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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Moritex - Band 1: Das Erz der Götte, Stefan Breuer
Stefan Breuer

Moritex - Band 1: Das Erz der Götte



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Sie hockte ruhig auf dem Waldboden, das Gewicht auf ihrem rechten Bein, den Pfeil locker an der kurzen Bogensehne, und wartete auf ihre Beute. Auf die Windrichtung brauchte sie keine Rücksicht zu nehmen. Der Geruchssinn der Waldkaninchen war nicht besonders gut, was sie jedoch durch ein ausgeprägtes Hörvermögen mehr als ausglichen. Ein Waldkaninchen vermochte den entfernten Flügelschlag eines Vogels nicht nur zu vernehmen, sondern auch einzuschätzen, ob es sich um einen Raubvogel („Gefahr!“) oder um einen der zahlreichen harmlosen Waldfasane handelte. Die junge Schützin war auch aus großer Entfernung treffsicher, wenn sie auf ein stillsitzendes Kaninchen zielte, aber sie hatte gelernt, dass bereits das sirrende Geräusch der Sehne, wenn der Pfeil den Bogen verließ, ein reaktionsschnelles Tier zum rettenden Sprung zur Seite veranlassen konnte. Zwischen Schuss und Treffer durfte nicht mehr als eine halbe Sekunde vergehen. Sie musste also näher heran, um diese Reaktionszeit zu verkürzen; und diese Nähe, nicht mehr als dreißig Schritt vom Ziel entfernt, erreichte sie nur, wenn nicht sie auf das Kaninchen, sondern das Kaninchen auf sie zukam. Sie hatte die Stelle bereits am frühen Nachmittag gefunden und ihren Jagdplatz mit Bedacht gewählt. Auf der kleinen Lichtung wuchs in großen Mengen Schwarzer Nachtschatten. Jetzt musste sie nur noch auf die Dämmerung warten, zu der die Kaninchen zum Fressen auf der Lichtung auftauchen würden. In dem dunklen groben Hemd und der wildledernen Hose verschmolz sie fast mit den Farben des Gebüsches, in dem sie hockte. Ihr zusammengerolltes Bündel mit den wenigen Dingen, die sie für die Jagd benötigte, lief schräg über ihren Rücken und war vor der Brust zusammengebunden. Um den Hals trug sie den torques, einen offenen bronzenen Halsreif, der einem gedrehten Strick ähnelte und in zwei länglichen Schlangenköpfen endete. Der Köcher mit den kurzen Pfeilen war an ihrem rechten Oberschenkel befestigt, die rasiermesserscharfen Spitzen der Pfeile mit kleinen Ledersäckchen umhüllt. Eine Waldspinne krabbelte ihren linken Stiefel hinauf und über ihr Bein bis zum Knie. Sie lächelte bei dem Gedanken, was für ein Geschrei ihre kleine Schwester in dieser Situation machen würde. Sie wartete. Sie hatte sich nicht getäuscht. Mit dem Einbruch der Sicherheit heischenden Dämmerung erschienen erst ein, dann zwei, dann ein Dutzend Waldkaninchen am Rande der Lichtung und hoppelten hinein in die Nachtschattengewächse wie auf einen gedeckten Esstisch. Die kleineren unter ihnen verschwanden vollständig in dem Blattwerk der Pflanzen, aber sie hatte es ohnehin auf ein größeres Exemplar abgesehen. Mehr als einen Schuss würde sie nicht abgeben können, und für den musste sich das Ziel lohnen. Langsam hob sie den Bogen und zielte durch die Öffnung in ihrem Gebüsch, so wie sie es geplant hatte. Sie hatte keinen Zweifel daran, trotz der Dämmerung ihr Ziel zu treffen; sie war eine hervorragende Schützin, und es würde eine erfolgreiche Jagd werden. Am Rande des Sichtfeldes nahm sie eine Bewegung wahr – und im nächsten Moment verschwanden die langen Ohren ihrer Beute im Blätterdickicht der Lichtung. Sie fluchte stumm und drehte den Kopf in die Richtung, aus der sie die Störung vermutete. Dort, am entfernteren Rand der Lichtung, stand ein rehartiges Tier. Wäre sie nicht noch so angespannt und konzentriert gewesen, hätte sie vermutlich eine spontane Reaktion aus Überraschung und Freude nicht unterdrücken können und damit die unerwartete neue Beute verjagt. Eine Berggämse! Die weißen Hinterseiten der Läufe an dem ansonsten rotbraunen Fell verrieten ihr, dass das Jagdglück es an diesem Abend mehr als gut mit ihr meinte. Nur selten stiegen die scheuen Gämsen von ihrem felsigen Lebensraum oberhalb der Baumgrenze hinab in den Wald. Was auch immer dieses Tier dazu veranlasst hatte, war ihr gleichgültig. Eine männliche Berggämse wie diese wog leicht über neunzig Pfund – sie hatte nicht genug Pfeile im Köcher, um eine vergleichbare Menge an Kaninchenfleisch zu erlegen. Zudem war das Fleisch der Gämsen weit schmackhafter als Kaninchenbraten, das Fell ließ sich zu bestem Leder verarbeiten, und selbst mit dem Horn wussten die Handwerker ihres Dorfers sicher etwas anzufangen. Die Jagdkonzentration war dem Jagdfieber gewichen. Ihr Puls schlug stärker. Sie hatte noch nie eine solche Beute vor ihrem Bogen gehabt. Und wenn es nach den üblichen Regeln gegangen wäre, würde es diese Jagd jetzt auch nicht geben. Mit dem Bogen jagten die Mädchen ihres Stammes Eichhörnchen, die jungen Frauen wie sie Kaninchen. Größere Beutetiere waren den Männern vorbehalten, die diese mit dem Speer erlegten. Pfeil und Bogen waren keine ehrenhaften Jagdwaffen, Töten aus der Entfernung galt als feige. Die Männer warfen ihre Speere auch nicht, sondern kesselten das ausgewählte Beutetier ein und trieben es mit lauten Rufen aufeinander zu, bis es einem von ihnen buchstäblich in den Speer lief. Es erforderte Kraft und Stärke, auf diese Weise etwa ein Wildschwein oder gar einen Hirsch zu erlegen – was entsprechend selten vorkam. Auch wenn die Männer auf die Bogenjagd herabblickten – es schwamm weit häufiger Kaninchen- als Wildschweinfleisch auf ihren Tellern. Ihr war das hier und jetzt egal. Sie war die Jägerin, der Bogen ihre Waffe, und die Berggämse