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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Ozeansommer, Anne Daurer
Anne Daurer

Ozeansommer


Im Meer der Gefühle

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Nach zehn Monaten meines sechzehnten Lebensjahres wurde meine Einsiedelei beendet.
„Jana, es reicht“, sagte mein Vater eines Morgens. „Du kannst dein Leben nicht im Zimmer verbringen.“
Da war ich anderer Meinung.
„Du musst etwas anderes tun als Grübeln und Musik hören.“ Er rieb sich die Augen. „Warum gehst du nicht raus? Grab den Garten um, so wie früher. Oder schau die Sterne an. Die Welt ist schön, aber du siehst es nicht.“
Draußen jubilierte der Mai. Frühling quoll durch alle Ritzen. Ich starrte die Beeren meines Luxusmüslis an - ein neuer Trick meiner Eltern, mich zum Essen zu animieren - und überlegte, tatsächlich rauszugehen und den Pamps im Blumenbeet zu verteilen.
„Letztes Jahr warst du Schulbeste. Jetzt sind deine Noten unter aller Sau. Hast du überhaupt noch Ziele? Letztes Jahr hast du gesagt, nach dem Abi wirst du verreisen und die Welt erobern. Jetzt malst du nicht mal mehr das Gras vor dem Haus. Und Bücher liest du auch nicht mehr. Und überhaupt, ich vermisse dein Litschicurry und deine Apfelbratkartoffeln.“
Mein Vater sah so deprimiert aus, dass ich es nicht übers Herz brachte, ihn schon wieder an Dinge zu erinnern, die sich verändert hatten. Mit Aquarellkreide malen, Zitronenbasilikum züchten und Kassiopeia betrachten, das war Vergangenheit. Jetzt war mein Zimmer mein natürlicher Lebensraum und das Bett mein Biotop für Träume. Aus mir war eben ein Unterflieger geworden.
„Hab keine Lust mehr“, nuschelte ich ins Müsli.
„Das verstehe ich ja. Aber ich kann es nicht mehr hören. Als du die Führerscheinprüfung bestanden hast, dachte ich, es geht endlich bergauf. Aber ehrlich gesagt ... du siehst nicht danach aus.“
Eigentlich war es ein Wunder, dass ich den BF17 auf Anhieb bestanden hatte. Aber die Prüfung hatte mir Spaß gemacht. Ich hatte schon immer alles geliebt, was fahren konnte. Und nun hatte ich den Führerschein, aber keine Lust, rauszugehen.
Mein Vater rieb sich die Augen. „So kann es nicht weitergehen“, fügte er seufzend hinzu. Er wiederholte diesen Satz seit September, ohne mir jedoch seine Definition von Es zu erläutern. Auch verriet er nicht, wie es denn weitergehen sollte, wenn nicht so.
Meine Mutter hatte auch ihre Sätze. An diesem Morgen flog „Du musst auf andere Gedanken kommen“ auf den Tisch. Sie behauptete das mit geduldiger Regelmäßigkeit und hoffte, dass ich auf andere Gedanken käme, indem sie es mir vorbetete.
Meine Eltern meinten es gut mit mir und sie hatten ungefähr mit allem Recht. Aber gegen meine Reaktion auf die größte Katastrophe meines Lebens waren sie so hilflos wie ich. Da halfen weder Frühling noch bunte Beeren.
Leilas Bruder Ben war der Einzige, der mich verstand. Er war Freund Nummer eins auf meiner Freundesliste, die, na ja, nur noch aus Ben bestand. In seinen Armen durfte ich in Ruhe depressiv sein. Mit ihm war das Vermissen einigermaßen erträglich. Meine Eltern glaubten, ich sei in Ben verliebt. Doch wir hatten uns nur dort gefunden, wo wir gemeinsam suchten, was wir verloren hatten.
Ab und zu gesellte sich Matilda zu uns. Sie hatte mit Leila in der Schulband gesungen und suchte in meinem Zimmer ihre Spuren. Nebenbei wollte sie mich aufheitern. Jedes Mal, wenn sie nach einem Nachmittag voller Fragen ohne Antworten nach Hause ging, verabschiedete sie sich mit einer langen Umarmung und Phrasen, die gut ins Repertoire meiner Eltern passten: „Kopf hoch, Jana. Wird schon wieder.“
Auch Matilda meinte es gut mit mir. Ich mochte sie gerne, aber ihre Versprechen klangen so hohl wie das ganze Zeug vom Loslassen, Überwinden und Schaffen. Alles Dinge, die mich überforderten, weil ich nicht wusste, wie sie funktionierten.
