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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Körperlose Lügen, Jessica Halt
Jessica Halt

Körperlose Lügen


Im Netz der Illusion

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In einer Nacht kann sich alles verändern. Sie kann der Beginn von etwas Großem sein, sie kann bewirken, dass nichts jemals mehr so sein wird, wie es einst war.


Elisa, auch genannt Elli, einem 17-jährigen Mädchen mit dunkelblonden Haaren und braun-grünen Augen, sollte diese Erfahrung bald zu Teil werden.


Sie fotografierte für ihr Leben gern, insbesondere den Himmel. Und so kam es, dass sie in einer lauen Sommernacht so fasziniert vom sternbedeckten Nachthimmel war, dass sie kurzerhand beschloss, diesen Moment draußen mit ihrer Kamera festzuhalten.


Sie war froh, sich eine Jacke angezogen zu haben, da sie, kaum als sie den Garten betrat, von den Mücken belästigt wurde. Lästige kleine Blutsauger…, dachte sie, und ahnte noch nichts von dem, was sich bald ereignen würde.


Elisa stellte sich in die Mitte des Gartens, denn von dort aus hatte sie eine perfekte Sicht auf ihr Motiv. Sie machte ein paar Fotos, veränderte die Belichtungszeiten und schoss noch welche. Elli liebte ihre neue Kamera, ihre Eltern hatten sie ihr zum Geburtstag geschenkt. Sie stellte die Belichtungszeit auf drei Sekunden ein. Dies würde ein großartiges Foto werden, nur leider musste sie dafür ziemlich lange stillhalten. Da sie darauf keine Lust hatte, beziehungsweise wusste, dass ihr das ewige Stillhalten eh misslingen würde, lehnte sie ihren Arm mit der Kamera auf einen großen Stein. Sie drückte den Auslöser und bemühte sich darum, dass ihre Hände still an der Kamera blieben und wartete.


Plötzlich spürte sie einen seichten, kühlen Windhauch an ihrem Hals. Sie wunderte sich, wo im Sommer kühler Wind herkommen mochte, dachte sich aber nichts weiter dabei. Doch dieser Windhauch erschien erneut und wanderte von ihrem Hals zu ihrem Ohr. Sie glaubte, ein Flüstern zu hören. Erschrocken stand sie auf und drehte sich um. Vor Schreck schrie sie leise auf: Vor ihr stand ein junger, geheimnisvoll dreinblickender Mann, der gut einen Kopf größer war als sie. Eigentlich dachte sie bisher, mit ihren 1,70m nicht allzu klein zu sein, doch als sie nun diesem ihr unbekannten Mann gegenüberstand, kam sie sich schrecklich winzig vor. Es ging eine Präsenz von ihm aus, die ihr förmlich den Atem nahm. Sie wollte schreien, doch vermochte es nicht, sein Anblick verschlug ihr förmlich die Sprache: seine Augen waren so blau wie der tiefste Ozean, mit ein wenig Silber-grau durchwirkt, sodass sie Elisa an Wellen auf dem Meer erinnerten. Seine Haare waren von einem goldigen Blond, sahen jedoch, im Gegensatz zu ihren eigenen Haaren, die einfach nur ein Mittelding zwischen braun und dunkelblond waren, wie weiche Seide aus. Sie waren etwas länger als schulterlang und von einer beneidenswerten Fülle. Er hatte eine helle Haut und edel wirkende Gesichtszüge, mit hohen Wangenknochen und einem schmalen, doch wohlgeformten Mund.


Er sah einfach sonderbar aus und schaute sie an. Seine Lippen formten sich zu einem geheimnisvollen Lächeln. Er trat einen Schritt auf sie zu und fragte: »Was tust du hier? Um diese Zeit?«. Seine Stimme klang kühl und klug, Elisa starrte ihn für einige Sekunden nur fassungslos an. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen, stemmte die Hände in die Hüften und sagte: »Eigentlich müsste ich das Sie fragen. Immerhin gehört dieser Garten uns, und nicht Ihnen. Also, was tun Sie hier, nachts, in unserem Garten?!.«


Er schmunzelte und ignorierte die Frage. »Hast du keine Angst? Es ist dunkel. Dir könnte etwas passieren. Ich könnte…«, er hielt kurz inne und deutete kurz ein Lachen an,»…Dinge mit dir anstellen, die dir vielleicht gar nicht gefallen würden.«. Mit diesen Worten war er plötzlich verschwunden. Lag es daran, dass sie geblinzelt hatte? Erschrocken und verängstigt drehte sich Elisa um sich selbst, erblickte ihn jedoch nicht. Sie blieb stehen, atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen.


Plötzlich merkte sie, wie ihre Jacke langsam an ihrem Rücken herunter glitt. Zwei kühle Hände berührten ihre Arme. Elisa schrie auf und drehte sich um. Er stand nun direkt vor ihr, mit kaum einer Ellenlänge Abstand. Sie wagte kaum zu atmen. Sie wollte schreien, wollte weglaufen. Doch sie konnte nicht. Gebannt schaute sie nur in seine Augen, die Wissen, Klugheit, Erfahrung, jedoch auch List und Tücke auszustrahlen schienen.


Er hob eine Hand und fuhr ihr damit ganz sachte über die Wange. Elisa erschauderte bei seiner Berührung. Seine Haut war kühl, fühlte sich jedoch auf eigenartige Weise vertraut und gut an. Sie versuchte etwas zu sagen, doch er hob nur seinen Finger an ihre Lippen und sagte: » SchSch.« Dann ließ er seine Hand zu ihrem Hals gleiten und ging noch einen Schritt auf sie zu. Er beugte seinen Kopf ein Stück herunter, führte mit seiner Hand ihr Gesicht zu dem seinen heran und küsste sie. Elisa konnte sich nicht wehren, sie war wie hypnotisiert. Er legte seine andere Hand an ihre Hüfte, als seine Lippen die Ihren berührten. Sie waren kühl und weich, und schmeckten verführerisch. Elisa spürte, wie er ausatmete, sein kühler Atem wanderte ihren Hals hinunter und schien sich in ihrem Körper auszubreiten. Doch plötzlich war der Kuss vorbei. Er hatte nicht lange gedauert, nur wenige Sekunden. Sie öffnete die Augen und erstarrte: der Mann war weg!


 


Dann hörte sie ein Stöhnen. Sie lief in die Richtung, aus der sie diesen Laut vernahm und erschrak: hinter der Hecke, die ihr gerade bis knapp unter die Brust ging und die ihren Garten von dem ihrer Nachbarn abgrenzte, lag ihr Nachbar neben seinem Kompost auf dem Boden. «Steffen?! Was tun Sie da?!«, fragte sie den Mann über die niedrige Hecke hinweg.


«Elli? Ich weiß nicht. Ich war noch mal draußen weil ich in der Garage das Licht brennen ließ, und dann war da auf einmal so ein kalter Wind…und ab da an weiß ich nichts mehr. Und nun bin ich hier neben dem Kompost aufgewacht. Aber wie bin ich hier hergekommen?! Und was machst du überhaupt nachts draußen im Garten?«


»Hm, komisch…«, sagte Elisa, »Ich…hab Fotos gemacht. Aber Sie…sollten jetzt wieder reingehen. Anja macht sich sonst sicher Sorgen um Sie.«.


»Ja, Elisa du hast Recht, ich sollte reingehen und das hier einfach vergessen.«, stimmte er ihr, immer noch anscheinend verwirrt, zu.


Dann stand er wackelig auf, klagte über heftige Kopfschmerzen und ging in Richtung seines Hauses. Elisa beschloss, es ihm gleichzutun und lief mit schnellen Schritten los.


Sie erzählte ihren Eltern nur, sie habe wunderschöne Fotos gemacht und sich gar nicht von den Sternen losreißen können, weshalb es etwas länger gedauert hätte. Von dem geheimnisvollen Mann sprach sie lieber nicht, um nicht für verrückt erklärt zu werden. Dann ging sie schlafen.


 


Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fragte sie sich, ob sie das alles möglicherweise nur geträumt hatte. Sie beschloss, einfach davon auszugehen und wollte aufstehen. Just bei jener Bewegung spürte sie ein schmerzhaftes Stechen im Kopf. Sie legte sich wieder hin, da sie dachte, durch etwas Schlaf würde der Schmerz wieder vergehen.


Tatsächlich legte er sich etwas. Also versuchte sie nach einer Zeit erneut, aufzustehen, sank aber sofort wieder ab. Ihr Kopf schmerzte immer noch entsetzlich. Sie fing an, zu frieren und zog sich die Decke über die Schultern. Ihre Mutter betrat ihr Zimmer und sagte: »Guten Morgen, Elli. Warum liegst du noch im Bett? Ich werde mal das Rollo hochmachen, damit du mal wach wirst.«


»Nein, Mama bitte nicht!«, sagte Elisa, doch in diesem Moment hatte ihre Mutter das Rollo schon bis zur Hälfte geöffnet. Das Sonnenlicht strömte auf Elisa ein und griff sie förmlich an. Diese hielt sich schützend die Hand vor die Augen.


