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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Nouel, Sophie R. Nikolay
Sophie R. Nikolay

Nouel


Licht und Dunkel

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Prolog


 


Da stand ich und konnte es kaum fassen. Obwohl ich es immer geahnt hatte, ja mir beinahe mit Gewissheit dessen bewusst war, dass ich es eines Tages sein würde. Nun war ich es.


Ich stand in der weißen Halle. Dem Ort, an dem die Entscheidungsträger der weißen Macht regierten und agierten. Man könnte sie als Götter bezeichnen, vielleicht auch als Magier. Genau definieren kann ich es nicht. Nur, dass ich mich ihrer Wahl fügen musste. So wie es jeder von uns in jedem Jahrhundert tun musste. Wir sind die Engel des Lichts und vertreten das Gute, das Lichte.


Mit jedem Jahrhundert, das auf der Welt anbricht, steht ein Wandel bevor. Der Kampf um die Vorherrschaft der Mächte. Wer die Fäden in der Hand hält, Licht oder Dunkel, wer die Menschen führt und leitet.


Dabei ist es gar nicht so schwerwiegend, nicht im Ganzen. Das letze Jahrhundert wurde von der weißen Macht regiert. Ihr seht es. Der Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit ist ein Zeugnis davon. Doch die dunkle Macht mischt immer mit. Auch das seht ihr. Kriege, Kämpfe, Tod, Gewalt – all das ist ein Zeichen der Dunklen, der Dämonen.


Es ist immer das Gleiche. In jedem Jahrhundert liegen die Machtverhältnisse bei sechzig zu vierzig. Die herrschende Macht behält nur knapp die Oberhand.


Und nun ist es an mir, diesen Kampf auszufechten. Den Sieg erneut an die Lichten zu geben, und so erneut die Vorherrschaft zu erhalten.


 


Isardir sah mich prüfend an. „Aurora, hast du gehört, was ich gesagt habe?“


„Ja, das tat ich. Ich bitte um Verzeihung, denn meine Gedanken schweiften ab.“


Der Obere nickte. Isardir war einer der fünf Obersten Weißen, demnach hatte er mir den Befehl erteilt, die Weiße Macht in diesem Jahrhundert zu vertreten.


„Du bist also bereit, mein Kind?“


Ich straffte meine Schultern und stellte mich noch gerader hin, als ich es sowieso schon tat. „Ja. Ich bin bereit. Meine Ausbildung ist lange abgeschlossen, aber das wisst Ihr. Kennt Ihr den Namen meines Gegners?“, fragte ich ihn.


„Es gibt diesbezüglich keine Sicherheit. Doch es ist anzunehmen, dass der Dämon den Namen Nouel trägt.“


Ich nickte ergeben. Wenn der Name wirklich wahr sein sollte, war dass blanker Hohn. Der Herrscher der Dunklen, Samael, tat nie etwas ohne Berechnung. Ich war der Weißen Macht demütig ergeben, nichts lag mir ferner, als meinen Obersten zu verärgern und doch lag mir eine weitere Frage auf der Zunge. Er schien es mir anzusehen.


„Frag, was du zu wissen bedarfst. Es ist keine Schande“, forderte er mich auf.


„Wisst Ihr, wo der Kampf ausgetragen wird? Ist es immer der gleiche Ort?“


Isardir lächelte. „Nein. Dass weiß niemand. Es ist immer ein anderer Ort und immer eine andere Art und Weise, wie der Kampf ausgefochten wird. Doch darüber wurdest du ausreichend informiert“, erklärte er geduldig.


Wieder nickte ich. Isardir sah mich mit einem warmen Blick an. Er war mir schon immer als der netteste Oberste von den Fünfen erschienen. Ich mochte ihn, wie man einen Großvater mag.