An jenem Sonntagmorgen im Mai klingelte Matilda an unserer Tür, wehte wie ein blondgelockter Schmetterling herein und flatterte an den Frühstückstisch. Meine Eltern begrüßten sie mit juhu und hallo. Ich wusste, wie sehr sie hofften, ich würde mit Matilda ausgehen, zehn Kilo zunehmen und endlich wieder normal werden.
„Weißt du was, Jana?“, rief sie atemlos. „Dieses Jahr kommst du mit! Nach De Haan!“
Den Hahn? Ich hob träge den Kopf.
„Du weißt doch! Wir fahren jeden Sommer nach Belgien! Ans Meer! Diesen Sommer kommst du mit! Du willst doch? Oder? Bitte sag ja! Ich freu mich schon so!“ Matilda funkelte heller als die Maisonne.
Ich bemühte mich, mitzufunkeln. „Ja. Super. Echt. Danke.“
„Cool! Das wird total schön! Es wird dir gefallen!“
In diesem Moment fiel mir zum ersten Mal auf, wie wenig ich über Matilda wusste. Ihre Mutter Charlotte war eine Arbeitskollegin meiner Mutter. Ihr Vater Henrik irgendwas Wichtiges im Europaparlament. Sie verbrachten fast jeden Sommer in Charlottes Elternhaus in Belgien. Sie hatten zwei Kinder, Leon und Matilda. Jeder durfte immer zwei Freunde mitnehmen.
Dieses Jahr stand mein Name auf der Castingliste.
„Das ist eine fantastische Idee!“ Mein Vater schoss in die Höhe und nahm den Frühstückstisch mit.
Meine Mutter wuschelte gleichzeitig in meinen und Matildas Haaren. „Was für eine wunderwundervolle Idee, liebe Matilda! Das wird dir guttun, liebe Jana!“ Sie hüpfte über die am Boden verstreuten Müslireste und Kaffeetassen, rannte ins Wohnzimmer, rief Charlotte an und jubelte ihre Freude ins Telefon.
Ich durchschaute das Theater sofort. „Jana fährt nach Belgien“ war hundertprozentig auf Matildas fröhlichem Mist gewachsen. Sie hatte vorgeschlagen, dass ich mitkam, und meine Eltern waren ausgeflippt. Vor Freude, versteht sich. Nun schickten sie mich weg, damit ich zur Besinnung kam, tarnten es aber als Matildas Einladung. Ein schlauer Plan. Von Tiefenentspannung über Schreitherapie bis Zumba-Rock-Lala-Dance hatten meine mittlerweile ratlosen Eltern jeden Therapiekurs genutzt, um mich aus meinem Loch zu holen, waren aber an meiner Dauertrauer gescheitert. Als letzte Rettung hatten sie Matildas Charme in die Waagschale geworfen und ich hatte angebissen. Zwar nicht mit Haifischmaul, aber immerhin.
Ich pflichtete der Euphorie teilnahmslos bei. Der Sommer war ferner als der Mars und mir war sowieso alles egal. Aus Gewohnheit grübelte ich, ob ich mit fremden Menschen woanders sein wollte als zu Hause. Ich kam zum Ergebnis, dass ich es nicht wusste.
Mein übliches Hin und Her.
Einerseits wollte ich kein Gespenst mehr sein. Ich sehnte mich nach der Welt vor meinem Zimmerfenster. Ich hatte keinen Bock mehr auf Hätschelei und Phrasen von Menschen, die es gut mit mir meinten. Ich wollte unbeschwert sein und Jungs treffen. Doch wenn man frech, wild und verliebt sein will, darf man nicht im Bett liegen und davon träumen.
Andererseits hatte ich keinen Plan, wie ich meine Lage ändern sollte. Seit September steckte ich in Selbstmitleid und den Nachwehen einer Lungenentzündung fest – eine Folge von Selbstmitleid und daraus resultierenden Dummheiten im Schnee. Innerhalb weniger Monate war ich zum Trauerkloß geschrumpft und ich kam nicht auf die Beine, egal, wie sehr ich sie streckte. Ich war rappeldünn und käsebleich, also das Gegenteil von etwas, in das sich Jungs verlieben wollen. Ich kam nicht die Treppe rauf, ohne fünfmal stehenzubleiben und nach Luft zu schnappen. Und ich fror pausenlos. Jeder, der mich anfasste, bekam Frostbeulen.
Ein Sommer in Belgien sollte mich also auf andere Gedanken bringen. Vielleicht war das ein guter Plan.


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