Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Plötzlich Mensch
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Plötzlich Mensch, Mary Anne Raven
Mary Anne Raven

Plötzlich Mensch



Bewertung:
(267)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
2124
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
allen Buchhändlern - eBook auch auf: http://www.sieben-verlag.de/
Drucken Empfehlen

Frieden hatte Einzug gehalten in Dazahui. Nach dem Ende des letzten großen Krieges zwischen Menschen, Elfen und Untoten und der Verabschiedung der Gleichstellungsgesetze für Tiere und Mischwesen entwickelte sich eine gut funktionierende Gesellschaft, in der Wesen jeglicher Herkunft friedlich nebeneinander existieren können.


 


1


 


Dean Billius Grimes hatte sich nie viel aus Gesetzen und Moralvorstellungen gemacht. Sie waren etwas für Schwächlinge, die auf diese Art nur versuchten, ihre jämmerliche Existenz aufrechtzuerhalten und sich nicht der Macht der Stärkeren beugen wollten. Er konnte nur lachen über seine angepasst lebenden Artgenossen, die sich brav integriert hatten und nur noch Konservenblut tranken. Für ihn waren sie jämmerliche Würmer, die sich wie Haustiere hatten zähmen lassen. Er war keiner von ihnen. Für ihn galten die Gesetze nicht. Er war ein Jäger. Ein Raubtier, das im Schatten der Nacht über seine Opfer herfiel und ihnen ihr erbärmliches Leben aussaugte, bis sie nur noch eine tote, leere Hülle zu seinen Füßen waren. Seit dem letzten großen Rassenkrieg zwischen Untoten und Leben-den waren die Vampire sehr darum bemüht gewesen, ihren guten Ruf wiederherzustellen. Die Kämpfe hatten sich durch extreme Grausam-keiten auf beiden Seiten ausgezeichnet. Zugegeben, zuerst waren die Vampire die Aggressoren gewesen. Doch die Allianz aus Menschen, Elfen und Zwergen hatte sich bald für die Massaker, welche die Untoten verursachten, gerächt, und mit dem flächendeckenden Einsatz von Tageslicht-Strahlern und Knoblauchgas die Reihen der Vampire so stark dezimiert, dass diese schließlich kapitulieren mussten. Seit dieser Zeit war das Verhältnis der Lebenden zu den Vampiren nicht unbedingt von großem Vertrauen geprägt. Deans Artgenossen taten alles, um sich als vollwertige Mitbürger zu etablieren und die Lebenden von ihrer Ungefährlichkeit zu überzeugen. Sie erfüllten sämtliche Auflagen, die ihnen die Siegermächte aufgezwungen hatten, leisteten soziale Arbeit und spendeten viel Geld für wohltätige Zwecke. Diese dummen Schafe. Dean hatte mit dem letzten Krieg, der inzwischen über zwanzig Jahre zurücklag, nichts zu tun gehabt. Die belanglosen Kämpfe um Macht, Ideologie und unbedeutende Ländereien hatten ihn nicht interessiert. So hatte er sich aus den damaligen Rangeleien herausgehalten und lieber einige Zeit in Übersee zugebracht. Weit entfernt von den Schlachtfeldern. Was kümmerten ihn also die Gesetze dieser Stadt? Sie waren für an-dere, für die Verlierer gemacht worden. Nicht für ihn. Diese Dumm-köpfe würden ihn niemals zu fassen bekommen. Auch heute nicht, in dieser friedlichen Sommernacht. Lässig lehnte er seinen Körper gegen den Stamm der alten Eiche, in deren Krone er sich auf die Lauer gelegt hatte. Ein ereignisloser Tag neigte sich dem Ende zu. Während er in seinem Sarg geschlafen hatte, arbeitete sein Geld für ihn. Es war rund um die Welt gewinnbringend angelegt. Jack Jacksonson, der Kobold, der seine Finanzen verwaltete, verstand sein Handwerk, so wie fast alle seiner Art, denen das Geldvermehren einfach im Blut lag. Übertroffen wurden sie nur von den Drachenmenschen, deren Zahl allerdings in den letzten Jahrhunderten durch übermütige Schatzjäger stark zurückgegangen