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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Najuk Nux und die Maxiaffen, Akira Arenth
Akira Arenth

Najuk Nux und die Maxiaffen



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Kapitel 1 - Nux Ankunft der Maxiaffen


 


Wenig elegant drehe und wende ich mich vor meiner schnittigen Spiegelscherbe und werfe mir beherzt den Putzlappenumhang über die Schulter. »Ich bin der Herr dieses Hauses!«, rufe ich und nehme eine heroische Pose ein. »Ich bin der Schatten, der die Nacht durchhüpft! Ich bin der Vermutliche, den alle kennen und den doch kein menschliches Auge zu sehen kriegt! Ich bin Najuk Nux ... kurz Nux ... der Foppmeister! Einfallsreichster Fallensteller und ausgefuchstester König des Schabernacks, der -« »Iihk«, unterbricht mich Bonita, die Wanderratte aus der Nachbarschaft, und schüttelt den Kopf. »Ihkiihk!« »Was heißt hier selbst ernannt?« Ich schürze beleidigt die Lippen. »Ich bin der König des Schabernacks! Alleine schon deshalb, weil’s ja sonst keiner macht. Du kannst ja nicht mal einen Salzstreuer mit Zucker befüllen! Jetzt halt die Backen, ich versuche mich hier zu motivieren!« Ja, ich bin etwas aufgeregt, das gebe ich zu. Ist schließlich schon eine ganze Weile her, dass neue Menschen in dieses Haus kamen. Drei Jahre? Oder vier sogar? Jedenfalls kann da der ein oder andere Zuspruch nicht schaden, auch wenn er von mir selbst kommt. »Na schön! Also ... ähm ... wo war ich? Ach ja! Ich bin der Beste und ich kann alles, denn ich hab’s voll drauf und - ... ngaaach! Toll Bonita, danke! Wegen dir hat der Moment jetzt die ganze Magie verloren!« Sie glotzt mich an, als könne sie kein Wässerchen trüben, dabei pinkelt sie, wo sie geht und steht. »Ja, guck nicht so! Du bist schuld! Du hast mir den Augenblick mit deinem völlig destruktiven Gequieke zerstört!« Sie verdreht nur die Augen, doch ich hab jetzt keine Zeit, mit ihr zu diskutieren, und mache weiter. »Was soll’s ... wo ist mein Hut? Ah da! Der ist doch das Wichtigste von allem! Ein Kobold ohne Hut ist kein Kobold!« Krampfhaft versuche ich den Spatzenschädel, den ich heute Morgen gefunden habe, über meine Sturmfrisur zu bugsieren, doch es geht nicht. »Geh da rauf! Ngaaah, diese verflucht verflixten Trollhaare!!!« Mit einigem Rütteln, Drehen und Quetschen schaffe ich es endlich, den Knochenhut auf meine Rübe zu pfropfen, doch ich traue mich kaum, dessen ausladende Augenhöhlen loszulassen. Für ein Sekündchen löse ich die Finger von einer Seite, aber die Sache ist mir zu unsicher, sodass ich gleich wieder fester zupacke. »Borstel!!!«, rufe ich lauthals nach meinem Igelkumpel und dieser lugt neugierig um die Ecke. »Komm her, du musst mir helfen!« Er röffelt, quetscht sich dann jedoch durch das herausgebrochene Brettchen am Fuße des Schuppens und watschelt zu mir heran. »Heute ist ein sehr wichtiger Tag, Borstel!«, erkläre ich aufgeregt und halte die Hand über seinen Rücken. »Rosi hat Blumen gepflückt und sie in einer Kanne auf den Tisch gestellt! Du weißt, was das bedeutet! Also – darf ich mal kurz?« Ehe er auch nur einen Grunz hervorbringen kann, zupfe ich mir einen seiner Stachel heraus, was er mit einem empörten »Quiek!« quittiert. »Danke! Es muss alles perfekt sein! Einfach alles! Ich darf es nicht schon wieder vermurksen und dann – oh!« Gerade als ich mir das spitze Stäbchen durch die Löcher des Schädels in die Haare schieben will, um den Kopfschmuck zu fixieren, entdecke ich einige Flöhe auf der Spitze, die mich dümmlich anglotzen. Kurzerhand lecke ich sie ab und beende mein Kunstwerk, während ich sie zwischen meinen Zähnen zermalme. »So! Jetzt aber ... Geh beiseite, Borstel!« Einmal noch atme ich tief durch, dann lasse ich das Hütchen vorsichtig los und - tatsächlich, es hält! Zwar zieht es ganz schön, doch durch meine geniale Haarnadel bleibt der Schädel drauf und meine Stirnfalten werden auch gleich mit glatt gezogen! Triumphierend grinse ich mein grünes Gegenüber in der Scherbe an. »Ha! Überlistet!« Da knackst das Stäbchen. Ein wenig erfreuliches >fump< ertönt und meine Frisette schleudert den Hirnbehälter ungnädig von dannen, sodass er im hohen Bogen gegen die nächste Wand klatscht und zerbricht. Meine rechte Augenbraue zuckt, während ich weiter unbeweglich in den Spiegel starre und Borstel sich gluckernd verpieselt. »Verdammt verfluchte Dreckskröteneierwolle!!!