in etwa siebzig Schritt Entfernung ihre Beute. Sie wusste, die Wucht ihres Pfeiles würde das Tier nur dann sofort töten, wenn sie es vorne in der Brust treffen und Herz oder Lunge durchbohren würde. Nur dann wäre der rasch eintretende Blutverlust stark genug, um das Tier zusammenbrechen zu lassen. Dann konnte sie aufspringen, über die Lichtung laufen und die Gämse mit ihrem Jagdmesser erlösen. Das Tier hatte jedoch inzwischen den Hals gebeugt und äste friedlich, und auch die ersten Kaninchenohren lugten wieder aus dem Meer der Nachtschattengewächse hervor. Sie hielt den Bogen jetzt über eine Minute gespannt, den Pfeil auf das Ziel gerichtet, und musste sich zur Ruhe und Konzentration zwingen. Der Arm durfte nicht zittern. Schweiß trat auf ihre Stirn. Da – der Bock hob den Kopf und wandte ihr, eine Portion Blätter im Maul zermahlend, die Brust zu. Surrend flog der Pfeil von der Sehne – und mit der sich lösenden Spannung verlagerte sie leicht ihr Körpergewicht auf das andere Bein, und ein dünner Ast unter ihrem Stiefel zerbrach. Das Surren des Pfeils und das Krachen des Astes erschienen ihr wie Blitz und Donner in der Stille der Lichtung. Die Kaninchen schossen in alle Richtungen in den Wald davon, und die Gämse sprang instinktiv zur Seite – gerade noch rechtzeitig, dass sie der Pfeil nicht in die Brust, sondern in die Seite traf. Der Bock bäumte sich auf, drehte sich zur Seite und sprang davon, blutend aus der Wunde, in der der Pfeil steckte. Fluchend sprang die Jägerin aus ihrem Versteck und rannte, den Bogen in der Linken und mit der Rechten nach dem Jagdmesser am Gürtel greifend, über die Lichtung und ihrer Beute nach. Sie hatte keine Zeit um einen zweiten, totbringenden Pfeil hinterher zu schießen. Dafür hätte sie erst die Lederkappe von den Pfeilspitzen abnehmen müssen, denn da es bei der Kaninchenjagd keinen zweiten Schuss gab, hatte sie damit nicht gerechnet und keinen zweiten Pfeil vorbereitet. Jetzt blieben ihr nur die Verfolgung und die Hoffnung, dass der eintretende Blutverlust das Tier so schwächen und verlangsamen würde, dass sie es einholen und erlegen konnte. Wie sie die Beute dann zu ihrem sich immer weiter hinter ihr entfernenden Lagerplatz und von dort ins Dorf bringen würde, darüber machte sie sich noch keine Gedanken. Das Jagdfieber trieb sie voran, ließ sie flink um Bäume herum und über Äste und Baumstümpfe springen. Die Spur lag offen vor ihr und war trotz der Dämmerung gut zu erkennen, aber auch ohne diese war ihr die Richtung klar: die Berggämse floh nach Hause, den steiler werdenden bewaldeten Hang hinauf auf die Baumgrenze zu und durch das Krummholz bis zu den Felsen. Sie konnte nur hoffen, dass das Tier vorher zusammenbrechen würde. Sie konnte vielleicht laufen wie eine Gämse, aber nicht klettern wie diese. Und an die Gefahren, die jenseits der Waldgrenze lauerten, wollte sie jetzt gar nicht denken. Das Tier war verwundet und geschwächt, aber immer noch schnell und ausdauernd genug, dass die Jägerin ihm nicht näherkam, obwohl sie eine gute Läuferin war und ihre leichte Ausrüstung sie nicht behinderte. Der Bock konnte aber auch keinen größeren Vorsprung erzielen, so dass sie immer wieder einen Blick auf ihn erhaschen konnte, was ihr Jagdfieber weiter befeuerte. Sie lief, sprang über die Hindernisse des Waldes, spürte die Muskeln in ihren Armen und Beinen. Ein fast ekstatisches Gefühl von Freiheit durchströmte sie. Und es schien ihr, als liefen unsichtbare Jagdhunde neben ihr her, als sei sie Britomartis, die Göttin der Jagd. Der Hang wurde steiler, der Wald lichter. Sie keuchte und zwang sich dazu, ihre Laufgeschwindigkeit ihren körperlichen Möglichkeiten anzupassen. Sie musste nicht nur schnell, sondern vor allem ausdauernd sein. Es nützte ihr nichts, wenn sie atemlos eine Pause würde einlegen müssen, denn dann würde sie das Tier verlieren. Gerade erhaschte sie wieder einen Blick auf die weißen Hinterläufe des Bocks, als dieser die Waldgrenze durchbrach und ins Krummholz eindrang. Hier wuchsen nur noch niedrige, verkrüppelte Kiefern, mehr Buschwerk mit Stämmen als richtige Bäume. Mehrfach blieb das Tier stehen, drehte seinen Hals und versuchte mit dem Maul die Wunde zu erreichen. Dann drehte es den Kopf den Hang hinab, und sprang wieder ein paar Schritte den Hang hinauf. Es wusste, dass es verfolgt wurde. Die Jägerin hechtete gerade aus dem Waldrand hervor, als die Gämse das Ende des Krummholzes erreichte und stehen blieb. Zwischen und über die kargen Baumzwerge hinweg hatte die Schützin einen freien Blick auf das Tier, und auch sie blieb keuchend stehen. Das Tier zitterte und stolperte nur noch in kleinen Schritten hin und her. Der Blutverlust durch die Wunde und die Anstrengung der Flucht waren zu groß geworden. Sie zog einen Pfeil aus dem Köcher und entfernte flink das Ledersäckchen über der Spitze. Mindestens sechzig Fuß Entfernung zum Ziel, aber auch wenn die Dämmerung inzwischen in die frühe Nacht übergewechselt war, boten Mond und wolkenfreier Sternenhimmel ihr genügend Licht. Sie legte an, atmete tief durch, um ihren Puls zu beruhigen und spannte den Bogen – ihr Pfeil schoss über das Krummholz hinweg und traf den Gamsbock in der Brust, genau dort, wo schon der erste Schuss hätte treffen sollen. Dem Tier brachen die Beine weg, und es stürzte auf den felsigen Boden. Erschöpft seufzte die Jägerin auf, zwang sich dazu das Ledersäckchen vom Boden aufzuheben, und ging dann eiligen Schrittes durch das Krummholz zu ihrer Beute. Die Spannung wich aus ihrem verschwitzten Körper, und Freude und Stolz über ihr Jagdglück breiteten sich aus. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte noch nie eine Jägerin eine Gämse mit Pfeil und Bogen erlegt. Denn Gämsen kamen selten hinab in den Wald, und die Jägerinnen ebenso wie die Jäger verließen normalerweise nicht den schützenden Wald und mieden die baumlosen Felshänge des Gebirges. Sie war froh, ihre Jagdbeute noch so unmittelbar an der Grenze von Baum zu Fels gestellt zu haben; weiter hinauf hätte sie sich bei klarem Verstand sicher nicht gewagt. Und auch hier war jetzt Eile geboten. Sie beschleunigte ihre Schritte und sah sich dabei nach allen Seiten um. Vor allem nach oben ging ihr Blick, doch nichts erregte ihren Argwohn. Es war ihr Glückstag. Als sie das Tier erreichte, war es bereits tot. Nach dem zweiten Pfeil hatte es nicht mehr gelitten. Sie zog beide Pfeile heraus und verstaute sie wieder sicher in ihrem Köcher. Pfeile, vor allem Pfeilspitzen, waren wertvoll. Ein Fehlschuss, bei dem ein Pfeil verlorenging, war ein herber Verlust. Dann zog sie ein dünnes Seil aus ihrem Bündel und band die Vorderläufe zusammen. Sie hatte beschlossen, das Tier so zunächst durch das Krummholz bis in den Wald zu ziehen. Bergab und ohne erschwerendes Unterholz sollte dies trotz des Gewichtes von fast hundert Pfund wohl gehen, und einmal im Wald angekommen, konnte sie weiter darüber nachdenken, wie sie die Beute womöglich zerlegen und in Stücken zu ihrem Lagerplatz transportieren konnte. Von dort konnte sie ins Dorf eilen und Hilfe holen. Sie zog den letzten Knoten fest und blickte auf den im Mondlicht liegenden Kopf der Berggämse und in die offenen dunklen toten Augen. Sie empfand kein Mitleid, aber Respekt. Es war eine gute, ehrenvolle Jagd gewesen. Mochten die Männer auch die Nase rümpfen über Pfeil und Bogen, mit dem Speer hätte keiner von Ihnen diese flinke Beute erlegt. Das Mondlicht verschwand für einen Moment, zu kurz für eine vorbeiziehende Wolke. Sie blickte sich um und spitzte die Ohren. Da war nichts, kein Geräusch – absolut gar kein Geräusch! Kein Rascheln von Erdmännchen oder kleinen Nagern, kein Heulen einer Eule, nichts. Selbst der Wind wehte stumm um sie herum. Da – ein dumpfes Schlagen über ihr, wie aus der Ferne, einmal, dann wieder nichts, dann wieder ein Schlag … In aufkommender Panik blickte sie über sich in den Nachthimmel, im selben Moment als der Schatten wieder vor dem Vollmond vorbeiflog und seine ganze Silhouette zeigte: ein mannsgroßer Körper, ein lang gezogener Kopf mit einem gewaltigen Schnabel, ein Knochenkamm wie ein Horn, das aus dem Hinterkopf ragte, Arme und Beine, die in Klauen endeten und zwischen denen sich gewaltige Flughäute spannten. „Bei den Göttern!“ Zum ersten Mal in ihrem Leben erblickte sie einen Wächter der Berge, einen geflügelten Jäger der Götter, ein Wesen aus vergangenen Zeiten. Der stymphalische Vogel glitt über den Nachthimmel, schlug langsam und fast majestätisch mit seinen Flughäuten, und – flog nicht vorbei. Er kreiste über der Stelle, an der die Schützin neben ihrer Beute hockte. Wie versteinert vor Staunen und Angst blickte sie nach oben. Dies war der Grund, warum niemand ihres Stammes das Gebirge betrat, nach Gämsen jagte, nach Steinen oder Erzen suchte oder erkundete, was hinter dem Gebirge lag. Von denjenigen, die es vor langer Zeit versucht hatten, waren nie alle zurückgekommen, und die Überlebenden hatten von den geflügelten Jägern berichtet, und ihre Berichte wurden zu Geschichten, die man sich am Abend am Feuer erzählte. Vereinzelt hatten Männer, die sich bis an den Rand der Waldgrenze gewagt hatten, aus großer Entfernung ihre Silhouetten am Himmel gesehen, zu fern um Genaueres zu erkennen, aber deutlich genug um zu begreifen, dass die Geschichten keine Märchen waren. Der Beweis über ihr schlug nun nicht mehr mit seinen Flughäuten, sondern schwebte im kreisenden Sinkflug herab. Ihre Starre löste sich schlagartig auf. Sie packte das Seil, mit dem sie die Läufe der Gämse zusammengebunden hatte, und zerrte wie wild, um es von den Felsen herunter und in Richtung des Waldrandes zu ziehen. Der Wald schien ihr die sichere Zuflucht zu sein, sie musste es nur bis dorthin schaffen. Sie zog und zerrte, doch das Gewicht ihrer Beute, der unebene Untergrund und ihre Erschöpfung von der Jagd ließen sie kaum vorankommen. Im nächsten Moment glitt ein jetzt riesengroßer Schatten mit einem gewaltigen Luftstoß über sie hinweg. Sie warf sich auf den Boden und blickte dem Wesen hinterher, das wahrlich nichts mit einem Vogel, nicht einmal mit den größten Adlern und Geiern gemein hatte. Die Flughäute hatten eine Spannbreite von mehr als dreißig Fuß, Beine und Arme erschienen ihr reptilienartig, und der lange spitz zulaufende Schnabel war mindestens drei Fuß lang. Der Jäger zog eine Kurve und schwang sich mit dumpfen Flügelschlägen wieder in die Höhe, um erneut in einen Sinkflug überzugehen – direkt auf sie zu. Die Angststarre war von ihr abgefallen und grimmiger Wut gewichen. „Na warte!