war. Die Drachenmenschen waren zwar überragend gut darin, Geld zusammenzutragen, hatten aber leider ein großes Problem damit, sich wieder davon zu trennen, was sie als Finanzverwalter völlig untauglich machte. Dean arbeitete nun schon fast fünfzig Jahre mit dem spitzohrigen Kobold zusammen und er war noch nie von dessen Leistungen ent-täuscht worden. Erst kürzlich hatte er eine sehr gewinnbringende In-vestition in eine Mammut-Schererei in der Antarktis getätigt. Auch sonst brauchte er sich keine Sorgen um seine finanzielle Liquidität zu machen. Er konnte es sich ohne Weiteres leisten, seinen gehobenen Lebensstil zu pflegen, ohne großartig dafür arbeiten zu müssen. Er genoss es seine Nächte mit anderen, interessanteren Dingen zu ver-bringen. Wie zum Beispiel seiner Lieblingsbeschäftigung, der Jagd. Sein Blick glitt suchend über die weitläufigen Grünflächen des städtischen Parks, der in nächtlicher Stille vor ihm lag. Der warme Abendwind spielte mit seinem Haar und trug einen süßen Duft zu ihm empor. Witternd hob er die Nase. Seine Raubtierinstinkte waren erwacht. Ein erwartungsvolles Lächeln legte sich um seine Mundwinkel. Beute war unterwegs. Sein Blick suchte und fand den schmalen Kiesweg, der sich in unzähligen Windungen durch die grüne Idylle wand, die wie eine Insel inmitten des grauen Großstadtdschungels lag. Es war tiefste Nacht, doch seine Augen vermochten auch in der Dunkelheit jede Bewegung wahrzunehmen. Und da war sie. Eine blonde Frau, vermutlich kaum zwanzig Jahre alt. Die Tasche fest an ihre Seite gepresst, eilte sie mit nervöser Ent-schlossenheit durch den dunklen Park. Ihre Augen waren fest auf das hell erleuchtete Ausgangsportal gerichtet, doch ihr Blick schweifte immer wieder nervös zu den bedrohlichen Schatten, die sie umgaben. Dean konnte ihre Angst riechen. Die Vorfreude auf das, was gleich geschehen würde, rauschte wie ein erregendes Kribbeln durch seinen Körper. Die junge Frau hatte die Eiche, auf der er lauerte, fast erreicht. Er wartete noch einen Moment, dann stieß er sich mit einer geschmeidi-gen Bewegung vom Baumstamm ab und landete fast ohne ein Ge-räusch zu verursachen auf dem Kiesweg nur wenige Meter von seinem Opfer entfernt. Die junge Frau blieb abrupt stehen. "Guten Abend", sagte er mit tiefer, charismatischer Stimme und be-obachtete amüsiert, wie sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht wich, bis ihre Haut fast so bleich wie die seine wurde. Sie begann am ganzen Körper zu zittern, während ihre Hände verzweifelt nach ihrer Tasche griffen. Ein mitleidiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Zweifellos wollte sie versuchen, ihn mit einem Knoblauchspray oder einer Tageslicht-Lampe abzuschrecken. Das würde ihr leider nicht gelingen. Noch ehe ihre Finger den Verschluss der Tasche überwunden hatten, war er bereits hinter ihr und umfing ihre Hände mit sanftem, aber festem Griff. Die Tasche rutschte von ihrem Arm und fiel zu Boden. "Du wirst doch keine Dummheiten machen wollen", flüsterte er in ihr Ohr, während die Frau in seinen Armen in jenen widerstandslosen Zustand verfiel, den der betörende Klang einer Vampirstimme hervorrief. Zufrieden betrachtete er sein Opfer. Jung, makellos schöner Körper. Ein besonderer Leckerbissen. Das Wasser lief ihm im Munde zusam-men, während seine Finger sanft das lange blonde Haar an ihrem Hals zur Seite strichen und die blasse Alabasterhaut darunter zum Vorschein brachten. Sie stöhnte leise, erregt von der Intensität seiner Berührung, als sein Mund sich zärtlich auf ihren Hals legte. Dann biss er zu und das warme, süße Blut der jungen Frau rann langsam aus ihrem Körper in seinen Mund.


