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> Fantasy Bücher > "Niemandsland", Band 3
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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe
Bianca Bolduan

"Niemandsland", Band 3


"Bis ans Ende der Zeit"

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Kathy zwang sich, gleichmäßig ein- und auszuatmen. Der Lärm im Lager war ohrenbetäubend. Schüsse fielen und die Schreie der Fliehenden zerrten an ihren Nerven.
Sie lag zusammen mit den sechs Angehörigen des Roten Kreuzes hinter einer Wand aus aufeinander gestapelten Kisten und spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Der Mann neben ihr ließ ihren Arm los und zischte:
„Sie bleiben hier, verstanden? Und lassen Sie in Gottes Namen diese verdammte Kamera aus!“
Doch Kathy rollte sich von ihm weg und robbte bis ans Ende ihres dürftigen Schutzwalls.
„Bleiben Sie hier! Sind Sie lebensmüde?“
Kathy warf ihm einen langen Blick zu. Sie war nun seit zehn Tagen in diesem Lager und hielt mit ihrer Kamera die menschenunwürdigen Zustände fest. Doch in dieser kurzen Zeit wurde das Lager nun schon zum zweiten Mal überfallen, fielen Männer in verrosteten Jeeps und auf struppigen Ponys wie Heuschrecken ein und stahlen die Kinder. Sklaverei war auch in diesem Teil der Welt noch immer ein lukratives Geschäft.
„Wir können nichts tun!“
Die Stimme des Mannes, der sie hinter die provisorische Wand gezerrt hatte, wurde drängend. „Sie tun uns nichts, solange wir uns raushalten, verstehen Sie? Wir können uns nur um die Übriggebliebenen kümmern.“
Kathy biss die Zähne zusammen. Was hier in diesem Lager geschah, musste die Welt erfahren, Gefahr hin oder her.
Sie presste sich auf den Boden und war entschlossen, so viele Bilder wie möglich zu machen. Es mochte vier oder fünf Uhr in der Früh sein, so genau wusste sie es nicht. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, wenngleich es auch nicht mehr stockdunkel war. Es war gerade eben so hell, dass die Menschenjäger erkennen konnten, wen sie jagten und wohin die Kinder in ihrer Todesangst rannten. Das Licht der Scheinwerfer eines durch das Lager fahrenden Geländewagens erleuchtete auch die dunkelsten Ecken, und wer sich den wilden Horden auf ihren struppigen Ponys in den Weg stellte, wurde erbarmungslos niedergemetzelt.
Und all das hielt sie mit ihrer Kamera fest. Unablässig klickte der Auslöser, unablässig zuckte das Blitzlicht, und genau das würde sie früher oder später verraten.
„Hören Sie auf mit dem Wahnsinn!“, herrschte sie der Mann neben ihr an, doch sie achtete nicht auf ihn. Sie war nicht in dieses Lager gekommen, um sich einschüchtern zu lassen, wenngleich ihr das Herz bis zum Hals schlug. Natürlich hatte sie Angst, doch vor allem war sie sprachlos angesichts dieses Grauens und unglaublich wütend. Wieso akzeptierte die Welt ein solches Vorgehen, wieso tat niemand etwas?
„Sie setzen unser aller Leben aufs Spiel!“, hörte sie die Stimme der jungen Krankenschwester sagen, die ihr soziales Jahr ausgerechnet an diesem dunklen Ort absolvieren wollte. „Wir werden alle umkommen wegen dieser Scheißbilder.“
Kathys Gesichtszüge erstarrten. Das junge Ding hatte Recht. Hatte sie das Recht, sie alle zu gefährden? Die Leute der Hilfsorganisation nahmen unglaubliche Strapazen auf sich, um den Menschen in dieser Gegend wenigstens ein bisschen zu helfen. Hatte sie das Recht, dass alles zu sabotieren, nur weil sie der Meinung war, die breite Öffentlichkeit müsse von diesen Menschenjägern erfahren? Hatte sie das Recht, andere Leben zu gefährden?
Sie rollte sich zurück hinter die Kisten und begann, mit vor Aufregung zitternden Fingern den Film aus der Kamera zu holen. Hastig tauschte sie ihn gegen einen neuen aus und verbarg den alten tief in der Hosentasche ihrer ausgewaschenen Jeans. Kaum war sie damit fertig, hörte sie laute Rufe und das Dröhnen eines heranfahrenden Autos. Wenige Sekunden später prallte der Jeep gegen die aufgestapelten Kisten, hinter denen sie lagen, und brachten den dürftigen Schutzwall wie ein Kartenhaus zum Einsturz.


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