«Mach das Rollo runter!«, bat sie ihre Mutter.


»Geht´s dir nicht gut?«, fragte ihre Mutter besorgt, ließ das Rollo wieder herunter und kam zu ihr.


»Ich habe Kopfschmerzen und mir ist kalt.«, antwortete Elisa.


Ihre Mutter befühlte Ellis Stirn und sagte, sie sollten am besten zum Arzt gehen, da sie wahrscheinlich Migräne hätte. Elisa versuchte erneut aufzustehen, mit dem Ergebnis, dass ihr schwindelig wurde.


Während sie sich anzog, holte ihre Mutter ihr eine Kopfschmerztablette. Elisa nahm diese und ging widerwillig aus ihrem dunklen Zimmer heraus.


Die Kopfschmerzen, sowie auch der Schwindel wurden stärker. Sie stützte sich an der Wand ab und versuchte es zu ignorieren. Ihre Mutter kam auf sie zu und sagte »Elisa Schatz, du siehst wirklich nicht gut aus. Ich werde das Rollo im Bad etwas herunterlassen, damit du dich dort fertigmachen kannst. Übertreib es aber nicht, wasch dich nur und mach deine Haare, du musst, nachdem wir beim Arzt waren, ja eh wieder ins Bett.«


»Danke Mama, mach ich«, sagte Elisa erschöpft und ging ins Bad.


 


Die Fahrt zum Arzt war anstrengend, jedoch nichts im Gegensatz zu dem, was sie drinnen erwartete. Das Wartezimmer war brechend voll, es stank nach Krankheit, Schweiß und Medikamenten. Elisa wurde übel, deshalb bat ihre Mutter an der Rezeption darum, eher drangenommen zu werden. Tatsächlich mussten sie nur knapp 10 Minuten warten, die Elisa aber aufgrund der Umstände wie 2 Stunden erschienen. Als sie endlich an der Reihe waren, fragte der Arzt sie, ob sie vielleicht etwas Falsches gegessen habe oder Ähnliches. Sie schüttelte nur den Kopf. Natürlich erzählte sie nichts von der vorherigen Nacht. Wieso sollte sie auch? Sie wusste ja selbst nicht mehr genau, ob sie nur geträumt hatte, oder ob es wirklich passiert war. Und selbst wenn, so konnte sie sich nicht denken, warum sie deswegen krank geworden sein sollte.


Schließlich diagnostizierte er Migräne, gab ihr ein Rezept für Medikamente mit und wünschte ihr noch eine gute Besserung. Sie war heilfroh, endlich die Praxis verlassen und zurück nach Hause in ihr Bett zu dürfen.


Als sie endlich wieder in ihrem dunklen Zimmer war, tauschte sie ihre Jeans gegen eine Jogginghose aus und legte sich in ihr Bett. Erschöpft schloss sie die Augen. Ihre Mutter brachte ihr noch einen Tee, aber das merkte Elisa gar nicht mehr, denn sie war binnen weniger Minuten eingeschlafen. Ihre Mutter schloss die Tür, um sie nicht zu stören und ging ins Wohnzimmer.


Elisa schlief lange. Ab und zu wurde sie wach, weil ihre Mutter die Küche aufräumte, einer von den Nachbarn Rasen mähte oder Ähnliches.


Als sie wieder einmal aufwachte, schaltete sie ihre Nachttischlampe ein und trank von ihrem Tee. Er schmeckte bitter. Angewidert verzog sie das Gesicht, diese Magen-Darm-Tees waren einfach zu eklig. Kein Wunder, dass sie dadurch auch nie schneller gesund wurde. Dann knipste sie die Lampe wieder aus und schlief wieder ein.


 


Plötzlich befand sie sich wieder im Garten. Es war Nacht. Klar, als sie das letzte Mal wach gewesen war, war es ja auch schon 21:00 Uhr gewesen. Sie schaute auf ihre Hände, sie waren leer. Wo war die Kamera? Schlafwandelte sie etwa? Eigentlich glaubte sie, in ihrem Unterbewusstsein zu wissen, dass dies nur ein Traum war, doch es sah alles so…real aus. Dann spürte sie wieder den kühlen Windhauch an ihrem Hals. Langsam drehte sie sich um. Und da war er wieder: so schön und geheimnisvoll, wie am Abend zuvor. Er schaute sie aus seinen meeresblauen Augen an, mit einer Mischung aus Amüsierung und Erwartung. Elisa wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Schließlich hatte er sie am Vorabend geküsst. Sie beschloss, ihn diesmal nicht gewähren zu lassen, verschränkte die Arme vor der Brust und fragte grimmig : »Was tun Sie schon wieder hier?«.


Der geheimnisvolle Mann lächelte nur und sagte dann schließlich: »Wieso schon wieder?«.


Elisa sagte verwirrt: «Na, gestern Abend waren Sie auch im Garten. Sie…haben mich…geküsst.«.


Nun lachte er. »Meinst du wirklich?«, fragte er sie, mit einem Funkeln in den Augen.


»Na…ja.«, antwortete Elli verunsichert. Sie war sich ja selbst nicht im Klaren darüber, ob das Ereignis vom Vorabend nicht auch nur ein Traum gewesen war. Aber dann entschied sie sich, dass das am Vorabend gar kein Traum gewesen sein konnte. Immerhin hatte sie ja Fotos gemacht. Das, was jetzt geschah, das war ein Traum. Und sie war gerade dabei, sich selbst zum Narren zu halten. Dieser komische Typ war am Vorabend zwar da gewesen, aber jetzt hatte sie einfach nur einen Traum, in dem er dummerweise vorkam. Zumindest versuchte sie sich das einzureden, damit sie nicht Gefahr lief, durchzudrehen.


Interessiert beobachtete der Mann sie mit verschränkten Armen und wartete auf weitere Reaktionen. Schließlich sah sie ihn an und sagte kühl: »Was wollen Sie eigentlich?«. Er lachte nur wieder und antwortete schmunzelnd: »Was bezweckst du mit dieser Frage?«


Elisa war verwirrt: »Ich versuche herauszufinden, was Sie gestern Abend in unserem Garten zu suchen hatten und warum Sie sich heute in meinen Traum gestohlen haben.«


»Ich könnte es dir zwar erklären, aber das würdest du nicht verstehen«, antwortete er schulterzuckend.


»Wer sind Sie?«


»Wozu willst du das wissen?«


Elisa dachte nach. »Ich könnte Sie bei der Polizei anzeigen.«


Er lachte daraufhin wieder kurz auf. »Außer einem Aufenthalt in der Psychiatrie wird dir das nicht viel einbringen.« Stimmt eigentlich, dachte Elisa. Was sollte sie den Beamten auch erzählen? Ein geheimnisvoller Mann hatte sie geküsst und in ihren Träumen verfolgt?


»Trotzdem wüsste ich gern, wer Sie sind. Sie werden mir ja wohl zumindest Ihren Vornamen sagen können.«


Er schien ernsthaft zu überlegen. »Warum läufst du eigentlich nicht weg?«, antwortete er stattdessen.


»Es hätte keinen Zweck. Gestern hat es ja auch nicht geklappt. Sie haben noch nicht meine Frage beantwortet.«.


»Mein Vorname ist Tycon. Kluges Mädchen, aber versuch es doch einfach mal, Elli.«


»Was ist das für ein Name? Und woher wissen Sie, wie ich heiße?«


»Deinen Namen herauszufinden, war nicht schwer, Elisa. Warum bist du so auf Förmlichkeiten bedacht?«


»Tja, ich bin eben höflich. Ich sage immer Sie zu Fremden.«


»Was heißt hier fremd? Immerhin hast du mich geküsst.«


»Ich Sie? Sie haben mich geküsst, verdrehen Sie hier nicht die Tatsachen!«, erwiderte sie empört.


»Lass das »Sie« weg. Ich bin jetzt Teil deines Lebens.«


Mit diesen Worten lächelte er wieder und kam einen Schritt auf sie zu. Nun bekam Elisa es wieder mit der Angst zu tun. Sie drehte sich herum und rannte auf das Haus zu.


An der Tür angekommen, schaute sie zurück. Er stand immer noch da. Dann winkte er ihr. Gerade wollte sie den Schlüssel herumdrehen, da sah sie, dass der Schlüssel nicht dort war. Sie sah zu Tycon hin. Lächelnd hob er den Arm. Er hatte den Schlüssel in seiner Hand. Wütend stapfte sie auf ihn zu.


»Gib mir den Schlüssel!«, forderte sie. »Wieso?«, fragte er, gespielt unwissend.


»Weil ich zurück in mein Zimmer will.«


»Aber du bist doch in dem Zimmer. Ich denke, das hier ist nur ein Traum?«


»Ja, und ich möchte, dass dieser Traum endlich vorbei ist!«


»Dann tu doch etwas dagegen.«


»Wie wäre es, wenn du einfach verschwindest, Tycon?«


»Dazu musst du mich erst überreden«. »Und wie? Was willst du hören?«, fragte sie genervt.