 


*


 


Irgendetwas stimmte nicht. Dean wusste es, noch bevor er die Augen aufgeschlagen hatte. Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Er lag auf einem mit Schotter bedeckten Parkweg und über ihm er-streckte sich das dichte Blätterdach einer Eiche. Sonnenstrahlen fielen durch die Lücken im Laub und tauchte die Schatten in angenehmes Dämmerlicht. Einer schien direkt auf sein Gesicht und ließ ihn geblendet die Augen schließen. "Fuck!" Pures Entsetzen nahm augenblicklich von seinem Körper Besitz. In Panik rollte er sich zur Seite und hob schützend die Hände über den Kopf. Hunderte kleiner Kieselsteine bohrten sich in das Fleisch in seinem Rücken, doch er nahm es kaum wahr. Seine größte Sorge galt seinem Gesicht. Wie lange hatte er schon im Sonnenlicht gelegen? Wie schlimm waren seine Verbrennungen? Seine Finger glitten hektisch über seine Wangen, seine Augen, seine Nase. Er spürte nichts als warme, unversehrte Haut. Ein erleichtertes Seufzen entwich seinen Lungen und er ließ die Hände langsam wieder sinken. Offenbar war er noch rechtzeitig entkommen, bevor seine Haut größeren Schaden hatte nehmen können. Vorsichtig richtete er seinen Oberkörper auf und blickte sich um. Wie es aussah, war er noch immer im Park. Unter derselben Eiche, in deren Schatten er letzte Nacht auf der Lauer gelegen hatte. Aber warum war er noch hier? Was war mit ihm passiert? Er konnte sich noch daran erinnern, dem Mädchen aufgelauert zu haben. Er hatte es gestellt und gebissen. Doch was war danach geschehen? Ein seltsamer Nachgeschmack lag in seinem Mund. Langsam und vorsichtig stand er auf und klopfte sich den Staub von seiner Kleidung. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem Körper. Seine Muskeln funktionierten nicht wie sonst. Sein Gehör und seine Augen schienen nur einen Bruchteil von dem wahrzunehmen, was sie normalerweise sehen und hören konnten. Er fühlte sich irgendwie … schwach. Der Gedanke ließ ihn erschaudern. Vielleicht lag es am Sonnenlicht. Normalerweise verzog er sich um diese Tageszeit in einen fensterlo-sen Raum, in den kein Licht eindringen konnte. UV-Strahlung war pures Gift für die Haut eines Vampirs. Nur wenige Minuten in direk-tem Tageslicht konnten ihm die obersten Hautschichten wegbrennen. Ein schmerzhafter Prozess, dessen Heilung Ewigkeiten dauerte. Selbst Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor konnte dem nur für kurze Zeit etwas entgegensetzen. Ein kluger Vampir mied das Tageslicht ganz und verließ nur nachts seine Behausung. Doch diese Option stand im Moment leider nicht zur Verfügung. Er hatte weder Sonnencreme noch sonst etwas dabei, um seine Haut zu schützen, was bedeutete, dass er wohl oder übel bis zur Dämmerung im Schatten dieses Baumes würde bleiben müssen. Das war ein Prob-lem, denn nur wenige Meter neben ihm lag der Körper einer weiteren Person. Die junge Frau, die er am Abend zuvor gebissen hatte. Sie war zweifelsohne tot. Schließlich hatte er sie bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt. Oder nicht? Er versuchte sich zu erinnern, doch ab dem Moment, als er seine Zähne in ihren Hals geschlagen hatte, herrschte absolute Finsternis in seinem Kopf. Was war los mit ihm? So einen Blackout hatte er noch nie gehabt. Vermutlich waren irgendwelche seltsamen Drogen im Blut der Frau gewesen. Aber welche Droge war in der Lage, einem Vampir, der de facto ja schon tot war, etwas anzuhaben? Dean beschloss, diese Überlegungen vorerst auf Eis zu legen und sich erst einmal um das akute Problem in seiner unmittelbaren Umge-bung zu kümmern. Er war gefangen im Schatten der alten Eiche. Zwischen ihm und den beiden Ausgängen des Parks lag in jede Richtung eine weitläufige Rasenfläche, die ohne Sonnenschutz ein unüberwindbares