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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Mörderischer Kongress, Christian Huyeng
Christian Huyeng

Mörderischer Kongress


eine fantastische Krimikomödie

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Er rutschte auf dem unbequemen, aber enorm teuren und geschmackvollen Stuhl schon seit einigen Minuten hin und her. Der große Schreibtisch vor ihm war erschreckend leer, wenn man bedachte, was da gerade auf den Straßen der Stadt vor sich ging. Er wusste, es gab Leute, die sich um alles kümmerten, aber sollte er nicht ab und zu auch mal gefragt werden? Immerhin war er der Kommandant der Stadtwache. Er blickte sich um in seinem neuen Büro, ach Büro, eine Art Lagerhalle war das, mit Säulen! Säulen! In einem BÜ-RO. Irrsinn. Wer brauchte denn sowas? Und wer wollte schon mit seinem Schreibtisch auf so einem kleinen Podest sitzen? Schon am ersten Tag hatte er, keuchend und schnaubend, das schwere Ding von dem Sockel geholt und nah an die Tür geschoben. Ein Schreiber wäre fast in Ohnmacht gefal-len, als er in den Raum kam und direkt vor der Tür der Kommandant saß! Gut, er hatte ihn wieder ein bisschen weiter nach hinten geschoben, aber nicht zu weit. Überhaupt, dieser Schreib-tisch. Total unpraktisch ohne Schubladen und Fächer, in denen man sein Frühstück und, wenn unbedingt notwendig, auch Papiere verstauen konnte. Es gab sogar Wandmalerei-en … in seinem alten Büro hatte es nur einen Wasserfleck gegeben, aber einen ziemlich interessanten, der ständig wuchs, sich verzweigte und dann wieder fast verschwand. Manchmal war das ganze Regal an der rechten Seite plötz-lich feucht, dann wieder das linke. Man wettete schon darauf! Hier gab es eine Jagdszene. Ir-gendein parfümierter Schnösel, der mit seiner winzigen Frau, die sich panisch an sein Knie klammerte, in einem lächerlichen kleinen Kahn durch den Sumpf stakste und Vögel jagte. Als ob er so dämlich wäre, als auf nichts als ein paar Lagen zusammengeklebten Schilfs durch Sümpfe zu fahren, in denen es von Krokodilen und Nilpferden – hin-terhältige Biester! – nur so wimmelte. Sein Vorgänger hatte es anbringen lassen und jetzt hatte ein ganz Schlauer dessen Namen durch seinen ersetzt. Er hasste die Jagd, besonders die Entenjagd. Stundenlang stak-te man durch den Matsch, der dämliche Papyrus zerschnitt einem Arme, Beine und Gesicht, es roch seltsam, es gab, ihn schauderte schon beim Gedanken, Schlangen und diese fetten, widerlichen hopsenden Spinnen, die einem nachjag-ten! Und dann warf man einen Holzstock auf Vögel … und die Ausbeute? Zwei dürre Wildenten, die nicht mal beson-ders gut schmeckten. Da war ihm Angeln lieber, ganz in Ruhe am Fluss, mit einer Zigarre aus Uruba, einem kühlen Bier, nur ein Stuhl, die Angel, das Wasser und er. Dabei mochte er gar keinen Fisch. Gut, er fing eigentlich auch nie einen und wenn er doch einmal das Pech hatte, dann ver-schenkte er das glitschige Tier schnell an irgendwen. Wie kam er denn jetzt aufs Angeln? Ach so, das Wandbild. Sein Vorgänger, Kommandant Huya, hatte für dieses Bild sicher nicht Model gestanden, zumindest nicht zu den Zei-ten, als er Inhaber dieses Büros gewesen war. Nachtu hatte ihn gut gekannt und er würde sein halbes Jahresgehalt da-rauf verwetten, dass Huya niemals in seinem Leben irgend-welche Enten gejagt hatte. Die trugen nämlich keine Röcke … Er würde es einfach übermalen lassen, irgendwann. Jetzt langweilte er sich. Er war es nicht gewohnt, den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen und nichts zu tun, weil alle ande-ren die Arbeit machten. Der Gouverneur der Stadt hatte ihm erklärt, er sei jetzt ein Verwaltungsbeamter … Dabei hatte man ihm doch versprochen, ihn zu befördern. Schrecklich. Seine Frau war natürlich froh. Kein Schicht-dienst mehr, keine gefährlichen Verfolgungsjagden und wenn er jetzt mit einem steifen Nacken nach Hause kam, dann, weil er in diesem Monstrum von Stuhl eingeschlafen, und nicht, weil er von einem Dach gefallen war. Das hielt sie ihm aber auch ständig vor. Dabei war das nur einmal passiert. Das andere Mal konnte man ja gar nicht zählen: Das Haus hatte bloß eine Etage und er hatte den Dieb erwischt und war weich auf ihm gelandet, also bitte, das war ja wohl kaum als eine gefährliche Situation zu be-schreiben! Jetzt sollte er lenken und leiten, hatte man ihm gesagt. Das hieß, er saß die meiste Zeit hier herum und dann ging er in verschiedene Besprechungen mit anderen armen Män-nern, die man in solchen Büros hielt. Oh, bei Mantschu, hätte er nicht gleich wieder so eine Be-sprechung, vielleicht könnte er sich vorher rausschleichen … aber es gab nur die eine Tür, vor der ein Dämon lauerte, den man durch nichts bestechen konnte. Ein Biest aus den Tiefen der Unterwelt, oh ja. Er hatte einmal versucht, vor einer besonders langweiligen Verhandlung aus dem kleinen Fenster in der Toilette zu klettern – es hatte vier Stunden gebraucht und fast zwei Liter Öl, um ihn wieder da herauszubekommen. Oh je, da kam der Dämon auch schon. Trippelnde kleine Schritte mit winzigen Füßen. Jeder Schritt klackerte auf dem Boden und er fragte sich zum wiederholten Mal, wie das überhaupt möglich war. Das waren Ledersandalen, auf ei-nem Lehmboden, da konnte gar nichts klackern! Das mach-te ihn fast wahnsinnig. Kurze, dürre und haarlose Beine und dann ein Ball, ein Körper ohne jede Kontur mit langen dünnen Armen. Einen Hals hatte er noch nie gesehen, der runde Kopf mit der kinnlangen Perücke saß wie ein kleiner Ball auf dem großen Ball. Er war wochenlang nicht sicher gewesen, ob er einen Sekretär oder eine Sekretärin hatte. Blöde Namen in Aerath, nicht mal die halfen, denn es hieß Maya, wie seine Schwester und deren Sohn. Sehr hilf-reich. Nun, es war ein er, Maya, Unterschreiber im Haus der Wachen der Hauptstadt, Assistent des Kommandeurs der Stadtwache. Irgendwie knickte der Ball in der Mitte, als sich Maya of-fenbar leicht verneigte. Oh, er hasste das. Er hatte es ihm schon tausendmal gesagt, mindestens. Er konnte es nicht leiden, wenn Leute vor ihm buckelten. Seine Antwort war: „Wie ihr wünscht, Herr!“ Dann hatte er sich verneigt, blö-der Sack! Er hasste auch, dass er sich ständig räusperte, um auf sich aufmerksam zu machen. Als wenn man ihn übersehen könnte – oder überhören oder überriechen! „Ja?“ Der kleine Dicke konnte vorwurfsvoll schauen, selbst wenn man nichts getan hatte – oder zumindest nicht be-merkt hatte, dass man irgendwas gesagt oder gemacht hatte. „Ihr habt in einer Stunde einen Termin, Herr. Ich wollte euch nur noch einmal daran erinnern, Herr. Damit ihr es nicht vergesst, Herr!“ Sagt der noch einmal ‚Herr‘, dreht er ihm den Hals um – falls er den finden sollte, heißt das. Er bemühte sich, nicht aus der Haut zu fahren, atmete ein paar Mal tief ein und aus und versucht es dann mit einem zuckersüßen Lächeln. „Was würde ich nur ohne dich tun, Maya?