»Nichts. Denk doch mal nach? Wie bin ich denn gestern verschwunden?« Elisa überlegte. Dann ging ihr ein Licht auf. »Das ist doch jetzt nicht wahr oder?! Mein Gott, ich bin 17!«


»Glückwunsch, du hast es herausgefunden. Was ist daran so schlimm? In anderen Ländern sind die Mädchen in diesem Alter schon längst verheiratet.«. Lächelnd zuckte er dabei mit den Schultern.


»Wir sind aber in Deutschland und nicht in Ägypten oder sonst irgendwo!«. schimpfte Elisa aufgebracht. Langsam wurde ihr das hier echt zu viel.


»Naja, Elli, es ist deine Entscheidung. Aber bedenke, dass ich dich auch genauso gut dazu zwingen könnte. Die Nacht ist noch jung. Aber irgendwann werde auch ich ungeduldig.«, seufzte er.


Elisa überlegte. Dass er sie zwingen konnte, hatte sie gestern ja gemerkt. Sie wollte ihn lieber nicht wütend machen. Deswegen ging sie auf ihn zu und stellte sich auf die Zehenspitzen. Schon konnte sie wieder seinen Duft riechen. Was für ein Parfüm war das? Es, …er… roch einfach fantastisch. Doch plötzlich hielt sie inne und stellte sich wieder ein Stück von ihm weg. Warum sollte sie das eigentlich tun? Schließlich war es doch nur ein Traum, oder? Obwohl, wenn es nur ein Traum war…dann konnte sie ja ebenso gut tun was er wollte, es war ja nicht so, dass er stank oder hässlich war…und wenn es nur ein Traum war, würde sie sich nicht schämen müssen, ihm gehorcht zu haben. Keiner der Nachbarn konnte sie sehen und irgendwann würde sie schon aufwachen. Eine schwierige Entscheidung…


Sie merkte, dass er sie beobachtete und schaute zu ihm hoch. Seine Augen musterten sie amüsiert, erwartungsvoll und abschätzend, was sie wohl als Nächstes tun würde. Dann lächelte er und stellte fest: »Du bist ziemlich starrsinnig, kann das sein? Dich kann man nicht so leicht zu etwas überreden.«


Sie verschränkte die Arme und antwortete trotzig: »Kann sein. Ich bin nicht so leichtgläubig wie andere Mädchen, die sich dir vermutlich freiwillig an den Hals werfen würden. Ich tue und glaube nicht einfach etwas, was ein wildfremder Mann mir mitten in der Nacht in unserem Garten erzählt.«


Er lachte kurz, runzelte die Stirn und fragte: »Was glaubst du mir nicht?«


»Dass du mir den Schlüssel gibst, wenn ich…dir gehorche.«


»Sehe ich etwa so unglaubwürdig und hinterhältig aus?«


»Ja, Tycon, irgendwie schon. Nicht zuletzt durch den Umstand, dass du mich mitten in der Nacht in meinem Garten fast zu Tode erschreckt hast.«


Dieser Wortschlag würde hoffentlich sitzen. Tatsächlich sah Tycon etwas überrascht aus. Schließlich räusperte er sich und sagte mit lauernder, leiser Stimme: »Und was hast du jetzt vor, zu tun?«


Er schritt auf sie zu. Elisa konnte seinen Atem spüren und wieder seinen Duft riechen. Sie wurde tatsächlich unsicher, was sie jetzt tun sollte. Schließlich schaute sie ihn an. Er sah nun ziemlich siegessicher aus. Doch Elisa gönnte ihm diesen Sieg nicht. Deswegen setzte sie die Fingerspitzen auf seine Brust und ging ein paar Schritte rückwärts. Wieder verschränkte sie die Arme und sagte: »Ich weiß zu wenig über dich. Wie wär´s, wenn du mir ein paar Fragen beantwortest?«.


Er lächelte wieder und sagte: »Dafür halte ich es für zu früh.«


Elisa konnte nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. Sie stemmte die Arme in die Hüften und sagte aufgebracht : »Ach, aber mich zu küssen ist ok?!«


Er lächelte immer noch. Langsam ging ihr sein Dauergrinsen auf die Nerven.


»Ja.«. Mit diesen Worten stand er auf einmal vor ihr und küsste sie. Nicht länger als am Vortag, aber auf die gleiche Art. Wieder spürte sie seinen kühlen Atem in ihrem Hals. Sie versuchte sich von ihm loszumachen, aber wie am Vorabend gelang es ihr nicht.


Als er sie nach ein paar Sekunden losließ, rief sie wütend: »Du bist gerade dabei, dich ziemlich, nein, noch unbeliebter bei mir zu machen!«


Sie schaute sich um, doch konnte ihn nicht sehen. Er war weg. Toll, dachte sie sich, küsst mich, macht sich vom Acker, und ich steh immer noch in Jogginghose im Garten. Sie schaute an sich herunter. Sie hatte nicht die Jogginghose von diesem Tag an, sondern die Sachen, die sie gestern Abend getragen hatte. Zumindest war so endgültig bewiesen, dass dies nur ein Traum gewesen war.


Plötzlich hörte sie einen Laut, der ihr vertraut vorkam, ihr im Garten aber ein wenig merkwürdig erschien, und merkte, wie ihr Umfeld auf einmal dunkel zu werden begann.


 


Plötzlich lag sie wieder in ihrem Bett. Das Licht war an und ihr Vater hatte gerade das Fenster geschlossen.


»Elli, warum hast du dein Fenster so weit aufgemacht?«


»Ich weiß nicht…«, sagte Elisa verwundert, denn eigentlich hatte sie ihr  Dachfenster nur angekippt gehabt.


»Hm. Komisch. Na, dann schlaf dich gesund, damit du morgen in die Schule gehen kannst.«, sagte ihr Vater, ging aus ihrem Zimmer und schloss die Tür wieder.


Ihr Kopf fühlte sich kühl an. War es möglich, dass Tycon…? Nein, das konnte nicht sein. Ein Dachfenster konnte man zwar von außen aufziehen, wenn es angekippt, beziehungsweise leicht geöffnet war, wie das Ihre, aber wie sollte er unbemerkt aufs Dach gekommen sein? Sie beschloss, in der nächsten Nacht in den Garten zu gehen und ihn zur Rede zu stellen. Insofern er da sein würde, worin sie sich aber ziemlich sicher war. Immerhin hatte er ja gesagt, er würde bald Teil ihres Lebens sein…was immer das bedeutete. Sie schloss wieder die Augen und fiel in einen traumlosen, unruhigen Schlaf.


 


Ein schriller, nicht enden wollender Ton, erzeugt durch einen Wecker, schreckte Elisa auf. Neben dem Wecker lag ein Zettel, den ihre Mutter geschrieben hatte. Sie schrieb, dass sie heute eher weggemusst habe und dass Elisa, sofern es ihr gut ginge, in die Schule gehen solle, da sie sonst so viel Stoff verpassen würde. Also war sie allein, da ihr Vater immer sehr früh aus dem Haus musste. Auch nicht schlecht, so hatte sie wenigstens ihre Ruhe. Elisa schüttelte den Kopf und stieg müde aus dem Bett. Typisch ihre Eltern. Der Inhalt dieses Zettels sollte wahrscheinlich wieder einmal lauten: »Geh in die Schule, beiß die Zähne zusammen, lerne schön, streng dich an. Wir haben dich lieb«. Das, beziehungsweise sowas Ähnliches, sagte ihre Mutter ihr auch jeden Morgen, wenn sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Naja, so waren ihre Eltern nunmal, daran konnte man nichts ändern. Deshalb war sie auch froh, an diesem Morgen allein zu sein. So konnte sie sich das ewige »Ja Mama, mach ich, versuche ich, ich euch auch.« mal sparen.


Also ging sie ins Bad, um sich fertig zu machen. Es ging ihr wirklich besser, als am Vortag. Sie wusch sich das Gesicht, schminkte sich ein wenig und fasste ihre Haare zu einem Zopf zusammen. Dann ging sie in die Küche, um sich ein Toastbrot zu machen.


Schließlich nahm sie ihre Schultasche und verließ das Haus. Sorgfältig schloss sie die Tür ab und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Dort angekommen, wurde sie auch gleich von ihren Freunden empfangen. Ihre angeblich beste Freundin, Claudia kam auf sie zu, umarmte sie und simulierte einen Kuss auf Ellis Wange. Elisa war verwirrt. Was sollte dieser Mist? Sie hatte diesen ganzen Girlie-Kram noch nie verstanden. Umarmen war ja noch ok, aber dieser simulierte, nicht mal echte Kuss auf die Wange??


Dieser Gedanke erinnerte sie an die vorige Nacht. An Tycon, an den Kuss…sie schüttelte den Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden.


