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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Liebe unaufhörlich, Alexa Lor
Alexa Lor

Liebe unaufhörlich


Jäger der Dessla 01

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Prolog 


Nürnberg 1703 Während Gor auf Inkia wartete, wurden seine Hände feucht und das Kribbeln in seinem Magen von Sekunde zu Sekunde stärker. Still zu sitzen hatte er schon vor etlichen Minuten aufgegeben, stattdessen tigerte er von einer Wand zur anderen. All das waren völlig neue Reaktionen für ihn, soweit es Inkia betraf. Er kannte sie sein ganzes Leben lang, war mit ihr auf-gewachsen. Inkia war die Tochter der Köchin, eine Leib-eigene wie ihre Mutter, die seinem Vater Happ gehörte. Zu Happs Leidwesen hatten sie als Kinder miteinander gespielt. Happ sah es nicht gern, dass sich sein Sohn mit Angehörigen des niedrigsten Stands ihrer Art abgab. Doch Inkia war das einzige Kind außer Gor gewesen, deshalb hatte Happ zähneknirschend gute Miene zum kindlichen Spiel gemacht. Es gab nichts, was er nicht über Inkia wusste. Und umgekehrt. Nach allem, was sie miteinander erlebt und angestellt hatten, gab es keine Geheimnisse zwischen ihnen. Schon lange nicht mehr. Über dieses Stadium waren sie weit hinaus. Seit ihrer Kindheit waren sie die besten Freunde. Er wusste, dass Inkia ihm blind vertraute, und für ihn galt andersherum dasselbe. Mehr noch, sie liebten einander, seit sie Jugendliche waren. In dem Alter hatte man als Dessla noch keine Geschlechtsteile und demzufolge keinen Geschlechtstrieb. Dennoch war ihre Liebe so innig und tief, wie sie nur sein konnte. Unterschied sich von der der Erwachsenen nur dadurch, dass sie nicht von körperlichem Begehren begleitet wurde. Sie hatten sich ihre Liebe bereits vor Jahren eingestanden - und vor allen anderen geheim gehalten. Doch gestern hatte sich alles verändert. Gestern war Inkias siebenundzwanzigster Geburtstag gewesen und sie hatte ihre Initiation durchlaufen. Ein Ereignis, das ihm erst in zwei Jahren bevorstand, und von dem er nur eine vage Vorstellung hatte. Alles, was er darüber wusste, war, dass der Erste Wächter während der Zeremonie Dessmon anrief, den Gott der Stärke, der Kraft und des Kampfes, der die Dessla erschaffen hatte. Sobald Dessmon vom Körper des Ersten Wächters Besitz ergriff, berührte der die Körperstellen, an denen sich bei Erwachsenen die Geschlechtsmerkmale befanden, damit sie sich ausbildeten. Erst danach war man ein Mann oder eine Frau, galt als erwachsen und hatte einen Sexualtrieb. Ob dieser Vorgang schmerzhaft war, war Gor nicht bekannt. Niemand sprach darüber. Er wusste auch, dass die Inkia, die gerade auf dem Weg zu ihm war, nicht mehr die Inkia war, die er gestern noch gekannt hatte. Sie war nicht mehr das ihm vertraute, fast androgyne Wesen. Jetzt war sie eine Frau, die auch wie eine aussah. Wie stark sie sich wohl verändert hatte? Und ihr gemeinsames Geheimnis war kein Geheimnis mehr, wie er vor einer Stunde bei dem Gespräch mit seinem Vater erfahren hatte. Seine Eltern wussten es sogar schon lange, wie Happ ihm glaubhaft versichert hatte, bevor er den Vorschlag unterbreitete, dessentwegen Gor jetzt nervös auf Inkia wartete. Würde sie annehmen? Er ging davon aus, war sich aber nicht sicher. Was, wenn sie es vorzog, das Leben zu führen, das ihr seit ihrer Geburt bestimmt war? Ein Leben, zu dem sie eigentlich schon unterwegs sein sollte. Ein Leben in ei-nem anderen Haushalt, dem von Slim, einem Jäger wie Gors Vater, in dessen Besitz sie übergehen würde. Ein Leben als Partnerin eines dortigen Leibeigenen. Was, wenn sie seinen Vorschlag ablehnte? Als sich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, hörte er auf zu