“ Seine Ruhe haben, soviel stand fest. „Es ist ja gleich nebenan, ich muss also nicht jetzt schon losgehen, oder?“ Maya wirkte, ohne die Miene zu verziehen, entsetzt. Bei dem Treffen im Palast war er nicht der ranghöchste Betei-ligte, was wenn er etwa nach dem Kommandanten der Pa-lastwache eintreffen würde, ein regelrechter Skandal. Und wen würde man schief anschauen? Ihn, Maya natürlich, der so schlecht organisierte, dass sein Chef zu spät kam. Alle Sekretäre würden ihn auslachen. Ha, sollten die es mal zwei Tage mit Nachtu aushalten. Der machte einfach nicht, was man ihm sagte, selbst wenn man ihm mehrfach dankte, dass er etwas tun sollte. Einfach so blieb er sitzen, ging weg und meldete sich nicht ab, ständig war er immer noch in der Kriminalwache am ‚Der-König-ist-siegreich‘-Platz und hätte er nicht seine kleinen Vögelchen, die ihm von den Dächern pfiffen, wo sich sein Chef wieder rumtrieb, er wüsste nie, wo der gerade wieder einmal war. Nachtu seufzte, er kannte Maya nun schon lange genug, um zu wissen, dass der den ganzen Tag vor seinem Schreib-tisch stehen konnte und Vorwürfe ausdünstete. Also stand er von dem monströsen Stuhl auf, strich seinen Schurz glatt (dieses dünne, teure Zeug verknitterte schon, wenn man es ansah!) und wollte losgehen, doch Maya hüstelte. Was war denn jetzt schon wieder? Ach ja … oh, wie er das hasste. Der kleine Dicke klatschte in die Hände und zwei Diener und eine junge Frau, einen Kasten auf dem Arm, kamen herein. Jetzt seufzte er noch lauter, was ihm einen bösen Blick von Maya einbrachte, und ließ sich wieder in den Stuhl fal-len. Der eine Diener, ein junger dürrer Kerl, der nur aus Akne zu bestehen schien, legte ihm die schwere goldene Amtskette um und reichte ihm den ebenfalls goldenen Sie-gelring. Der zweite Kerl, ein kleiner Jugendlicher mit unrei-ner Haut, hantierte herum, um ihm die Perücke auf den Kopf zu setzen, sowas ganz Modisches, mit kleinen schwar-zen Löckchen, die ihm bis auf die Schultern reichten. Er hasste es, hasste es, hasste es. Aber seine Proteste verhallten ungehört. Das Schlimmste war, seine Frau hatte sich auf die Seite der Verräter geschlagen. „Das macht man eben so!“, war ihre Antwort gewesen und er wusste, dass dann jeder Protest sinnlos war. Seine Frau war nicht unbedingt das, was man traditionell nennen konnte, sie legte fast keinen Wert auf die Meinung anderer. – Beweisstück 1: Ihre Ehe. Manchmal konnte sie dann doch nicht verleugnen, dass sie aus einer Familie kam, die schon seit tausend Jahren ihre Finger in der Regierung des Rei-ches, in den großen Tempeln und dem Militär hatten. Und das war so ein Ding. Er hatte nie verstanden, warum sich die Kerle der Oberschicht ihre Haare und Augenbrauen abrasierten, nur um sich dann teure Perücken aufzusetzen und die fehlenden Brauen mit Schminke zu rekonstruieren. Das war wirklich Unsinn! Er wusste, dass er nicht beson-ders attraktiv war, ein ganz normaler Kerl eben, nicht häss-lich, nicht hübsch, aber auch nicht nicht-attraktiv. Ein Mann eben. Seine Haare waren ziemlich toll, fand er. Dicht, im-mer noch schwarz und immer ein bisschen verwuschelt. Dazu meist ein Dreitagebart – nicht unbedingt als modische Aussage, sondern weil er zu faul war, sich jeden Tag zu ra-sieren. Er hatte sich mit Zähnen und Klauen gegen einen Besuch des Barbiers gewehrt, am Ende saß er aber doch auf einem Stuhl in seinem Bad, seine Frau neben ihm, eine Hand auf seiner Schulter (fliehen zwecklos, hieß das), während der Friseur mit einem Rasiermesser seine schönen Locken vom Kopf schabte, die dann als trauriger schwarzer Haufen auf seinem Schoß und dem Fußboden endeten. Bei den Augen-brauen aber blieb er stur. Der Friseur durfte sie ein wenig stutzen, aber die blieben dran, Basta. Da hatte am Ende sogar seine Frau nachgegeben. Bis heute erschrak er, wenn er sich durch die Haare fahren wollte und nichts fühlte als glatte Haut … aber die Glatze verschwand ja jetzt unter einer unfassbar teuren Perücke, bevor dann das ständig kichernde Mädchen an ihn herantrat. „Nach oben schauen, Herr!“ Sie bemalte sein Gesicht, erst die Augen, dann auch noch die Lippen. Die Lippen!!! Nicht einfach nur ein bisschen Kohol um die Augen, das machte ohnehin jeder als Schutz vor Insekten, Dreck und der Sonne, sondern so ein grünes Zeug, mit einem langen Strich von den Augen bis zu den Schläfen. Endlich war die schreckliche Prozedur zu Ende und die drei zogen sich zurück. Natürlich konnte er nicht einfach so losgehen, nein, das wäre ja nicht standesgemäß gewesen. Im Vorraum warteten schon sein Adjutant Meri. Der grinste seinen Chef an. „Na, heute sind wir aber wieder ganz besonders hübsch, junge Dame!“ „Noch ein Wort, und ich steck dir den Amtsstab dahin, wo Riaš nicht scheint!“ Doch er grinste bei diesen Worten. Meri war fast so alt wie er selbst. Die beiden hatten gemeinsam als einfache kleine Wachsoldaten angefangen und wahrscheinlich wären sie es noch heute, wenn ihnen damals, bei dem Fall mit dem Mann, dem Esel und dieser seltsamen Melone nicht der Durchbruch gelungen wäre. Danach waren sie beide ziem-lich schnell die Karriereleiter nach oben gefallen. Eigentlich war Meri der Klügere, der Pfiffigere, aber Nachtu war der mit der besseren Spürnase. So war Nachtu der Hauptmann der Kriminalwache I geworden und Meri bereits damals sein Stellvertreter. Dann war da vor drei Jahren diese Mord-serie gewesen, fünfzehn Tote in nur zehn Tagen. Es war eher Zufall, dass Nachtu persönlich den Täter gefasst hatte, im Haus seiner späteren Ehefrau. Tja, und so hatte das Schicksal für Hauptmann Nachtu nicht nur eine eigentlich viel zu gute Ehefrau aus dem Hut gezaubert, sondern auch noch eine Beförderung. Huya war in den Ruhestand ge-schickt worden und er zum Kommandanten befördert wor-den. Eigentlich hätte Meri ihm als Hauptmann nachfolgen sollen, aber er konnte nicht auf seinen besten Freund ver-zichten und so hatte er ihn in einer lauen und sehr weinseli-gen Nacht gefragt, ob er nicht sein Adjutant werden wolle. Es hatte gar nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht. Das Gehalt war besser, man konnte im Palast ein- und ausgehen – Meri liebte das, ganz anders als er, und für seine frischge-backene Ehefrau Mut war das auch eine riesige Chance. Sein Freund bewegte sich zwischen den ganzen buckelnden Beamten und protzerischen Hofschranzen, als sei er einer von ihnen. Er war diplomatisch, höflich und verstand sich gut auf kleine, belanglose Unterhaltungen – er war einfach schon immer das genaue Gegenteil von ihm gewesen. „Da ich annehme, dass du mein Memo nicht gelesen hast, fasse ich das nochmal für dich zusammen.“ Er grinste entschuldigend, aber Meri winkte nur ab. „Ich frage mich, warum ich das eigentlich überhaupt noch schreibe, aber egal. Also, heute steht das erste Treffen mit den Abordnungen an.