»Hey, Elli, was ist denn los?«, fragte Claudia unsicher. Elisa wusste nicht, was sie sagen sollte. Sollte sie ihr von Tycon erzählen? Schließlich war sie ihre beste Freundin. Oder zumindest eine von denen, die behaupteten, dies zu sein. Letztendlich beschloss sie, ihr nur zu erzählen, sie sei krank gewesen. »Ich war krank.«, sagte sie,» Ich hatte Migräne.«


Claudia ging sofort einen Schritt von ihr zurück und sagte besorgt: »Du siehst auch noch etwas blass aus. Bist du sicher, dass es dir gut geht und du in die Schule gehen willst?«


Elisa lächelte. Ob sie wollte? Wer wollte schon in die Schule gehen, wo man jeden Tag die gleichen Idioten sah. Viel lieber wäre sie noch in ihrem Bett liegen geblieben und hätte geschlafen. Aber nein. Sie sollte ja die Zähne zusammenbeißen und in die Schule gehen und aufpassen. Und sich anstrengen, nicht zu vergessen. Eltern konnten manchmal so stressig sein! Nicht nur ihre, da war sie sich sicher. Aber sie war sich auch der Tatsache sicher, dass ihre Eltern ein Extremfall waren. Immerhin ließen andere Eltern ihre Kinder schon zu Hause, wenn diese sagten, sie hätten Kopfschmerzen oder ihnen sei schlecht. Damit war Elli bei ihren Eltern noch nie durchgekommen. Sie schaute zu Claudia und merkte, dass diese sie anstarrte. Elli versuchte zu lächeln, runzelte dann die Stirn und fragte Claudia: »Was sollte eigentlich diese kitschige Begrüßung?«


Claudia schaute sie verständnislos an und sagte, dass das völlig normal sei und dass das alle täten. Sogar die Jungs, bloß ohne das Küsschen. Also könne sie nicht sagen, es sei kitschiger Mädchenkram. Elisa unterdrückte die Antwort, die ihr gerade auf der Zunge gelegen hatte und holte ihren Busausweis aus der Tasche. Gerade hatte sie ihre Schultasche wieder geschlossen, da kam auch schon der Bus. Er hielt ausnahmsweise direkt vor ihr. Als die Türen sich öffneten, stieg sie ein und zeigte dem Fahrer im Vorbeigehen ihren Busausweis. Zielstrebig ging sie auf die Sitze zu und ließ sich in ihrem Stamm-Vierer nieder. Dort saß sie immer mit Claudia und Samantha, schon seit der 7.Klasse, also schon seit 4 Jahren. Sie ließ sich auf den Sitz fallen und schaute aus dem Fenster. Samantha kam gerade aus der Haustür gerannt. Elisa verstand nicht, wie man, wenn man schon direkt neben der Bushaltestelle wohnte, immer noch zu spät kommen konnte. Samantha rannte auf den Bus zu, sprang hinein, zeigte ihren Ausweis und kam zu ihr und Claudia, die sich mittlerweile gegenüber von Elli gesetzt hatte, in den Vierer.


Nach ca. 8 Minuten gelangten sie in Geusa an. Elli schaute aus dem Fenster und sah den Typen, in den sie noch vor einer Woche noch so etwas wie verliebt gewesen war. Zumindest dachte sie das. Sie wusste nicht, ob sie sich überhaupt schon mal wirklich verliebt hatte, da sie bisher noch keine Beziehung gehabt hatte. Entweder hatten bisher die Jungs sie, oder sie die Jungs blöd gefunden. Der hübsche, blonde Typ stieg in den Bus. Naja, man konnte eigentlich nur erahnen, ob er hübsch war, da seine Haare ziemlich weit ins Gesicht hingen. Als sie ihn nun unauffällig betrachtete, gefiel er ihr irgendwie gar nicht mehr. Er sah durch seine hochgewachsene, dünne Gestalt aus wie ein Stock. Oder ein Baumstamm ohne Krone. Vielleicht lag das aber auch einfach nur daran, dass er jetzt mit Katha »zusammen« war, von der Elli eigentlich dachte, sie sei ihre Freundin. Und Katha hatte gewusst, dass sie Christian, so war sein Name, mochte. Tja, was ist die Liebe doch für eine Macht, dachte Elli. Wenn man es überhaupt Liebe nennen konnte. Denn diese »Beziehungen«, wie auch sicher die von Katha und Christian, hielten meistens maximal 2 Monate, manchmal sogar nur wenige Tage.


Sie beobachtete Christian, wie er in den hinteren Teil des Busses, zu Katha, ging. Und sie küsste. Elli spürte einen Stich in der Brust. Sie hatte es zwar schon vorher über Facebook erfahren, doch dabei zuzusehen, wie sie sich küssten, war dennoch schmerzhaft. Dabei fand sie ihn doch gar nicht mehr hübsch…zumindest versuchte sie, sich das einzureden.


Plötzlich war sie in Gedanken wieder bei den beiden Nächten mit Tycon, erinnerte sich, wie er sie geküsst hatte. Wie seine weichen Lippen die ihren berührten und sein kühler Atem sich durch ihren Körper schlängelte… Elli schüttelte kurz den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden.


Inzwischen war der Bus wieder losgefahren und hielt drei Minuten später an der nächsten Bushaltestelle. Ein Haufen von Leuten stieg ein. Vor allem laute Kinder, die sie als 5.Klässler einschätzte. Sie hatte Kinder noch nie besonders gemocht. Nicht, dass sie sie gehasst hätte, sie mochte sie bloß einfach nicht, wenn sie rumschrien, nervten und das alles. Am liebsten war es ihr schon immer gewesen, wenn sie schliefen. Doch an diesem Morgen nervte sie das Gelächter und Geschwätz der Kleinen besonders. Sie merkte, wie sie langsam gewaltige Kopfschmerzen bekam. Sie schaute auf die Uhr, noch 5 Minuten, dann würden sie an ihrer Schul-Bushaltestelle ankommen. Sie biss die Zähne zusammen, versuchte den Lärm zu ignorieren und wartete auf den heiß ersehnten Zeitpunkt des Aussteigens.


Endlich war es soweit. Der Bus hielt vor der Bushaltestelle. Elli stand auf und wartete darauf, dass die Türen sich öffneten. Dann stürmte sie aus dem Bus und stellte sich an ihren gewohnten Platz. Claudia und Samantha gesellten sich, wie jeden Morgen, zu ihr. Kurze Zeit später kamen auch die Busse, in denen ihre anderen »Busfahrfreundinnen« saßen. Claudia begrüßte jede einzelne von ihnen auf dieselbe Art, wie sie auch Elli begrüßt hatte. Diese verzog angewidert das Gesicht.


Die Einzige, die Elli kurz umarmte, war Josy. Das ganze Gegenteil davon war Sandra. Diese hatte ein Pferd, weshalb sie des Öfteren, neben Schweiß, Rauch etc., danach roch bzw. stank. Für den Rauchgeruch konnte sie nichts, da sie nicht rauchte, ihre Eltern waren aber sogenannte Kettenraucher. Doch den Schweiß-und Pferdegeruch könnte sie vermeiden. Das fand nicht nur Elli. Doch Claudia umarmte sie natürlich trotzdem.


Elisa schaute zu Christian herüber, der ca. 5m von ihrem »Fleck« entfernt mit seinen Freunden stand. Einer von denen, der zufällig auch Christian hieß, schaute kurz, aber öfters zu Elli herüber. Sie hatte seine Blicke schon in ihrem Rücken gespürt, als sie noch mit Josy und den anderen gesprochen hatte. Was will der Typ, dachte Elli genervt. Vor knapp einer Woche hatte sie versucht, per Internet seine Beziehung mit einer ihrer Freundinnen zu \\\"reparieren\\\", da sich beide nicht hatten einigen können, wer von ihnen den anderen \\\"verarscht\\\" hatte. Deshalb hatte sie beide, nachdem sie von beiden Seiten darum gebeten worden war, zum Chat eingeladen. Was aber letztendlich zu nichts geführt hatte, außer zu einem Konflikt zwischen ihm und den beiden Mädchen.


Und nun schaute er sie ständig an. Überlegte er nun, sie zu mobben oder gar zu verprügeln? Elli wusste es nicht. Wenn dies der Fall werden sollte, werde ich es Tycon erzählen, dachte Elli. Dann unterbrach sie ihre Gedanken und schüttelte kurz den Kopf. Warum dachte sie schon wieder an Tycon? Warum kam ihr der Gedanke, ihm ihre Sorgen zu erzählen, wobei sie ihn doch eigentlich gar nicht als Freund oder Ähnliches ansah? Vielleicht war es doch nicht so gut, dass sie schon wieder in die Schule gegangen war. Vielleicht hätte sie sich noch ein wenig zu Hause ausruhen sollen…


Josy tippte sie an und fragte, ob sie mit zur Schule komme. Elli nickte nur dankbar und hoffte, durch die zwei Ethikstunden, die ihr nun bevorstanden, auf andere Gedanken zu kommen.


 


In der Hofpause unterhielten sie sich über ihr Wochenende. Claudia erzählte, sie hätte mit einer Menge süßer Typen gechattet und sei bei Shaiya, einem Online-Rollenspiel, schon auf Level 14.


»Und was hast du am Wochenende gemacht, Elli?«, fragte Josy sie schließlich. Vermutlich konnte sie, genau wie Elli, einfach Claudias dummem Gequatsche nicht mehr länger zuhören.