« So viel dazu. Ich weiß, ich könnte mir auch einfach eine passgenaue Mütze aus Stoff nähen, aber die mag ich nicht, weil ich damit wie ein blöder Gartenzwerg aussehe. Eine Zeit lang trug ich ein Kondom, was ziemlich praktisch war, denn es schützte mich vor Regen und hatte von vornherein die perfekte Ausbeulung für meine Haare. Zudem roch es anfänglich für eine Weile ganz wunderbar nach Erdbeere. Aber irgendwann wurde es porös und seitdem habe ich kein Neues mopsen können. Deutlich langlebiger und stilvoller noch dazu sind dagegen Vogelschädel von Spatzen oder Meisen. Der Schnabel gibt außerdem ein praktisches Sonnenschirmchen ab. Auch vom Umfang her passen die mir eigentlich perfekt auf die Birne, denn ich bin ungefähr so groß wie ein menschlicher Penis. Ein stattlicher Penis wohlbemerkt, so ein richtig strammes Teil mit dicken Adern an den Seiten, kein krummer Kümmerling! Also nicht, dass ich voller dicker Adern wäre, sähe ja blöd aus, aber ich bin auf keinen Fall mickrig und tropfen tue ich auch nicht ... außer wenn ich Schnupfen habe. So einen ganz fiesen Koboldschnupfen. Ja, der ist noch hundertmal schlimmer als menschlicher Männerschnupfen! Jawohl! Jedenfalls bekomme ich so gut wie keinen der Vogelschädel auf meinen Kopf, denn die Hälfte meiner drahtigen Haare wachsen rigoros gen Sonne, als wäre ich eine Primel. Ja, ich hasse meinen Schopf, aber da geht es den Menschen meist nicht anders. Die mit Locken wollen glatte Haare, die mit glatten Haaren wollen Kringel. Die einen beschweren sich über zu dicke Haare, die anderen über zu dünne. Frustriert sammle ich einige der Knochensplitter vom Boden auf, doch da ist definitiv nichts mehr zu retten. »Ngaaach, jetzt muss ich mir einen Ersatz suchen gehen!«, schnaufe ich, trete die Überreste weg und ziehe meine Hose zurecht. »Als wenn die auf Bäumen wachsen würden!« Flugs schlüpfe ich aus dem Schuppen und wiesle durch die Wiese, um zum großen Küchenfenster zu kommen. Da klatschen nämlich öfter mal Vögel gegen, die dann mausetot auf dem Boden liegen bleiben. Ja. Schade für sie, gut für mich und meine Garderobe. Bereits auf halbem Wege höre ich etwas. Ich sehe mich um und erstarre, als ich plötzlich jemanden an der Hausecke entdecke. Rasch ducke ich mich. ›Oh nein! Da steht einer! Einer der Neuen!!! Ob er mich gesehen hat?‹ Zur Kontrolle linse ich schnell noch mal über das Meer aus Gras, in welches ich mich farblich, bis auf meine Haare, sehr gut einfüge, aber er geht zurück, als hätte er mich wirklich nicht bemerkt. Dabei bin ich doch direkt vor seiner Nase langgelaufen?! ›Hmm. Scheint ein recht unintelligentes Exemplar zu sein ... wenn auch ein ansehnliches.‹ »Chrchrchr«, kichere ich. »Depperte Riesen, wahrlich naturblöd.« Schnell pese ich im Entengang weiter. »Das wird ein Spaß!« Sobald ich mein Haus erreicht habe, kraxle ich den Efeu hoch, steige über eines der oberen Spechtlöcher in die Holzfassade unterm Dach ein und quetsche mich durch die Dämmung. So gelange ich auf den Dachboden, renne über die Bohlen und schlupfe in eine besonders große Lücke zwischen zwei morsche Bretter, um dann an einem Rohr ins Erdgeschoss zu rutschen. Das ist der sicherste Weg, um nicht entdeckt zu werden. ›Ich muss mich beeilen! Scheiß auf den Hut! Jetzt nur schnell in Position, bevor -‹ Gerade als ich mich durch eines der unzähligen Mäuselöcher ins Wohnzimmer quetsche, halte ich wie hypnotisiert inne. ›Dieser Duft ...‹ Ich hebe die Nase und schnüffle noch intensiver, derweil ich mich aus dem Mäuseloch zwänge und dann im Kreis drehe. ›Sämig, cremig ... warm und süß ...‹ Meine Knie werden weich. Wie magisch angezogen tigere ich in Richtung des betörenden Duftes, schlüpfe unters Sofa und vernehme nun auch die leise gesungenen Worte der alten Rosalinde: »Geist des Hauses sei mein Freund. Hab Milch mit Honig aufgeschäumt und bitt dich: Nimm die süße Gabe, den Schabernack dafür begrabe. Nur einen Tag schlaf tief und fest in deinem kleinen Koboldnest.« Ehe ich richtig realisiere, auf welchen Deal ich mich da gerade einlasse, süffle ich bereits genüsslich, aber mit flinker Zunge, den süßen Bestechungstrank aus der Schale.


