiden monoton und wirkten erschöpft. Liyon, den die Worte der Wahrsagerin eigentlich am meisten betrafen, war hingegen das blühende Leben und er machte sich ernsthaft darüber Gedanken, einen Versuch zu wagen. »Was meinte sie mit sieben Rabenfedern?«, wollte der Rabe nun wissen und flatterte kurz mit den pechschwarzen Flügeln. Nyméria überlegte. »Ich denke wir brauchen die Federn von anderen Verfluchten.« »Kennt ihr noch andere?«, fragte Tyron aufmerksam. »Nicht direkt … in unserer Familie gibt es neben Liyon noch drei andere, vielleicht gibt es ja noch mehr Familien in Irale die das gleiche Schicksal haben?«, versuchte es die Söldnerin und wiegte den Kopf hin und her. »Wir könnten auch noch einmal zu Júna gehen und sie fragen, was sie damit meinte?«, schlug Tyron nun vor. »Das kannst du schön alleine machen, ich gehe nicht noch einmal dort hin!«, gab Liyon aufgebracht von sich und Nyméria warf ihrem Bruder einen vielsagenden Blick zu. »Nun gut, es ist ja nur dein Leben, das du ewig als Vogel verbringst. Uns soll es recht sein.« Liyon schnaubte und kratzte mit den Krallen auf der Tischplatte, was der Tavernen Besitzer mit einem lauten Ruf bemerkte. »Sagt Eurem Haustier, dass ich es morgen auf die Tageskarte setze, wenn es nicht sofort aufhört meinen Tisch zu ruinieren!« »Der ist doch sowieso schon kaputt!«, warf Tyron ein, nahm Liyon in die eine Hand, seinen Krug in die andere und stieß mit dem linken Fuß gegen ein Tischbein, das sofort einknickte. Der Tisch ging mit einem Rumsen zu Boden. Nyméria hatte gerade noch ihren Krug gerettet und funkelte ihren Gefährten an. Die Zornesröte stieg dem beleibten Wirt ins Gesicht und seine Augen quollen hervor. »Das zahlt Ihr mir!« Tyron zog nur die Augenbrauen nach oben, setzte den Krug und den Raben auf der Bank ab und stand auf. Er zog sein dünnes Schwert leicht aus der Scheide heraus und stieg über den Tisch, auf den Wirt zu. »Dieser Tisch war vorher schon morsch! Ich werde ihn sicherlich nicht bezahlen!« Der Wirt ballte die Hände zu Fäusten, beugte sich unter seinen Tresen und holte eine Armbrust hervor, in der ein gespannter Bolzen lag. Tyron zeigte sich davon nicht beeindruckt. »Och, holt Ihr Euer kleines Spielzeug hervor?«, witzelte er und zog eine Grimasse. »Tyron!« Nyméria war aufgesprungen und zwischen die beiden getreten. »Tyron beruhige dich.« Sie wandte sich dem Wirt zu. »Den Schaden werden wir Euch natürlich bezahlen! Mein Freund hier hat leider ein sehr leicht reizbares Gemüt; er weiß nicht, wann die Grenze erreicht ist«, redete Nyméria auf den Mann ein, bis dieser die Armbrust ein wenig senkte. Er beäugte die Frau und kniff leicht die Augen zusammen. »Na gut«, knurrte der Wirt und legte die Armbrust zur Seite, »ich möchte von Euch vier Goldmünzen und die Schlafgelegenheit im Stall könnt ihr alle vergessen!« Nyméria nickte schnell und kramte aus ihrem Beutel das Geld hervor, doch ihr kam jemand zuvor. Aus den Augenwinkeln sah sie den dunkelgekleideten Mann, der in einer Ecke der Taverne gesessen und alles stumm beobachtet hatte. Er ging auf den Wirt zu. Dieser sah ihn überrascht an, als der Fremde mehrere Goldmünzen hervorholte und sie auf den Tresen legte. »Ich bezahle den Schaden sowie das Essen und die Getränke von allen«, sprach er mit ruhiger, klarer Stimme. Der Wirt betrachtete erstaunt die acht Goldmünzen und schluckte schwer. »Ja … natürlich, Herr. Ich danke Euch.« Wie eine Elster raffte er das Gold zusammen und ließ es in seinem Geldbeutel verschwinden. Nyméria, Tyron und Liyon sahen den Fremden misstrauisch an. Der Rabe flog auf die linke Schulter seiner Schwester und nahm dort Platz. Seine grünen, menschlichen Augen fixierten den Fremden. »Wieso habt Ihr Euch eingemischt?«, fragte Nyméria und verschränkte die Arme vor der Brust. Nur am Rande nahm sie wahr, dass der Wirt mit einem Reisigbesen um den Tisch, den Tyron zerstört hatte, rund herum kehrte. Der Dunkelgekleidete zögerte mit seiner Antwort: »Ich habe nach euch gesucht.« Die drei horchten auf. »Wieso?«, die Stimme von Tyron klang scharf und der Fremde schien nervös zu sein. Keiner von ihnen sah sein Gesicht, da die Kapuze einen Schatten warf. »Ich erkläre es Euch, aber nicht hier.« Er zeigte auf die Tür. »Wenn Ihr mir bitte folgt.« Die drei Gefährten blickten sich an. »Sollen wir wirklich mit ihm mitgehen?« Tyrons Stimme klang misstrauisch und Nyméria warf dem Fremden einen kurzen Blick zu. Er war groß gewachsen, schlank und die Kleidung, die er trug, war teurer, als das, was sie und ihr Schüler an Hab und Gut hatten. »Er wird uns schon nicht abstechen, sobald wir draußen sind, mhm?«, erwiderte sie und zuckte mit den Schultern, bevor sie sich zu dem Kerl umdrehte. »Gut, wir folgen Euch, aber seid gewarnt: Solltet Ihr vorhaben uns etwas anzutun, dann werdet Ihr uns kennenlernen.