grübeln. In wenigen Augenblicken würde er eine Antwort auf diese Fragen erhalten. Ihm stockte der Atem, als Inkia vor ihm stand. Sie hatte sich mehr verändert, als er sich vorgestellt oder erwartet hatte, und weit mehr, als er sich bei seiner Initiation verändern würde. Während die Desslaner auch uninitiiert männlich aussahen, mit entsprechendem Körperbau und meistens muskelbepackt, war das bei Desslanerinnen anders. Bei Desslanern wurde aus ihrem verhältnismäßig kleinen Geschlechtsteil ein richtiger Penis und die vorher nicht vorhandenen dazugehörigen Körperteile bildeten sich ebenfalls aus. Das war alles. Eine Desslanerin veränderte sich viel umfangreicher, und so war das auch bei Inkia. "Du bist wunderschön." Er konnte nur flüstern, weil ihm ihr Anblick nicht nur den Atem, sondern auch die Stimme raubte. Skeptisch sah sie ihn an. "Findest du?" Wunderschön war noch untertrieben. Ihr hüftlanges, dunkeltürkisfarbenes Haar war noch eine Nuance dunkler geworden und glänzte, als würde es das Sonnenlicht einfangen. Ihre meergrünen Augen mit den blauen Pupillen strahlten. Im Gegensatz zu gestern wölbten sich unter ihrer Bluse jetzt Brüste, die groß genug waren, seine Hände auszufüllen. Ihr Becken war breiter geworden, und was sich am Ende ihrer Schenkel unter ihrem Rock verbarg, konnte er nur ahnen. Er hatte noch nie eine erwachsene Frau nackt gesehen. Es hatte ihn bisher auch nicht interessiert. Wie Schambehaarung aussah, war ihm nur in der Theorie bekannt, nicht in der Praxis. Ob sie die gleiche schöne Farbe hatte wie das Haupthaar? Er nickte nur und bemerkte, wie ein Ausdruck von Er-leichterung die Skepsis in ihrem Gesicht ersetzte. An-scheinend hatte sie befürchtet, ihm nicht mehr zu gefal-len. Was für ein dummer Gedanke. Sie würde ihm immer gefallen, sogar mit schiefen Zähnen und einer riesigen Warze mitten auf der Nase, Glatze und krummen Beinen, denn ihre Schönheit hatte nichts mit ihrem Aussehen zu tun. Sie lächelte und in diesem Moment wusste er, dass kei-ne andere Frau ihn jemals so würde bezaubern können wie die, die gerade vor ihm stand. Nichts und niemand würde seine Liebe für sie je schmälern können, dessen war er sich sicher. Auch seine Initiation und der damit einhergehende Geschlechtstrieb nicht. Das würde seine Gefühle für Inkia nur noch verstärken, daran hegte er nicht den geringsten Zweifel. Allerdings wusste er nicht, ob es ihr genauso ging. Sie hatte seit gestern einen Sexualtrieb, und er hatte keine Ahnung, wie der sich auswirkte. Bis gestern hatte sie ihn geliebt. Stark genug, um ihn heute auch zu begehren? Und, vor allem, um zwei Jahre lang zu warten, bis auch er sie begehren konnte? "Du willst dich wohl von mir verabschieden." Sie hatte also noch keine Ahnung. "Nein. Vater sagt, du musst nicht zu Slim. Du kannst hierbleiben." "Ich kann bleiben? Aber ich dachte …" Ihre Verwir-rung war ihr deutlich anzusehen und verständlich. "Als meine Luwan", ergänzte er, "wenn du das willst." Der entscheidende Augenblick. Jetzt kam es darauf an. Wie würde sie reagieren? Mit großen Augen starrte sie ihn an, und er konnte ge-radezu sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Eine Luwan zu sein, brachte große Sicherheit mit sich. Um ihre Versorgung musste sich eine Luwan keine Ge-danken machen. Dennoch. Eine Luwan zu sein bedeute-te, niemals Kinder zu haben, niemals frei zu sein. Es war eine besondere Form der Leibeigenschaft. Als seine Lu-wan würde sie von Happs Besitz in seinen übergehen. Sie würde niemals einen anderen Mann kennen außer ihm - bestimmt nicht der erklärte Traum einer Frau, und ganz sicher nicht der von Inkia. Aber der einzige Weg, eine Trennung zu umgehen und zu verhindern, dass sie die Partnerin eines anderen