 


Kapitel 2 - Sergej Trautes Heim, Pech allein


 


16. Juli 1999 – der Tag, den ich mir schon vor Wochen im Kalender umkringelt habe. Nach fast vier Stunden Fahrt erreiche ich endlich die letzte Abzweigung, welche auf einen holprigen Waldweg führt. Ein Schlagloch reiht sich ans nächste, sodass ich mit meinem geliebten kleinen Mitsubishi Eclipse aka Schrottläubchen Slalom fahren muss, um nicht jedes einzelne davon zu begrüßen. Die Karre wackelt wie ein Kutter auf hoher See und auch der tiefer gelegte Unterboden scheppert einige Male beunruhigend, doch ich versuche das auszublenden. Heute kann mir nichts die gute Laune verhageln! Nein, gar nichts! Denn heute ziehe ich zum ersten Mal in meinem Leben in eine eigene Wohnung! ... Na ja, in ein WG-Zimmer, um genau zu sein, aber für mich ist das dasselbe. Im Radio läuft The Bad Touch, der aktuelle Charthit der Bloodhound Gang, der meine gute Laune nur weiter befeuert. »You and me, baby and nä nä nä nä nä ...«, singe ich lauthals mit, obwohl ich nicht mal die Hälfte verstehe, denn mein Englisch ist miserabel. »Dä dä dä let’s do it like on Discovery Channel – oh yeah man! Dü dü dü dü düdü dü düdüdüüü ...« Der Groove dieses affigen Songs macht mich noch hibbeliger, als ich eh schon bin, sodass ich mir nicht verkneifen kann, auf meinem mit Kunstfell überzogenen Lenkrad herumzutrommeln. Doch dann erreiche ich endlich das Ende des Weges und kann meinen Augen kaum trauen. »Alter Verwalter! Wie geil ist das denn?« Ich halte an, steige aus und schiebe meine Sonnenbrille tiefer, um über ihren Rand schauen zu können. Der Anblick macht mich echt sprachlos. Hinter einem kleinen, weißen Lattenzaun beginnt ein Trampelpfad, der mit großen Schieferplatten ausgelegt ist. An dessen Ende steht, umgeben von hohen Laubbäumen und einzelnen Blumenbeeten, mein neues Zuhause: ein malerisches, efeubewachsenes Backsteinhaus mit halbrunden Fenstern, einem breiten Schornstein an der rechten Seite und einer gepflasterten Terrasse vor der Tür. »Wow ... was’n zauberhaftes Hüttchen!« Gleich darauf beiße ich mir auf die Zunge, schaue mich um und hoffe, dass es keiner gehört hat. Verlegen räuspere ich mich, und auch wenn ich niemanden sehe, korrigiere ich zur Sicherheit trotzdem etwas lauter: »Ähm ... was ’ne brachialharte Baracke!« Für die läppische Miete hatte ich ehrlich gesagt mit einer übel verwahrlosten, kleinen Bruchbude gerechnet. So einer, in der überall die Tapeten verschimmeln und bei der das Dach so undicht ist, dass man sich bei jedem Regenschauer wie in einer Tropfsteinhöhle fühlt. Kurz gesagt: so eine typisch abgeranzte, verlotterte Studentenbude. Alles hatte ich mir ausgemalt, aber niemals so ein ... Schmuckstück! Ja, man sieht dem Haus seine rund zweihundert Jahre Existenz schon deutlich an, doch es scheint all die Zeit sehr liebevoll gepflegt worden zu sein, denn ich entdecke auf den ersten Blick keine größeren Schäden. ›Abwarten! Wer weiß, wie es von innen aussieht‹, denke ich