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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Leon Traumgänger, Jürgen Großmeyer
Jürgen Großmeyer

Leon Traumgänger


erwachen

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Zwischenfall



Den Sonntag verbringt Leon wie den Tag zuvor: auf seinem Zimmer.
Seine finstere Miene steht mit der strahlenden Sonne im Widerstreit.
Das Himmelslicht wird nicht müde, allem und jedem ein Schattenabbild
anzuhängen. Kein Wunder, dass sich die ganze Welt verfolgt fühlt.
Wie sonst sollte zu erklären sein, dass morgens bis abends Kinder aus
der Nachbarschaft kreischend hin und her laufen, scheinbar ständig auf
der Flucht vor ihren düsteren Doppelgängern? Leon presst die Stirn gegen
das kühle Glas der Fensterscheibe. Bei genauerem Hinsehen muss
er zugeben, dass das ganze Schauspiel auch an der kunterbunten
Pumpgun in den Händen des rothaarigen Jungen mit dem F95-Schal
liegen könnte, der mit seinem Spielzeug die übrigen Kinder zu erwässern
versucht. Der Witzbold hofft wohl darauf, dass sich der Sommer
noch einmal zurückmeldet. Leon schaudert es bei dieser Vorstellung.
Nicht nur wegen der schweißtreibenden Temperaturen. Die Sache mit
der Sonne und all dem vielen Licht ist schlicht und ergreifend ein zweischneidiges
Schwert. Zumindest für ihn.
Am Montag schlägt das Wetter zu Leons Zufriedenheit um. Die Sonne
verbirgt sich die meiste Zeit hinter einer milchig grauen Mauer. Nur das
diffuse Licht, das durch die feinen Ritzen der Wolkenwand sickert, beweist,
dass sie sich noch nicht ganz aus dem Staub gemacht hat.
Bereits am Vormittag flüchtet Leon in jeder wolkenverhangenen,
pflichtfreien Minute nach draußen. Am liebsten, um mit dem Skateboard
durch die Gegend zu kurven. In möglichst weiten Bögen um andere
Leute herum. Und deren Schatten. Denn wer weiß, ob die
Wolkenwand auch wirklich hält, was sie verspricht.
Während des Mittagessens bekommt Leon neben Lasagne auch
noch ein paar schwer verdauliche Sprüche von Jasmin zu schmecken.
Er flüchtet auf dem Skateboard in Richtung Innenstadt. Die Rheinuferpromenade
ist wie leergefegt. Der Wind weht den Geruch des Wassers
zu ihm herüber. Leon passiert den Schlossturm und trabt die breiten
Stufen der Rheintreppe herunter. Zu den Gerüchen, die vom Strom herüberwabern,
gesellt sich der Gestank von verschüttetem Bier. Leon
wird ganz anders zumute, wenn er an die Menschenmassen denkt, die
sich hier bei Sonnenschein tummeln. Nicht zu vergessen das Durcheinander
der Schatten.
Am Fuße der Treppe angekommen, schaut Leon sich um. Noch weniger
Leute als oben. Noch besser. Leon dreht ein paar Runden, bevor
er sich ausgiebig an den Feinschliff des einen oder anderen Skateboard-
Tricks macht. Die kreisrunden Lichter am Schaft des Rheinturms
erinnern ihn schließlich daran, dass es Zeit wird aufzubrechen.
Auf dem Rückweg verfehlt er einige Passanten nur um Haaresbreite,
darunter zwei Weißkappen in Uniform. Einer der Polizisten will sogar
sein Board konfiszieren, aber Leon ist schneller davon, als der
andere zupacken kann.
Auch seinen Mitbewohnern geht er in diesen Tagen möglichst aus
dem Weg. Am leichtesten macht es ihm Lucy, von der er bisher nicht
einmal eine Haarspitze zu sehen bekommen hat. Den anderen ist sie
ebenfalls noch nicht über den Weg gelaufen, wie Leon am Rande mitbekommt.
Nur Sarah und die übrigen Betreuer suchen Lucy regelmäßig
in ihrem selbst gewählten Exil auf und versorgen sie mit dem
Nötigsten.



„Vielleicht hat die ja die Fresse voller Pickel und schämt sich“, spottet
Jasmin während des gemeinsamen Frühstücks am Dienstagmorgen.