“, dachte sie. Das war ihre Beute, kampflos würde sie sie nicht preisgeben. Sie griff ihren Bogen und zerrte einen der Pfeile aus dem Köcher, an denen noch das Blut der Gämse klebte. Nur gut, dass sie die Pfeilspitzen noch nicht umwickelt hatte. Sie sprang auf, spannte den Bogen, zielte auf den Kopf des herangleitenden Ungetüms und schoss. Pfeil und Untier flogen aufeinander zu, und sie jubelte innerlich, als sie sah, dass es ihrem Geschoss nicht auswich. Der Pfeil traf das Wesen am Kopf – und prallte ab, als sei seine Spitze nicht aus rasiermesserscharfem Metall, sondern aus weichem Kork. Sie ließ sich fallen, und der Wächter glitt erneut mit einem Luftstoß über sie hinweg, nur diesmal viel tiefer. Wäre sie stehengeblieben, hätte er sie womöglich berührt. Wieder zog der geflügelte Jäger hoch und setzte zum nächsten Sinkflug an, allerdings kam er jetzt nicht mehr vom Berg herab, sondern aus der Richtung des Waldes. Voller Panik erkannte sie, dass er ihr den rettenden Fluchtweg abgeschnitten hatte. War das Absicht gewesen? Spielte er mit ihr, seiner Beute? Sie ließ ab von der Gämse, sprang auf und lief vor ihrem Verfolger davon, von Wald und Krummholz weg den Geröllhang hinauf. Die Erschöpfung des Wettlaufs mit dem Bock war wie weggeblasen, nackter Überlebenswille ließ sie über die Felsen springen, als sei selbst eine Gämse auf zwei Beinen. Steine lösten sich unter ihren Stiefeln, sie stolperte und fiel – und im selben Moment glitt der Wächter wieder über sie hinweg, so nah, dass sie glaubte seine Krallen zu spüren. Wieder zog er hoch, und sie wusste, dass sie nur noch wenig Zeit für eine rettende Idee hatte. Das geflügelte Raubtier spielte mit ihr wie eine Katze mit der Maus, aber sie wusste, wie Katz-und-Maus-Spiele endeten. Sie schaute zurück den Hang hinab Richtung Waldrand, doch der Abstand dorthin war zu groß. Der geflügelte Jäger würde über ihr sein, ehe sie auch nur den Rand des Krummholzes wieder erreicht hätte. Zur Linken war im ansteigenden Geröllfeld keinerlei Deckung zu erkennen, und auch geradeaus weiter nach oben sah sie keinerlei Unterschlupf. Zu ihrer Rechten aber hatte ein Steinschlag zahlreiche größere und kleinere Felsen durcheinandergewirbelt, vielleicht ergab sich dort ein Spalt oder eine Höhlung, groß genug für sie und zu klein für ihren Verfolger und seinen gewaltigen Schnabel. Sie sprang wieder auf und hastete auf die dunklen Felsen zu. Ohne sich umzusehen konnte sie spüren, dass ihr Verfolger zum Tiefflug auf sie angesetzt hatte; und jetzt hörte sie auch das Schlagen seiner Flügel. Hatte er ihren Plan erkannt? Versuchte er schneller zu fliegen, um sie vor dem Steinschlag zu erreichen und packen zu können? Sie sprang zwischen die Felsen, rannte und kletterte weiter, suchte panisch nach einem Unterschlupf. Da! Ein dunkler Schatten unter einem vorspringenden Felsen; vielleicht war das Loch darunter tief genug, um ihr Schutz zu bieten. Sie spürte den Windstoß des heransegelnden Riesen und wusste, dass sie keine Zeit für eine Alternative hatte. Mit den Füßen voran rutschte sie unter dem Felsvorsprung hinein in das dunkle Loch, und unmittelbar hinter ihrem Kopf schnappten zwei Schnabelhälften ins Leere. (...) Sie rutschte und wartete darauf, mit den Füßen auf den Grund der Höhlung zu stoßen - doch da war nichts. Aus dem Rutschen wurde ein Fallen, und sie schlug hart links und rechts an die kantigen Vorsprünge eines engen Schachts. Das war ihr Glück, denn durch das dauernde Anschlagen wurde ihr Sturz immer wieder, wenn auch schmerzhaft, abgebremst. Auch ihre Versuche, sich mit der einen oder anderen Hand an irgendetwas festzuklammern, verminderten ihre Fallgeschwindigkeit, so dass sie zwar unsanft, aber ohne Knochenbrüche am Boden des Schachtes aufschlug. Mühsam rappelte sie sich auf und tastete im Dunkeln instinktiv nach ihren Habseligkeiten. Der Bogen war ihr beim Sturz aus der Hand gefallen, was sicherlich von Glück war, denn hätte sie ihn in der Hand festgeklammert, wäre er sicherlich beim Sturz an den Wänden des Schachtes zerbrochen. Sie griff nach dem Jagdmesser an ihrem Gürtel und seufzte erleichtert. Es war noch da. Dann ertastete sie die Pfeile, die aus dem Köcher gefallen waren und sich um sie herum auf dem sandigen Boden verteilt hatten. Erst danach überprüfte sie die Blessuren an ihrem Körper. Sie hatte einige ordentliche Schrammen erhalten, aber nirgendwo eine stark blutende Wunde davongetragen. Blaue Flecken würde es sicher auch reichlich geben, aber es hätte viel schlimmer kommen können. Das Hemd war an den Ärmeln eingerissen, die Lederhose aber nur wenig abgeschürft. Der unerwartete Sturz hatte sie fast vergessen lassen, warum sie unter den Felsvorsprung gerutscht war. Besorgt schaute sie nach oben und erwartete den scharfen Schnabel ihres Verfolgers in der Öffnung über sich zu sehen, doch da war nichts. Der unregelmäßig verlaufende Schacht war bestimmt zwanzig Schritt hoch, und durch seine im Felsschatten liegende Öffnung drang nur wenig Nachtlicht nach unten. Hier unten war es fast vollkommen dunkel. Sie hängte sich den Bogen quer über den Rücken und zog das Jagdmesser. Wenn ihr hier im Dunkeln die nächste Gefahr drohte, nützten ihr Pfeil und Bogen nichts, allenfalls ein instinktives blindes Zustechen auf was auch immer. Ihre Augen versuchten das Dunkel zu durchdringen, doch es gelang ihr nicht. So ging sie langsam zaghaft in eine Richtung, bis sie nach wenigen Schritten gegen eine Felswand stieß. Sie wandte sich nach links und tastete sich am Stein entlang. Die Wand war unregelmäßig, verlief aber relativ gerade. Nach einigen weiteren Schritten stieß sie auf eine weitere Wand, die im rechten Winkel nach links ablief. Zu rechtwinklig für eine natürliche Felsenhöhle, dachte sie. Tatsächlich schienen ihr beide Wände jetzt eher wie grob behauen, künstlich geschaffen. Sie schlich weiter, bis sie erneut gegen eine Wand stieß, die nach links im rechten Winkel verlief. Zwei rechtwinklige Wände nach links – sie hatte das Ende einer Höhle entdeckt. Inzwischen hatten sich ihre Augen so gut es ging an die Dunkelheit gewöhnt und konnten dunkle von noch dunkleren Stellen unterscheiden. Die Stelle in der Mitte der Höhle, wo sie gelandet war, war noch