mir. Irgendwo muss einfach ein Haken sein. Wer wäre denn sonst so blöd, freiwillig nur die Hälfte des üblichen Mietspiegels zu verlangen? Schnell ziehe ich den Zündschlüssel meiner roten Flitzmöhre ab und checke meine Frisette im Seitenspiegel. Ein paar Sekunden zupfe ich mir noch die gegelten, blondierten Strähnen zurecht, welche sich von meinem dunklen Ansatz deutlich abheben, und bringe auch den Rest wieder in Form. Mit offenem Fenster zu fahren, ist bei der Hitze zwar angenehm, aber haartechnisch jedes Mal ein totales Desaster! Sobald ich fertig bin, schaue ich mich noch einmal etwas verwirrt um, denn neben den fehlenden Autos sind auch keine Fahrräder, Motorräder oder sonst was in der Richtung zu sehen. Und das, obwohl dieses Haus so abgelegen ist, dass man es nur schwer zu Fuß erreichen kann, denn der nächste Bahnhof ist sieben Kilometer weit weg, was sicherlich auch ein Grund für die günstige Miete ist. Ich stelle mich also erst mal an den Zaun und mache mich mit einem lauten »Hallo?« bemerkbar. Niemand antwortet. Da ich jedoch, wen wundert’s, keine Klingel entdecke, öffne ich schließlich das knarrende Holztor und wiederhole mein Rufen, doch auch beim zweiten Mal erhalte ich keine Antwort. Eigentlich wollte mich die Hausherrin im vorderen Teil des Gartens empfangen, was ihr am Telefon besonders wichtig zu sein schien. Allerdings klang ihre Stimme sehr alt, also vielleicht ist sie auch schon ein wenig senil und hat es einfach vergessen? Aber meine neuen Mitbewohner sind ebenfalls nicht zu sehen? Ehe ich noch daran zweifle, den richtigen Tag erwischt zu haben, klärt mich ein Blick auf meine Armbanduhr auf. »Erst halb elf?«, ächze ich und stecke die Hände in die Taschen meiner Levis. »Ngaaach, ich bin dreißig Minuten zu früh! Dann isses ja kein Wunder, dass noch keiner da ist!« ›Na ja, sehe ich mich halt schon mal ein bisschen hier draußen um. Kann ja nicht schaden.‹ Der vordere Teil des Gartens besteht hauptsächlich aus ungemähtem Rasen. Über einen schmalen Pfad kommt man auch hinter das Haus und dort sieht es deutlich wilder aus. Hohes Gras ist hier das geringste Problem. Tonnenweise Unkraut umwuchert einen moosgrünen Teich und ringsherum entdecke ich eine Menge ziemlich hässlicher, kleiner Gartenzwerge. Einer dieser Zipfelmützenträger steht mit blank gezogenem Schniedel am Teichrand und scheint normalerweise ins Wasser zu pinkeln, wäre er angeschlossen. Einen winzigen Schuppen gibt es auch, vermutlich für Gartengeräte. Daran lehnt ein verrostetes Kinderfahrrad mit einem Bastkörbchen am Lenker. Hinter dem Büdchen ... äh ... Schuppen sehe ich nichts als Wald. Keine Nachbarn, nicht mal Pferdekoppeln oder irgendwelche landwirtschaftlich genutzten Felder. Weit und breit nur Bäume, soweit das Auge reicht. Ich atme tief ein und spüre richtig, wie gut mir die saubere Luft tut. Ich bin ein gebürtiges Stadtkind, in Berlin groß geworden, und kenne hauptsächlich Plattenbauten auf kilometerweiten Betonflächen sowie