Sein Aussehen glich auch wirklich einem Großvater. Rundliche Statur mit einem stattlichen Bauch, der von Wohlstand sprach. Sein gepflegter Bart war schneeweiß, ebenso das verbliebene Haupthaar. Man könnte glauben, der Mann sei siebzig, vielleicht achtzig Jahre alt. Doch das war weit unterschätzt. Isardir war bereits über dreitausend Jahre alt. Was ihn am charmantesten erscheinen ließ, war seine Hautfarbe – schwarz. Der Oberste war ein Schwarzer.


„Aurora, wenn du also bereit bist, werde ich dich herunter schicken“, sagte er in einem leicht drängenden Tonfall.


Ein letzter Blick, den ich durch die Halle schweifen ließ, das Weiß ein letztes Mal vor Augen, dann nickte ich.


Ein Strudel schloss mich und mein Gepäck ein. Bei mir trug ich einen Rucksack, zwei Dolche und einen Beutel mit dem weißen Staub, der magische Kräfte enthielt. Ich hielt alle meine Sachen fest umklammert, der Strudel sog an meiner Kleidung und zerrte an meinen langen Haaren. Bunte Lichter flimmerten vor meinen Augen und plötzlich war es vorbei. Dunkelheit umgab mich. Nicht vom Glanz der weißen Halle war noch da. Nur reines Schwarz. Die Geräusche um mich herum ließen mich vermuten, dass ich inmitten der freien Natur gelandet war. Nur die leisen Geräusche, die von Tieren verursacht wurden, waren zu hören. Und das Rauschen des Windes.


Ich sammelte mich etwas und entfachte ein schwaches Licht mit meinen Händen. Ein Wald. Wie ich vermutet hatte.


„So und nun Aurora? Was tust du jetzt?“, fragte ich mich selbst.


Als wollte er mir antworten, hörte ich einen Uhu durch den Wald rufen. Da ich nun nicht ewig da stehen bleiben konnte, überprüfte ich kurz mein Gepäck und marschierte dann nach Norden los. Irgendwann würde ich schon jemandem begegnen.


Außerdem, wenn ich den Erzählungen Glauben schenkte, fanden die Dämonen die Engel und nicht umgekehrt. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis mein Gegner mich fand. Mein Ziel stand jedoch fest. Auch wenn die weiße Macht bereits das vergangene Jahrhundert regiert hat, ich würde den Dämon besiegen und die Macht erneut der guten Seite zuspielen. Zwar hatte mir mein Wille, und auch meine Eigensinnigkeit, schon einige Schwierigkeiten bereitet, doch das war mir egal gewesen. So war ich schon immer die Einzige der weiblichen Engelsgeschöpfe gewesen, die sich weigerte, ihre Haare zu flechten und hochzubinden. Meine brünette lange Pracht hing stets auf meinen Rücken herunter. Mit der Zeit hatte ich entdeckt, dass lange Haare nicht nur schmückend waren, sondern auch zur Waffe taugten. Denn die lange Mähne war gebündelt beinahe so stark wie ein Stick. Bei den Übungen hatte ich schon einige meiner Gegner beinahe stranguliert, was mir bei jedem Mal einen furchtbaren Ärger eingebracht hatte.


Während ich ein paar der herausragenden Trainingseinheiten noch einmal im Kopf durchging, lief ich durch den Wald. Immer darauf bedacht, bloß nicht zu viel Licht mit meinen Händen zu erschaffen. Gerade genug, dass ich den unebenen Erdboden erkennen konnte. Dabei konnte ich es kaum erwarten, dass der Tag anbrach und ich hoffentlich bald auf meinen Gegner traf.


„Der wird sich wünschen, mir nie begegnet zu sein!“, sagte ich vor mich hin. Nur leider war ich es, die sich schon bald wünschte, ihn nie getroffen zu haben!


1.     Kapitel


 


Als der Morgen anbrach, lichtete sich der Wald. Die Bäume um mich herum wurden weniger, dafür gab es nun umso mehr Sträucher, um die ich herumlaufen musste. Das erste Licht des Tages zeigte mir einen wolkenlos schimmernden Himmel. Die Temperatur erschien mir in dem Moment angenehm, deutete aber schon an, dass der Tag heiß werden würde. Wenn schon die Nacht so mild gewesen war, dass ich nicht einmal hatte frösteln müssen.