Nicole schlägt in die gleiche Kerbe. „Oder sie hat ‘ne Pestlippe.“
„So was kriegt man doch, wenn man sich vor etwas ekelt, oder? Vielleicht
ist die Heulboje ja doch mal aus dem Mief ihrer Wohnhöhle gekrochen.
Wer oder was ist ihr da wohl über den Weg gelaufen?“ Jasmin
nimmt jeden der Anwesenden genauestens in Augenschein.
Leon kann sich an fünf Fingern ausrechnen, was jetzt kommt. Jasmin
enttäuscht ihn nicht. Als ihr Blick auf ihn fällt, weiten sich die Augen
seiner Mitbewohnerin in gespielter Erkenntnis.
„Leon!“, stellen Jasmin und Nicole zeitgleich fest und schlagen sich
in perfekt einstudierter Choreographie vor die Stirn.
Leon lächelt betont müde, doch das Grinsen der beiden Mädchen
nagt kleine Stücke aus seiner mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung.
Mit beiden Händen klammert er sich an seiner Lieblingstasse
fest. Ein feuerroter Drache auf – wer hätte das vermutet – schwarzem
Grund. Sarahs Willkommensgeschenk. WG-Tradition. Komisches Gefühl,
etwas geschenkt zu bekommen, nur weil man irgendwo ankommt.
Ohne Geburtstag. Ohne Weihnachten. Zwei Kerben am Rand, eine am
Griff. Für jedes Jahr eine. Die vierte fehlt noch. Wäre schön, wenn es dabei
bliebe. Zum Glück hat es den Drachen bisher nicht erwischt.
Jasmin unternimmt einen weiteren Versuch, Leons zur Schau gestellten
Gleichmut auf die Probe zu stellen. „Oh Mann, die Cornflakes
sind alle. Welcher Vollhorst hat die leer gemacht, ohne mich vorher zu
fragen?“ Sie macht sich nicht einmal die Mühe, ihren Blick auf Rundreise
zu schicken. Unverblümt schaut sie Leon an. „Das kannst ja eigentlich
nur du gewesen sein. Ansonsten frisst hier ja niemand das
Zeug.“
„Und wenn?“ Da ist dieses flaue Gefühl in der Magengrube. Bestimmt
nicht wegen der Flakes, die er sich vor einer halben Stunde einverleibt
hat. Die waren echt in Ordnung und noch weit diesseits des
Mindesthaltbarkeitsdatums. Schwer im Magen liegt ihm einzig und allein
die Missachtung einer seiner goldenen Regeln: Nimm nie den Rest
von etwas, das womöglich im Keller auf Vorrat liegt. Aber vielleicht hat
er ja Glück und …
„Hallo! Erde an Döskopp!“ Jasmin hält Leon einen abgewetzten
Schlüssel mit langem Schaft und gewelltem Bart vor die Nase. „Hast
dich sowieso schon viel zu lange davor gedrückt.“
Gebannt starrt Leon auf den Schlüssel, der an einem Plastikanhänger
vor ihm hin und her schwingt. Auf dem Anhänger die Aufschrift
Keller. Scheiße.
„Und mach hin, ich hab Kohldampf.“
Muss das sein?
Als hätte Jasmin seine Gedanken gelesen, fügt sie hinzu: „Du kennst
die Regeln. Wer sich den Rest unter den Nagel reißt, muss für Nachschub
sorgen. Oder soll ich Petra rufen, damit sie dich ans Händchen
nimmt, du Schisser?“ Sie grinst breit. „Die freut sich bestimmt.“
„Du hast mir gar nichts zu sagen!“
Christian rückt vom Tisch ab. „Hört auf zu streiten. Das ist ja echt
nervig. Dann hol ich eben die blöden Flakes.“
Leon schnellt vom Stuhl hoch und schnappt sich den Schlüssel. „Ist
meine Sache.“
Christian hebt die Schultern und blickt zur Küchenuhr. „Macht
doch, was ihr wollt. Ich bin dann mal weg. Hab Petra schon Bescheid
gesagt.“



Leon verlässt die Wohnung nach Christian und ganz ohne Eile. Soll Jasmin
ruhig glauben, dass er sich so viel Zeit lässt, um sie zu ärgern.
Wahrscheinlich weiß sie es sowieso besser. Leider.
Im Hausflur ist es kühl. Eine Gänsehaut überzieht Leons blanke Arme.
Vielleicht sollte er sich erst mal was überziehen …
Mach hin, dann hast du es hinter dir.