»Ähm…nichts…naja gelesen, fern gesehen und so…und dann wurde ich halt krank und lag im Bett.«, antwortete sie ihr.


»Oh man, du bist so langweilig, Elli!«, sagte Claudia hochnäsig. Josy verdrehte die Augen.


»Nur, weil ich nicht so eine Hure bin wie du, die sich an fast jeden Typen ranschmeißt, und meine Zeit nicht mit sinnlosen Online-Games verschwende, heißt das noch lange nicht, dass ich langweilig bin!«, sagte Elli in aggressivem Ton zu Claudia. Diese wusste vor Schreck gar nicht, was sie sagen sollte. Auch die anderen schauten Elli schockiert an, da sie sonst nie so sprach. Schließlich sagte Sandra vorsichtig: »Also ich gebe Elli Recht, wenn ich auch etwas andere Worte gewählt hätte…«


Eigentlich hatte Elli das auch tun wollen, doch letztendlich bereute sie es nicht, diese Worte gewählt zu haben. Sie hatte Claudia schon so oft die Meinung sagen wollen. Den Rest der Pause waren sie ziemlich schweigsam und Elli war froh, als es endlich zur Stunde läutete.


Nun hatten sie Geschichte, welches eigentlich eins von Ellis Lieblingsfächern war. Heute jedoch hatte sie gar keine so richtige Lust darauf. Sie fühlte sich…müde. Vielleicht hätte sie wirklich noch ein paar Tage zu Hause bleiben sollen. Plötzlich merkte sie, wie ihr Handy in ihrer Hosentasche vibrierte. Wer schrieb ihr um diese Zeit eine SMS? Vielleicht ihre Großeltern oder…? Nein das konnte nicht sein. Tycon hatte ihre Handynummer gar nicht. Geschweige denn, ob er überhaupt ein Handy hatte? Aber wieso dachte sie schon wieder an ihn? Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, um den Gedanken loszuwerden. Sie musste aufhören, an ihn zu denken. Aber es gelang ihr nicht…


Den Rest der Stunde verbrachte sie mit Wechselgedanken zwischen Tycon und dem Unterrichtsstoff, bis es endlich zur Pause klingelte. Auf dem Weg zur Essenausgabe schaute sie auf ihr Handy. Die SMS war von Christian. Stimmt, ich hatte ihm ja meine Nummer gegeben…, dachte sie genervt und las die Nachricht. »Hi Elli na was hast du gerade? HDL«, hatte er geschrieben. Was war das für ein bescheuerter Typ, ihr mitten im Unterricht zu simsen?! Zumal an ihrer Schule striktes Handyverbot galt. Nur auf dem Schulhof war das Benutzen von Handys und anderen elektronischen Geräten gestattet. Na gut, vielleicht war das an seiner Schule ja anders…aber trotzdem. Und dann noch dieses \\\"HDL\\\". Er kannte sie gerade mal durch ein paar Nachrichten und tat so, als wären sie schon seit Ewigkeiten befreundet.


Sie entschied, erst einmal essen zu gehen. Die Essenausgabe war in einer Kantine auf dem Domgelände. Elli hatte noch nie viel für Kirchen übrig gehabt, doch heute hatte sie das Bedürfnis, so schnell wie möglich, am Dom vorbei, zum Essen zu gehen. Was sie dann auch tat.


Die nächsten und letzten vier Stunden bestanden aus zweimal Deutsch und zweimal Englisch, die sie auf die gleiche Art durchstand, wie die, die sie zuvor schon hinter sich gebracht hatte.


Als die 8.Stunde endlich vorüber war, war sie heilfroh, zum Bus gehen zu können. Die meisten der anderen hatten es schlecht, die mussten noch zum Latein-Nachhilfeunterricht gehen, auf Anweisung der Klassenlehrerin, die leider auch ihre Latein-Lehrerin war. Die Armen. Obwohl, eigentlich taten sie Elli nicht leid. So hatte sie wenigstens mal ihre Ruhe im Bus und musste sich nicht das sinnlose Gerede von Claudia, die wahrscheinlich sowieso noch wütend auf sie war, anhören. Doch als sie zur Bushaltestelle kam, wäre sie am liebsten wieder umgekehrt und hätte den Unterricht mitgemacht: an der Bushaltestelle stand Christian. Zum Glück war Josy noch mit bei ihr, die Einzige, die neben Elli und einigen wenigen anderen nicht am Förderunterricht teilnehmen musste.


Als sie und Josy an ihrem Stammplatz angekommen waren, spürte Elli, wie sie angeschaut wurde. Sie sah zu Christian. Schnell schaute er in eine andere Richtung. Sofort wich das Gefühl des Angestarrt-Werdens von Ellis Haut. Dann kam ihr Bus, in dem leider auch Christian mitfuhr. Sie umarmte kurz Josy und ging dann die paar Schritte zur Bushaltestelle. Langsam, damit sie gleich in dem Bus einsteigen konnte, wenn dieser ankam und seine Türen öffnete. Am besten nach Christian. Doch als der Bus nun seine Türen öffnete, lief Christian genau neben ihr. Wenigstens war er so höflich, ihr den Vortritt zu gewähren. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass sie etwas sagte, was sie jedoch nicht tat. Sollte er doch ein Gespräch beginnen. Und selbst dann war es fraglich, ob sie darauf antworten würde. Elli ging mit schnellen Schritten durch den Bus und ließ sich auf einem Sitz direkt neben dem Ausgang nieder. Christian setzte sich zum Glück weiter vor.


Nach ca. 5 Minuten sah sie, dass Christian aufstand und ausstieg. Schnell richtete sie ihren Blick aus dem Fenster, um ihn nicht ansehen zu müssen. Sie glaubte zu spüren, wie seine Blicke sie kurz streiften. Dann fuhr der Bus weiter.


Zu Hause angekommen, ließ sie ihren Ranzen in die Ecke gleiten, ging in die Küche und machte sie etwas zu Essen. Als sie danach ihren Teller in die Spülmaschine stellen wollte, merkte sie, wie ihr Handy in ihrer Hosentasche vibrierte. Sie nahm es heraus, schaltete die Tastensperre aus und schaute darauf. Als sie sah, wer der Absender war, wusste sie nicht, ob sie überrascht sein sollte oder nicht. Es war Christian. War keine Antwort denn nicht Antwort genug?! Elli seufzte und öffnete die Nachricht, in welcher stand: »Na, halo sagen kanst du auch nich ne«. Elli brauchte ein paar Sekunden, um den Inhalt der SMS zu entziffern.


Was fällt dem ein?! Der soll erst einmal Call of Duden spielen…, dachte sie laut, lehnte sich an eine Wand und schrieb: »Möglich, aber du anscheinend auch nicht…?«


Sie las sich noch einmal ihr Geschriebenes durch und schickte es dann ab. Dann ging sie in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Nach ca. 2 Stunden kam wieder eine SMS von Christian: »Ok, nächstes Mal sage ich hallo.«


Elli musste so lachen, dass sie beinahe ihren Kaugummi verschluckt hätte. Na da bin ich gespannt, sagte sie leise. Auf diese SMS antwortete sie jedoch nicht.


 


Nach einer Weile kamen ihre Eltern nach Hause, sogar fast gleichzeitig. Sie erkundigten sie bei Elli, wie es in der Schule war, was diese nur mit einem »wie immer« beantwortete.


Als sie mit Hausaufgaben und Lernen fertig war, war es bereits Abend. Da sie noch mit ihren Eltern ein bisschen fernsehen wollte, ging sie schnell ins Bad und duschte sich. Dann ging sie in die Küche, machte sich etwas zum Abendessen und ihr Frühstück für den nächsten Schultag, und ging mit ihrem Abendessen ins Wohnzimmer, wo ihre Eltern gerade den Fernseher eingeschaltet hatten. Sie schauten sich gerade »Hancock« an. Eigentlich kannte Elli, genau wie ihre Eltern, diesen Film schon, aber das war ja egal. Gute Filme konnte man sich eben mehrmals anschauen.


Nach ein paar Minuten war schon die erste Werbepause. Ihr Vater nahm die Fernbedienung und schaltete um. Er drückte ein paar Mal die Umschalttaste und ließ die Fernbedienung sinken. Elli schaute auf den Bildschirm und traute ihren Augen nicht: dort, im Fernsehen war Tycon! Zumindest sah der Mann, der da gerade zu einem anderen Mann sprach, fast genauso aus wie er! Schulterlanges, gold-blondes Haar, leicht gewellt, und eisblaue Augen. Ok, das Blau von Tycons Augen war satter, dunkler und mit silbrig-grauen Linien durchzogen, seine Haare waren nicht allzu wellig, aber sonst… das war eigenartig.