Hindernis für ihn darstellte. Verdammt! Er musste die Leiche der jungen Frau verschwinden lassen. Die Bissspuren an ihrem Hals würden jedem sofort zeigen, woran sie gestorben war. Jeder noch so dumme Polizist würde auf der Stelle wissen, dass ein Vampir sie getötet hatte. Die Werwolf-Patrouillen hatten Vampire ohnehin auf dem Kieker. Nicht ganz zu Unrecht, wie Dean zugeben musste, denn es gab außer ihm noch genug andere Vampire, die sich nicht an die nach dem Vertrag von Zhanzheng Jieshu vereinbarten Gesetze halten wollten und nach Herzenslust in der Bevölkerung wilderten. Die meisten von ihnen stellten sich dabei so dumm an, dass sie recht schnell wieder in einer Gefängniszelle verschwanden. Dean hingegen war seit Jahrhunderten erfolgreich in dem, was er tat, und er hatte absolut kein Interesse daran, etwas an diesem Zustand zu ändern. Sein Blick suchte die Umgebung ab. Im Moment war weit und breit niemand zu sehen, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Frühsportler ihren Weg hierher finden würden. Der Park war ein beliebter Treffpunkt für alle Jogger und Hundebesitzer der Stadt und eine tot am Boden liegende Frau würde nicht lange unbemerkt bleiben. Sie musste weg. Nur wenige Meter entfernt wuchs ein Dornengestrüpp, dessen Blattwerk dicht genug schien, um für einige Zeit eine Leiche verbergen zu können. Er kniete sich neben den leblosen Körper und sah sich noch einmal prüfend um. Sollte ihn jetzt jemand entdecken, konnte er immer noch behaupten, er hätte sie gerade erst gefunden. Doch die Wege des Parks waren nach wie vor leer und niemand da, der ihn beobachten konnte. Der zierliche Körper der Frau war erstaunlich schwer. Es kostete ihn einige Mühe, sie die wenigen Meter bis zu der Dornenhecke zu tragen. Ein weiteres Mal glitt sein Blick prüfend umher. Die Luft war rein. "Tja, meine Schöne. Das war's dann wohl mit uns beiden", meinte er mit einem entschuldigenden Lächeln zu der leblosen Frau in seinen Armen. Ihr blasses, wohlgeformtes Gesicht wirkte im fahlen Morgenlicht wie Porzellan. Für einen Moment erschien es ihm, als hielte er eine große, zerbrechliche Puppe in seinen Armen. Sie war wirklich hübsch. Hätte er sie unter anderen Umständen als auf der Jagd kennengelernt, hätte sich die Beziehung zwischen ihnen vielleicht in eine andere Richtung entwickelt. Doch so war sie nichts weiter als eine süß schmeckende Beute gewesen. Zumindest, soweit er sich erinnern konnte. Es war Zeit, sich ihrer zu entledigen. Er wunderte sich ein bisschen über sich selbst, als er ihr mit einer fast sanften Geste eine blonde Strähne aus dem Gesicht strich und ein wenig wehmütig ihren attraktiven Körper betrachtete. Schade um das junge Ding. Doch so war die Jagd nun einmal. Einen Löwen interessierte schließlich auch nicht, wie seine Beute aussah. Dean ignorierte das seltsame Gefühl in seiner Magengegend und wandte sich zur Seite, um sie den knorrigen Armen des Dornengestrüpps zu übergeben. In diesem Moment schlug die junge Frau die Augen auf. Dean war so überrascht von der unerwarteten Auferstehung der vermeintlich Toten, dass er das Gleichgewicht verlor und rückwärts in die Dornen fiel. Das dichte Astwerk fing zwar die Wucht seines Sturzes auf, doch dafür bohrten sich Hunderte spitze Stacheln in seinen Rücken. Verdammt, das tat weh! Er versuchte die junge Frau, deren Gewicht nun in vollem Umfang auf ihm lastete, von sich wegzustoßen, verfing sich dabei aber nur noch mehr in dem Gewirr dorniger Ranken. Es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen, in der er verzweifelt versuchte, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Endlich löste sich ihr Körper von seinem und ihre blasse, zierliche Hand streckte sich ihm entgegen. "O Gott! Sie Armer. Kommen