Er schaltet das Licht ein. Geht die Treppe zum Keller hinunter. Er
weiß, dass ihm knapp 90 Sekunden bleiben, bis das Licht wieder ausgeht.
Zum Glück gibt es neben der Kellertür einen weiteren Lichtschalter.
Am ersten Etappenziel angekommen, steckt Leon den Schlüssel ins
Schloss, dreht ihn aber noch nicht herum. Er drückt auf den Lichtschalter.
Noch mal 90 Sekunden. Ab jetzt. Während er stumm mitzählt,
greift Leon in seine Hosentasche. Seine Finger kämpfen sich durch den
üblichen Wust aus Papiertaschentüchern, Taschenmesser, Kleingeld
und Bonbonpapier. Leise klirrend kommt der magere Schlüsselbund
zum Vorschein. Die Schlüssel selbst sind völlig uninteressant. Wichtig
ist nur der stabförmige, nicht einmal kleinfingerdicke Anhänger. Eine
Taschenlampe. Leon hat sie sich nach dem letzten Kellerausflug zugelegt.
Der Stromausfall ist ihm eine Lehre gewesen.
Leon drückt auf den kleinen, schwarzen Plastikknopf. Ein bläulicher
Lichtkreis erscheint auf der Kellertür. Er hat lange suchen müssen,
um eine Lampe mit blauem Licht zu finden. Er prüft das Licht
noch mal. Aus. An. Aus. An. Aus. Nur zur Sicherheit. Und drückt noch
mal den Schalter fürs Treppenhaus.
Mann, jetzt mach schon …
Selbst das kalte Metall der Türklinke fühlt sich wärmer an als seine
Finger. Er öffnet die Tür. Ohne Umschweife fällt sein Blick auf den
Kippschalter rechts von ihm. Er legt den Schalter um. Die weiter unten
lauernde Dunkelheit wird von dem aufflammenden Licht in die Ritzen
und Fugen zurückgetrieben, aus denen sie gekrochen ist.
Nach zehn Stufen bleibt Leon abrupt stehen. Er dreht sich um. Bis
auf die weit offen stehende Kellertür ist nichts zu sehen. Und auch
nichts zu hören. Alles nur Einbildung. Nervensirren. Und weiter. Leons
Schatten zeichnet sich dunkel auf den Betonstufen ab, wie ein eigenständiges
Lebewesen, das ihm vorausschleicht, um ihn in die Falle
zu locken. Leon fuchtelt mit den Armen. Sein Schatten winkt gehorsam
zurück. Vielleicht einen Tick zu spät. Oder einen Deut übertriebener als
das Original. Spinner. Nur zu gut erinnert er sich an Christians spontane
Diagnose, als er ihm davon erzählt hat, was er manchmal in den
Schat ten sieht – in denen anderer Menschen und in seinem eigenen.
Den Blick, mit dem Christian ihn betrachtet hat. Wie er ein Stück von
ihm abgerückt ist. Wie von einem Aussätzigen. Aus dem Bruch zwischen
ihnen wurde im Laufe der Zeit eine unüberwindbare Kluft. Wenigstens
hat Christian das Geständnis für sich behalten. Ein letzter
Freundschaftsdienst. Vielleicht so eine Art Abschiedsgeschenk.
Leon erreicht den Fuß der Treppe. Er atmet tief durch. Schisser. Jasmins
Stimme zischt durch seine Gedanken. Macht ihm Beine. Zeitlupenbeine.
Leon setzt einen Fuß vor den anderen. Wieso ist der Keller
überhaupt so groß? War wohl ein geistig umnachteter Architekt, der
ihn entworfen hat. Einer, der auf Irrgärten und Horrorfilme steht …
Leon lugt um die Ecke in den nächsten Gang hinein. Wieso muss
der Vorratsraum auch noch so weit hinten liegen? Er beäugt seinen
Schatten. Je nach Stand der Deckenlampen erscheint er mal schemenhaft,
mal scharf umrissen, mal vor ihm, mal neben ihm, mal hinter ihm.
Leon wünscht sich Augen im Hinterkopf. Oder eine andere Kellerbeleuchtung.
So eine wie im Kaufhaus oder in Büroräumen. Diffuses
Licht. Schattenunfreundliches Licht. Platz eins in Leons persönlicher
Top Ten der Lampen- und Beleuchtungshitparade. Dicht gefolgt von
blauem Licht.
Leon erreicht sein Ziel. Aufatmen. Die Tür zum Vorratsraum ist unverschlossen.
Doch wo sind all die Sachen hin? Und was machen die
Blumentöpfe und das Gartenzeugs hier drin? Hat er sich vielleicht im
Raum geirrt? So lange ist es nun auch wieder nicht her, als er das letzte
Mal hier unten gewesen ist. Der Groschen fällt. In das Sparschwein
mit der Aufschrift Eigentor.Wer hat in der WG-Versammlung vor drei
Wochen noch mal vorgeschlagen, den Keller umzuräumen? Leon! Wer
hat es wohl verpasst, sich selbst darum zu kümmern? Leon! Ein neues
Kapitel im Buch Der Weg war umsonst. Ihm wird schwarz vor Augen.
Seinen Kreislauf trifft keine Schuld. Nur die Stromversorgung.
Das kann doch nicht wahr sein!
Jetzt bloß nicht panisch werden. Er tastet sich zur Tür zurück. In
seinen Ohren rauscht ein blutroter Fluss, der alle anderen Geräusche
schluckt. Was gibt’s da auch schon zu hören? Hier unten ist niemand.
Nur er selbst. Und die Dunkelheit.
Leon klammert sich an den Türrahmen. Trotzdem hat er das Gefühl
zu schwanken, wie ein Schiff in Seenot. Der Türrahmen ist das
Riff, auf das er aufgelaufen ist – und von dem ihn die nächste nachtschwarze
Welle wieder fortspülen wird. Kein Leuchtturm in Sicht. Kein
Licht, das ihn in den sicheren Hafen geleitet.
Du Idiot!
Die Taschenlampe. Er hält sie die ganze Zeit in der Hand!
Er tastet nach dem Schalter. Die Hände zittern, die Finger sind
klamm. Der Schlüsselbund mit der Lampe fühlt sich glitschig an wie
ein Fisch. Schwups, da fällt er auch schon und landet klirrend auf dem
Fußboden.
Leon flucht.
Bitte, bitte, lass sie nicht kaputt gegangen sein!
Er will sich bücken, aber seine Knie zittern. Selbst das Rauschen in
seinen Ohren verstummt. Ein zu Eis erstarrter Fluss. Das hast du ja
wirklich toll hingekriegt! Erneut tastet Leon nach dem Türrahmen. Mit
dem Rücken lehnt er sich dagegen. Sein Hinterkopf pocht rhythmisch
gegen die glatte Fläche. Wie blöd muss man sein …Heiße Tränen schießen
ihm in die Augen, verschleiern seine Blindheit. Als ob sie sich über
ihn lustig machen wollten. Leon wischt sie fort.
Jetzt bück dich schon und heb ihn auf. Irgendwo vor dir muss er ja liegen.
Aber wo? Zentimeter für Zentimeter rutscht er, den Rücken am
Türrahmen, nach unten. Er bleibt in der Hocke sitzen. Das Kinn auf
der Brust. Nichts zu hören. Nur sein Atem. Und der mehligtrockene
Geruch des Steinbodens.
Leon lässt sich auf alle viere nieder. Schutzlos fühlt er sich. Ausgeliefert.
Tastet sich in das Dunkel vor. Kleine Steinchen bohren sich in
seine Handballen. Grobkörniger Staub bleibt an den Fingern kleben.
Keine Spur vom Schlüsselbund. Vielleicht unter einem der Regale?
Leon quetscht seine schlanken Finger zwischen Regalbretter und Kellerboden.
Doch das Einzige, was er sich einfängt, sind zwei Holzsplit-
ter, Schürfungen und ein umgeknickter Fingernagel. Leon beißt die
Zähne zusammen. Am liebsten würde er losheulen. Er schluckt die Tränen
hinunter und sucht weiter. Der Elektriker muss ein guter Freund
des Architekten gewesen sein. Oder vielleicht waren die beiden ja sogar
miteinander verwandt? Wer sonst käme auf die total bescheuerte
Idee, die gesamte Kellerbeleuchtung nur über einen Schalter zu steuern?
Und wer hat ihm den Saft abgedreht? Das Licht geht nämlich nicht
von allein aus wie das im Treppenhaus.
Das war kein Zufall. Auch kein Versehen.
Der Kreis der Verdächtigen ist klein. Sehr klein. Petra fällt schon mal
raus. Sie beschränkt sich üblicherweise auf die kleinen Gemeinheiten,
die ihr von den anderen Betreuern nicht nachgewiesen werden können.
Bleibt eigentlich nur …
Guck erst einmal, dass du hier rauskommst. Leon sucht weiter, tastet
einmal im Kreis und trifft wieder auf den Türrahmen. Er hangelt sich
hoch. Seine Knie zittern.
War da nicht ein Geräusch hinter ihm? So ein Knacken wie von
Holz? Er denkt an den Baum in Poltergeist, der lebendig wird und die
Äste nach seinen Opfern ausstreckt. Leon vertreibt jeden Gedanken an
den Uraltstreifen.
Du musst hier raus. Seine Füße fühlen sich nicht angesprochen.
Nicht einen Millimeter bewegen sie sich vom Fleck. So weit ist es nicht
bis nach oben.
Endlich gibt er sich einen Ruck, schleicht in den Gang hinaus. Tastet
sich an der Kellerwand entlang. Trotz der lichtlosen Schwärze um
ihn herum reißt er die Augen weit auf. Hier ist niemand. Leon unterdrückt
den Impuls, hinter sich zu fassen. Du bist ganz allein.
Trotzdem geht er jetzt schneller. Immer schneller.
Jetzt links …
Er stolpert über eine Kiste. Holz schabt über Stein. Er erstarrt und
lauscht in die Stille. Umständlich steigt er über das Hindernis. Um bloß
nicht den Kontakt zur Wand zu verlieren.
Noch ein paar Schritte geradeaus, dann rechts herum …
Leon wechselt zur anderen Seite des Gangs. Rasch, damit der Dunkelheit
auch ja keine Zeit bleibt, die rettende Wand zu verschlingen.
Zwei geprellte Finger und ein trockenes Knacken im Handgelenk sind
der Preis, den seine Linke für die hastige Aktion zahlt. Leon schluckt
den Fluch hinunter. Selbst schuld. Sein rechter Fuß stößt an den Treppenabsatz.
Endlich!
Leon sucht nach dem Geländer. Mitten in der Bewegung hält er inne.
Mit geweiteten Augen starrt er in die Dunkelheit. Hat sie sich nicht
noch mehr verfinstert? Ist sie nicht irgendwie … dichter geworden? Die
feinen Härchen in Leons Nacken richten sich auf. Er fröstelt. Dann vernimmt
er es. Dieses Wispern. Das Raunen. Wortlos. Stumm. Unlaute,
für die seine Ohren taub sind. Die ohne Umschweife in sein Denken,
in sein Fühlen eindringen. Wie beim letzten Mal. Wie früher. Ich bilde
mir das nicht nur ein … Ich bin nicht verrückt …
Ein kühler Hauch dringt Leon unter die Haut. Geisterfinger, die sich
in sein Innerstes vortasten. Die etwas suchen. Etwas, das tief in ihm verborgen
liegt.
„Nein!“
Leon stürzt die Treppe hinauf. Die Stufen paktieren mit der Dunkelheit.
Ein ums andere Mal versuchen sie, ihn zu Fall zu bringen. Auf
der Zielgeraden zur Tür erwischen sie ihn. Der Länge nach schlägt Leon
hin. Instinktiv dreht er den Kopf zur Seite. Ein Schmerz an der
Schläfe. Im Mund knirscht etwas. Metallischer Geschmack auf der
Zunge.
Der flammende Schmerz tritt in den Hintergrund, wird zu schwarzem
Rauch, in den sich Leon flüchtet.



Der dunkle Leib des Riesen ragt aus den milchigen Schwaden des Wolkenmeeres,
schiebt sie beiseite mit seinem breiten Kreuz und dem kantigen
Schädel. Um seine Schultern liegt ein Mantel aus weißem Samt.
Unzählige zu Eis erstarrte Sterne sind in den zerschlissenen Stoff eingewoben
und erwidern den funkelnden Gruß ihrer Geschwister hoch
oben in der endlosen Schwärze. Tiefe Furchen durchziehen die Haut
des einsamen Giganten, die unter dem fadenscheinigen, löchrigen
Weiß des Mantels schwarz und grau hindurchschimmert. Seiner verwahrlosten
Erscheinung zum Trotz steht der Riese aufrecht. Reckt sich
dem hell leuchtenden Mond entgegen. Wie um ihn herauszufordern.
Oder um ihm einfach nur seinen Gruß zu entrichten. Wie es unter
Ebenbürtigen üblich ist. Wie von König zu König. Denn nicht nur das
majestätische Himmelsrund ziert eine glänzende Krone. Auch das
Haupt des Riesen schmücken die Zacken eines solch herrschaftlichen
Zeichens.
Verkennung wandelt sich zu Erkennen. Langsam. Als erwache Leon
aus tiefem Schlaf. Als könne er Traum und Wirklichkeit noch nicht
so recht voneinander unterscheiden. Nach und nach klart sein Blick
auf. Die Zacken der Krone werden zu Türmen, die Krone selbst zum
Ringbau einer Festung. Zu einer Festung, errichtet aus zu Stein erstarrter
Finsternis, hoch oben auf einem Berg. Wie aus dem schneebedeckten
Gipfel entwachsen. Kein Licht dringt aus den Fenstern und
Torbögen. Nicht der kleinste Funke. Still und verlassen liegt die Festung
unter ihm. Als schaue er von einem noch viel höheren Gipfel auf sie herab.
Noch nie hat Leon eine solche Ruhe erlebt. Kein Laut dringt an sein
Ohr. Grabesstille. Nicht einmal das Flüstern eines Windhauchs ist zu
hören. Alles Leben verharrt. Hält den Atem an. Doch die lautlose Düsternis
schreckt Leon nicht. Stattdessen fühlt er …
„Dieser Weg ist nicht der deine.“
Leon wirbelt herum. Ein bloßer Reflex. Von überall her könnte die
Stimme erklungen sein. Spiegelglatt ist die Ebene, in der er sich wiederfindet,
wie ein Meer aus Öl erstreckt sie sich endlos in alle Himmelsrichtungen.
Doch Himmel ist nicht das richtige Wort für das Chaos, das
über Leon wogt: Das Spiegelbild dessen, was unter ihm liegt. Und womöglich
spiegelt die Ebene tatsächlich nur den Himmel. Oder der
Himmel die Ebene. Falls es an diesem seltsamen Ort überhaupt ein
Oben und Unten gibt. Leon fühlt keinen festen Boden unter seinen Füßen.
Und doch fällt er nicht. Vielleicht gaukelt ihm auch nur sein Verstand
die Illusion von Himmel und Erde vor. Um seinen Füßen, seinen
Augen Halt zu geben, so trügerisch er auch sein mag. Um ihn vor dem
Wahnsinn zu bewahren, der hinter der Aufhebung aller Naturgesetze
lauert. Bis auf die Spiegelbilder des hin und her wogenden Ölmeeres
ist jedoch nichts zu erkennen. Nichts und niemand. Wer also hat mit
ihm gesprochen?
Zögerlich dreht sich Leon wieder um. Und prallt mit rudernden Armen
zurück. Direkt vor ihm im Boden klafft ein gewaltiger Riss. Eine
Wunde mit aufgeworfenen Rändern. Wie mit einer riesigen, ungeschliffenen
Klinge geschlagen, die mit brutaler Gewalt aus dem Fleisch
des Opfers gezerrt wurde. Also hat er sich doch nicht getäuscht. Er hat
den Berg mit der Festung gesehen. Und er ist unter ihm, in dem Spalt.
Ein zarter Schleier, dünn und durchscheinend wie ein Libellenflügel,
liegt über der Szenerie. Lässt sie unscharf erscheinen. Unwirklich.
Jenseits des Abgrunds, inmitten der Ebene, erblickt er plötzlich eine
Gestalt. Sie muss es sein, die zu ihm gesprochen hat. Jedenfalls vermutet
er das. Niemals zuvor ist Leon einem solchen Wesen begegnet.
Nicht einmal in seinen Träumen. Unsichtbare Hände bändigen den
quecksilbrigen Leib. Trotzen ihm ein Äußeres ab, das nur vage an einen
Menschen erinnert. Eher an einen Geist. Die Konturen der Erscheinung
zerfließen. Wehen davon wie Schwaden milchigen Nebels,
mit denen der Wind sein Spiel treibt. Leon erkennt keine Arme, keine
Beine. Als sei die Gestalt in einen langen Mantel gehüllt. Dieser Anblick.
An irgendetwas erinnert er ihn. Sein Blick sucht das Gesicht des
gespenstischen Wesens.
Und mit einem Mal wankt Leons Verstand. Verliert den kläglichen
Halt, den ihm die Illusion von Oben und Unten bis eben noch bot.
Ordnung zerschellt. Nicht am Chaos, sondern an dem, was Leon anstelle
des Gesichts erwartet. Etwas, das sich seinen Sinnen entzieht. Das
es nicht geben dürfte. Das es auch nicht gibt. Leons Verstand droht zu
verzweifeln. Er weigert sich, dieses Nichts als wahrhaft existent hinzunehmen.
Diesen blinden Fleck, den sein Hirn nicht zu füllen vermag.
So unmöglich wie Leben und Tod in ein und demselben Wesen, wie
Licht und Dunkelheit an ein und demselben Ort.
„Kehre um.“ Keinerlei Regung liegt in der Stimme, deren Klang in
Leons Gedanken tausendfach nachhallt.
„Wo bin ich? Ist das ein Traum?“
„Du bist der Traum.“
„Ich bin … was?“ Leon schüttelt den Kopf. Dann nickt er plötzlich.
„Klar träume ich das hier nur.“
Wieso ist ihm der Gedanke nicht bereits viel früher in den Sinn gekommen?
Andererseits passiert es selbst ihm gelegentlich, dass er
träumt, ohne es sofort zu bemerken. Die Anzeichen lassen jedoch keinen
anderen Schluss zu. Die unwirkliche Umgebung, Berg und Festung
unter ihm, das seltsame Wesen … Die Beweislast ist erdrückend. Leons
Gedanken ordnen sich. Das Wanken lässt ein wenig nach. Vielleicht
auch nur, weil er dieses Gesicht, dieses Etwas, dieses … Nichts meidet.
Allein der Gedanke daran bereitet ihm Unbehagen. Versengt sein Hirn.
Samt aller Erinnerungen an den eben erlebten Irrsinn.
Leon hält den Blick gesenkt. Schaut durch den Spalt auf die nächtlich-
winterliche Berglandschaft hinab.
„Verirrt hast du dich. Du solltest nicht hier sein.“
„Wer bist du?“ Keine Antwort. „Wie heißt du?“
„Wir haben keinen Namen. Wir brauchen keinen Namen.“
„Wir?“ Niemand sonst ist zu sehen.
„Die Sprache der Vergänglichen kennt kein Wort, das uns bestimmt.“
„Wer oder was seid ihr dann? Du und die anderen?“
„Es gibt keine anderen. Nur uns. Wir wahren das Gleichgewicht.“
„Welches Gleichgewicht?“
„Jenes zwischen Diesseits und Jenseits.“
Diesseits und Jenseits. Eine düstere Ahnung macht sich in Leon
breit. Ein Hauch von Abschied. Von Endgültigkeit. Von …
„Du musst diesen Ort jetzt verlassen.“
Leons Blick geht wieder nach unten, klammert sich an den von der
Festung gekrönten Berg in dem Spalt – das einzig Reale in dieser sonderbaren
Umgebung. In Leon regt sich etwas. Zerrt an ihm.
Dieser Weg ist nicht der deine. Und doch wünscht sich ein Teil von
ihm nichts sehnlicher, als sich in den Spalt fallen zu lassen. Er fürchtet
weder den steil aus dem Nebel ragenden Gipfel noch die lichtlose Festung.
Vielmehr erscheinen sie ihm vertraut. Wie gute Freunde. Sicherer
als jeder andere Ort, an dem er jemals gewesen ist. Irgendwie
verrückt. Doch heißt es nicht, dass Feuer manchmal mit Feuer bekämpft
werden muss? Muss man nicht den Feind kennen, um ihn besiegen
zu können? Vielleicht bedarf es ja einer Festung, erbaut aus zu
Stein erstarrter Finsternis, um sich vor dem Dunkel zu schützen. Um
endlich Ruhe zu finden.
Du musst diesen Ort jetzt verlassen. Ein dumpfer, zäher Schmerz
frisst sich in Leons Herz. Füllt es mit Blei. Der Druck in seiner Brust
raubt ihm die Luft zum Atmen. Er fühlt sich krank. Krank vor … Ihm
will kein Name einfallen für das, was er fühlt. Nie zuvor hat er etwas
Vergleichbares empfunden.
Leon schaut auf, die Zähne fest zusammengebissen, die Hände zu
Fäusten geballt. Dies ist sein Traum. Niemand hat ihm zu sagen, wohin
er zu gehen hat und wohin nicht. Niemand kommandiert ihn herum.
Nicht hier.


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