am deutlichsten zu erkennen durch den schwachen Rest an Mond- und Sternenlicht, das durch den Schacht hinabfiel. Diese Stelle diente ihr jetzt als Orientierungspunkt. In drei Richtungen davon war sie jetzt nach wenigen Schritten gegen eine Wand gelaufen, blieb also nur noch eine Richtung übrig, sofern es denn auf diesem Weg überhaupt einen Ausgang für Sie geben konnte. Sie hockte sich hin und untersuchte den Boden jetzt genauer. Er war mit überraschend feinem Sand bedeckt, der ihrem Sturz sicherlich förderlicher gewesen war als es nackter harter, womöglich scharfkantiger Fels gewesen wäre. Sie ließ den Sand durch die Finger laufen. Wirklich merkwürdig. Er war dunkel, aber irgendetwas glitzerte auch darin. Mit dem Messer stieß sie ein wenig tiefer in den Sandboden, konnte aber keinen harten Untergrund erspüren. Der Sand musste mindestens eine gute Handbreit dick sein. Noch in der Hocke blickte sie zuerst in den Schacht über ihr, dann in die Richtung, in die sie noch nicht gegangen war, dann wieder nach oben. Sie traute sich zu, nach einer Erholungspause den Schacht wieder hinaufzuklettern. Er war eng und unregelmäßig, aber gerade die Vorsprünge und Kanten, die ihr beim Absturz so gefährlich geworden waren, würden ihr beim Aufstieg Halt für Hände und Füße bieten, sofern es fester und nicht bröckeliger Fels war. Aber dort oben lauerte mit Sicherheit noch das geflügelte Untier. Sie glaubte nicht, dass es so einfach von seiner Beute ablassen würde; dafür hatte es die Jagd auf sie zu intelligent geführt. So blickte sie in das dunkle unbekannte Ende ihres unfreiwilligen Refugiums. Wenn sie dort auch gegen eine Wand laufen würde, wüsste sie zumindest, dass entweder der Schacht ihr einziger Rückweg oder dieses Loch ihr Grab sein würde. Sie war selbst überrascht, wie ruhig und besonnen sie zu dieser Erkenntnis kam. Sie hatte keine Angst vor engen oder dunklen Räumen, und der Gedanke, im Dunkeln über ein gefährliches oder auch nur ekliges Getier zu stolpern, war ihr zum Glück noch gar nicht gekommen. So stand sie auf und ging geduckt, das Jagdmesser vor sich haltend, in die letzte verbliebene Richtung. Sie bemühte sich, eine gleichbleibende Schrittlänge einzuhalten und maß die Strecke, die sie langsam zurücklegte. Zehn Schritt, zwanzig Schritt, jetzt waren es fünfundzwanzig Schritt. Immer wieder sah sie sich um, um sicher zu sein, den Weg zurück zum Schacht nicht aus dem Blick zu verlieren. Je weiter sie ging, desto dunkler wurde der Gang, aber umso deutlicher blieb die Stelle hinter ihr, an der das Restlicht aus dem Schacht auf den Sandboden fiel. Mit einem Male wäre sie fast gestolpert. War es eine Stufe? Mit ihrem linken Fuß tastete sie nach dem Untergrund. Ja, der Boden fiel an einer Kante etwa zwei Handbreit nach unten ab. Und er veränderte sich an dieser Kante. Statt des Sandes spürte sie jetzt durch ihre flachen Stiefel glatten kalten Stein. Sie blieb an der Kante stehen und tastete nach links. In einer guten Armlänge Entfernung stieß sie mit der Hand gegen die grobe Felswand. Dasselbe Ergebnis zu ihrer Rechten. Die Höhle hatte sich offensichtlich auf ihrem Weg bis zur Bodenkante verengt. Viel aufregender war, dass sie auch an den Wänden auf beiden Seiten eine Kante fühlte. Das ließ nur einer Erklärung zu: sie war im Dunkeln auf einen weiteren Gang oder eine Höhle gestoßen. Bevor sie es wagte, über die Stufe hinwegzusteigen, fühlte sie die Kanten der Wände weiter nach oben hin ab. Und tatsächlich, auch die Decke hatte sich gesenkt. Sie ertastete deutlich einen regelrechten Ausgang. Eine andersartige Dunkelheit umfing sie, als sie mit einem tiefen Ausatmen den Durchgang durchschritt. Eigentlich hätte es hier noch schwärzer sein müssen, denn das letzte Mond- und Sternenlicht aus dem Schacht reichte bei weitem nicht mehr bis hier, und es gab auch keine anderen erkennbaren Lichtquellen. Dennoch war der steinerne Boden hier von einer Art glänzendem Schwarz, und als sie jetzt aus dem Durchgang herausgetreten war, glaubte sie neben dem Boden auch Wände und über ihr, höher als in dem bisherigen Gang, ein Gewölbe in glänzendem Schwarz zu erkennen. Ja, es erinnerte sie an ein Gewölbe, nicht an eine Felsendecke; an etwas von Hand Geschaffenes, nicht von der Natur in Jahrmillionen zufällig Geformtes. Der Gang, in den sie getreten war, verlief im rechten Winkel zu dem vorherigen. Er war breiter und höher, kalt und schwarz, tiefdunkel und gleichzeitig glitzernd, von einer Unnatürlichkeit, die ihr gleichzeitig Angst machte und ein Gefühl von Respekt hervorrief. Er verlief anscheinend in beide Richtungen, ohne dass sie im schwarzen Glitzern einen Hinweis auf ein Ende, eine Biegung, weitere Öffnungen oder ähnliches erkennen konnte. Wohin sollte sie sich wenden? Oder war es nicht klüger zurückzugehen und das Heil im Aufstieg durch den Schacht zu suchen? Andererseits, wenn dies kein natürlicher Gang war, musste er doch irgendwohin führen. Doch was würde sie am Ende erwarten? Und welche der beiden Richtungen sollte sie einschlagen? Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, erweckte etwas Dunkles im Dunklen ihre Aufmerksamkeit. Gut fünf Schritt von ihr entfernt zu ihrer Rechten schwebte ein Loch in der Finsternis. So verrückt sich das anhörte, ihr fiel keine andere Beschreibung ein. Ein schwarzes kreisrundes Loch mitten im Gang, schwärzer als die umgebende Dunkelheit, und ohne jedes Glitzern und Glänzen. Instinkt und Neugier schlugen Vorsicht und Vernunft, und sie ging langsam auf das schwarze Etwas zu. Es war eine Art Kugel, kleiner als ihre Faust, von einer Schwärze, wie sie noch keine gesehen hatte. Sie schloss die Augen, und selbst diese Dunkelheit schien ihr heller als das Schwarz der Kugel, als sie die Augen wieder öffnete. Ein glanzloses, glitzerloses Schwarz; anders als die Schwärze von Boden, Wänden und Decke um sie herum. Mindestens ebenso verwirrend war, dass die Kugel vor ihr in Brusthöhe in der Luft zu schweben schien. Sie steckte das Jagdmesser weg und strich langsam mit einer Hand unter der Kugel hindurch, dann über sie hinweg, dann hinter sie. Kein Zweifel, die Kugel schwebte frei im Raum, keine Fäden oder Drähte hielten sie. Sie runzelte die Stirn. Das war nicht normal. Fürwahr, riesige geflügelte Jäger aus vergangenen Zeiten waren auch nicht normal, aber irgendwie doch noch natürlicher als diese die Schwerkraft ignorierende Kugel. Oder war das alles nur Einbildung? Spielten ihre Augen ihr an diesem dunkelsten Ort vielleicht einfach nur einen Streich? ‚Das lässt sich feststellen‘, dachte sie, und ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden stieß sie die Kugel vorsichtig mit einem Finger an. Die Kugel bewegte sich wenige Fingerbreit von ihr weg, genau so weit, wie sie ihren Finger gegen sie bewegt hatte. Sie hatte ihr keinen Schub gegeben, sondern sie nur ein Stück verschoben, wobei sie weiter im Raum schwebte, nein stand, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt. Sie stieß sie mit einem Finger ihrer anderen Hand in die Gegenrichtung und leicht nach unten, und wieder bewegte die Kugel sich genau so weit, wie sie ihre Hand bewegte hatte. Dabei verspürte sie keinerlei Gewicht der Kugel, ja genau genommen fiel ihr jetzt erst auf, dass ihre Fingerspitze keinerlei Gefühl der Berührung mit der Kugel wahrgenommen hatte. Sie hatte Kälte erwartet. Nicht dass es hier unten ungewöhnlich kalt gewesen wäre, kühl ja, wie man es von einer Höhle unter der Erde auch erwartet hätte. Aber eine reflexionslos schwarze Kugel, die entgegen den Gesetzen der Schwerkraft frei im Raum schwebte, sollte sich bei Berührung kalt anfühlen, fand sie. Tat sie aber nicht. Sie war überhaupt nicht zu fühlen, bewegte sich widerstandslos, nahm keinerlei Stoßenergie auf. Die Jägerin blickte sich um, versuchte das Dunkel des Ganges in alle Richtungen zu durchdringen. Sie hatte ihren Plan gefasst und wollte sich nicht von irgendetwas oder irgendwem überraschen oder abhalten lassen. Sie würde dieses schwarze Etwas mitnehmen, den Schacht wieder hinaufklettern, irgendwie an dem Jäger mit seinen gewaltigen ledernen Schwingen, seinen klauenbewehrten Armen und Beinen und seinem scharfen Schnabel vorbeikommen und ihre Beute zurück in ihr Dorf bringen. Sie, Ariels Tochter, würde mit einer eindrucksvolleren Beute zurückkommen als mit Kaninchen oder auch einer Gämse. Das Ding hier war so außergewöhnlich, dass es vielleicht sogar als Geschenk für den Fürsten taugte, und wer weiß … Sie holte tief Luft und umfasste die Kugel mit beiden Händen. Der Schlag durchfuhr ihren ganzen Körper, von den Händen durch die Arme, erfüllte ihre Brust und warf ihr den Kopf in den Nacken. Ein lautloser Schrei entfuhr ihrem aufgerissenen Mund, und ihre Augen suchten Halt an der Decke. Doch dort sah nicht mehr den schwarzen, glitzernden Stein über sich. Sie sah eine Stadt auf einer weiten baumbewachsenen Ebene, sah Häuser und Türme, die vom Rand der Stadt zum Zentrum hin immer höher und größer wurden, als sei die Stadt selbst ein Berg. Sie flog auf die Stadt zu wie ein Sturm, schoss durch die Straßen der Stadt, um Ecken und über Plätze, vorbei an Brunnen und Hainen, hin zu einem großen Platz im Zentrum, wo sich eine Menschenmenge versammelt hatte, und wie ein Wind fuhr sie durch sie hindurch, bis sie ihren Platz erreichte. „Da bist du ja“, hörte sie eine Stimme an ihrer Seite sagen, und als sie sich der Stimme zuwandte, blickte sie in ein fremdartiges lächelndes Gesicht. „Es hat schon angefangen!“ Dann fiel sie rücklings, die Hände immer noch um das Objekt geklammert, ohne es zu fühlen. Sie schlug mit dem Hinterkopf auf den harten Steinboden, und der Schmerz ließ sie die Hände öffnen und die Kugel loslassen. Ihre Arme schlugen neben ihrem Körper auf den Fels, und sie verlor das Bewusstsein. Sie lief durch einen hellen lichten Wald. Ihre Füße berührten kaum den Boden, als flöge sie über den weichen warmen Waldboden. In der Hand hielt sie einen gewaltigen Jagdbogen, fremdartig und zugleich vertraut. Um sie herum rannten ein halbes Dutzend Hunde, freudig bellend voller Jagdfreude, dasselbe Ziel vor Augen wie sie: ein kapitaler Hirsch, der in Sichtweite vor ihr springend und Haken um Waldhindernisse schlagend seinen Verfolgern zu entkommen suchte. Das Jagdfieber füllte ihren Körper und ihren Geist, sie glühte und strahlte, während sie lief. Alles war so, wie es sein sollte: die Jägerin, die Hunde, die Beute – die Rollen waren verteilt, das Ende absehbar. Und doch irritierte sie etwas. Der Hirsch, er war zu klein. Auch die Hunde, nur halb so groß wie sie sein sollten. Selbst die Bäume erschienen ihr nicht die richtige Proportion zu haben. Und doch, Hirsch und Hunde und Bäume, ihre Größen passten zu einander. Abrupt blieb sie stehen, blickte nach oben in das Dach der Bäume, dann an sich hinab zu ihren nackten Füßen – schlanke und kräftige Füße, größer als sie sein sollten, aber genau richtig zu ihren langen nackten Beinen. Sie schaute auf ihre Arme. Ein Ausruf der Überraschung entfuhr ihr – sie war vollkommen nackt! Der Bogen in der Hand, der Pfeilköcher schräg über ihrem Rücken und das lange Jagdmesser an einem ledernen Gürtel um ihre Hüften war alles, was