»Wer…ist das?!«, fragte Elli fassungslos. Ihre Eltern schauten sie merkwürdig an und ihr Vater sagte dann: »Wie der Typ heißt weiß ich gerade nicht…ach doch warte…Lestat, genau. Der wird von Tom Cruise gespielt. Wieso?«


»Nur so.«, sagte Elli, »Der kommt mir irgendwie so…bekannt vor…«. »Wahrscheinlich hast du den Film schon mal gesehen.«, vermutete ihre Mutter. »Nein…er ist so …schön.«, sagte Elli, die immer noch wie hypnotisiert den Fernseher anstarrte.


»Der spielt aber den Bösen in dem Film, der kleine Kinder und so umbringt.«, sagte ihr Vater. Elli starrte den Protagonisten einfach nur an.


»Wieso findest du immer die Bösen gut?«, wollte ihr Vater wissen.


Elli nahm sich die Fernsehzeitung, und suchte den Film. \\\"Interview mit einem Vampir\\\" hieß er. Elli nahm sich vor, ihn am Wochenende, am besten noch am Freitagabend, gleich zu googeln.


»Elli…?«, fragte ihr Vater argwöhnisch. Elli schaute wieder auf den Fernseher. Lestat war nicht mehr zu sehen. Enttäuscht stand sie auf und ging Zähneputzen, ohne ihrem Vater zu antworten.


Überraschenderweise waren ihre Träume in dieser Nacht frei von Tycon, worüber Elli zwar eigentlich froh, aber irgendwo, tief in ihrem Inneren, auch etwas enttäuscht war.


Als sie am nächsten Morgen zur Bushaltestelle kam, war Claudia wieder so drauf wie immer. Sie tat so, als hätte sie den Vorfall vom Vortag vergessen. Das war typisch für sie. Auch die Busfahrt verlief so, als wäre es ein ganz normaler Tag.


Als sie dann ausgestiegen waren und an ihrem Platz standen, kam der Bus von Christian. Elli schaute auf den Bus. Dann stieg Christian aus, kam halb auf sie zu und sagte langgezogen »Hi!«.


Elli konnte sich kaum noch halten. »Hi.«, sagte sie mit, so gut es ging, unterdrücktem Lachen. Kaum war Christian um die Ecke gegangen, fingen sie alle drei an zu lachen. Sie prusteten einfach los. »Das war so geil!«, sagte Claudia, »Wie der das gesagt hat! Wie so´n röhrender Hirsch, so \\\"Haay\\\"!«


Das war zu viel. Sie waren so laut, dass Elli sich Sorgen machte, er könnte es hören. Hatte er vielleicht auch, aber sie konnte ja nichts dafür. Sie wollte ja nicht seine Gefühle verletzen oder so. Wenn er überhaupt welche hatte, was das betraf. In diesem Alter bestand eine Beziehung doch oft nur aus \\\"wollen wir zusammen sein?\\\", dann so ca. max. 2 Monaten Zusammensein und dann einfach aus langer Weile \\\"Schluss machen\\\". Am besten so zwischendurch per SMS. Keine einzige Träne wurde bei solchen Aktionen meist vergossen. Nur ein weiterer Punkt, der neben dem Rauchen und Trinken dazu beitragen sollte, möglichst erwachsen auszusehen.


Jedenfalls konnte Christian nichts dafür, dass sie über ihn lachten. Und Elli auch nicht. Er war einfach so. Die Tatsache, dass er einen Haufen Rechtschreib-und Grammatikfehler machte und keine Satzzeichen setzte war einfach…naja, anscheinend kam er damit nicht sonderlich gut klar. Oder er achtete schlichtweg nicht darauf. Sicher gab es viele, die in dieser Hinsicht so waren, aber er…. Naja, ließ sich wohl nicht ändern.


Der Rest des Tages verlief ganz normal, worüber Elli relativ froh war, da sie sich so endlich mal wieder richtig auf den Unterricht konzentrieren konnte.


 


Endlich war die Woche vorüber und es war Freitagabend. Elli hatte ihre Hausaufgaben beendet und schaltete ihren Laptop an. Nun würde sie sich \\\"Interview mit einem Vampir\\\" auf youtube anschauen. Die Motorik des Computers kam in Bewegung und die Startmelodie erklang, während der Bildschirm hellblau wurde und dann schließlich den Startdesktop zeigte. Elli wartete, bis die ganzen Programme vollständig geladen waren und klickte dann auf den Internet-Button.


Auf youtube angekommen brauchte sie bloß \\\"Interview\\\" in die Suchzeile zu schreiben und sofort tauchte der Film, den sie suchte, unter den vielen Vorschlägen auf. Elli klickte ihn an.


Wow, nicht schlecht, dachte sie. Einer von den youtube-Nutzern hatte den kompletten Film, in 13 Parts aufgeteilt, auf youtube hochgeladen! Das hätte Elli nicht erwartet. Zumindest nicht in so einer guten Qualität, und, dass der Film auch noch auf Deutsch war. Sie klickte den \\\"Part 1\\\" an, schaltete in den Vollbildschirmmodus und lehnte sich zurück.


 


Schnell wurde ihr klar, dass dieser Film wohl einer ihrer Lieblinge werden würde. Die Story war spannend, die Schauspieler genial und die Inszenierung brillant. Größtenteils hatte sie zwar nur Augen für Lestat gehabt, aber das machte ja nichts- beim nächsten Mal könnte sie ja objektiver an die Sache herangehen.


Um noch mehr über jenen Protagonisten herauszufinden, würde sie sich auch bald noch den ursprünglichen Roman von Anne Rice zulegen müssen.


Warum aber waren Lestat und Tycon sich so…ähnlich? Elli hätte schwören können, dass einer der beiden den anderen als Vorbild genommen hatte. Insofern sie das sagen konnte, denn so lange kannte sie Tycon ja noch nicht. War es möglich, dass Tycon vielleicht auch…? Auch wenn es vielleicht weit hergeholt war, nur wegen rein optischer Ähnlichkeit. Sie beschloss, Tycon einfach zur Rede zu stellen, wenn er im Garten sein sollte. Wenn nicht, so würde er bestimmt wieder in ihrem Traum auftauchen.


 


Nachdem sie mit ihren Eltern noch ein wenig ferngesehen hatte, da es nach ihrem \\\"Interview mit einem Vampir\\\"- Tycon-Vergleich erst 19.00Uhr gewesen war, ging sie um ca. 22.30 Uhr in den Garten.


Elli schaute sich um: es war niemand zu sehen. Sie beschloss, zum Teich zu gehen, oder zu der Hecke, wo sie ihm das erste Mal begegnet war. Auch dort war nichts zu sehen, außer einer Katze, die in den Nachbargarten lief und einem Raben, der davonflog. Elli ließ sich auf dem Steg über dem Teich nieder, beobachtete die Fische und schaute schließlich verträumt auf das Wasser, während sie den nächtlichen Tiergeräuschen und dem Plätschern des kleinen, künstlichen Bachlaufes am Teich lauschte.


»Jetzt kommst du also schon freiwillig zu mir?«, ertönte plötzlich hinter ihr die Stimme Tycons. Elli stand so hastig auf, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hätte, und schaute um sich. Sie konnte ihn jedoch nicht sehen.


»Wo bist du?«, rief sie.


»Wer?«, hieß die Antwort.


»Na du! Du weißt, dass du gemeint bist! Zeig dich!«, rief Elli herausfordernd, aber auch leicht ängstlich. Was zum Teufel tat sie hier? Er jedenfalls spielte schon wieder mit ihr.


»Elli?!«, ertönte die Stimme ihres Vaters von der Gartenmitte, »Was tust  du um diese Uhrzeit auf dem Steg?!Du könntest dich verletzen! Und mit wem sprichst du hier überhaupt?«


Elli sah ihn panisch an. Was sollte sie bloß sagen?


»Ich, ähm…wollte nochmal an die frische Luft….«, sagte sie unsicher.


»Und mit wem sprichst du hier?«, wollte er nochmals wissen.


»Mit…ähm…einer Katze…die…gefischt hat. Ich hab sie erwischt und….naja«, sagte in einem versucht lässigen Ton.


Sie sprach mit einer Katze, die gefischt hatte? Ihre Ausreden wurden auch immer blamabler…


Ihr Vater sah sie stirnrunzelnd an und sagte: »Naja, ich geh dann mal wieder rein. Geh vom Steg runter und komm möglichst gleich nach. Es ist schon spät. Du kannst morgen wieder in den Garten gehen.«


Elli nickte und ging vom Steg herunter. Sie wollte ihm gerade folgen, als sie einen kühlen Windhauch an ihrem linken Ohr spürte. Sie drehte sich um und stand auf einmal direkt vor Tycon.


»Ich…komm gleich nach!«, rief sie zu ihrem Vater. Warum tat sie das? Warum hatte sie ihrem Vater Tycon nicht gezeigt, als Beweis dafür, dass sie nicht verrückt war?


Ihr Vater winkte als Zeichen seines Einverständnisses ab, ohne sich umzudrehen, und ging ins Haus. Elli drehte sich wieder zu Tycon um. Doch dieser war schon wieder verschwunden.


»Was soll dieses lächerliche Versteckspiel?«, flüsterte sie, leise, damit ihr Vater nicht wieder herbeikam.