“ Er sah den fragenden Blick in Nachtus Augen. „Das ist doch nicht dein Ernst! Die Wachleute der ganzen Ausländer meine ich!“ „Das wusste ich, wer denn auch sonst?“ Meri ignorierte Nachtu, das war am besten. Zwanzig Jahre gemeinsame Arbeit hatten ihn gelehrt, dass Nachtu weder Berichte verfasste noch las, wenn es nicht unbedingt not-wendig war oder sie länger als drei Seiten waren. „Es sind natürlich nicht alle da, nur die ganz großen Fi-sche. Shi-ie-La, klar, dann die Luchta, Gorgol, A’h-Škam …“ Meri ratterte eine ganze Liste von Namen und Ländern herunter. Und das waren nicht alle? Du meine Güte, das war ein Weltkongress, klar, aber war die Welt wirklich so groß? „Du kannst davon ausgehen, dass Minmasu auch da ist.“ Nachtu verzog das Gesicht. Minmasu, dieser aufgeblasene Sack. Der Großkotz war mit der Tochter einer Zierde des Königs verheiratet und bildete sich deswegen wohl ein, ir-gendwie zur königlichen Familie zu gehören. Und seine Ehe war der einzige Grund, warum dieses Muttersöhnchen sei-nen Posten hatte. Kommandant der Palastwache. Das wäre zum Lachen gewesen, wäre es nicht so traurig. Der Mann hatte von seinem Beruf ungefähr so viel Ahnung, wie Huya von der Entenjagd. Seine wichtigste Eigenschaft bestand darin, in seiner Amtstracht gut auszusehen und elegant Trauben zu essen. „Reiß dich zusammen, du weißt, dass er die besseren Kontakte hat. Er wird wie immer dummes Zeug reden, aber halt einfach die Klappe, o.k.?“ Leichter gesagt als getan. Nachtu kniff die Augen gegen die gleißende Sonne zusammen, als sie aus dem Torgebäude traten, in dem sich seine Amtsstube befand. Er folgte sei-nem alten Freund über den Hof, auf dem es vor Menschen nur so wimmelte. Der erste Palasthof war öffentlich und jetzt, wo die Stadt voller Besucher aus allen möglichen Län-dern der Welt war, gab es manchmal sogar Warteschlangen. Jeder wollte den Palast sehen. Nachtu persönlich war der Palast zu groß, zu unübersichtlich und auch zu protzig. Kein Mensch brauchte doch so viel Platz. Alle Wege waren so lang, dass man sich die Hacken abrannte, wenn man ir-gendwas erledigen musste. Meri teilte die wimmelnde Menschenmasse aus staunen-den Gesichtern mit seinem Amtsstab vor ihm und er trotte-te gedankenverloren hinterher. „Autsch!“ Er war irgendwem auf den Fuß getreten und blickte auf. Ein Ausländer. Sofort schaltete sein Hirn in den Polizistenmodus. Kleiner als er, schlank, ungesund weiße Haut, lockiges Haar mit einem Stich ins Rötliche, kurzer Vollbart, seltsame kurze Hosen und weiße Strumpfhosen. Man konnte regelrecht hören, wie die Seiten in seinem men-talen Lexikon durchsucht wurden. Ja, das passte, wohl ein Rhyflwer, einer dieser Nordleute von den felsigen Inseln im Nordwesten. Was wusste er über die? Tranken Tee, hatten einen Fetisch für perfekte Rasenflächen und liebten seltsa-me Sportarten. „‘Tschuldigung“, brummelte er, aber der Fremde grinste nur, deutete eine kleine Verbeugung an und verschwand noch immer grinsend in der Menge. „Jetzt beweg deinen Hinter!“, hörte er Meri ungeduldig ru-fen und schnell hechtete er die Stufen zu den Nordhallen hinauf und folgte seinem Adjutanten in die angenehme Kühle des monströsen Gebäudes. Überall starrte einen der König an, man bekam regelrechten Verfolgungswahn in diesem Palast! In dem geräumigen Besprechungsraum hatte man die Ti-sche in einem großen Rund aufgestellt und an den meisten Plätzen saßen schon Leute. Nachtu war nicht etwa fremden-feindlich, aber man konnte auch nicht behaupten, dass er besonders fremdenfreundlich war. Ausländer waren eben … Ausländer. Das sagte doch eigentlich schon alles, oder? Sein Platz war natürlich am anderen Ende der Halle, also ging er nickend an der langen Reihe fremder Polizisten, Wachleute und Leibwächter vorbei. Wie immer beobachtete er die Szene genau, setzte dabei aber sein ‚Ich-bin-ein-bisschen-begriffsstutzig-und-langsam-beim-Denken‘-Gesicht auf. Es schadete nie, wenn einen jeder unterschätzte. Es gab sehr viele Federn im Raum, glitzernde Harnische, hohe Stiefel und kleine rote Umhänge. Also hauptsächlich unpraktisches Zeugs. Aber Kleidung konnte einen täuschen, er selbst trug ja auch nur ein durchsichtiges Nachthemd. Er blickte also in die Gesichter der Leute. Ausländische Ge-sichter zu deuten, war gar nicht so einfach. Diese ganzen hellhäutigen Leute sahen sowieso alle gleich aus. Der da, der sah interessant aus. Ein Gesicht wie aus einem Stein-brocken gemeißelt – der Bildhauer hatte mittendrin dann ein bisschen die Lust verloren. Kleine, dunkle Augen, ein stoppeliges Kinn, kurzgeschorenes Haar und schlichte schwarze Kleidung. „Tzra“, raunte ihm Meri zu. Oh. Das war ein Assassine. Zumindest munkelte man das. Der Kerl, Slobodan Bitzcic, war der Schwager des Dogen von Tzra und der galt als ein bisschen seltsam – andere sagten: ‚Er hat spezielle Vorlie-ben‘. Nachtu hatte seine Hausaufgaben gemacht. Speziell hieß in diesem Fall, einen Spezialtrupp von Folterknechten zu beschäftigen, die sich an den Gegnern des Dogen mal so richtig austoben konnten. Eine seiner Quellen hatte ihm gesagt, dass das Schlafzimmer des Dogen auch eher eine Folterkammer war als ein Ort von Frieden und Ruhe. Oh ja, den Knaben sollte man im Auge behalten. Ande-rerseits, welcher ernsthaft gefährliche Mann reinigte wäh-rend einer Besprechung mit einem Jagdmesser seine Fin-gernägel? Interessiert blickte er in die Runde. Kein Memo war so gut wie fünf Minuten altmodischen Beobachtens. Neben dem Kerl aus Tzra saßen noch zwei Kerle aus diesen Län-dern mit unaussprechlichen Namen. Tsch und Schrk, hörte er in seinem Kopf die Stimme von Meri. Na, Vokale moch-ten man in der Gegend der Welt wohl nicht. Was wusste er eigentlich über diese Staaten? Tzra, Tsch und Schrk lagen östlich des Imperiums, auf der schmalen Landbrücke, die den Mittelkontinent Em-Chenu mit dem Zentralland und dann dem Ostkontinent verband. Tzra und Tsch waren mehr oder weniger etwas aus dem Ruder gelaufene Stadt-staaten. Republiken, soweit er sich erinnern konnte, auch wenn die Herrscher da genauso unumschränkt schalteten und walteten wie sonst wo die Könige. Handel war das Spe-zialgebiet dieser Staaten – und Bildung. Man sagte die Uni-versität von Tzra sei die beste der Welt. Ziemlich offen für moderne Erfindungen. In Tzra soll es Gaslaternen geben, die nachts die Straßen erleuchten und sogar eine große öf-fentliche Kutsche, die von der neuen Dampfkraft betrieben wurde. Naja, Nachtu fand eigentlich, Pferde waren schon schlimm genug; in einem Wagen zu sitzen, der jederzeit explodieren konnte, war dann wohl eher was für Ausländer. Der Kollege aus Tsch schien bemüht zu sein, seinen Nach-barn aus Tzra zu imitieren, die gleiche schwarze Kleidung, dieselben kurzgeschorenen Haare. Allerding wirkte der dür-re Mann gar nicht so kühl und selbstbewusst wie der Tzra-Troll. Eher wie ein aufgeschreckter Mader, ja ein Frettchen … Den aus Tzra müsste man im Auge behalten, Tsch wohl eher nicht. Und