Sie, ich helfe Ihnen da raus." Ihre Stimme klang überraschend sanft. Er überlegte nicht lange, griff nach der Hand und blickte fasziniert in zwei große blaue Augen in einem Gesicht umringt von golden leuchtendem Haar. Wow! Er hatte das Gefühl, in das Antlitz eines Engels zu schauen, das vom Licht eines durch die Blätter fallenden Sonnenstrahls erleuchtet wurde. Wie in Zeitlupe löste er sich aus der dornigen Umarmung des Ge-büschs, den Blick wie gebannt auf das Gesicht der jungen Frau gerichtet. Plötzlich trat ein seltsamer Ausdruck in ihre Augen, und noch bevor er begriff, was passiert war, löste sich der Griff um seine Hand und er fiel zurück in die grausamen Arme der Dornenranken. "Sie! Sie sind der Kerl von gestern Abend, der … der mich überfallen hat." Verdammt, sie erinnerte sich. Hektisch versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, fügte sich dabei aber unzählige weitere Stiche und Kratzer zu, bis es ihm endlich gelang, sich aus dem Astgewirr zu be-freien. Die junge Frau hatte in der Zwischenzeit ihre Tasche gefunden, die nach wie vor auf dem Schotterweg lag, und etwas hervorgezogen, wonach sie noch in der Nacht zuvor vergeblich gegriffen hatte. Knoblauch-Spray. Ein wirklich unangenehmes Zeug, wenn man damit in Berührung kam. Vor allem für einen Vampir. Es war besser, einem direkten Kontakt aus dem Weg zu gehen. Er würde sich auf den Baum zurückziehen müssen. Außer Reichweite der Spraydose und der erbosten Frau. Mit zwei Schritten war er neben der Eiche und holte Schwung, um sich mit einem Sprung auf den breiten Ast zu retten, der gut drei Meter über ihm lag. Doch seine Beine lösten sich gerade einmal einen halben Meter vom Boden, bevor die Schwerkraft ihn unbarmherzig wieder nach unten zog und er unsanft auf dem harten Kiesweg aufschlug. Was zum ... Sofort war sie über ihm. Ein kräftiger Strahl Knoblauchspray traf ihn mitten ins Gesicht. Er schrie auf und rieb sich die brennenden Augen, während er verzweifelt versuchte, ihrem Angriff zu entgehen. Immer wieder spürte er den Strahl des Sprays auf seiner Haut. Er war umhüllt von einer Wolke aus Knoblauchgestank, der so intensiv war, dass ihm übel wurde. Halb blind versuchte er vergebens, dem Angriff zu entkommen. Sie blieb ihm unbarmherzig auf den Fersen. Was war nur mit ihm los? Er ließ sich hier von einer Frau fertigma-chen. Von einer Frau, die eigentlich tot sein sollte. Irgendetwas lief hier gründlich schief und er hatte keine Ahnung, wie das möglich war. Der Angriff mit der Spraydose endete erst, als der Inhalt komplett verbraucht war, und die Frau sie ihm mit Wucht an den Kopf warf. Doch das war noch nicht das Ende seines Martyriums. Die tobende Furie, in die sich das bezaubernde Wesen verwandelt hatte, griff nun zu einem dicken Ast, der am Wegrand lag, und drosch damit unbarm-herzig weiter auf ihn ein. Es gelang ihm nicht, wieder auf die Beine zu kommen, und so rollte er sich wie ein Igel zusammen und versuchte, zumindest seinen Kopf mit den Armen zu schützen. Es war wirklich erbärmlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließen die Schläge endlich nach. Dean hatte kaum noch Gefühl in seinem Körper. Alles schien ein einziger schmerzender Klumpen zu sein. Seine Augen brannten vom Knoblauchspray und er konnte seine Umgebung nur schemenhaft wahrnehmen. Über ihm erkannte er die Umrisse der Frau, die noch immer den Ast in ihren Händen hielt. Ihr vor Anstrengung bebender Körper zeichnete sich deutlich vor dem hellen Blau des Himmels ab. Sie musste ihn aus dem Schatten hinaus in die Sonne getrieben ha-ben, doch er hatte keine Kraft mehr, um zurück in den Schutz der Bäume zu kriechen. Sein Körper war offenbar so schwer verletzt, dass er nicht einmal die Verbrennungen der Sonnenstrahlen