»Wer sagt, dass ich mich verstecke?«, sagte Tycon. Elli drehte sich um, sah aber niemanden. »Ich bin hier.«, hörte sie von der Hecke aus, an der sie ihn das erste Mal gesehen hatte, ertönen. Clevere Wahl, dachte Elli zynisch, vom Haus aus kann man nicht sehen, was dort passiert. Doch diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun. Sie verschränkte die Arme und verlagerte ihr Gewicht auf das rechte Bein, um selbstsicher zu wirken. Er verschränkte die Arme ebenfalls.


»Warum kommst du nicht her?«, fragte er lächelnd.


»Warum sollte ich?«, antwortete Elli.


»Du wolltest mit mir sprechen.«


»Ach, wollte ich das?«


»Ja. Wärest du sonst hier?«


»Du doch bestimmt auch. Komm du doch her.«, forderte sie, ausweichend.


Doch dann kam ihr ein Gedanke. Was war, beziehungsweise würde sein, wenn ihre Eltern Tycon nicht sehen konnten, wenn er wirklich eine Art…Illusion Ellis war? Sie würden dann sehen, wie Elli mitten im Garten stand und mit der Luft redete. Dann würden sie sie erst recht für verrückt halten. Aber sie hatte ja auch gesagt, sie würde gleich ins Haus kommen. Wenn sie sich aber an einen Ort stellte, wo sie sie nicht sehen konnten, würden sie womöglich noch hysterisch und riefen gleich die Polizei. Also beschloss Elli, im Traum mit Tycon zu sprechen. Sie ging mit starken, schnellen Schritten auf ihn zu und sagte: »Im Traum. Du weißt was ich meine.«


 


-Tycon-


 


Tycon schaute ihr kopfschüttelnd und immer noch lächelnd hinterher, als sie mit schnellen, aber anscheinend betont relaxten Schritten auf das Haus zuging. Sie scheint nicht dumm zu sein, dachte er und ging seiner Wege. Er würde sie beim Wort nehmen.


 


-Elli-


 


Elli, nachdem sie im Haus und schließlich im Bad angekommen war, putzte sich die Zähne, sagte schnell ihren Eltern \\\"Gute Nacht\\\" und ging in ihr Zimmer. Er war nicht dort, wie sie ein wenig vermutet hatte. Also zog sie sich ihr Nachthemd an, legte sich ins Bett, knipste die Lampe aus und schloss die Augen. Sie zog sich ihre Decke bis zum Hals. Das tat sie immer so. Warum, wusste sie nicht. Sie fühlte sich so einfach…besser. Sicherer. Ungeduldig, aber mit leichter Nervosität im Magen, wartete sie, bis der Schlaf sie übermannte.



Kapitel 2


 


Plötzlich fand sie sich auf einem Flughafen neben ihren Eltern wieder.


»Schau mal, Elli, sogar der Flughafen von Paris ist toll! Das sieht hier ja aus wie in einem riesigen Hamsterkäfig!«, rief ihre Mutter fasziniert aus.


Ah ja, richtig…, dachte Elli, Paris. 3 Tage, mein schon seit 2 Jahren unerfülltes Jugendweihegeschenk.


Aber wie kam sie auf einmal dorthin? War das ein Zukunftstraum? Denn eigentlich wollten ihre Eltern mit ihr erst in den Osterferien nach Paris fahren, beziehungsweise fliegen.


Sie nahmen ihre Koffer, vermutlich waren sie gerade aus dem Flieger gestiegen, und gingen in eine von den Rolltreppen-Röhren, die, in ihrer zahlmäßig gigantischen Anzahl, den Flughafen tatsächlich wie einen riesigen Hamsterkäfig erscheinen ließen. Sie fuhren damit ca. 5 Minuten, da diese nicht besonders schnell waren, und gingen dann zum Ausgang.


Dann veränderte sich das Bild. Elli schaute um sich und sah nichts als Dunkelheit. »Mum? Dad?« sagte sie ängstlich. Plötzlich ging eine Tür auf. Sie saß auf einmal in so etwas wie einem Minivan. Ein großer, schlanker Mann, um die Mitte 30, und ein etwas kleinerer Mann, der vermutlich desselben Alters war, traten in ihr Blickfeld. Elli sah die beiden erschrocken an. Draußen war es dämmrig.


»Sie ist aufgewacht, Tom. Was machen wir jetzt? Schlagen wir sie KO?« fragte der Kleinere den Großen.


»Nein. Mach ihr einfach ´nen Knebel in´ Mund. Hier.«


Mit diesen Worten gab Tom dem Kleinen sein Halstuch.


»Du willst der dein´ Tuch ins Maul stopfen?!«, fragte der Andere ungläubig. »Warum nich. Was tut man nich alles für ne Lady , ne?«, antwortete Tom, wobei er Elli kurz zuzwinkerte.


Elli konnte so seine gelblichen Zähne sehen. Angewidert verzog sie den Mund. »Außerdem machst du´s ja.«, sagte der Große noch, ging dann wieder zur Fahrertür, setzte sich auf den Sitz und schnallte sich an. Nun konnte Elli ein wenig von der Außenwelt sehen. Sie standen anscheinend an einem kleinen Waldstück. Häuser konnte sie keine sehen. Irgendwo in der Nähe mussten aber Straßen sein, da sie Huptöne und andere derartige Verkehrsgeräusche wahrnehmen konnte. Der kleinere Mann betrachtete sie grinsend. Elli hatte Angst. Wie war sie nur in die Fänge dieser Männer geraten? Was würde mit ihr geschehen? Wie konnte sie entkommen? All diese Fragen schwirrten in ihrem Kopf. Der Fremde kam näher. Elli wollte zurückweichen, doch hinter ihr war irgendetwas. Sie tastete mit der Hand hinter sich und nahm eine raue Oberfläche wahr. Das musste ein Holzbrett sein. Sie tastete weiter an dem Gegenstand entlang.


Gut, ich sitze nicht drauf und so groß ist es auch nicht, das müsste ich hochheben können, dachte sie. Der Mann kam immer näher. Doch plötzlich musste er niesen. Wie es beim Niesen nunmal meistens Reflex war, kniff er die Augen zu und beugte sich leicht nach unten. Elli konnte ihr Glück kaum fassen. Sie griff hinter sich, nahm in Sekundenschnelle das Holzbrett und schlug es ihm mit solcher Kraft auf den Schädel, dass er stürzte und sich dabei an der Tür des Vans stieß.


Sie trat ihm, die Chance nutzend, mit aller Kraft ihre Füße gegen die Brust, während sie sich aus dem Wagen schwang. Der Mann sank stöhnend zu Boden, griff aber nach ihrem Fuß, als sie davonlaufen wollte. Elli trat mit ihrem anderen Fuß mit aller Kraft zu und begann dann zu rennen. Sie hörte den Dicken rufen: »Tom! Sie entkommt!«. Sofort hörte sie, wie sich die Fahrertür des Vans öffnete.


»Tom! Das Miststück hat mir, glaub ich, ne Rippe gebrochen! Und ‚nen Finger!«, jammerte der Kleine. Sie hörte, jedoch sich immer weiter und schneller entfernend, wie Tom fluchte. Anscheinend klemmte sein Anschnallsystem. Sie rannte, bis sie weniger hundert Meter vor sich eine kleine Stadt sah.


Elli nahm ihre letzte Energie zusammen und beschleunigte weiter. In der Stadt angekommen, ließ sie sich erschöpft in einer Gasse sinken. Anscheinend war die Stadt doch nicht so klein, wie sie erst dachte. Sie versuchte, ruhig zu atmen und klare Gedanken zu fassen. Immerhin war sie entkommen. Das war ja schon mal etwas. Doch, wie sollte sie wieder nach Hause kommen, oder ihre Eltern finden? Elisa spürte, wie ihr etwas auf die Jacke tropfte und sah, dass es Blut war. Schnell fasste sie sich an die Stirn und merkte, dass sie dort eine Wunde hatte. Anscheinend hatten die Männer sie, wie auch immer sie das getan hatten, wirklich KO geschlagen, oder ähnliches, bevor sie sie in den Van geladen hatten. Elli hatte keine Erklärung dafür, wie das passiert sein konnte. Plötzlich hörte sie Schritte. Hektisch sah sie sich um und wollte aufstehen. Doch ehe sie reagieren konnte, da sie immer noch sehr erschöpft war, sah sie, dass ein Mann vor ihr stand. Ängstlich schaute sie nach oben- und traute ihren Augen nicht. Zuerst dachte sie, es wäre Tom, doch dieser Mann hier trug wesentlich bessere Kleidung: eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd und ein ebenso schwarzes Jackett. Und er hatte blonde Haare und ihr verdächtig bekannte Augen, so blau wie das Meer, mit silber-grauen Linien durchzogen. Es war Tycon.


»Was…tust du hier?«, fragte Elli verunsichert.


»Du sagtest »im Traum«.«, antwortete er schmunzelnd.


Ok, dies hier war also, wenn sie seinen Worten Glauben schenken konnte, wirklich nur ein Traum, wenn auch leider ein sehr realer.