Schrk, nun ja. Der Kerl trug einen vergolde-ten Brustpanzer, einen goldenen Helm mit Federn und ei-nen gezwirbelten Schnurrbart, der weit über sein Gesicht hinausreichte – dabei schien der Kerl kaum zwanzig Jahre alt zu sein. Ein Verwandter des Königs wahrscheinlich, den man mit einem Posten abspeisen wollte. Quasi ein ausländi-scher Minmasu ohne Vokale im Namen. Neben den drei Männern (zwischen Tzra und Schrk war ein bisschen mehr Abstand als nötig, fiel ihm auf) folgten die schon bekannten Luchta aus dem Nordwesten. Die wa-ren recht umgänglich. Mit dem einen (er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, aus welchem der vier Länder der nun stammte) hatte er einen Tag nach deren Ankunft einen netten Abend verbracht. Er schätze gute Zi-garren genauso wie Nachtu und war ein echter Polizist, ganz wie er. Der blonde Hüne mit dem Vollbart zwinkerte ihm auch zu und Nachtu nickte kurz. Dann gab es exotischere Ausländer, vom Ostkontinent, Khmi’a, Shi-Am, Lu’as, Viên-Viên. Alle irgendwie klein und gelblich. Und außerdem sahen die alle gleich aus, wer sollte sich denn da merken, wer aus welchem Land kam? Und was waren das eigentlich für Länder? Er blätterte ein bisschen in dem sehr umfangreichen Memo. Er musste Meri dringend mal zum Essen einladen, der Mann war einfach ein Schatz! Also, das waren Staaten auf dem Ostkontinent, gut. Südli-cher Ostkontinent, um genau zu sein. Königreiche, Viên-Viên sogar ein Kaiserreich, aha. Das waren wohl ziemlich wohlhabende Staaten, wie es aussah, und das Imperium trieb intensiven Handel mit denen. Stimmt, Shi-Am, jetzt klingelte es. Es gab doch dieses Restaurant ‚Zum Weißen Elefanten‘ oder so. Da hatte ihn Hauptmann Uneb mal hin-geschleppt. Die Bedienungen da hatten so ausgesehen wie die Leute hier und er hatte so ein Köhri gegessen, ein furchtbar scharfes Zeug. Neben ihnen dann Shi-ie-la. Jedes Kind kannte das Land, das man manchmal auch das Aerath des Ostens nannte. Das Reich war fast genauso so groß wie das Imperium, hatte aber noch mehr Einwohner. Das wollte sich Nachtu gar nicht vorstellen. Ihm war die Hauptstadt manchmal schon zu eng. Die Hauptstadt von Shi-ie-La war angeblich doppelt so groß, nicht zum Aushalten! Der Hauptmann der kaiserlichen Garde, Moment, hekti-sches Blättern, ja, Prinz Jiàn, war ein hochgewachsener, schlanker Mann in einem einfachen, schwarzen Seidenge-wand. Das lange Haar zu einem seltsamen Knoten mitten auf dem Kopf aufgetürmt, steckte in einer Art Miniaturhut. Das Alter des Kerls war schwer zu schätzen. Er kannte Sinu, von denen gab es auch ein paar tausend in der Haupt-stadt, meist kleine Händler oder Restaurantbesitzer. Er konnte nie sagen, wie alt die waren. ‚Die sind für eine bestimmte Zeit Kinder, dann, schwups, sind sie Erwachsene und sehen die nächsten fünfzig Jahre gleich aus und dann, zack, sind sie nochmal dreißig Jahre lang alt und hutzelig‘, hatte Hauptmann Harald mal gesagt. Harald war wohl der netteste Rassist, den es gab. Er glaubte selbst, gar keine Vorurteile zu haben, und meinte es auch gar nicht böse. Er hatte nur beim Denken oft ziemlich viel Pech. Angeblich hatten die Sinu ein großes Netz von Spionen in der Stadt und er wüsste zu gerne, was hinter dem völlig ausdruckslosen Gesicht für Gedanken durch sein Hirn wanderten. Es gab noch mehr Leute, Gorgol war da, dieses seltsame Reich südlich von Aerath, mit dem es in der Vergangenheit auch schon mal Krieg gegeben hatte, Schardunia, so ziem-lich die gleiche Kultur wie Gorgol, aber eine Insel, westlich davon gelegen. Dann die Gatlán-Staaten natürlich. Die kannte man, seit es Dampfschiffe gab, als beliebte Reisezie-le. Reisen. Urlaub. Auch so ein Konzept, mit dem Nachtu eigentlich nichts anfangen konnte. Warum fuhr man denn tagelang auf irgendeinem Schiff in ein Land, in dem man die Leute nicht verstehen konnte und man komisches Zeug aß? Ihm war es eigentlich schon zu viel des Guten, dass er jetzt mit seiner Ehefrau dauernd auf ihren Landsitz fahren musste. Was sollte er denn da? Diese blöde Villa mitten im Grünen, da war nichts los, gar nichts! Am schlimmsten war aber dieser Wanderzirkus zwischen den beiden Hauptstädten. Ja gut, im Winter war das Wetter in Man-Nafir manchmal echt mies, aber deswegen gleich mit der ganzen Mischpoke der Regierung immer für vier Monate nach Wasat im Landesinneren, am großen Iteru gelegen, zu ziehen, war doch ein bisschen übertrieben. Frü-her hatte er die Zeit genossen, dann war es in Man-Nafir immer schön ruhig. Und obwohl er der Kommandant der verdammten Stadtwache von Man-Nafir war, musste er jetzt mit – und saß dann vier Monate im Stadthaus seiner Frau in diesem dämlichen Wasat, in dem es selbst im Win-ter heiß war, wie in einem Backofen, las Berichte und ging auf bescheuerte Feste von noch bescheuerteren Leuten. Und überall Priester … egal, wo war er? Ah ja, dann ka-men die Rhyfelwr, diese Inselvölker aus dem Nordosten. Seltsam, die sahen eher aus wie die Hesstier, Gildberger oder Luchta. Hellhäutig, helle Haare, helle Augen. Und ziemlich arrogant, fand er. Daneben dann wieder Leute, die man besser im Auge be-hielt: der Vertreter der Sooraj, wie immer bei diesen Leuten behängt mit Diamanten und Perlen. A’h-Škam war ein alter und erbitterter Feind von Aerath und die Sooraj stifteten seit einigen Jahren reichlich Unruhe in der imperialen Pro-vinz Bharaat. Bevor er die anderen näher betrachten konnte, platze Minmasu in seine Gedanken. Der jüngere und aufgeblasene Kommandant der Palastwache begrüßte ziemlich ge-schraubt die Gäste und las dann einen ewig langen Begrü-ßungstext des Königs vor. Der König. Der Nasu. Der le-bende Gott. Nachtu hatte den neuen Herrscher nur einmal gesehen, ganz aus der Ferne, am Tag seiner Krönung. Da hatte er in so einer altmodischen Sänfte gesessen und war von Kopf bis Fuß in einen regelrechten Panzer aus Gold gekleidet gewesen. Der Nasu war so heilig, dass er eigent-lich zum Regieren gar keine Zeit hatte. Das war wahrschein-lich zu profan für einen lebenden Gott. Sowas durfte man natürlich eigentlich gar nicht denken, geschweige denn sa-gen. Das war Gotteslästerung und konnte im schlimmsten Fall mit dem Hintern auf einem spitzen Holzpfahl enden. Natürlich sprach man in den Schenken und Wirtshäusern trotzdem darüber: ‚Lebender Gott, schön und gut, aber da haste ja bessere Chancen, mit Riaš ein Bier zu trinken, als den König mal zu treffen!