wurde. Für ihre Liebe gab es nur diese eine Möglichkeit. War das genug für sie? "Ja", hauchte sie in diesem Moment, fiel ihm um den Hals und zerstreute mit diesem einen Wort alle seine Bedenken. "O ja, das will ich. Ich will deine Luwan sein." Überglücklich schloss er sie in seine Arme. Die Angst, sie könne sein Angebot ablehnen, hatte einem Felsbro-cken gleich auf seiner Brust gelegen. Jetzt war das Ge-wicht verschwunden und ihm war noch nie so leicht ums Herz gewesen wie in diesem Augenblick. Während er sie sanft wiegte, sog er ihren Geruch tief in sich auf. Sogar der hatte sich verändert. Sie duftete jetzt nach Jasmin, und er liebte diesen Duft sofort. Als er sie küsste, intensivierte sich der Geruch sogar noch. "Wieso riechst du plötzlich stärker?" Errötend schlug sie die Augen nieder. "Weil ich auf dich reagiere." Zuerst wusste er nicht, was sie damit meinte, doch als das Rot auf ihren Wangen dunkler wurde, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich. Sie war jetzt eine erwachsene Frau mit ausgeprägten Geschlechtsteilen und Hormonproduktion. Ihr Körper funktionierte jetzt anders, ihr Körper reagierte auf seinen Körper. "Ich wünschte, ich könnte das auch." "Noch zwei Jahre, Gor, dann kannst du es." "Ja." In zwei Jahren würde sein Körper, nachdem er seine Initiation durchlaufen haben würde, das erste Mal auf den einer Frau reagieren, aber diese Frau würde nicht Inkia sein. Der Körper, auf den er reagieren würde, gehörte einer anderen. Mera, der Frau, der er seit seiner Geburt versprochen war. Und auch wenn er Mera kannte und schätzte und obwohl er wusste, dass sie Inkia mochte und deshalb akzeptieren und nie etwas gegen sie sagen würde, gefiel ihm der Gedanke, dass sie es sein würde, ganz und gar nicht. Sein erstes Mal. Wie sehr er sich wünschte, es mit Inkia erleben zu können. Aber das war leider völlig ausgeschlossen. * Nur jeweils fünf Kerzen in zwei Messingleuchtern brannten und vermochten kaum, den ganzen Raum mit Licht zu erfüllen. Im Kamin loderte ein Feuer, die Holzscheite knackten. Wäre der Grund, aus dem sie hier war, ein anderer ge-wesen, Inkia hätte glatt in romantische Gefühle versinken können. Der Grund war aber nicht sonderlich romantisch, wie die zur Seite gerückten Möbel bewiesen. Der freie Platz vor dem Kamin wirkte bedrohlich. Ohne ihren Kopf zu drehen, schielte sie zum Feuer, aus dem drei Stäbe ragten. Sie konnte die metallenen Enden in den Flammen nicht erkennen, ging aber davon aus, dass sie glühten. Lange genug lagen sie schon darin. Happ saß in dem riesigen Ohrensessel, der von seinem Platz vor dem Kamin an die Wand geschoben worden war, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände im Schoß gefaltet, doch sein Gesichtsausdruck strafte die entspannt wirkende Haltung Lügen. Gor machte dasselbe Gesicht, und sie vermutete, dass sie nicht viel anders aussah. Gottlob gab es hier drin keinen Spiegel. Die Warterei zerrte an ihren Nerven. Sie hätte das Ganze lieber schnell hinter sich gebracht. Es gab jedoch Dinge, die ohne einen Wächter der Zeremonien nicht gemacht werden konnten, und zur Luwan zu werden gehörte dazu. Nachdem sie vor drei Stunden ihre Zustimmung gege-ben hatte, waren die Vorbereitungen umgehend in An-griff genommen worden. Gor hatte den Raum hergerich-tet und die ersten beiden Eisen ins Feuer gelegt. Sie hatte gebadet, ein Luxus, der einem Leibeigenen üblicherweise nicht zuteilwurde, und sich anschließend ein weites, ärmelloses weißes Hängekleid angezogen, das ihr bis zu den Zehen reichte. Happ hatte nach dem Obersten Wächter des Nürnberger Tempels geschickt, der noch mitten in einer anderen Zeremonie steckte. Es würde ein bisschen dauern, bis er so weit war, hatte er Happ wissen lassen, aber er würde sich beeilen. Der Bote hatte Happ das dritte Eisen überreicht, das sich postwendend zu den anderen beiden gesellt hatte. "Angst?" Gor hatte wohl bemerkt, wohin sie schielte. Sie sah ihm in die Augen und nickte wortlos. Dann leg-te sie ihren Kopf gegen seine Schulter. Beinahe war sie groß genug, ihn auf die Schulter legen zu können, aber nur beinahe. Gor schlang die Arme fester um sie. "Wenn's anders ginge, würd ich dir den Schmerz gern ersparen." Der Schmerz. Ja, auf den könnte sie gut verzichten. Sie hatte sich noch kaum von dem ihrer Initiation erholt. "Ich weiß", hauchte sie gegen seinen Hals. Gor drückte seinen Mund auf ihren Scheitel, in diesem Moment betrat der Oberste Wächter den Raum. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als wollte er sagen, dass sich die Frage nach der Freiwilligkeit für ihn mit diesem Anblick erledigt habe. Sein kahlgeschorener Schädel glänzte, als hätte er ihn mit Öl eingerieben, und reflektierte den Schein der Kerzen neben seinem Kopf ebenso wie der Ring in seinem linken Ohr. Er sah viel freundlicher aus als der Erste Wächter, hatte aber wahrscheinlich auch nicht so viel um die Ohren. Happ erhob sich, ging zu ihm hinüber und beugte sein Haupt, um den Wächter ordnungsgemäß zu begrüßen. Als Angehöriger der Wächter der Zeremonien, noch dazu als Oberster Wächter des örtlichen Tempels, stand er nicht nur über Happ, sondern an der Spitze ihrer Gesellschaftsstruktur. Die Wächter der Zeremonien bildeten die oberste Klassenschicht, die es bei den Dessla gab. Sie standen, zumindest theoretisch, sogar über dem König, der nur der vierten Klasse, dem Adel, entstammte. Aber sie hatten keinerlei Befehlsgewalt und keinen offiziellen Einfluss, nicht mal der Erste Wächter, der immerhin der Mittelsmann zu ihrem Gott Dessmon war. Trotzdem waren die Wächter der wichtigste Bestandteil der Dessla, denn sie überwachten die Zeremonien und führten die meisten davon auch durch. Ohne die Wächter ging gar nichts. Nachdem Happ dem Obersten Wächter seinen Respekt gezollt hatte, nahm er ihm Mantel und Tasche ab. Den Mantel legte er auf den Ohrensessel, die Tasche stellte er neben dem Kamin auf den Boden. Der Oberste Wächter wandte sich Gor zu, der die Um-armung mit ihr löste. Der tröstlichen Wärme seines Kör-pers beraubt, fröstelte ihr. Ein Zittern ließ ihren Körper leicht erbeben. Gor bemerkte es nicht, weil er soeben vor den Obersten Wächter trat, wie es Happ getan hatte. Natürlich war das seine Pflicht, dennoch fühlte sie sich allein gelassen. Gor beugte nicht nur sein Haupt vor dem Wächter. Noch war er kein Jäger, lediglich der Sohn eines Jägers, seine Respektsbezeugung fiel daher demütiger aus als die seines Vaters. Sie verbeugte sich so tief, dass ihre Nasenspitze beinahe ihre Knie berührte, als sie an der Reihe war, den Wächter zu begrüßen. Und sie richtete sich erst wieder auf, nachdem sie die Erlaubnis dazu erhielt, auf die sie geduldig wartete. Sie war eine Leibeigene, das Niederste vom Niederen. Was sie nicht weiter störte, solange Gor sie nicht so behandelte. Außerdem kannte sie es nicht anders. Von klein auf war ihr beigebracht worden, nichts ohne Erlaubnis zu tun. Der Wächter hielt sich nicht lang mit Floskeln auf - das taten die Wächter nie -, sondern kam gleich zur Sache. Und nachdem sie auf seine Frage hin bestätigte, dass sie freiwillig hier war und Gors Luwan werden wollte, nahm er sie am Oberarm und führte sie zum Kamin. Dort legte sie sich auf den Rücken und der Wächter schob das Kleid bis über ihren Bauchnabel nach oben. Ihr Unterleib lag frei, doch durch die Wärme des Feuers spürte sie es kaum. Während der Wächter ein Fläschchen und ein Tuch aus seiner Tasche holte, kniete sich Gor auf die für ihn bestimmte Position hinter ihrem Kopf. Der Wächter beträufelte das Tuch mit dem Inhalt der Flasche. Es roch nach Alkohol. Anschließend strich er mit dem Tuch über Inkias Unterbauch. Nachdem er die Utensilien wieder in seiner Tasche verstaut hatte, griff er nach einem der Eisenstäbe und zog ihn aus dem Feuer. Der Wächter stellte sich breitbeinig über ihre Oberschenkel, umfasste mit beiden Händen den Griff des Stabes und richtete dessen orangeglühende Spitze auf ihren Unterleib. Die Spitze hatte die Form einer Sichel, deren Bogen in Richtung ihres Gesichts und die beiden Enden auf ihre Leisten zeigten. Sie spürte die immense Hitze, die von dem Eisen aus-ging, obwohl es noch etliche Zentimeter von ihrer Haut entfernt war. Wenn es sich jetzt schon so heiß anfühlte, wie würde es dann erst sein, es direkt auf die Haut ge-presst zu bekommen? Die Angst in ihr wurde so über-mächtig, dass nur ihre Gefühle für Gor sie am Boden hielten. Für keinen anderen würde sie sich dieser Tortur aussetzen. Gor legte seine Hände auf ihre Schultern. Nicht, um sie zu trösten, sondern um sie festzuhalten, sobald sich das Eisen auf ihren Körper senkte. Damit sie nicht aufspringen konnte und dadurch sich oder jemand anders unnötig verletzte. So hatte man es ihr jedenfalls erklärt. Trotzdem tat ihr die Berührung gut und zusammen mit dem Lächeln, das er ihr schenkte, wenn es auch leicht verkniffen wirkte, vermittelte ihr die Geste den Beistand, den sie brauchte. Aus demselben Grund wie Gor kniete sich Happ zu ihren Füßen nieder und umgriff ihre Unterschenkel kurz unterhalb der Knie. "Wenn du entschlossen bist, sprich den ersten Schwur", sagte der Wächter ernst. Inkia atmete tief durch, um sich zu sammeln, und rich-tete den Blick fest auf Gors Augen. "Von nun an und für alle Ewigkeit bin ich dein." Kaum war die letzte Silbe verklungen, senkte sich das Eisen auf ihren Körper. Noch bevor sie etwas fühlte, biss der Geruch nach verbranntem Fleisch in ihre Nase. Großer Dessmon. Dieser Gestank war sogar noch schlimmer als der Schmerz, der nur den Bruchteil einer Sekunde später einsetzte. Schmerz. Sie dachte, sie hätte am Tag zuvor schon das Schlimmste an Schmerz kennengelernt, das es gab. Welch ein Irrtum. Dieser Schmerz, der ihren Körper in Wellen durchflutete, schlug den der Initiation um Längen, obwohl er sich völlig anders anfühlte. Von einem einzigen Punkt ausgehend, fraß er sich komplett an ihr entlang. Derart stark, dass sie aufschrie und sich so massiv verkrampfte, dass nur die Kraft der beiden Männer an Kopf und Beinen sie auf dem Boden hielt. Ganz wie es ihre Aufgabe war. Schweiß trat auf ihre Stirn und ihre Sicht wurde durch Tränen getrübt. Als sie wieder klar sehen konnte, hatte der Wächter seinen Platz mit Happ getauscht. Das erste Brandeisen lag zum Auskühlen in einer Steinschale. Happ hielt das zweite mit dem runden Familienwappen in der Größe eines Kreuzers in Händen. Dieses Zeichen würde direkt über der Grenze ihres Schamhaars rechts in den eingebrannten Halbkreis gesetzt werden. Seltsam. Diesmal spürte sie keine von dem Eisen ausgehende Hitze. Vielleicht, weil ihr Unterleib noch von dem ersten brannte? Und wenn sie die Hitze nicht spürte, bedeutete das, der Schmerz würde ebenfalls geringer sein? Sie hoffte es inständig. Erneut hob sie den Blick zu Gor, um den zweiten Schwur abzulegen. Wie bleich er geworden war, seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Sie tat das nur für ihn, und er wusste das, war ganz bei ihr, fühlte mit ihr. Das gab ihr Mut. "Niemals wird ein anderer sehen, was nur für deine Augen bestimmt ist." Diesmal klang ihre Stimme schon nicht mehr so fest wie beim ersten Schwur. Sie schob das auf den nur all-mählich abklingenden Schmerz, trotzdem ärgerte sie sich darüber. Sie wollte doch stark und entschlossen klingen, damit sich auch Gor besser fühlen konnte. Der zweite Schmerz war, entgegen ihrer Hoffnung, sogar noch schlimmer, weil er sich mit dem ersten vereinte. In ihrem Schädel zerbarst etwas. Tausend Funken stoben vor ihren Augen auseinander. Sie war nicht mal fähig zu schreien, weil sie kaum noch atmen konnte. Gor und Happ tauschten die Plätze, und Gor griff nach dem dritten Eisen, sein Zeichen, das neben das Famili-enwappen gesetzt wurde. Sein Gesicht sah aus, als würde er ihren Schmerz genauso spüren wie sie selbst. Bleich war kein Ausdruck mehr für seinen Teint. Sein Atem ging flacher als ihrer und seine Augen waren glasig von den Tränen, die er unterdrückte, weil er sie nicht vergießen durfte. O ja, er war wirklich ganz bei ihr. Ein letztes Mal, dann war es überstanden, und für ihn würde sie es durchstehen. "Niemals wird ein anderer berühren, was nur dir allein gehört." Der dritte Schwur war nicht mehr als ein heiseres Krächzen, und der Schmerz der Zeichnung so gewaltig, dass er ihr das Bewusstsein raubte. Sie glitt in eine wohl-tuende Schwärze. Als Inkia wieder zu sich kam, lag sie immer noch vor dem Kamin. Doch das Kleid war heruntergezogen worden, und sie spürte den Verband, der über dem fertigen Brandzeichen angelegt worden war. Ihr Kopf ruhte in Gors Schoß. Sie waren allein. Happ und der Wächter waren gegangen. Dieser Augenblick gehörte Gor und ihr, und sie fühlte sich dankbar, dass die beiden erwachsenen Männer ihn ihnen gönnten. Sie hätte diesen Moment, den ersten Blick auf Gor als seine Luwan, nicht gern mit anderen geteilt. Zum Glück musste sie es nicht. Unendlich scheinende Zärtlichkeit lag in Gors Augen, während er sie ansah. Ein Blick, den sie in ihrem ganzen Leben nicht vergessen würde. "Ich liebe dich", flüsterte er, sobald er merkte, dass sie bei sich war. "Und nichts wird jemals etwas daran ändern. Auch meine Zusammenführung mit Mera nicht." Das wusste sie, er hätte es nicht zu sagen brauchen. Dennoch war sie froh, dass Mera seine Partnerin sein würde. Mera hatte sich ihr gegenüber stets nett verhalten, sie nie herablassend behandelt. Mera würde Inkia akzeptieren, weil sie nicht nur Gors, sondern auch ihre Gefühle kannte. Es hatte Mera nie etwas ausgemacht. Ebenso wenig wie es Inkia etwas ausmachte, Gor mit Mera teilen zu müssen. Er beugte sich zu ihr hinunter und hauchte ihr einen sanften Kuss auf den Mund. Nachdem er sich aufgerich-tet hatte, setzte er eine ernste Miene auf. "Das ist mein Schwur an dich." Der Klang seiner Stim-me entsprach dem Ausdruck auf seinem Gesicht. "Für jetzt und alle Zeit gehört meine Liebe dir. Niemals wird eine andere Frau deinen Platz in meinem Herzen ein-nehmen." Während sie versuchte, ihrer Emotionen Herr zu wer-den, füllten Tränen ihre Augen und liefen haltlos über ihre Wangen. Doch es waren keine Tränen des Schmer-zes. Ein Schwur des Inkobal genannten Besitzers an seine Luwan war nicht vorgeschrieben. Er konnte nicht mal erwartet werden und wurde normalerweise auch nicht erbracht. Dass Gor das getan hatte, dass er ihr seine ewige Liebe schwor, bedeutete ihr mehr, als sie mit Worten hätte ausdrücken können. Ihr Herz floss über wie ein Wasserfass nach einem ausgiebigen Regenschauer vor Liebe zu ihm. In diesem Moment sah ihre Zukunft besser aus, als sie es je zu hoffen gewagt hatte. Ja, sie würde nie seine Part-nerin sein. Sie würde nie seine Kinder gebären. Das kam nur Mera zu. Aber Gors Herz und seine Liebe gehörten ihr. Sie, eine kleine Leibeigene ohne Rechte, war reicher, als Mera, Tochter eines Jägers, es jemals sein würde. Alles war gut.


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