sie am Leibe trug. Sie breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Die Hunde sprangen ausgelassen und bellend um sie herum und an ihr hoch. Der Hirsch war bereits außer Reichweite; diese Jagd würde ohne blutige Beute enden. Es kümmerte sie nicht, sie fühlte unendliche Freiheit und war sich ihrer selbst noch nie so bewusst gewesen. Sie rief ihren Jagdruf, an den sie sich bis zu diesem Moment gar nicht erinnern konnte, hinaus in die Waldluft, begleitet vom freudigen Geheul der Jagdhunde. Beglückt schloss sie für einen Moment die Augen … Als sie die Augen wieder öffnete, blickte sie in die Dunkelheit. Ihre Pupillen weiteten sich schlagartig, doch noch konnte sie nichts entdecken. Wo waren die Bäume, die Hunde, wo war …? Hastig griff sie sich an die Brust, und ein erleichterter Seufzer entfuhr ihr. Sie war nicht nackt, sie trug immer noch (oder wieder?) das eingerissene grobe Hemd, die ledernen Jagdhosen und die leichten Stiefel, spürte den torques um ihren Hals. Und sie stand nicht überlebensgroß in einem sonnendurchfluteten Laubwald, sondern lag auf kaltem dunklem Stein tief unter der Erde. Kopf und Arme schmerzten, aber sie war erleichtert über diesen Schmerz, bewies er ihr doch, dass – was auch immer geschehen war – sie wieder in der Wirklichkeit war, in ihrer Wirklichkeit. Sie keuchte, ihr Atem ging so schnell, als ob sie soeben nicht umgefallen, sondern gerannt wäre. Sie fühlte, dass ihr Körper schweißgebadet war, wie nach einer großen Anstrengung. Und sie war durstig, sehr durstig. Sie zwang sich, ruhig liegen zu bleiben und tief durchzuatmen. Sie war eine Jägerin. Konzentration, Besonnenheit und Selbstbeherrschung waren ihre Stärken. Sie schloss die Augen für einige Sekunden und öffnete sie dann wieder. Über ihr glitzerte die schwarze Gewölbedecke, ebenso wie die Wände an den Seiten des Ganges. Und etwa zwei Fuß über ihrer Brust schwebte ein schwarzes kugelrundes Nichts still im Raum – genau da, wo ihre Hände es im Fallen losgelassen hatten. Sie rutschte seitwärts unter der Kugel hindurch und stand langsam auf, bedacht, das Ding nicht wieder zu berühren. Warum hatte sie es mit den Fingern anstoßen, aber nicht mit den Händen greifen können? Und woher waren die Halluzinationen gekommen? Die Bilder der Stadt und des Waldes waren wirklicher gewesen als alles, was sie je geträumt hatte. Sie befühlte vorsichtig die Beule an ihrem Hinterkopf. Vielleicht sollte sie zukünftig mit einem Helm auf die Jagd gehen. Der Gedanke amüsierte sie, und ihr Grinsen vertrieb die dunklen Gedanken. Sie war wieder hellwach und bereit, ihren Plan umzusetzen. Wenn auch ab jetzt mit gebotener Vorsicht. Sie hockte sich hin, zog ihr Jagdmesser und stupste die schwarze Kugel behutsam mit der Spitze an. Sie ließ sich wie zuvor mit dem Finger frei im Raum verschieben. Sie berührte sie so an verschiedenen Stellen. Dabei verspürte sie wie zuvor keinerlei Widerstand; ja, wenn sie dabei die Augen schloss, hätte sie nicht sagen können, ob sie die Kugel getroffen oder daran vorbei gestoßen hätte. Natürlich konnte sie auf diese Weise ihren Schatz (denn als solchen betrachtete sie das Objekt jetzt) nicht aus der Höhle herausbekommen. Sie musste sie einpacken, ohne sie direkt zu berühren. Sie steckte das Messer wieder in die Scheide und kramte aus ihrem Bündel einen Lederbeutel hervor, indem sie ihren Feuerstein und andere nützliche Kleinigkeiten transportiert. Sie leerte alles aus und stopfte es sich in die Taschen ihrer Hose. Dann öffnete sie den Beutel mit beiden Händen so weit wie möglich, hielt ihn unter die schwebende Kugel und hob ihn langsam und vorsichtig an. Die Kugel bewegte sich nicht und verschwand Stück für Stück in dem Lederbeutel. Mit einem erleichterten Seufzer zog sie den Riemen zu und ließ los. Sie war nicht wirklich überrascht, dass der Beutel mit der Kugel darin nicht zu Boden sank. Er schwebte unverändert auf derselben Stelle, und das sah nun wirklich verrückt, ja fast lustig aus. Sie lächelte. ‚Magischer Gegenstand, handlich verpackt‘, dachte sie bei sich. ‚Kluges Kind!‘ Und nun? Sie zögerte, den Beutel mit den Händen zu greifen. Was, wenn bereits die indirekte Berührung ausreichen würde, ihr wieder einen Schlag zu versetzen? Der Riemen, mit dem der Beutel verschlossen war, war lang genug; sie konnte sich den Beutel um den Hals hängen. Dann wären immerhin das Leder des Beutels und der Stoff ihres Hemdes zwischen ihr und dem schwarzen Ding. Nicht gerade eine Rüstung, aber besser als nichts, und so langsam wurde sie ungeduldig; es zog sie weg von diesem Ort. „Der Mutigen gehört die Beute!“ sagte sie zu sich, ergriff beherzt den Riemen und schlüpfte mit dem Hals hindurch. Sie hielt den Atem an. Nichts geschah. Sie stand vorsichtig auf. Der Beutel schwebte eine Handbreit vor ihr in der Luft, verbunden durch den Riemen, der um ihren Hals hing. So ging das nicht. Sie konnte schlecht mit einem vor ihr schwebenden Beutel durch die Gegend laufen wie mit einem Hund oder einem Schaf an einer Leine. Sie ging die Handbreit auf den Beutel zu, bis er ihr Hemd berührte. Einer spontanen Eingebung folgend knöpfte sie ihr Hemd auf und schloss es wieder, so dass der Beutel und die schwarze Kugel jetzt direkt auf ihrer Brust lag und von außen nur der Lederriemen um ihren Hals zu sehen war, als trüge sie einen Anhänger oder etwas Ähnliches unter ihrem Hemd. Sie bewegte sich ein paar Schritte – der Beutel hielt seine Position, rutschte nicht nach links oder rechts oder oben oder unten. Sie spürte kein Gewicht, allenfalls das des bloßen Beutels; sie verspürte – irgendetwas, sie