spürte. Aber das war vermutlich besser so. War's das also? Würde das hier sein Ende sein? Von der Sonne ver-brannt, bis nur noch ein Häufchen Asche von ihm übrig blieb. "Das … das soll dir eine Lehre sein … nachts über hilflose Frauen herzufallen", erklang die keuchende Stimme seines ehemaligen Opfers. Er blinzelte schwach in ihre Richtung. "Ich glaube, ich hab's kapiert." Einen Augenblick lang herrschte Stille. Nur ihr Atem war zu hören. Sonst geschah nichts. War sie endlich fertig mit ihm? "Warum verbrennst du nicht, du verdammter Mistkerl?" Er blinzelte erneut und schon diese kleine Bewegung verursachte ein unangenehmes Dröhnen in seinem Kopf. "Tue ich das nicht?" Sein Körper war ein einziger Schmerz. Er hatte mittlerweile keine Ahnung mehr, ob seine Haut bereits Blasen schlug oder vielleicht in Flammen stand. "Nein, verdammt." Sie war immer noch sauer. Er konnte mit Mühe erkennen, dass sie den Knüppel sinken ließ. "Du bist doch ein Vampir, oder?" "Ja." Er hatte keinen Grund sie anzulügen. Nach seinem Biss letzte Nacht war klar, was er war. "Warum verbrennst du dann nicht?" "Keine Ahnung." Er hatte keine Lust, diese unsinnige Diskussion weiterzuführen. Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe hier liegen und sterben lassen? Es dauerte einen Moment, bevor sie mühsam beherrscht weiter sprach: "Du … du wolltest mich gestern Nacht töten, oder?" "Nein! Ich wollte nur einen kleinen Mitternachts-Snack nehmen und hätte dich danach lebend wieder laufen lassen." Er bemühte sich um einen glaubwürdigen Tonfall. Damit du danach aller Welt erzählen kannst, dass ein Vampir im Park über dich hergefallen ist. Und eine Stunde später die Bullen mein Haus stürmen. Träum weiter, Kleine, fügte eine sarkastische Stimme in seinem Kopf hinzu. "Lüg mich nicht an. Du wolltest mich töten." Konnte sie ihn nicht endlich in Ruhe lassen? "Kluges Mädchen. Warst bestimmt die Beste beim Elfen-Abitur." Sein herablassendes Lachen verstärkte das Dröhnen in seinem Kopf nur noch. "Fragt sich nur, was schiefgelaufen ist, dass du jetzt hier stehen und mich verprügeln kannst." "Scheißkerl!" Ihre Fußspitze traf mit Wucht seine Magengrube und ließ ihn wie ein Taschenmesser zusammenklappen. Verdammt! Konnte er nicht ein Mal in seinem Leben die Klappe halten? "Warum hast du es nicht wenigstens zu Ende gebracht?", fragte sie in einem Tonfall, den er nicht zu deuten wusste. Was sollte das jetzt? Hörte er da einen Hauch Todessehnsucht? Er versuchte sich wieder auf den Rücken zu drehen, um ihr Gesicht sehen zu können, doch seine Augen vermochten nach wie vor nur Umrisse zu erkennen. Sie stand noch immer über ihm, noch immer den Knüppel in ihrer Hand, noch immer bereit, weiter auf ihn einzuschlagen. Plötzlich fuhr ihr Kopf herum. Hatte sie etwas gehört? War da ein Geräusch gewesen? Kam etwa jemand hierher? Ein Funke Hoffnung keimte in ihm auf. Für einen Passanten, der jetzt hinzukam, würde zweifellos er das hilflose Opfer sein und nicht die Frau mit dem Knüppel. Er hatte nichts zu verlieren. Er nahm all seine noch verbliebene Kraft zusammen. "Hilfe. Hilfe!" Die Bewegungen der Frau wurden hektisch. Nervös trippelte sie von einem Fuß auf den anderen, den Kopf immer wieder zur Seite wendend. Schließlich schien sie einen Entschluss gefasst zu haben. "Bete, dass du mir nie wieder begegnest", zischte sie und versetzte ihm einen weiteren Tritt. Dann lief sie davon. Er blickte ihr nach, bis sein verschwommener Blick sie nicht mehr von den Schatten der Bäume unterscheiden konnte. Frustriert und entkräftet sank er zurück in das noch taunasse Gras und starrte be-nommen hinauf in den blauen Himmel. "Ich lebe noch", stellte er erstaunt fest. "Warum, zum Teufel, lebe ich noch?" Dann schwanden ihm die Sinne.