« Der Fremde nickte knapp. »Ich werde Euch kein Leid zufügen.« Sie folgten dem Unbekannten einige Minuten kreuz und quer durch die dunkle Stadt. Ihnen kamen ab und an Bewohner entgegen, doch sie beachteten die vier kaum. Tyron hatte ein ungutes Gefühl bei dem Mann. Wer war er und was wollte er? Es fröstelte ihn. Der Fremde machte kaum Geräusche. Es war so, als wäre er mit dem Wind verschmolzen. Er war schnell und leichtfüßig. Plötzlich blieb der Mann vor einer Tempelanlage stehen, die in der Mitte der Stadt aufgebaut worden war. Tyron betrachtete das Gebäude aus weißem Marmor. Es war imposant und ragte knapp achtzig Meter in die Höhe. Draußen waren Götzenbilder angebracht und in einer alten Sprache stand ein Spruch über der geschlossenen Tür. Meterhohe Säulen hielten das Dach. »Gut, hier sind wir alleine.« Der Mann drehte sich um und zog die Kapuze vom Kopf. Nyméria, Tyron und Liyon blickten in ein fein geschnittenes Gesicht mit dunklen, blauen Augen. Die weißblonden Haare des Mannes reichten bis zum Nacken. Doch das war es nicht, was die drei so entsetzte – es waren die leicht zulaufenden, spitzen Ohren, die er ihnen zeigte, als er sein rechtes Ohr freilegte. »Ein Elf!«, entwich es Tyron und er japste laut nach Luft. Der Elf sah sie ernüchternd an. »Mein Name ist Felerion. Wie ihr alle heißt, das weiß ich längst. Ich beobachte euch schon länger, doch erst heute gab es einen Grund, wieso ich mich euch näherte.« Nyméria runzelte die Stirn. »Warum habt Ihr uns beobachtet?«, wollte sie sofort wissen, doch der Mann hob die rechte Hand und deutete ihr an, zu schweigen. »Ich komme aus Aláran, und wie ihr sicherlich alle wisst, ist dieses Land von dem dunklen Magier Ican unterworfen worden. Meine Brüder und Schwestern leiden unter seiner Herrschaft und ihr seid die Einzigen, die mir helfen können, ihn zu beseitigen.« Er nickte in Liyons Richtung. »Ich weiß von Eurem Fluch, Herr Rabe. Und ich weiß auch, dass Ihr einen Fluchstein benötigt – ich kann Euch helfen, an einen solchen zu gelangen.« »Und wie wollt Ihr das anstellen?«, nur zögerlich wurde das Interesse des Verfluchten geweckt. Liyon war anfangs immer sehr vorsichtig. Felerion lächelte. »Ich kann Euch zu Ican bringen, ohne, dass er bemerkt, dass Ihr in seinem Reich seid.« Die drei Gefährten blickten sich an. In Tyrons Gesicht stand eine unausgesprochene Frage und diese nagte an seinen Lippen. »Seid Ihr wahnsinnig?« Die Worte kamen schneller über seine Lippen als gedacht. Felerion runzelte die Stirn und blinzelte. »Nein – ich habe einen gesunden Verstand und keine geistige Störung, wenn es das ist, auf das Ihr hinauswollt. Ich will Euch nur helfen und Ihr helft mir und meinem Volk, was sagt Ihr dazu?« »Wie seid Ihr auf uns gekommen?«, fragte Nyméria nun. »Ihr habt auf eurer Reise hierher sehr viele Frage gestellt, die nicht unbemerkt geblieben sind.« Nyméria sah nun ihre beiden Gefährten an. »Also ganz normal ist der doch nicht!«, zischte Liyon ihr ins Ohr und krächzte. »Ich würde sagen, wir hauen ab und tun so, als hätten wir ihn nicht getroffen. Geisteskranke können unberechenbar sein!« »Ich denke nicht, dass er krank ist. Er meint es ehrlich«, erwiderte Nyméria nun, während sie einen kurzen Blick auf Felerion warf. Er sah sie wartend an. »Wie kommst du darauf, Nyméria?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich … ich weiß es nicht. Ich merke einfach, dass er es ehrlich meint.« Tyron zog die Augenbrauen nach oben. »Was für eine tolle Aussage, Nyméria.« Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. »Wir könnten es ja mal mit ihm probieren?«, schlug Liyon nun vor. Nyméria sah nun zu ihrem Schüler. »Liyon hat Recht. Er scheint doch ganz nett zu sein.« Der Jüngere rollte mit den Augen und seufzte entnervt auf. »Na gut, versuchen wir es. Aber wenn er uns reinlegt oder sonst irgendetwas tut, dann sagt ja nicht, ich hätte euch zwei nicht gewarnt!« Die Söldnerin winkte ab und wandte sich Felerion zu. Sie stemmte die Hände an die Hüften und musterte ihn unverhohlen. Es war der erste Elf, den sie sah und sie fragte sich, ob alle Elfen so gut aussahen. Felerion bemerkte ihren Blick und grinste kurz. »Na gut, Felerion. Wir helfen Euch und Ihr helft uns. Doch bevor wir mit Euch mitkommen, brauchen wir sechs Rabenfedern. Diese müssen wir zuerst suchen.« Felerion nickte und zog eine Karte hervor, die er vor den Dreien auf dem Boden ausbreitete. Es war eine Karte von Irale und kreuz und quer waren sechs rote Kreuze verteilt worden. »Ich bin euch schon einen Schritt voraus. Hier sind die sechs anderen, die ebenfalls verflucht sind. Wir können sofort aufbrechen.«


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