‘ Nachtu hatte in Geschichte nie besonders gut aufgepasst. Aerath war einfach ein verdammt altes Land, da gab es für seinen Geschmack zu viel Geschichte, aber woran er sich erinnern konnte war, dass die Nasu der alten Zeiten wohl ziemlich aktiv ihr Land regiert hatten und dass sie an der Spitze ihrer Truppen in den Krieg gezogen waren. Es gab im Palast, am ersten Hof, sogar noch immer das große Fenster, an dem sich der König in den alten Zeiten dem Volk gezeigt hatte. Heute zeigte sich kein Nasu mehr dem Volk. Vielleicht ging es deswegen mit dem Imperium gera-de irgendwie den Bach runter. Ärger an allen Rändern … Minmasu redete und redete. Nachtu war enorm gelang-weilt, versucht aber, seine Augen offen zu halten. Hier wur-de nichts Neues besprochen, aber Minmasu liebte eben den Auftritt vor einem Publikum, das nicht weglaufen konnte. Er sah zu den Luchta rüber und sah, dass sein Zigarren-Freund ebenfalls Mühe hatte, ein Gähnen zu unterdrücken. Der Kerl aus Tzra puhlte noch immer mit dem Messer un-ter seinen Fingernägeln herum, was hoffte der zu finden? Kohle? Das Frettchen aus Tsch schrieb dagegen eifrig mit. So ein Blödsinn, dafür gab es doch nachher die Protokolle, um alles nicht mehr nachzulesen. Irgendwann, nach Monaten oder Jahren, war Minmasu endlich fertig. Er stand noch kurz, bevor er sich setzt. War-tete er auf Applaus? Nachtu verdrehte innerlich die Augen. Er hätte jetzt seinen rechten Arm für eine Zigarre und ein Fleischbrötchen gegeben, eines von denen, das ihm seine Frau verboten hatte. Oh ja, so richtig fettig … „Mhh?“ Mist, jetzt hatte Minmasu ihn tatsächlich was ge-fragt! „Ich sagte, der Kommandant unserer Stadtwache möchte vielleicht auch noch etwas ergänzen“ „Ähm, ja, also… immer schön achtsam bleiben?“ Die Luchta grinsten jetzt breit und er glaubte auch ein Funkeln in den Augen des Trolls aus Tzra zu erkennen. Minmasu wirkte, wie immer, eher genervt. „Gut, ich denke, dann ist soweit alles geklärt. Reichen Sie die Memos bitte an Ihre Delegationen weiter. Morgen wird ein großartiger Tag, ein Triumph für uns alle!“ Ach herrje. Immerhin war es jetzt endlich vorbei und die ersten standen schon auf, um ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen. Die Luchta standen noch ein bisschen zu-sammen und Nachtu wollte gerade zu ihnen schlendern, als die nervtötende Stimme von Minmasu ihn zurückhielt. „Halt deine Gurkentruppe zurück, hast du mich verstan-den? Ich will keinen deiner so genannten Wachleute morgen bei der Prozession sehen. Schlimm genug, dass du auf dem Podium sitzt, aber was soll man machen? Ich kann mich nicht entspannt zurücklehnen und mir alles gemütlich anse-hen. Ich trage Verantwortung und …“ Plötzlich brach er ab und verzog das Gesicht. „Hör mir mal gut zu, du aufgeblasene kleine Kröte. Belei-dige mich so viel, wie du willst, aber meine Männer lässt du da raus, klar? Danke sehr. Ich werde jetzt gehen und ich will kein Wort mehr von dir hören, verstanden?“ Nachtu zischte die Worte in das Ohr seines alten Kontrahenten. Dann re-duzierte er den schmerzhaften Druck auf die Hand des Kommandanten der Palastwache, nur ein wenig. Laut fügte er hinzu: „Ich freue mich auch, wie immer auf die Zusammenarbeit. Einen schönen Tag wünsche ich den Herrschaften. Grüß doch bitte deine Frau von mir, Min-masu!“ Er ließ den Mann einfach stehen, der sich die Hand rieb und ihm einen hasserfüllten Blick zuwarf. Bei den Göttern, was für ein Weichei der doch wahr. Er blickte nur kurz zu-rück, denn dem Palastkommandanten waren doch tatsäch-lich Tränen in die Augen geschossen. Ob aus Wut oder Schmerz, war schwer zu sagen. Nachtu aber musste ein Grinsen unterdrücken. Das gelang ihm wohl nicht beson-ders gut. „Nachtu, musste das sein? Der macht doch jetzt wieder ein riesen Theater. Und wisch dir das dreckige Grinsen aus dem Gesicht!“ Meri war offenbar wirklich sauer. Aber ein bisschen Spaß musste doch sein, oder? Außerdem konnte man Nachtu ja so einiges nachsagen, aber er war immer loyal zu seiner Truppe. Die Wache war seine Familie. Griff man die Wache an, hörte für ihn der Spaß auf. „Wo willst du denn jetzt schon wieder hin? Maya hat mir gesagt, du musst heute noch dringend wieder ins Büro, da wartet eine Menge Papierkram!“ Nachtu schaute seinen ältesten Freund nur an. „Ach verdammt, Nachtu! Ja gut, dieses eine Mal noch. Aber dafür hab‘ ich einen bei dir gut. Wohin willst du denn schon wieder?“ Die beiden hatten mittlerweile das große Gebäude wieder verlassen und standen auf dem wilden Treiben des ersten Hofes. Nachtu kramte in den bauschigen Falten seines Schurzes nach dem silbernen Zigarrenetui, das ihm seine Frau zum zweiten Hochzeitstag geschenkt hatte. „Zur Wache, ich muss doch nach dem Rechten sehen!“ Meri verdrehte die Augen. „Nachtu, ob du es glaubst oder nicht, der Laden funktioniert auch, wenn du nicht jeden Tag da aufschlägst. Du bist der verdammte Kommandant, nicht mehr der leitende Hauptmann. Uneb macht seine Sache gut, das weißt du doch, sonst hättest du ihn doch nicht ausge-sucht!“ „Du kannst ja versuchen, mich aufzuhalten!“ Er ließ acht-los das Streichholz fallen und sog fest an seiner Zigarre. Meri verzog hilflos das Gesicht, während bereits ein Diener mit Besen Nachtu dafür dankte, seinen Müll nicht auf den Hof zu werfen. Meri wusste, dass er keine Chance hatte, also zuckte er nur mit den Achseln. Paffend schlenderte Nachtu in Richtung Tor. „Hey, junge Frau, haben wir nicht was vergessen?“ Ach verdammt. Grinsend warf er seinem Freund nachei-nander die alberne Perücke, die goldene Amtskette und das Leibchen zu. Schon viel besser! Meri schüttelte den Kopf und ging dann in den Palast zurück. „Einer von uns muss ja arbeiten!“, rief er ihm noch nach. Kaum hatte er das große Palasttor hinter sich gelassen, da atmete er auf. Viel besser. Hier roch es schon nicht mehr nach Weihrauch und Jasminöl, sondern nach Eselscheiße und Bratfett, nach zu vielen Leuten, nach Stadt eben. Ah, dieses Aroma. Tief sog er die Luft ein und machte sich dann leichtfüßig, die Zigarre zwischen die Zähne geklemmt, auf den Weg zum ‚Der-König-ist-siegreich‘-Platz. Einfach mal nach dem Rechten schauen, genau. Er war immerhin der Kommandant, da musste man doch wissen, was an der Front los war! Das Geschiebe und Gedränge waren noch größer als sonst, die Leute wirkten ein bisschen aufgedreht und es wurde viel gerempelt, gestoßen und geschimpft. Die Musik der Großstadt. „Morgen Mani, mach mir mal so’n Fleischbrötchen!“ „Mit Zwiebeln?“ Natürlich mit Zwiebeln – und mit Knoblauchsoße. Schon seit Jahren bestand sein liebstes Frühstück aus einer dieser fettigen, triefenden Rollen aus dünnem Teig mit Fleisch von … sagen wir mal Tieren ... oder Teilen von Tieren. ‚Hufe gehören auch zum Tier!‘, hatte Mani auf Nachfrage mal gesagt. So genau wollte er das eigentlich auch gar nicht wis-sen. Das Zeug war heiß, knusprig, fettig, salzig – und billig. Ein ⅟18 Deben, das konnte man sich auch als halbverhun-gerter junger Rekrut leisten. ‚Manis Fleischrollen machen dicke Muckis und schaffen Fleisch auf dürre Rippchen‘, hatte der alte Wim, sein Aus-bilder immer gesagt. Das mit dem Fleisch schien zu stim-men, denn der Gildberger war einer der dicksten Männer gewesen, die Nachtu kannte. „Geschäfte laufen gut in letzter Zeit, was?“ „Ja, ganz großartig. Überall Ausländer. Ich verkaufe jetzt sogar Menüs! Fleischrolle und ein traditionelles, gesund-heitsförderndes Getränk. Ich nenne es ‚Manis Weltkongress Spezial-Trunk für körperliche Stärkung‘!