konnte es nicht beschreiben, aber es war nicht unangenehm. Sie fühlte sich auf jeden Fall kräftig und mutig genug, den Rückweg anzutreten und den Aufstieg an die Oberfläche zu wagen. Noch einmal drehte sie sich in dem Gang um ihre eigene Achse und suchte in der Dunkelheit die direkte Umgebung ab. Doch es gab nichts mehr zu entdecken. Da wandte sich dem Durchgang zu, durch den sie gekommen war, und ging auf den grauen Lichtkreis zu, der unter dem Schacht die Stelle anzeigte, auf die sie gestürzt war. Das Restlicht, das von oben bis hier herabfiel, schien ihr heller geworden zu sein. Und wirklich, als sie unter dem Schacht stand und nach oben schaute, konnte sie die Innenwände deutlich erkennen, und das Loch oben, ihr Ausstieg, erschien im schattigen Tageslicht, nicht im nächtlichen Mond- und Sternenschein. War es dort oben bereits Tag? Es war doch allenfalls eine Stunde vergangenen, seit sie hier hinabgestürzt war. Wie lange hatte sie auf dem Gangboden gelegen? Sie schob die Gedanken beiseite. Mehr Licht war gut, es würde ihr den Aufstieg erleichtern. Zunächst aber musste sie erst einmal in den Schacht gelangen, hochspringen, sich an der unteren Schachtkante irgendwie festklammern und in den Schacht hineinklettern. Von dort an sollte es für eine geschickte schlanke Kletterin wie sie einfach sein, nach oben zu gelangen. Sie prüfte den Sitz des umgehängten Bogens, verschloss den Köcher, um keine Pfeile zu verlieren, und sprang hoch. Sie griff mit den Fingern in einen Felsvorsprung und schwang die Beine nach oben, bis sie sich an der gegenüberliegenden Schachtwand abstützen konnte. Das ging leichter als erwartet, dachte sie. Obwohl sie einen Moment lang die Beine über ihrem Kopf hatte, bewegte sich der Beutel um ihren Hals nicht einen Fingerbreit, sondern blieb auf ihrer Brust liegen. Sie griff erst mit der einen, dann mit der anderen Hand höher, bis sie ihren ganzen Körper in den Schacht hineingezogen hatte und begann mit dem Klettern. Sicher griff sie jeweils die nächsthöhere Steinkante, stützte sich geschickt mit den Beinen ab, und flog geradezu den Schacht hinauf, als wäre sie ein Affe in einem Baum, dem Licht entgegen, und mit jedem Griff spürte sie auch die Luft klarer werden. Kurz unterhalb des Ausstiegs hielt sie an. Über ihr sah sie nicht den Himmel, sondern den Schatten des Felsbrockens, unter dem das Loch versteckt lag. Sie lauschte. Sie hatte den geflügelten Jäger nicht vergessen. Aber wenn es jetzt schon Tag war, lag er dann wirklich noch auf der Lauer? Sie hoffte, dass er es aufgegeben und sich seiner sicheren Beute, der toten Gämse, zugewandt hatte. Sie zog den Bogen vom Rücken und öffnete mit einer Hand den Köcher. Auch wenn es ihr fast unmöglich erschien, Pfeil und Bogen beim Rausklettern gegen einen Angriff einsetzen zu können, so wollte sie doch nichts unversucht lassen. Die Jägerin hörte nichts, keine verdächtigen Geräusche, allenfalls den Wind. Sie atmete noch einmal tief durch, dann schob sie den Bogen über die Ausstiegskante und kroch hinterher ins Freie. Sie legte sich neben dem Loch in den Schatten unter dem Felsvorsprung, flach auf den Boden gepresst, mit dem sie am liebsten eins geworden wäre. Sie schloss die Augen, um sich ganz auf ihr Gehör konzentrieren zu können, aber der gefürchtete Flügelschlag war nicht zu vernehmen. Da öffnete sie die Augen, zog sich langsam in die Hocke und schaute sich um. Die Sonne stand hoch am Himmel, es mochte bereits Mittag sein. Vor ihr lag der Geröllabhang. Weit und breit war kein Lebewesen zu sehen. Sie erkannte den Weg, den sie in der vergangenen Nacht hinaufgerannt war, und glaubte auch die Stelle am Rand des Krummholzes zu erkennen, an der sie die Gämse zurückgelassen hatte. Geduckt glitt sie unter dem Felsvorsprung hervor und blickte mit zusammengekniffenen Augen zum Himmel. Wenige Wolken nur unterbrachen das Blau, und kein geflügelter Schatten war zu erblicken. Alles um sie herum war friedlich und hell und so ganz anders als die Schwärze, aus der sie hervorgeklettert war. Sie seufzte, fasste den Bogen fester, griff sich kurz durch das Hemd an den Beutel auf ihrer Brust, und dann lief sie über das Geröll hinab auf das Krummholz zu. Sie zwang sich zur Vorsicht, denn nur zu leicht konnte sich loses Geröll unter ihren Füßen lösen und sie zum Stolpern oder gar Stürzen bringen, und gestürzt war sie in letzter Zeit schon genug. Auf weitere Blessuren konnte sie verzichten, aber sie wollte auch so schnell wie möglich in ihr Dorf zurück. So eilte sie achtlos an der Stelle vorbei, an der sie die Gämse erlegt hatte. Es überraschte sie nicht, das Tier dort nicht mehr vorzufinden; es war sicher im Schnabel ihres Verfolgers verschwunden. Aber mit etwas mehr Achtsamkeit wäre ihr aufgefallen, dass es keine frischen Spuren mehr waren, die die Selle kennzeichneten. Das Blut des Tieres war getrocknet, und die Gräser, auf denen die Gämse gelegen hatte, hatten sich wiederaufgerichtet. Sie eilte vorbei durch das Krummholz an den Waldrand und in den Wald hinein. Als sie zwischen den hohen Bäumen eindrang, fühlte sie sich erleichtert und befreit, und im Hochgefühl und mit neuen Kräften lief sie immer schneller, sprang und rannte den Wald hinab ihrer eigenen nächtlichen Spur folgend und hätte fast gejauchzt. Aufgeschreckte Kaninchen schossen links und rechts davon, Eichhörnchen jagten empört Baumstämme hinauf, und wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie schwören können, zwischen den Bäumen die Schatten von Hunden zu sehen, die neben ihr herliefen.


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