 


*


 


So schnell sie konnte, entfernte sich Clara von dem am Boden liegen-den Mann. Die Wut brannte noch immer wie Feuer in ihrer Brust. Ein Feuer, das nur durch Blut zu löschen schien. Sie war noch nie so brutal zu jemandem gewesen, doch es hatte so gut getan, auf diesen verdammten Mistkerl einzudreschen. Der ganze angehäufte Frust ihres bisherigen Lebens hatte in diesen Schlägen gelegen. Es war wie ein bluthungriger Rausch gewesen. Wer weiß, was noch passiert wäre, wenn der Jogger sie nicht gestört hätte. Wie weit war sie davon entfernt gewesen, ihn umzubringen? Wie viel hatte noch gefehlt, bis ihre Schläge ihn getötet hätten? Konnte man einen Vampir auf diese Weise überhaupt töten? Sie durchschritt den Torbogen, der auf der Nordseite den Ausgang des Parks markierte, und lehnte sich gegen einen der beiden Elefanten, die das kunstvolle Torgebilde trugen. Der Stein in ihrem Rücken war angenehm kühl und schien die Glut in ihrer Brust zu lindern. Sie versuchte, ihren Atem zu beruhigen, während sie einen Blick zurück in den Park wagte. Der Vampir lag noch immer reglos auf dem Rasen. Doch er war nicht länger allein. Der massige Körper eines Zentauren stand über ihn gebeugt. Offenbar versuchte der Pferdefüßige gerade, seinen Puls zu fühlen. Sie hätte diesen verdammten Blutsauger gern noch weiter zu dem, was am gestrigen Abend mit ihr passiert war, befragt, aber als der Zentaur aufgetaucht war, hatte sie einfach die Flucht ergriffen. Warum, wusste sie selbst nicht. Schließlich war sie das Opfer und nicht dieser vermaledeite Vampir. Er hatte ihr aufgelauert und nicht anders herum. Sie hatte sich nur verteidigt. Na ja, zumindest zu An-fang. War das wirklich sie gewesen, die wie eine Wahnsinnige auf ihn ein-geprügelt hatte? In einem Anflug plötzlichen Selbstekels schleuderte Clara den blutverschmierten Ast, den sie noch immer in der Hand hielt, von sich. Das Holzstück flog quer über den Schotterweg und verschwand zwischen den mannshohen Brennnesseln gegenüber. Sie sank am Pfeiler herab auf den Boden und schloss die Augen. Mit einem Mal fühlte sie sich ausgebrannt. Das Feuer in ihrer Brust ließ langsam nach und gab ihrem Kopf wieder Raum zum Denken. Wie hatte es so weit kommen können? Wie war sie in eine solche Si-tuation geraten? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Es musste etwa sieben oder acht Uhr morgens sein. Schon vor Stunden hätte sie wieder im Tempel sein müssen. Nun war es hell und an eine heimliche Rückkehr war nicht mehr zu denken. Sie war aufgeflogen. Unwiderruflich aufgeflogen. Das würde Ärger geben. Großen Ärger. Schmerzhaften, lang andauernden Ärger. Ihre Stimmung schlug von Wut in Verzweiflung um und auf einmal standen ihr Tränen in den Augen. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte nicht einfach in den Tempel zu-rückkehren. Das war unmöglich. Erneut keimte die Wut in ihr auf. "Dieser verdammte, verdammte Mistkerl." Was hatte er ihr angetan? Hätte er nicht jemand anderen beißen können? Und warum hatte er es nicht wenigstens zu Ende gebracht? Erneut loderte Glut in ihrer Brust auf. Was wäre passiert, wenn er sie wirklich getötet hätte? Wäre es dann endlich vorbei gewesen oder wäre die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt worden? Benommen von all den Fragen, die in ihrem Kopf kreisten, starrte sie auf den kiesbedeckten Boden. Das Sirenengeheul eines nahenden Krankenwagens riss sie aus ihrer Lethargie. Offenbar hatte der Zentaur den Notruf gewählt. Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Mit den weiten Ärmeln ihrer Jacke wischte sie sich die letzten Tränen aus den Augen. Dann stand sie auf und rannte davon.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs