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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Kuss der Wölfin, Katja Piel
Katja Piel

Kuss der Wölfin


Die Ankunft

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Die ganze Welt von Kuss der Wölfin auf


 


Buchblog: www.das-projekt.me


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www.twitter.com/katjapiel


 


Hinweis auf den Fall „Peter Stubbe“. Die Autorin hat sich lediglich an die Zeiten, Namen und die Gerüchte der damaligen Geschichte gehalten. Alle weiteren Hintergründe zur Historie der damaligen Zeit sind frei erfunden und mögliche Ähnlichkeiten zu Personen zufällig und nicht beabsichtigt.  


 


Vergangenheit – Die Verhandlung Oktober, 1589 in Bedburg bei Köln S ie saßen im Gerichtssaal. Ihr Vater war ganz vorne mit seinem Verteidiger. An der Stirnseite des Saales saß der Richter erhöht an einem großen Tisch. Neben ihm saß ein weiterer Mann. Er verzog keine Miene. Er schien der Beisitz des Richters zu sein. Sein Haar war grau, sein Gesicht wurde von einigen Falten durchzogen. Er strahlte eine Ruhe und Autorität aus, die dem Richter zu fehlen schien. Neben Peter Stubbe war ein weiterer Tisch, an dem saß der Ankläger und sein größter Feind: Anton Reichwald. Er ließ die Schultern hängen. Aus ihm war jegliche Lebensfreue entwichen. Seine Augen waren dunkel, sein Gesicht blass. Aber den Hass konnte man im ganzen Gerichtssaal spüren. „Herr von Esen, lesen Sie bitte die Anklageschrift vor“, befahl der Richter dem grauhaarigen Mann neben sich. Dieser stand mit mehreren Blättern in der Hand auf und räusperte sich. „Peter Stubbe, 64 Jahre alt, wohnhaft in Bedburg, Vater von Robert Stubbe und Sybille Stubbe in einer eheähnlichen Gemeinschaft mit Katharina Trompin. Sie werden beschuldigt folgende Taten begangen zu haben: Mord an der 12-jährigen Maria Reichwald, Tochter von Anton Reichwald Mord an der 5-jährigen Antonia Reichwald, Enkeltochter von Anton Reichwald Mord an seinem eigenen Sohn Robert Stubbe Mord an den Zwillingen Volker und Julian Reichwald, Enkelsöhne von Anton Reichwald Vergewaltigung mit anschließendem Mord an Marianne Reichwald, Ehefrau von Anton Reichwald Vergewaltigung mit anschließendem Mord an Miriam Reichwald, Tochter von Anton Reichwald Mord an Thomas Reichwald, dem Schwiegersohn von Anton Reichwald Mord an Anita Reichwald, der Mutter von Anton Reichwald Vergewaltigung mit anschließendem Mord an dem zehnjährigen Tobias Reichwald, Enkelsohn von Anton Reichwald Mord an Philip Reichwald, dem Sohn von Anton Reichwald Vergewaltigung und Mord an Annemarie Reichwald, Schwiegertochter von Anton Reichwald Mord der ungeborenen Babies von Annemarie Reichwald, Enkelkinder von Anton Reichwald Mord an Gustav Reichwald, Vater von Anton Reichwald Damit schließe ich die Anklagepunkte. Peter Stubbe, sie werden all diesen Gräueltaten beschuldigt.“ Der richterliche Beisitz von Esen räusperte sich erneut und schüttelte ungläubig den Kopf. Er blickte der Bestie vor ihm in die Augen. Was er sah, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Peter Stubbe grinste! Und er sagte kein Wort. Seine Augen waren so kalt und noch kälter als er zu Reichwald rüber sah. Seine Mundwinkel zog er nach oben. Anton Reichwald schaute weg. Seine Schultern zitterten, die Finger waren ineinander verkrampft. „Bekennen Sie sich schuldig?“, fragte von Esen. Peter richtete seinen Blick wieder nach vorne. Mit fester und ruhiger Stimme verneinte er die Frage. Ein Raunen ging durch den Saal. „Ruhe! Ruhe!“, rief der Richter. Das Raunen verstummte. Jemand hustete. Von Esen weitete kurz die Augen, dann schien er sich wieder unter Kontrolle zu haben. Er räusperte sich wieder. „Dann werden wir Ihnen die Wahrheit aus dem Körper foltern.“ Den Rest flüsterte er. Die Zuschauer wurden leise, reckten ihre Köpfe nach vorne, um hören zu können, was er sagte. „Wir werden ihnen den Teufel aus dem Körper holen und es wird schmerzen, glauben sie mir das.“ Von Esen ließ seine Augen ruhig auf ihm ruhen. Er sagte nichts mehr, sondern wartete einige Sekunden und er bekam schließlich die gewünschte Reaktion. Peter hatte die Augen weit aufgerissen. Schweiß rann ihm von der Stirn, er befeuchtete die Lippen. Er sah wild um sich. „Ich… nein, das könnt ihr nicht machen. Ihr habt keine Beweise…“, stotterte er. „Ich werde alles…alles zugeben.“ Damit brach Peter Stubbe zusammen. Er war kreidebleich und zitterte. Niemand im Saal hatte Mitleid mit ihm, niemand bot ihm etwas zu Trinken an. Er erhob seinen Kopf und sprach mit fester Stimme. „Ich, Peter Stubbe bin getäuscht worden. Vom Teufel, der mir alles versprach und nichts als Elend und Unglück zurück gab. Er schenkte mir einen Gürtel, der mich in einen Wolf verwandeln könne, mit welchem ich alles tun könne, was ich wollte. Ich kann mich nicht erinnern, was passiert ist, wenn ich diesen Gürtel trug. Ich wollte doch einfach meine geliebte Frau wieder zurück haben. Sie ging so früh von mir. Der Teufel versprach mir, ich bekäme sie wieder, wenn ich den Gürtel trage. Aber ich kann mich an nichts erinnern. An nichts erinnern…“   Jahre zuvor in Bedburg bei Köln V or wenigen Tagen hatte Peter sie zu Grabe getragen. Seine geliebte Frau. Er konnte es nicht begreifen und er wollte es nicht begreifen. Er war wütend. Wütend auf Gott, sogar wütend auf seine Tochter, die ihn jeden Tag an sie erinnerte. Er kam des Nachts zu ihrem Grab, saß bei ihr, schlief dort ein, weinte und wurde wieder wütend. Aber heute war es anders. Heute war alles anders und es würde nie mehr so sein wie es mal war. Er saß bei ihr, der Mond schien auf das Grab. Peter weinte und schlug immer wieder auf die Erde. Und dann war er da. Ein weißer Wolf näherte sich ihm. Schnüffelte an ihm und stieß mit seiner Schnauze gegen seinen Arm. Peter hielt den Atem an. Die Augen des Wolfs leuchteten grün und hatten fast etwas Menschliches an sich. Ihm schauderte. Er konnte sich nicht bewegen. Da knurrte der Wolf, zog die Lefzen hoch und zeigte seine riesigen Fangzähne. Peter war wie gebannt und ruhig. Ja er war ruhig. Sein Leben war ihm egal, selbst Sybille war ihm egal. Er wollte sterben. Der Wolf biss in seinen Nacken, saugte sein Blut, bis Peter das Bewusstsein verlor und vorne über direkt auf den Sand kippte. So lag er noch im Morgengrauen, als der Frühnebel über den Boden kroch, die ersten Vögel wach wurden und fröhlich zwitscherten. Peter hob den Kopf. Erde verstopfte ihm die Nase, er musste nießen und rieb sich den Sand aus dem Gesicht. Orientierungslos sah er auf das Grab und dann erinnerte er sich an vergangene Nacht. Er fasste sich an den Nacken und spürte ein Brennen. Dann versuchte er aufzustehen, aber seine Knie waren weich wie Wackelpudding. Er setzte sich wieder hin und stöhnte. „Wie geht’s?“, fragte eine sanfte, männliche Stimme direkt an seinem Ohr. Peter drehte sich hektisch um. Hinter ihm war niemand. Als er sich wieder nach vorne drehte, saß vor ihm ein junger Mann nackt auf der aufgeschütteten Erde. Peter grollte. „Sind sie verrückt? Gehen sie vom Grab meiner Frau!“, blaffte er ihn an. Der Mann lachte und blieb sitzen. „Meinst du allen Ernstes, es interessiert mich, wer unter mir liegt?“ Mit einem Satz sprang er direkt vor Peter. Seine Nase berührte seine. Peter konnte den fauligen Atem riechen. Er drehte den Kopf weg. „Bald wirst du betteln, mich riechen zu dürfen. Und jetzt sieh mich an! Ich habe dir etwas geschenkt, das dich zu Dingen befähigen wird, von denen du nicht mal geträumt hast. Komm in meine Welt und gebe dich dem Durst hin.“ So plötzlich wie er gekommen war, war er wieder weg. Peter schüttelte immer wieder den Kopf. Das muss der Frühnebel sein. Was auch in der letzten Nacht passiert war, ich muss phantasieren, dachte er. Als er sich endlich traute, aufzustehen, stand bereits die Mittagssonne am Himmel. Er hatte Durst und Hunger und irgendwie war ihm schlecht. Dann waren da diese Gedanken, diese Gelüste. Blutgelüste, Mordgelüste, Hass. Er versuchte, all diese Gedanken abzuschütteln, aber je mehr er es nicht wollte, desto mehr phantasierte er vor sich hin.   Vergangenheit – Die Verhandlung Oktober, 1589 in Bedburg bei Köln P eter Stubbe erzählte nicht von dem weißen Wolf, nicht von dem Mensch, der am nächsten Morgen auf dem Grab seiner Frau saß. Er erzählte ihnen vom Teufel. Sie sollten glauben, er sei verrückt. „Anfangs habe ich Schafe und Lämmer gerissen. Aber das…das reichte mir nicht mehr. Der Teufel befahl mir, mich zu rächen. Mich zu rächen an dem, der mir meine Frau genommen hat.“ Dabei sah er zu Anton Reichwald. Anton wandte den Blick ab und sah auf den Tisch. Von Esen schaute auf. „Was meinen Sie damit? Er hat sie ihnen genommen?“, fragte er Peter Stubbe. „Er hat sie gefickt.“ Erneutes Raunen im Saal. Der Richter schien müde zu sein, er reagierte nicht gleich. Als das Murmeln lauter wurde, nahm er sein Hämmerchen und schlug es auf die Tischplatte. „Ruhe! Ich lasse sonst den Saal räumen.“ Sofort wurde es wieder ruhig. „Er hat sie mir genommen. Ihre Liebe mir weg genommen. Meine Familie zerstört. Und als er sie nicht mehr wollte, hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten und ist verblutet.“ Sein Blick war gierig. Es schien, als wolle er aufspringen und seinem Feind sofort die Innereien raus reißen. So schnell sich sein Wesen fast geändert hätte, so schnell wurde er wieder ruhig. „Und der Teufel hat mir befohlen, ihm alles zu nehmen. Und ihn leben zu lassen. Dann würde ich meine Frau wieder sehen.“ Von Esen sah wieder auf die Anklageschrift. „Sie haben also seine ganze Familie hingerichtet? Weil der Teufel es ihnen befohlen hat?“, fragte er. „Jawohl. Und wissen sie was? Ich bereue keine einzige Tat? Oh doch…Moment, eine Tat bereue ich. Das war die erste. Die kleine Maria. Und wissen sie warum?“, fragte er, die Stimme leicht erhoben. Er wartete nicht auf die Antwort. „Weil sie zu schnell tot war, ich hatte keine Zeit, es zu genießen. Tragisch, sehr tragisch.“ Von Esen seufzte scheinbar gelangweilt. „Peter Stubbe. Bitte sagen sie dem Gericht, welche Rolle ihre Tochter Sybille Stubbe und Geliebte Katharina Trompin bei ihrem Rachefeldzug gespielt haben?“ Peter Stubbe drehte sich um und schaute Sybille mit seinen eiskalten Augen an. Er zog einen Mundwinkel nach oben und drehte sich wieder zurück zu von Esen. „Sie haben mir geholfen. Sie haben mir geholfen, die Leiche meines Sohnes zu vergraben. Sie haben mir geholfen, die Leiche des Mädchens Maria zu vergraben.“ Nun wurde es sehr laut im Saal. Der Richter blickte müde drein. Er schien der Verhandlung geistig nicht beizuwohnen. Von Esen rief laut: „Ruhe!“ Das Urteil N ach einer langen Pause, kamen der Richter und sein Beistand von Esen wieder in den Gerichtssaal. „Ruhe im Saal. Bitte erheben sie sich, Peter Stubbe“, sagte der Richter. Sybille hörte nicht mehr hin. Sie schaute aus dem Fenster. Unbewusst hielt sie ihre Hand im Schoss. "Jetzt kommt das Urteil", wisperte Katharina neben ihr. Sie schien aufgeregt. " Es ergeht folgendes Urteil mit sofortiger Wirkung: Der Leib von Peter Stubbe soll auf ein Rad gelegt werden und mit rotglühenden Kneifzangen an zehn verschiedenen Stellen seines Körpers angelegt werden, so dass das Fleisch bis auf die Knochen herausgerissen werde. Danach sollen seine Beine und Arme mit einem hölzernen Rad oder einem Hackbeil gebrochen werden. Sobald das geschehen ist soll sein Kopf vom Körper abgeschlagen werden, und zuletzt dann wird sein Kadaver zu Asche verbrannt werden. Das Kind und die Frau werden gehängt, wegen Beihilfe zum Mord an Robert Stubbe und Maria Reichwald. Das Urteil wird in der heutigen Nacht vollzogen. Die Verhandlung ist hiermit beendet." Der Richter stand auf. Zwei Männer führten Peter Stubbe ab. Zwei weitere kamen und nahmen Sybille und Katharina mit. Sybille schaute sich noch einmal um, ihr Vater grinste ihr zu. Sie zuckte zusammen und hob das Kinn. Lautlos formte sie das Wort "Teufel" und drehte sich wieder um. Sie wurden an den Menschen vorbei in die anliegenden Gefängnisse gebracht. Manche spuckten auf sie, die meisten trauten sich nicht, sie anzuschauen, aus Angst, sie könnten etwas Böses abbekommen. Sybille schaute auf ihre Füße. Besser ist es zu sterben als ein Leben lang an die Pein erinnert zu werden. In der Nacht weinte sie. Sie wusste nicht, wie es sein würde zu sterben und sie hatte Angst. Vielleicht verurteilte Gott sie auch und würde sie in dieselbe Hölle schicken wie ihren Vater. Sybille begann zu zittern. Wieder war der Mond voll und stark draußen und spendete ihr Licht. Ein Werwolf! Ihr Vater wollte sich tatsächlich aus seinen Taten raus reden, weil er ein Werwolf gewesen sei. Sie schnaubte vor Verachtung. Er war einfach nur verrückt geworden. Wie ein Tier? Ja, schlimmer als ein Tier, fand Sybille. Sie lauschte und konnte die Schreie ihres Vaters hören. Das tat ihr gut. Sie wusste, sobald seine Schreie erloschen waren, würden sie Sybille holen. Sybille dachte an ihren kleinen Bruder. Robert! Er war so um sie besorgt, wollte sie immer beschützen. Und am Ende? Da musste sie ihn mit Katharina wie Abfall im Wald einbuddeln. In ihr war einfach kein Gefühl mehr. Sie hatte Angst, weil sie so dachte. Weil sie sich so oft gewünscht hatte, ihr Vater soll sterben. Nun war es soweit. Seine Schreie klingelten schon in ihren Ohren, sie genoss seinen Schmerz. Dann dachte sie wieder an ihre gemeinsame Zeit mit Mama. Er war so liebenswürdig, so zart und doch so stark. Und dann war alles vorbei! Seine gierigen Blicke, wenn sie sich wusch. Ein Schauer überkam sie. Und dann als er die Grenze überschritten hatte. Seine ekelhaften Finger - der schwitzige Körper - sein Geruch. Wie hasste sie sich selbst dafür, dass sie heranwuchs. Seine Stimme war das Schlimmste! Er klang grauenhaft. Dieses Flüstern an ihrem Ohr. Noch jetzt hatte Sybille das Gefühl, er würde direkt neben ihr sitzen und ihr ins Ohr flüstern. Lange schrie er, sie hatte sich bereits die Ohren zugehalten, da klapperte ein Schlüssel und ein Mann kam, um sie holen. Er verzog keine Miene, stieß sie die ganze Zeit vor sich her. "Nun Lauf schon, du Verrückte", brummte er. Als Sybille aus dem Gefängnis in den Hof trat, sah sie dort aufgespießt den Kopf ihres Vaters. Es war eine matschige und blutige Masse. Von ihrem Papa war nichts mehr übrig. Es schien, als sei die Seele dort gefangen. Recht geschieht dir, dachte sie und wandte den Blick ab. Es war eine kühle Nacht. Ihr Atem erzeugte kleine Wölkchen, aber ihr war nicht kalt. Das ist die Aufregung, dachte Sybille. Sie hatte solche Angst. Dabei hielt sie nichts auf dieser Welt. Sie wünschte sich, dass sie einfach weg wäre und hoffte, sie würde nichts mehr denken. Sie musste einige Stufen hoch laufen und stehenbleiben, als man es ihr sagte. Dann legte man ihr eine Schlinge um den Hals. Ein Pfarrer betete, sie hörte nicht hin. Sie hatte nichts mehr zu sagen. "Steig hier drauf", befahl einer der Männer. Sie stellte sich auf den Hocker und schloss die Augen. Eine schwarze Kapuze wurde über ihren Kopf gestülpt. Dann trat jemand den Hocker weg und sie verlor den Boden unter den Füßen. Zunächst war es ein grässliches Gefühl. Sie schluckte ihre Spucke und wollte husten, aber sie bekam keine Luft mehr. In Panik versuchte sie die schnappend doch noch etwas davon zu bekommen. Aber vergeblich. Was sie dann sah, konnte sie nicht glauben. Ihre Mama nahm sie in die Arme, tröstete sie und küsste sie. Dann, wie ein Blitz, stand Robert vor ihr. Er rannte lachend weg und rief immer wieder "Fang mich doch du Eierloch". Die Familie saß gemeinsam bei einem Picknick im Wald, Papa, Robert, Mama und sie. Sie hatten Spaß, lachten, alles war gut. Die Welt drehte sich um Sybille. Sie bekam nun wirklich keine Luft mehr und das Blut schien sich in ihrem Kopf zu stauen. Ihr wurde schlecht. Sie wollte rufen "He mir ist schlecht, holt mich runter“, aber sie brachte nur ein Piepsen heraus. Ihre Augen taten weh. Sie wollte sie schließen, aber es fühlte sich so an, als würde jemand mit einem Löffel darin rum stochern. Sie musste sich entleeren und es war ihr peinlich. Dann sah sie sich noch ein letztes Mal mit ihrer Familie glücklich beim Picknick, bevor sie jegliches Zeitgefühl verlor. Es wurde schwarz um sie. Zwei Männer lenkten eine Pferdekutsche durch den Wald. Im Gepäck hatte die Kutsche zwei Leichen, verpackt in große Säcke, die hin und her schaukelten, wenn die Räder über größere Steine fuhren. Es war noch mitten in der Nacht, der Mond schien zwar durch die Wolken durch, aber dennoch war es sehr dunkel. Die zwei Männer lenkten die Kutsche schweigend durch den Wald. Es war so kalt, dass man ihren Atem sehen konnte. Bei einer Lichtung hielt die Kutsche an und die Männer sprangen vom Kutschbock. Keiner sprach ein Wort. Sie waren beide in ihre Gedanken vertieft. Keiner von ihnen schien die Stille zu ertragen, also sprach schließlich der kräftigere von ihnen. "Komm doch nachher mit deiner Frau zum essen, Isabell freut sich sicher", sagte er, während er den Leichensack zu einer Erdgrube hob. "Ja, gute Idee", antwortete der andere und schmiss seinen Leichensack auf den Boden. "Wir können die Leichen morgen eingraben, es ist jetzt zu dunkel", meinte der, der den anderen eingeladen hatte. Dieser nickte und zusammen setzten sie sich wieder auf den Kutschbock und fuhren weg. Hinter den Wolken kam der Mond wieder raus und im Leichensack bewegte sich etwas. Sybille bekam Panik. Sie strampelte mit den Füßen und holte hektisch Luft. Was ist passiert? Sie versuchte sich zu beruhigen. Vielleicht war ein Fehler passiert und man hatte sie einfach begraben? Das wäre ja schon mal gut, denn dann wäre sie nicht tot. Aber wenn sie begraben wäre, wie sollte sie dann aus ihrem Grab kommen? Wieder versuchte sie hektisch mit den Fingern hier raus zu kommen. Da hörte sie plötzlich ein Schnaufen. Sie erschrak und machte sich steif. Das Schnaufen kam näher. Irgendwas kratzte an ihr. Ein Tier? Sie wollte sich nicht bewegen. Als sie dachte, es wäre fort, kam es mit lautem Getöse wieder und riss und zerrte an ihrer Hülle. Das Tier tat ihr nicht weh. Es versuchte sie da raus zu holen. Endlich öffnete sich der Sack und sie konnte das fahle Mondlicht durch den Schlitz scheinen sehen. Sybille öffnete ihr Gefängnis mit ihren Fingern und zerrte an dem Stoff. Als sie endlich halb im Freien saß, holte sie tief Luft und blickte sich um. Sie saß auf einer Lichtung. Um sie herum standen Bäume. Das Tier schien sie hierher geschleppt zu haben, denn sie konnte im schwachen Licht die Spur erkennen. Was sollte sie jetzt tun? Sie könnte ja schlecht nach Hause gehen. Ich habe Durst, dachte sie und wollte sich auf den Weg machen, ob sie irgendwo ein Bach finden könnte. Da hörte sie ein knacksen. Sie drehte sich um. "Hallo?" Als sie weiter gehen wollte, versperrte ihr ein wunderschöner Mann den Weg. Aber er war komplett nackt. Er lächelte sie an und sie hatte das Gefühl, sie müsse zu ihm gehen. Sie hielt die Luft an. "Was willst du?", fragte sie atemlos und plötzlich, wie aus dem Nichts stand er direkt vor ihr. Er roch nach Wald und... Blut. Seine Nase berührte ihre und seine Augen schienen in sie einzudringen. Seine Haut war glatt und ohne Makel. Fast wollte sie ihn berühren und spüren, ob er sich auch kalt wie Stein anfühlte. "Ich will dich“, flüsterte er plötzlich und sie spürte dabei seine Anziehungskraft noch mehr. Seine Stimme war so weich und troff wie Honig in ihren Ohren. Sanft und süß. "Ich habe gesehen, wie sie dich gehängt haben und als sie nicht hin sahen habe ich dich zurück geholt. Und nun will ich dich! Mir nehmen, was ich erschaffen habe." Er strich ihr mit den Fingern über die Haare, die Wange und ihre Lippen und sah ihr dabei tief in die Augen. Sybille lachte laut. "Was soll das heißen, du hast mich erschaffen? Und du hast mich zurück geholt?" Sie ging einen Schritt zurück. Er lächelte, dann kam er wieder auf sie zu und sah sie an. Ihr stockte der Atem, denn seine Augen funkelten plötzlich grün. Das muss am Mond liegen, dachte sie. Er war plötzlich größer und stärker. Sein Gesicht schien sich zu verändern. Sybille stolperte nach hinten. Sie schüttelte mit dem Kopf. Nein, das kann nicht sein! Das kann einfach nicht sein. Sie wollte weg rennen, drehte sich um und fing an los zu laufen. Er holte sie aber wieder ein. Seine Hände waren keine menschlichen mehr. Es waren riesige Klauen. Es war kein Gesicht mehr da. Er war ein riesiger...riesiger Wolf. Mit leuchtend grünen Augen. Da erschütterte ein ohrenbetäubender Knall die nächtliche Stille. "Ich hab ihn erwischt!", rief jemand. Sybille drehte sich nicht um. Sie rannte und rannte um ihr Leben. Gegenwart – Anna Stubbe Zwischensequenz U m kurz nach Mitternacht parkte ich mein Auto in meiner Tiefgarage und fuhr von dort mit dem Aufzug in meine Penthouse Wohnung. Ich war schrecklich müde und hatte Hunger. Ich setzte mich auf die Couch, suchte den Punkt meiner Kontrolle und schloss die Augen. Er hat so gut gerochen. Ich roch an meinem Finger, sein Geruch war immer noch da und in meinem Mund sammelte sich Wasser. Ich begehrte ihn. Ich wollte ihn für mich ganz alleine. Für immer. Aber nichts ist wie immer, wenn man so eine Kreatur ist wie ich. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Der Hunger war vorüber. Ich stand auf, schluckte die Trauer hinunter und verfluchte ihn. Der, der mich erst in diese Lage gebracht hatte. Warum ich? Und warum lebt er immer noch und ist hinter mir her? Ich schüttelte den Kopf, ich wollte nicht daran denken, ich wollte schlafen und an nichts mehr denken. Ich stand von der Couch auf und ging ins Badezimmer. Am Spiegel betätigte ich den Lichtschalter und betrachtete mein Gesicht. Meine Wangen waren rosa, meine Lippen leicht geöffnet. Ich stützte mich mit den Händen am Waschbeckenrand und stand minutenlang einfach so da. Dann zog ich meine Sachen aus, knipste das Licht wieder aus und huschte ins Schlafzimmer. Dort kuschelte ich mich unter meine Decke und schloss die Augen. Vergangenheit – Sybille Stubbe Oktober, 1589 in Bedburg bei Köln S ybille schien eine Ewigkeit gelaufen zu sein. Es wurde langsam hell, sie hatte unendlichen Durst und Hunger und war sehr müde. Sie traute sich aber nicht, sich schlafen zu legen. Was wäre, wenn diese Kreatur doch noch lebte? Sie schauderte und wollte nicht mehr darüber nachdenken. Sie blickte auf ihre nackten Füße, die sie die halbe Nacht durch den Wald geführt hatten. Sie schmerzten nicht. Verwundert sah sie wieder auf. Das Häuschen tauchte einfach so vor ihr auf. Ganz plötzlich. Gemütlichkeit strahlte von ihm aus. Die Tannen darum schienen es zu beschützen. Rauch kam aus dem Schornstein. Sie sah wieder an sich herunter und wusste, dass sie so nicht einfach anklopfen könnte. Also wollte sie hinter das Haus laufen. Vielleicht finde ich dort etwas zum Anziehen, auf einer Wäscheleine, dachte Sybille. Plötzlich ging die Tür auf und heraus trat eine wunderschöne Frau. Sybille blinzelte und sah sie verwundert an. "Ich habe dich schon erwartet, Sybille", sagte sie und breitete ihre Arme aus. Sybille schüttelte den Kopf. Sicherlich war dies ein Trugbild. Ein Bild ihrer Fantasie. Sie hatte länger nicht geschlafen und Durst. Möglich könnte es sein. "Nein, du träumst nicht, mein Kind. Komm her, lass dich in den Arm nehmen und komm mit mir ins Haus. Ich werde dir alles erklären, was du wissen musst." Sybille sah sie ungläubig an, dann nickte sie und folgte der Frau. Sie hatte das Gefühl, dass ihr nichts mehr passieren würde. Sie fühlte sich in Sicherheit. "Mein Name ist Shiva, alles Weitere erzähle ich dir, wenn du dich gesäubert hast, deine Sachen angezogen hast und mit mir Tee trinkst. Sicherlich hast du auch Hunger." Sybille nickte. "Dann komm, hier ist frisches, warmes Wasser. In dem Zimmer dort", sie zeigte auf eine Tür "findest du etwas zum Anziehen. Ich bin gleich hier in der Küche." Sie ging in einen anderen Raum und ließ Sybille im Flur stehen. Sybille drehte sich um und öffnete die Tür, auf die die Frau gezeigt hatte und betrat das Zimmer. Es bestand aus einem Bett, einem kleinen Tisch daneben, auf dem eine Kerze stand und einem Waschtisch. Vor dem Fenster hing eine schwere samt rote Gardine, die zugezogen war. Auf dem Bett lagen ein langes Wollkleid, Strümpfe und ein Unterkleid. Da sie immer noch nackt war, ging sie zum Waschtisch und tauchte den Lappen in das Wasser. Langsam säuberte sie ihren Körper. Bald war der Lappen dunkel und das Wasser schwarz. Dann zog sie die Sachen an. Frisch und sauber war sie wenig später in der Küche. Es roch köstlich... nach...rohem Fleisch. Sybille hielt sich die Hand vor dem Mund, hatte jedoch schrecklichen Hunger und verspeiste das Fleisch mit den Händen. Dazu trank sie gierig den Tee. "Sehr gut. Esse dich satt." Sybille nahm noch einen Schluck Tee und ließ plötzlich vor Schreck die Tasse fallen. Blut lief dickflüssig aus der Tasse und sickerte durch den Holzboden. Sie stand erschrocken auf, wobei sie den Stuhl nach hinten umwarf. "Pscht, Kleines, alles gut, ich mach das weg." Shiva stellte den Stuhl wieder auf und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Die Wolfsmenschen leben seit tausenden von Jahren unter uns“, fing sie an zu erzählen. „Wer der erste war, der sich mit dieser schrecklichen Krankheit ansteckte, weiß man nicht. Dass sie uns nicht alle verschlingen, ist unsere Aufgabe. Wir sind die Wulfens, die Hüter, die Hexen, die Feen, wie man uns auch immer betitelt. Unsere Aufgabe ist es, auf das Gleichgewicht zu achten. Wir nehmen uns der armen Seelen an, die angesteckt wurden von bösartigen Bestien, die schon vor dem Biss nicht wussten, was gut und böse ist. So wie dein Vater. Und wie dein Schöpfer, Raffaelus.“ Sie schenkte noch etwas Blut in eine neue Tasse und hielt sie ihr hin. Sybille zögerte erst, dann nahm sie die Tasse und trank das warme Gebräu in einem Zug. „Wir können sie nicht bezwingen, aber wir können die guten Seelen beschützen. Das bedeutet, du musst viel lernen von nun an, meine liebe Sybille. Du kannst in die Schattenseite übergehen, wenn du Menschenblut trinkst und Menschenfleisch isst. Du kannst dich verwandeln, wann immer deine böse Seite die Überhand gewinnt. Du kannst aber lernen, dich zu kontrollieren. Der Fluch wird niemals von dir genommen. Du wirst in die Schattenweld für ewig verdammt sein, wenn du das was ich dir beibringe, nicht beherzt. Und nun ruh dich aus, mein Kind. Du bist hier sicher. Uns können sie hier nicht angreifen und nicht sehen." Sybille wurde ruhiger, sie nickte und flüsterte leise ein danke. Dann stand sie auf, verließ die Küche und ging wieder in das Zimmer zurück, um sich auf das Bett zu legen. Sie schlief sofort ein. Sie wurde wieder wach, als sie ein lautes Summen im Ohr hatte. Ihr Kopf dröhnte und jeder Muskel schmerzte. Erschrocken stand sie auf. Es war Nachmittag und es war so laut, dass sie sich die Ohren zu halten musste. "Was ist das?", schrie sie panisch und lief aus dem Zimmer. Ihre Kehle brannte vor Durst. Ihre Augen tränten. Da kam Shiva angelaufen. Sie legte beruhigend den Arm um sie und wiegte sie leicht, "Pscht, du verwandelst dich. Ganz ruhig. Der Wolf will raus. Anikata - diwusa Tel lorem. Alles gut, mein Schatz." Sie streichelte ihr übers Haar und führte sie wieder in ihr Zimmer. "Leg dich wieder hin und schlaf." Sie sprach so ruhig und klar, dass Sybilles Augen zufielen und sie sich auf die Seite legte. Sie schlief sofort wieder ein. Eingehüllt in Geborgenheit und Wärme. Irgendwann abends wachte sie wieder auf. Es war dunkel draußen und jemand hatte ihr eine Laterne ins Zimmer gestellt. Sie lächelte. Nach all dem, was ihr passiert war, ging es ihr heute das erste Mal seit Monaten wieder gut. Sie fühlte sich in Sicherheit. Munter stieg sie aus dem Bett, nahm die Laterne und öffnete ihre Zimmertür, als sie fast mit jemanden zusammen gestoßen wäre. „Tschuldigung“, murmelte sie und blickte auf. Ein anderes Mädchen sortierte sich und sah sie an. Dann lächelte sie und gab ihr die Hand. „Hallo, ich bin Rosa. Du bist sicherlich der Neuzugang“, stellte sie fest und sah sie von oben bis unten an. Sybille nickte. „Ja, ich glaube schon“, meinte sie und ergriff ihre Hand. Sie war warm, Rosa drückte nicht zu fest zu. „Ich bin Sybille. Ich bin heute Morgen hier angekommen.“ Da ertönte ein leises Klingeln und Rosa nahm sie am Arm, zog sie mit nach draußen zum hinteren Teil der Hütte. Als Sybille ihren Blick schärfte, sog sie scharf Luft ein. Sie starrte mit offenem Mund auf das was sie sah. Hinter der Hütte befand sich ein großer Hof, der mit Fackeln gesäumt war. An den Seiten waren hohe Mauern, die mit verschnörkelten Säulen verbunden waren. Was sie aber noch mehr verwunderte, war das große Haus auf das sie direkt angrenzend starrte. Marmorstufen führten hinauf zum Eingang. Es sah aus, wie eine riesige Kirche. Ihre staunenden Blicke wurden durch Shiva unterbrochen. Sie kam auf sie zu und lächelte. Sie trug ein bodenlanges eng anliegendes graues Kleid. Um die Hüften war locker ein breiter Gürtel umgelegt. Das rote leuchtende rote Haar hatte sie mit vielen Bändchen nach hinten gebunden. Ihr Gesicht war mit feinen schwarzen Strichen bemalt, die aussahen, wie verschnörkelte Rosenblüten. „Schön, du hast Rosa schon kennen gelernt. Sie wird uns bald verlassen und ihre eigenen Wege gehen. Bis dahin wird sie deine Schwester sein.“ Sybille nickte still. Rose ließ die beiden Frauen alleine. Shiva führte sie an einen wunderschönen Brunnen mitten im Hof und setzte sich an den Rand. Sie bedeutete ihr mit Blicken sich zu ihr zu setzen. „Das wird die nächsten Jahre dein zu Hause sein“, sagte sie und blickte sich um. Sie machte eine Pause und ließ die mystische Umgebung auf Sybille wirken. „Du wirst lernen, wie du überlebst und du bald dein eigenes Leben führen kannst. Die erste Zeit“, sie kam mit ihrem Gesicht näher „wird deine schwierigste Zeit werden und du wirst immer wieder mit dem Wolf in dir kämpfen müssen.“ Shiva lehnte sich wieder zurück und beobachtete Sybille. Ihr Schützling reagierte wie erwartet. Der Schreck und die Fassungslosigkeit standen ihr in den Augen. Sie begriff noch nicht, was mit ihr geschehen war. Shiva nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Du wirst dein ganzes Dasein mit ihm kämpfen müssen“, schloss Shiva und schaute ihr dabei fest in die Augen. Sybille wurde nachdenklich. „Was soll das heißen? Ich bin ein Werwolf? Das bedeutet, mein Vater war wirklich ein Werwolf? Es hat gestimmt, was er sagte?“ „Nein, Sybille. Du bist kein Werwolf. Du bist ein Gestaltenwandler. Du befindest dich in einer Zwischenwelt. Du trägst zwar das Gift des Wolfes und den Wolf selbst in dir, aber solange du dich dem menschlichen Fleisch und Blut nicht hingibst, bleibst du ein Mensch, der sich aber nach Belieben in einen Wolf verwandeln kann.“ Sybille machte sich steif und starrte sekundenlang auf eine Stelle. „Heißt das, ich werde nie sterben? Ich werde nie Mutter sein können oder mich verlieben?“ Dabei blickte sie ängstlich auf ihre Finger. Shiva lächelte. „Es gibt für all deine Fragen mehrere Antworten, nur für eine gibt es eine klare Antwort: Nein, du wirst niemals Mutter sein können. Der Wolf, der dich gebissen hat und dich infiziert hat, hat dir dieses Geschenk genommen. Er hat dich verflucht.“ Sybille schluckte und wollte plötzlich alleine sein. Dies alles war gut und sie war dankbar dafür, aber sie konnte die Freundlichkeit und diese Gelassenheit im Moment nicht ertragen. Sie murmelte eine kurze Entschuldigung und rannte über den Hof an dem riesigen Gebäude vorbei zur Hinterseite des Grundstücks. Hier leuchteten keine Fackeln, eine hohe Mauer trennte sie von der Welt da draußen. Der Mond spendete nur noch wenig Licht. Er war am Abnehmen. Sybille setzte sich auf einen Stein und schluchzte. Die Trauer hatte sie mit einem Mal erfasst und sie weinte all die Tränen, die sie in den letzten Monaten nicht geweint hatte. Erst als ihre Tränen versiegt waren, schaute sie nach oben. Direkt in die Augen eines Jungen, der sich zu ihr hockte und ihre Hand nahm. Zögerlich ließ sie ihn gewähren. Sein Blick war so sanft und gutmütig. Er konnte nicht böse sein. Er nahm sie in den Arm und wiegte sie sanft hin und her. Sie spürte sein Herz klopfen und sah zu ihm auf. „Entschuldigung, normalerweise heule ich nicht fremde Burschen voll.“ Er strich ihr über die Haare. „Kein Problem. Ich weiß wie du dich fühlst“, sagte er sanft und streichelte ihre Stirn. Erst jetzt sah sie ihn genauer an. Er hatte blonde wirre Locken und erstaunlich blaue Augen. Seine Nase war wie die eines kleinen Mädchens. Aber der Mund war für sie das erstaunlichste an ihm. Volle Lippen und wunderschöne Zähne . Sie wusste nicht warum, aber sie wollte den Mund küssen. Seine Lippen auf ihren spüren und wollte wissen, wie er sich anfühlt. Er nickte und sie blickte ihn erstaunt an. Da beugte er seinen Kopf zu ihr hinunter und ganz sanft berührten seine Lippen die ihren. In ihr explodierte etwas. Sie konnte es nicht deuten und bekam schreckliche Angst vor Ihren Gefühlen. „Nein“, keuchte sie. „Nein…ich… das geht nicht“, und rannte vor ihm davon. In ihrem Zimmer lehnte sie sich gegen die geschlossene Tür und atmete tief durch. Was ist nur los mit mir? Diese Gefühle waren schön gewesen, aber erschreckend zugleich. Sie hatte sich ihn ganz bei sich gewünscht. Dass er ihre Gedanken zu erkennen schien, war ihr schrecklich peinlich. Sie konnte ihm nicht mehr unter die Augen treten. Wie viele von ihnen gab es hier? Was passierte in diesem großen Haus? Sybille schüttelte den Kopf und erschrak, als es plötzlich an der Tür klopfte. Sie zitterte. „Ja?“ fragte sie vorsichtig durch die Tür. „Ich bin es Rosa, lass mich bitte rein.“ Sybille atmete erleichtert auf. Was hatte sie erwartet? Dass er hinter ihr hier gelaufen sei? Sie musste grinsen und öffnete die Tür. Rosa sah sie besorgt an. „Alles gut mit dir?“, fragte sie. Sybille fiel in ihre Arme und schüttelte den Kopf. Rosa schaute verwundert auf das Mädchen. „Hee, alles in Ordnung. Beruhige dich“, sagte sie tröstend und schob Sybille auf ihr Bett. Rosa setzte sich neben sie. Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, als Rosa anfing zu erzählen. „Sybille, ich weiß, es geht dir nicht gut, aber je eher du dich akzeptierst, desto eher wirst du damit klar kommen. Sei froh, dass du hier sein darfst. Andere neue Seelen bekommen die Möglichkeit nicht und sind für immer verdammt wie Raubtiere zu leben. Sie können sich nie wieder kontrollieren. Meistens leben sie nicht lange unter uns. Denn es gibt auch Jäger, dort wo es uns gibt. Jäger machen keinen Unterschied. Für sie sind wir alle Werwölfe. Kinder der Nacht. Kreaturen, die ihre Frauen und Kinder fressen.“ Rosa machte eine kurze Pause und starrte an die Wand. Sie sah wieder Sybille an. „Du wirst hier viel lernen. Nutze es und sauge jede Information auf wie ein Schwamm. Du brauchst sie, um zu überleben. Es gibt die Wulfens in jedem betroffenen Quadranten. Shiva ist eine Abgesandte für die neuen Seelen. Sie ist dazu da, um das Gleichgewicht zu halten. Um zu führen. In jedem Quadranten gibt es eine wie Shiva. Sie ist älter als wir uns vorstellen können und für sie sind wir ihre Kinder, die sie nie haben wird. Es gibt drei Stufen der Entwicklung. Du bist in der ersten, ich bin in der letzten und muss bald gehen. Wir sind meistens nicht viele in einem Quadranten. Maximal 15 Seelen leben hier. Dazu kommen die Wulfens. Wir haben außer Shiva noch zwei weitere hier. Manchmal kommen Gast Wulfens hier her, um uns Besonderheiten zu lehren oder Neuigkeiten von der Welt da draußen zu überbringen. Jede Entwicklungsstufe schließt mit einer Prüfung. Die sind aber meistens recht einfach, denn es sind mystische Prüfungen, um festellen zu können, ob du bereit für die nächste Stufe bist. Bald wird deine erste Stufe hier beginnen und dann bekommst du ein Zimmer in dem großen Haus, das du vorhin so bewundert hast. Dort sind die Lehrräume. Der Sportunterricht findet dort statt und das Essen bekommt man da serviert. Du wirst dich schnell eingewöhnen und ehe du dich versiehst, sitzt du vielleicht auch mit einer neuen Seele in diesem Zimmer und gibst dein Wissen weiter. Einen Satz möchte ich dir noch mit geben: Lass den Wolf niemals ganz raus oder gib dich dem menschlichen Fleisch hin. Sobald du Menschenfleisch isst oder Blut trinkst, bist du für immer verloren“, Rosa seufzte. „Ich habe schon einige hier kennen gelernt, die es nicht geschafft haben. Sie sind… sie mussten uns verlassen.“ Rosa blickte traurig nach unten. Schließlich lächelte sie und drückte Sybille fest. „Und jetzt schlaf noch ein wenig. Alles wird gut, glaube mir.“ Rosa küsste sie auf die Stirn und verließ das Zimmer. Sybille zog sich aus und legte das Schlafkleid an, das Shiva ihr gegeben hatte. Dann löschte sie die Laterne und legte sich unter die Decke. Bald war sie eingeschlafen.


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