Ich bemühte mich nicht einmal, leise zu sein, wozu auch. Äste knackten unter meinen dünnen Sohlen, meine weißen Gewänder waren inzwischen ziemlich verschmutzt. Doch das störte mich nicht weiter.


     Eigentlich war es eine Wohltat, einmal die Welt in ihren richtigen Farben zu sehen. Die wenigen Blicke, die ich vorab auf die Erde werfen konnte, hatten mir die Welt nur durch einen milchigen Schleier gezeigt. Das war der Nachteil des Spiegels. Die Welt des Lichts und die weiße Halle waren nicht wirklich mit der Erde verbunden. Wir leben in einer Zwischenwelt, die weder von der Erde noch vom Weltall aus gesehen werden kann. Es ist mehr mit einer anderen Dimension vergleichbar, beinahe so, als würde die Atmosphäre, die die Erde umgibt, einen Spalt haben, der in die Welt des Lichts führt.


Ganz anders sah es da schon bei unseren Gegenspielern aus, denn sie lebten schon immer inmitten der Erde. Dort, wo kein Mensch, und auch kein anderes Lebewesen der Erde überleben könnte, hausten die Dämonen mit ihrem Herrn. Einer dieser Dämonen würde mich finden, und der Kampf um die Macht würde erneut ausgetragen werden.


     Doch vorerst lief ich einfach weiter. Schließlich konnte ich wohl kaum hier stehen bleiben und warten. Das war nicht meine Art. Das heller werdende Licht zeigte mir immer deutlicher die Umgebung. Den Wald würde ich nun bald hinter mir lassen. Mit scharfem Blick erkannte ich in weiter Ferne ein Haus. Rundherum lagen Felder, die alle bestellt waren. Es wunderte mich nicht, denn auf der Erde herrschte gerade Hochsommer, die Ernte stand noch nicht bevor. Ich befand, dass dieses einsame Haus wohl dem Menschen gehören musste, der auch diese Felder bestellte. So setzte ich meinen Weg fort, um dem Besitzer des Hauses einen Besuch abzustatten. Es würde der erste Mensch sein, dem ich begegnete und ich freute mich darauf.


Als ich am Waldrand ankam, war die Sonne vollends aufgegangen. Die wärmenden Strahlen sprachen schon jetzt von der kommenden Hitze des Tages.


„Aurora, besorg dir Wasser“, sagte ich zu mir selbst.


Der Mensch in dem Haus weit vor mir würde mir sicherlich welches geben können. Also lief ich weiter. Die Luft um mich herum roch herrlich. Die Natur zeigte sich mir, an meinem ersten Tag auf der Erde, von ihrer schönsten Seite. Als wolle sie mich freundlich begrüßen. Allzu oft kam es schließlich nicht vor, dass ein Engel des Lichts, wie ich einer war, auf der Erde umherlief.


Im Gegenzug bedeutete das aber auch, dass Dämonen ebenso wenig die Erde bevölkerten. Wir kamen nur her, um den einen Kampf auszutragen. Die Macht selbst, die Vorherrschaft über die Erde, wurde nicht durch persönliche Anwesenheit gelenkt. Zum Glück. Die Erde war schon voll genug, da mussten nicht auch noch Heerscharen von Engeln und Dämonen sich unter die Menschheit mischen.


     Die Zeit verstrich, wobei der Sonnenstand mir den einzigen Anhaltspunkt gab. Mein Ziel, das Haus, war weiter entfernt, als ich vermutet hatte. Das hatte ich nun von meinen guten Augen. Ich war gesegnet mit einer hervorragenden Sehschärfe, die meine Ausbilderin sehr oft gelobt hatte. Sie war es auch gewesen, die mir erzählt hatte, warum die anderen Engel mich oftmals eigenartig ansahen. Denn meine Augen erschienen nicht normal, wenn ich Dinge fokussierte, die weit entfernt waren. Die Iris würde sich dabei verformen, hatte Eleanor gesagt. Zumal meine Iris, für einen Engel, eine ungewöhnliche Farbgebung hatte. Meine Augen waren nicht so blau, wie es bei den anderen der Fall war. Sie waren grau. Silbergrau. Einzig unsere Oberen hatten Augenfarben, die sich von den anderen Engeln absetzten. Warum das auch bei mir der Fall war, hatte niemand erklären können.


 


Der Feldweg unter meinen Füßen staubte mit jedem Schritt. Die Erde war staubtrocken, es schien schon längere Zeit nicht geregnet zu haben. Das wäre gar nicht gut für die Ernte des Menschen. Die Felder, die ich passierte, und die darauf wachsenden Getreidesorten, erschienen mir jedoch gesund und kräftig zu sein. Ich wünschte mir mit jedem Schritt, schon das Haus erreicht zu haben. Die Vormittagssonne brannte bereits unbarmherzig. Leider war ich auf die verminderte Kraft meines Körpers und die menschliche Erscheinung angewiesen. Die Kraft, die mir in der Welt des Lichts zu eigen war, konnte ich hier nicht nutzen. Ich vermisste die Schnelligkeit, und die Möglichkeit zu schweben. Doch auf der Erde waren andere Kräfte am Werk, die meine Engelskräfte ausbremsten. Leider.


Als das Haus nach einer gefühlten Ewigkeit in erreichbare Nähe rückte, stand die Sonne bereits im Zenit. Meine weißen Kleider, die vom Wald schon verschmutzt gewesen waren, hatten nun auch noch eine Staubschicht. Zudem war alles durchgeschwitzt. Der einzige Grund, warum ich mich nicht von einem Teil der Sachen befreit hatte, war der Schutz vor der Sonne. Ich verbot mir selbst, die weite Hose bis zu den Knien aufzukrempeln. Ebenso ließ ich die langen Ärmel der Wickelbluse unten. Lieber ein wenig mehr Stoff, als die Sonnenstrahlen ungebremst auf meine sehr blasse Haut zu lassen. Schatten suchte man neben den Feldern nämlich vergeblich.


Das Haus war jetzt nur noch geschätzte fünfhundert Schritte entfernt, die Sonne spiegelte sich in den Fensterscheiben und es sah wirklich ruhig und friedlich aus. Ich hoffte, dass der Mensch zu Hause war, denn mein Mund war trocken und ich war unglaublich durstig. Das hatte ich in meinen beinahe siebenhundert Jahren noch nie erlebt. Ich kam mir richtig ausgedörrt vor, als ich endlich den Hof erreichte.


     Da ich niemanden sehen konnte, stieg ich die Stufen zur Veranda hoch. Ich klopfte an die Haustür und wartete. Kein Laut war zu hören. Während ich krampfhaft schluckte, um wenigstens den verbliebenen Speichel aus meinem Mund zu verteilen, sah ich mich um. Der Hof war so staubig wie der Weg, der mich hergeführt hatte. Die Scheune war verschlossen, eine Kette um die beiden Griffe geschlungen. Das einzige Fahrzeug, das ich erkennen konnte, war ein rostiger Traktor, der hinter einem wild wachsenden Busch stand.


Eigenartig …, dachte ich.


Das Haus erschien mir von außen sehr sauber, die Fenster waren alle glänzend und mit Vorhängen versehen, die mir einen Blick ins Innere verwehrten. Ich versuchte es erneut und schlug etwas kräftiger gegen die Tür.


Es dauerte eine ganze Zeit, dann hörte ich, wie sich Schritte näherten. Dem Geräusch nach zu urteilen, musste es ein Kind sein. Nur kleine Füße hörten sich so an. Und ich behielt recht. Ein kleines blondes Mädchen tauchte neben der Tür auf und sah mich durch das Glas hindurch an. Ich lächelte und hockte mich hin, um auf ihre Höhe zu gelangen.


„Wer bist du?“, fragte sie. Ihre Stimme klang gedämpft durch die Scheibe hindurch.


„Ich heiße Aurora. Ich bin auf einer Reise. Doch die Sonne hat mich durstig gemacht und deshalb bin ich hier. Ich möchte um ein wenig Wasser bitten“, sagte ich laut.


Abschätzend blickte das Mädchen mich an. Sie runzelte die Stirn, als würde sie intensiv nachdenken.


„Sind deine Eltern nicht zu Hause?“, fragte ich sie.


Sie schüttelte den Kopf zur Antwort. Dann biss sie sich auf die Unterlippe.


„Sie haben dir bestimmt gesagt, dass du niemanden hineinlassen sollst. Das musst du auch nicht, aber es wäre sehr nett von dir, wenn du mir etwas Wasser nach draußen geben könntest“, versuchte ich sie freundlich zu überreden.


„Das stimmt. Mein Papa hat gesagt, dass ich keinen Menschen hereinlassen soll, solange sie auf dem Markt sind. Aber … du siehst gar nicht aus wie ein Mensch“, befand sie nach einiger Überlegung.


„Nein? Wie sehe ich denn aus?“, fragte ich das Kind überrascht.


„Wie ein Engel. Du leuchtest“, erklärte sie sachlich.


Das war ein Schock für mich. Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass die Menschen mich nicht für Ihresgleichen halten würden.


„Oh!“, sagte ich daher nur.


     Die Kleine verschwand vom Fenster und ich vermutete, dass ich sie so verschreckt hatte, dass ich nun nichts zu trinken bekäme. Doch kurz darauf hörte ich erleichtert, dass die Tür aufgeschlossen wurde.


Das Mädchen öffnete mir die Tür und lächelte.


„Komm herein, Engel Aurora. Du musst nicht da draußen in der Hitze sitzen“, forderte sie mich auf.


Ich rappelte mich vom Boden auf und nahm die Einladung dankbar an.


„Ich danke dir, junge Dame. Wie heißt du denn?“


„Ich bin Luisa und ich bin schon fünf Jahre alt!“, erklärte sie stolz.


„Und dann bist du ganz alleine zu Hause? Fünf ist ja noch nicht so alt“, gab ich zurück.


„Aber ich bin doch schon groß!“, sagte sie trotzig.


„Ja, das bist du. Und es ist sehr großzügig von dir, mir zu helfen“, dankte ich nochmals.


„Ich glaube, wenn ich dir nicht helfe, dann wird der Herrgott böse auf mich. Und das möchte ich nicht.“


Erschrocken über die Ansichten des Kindes hockte ich mich erneut auf ihre Augenhöhe.


„Luisa, der Herr ist niemals böse auf ein Kind! Egal was es tut. Kinder sind die größte Freude des Herrn“, sagte ich zu ihr. Es passte zwar nicht ganz, doch es entsprach der menschlichen Sicht auf den Herrn und Schöpfer.


„Das ist gut. Komm mit, da hinten ist die Küche, dann kannst du so viel Wasser trinken, wie du möchtest. Wir haben aber auch selbst gemachte Limonade!“, sagte Lucia und lächelte wieder fröhlich.


Da ich nickte, führte sie mich durch das Haus. Es war auch hier drin so sauber, wie ich es von außen vermutet hatte. Wir gingen an einem großen Wohnraum vorbei, der einen imposanten Kamin und ein gemütliches Aussehen hatte. Dann passierten wir eine verschlossene Tür, dem Geruch nach zu Urteilen eine Vorratskammer. Im Anschluss folgte eine sehr große und helle Küche. Eine Seite bestand beinahe nur aus Fenstern, mit darunter angeordneten Schränken und einem weißen altmodischen Spülstein. Der Herd stand seitlich und in der Mitte des Raums befand sich ein rustikaler Tisch, an dem sicherlich zehn Leute Platz hatten.


„Es ist hübsch hier“, sagte ich in die Stille hinein.


„Ja. Ich wohne gerne hier. Möchtest du nun Wasser oder lieber die Limonade?“, fragte sie mich.


„Wasser genügt“, gab ich ehrlich zurück. Die Limonade war eine Versuchung, der ich ohne Probleme widerstand. Engel tranken nur Wasser, alles andere wäre eine Sünde.


Lucia kletterte mit einem Glas in der Hand auf den Schemel, der vor dem Spülenschrank stand. Sie füllte das Glas und brachte es mir.


„Bitte, du kannst dich auch setzen“, lud sie mich ein.


Doch ich verzichtete. Ich trank das Wasser, jedoch darauf bedacht, nicht zu schnell zu trinken, da es mir sicherlich nicht gut tun würde. Das leere Glas gab ich ihr zurück.


„Möchtest du noch eins?“


„Nein. Das war schon gut. Aber es wäre schön, wenn ich etwas Wasser mitnehmen könnte.“


„Das ist kein Problem. Mein Papa hat große Flaschen, die er immer mit auf das Feld nimmt. Ich kann dir eine füllen“, erklärte Luisa und klang dabei wie eine erwachsene Frau.


„Das wär wirklich sehr lieb von dir“, bedankte ich mich wieder einmal lächelnd. Das kleine Mädchen war wirklich entzückend.


Sie strahlte, als sie aus der Küche ging. Es rumpelte nebenan, also ging ich davon aus, dass die besagten Flaschen in der Vorratskammer waren. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, mich zu setzen, doch der lange Marsch unter der Sonne hatte mich ermüdet. Also setzte ich mich auf einen der Küchenstühle, so wie Luisa es mir angeboten hatte.


Nur kurz ausruhen!, dachte ich mir und schloss für einen Moment die Augen.


 


Dass kurz gar nicht kurz war, stellte ich erst fest, als ich die Augen wieder öffnete. Der Himmel, draußen vor den Küchenfenstern, färbte sich bereits. Es musste also schon Abend sein. Erschrocken sprang ich auf, wobei der Stuhl laut über den Boden schabte. Ich sah mich panisch um. Keine Spur von Luisa. Doch dann sah ich, dass im Schatten des Türrahmens jemand stand. Der Größe nach zu Urteilen war es ein erwachsener Mann, und er beobachtete mich.


„Verzeihung!“, stammelte ich.


„Nur keine Sorge. Ich weiß, wer du bist“, erklang seine sonore Stimme.


Dann trat er in die Küche ein und mir stockte der Atem. Wenn das Luisas Vater war, hatte sie ganz schön viel von ihrer Mutter geerbt, denn er war nicht so blond wie das Mädchen. Ganz das Gegenteil war der Fall. Er trug sein schwarzes Haar kurz geschnitten und die dunklen Augen erschienen mir auch fast schwarz zu sein.


„Ich sollte gehen“, begann ich unsicher. „Ich sollte gar nicht hier sein. Vor allem nicht so lange“, erklärte ich hastig.


„Du bist hier genauso richtig wie an jedem anderen Platz auf der Welt, Aurora.“


Er kannte meinen Namen? Luisa musste es ihm gesagt haben, sonst gab es keine Erklärung, dass der Mensch wusste, wer ich war.


„Ich möchte mich von Luisa verabschieden und dann werde ich gehen“, sagte ich mit fest klingender Stimme.


Der Mann betrachtete mich mit hochgezogener Braue, als fragte er sich, ob ich das ernst gemeint hatte. Er schritt auf mich zu, bis er dicht vor mir stand. Er überragte mich um etwa zehn Zentimeter, demnach musste er so um die eins achtzig sein. Die dunklen Augen fixierten mich und ich fühlte mich unbehaglich.


 


*   *   *


 


     Da stand er nun und sah sie an. Er verstand es nicht, doch ihre Gedanken waren für ihn nicht erreichbar. Das gab es normalerweise nicht. Er sah in jeden Kopf, mit Ausnahme eines einzigen …


Aurora war ein bezaubernder Engel. Eigentlich hatte er sie töten wollen, als sie schlafend am Küchentisch gesessen hatte. Doch damit wäre es viel zu schnell vorbei gewesen. Zwar hätte er damit den Jahrhundertkampf für Samael entschieden, doch das würde er auch so noch tun.


„Aurora, ich sagte schon, du bist hier genauso richtig wie an jedem anderen Platz der Erde“, erklärte er geduldig.


 


*   *   *


 


Ich verstand es, nun wo er so dicht vor mir stand. Er war kein Mensch, er war der Dämon, gegen den ich kämpfen würde.


Die Erkenntnis musste auf meinem Gesicht zu lesen sein, denn ein gemeines Lächeln umspielte seinen Mund.


„Na also, geht doch!“, befand er.


„Luisa?“, deutete ich an.


„Was glaubst du? Illusion natürlich“, sagte er verächtlich und seine Augen blitzten einen kurzen Moment in rotem Licht auf.


Das dämonische Rot war der letzte und einzige Beweis, den ich brauchte. Eine Bewegung, Jahrzehnte lang geprobt, und ich hielt meine Waffen in den Händen, die begonnen hatten, helles Licht auszustrahlen.


     Der Dämon sah mich nur verärgert an, dann schnaubte er verächtlich.


„Hast du die Regeln nicht gelernt? Der Unterlegene des letzten Kampfes entscheidet die Art zu kämpfen und auch die Waffen!“


Ich trat einen Schritt von ihm zurück, hielt mich jedoch angriffsbereit.


„Was wählst du?“, fragte ich ihn.


Der Dämon grinste wieder. „Pack deine Waffen weg. Dein tolles Licht wirst du auch nicht brauchen, also dimm das mal runter. Da bekommt man ja Kopfweh von. Wir beide kämpfen einzig und allein mit dem Verstand“, eröffnete er mir.


„Was?“ Ich war entsetzt. Das hatte ich ja noch nie gehört! Trotzdem ließ ich das Licht in mich zurückfließen und steckte die Waffen weg.


„Ich erkläre es dir. Nur einmal, also hör zu. Als du am Tisch geschlafen hast, hätte ich dich töten können. Jedoch wäre das, Selbst für mich, zu unfair und zu schnell. Also entschied ich mich um. Nun trage ich keinerlei Waffen und du wirst es auch nicht mehr tun. Wir beide kämpfen mit dem Verstand, egal wie lange es dauert, bis einer von uns siegt.“


     Meine Gedanken überschlugen sich. Er hatte natürlich recht. Ich hatte mich selbst zu einem leichten Ziel gemacht, indem ich einfach eingeschlafen war. Es war mir in der Vergangenheit aber kein Kampf bekannt, bei dem die Engel und Dämonen ihren jeweiligen Sieg nicht mit Waffen und einem körperlichen Kampf entschieden hatten. Ich war mir nicht sicher, was dieser Dämon damit bezweckte, doch ich entschied mich, darauf einzugehen. Eine Wahl hatte ich schließlich nicht, denn er besaß das Wahlrecht. Das hatte ich im ersten Moment vergessen.


„In Ordnung, Dämon. Ich nehme die Herausforderung an und bekämpfe dich mit meinem Verstand.“


Wieder grinste er.


„Im Übrigen, mein Name ist Nouel. Sprich mich mit Namen an, oder gar nicht. So sei es also, die Regeln stehen fest, es wird nichts mehr geändert. Wir bekämpfen uns, bis einer von uns beiden den Sieg erringt.“


„Ganz wie du willst“, erklärte ich.


„Einen Schlafraum findest du auf der ersten Etage, ein Bad ebenso. Ich gehe nicht davon aus, dass du schnell zu besiegen bist. Also stelle dich schon mal auf eine längere Zeit ein, die wir hier gemeinsam verbringen werden“, sagte er und zwinkerte frech.


„Du glaubst also, dass du mich besiegen wirst?“, fragte ich scharf.


„Oh ja. Daran habe ich keinen Zweifel. Im Umkreis von fünfzig Kilometern ist keine Menschenseele. Nur dieses Haus und wir beide. Und ich werde dich besiegen, ich werde dich brechen, Aurora. Du und deine Gedanken, ihr werdet mir gehören.“ Langsam schritt er auf mich zu und fixierte mich mit seinem dunklen Blick. „Ich werde in diesem Jahrhundert den Sieg erringen. Und ich freue mich ganz besonders auf den Moment, wenn du dich vor Lust schreiend windest und darum bettelst, dass ich dich nehme!“


„Das … wird nie passieren!“, fauchte ich ihn an.


Er zog sich wieder zurück und sah sehr selbstgefällig drein. „Das werden wir ja sehen, schöne Aurora.“


Damit verließ er die Küche und ließ mich stehen.


 


*   *   *


 


Er grinste in sich hinein, während er die Küche verließ. Er wusste nicht, weshalb die Lichten ausgerechnet diesen Engel geschickt hatten, doch sie war eine Herausforderung. Noch nie hatte er von einem Engel gehört, der silbern schimmernde Augen, anstatt der üblichen blauen hatte. Dass er nicht in ihre Gedanken dringen konnte, war ein zusätzlicher Reiz. Zudem fand er sie insgesamt reizvoll. Schlank und groß, langes Haar und ein umwerfend schönes Gesicht. In diesem Jahrhundert den Sieg zu erringen, würde ihm eine höllische Freude bereiten. Er hatte genügend Erfahrung, andere mithilfe seines Verstandes Mürbe zu machen. Sonst wäre er in der Dämonenlegion lange nicht so schnell aufgestiegen. Nun stand er bereits an zweithöchster Stelle – als jüngster Dämon überhaupt. Zumindest in dieser Riege. Mit knapp fünfhundertdreißig Jahren war das noch keinem anderen Dämon gelungen. Brachte er den Sieg nach Hause, würde Samael ihn sicherlich noch eine Stufe höher aufsteigen lassen.


Doch bis es soweit war, würde er erst einmal den Engel Aurora brechen müssen, bis sie aufgab.


 


*   *   *


 


     Ich war fassungslos. Hatte der Dämon doch die Frechheit besessen, mich einer Sünde zu bezichtigen. Eine, die ich seiner Ansicht nach begehen würde. Nie und nimmer würde ich ihm körperlich Nahe sein. Jedenfalls nicht auf diese sündige Weise. Engel hatten strickte Vorgaben, wie zum Beispiel nur Wasser zu trinken, das entwürdigendste wäre sich einem anderen Wesen körperlich hinzugeben. Oh nein. Das kam nicht infrage. Ich wusste von einigen Engeln, die auf Erden dieser Sünde verfallen waren und sie wurden dafür aus der Welt des Lichts verbannt. Eben dies würde mir nicht passieren, das schwor ich mir. Und brechen lassen würde ich mich auch nicht. Ich wollte siegen, das war mein Ziel. Dieses würde ich auch erreichen, dafür hatte ich schließlich lange genug trainiert. Dass wir dabei hauptsächlich die Kunst des Kämpfens trainiert hatten, war nicht so schwerwiegend. Denn ich besaß einen starken Willen, mit dem ich auch ab und an in Ungnade fiel. Besonders Eleanor hatte bei den Trainingsstunden oft darauf bestanden, dass ich alleine eine zusätzliche Stunde machen musste, weil ich mich ihren Anweisungen so häufig widersetzt hatte. Nun würde mir mein starker Wille hoffentlich helfen. Denn mit dem Verstand zu kämpfen hörte sich einfacher an, als es war. Ich machte mir nichts vor, schnell würde die Sache hier nicht erledigt sein. Gegen den Dämon zu bestehen, würde meine gesamte Willenskraft fordern. Das musste ich mir schon bald eingestehen.


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