“ „Gib mal her! Oh, bei allen Göttern, das schmeckt ja wie Gurkenwasser!“ „Pssst…“ „Du verkaufst doch nicht … Mani!“ Der grinste nur. Natürlich gingen die Geschäfte gut. Normalerweise wusste die Leute, was er da verkaufte. Bis auf die Wachleute, die in hartem, täglichen Training ihre Eingeweide gestählt hatten, kauften nur sehr betrunkene, sehr mutige oder sehr neue Menschen bei Mani. Er sah eine Gruppe dieser blonden Ausländer und beobachtete genau ihren Gesichtsausdruck, als sie zum ersten Mal ebenfalls in eine Fleischrolle bissen. Einfach unbezahlbar, diese Mi-schung aus Schock, Entsetzen, Ekel und der Frage, wie man einem Tier so etwas antun konnte – und was für ein Tier so schmeckte. Er klopfte Mani nochmal auf die Schulter und ging dann mit der triefenden Beute weiter. Kauend schlenderte er durch die vollen Straßen und musste plötzlich wieder an Wim denken. Der dicke Gildberger, der bis zum Ende sei-nen lustigen Akzent behalten hatte, war vor zwei Jahren gestorben. Roy und Harald hatten für seine Beerdigung ge-sammelt und es hatte ein kleines Abschiedsfest gegeben. Seitdem war er aber nicht mehr bei dem kleinen Grab ge-wesen. Der Weg war so weit und er hatte so viel zu tun und … Er musste mal wieder hingehen, ja, ganz bald, morgen oder nein, besser, wenn der Trubel sich gelegt hatte. Und seine Frau würde er auch mitnehmen. Nachtu hasste Jaru, den riesigen Friedhof außerhalb der Stadt. Überall lauerten da die Toten. Er erinnerte sich an die vielen Male, als er in seiner Kindheit mit seiner Mutter dort hatte hingehen müssen. Jeden Samstag klapperte man die ganze Verwandtschaft ab, erst Oma und Opa, dann lauter unbekannte Tanten und am Schluss Papa, den er nie ge-kannt hatte, von dem aber alle behaupteten, er sei ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hatte, so lange er zurück-denken konnte, immer den Korb mit den Bierkrügen, dem Brot und den Blumen tragen müssen. Er schauderte noch jetzt, aber nicht wegen des Korbes oder der drückenden, staubigen Hitze. Nein, als Kind hatten ihn die Stimmen bis in seine Träume verfolgt. Der Friedhof war nicht still, überall wisperten die Stimmen der Toten, manche gut zu verstehen und klar, manche fordernd, andere flehentlich, leise, fast verweht vom Wind. Bitten um Wasser, Bitten, den Namen laut vorzulesen. Nachtu lief noch jetzt ein Schauer über den Rücken. Es ist eine Sache, an ein Le-ben nach dem Tod zu glauben, aber eine ganz andere, zu wissen, dass es existiert. Nicht in irgendeinem Paradies, nein, das war für Götter und Könige, sondern ganz real, hier, in dieser Welt, auf dem Friedhof. Er war einmal allein über den Friedhof gelaufen, weil sei-ne Mutter mit Oma darüber stritt, dass das Opferbrot nicht frisch genug sei. „Du kannst das doch sowieso nicht wirklich essen, Mutter – und in der Duat habt ihr doch bestimmt auch Bäckerei-en!“ „Ich kann es mir aber vorstellen. Und die Kruste von dem Brot ist bestimmt nicht mehr knusprig, du weißt, wie sehr ich weiches Brot hasse …“ Das allein war schon sehr gruselig. Immerhin war seine Oma zu diesem Zeitpunkt schon sechs Jahre tot. Aber als er so über den Friedhof schlenderte, kam er in einen Bereich, in dem er noch nie gewesen war. Hier gab es nur ganz ein-fache Gräber, manche sogar ohne Grabstein. Zerfallene Monumente, die Namen von der Zeit und dem Wind unle-serlich gemacht, leere Höhlen. Bemalter Stuck lag im Sand und hier und da auch Reste von Grabausstattung vergange-ner Zeiten. Hechelnde und struppig Hunde lagen in den Schatten der zerfallenden Monumente. Hier roch es nicht nach Blumen und Weihrauch, sondern nach Alter, nach heißem Sand und Mumienbinden. Und dann hatte er die Stimmen gehört. Hunderte, tausende, kaum verständlich, ein Raunen und Rauschen wie vom Wind. „Wasser, kühles Wasser!“ „Wie heiße ich? Wer bin ich?“ „Komm, komm, komm zu mir …“ Schreiend war er zu seiner Mutter zurückgelaufen, die ge-rade bei Oma fertig und wie immer danach fürchterlich ärgerlich war. „Undankbare alte Schachtel … Nachtu, Schatz, was ist denn mit dir los?“ Er hatte ihr von seiner Entdeckung berichtet. „Das sind sehr alte Gräber da drüben – und die von sehr, sehr armen Menschen. Wenn niemand mehr zu ihnen geht, wenn sich niemand mehr an die Toten erinnert, dann kön-nen sie nicht mehr in die Duat, weißt du. Dann bleiben sie hier, in ihren Gräbern und irgendwann, da verblassen die Toten, sie verschwinden, sie sterben noch einmal. Deswe-gen ist es so wichtig, dass wir unsere Toten regelmäßig be-suchen, hörst du?“ Nächtelang hatte er danach wachgelegen. Ein zweiter Tod war so ziemlich das Schrecklichste, was sich ein Achtjähri-ger vorstellen konnte. Mutter war auch schon gestorben. Seine Frau, die seine Abneigung gegen Friedhöfe nicht recht verstehen konnte, hatte dafür gesorgt, dass seine toten Verwandten in schicken neuen Gräbern beerdigt wurden. So richtig mit großen In-schriften und bemalten Wänden. Jetzt kümmerten sich re-gelmäßig professionelle Weinfrauen, Gärtner und Priester um seine Oma, seine Mutter, seine Tanten und sogar um den Vater, den er nie kennen gelernt hatte. Seiner Oma würde das ganz bestimmt gefallen. „Schau dir Frau Tuya an, drei professionelle Weinerinnen, drei!“ Sie war immer ein bisschen neidisch auf Frau Tuya gewe-sen, die ein kleines Vermögen von einem entfernten Onkel geerbt und alles in ein möglichst üppiges Begräbnis gesteckt hatte. Jetzt hatte sie selbst zwölf Weinerinnen, die einmal wöchentlich für eine halbe Stunde zum Klagen und Weinen an das Grab kamen. Und das waren nicht die billigen, die man bei ‚Djosers Beerdigungen – Gute Preise – Guter Ser-vice‘ buchen konnte und die kaum eine echte Träne raus-quetschen konnten. Nein, Oma und seine anderen Ver-wandten hatten jetzt Profi-Weinfrauen aus dem Tempel des Sekeru. Die zogen die ganz große Show ab, mit Asche auf dem Kopf, Brüste zerkratzen und Strömen von Tränen. Nimm das, Frau Tuya! Ja, er musste wirklich mal wieder zum Friedhof gehen, aber jetzt war er da, an dem großen Wachgebäude der Kri-minalinspektion I. Zu Hause. Zimbeln, Trommeln und silberne Trompeten weckten ihn, wie an jedem Morgen bereits kurz vor Sonnenaufgang. Der Rest des Hofstaates lag noch in parfümierten Träumen oder den Armen eines Liebhabers. Nur die Musiker waren schon auf den Beinen, dazu seine wie immer etwas verknif-fenen und verschlafenen Diener und die Küchenmann-schaft, die aber nie zu schlafen schien. ‚Warum muss ich denn so früh aufstehen?‘, hatte Riaš-Masu XXII. kurz nach seiner Krönung gefragt. ‚Weil es schon immer so war!