massenweise Menschen, die dicht an dicht gedrängt leben. Doch als mein Bruder und ich noch klein waren, besaßen unsere Eltern eine Laube in einer Karower Kleingartensiedlung, zu der wir im Sommer an jedem Wochenende fuhren. Dort verbrachte ich die schönsten Momente meiner Kindheit, doch niemals hätte ich gedacht, dass ich eines Tages freiwillig aufs Land ziehen würde ... und das mit gerade mal zwanzig Jahren. In der Zeitungsanzeige stand nicht besonders viel drin, nur dass das Haus sehr alt ist und die drei verfügbaren Zimmer möbliert, sofort bezugsfertig und vor allem bezahlbar sind, was man von denen in Bremen definitiv nicht behaupten kann. Das war alles, was mich interessierte. Natürlich hätte ich auch lieber eine Wohnmöglichkeit in der Nähe meiner Universität gehabt, doch leider hab ich es verschwitzt, mich rechtzeitig darum zu kümmern. Dann waren alle günstigen Zimmer schon weg und der Rest für mich unbezahlbar. Zum Glück habe ich in den Sommerferien das alte Auto meines Vaters geschenkt und repariert bekommen, sodass ich auch im Bremer Umland suchen konnte. Und nun bin ich hier. Ich schlendere wieder nach vorn in Richtung Gartenzaun. Die Sonne brät bereits ordentlich, doch im Schatten der Bäume ist es auszuhalten. Nervös schaue ich abermals auf meine Uhr. Nur noch fünfzehn Minuten bis zur verabredeten Zeit und noch immer lässt sich niemand blicken. Sind die denn alle dermaßen unpünktlich hier? ›Vielleicht sollte ich einfach mal klingeln oder klopfen? Möglicherweise ist ja schon jemand im Haus?!‹ Beim Vorbeigehen werfe ich einen neugierigen Blick durch eines der großen Seitenfenster und zucke zusammen, als ich tatsächlich eine grauhaarige Frau im Wohnzimmer sehe. Sie kniet gekrümmt auf dem Boden und stützt sich mit einem Arm am Sofa ab, als wäre sie hingefallen. Mein erster Impuls sagt mir, ich sollte an die Scheibe klopfen und fragen, ob alles in Ordnung ist, doch da beobachte ich, wie sie gerade mit der anderen Hand eine kleine Schüssel auf den Boden stellt und daneben eine Kerze anzündet. ›Was ist denn da Weißes drin? Milch vielleicht?‹ Zuerst denke ich, sie wird vermutlich eine Katze haben, doch was soll dann die Kerze, und warum beginnt sie mit vor dem Gesicht gefalteten Händen zu sprechen? ›Vielleicht eine Art Tischgebet für Stubentiger ...?‹ Das alte Holzfenster lässt zwar einige Geräusche hindurch, und ich glaube auch, den gleichmäßigen Takt eines Reimes zu hören, doch die einzelnen Worte kann ich nicht herausfiltern. Dann macht die alte Lady etwas noch Eigenartigeres. Sie hebt die Fransen des Überzuges an und schiebt das Schälchen unter das Sofa! Danach pustet sie die Kerze aus, die sie gerade erst angezündet hat, wedelt den Rauch mit den Händen in den Raum und erhebt sich dann mühsam, indem sie sich auf einen Stock stützt, der bis eben noch am Boden lag. »Hey!«, ertönt auf einmal eine männliche Stimme hinter mir und ich fahre erschrocken herum.


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