‘, war die wenig befriedigen-de Antwort des Hohepriesters des Riaš gewesen. Als ob die Sonne nicht aufgehen würde, wenn man ihn nicht zu dieser unmöglichen Zeit aus dem Bett warf. Oh, natürlich konnte er nicht einfach aufstehen. Nichts war mehr einfach in sei-nem Leben, nichts konnte man einfach so tun. Alles, was er tat, war vorgeschrieben, jede Handbewegung, jedes Wort, alles Ritual, alles ein perfekt inszeniertes Schauspiel. Drei, zwei … und die große Doppeltür öffnete sich knarrend. Die Musiker strömten in den Raum, gefolgt von den singenden Priestern. Weihrauch vor dem Frühstück war eigentlich nichts für seinen Magen. Wie jeden Morgen sangen sie eine Lobeshymne auf den Sonnengott und seinen irdischen Sohn, während Diener vorsichtig die Decke zurückschlugen. Zwei spezielle Priester halfen ihm aus dem Bett – er war fünfundzwanzig Jahre alt, er konnte verdammt nochmal alleine aufstehen, aber nein, der Nasu von Aerath, der voll-kommene Gott, Sohn der Sonne, Herr der Kronen, Bezwin-ger der Fremdländer, Geliebter der Götter etcetera, etcetera, musste sich dabei von zwei etwa dreihundertjährigen Pries-tern helfen lassen. Die Füße durften beim Aufstehen den Boden nicht berühren, also setzte er sie, wie jeden Morgen, auf den kleinen Schemel, der vor seinem Bett stand und auf dem er rituell die Feinde des Imperiums zertrat. Der Sanda-lenträger näherte sich ihm kriechend und schob vorsichtig die goldenen Sandalen an die göttlichen Füße, immer darauf bedacht, den Gott selbst nicht zu berühren. Dann bekam er Wasser mit Natron aus einem goldenen Becher, um seinen Mund zu spülen. Es folgten ein leichtes Obergewand und ein Tuch für seinen geschorenen Kopf. Der Nasu war nie barhäuptig in der Öffentlichkeit. Gestützt auf die beiden alten Priester ging es dann zu dem Esstisch an der Tür zum Garten und während er sich setzte, wurde das Frühstück aufgetragen. Dann, endlich, verschwand der ganze Wander-zirkus aus seinem Schlafzimmer und er war allein, um zu essen. Allein ist natürlich relativ. In den Zimmerfluchten des Königs waren immer dutzende Diener, bereit, dem Herrscher jeden Wunsch zu erfüllen. Aber das waren ja kei-ne Leute. Diener waren so etwas wie atmende Möbel. Er seufzte und nippte an dem dampfenden Kaffee aus Uruba. Bei dem hatte er sich durchgesetzt. Der Haushof-meister wäre beinahe vor Schock gestorben, als er den Kaf-fee zum ersten Mal bestellt hatte. „Aber noch nie hat ein vollkommener Gott am Morgen Kaffee getrunken! (und wenn es für deine göttlichen Vor-fahren ausgereicht hat, morgens Wasser zu trinken, wird es für dich ja wohl so gerade noch reichen!)“, schwang dabei aber unüberhörbar mit. Jetzt konnte er tatsächlich sogar schon grinsen. Heute wollte er noch ein paar mehr Leute schocken. Dieser ganze Weltkongress, der seinen Palast beben und summen ließ, wie einen Bienenstock, war eine Chance für ihn, die er sich nicht entgehen lassen konnte. Er ließ seine Fingerknöchel knacken und lehnte sich im Stuhl zurück. Er wusste, dass man ihn genau beobachtete. Besonders seit dem Vorfall vor ein paar Monaten. Er grinste zufrieden, als er daran zurückdachte. Da hatte er doch tatsächlich ge-herrscht – und das als König. Ein Schock für den Hof, ein regelrechter Affront für die Priester und mehr als nur ein kleines Ärgernis für seine hohen Beamten. Seit Generatio-nen hatte kein König mehr selbst den Mund aufgemacht. Zu heilig zum Regieren, verkommen zu lebenden Statuen, verborgen im Palast, umgeben von Schutzwällen aus Ritua-len. Sein Vater hatte das scheinbar stoisch ertragen und vor ihm sein Großvater und davor dessen Vater und so weiter. Aber er hatte das Tagebuch seines Vaters gefunden. Ein Mann, den er eigentlich gar nicht gekannt hatte. Das ganze Getue um die Heiligkeit des Königs machte auch vor seiner eigenen Familie nicht halt ... und dann diese Entdeckung, versteckt unter einem der schicken Stühle im Arbeitszim-mer. Da stand dann schwarz auf weiß, was sein Vater ge-dacht hatte. Er hatte sich genauso hilflos gefühlt, wie er jetzt. Er hatte gezaudert, etwas zu tun, aber Zweifel nagten schon an ihm. Er hatte die Geschichte des Imperiums stu-diert. Früher waren die Herrscher auch lebende Götter ge-wesen, aber Götter zum Anfassen, handfeste Götter sozu-sagen. Sie hatten geherrscht – und nicht die Beamten. Das alles war natürlich sehr interessant gewesen, wirklich über-raschend war das beinahe kalte und sehr präzise Analyse-vermögen seines Vaters. Er hatte die Beamten genau durch-schaut, vor allem die vier Wesire, und es waren diese Ein-schätzungen, auf die er nun zu bauen gedachte. Er wollte die wertvollen Beobachtungen seines Vaters, zu dem er jetzt eine viel engere Bindung spürte als zu Lebzeiten, nutzen, um sich selbst aus diesem starren Gefängnis zu befreien. Ein erster Test war die Absetzung des Wesirs des Westens gewesen. Das war aber ein Überraschungserfolg. Jetzt waren die Beamten gewarnt. Hut-Heru-dj-anech hatte er übertöl-peln können, auch, weil er sich hundertprozentig auf die Stadtwache verlassen konnte. Nachtu. Er hatte den Mann noch nie gesehen oder überhaupt einen der Wächter. Aber sie hatten, ohne zu zögern, den Wesir in seinem Haus in der Hauptstadt festgenommen, als er ihnen die Beweise hatte zuspielen lassen. Bestechung und Steuerhinterziehung, die größten Todsünden in Aerath, dem Imperium der Bürokra-tie. Fast schon amüsant, dass er ihn nicht wegen des Ein-marsches in Nørskim hatte festnehmen lassen. Aber sein Informant hatte ihm davon abgeraten. Steuerhinterziehung und Bestechlichkeit war etwas, das die Leute, die kleinen Leute, aufbrachte, was sie in ihren Vorurteilen gegenüber der Elite bestätigte, und er konnte so sein eigenes Ansehen steigern, sich als guter und fairer König beweisen und prak-tischerweise auch einen ersten Gegner ausschalten. Hut-Heru-dj-anech war allerdings unter den mächtigsten Konkurrenten des Königs der schwächste gewesen – und auch der dümmste. Die anderen waren mit Sicherheit auch bestechlich, aber nicht so blöde, die Geschenke quasi offen und ganz selbstverständlich anzunehmen. Jetzt schmachtete der ehemalige Wesir des Westens – wann hatte man dieses dämliche Amt eigentlich eingeführt? – in den Verliesen der Hauptstadt und wartete auf seinen Prozess. Er würde dafür sorgen, dass man ihn nicht einfach davonkommen ließ. Riaš-Masu würde nämlich höchstper-sönlich den Richterstuhl besetzen. Und es würde eine öf-fentliche Verhandlung geben, vor dem Palast, vor den Au-gen der ganzen Hauptstadt. Oh ja, darauf freute er sich wie ein kleines Kind. Jetzt war er aber erstmal mit dem Frühstück fertig und wollte duschen. Er wedelte nach einem Diener und begab sich, von einer Prozession von Domestiken begleitet, in sein luxuriöses privates Badehaus. Man wollte schließlich frisch sein, wenn man vorhatte, ein paar Gesandtschaften zu er-schrecken … „Morgen Jungs!“ Nachtu grinste über beide Ohren, eine frische Zigarre zwischen den Zähnen, als er die geräumige, aber chaotische Wachstube betrat. Gerade wurde ein ze-ternder Junge von etwa zwölf Jahren von seiner Mutter aus dem Gebäude geschleppt und hier und da saßen einige Per-sonen an den Schreibtischen. Ausländer vor allem. Es roch nach schlechtem Kaffee, Papyrus – und Kernseife. „Morgen Uneb!“ Er musste sich nicht einmal umdrehen. Hauptmann Uneb, sein Nachfolger als Leiter der Kriminalwache, war immer wie frisch aus dem Ei gepellt. Sein Schurz war derart ge-stärkt, dass Messer einfach daran abprallten. Er wirkte au-ßerdem immer, als sei er gerade frisch geschrubbt aus ei-nem Badezuber gestiegen. Und roch nach Kernseife und einem billigen Zitronenparfum. Jetzt dreht er sich doch um. Der Zwei-Meter-Hüne mit den kurzen roten Locken, seine Mutter war aus Hesstien, salutierte zackig: „Morgen Herr Kommandant, was verschafft uns die Ehre?“ Nachtu grinste: „Mach nicht immer so ein Theater, Uneb. Ich bin nur mal hier, um nach dem Rechten zu schauen. Ist ja ganz schön was los in der Stadt!“ Er ging bei den Worten bereits die Treppe in das erste Geschoss hoch, wo sein altes Büro lag. Uneb trottete hinter ihm her. „Eigentlich nichts Besonderes, es gab ein paar Anzeigen wegen Taschendiebstahl, dann gab es einen bewaffneten Raubüberfall auf ein Pärchen aus YamYam, der Mann hat einen ordentlichen Schlag abbekommen, sonst ist aber wei-ter nichts passiert. Dann die üblichen sechs Anzeigen wegen Ruhestörung von Frau Senedsch (bei dem Namen verdrehte Nachtu die Augen), dann drei Strafzettel wegen falsch ge-parkter Streitwagen, mussten wir aber zurücknehmen, die waren von der Palastwache.“ Nachtu drehte sich um: „Habt ihr die Formulare davon noch?“ „Ja, schon aber …“ Nachtu kramte schon auf dem Schreibtisch, der Wasser-fleck war heute besonders groß und schön, stellte er fest, und vergaß dabei, dass das gar nicht mehr sein Büro war. Uneb kannte das schon und sagte nichts. Das musste man Uneb lassen, der Bengel war verdammt ordentlich. Früher hatten hier immer hunderte Fetzen, No-tizen und Akten rumgelegen, dazwischen volle Aschen- und leere Kaffeebecher. Jetzt konnte man sogar die Tischplatte sehen. Und hatte der Boden immer schon dieses Muster gehabt? Ah, da waren die Strafzettel. Er nahm sie vom Stapel, füg-te an die Strafsumme noch eine Null an und unterschrieb dann. Schnell noch ein Stempel drauf und fertig. „Die nehme ich gleich ganz persönlich wieder mit in den Palast!“ Er grinste. Uneb war sich nicht so sicher, ob das eine gute Idee war. „Chef, Chef, wir brauchen mal … oh, Boss, du bist auch hier?“ Am Türrahmen erschien das zerknautschte Gesicht von Korporal Kery. Der kleine dürre Kerl war schon so lange bei der Wache. Er war schon ein älterer Kollege, als Nachtu als Rekrut angefangen hatte. Wahrscheinlich kon-servierten ihn seine stinkenden selbstgedrehten Zigaretten und die Unmengen von billigem Schnaps aus Kimbarati, die er in sich hineingoss. „Ja, was gibt es Korporal?“ Wie immer stand der Dürre jetzt etwas hilflos da und sein nervöser Blick wanderte zwi-schen seinem Chef und dem Kommandanten hin und her. Nachtu nickte in Richtung auf Uneb. „Ja, ähm, also, wir haben da einen Kerl, der sagt, er sei gestern von einer Ausländerin auf der Straße verkloppt worden, mit ihrer Handtasche!“ „Eine GOLDENE Handtasche!“, plärrte eine panische Stimme aus dem Erdgeschoss: „Und die hat mich nicht mit der Tasche geschlagen, die Tasche hat nach mir ge-schnappt!“ Das war interessant und so ging man wieder nach unten. Der Kerl, der da saß, war Nachtu nicht unbekannt. Es war Itschu, ein stadtbekannter Kleinkrimineller und Betrüger. „So, so, Itschu, die Tasche hat also nach dir geschnappt?“ Er konnte hören, wie andere Polizisten im Raum kicherten. „Boss, ich sage dir, diese Tasche hatte Zähne, ZÄHNE! Und sie hat geknurrt. Da geht man als rechtschaffener Bür-ger einfach so über die Straße, um zur Arbeit zu kommen, und wird dann mir nichts dir nichts von irgendwelchen aus-ländischen Handtaschen attackiert. Das ist doch wirklich …. Rassistisch, ja, bestimmt. Und sexistisch. Weil ich ein Mann bin, genau.“ „Itschu, der Tag, an dem du als rechtschaffener Mann zur Arbeit gehst, an dem werde ich Kaiser von Shi-ie-la“, feixte Nachtu. „Kann es nicht sein, dass du, ganz zufällig natür-lich, irgendwie mit deiner Hand an ihre Tasche gekommen bist und die Frau dachte, natürlich ganz zu Unrecht, dass du sie beklauen wolltest?“ Itschu setzte einen so beleidigten Blick auf, dass man es ihm fast glauben konnte: „Boss, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen, also in den letzten Monaten ...“ – er sah den Blick von Nachtu – „... Tagen, gut, in den letzten beiden Tagen … seit gestern Abend!“ „Also, mein guter, rechtschaffener Freund, ich denke, wir vergessen die Geschichte mit bissigen Handtaschen, du gehst mal rüber zu Frau Wensch und trinkst bei ihr mal einen schönen, heißen Kaffee. Und im Gegenzug halte ich dich nicht wegen versuchten Taschendiebstahls fest, ist das nicht ein guter Vorschlag?“ Itschu wirkte, ja, echt getroffen. Nachtu kannte den Ha-lunken jetzt schon bestimmt zwanzig Jahre und fiel auf kei-ne seiner Maschen mehr herein, weder die kranke Mutter, noch den sterbenden Verwandten, die Geldeintreiber oder den plötzliche Gedächtnisverlust, schon gar nicht auf seinen Versuch, niedlich zu sein – mit der Masche hätte er bereits vierzehn Tage nach seiner Geburt aufhören müssen – oder bemitleidenswert. Er hatte gar nicht geahnt, dass aus dem Mund des Mannes etwas anderes als Lügen und dumme Ausreden kommen konnten. Den Ausdruck, den er jetzt in seinen Augen sah, hatte er vorher noch nie darin entdeckt. Der Kerl schien allen Ernstes zu glauben, dass ihn eine Handtasche gebissen hatte. Was auch immer der gestern getrunken hatte, er sollte dringend damit aufhören. Nach dem kleinen Zwischenfall trank Nachtu noch einen Kaffee und besuchte kurz das brandneue Forensik-Team. Die waren ihm immer ein bisschen suspekt: Bücherwürmer und seltsame Kerle und Frauen, die in Kitteln herumliefen, mit Chemikalien hantierten und Maden sammelten. Aber als guter Boss muss man eben auch mit denen sprechen. Nach einer ziemlich langen Erklärung, warum Maden bei einem Mordfall sehr wichtig sein konnten – nach fünf Mi-nuten hatte er den Faden verloren – war er fast froh, wieder nach Hause zu müssen. Seine Frau hatte heute Abend ein kleines Festessen geplant, nur fünfhundert Gäste, da musste er sich jetzt sputen, um sich noch frisch zu machen. Er stöhnte bei dem Gedanken, was seine Frau dazu sagen wür-de, dass er wieder einmal ohne Perücke nach Hause kom-men würde. „Du kommst doch heute Abend auch, Uneb?“ Der Hauptmann nickte und dann verabschiedete man sich. „Übrigens Boss, schickes Make-Up!“, rief Kery im grin-send nach. Ach, verdammte Augenschminke! Nachtu lehnte sich noch kurz an die warme Mauer der Wache, sog den Geruch der vollen Straßen der Innenstadt auf und machte sich dann auf den langen Heimweg, zurück in das schicke, teure Viertel mit den riesigen Häusern und den noch riesigeren Gärten, in dem er jetzt wohnen musste.


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