»Ja, aber, wie du vielleicht siehst, bin ich grad ziemlich im Stress, weil ich, wie auch immer das geschehen sein mag, entführt wurde, und es durch einen bloßen Zufall geschafft habe zu entkommen! Wie hast du mich überhaupt gefunden?!«, sagte sie, um Luft ringend.


»Ich…wusste, dass du hier bist.«, antwortete er, nach kurzem Überlegen, lächelnd. Elli schaute ihn missbilligend an und fragte: »Hast du zufällig eine Ahnung, wie ich aus dieser Scheiß-Lage wieder herauskomme?!«


Er überlegte kurz und sagte dann: »Du…könntest mit mir kommen.«


Elli schaute ihn abermals missbilligend an. Woher sollte sie wissen, ob sie ihm trauen konnte? Aber andererseits: Wie schlimm konnte es schon werden? Schlimmer als diese Lage ging ja wohl kaum noch.


Sie sah abwägend zu Tycon hoch. Dieser schaute sie geduldig fragend an und zog leicht eine Augenbraue nach oben, als Zeichen dessen, dass er auf ihre Entscheidung wartete. Dann schaute er hinter sich. Elli blickte an ihm vorbei und sah zu ihrem Erschrecken, dass ein Stück hinter ihm gerade die beiden Kidnapper vorbeigefahren waren. Wieder blickte er sie fragend an. Elli besann sich schließlich dessen, dass es wohl besser wäre, mit ihm zu gehen, als von den beiden Männern gefunden zu werden, die vermutlich sehr wütend auf sie waren. Also nickte sie und wollte aufstehen. Tycon reichte ihr seine Hand, die sie erst aus Stolz ablehnen wollte, letztendlich dann aber doch dankbar ergriff und aufstand. Dann wurde es wieder dunkel um sie herum.


 


Als es sich allmählich wieder um sie aufhellte, stand sie neben Tycon, im Eingang eines Hauses. Keine Villa, aber trotzdem geräumig. Sie schaute sich um und merkte, wie er sie beobachtete. »Gefällt es dir?«, fragte er.


Er musste ihre Blicke bemerkt haben. »Naja…es geht.«, sagte Elli.


Sie wollte nicht zugeben, dass es ihr gefiel. Doch er schien es trotzdem zu bemerken, denn er lächelte.


»In der zweiten Etage ist ein Zimmer und direkt daneben ein Bad, für dich. Vielleicht solltest du dich erstmal duschen.«, sagte er und musterte sie von oben bis unten, »In dem Zimmer ist auch ein Schrank mit Klamotten, die du anziehen solltest, da deine ziemlich dreckig sind.«


Elli dachte, sie hätte sich verhört. Ein eigenes Zimmer mit Bad und Klamotten, die sie tragen sollte? Warum zum Teufel hatte er Frauenklamotten in seinem Haus? Hatte er es vielleicht wirklich gewusst? Sie dachte an Lestat. Er konnte Gedanken lesen… aber nicht in die Zukunft schauen. Was zum Teufel war hier los?! Ach ja, genau, darüber wollte ich ja mit ihm sprechen, dachte sie. Doch er hatte Recht. Sie sollte sich wirklich erst einmal duschen gehen. Aber dann kam ihr ein Gedanke.


»Warum?«, fragte sie Tycon.


Er schaute sie fragend an. »Was, warum?«


»Warum ich bei dir wohnen darf…oder soll…naja…also ich meine…was erwartest du dafür von mir?!« Die Worte fielen ihr schwer. Sie kam sich ziemlich lächerlich bei dieser Frage vor.


Er lächelte und meinte: »Nun, wie du weißt, bin ich tagsüber nicht da, da wäre es schön, wenn du dich in dieser Zeit ein wenig um das Haus kümmerst. Nicht den ganzen Tag, aber eben so, dass es sauber ist, und du mir abends, beziehungsweise nachts dann… ein wenig Gesellschaft leistest.«


Elli erschrak. War sie jetzt etwa sowas wie seine Sklavin? Von „um das Haus kümmern“ war sie zwar auch nicht begeistert, aber das konnte sie ja noch irgendwo verstehen. Aber \\\"Gesellschaft in der Nacht, beziehungsweise am Abend leisten\\\"? Das klang…als ob sie eine Prostituierte wäre oder so. Geschockt schaute sie ihn an.


»Keine Angst. Versuchs doch erst mal ein Weilchen.«


Elli schaute ihn immer noch empört an . »Ich bin 17!«, protestierte sie.


Er sagte darauf: » Ich weiß. Und? Was ist daran so schlimm? Ich wusste nicht, dass es dafür ein Mindestalter gibt.«


Elli wollte ihm entsetzt widersprechen, doch dann, als er ihre noch immer entsetzte Reaktion bemerkte, schaute er sie rätselhaft an und lachte plötzlich. Elli wurde wütend. »Warum lachst du?!«


»Ich glaube, wir haben gerade an zwei völlig verschiedene Dinge gedacht.«


Er hängte seine Jacke an die Garderobe und ging, noch immer grinsend, den Flur entlang, auf einen Raum zu, der wie das Wohnzimmer aussah.


»Geh dich erst mal duschen und umziehen.«, sagte er im Gehen mit einer Geste, ohne zurückzusehen.


Elli war ein wenig erleichtert. Anscheinend hatte er das mit dem \\\"Gesellschaft leisten in der Nacht\\\" doch nicht so gemeint, wie sie befürchtet hatte. Also ging sie die Treppe hoch, zur ersten Etage.


Oben angekommen, sah sie drei Türen. Eine davon war offen. Vorsichtig schaute sie durch den Türspalt. Es war das Bad. Nicht schlecht, dachte sie, als sie in das Bad schaute: Eine große Badewanne, die sowohl zum Baden als auch zum Duschen geeignet war, ein großes Waschbecken… das Bad war riesig. Und schön. Die Wasserhähne waren gold-silbern in eleganter Form gehalten, an der Decke prangte eine goldene, von der Mitte her sich über die gesamte Fläche erstreckende, bizarre Sonne. Die Wände waren mit beige-goldenen Fliesen gefliest. An einer der Wände hing ein riesiger Spiegel, in welchem Elli ihr gesamtes Spiegelbild sehen konnte. Er war riesig. Und schön. Mit einem, wie es nicht anders zu erwarten war, goldenen Rahmen. Elli betrachtete ihr Spiegelbild. Sie sah wirklich nicht besonders gepflegt aus. Also beschloss sie, sich zu duschen.


Sie prüfte das ganze Bad, ob es blickdicht war. Dabei fiel ihr auf, dass das Bad kein Fenster hatte. Dafür schien aber die riesige Lampe, die in in der Mitte der gemalten \\\"Sonne\\\" leuchtete, umso heller. Sogar diese Lampe sah aus wie eine Sonne. Tycon schien ein ziemlicher Sonnen-Freak zu sein. Doch dann kam ihr ein Gedanke: Wenn er wirklich…wie Lestat war, sah er die Sonne ja seit wer weiß wie vielen Jahren nicht mehr. Da war es nur verständlich, dass er einen, wenn nicht sogar mehrere Räume, so gestaltete, dass sie zumindest irgendwie etwas Atmosphärisches mit der Sonne gemeinsam hatten.


Elli schloss die Tür ab und prüfte nochmals alles auf Blickdichte. Dann ließ sie etwas Wasser ablaufen, bis es warm war, zog sich aus und setzte sich in die Wanne. Sie genoss es, wie das warme Wasser über ihre Haut lief und schloss die Augen. Nach einer halben Minute fiel ihr ein, dass sie nicht zu Hause war. Also stellte sie das Wasser ab und sah sich nach Duschbad um. Zu ihrem Erstaunen fand sie, auf dem zur Wand gelegenen, Wannenrand auch etwas. Zufällig war es dasselbe, das sie benutzte. Tycon musste wirklich gewusst haben, was passieren würde, dass DAS passieren würde. Doch wie stand er damit in Verbindung? Hatte er etwas mit der…Entführung zu tun? Elli wusste es nicht. Doch sie schwor sich, es herauszufinden.


Alles, was sie Zuhause im Bad hatte, war hier auch. Der gleiche Rasierer, Duschbad, Shampoo, Haarspülung, Bodylotion, Schminkzeug… bis auf die Handtücher. Die waren hier natürlich gold-gelb. Als Elli mit Duschen fertig war, stieg sie aus der Wanne und nahm sich eines der Handtücher. Es war wunderbar flauschig. Ob es auch genauso gut trocknete? Aber das tat es. Es sog das Wasser förmlich auf. Elli erledigte noch den Rest der Körperpflege und ging dann, ins Handtuch gewickelt, in das Zimmer nebenan, welches vermutlich das Ihre sein sollte.


 


Als sie die Tür öffnete, stockte ihr der Atem. Das Zimmer sah nicht aus wie ihres zu Hause, sondern es war ungefähr doppelt so groß und um einiges schöner: Das Bett war riesig und sah total kuschelig aus. Ein Bett zum Träumen. Es hatte nicht 2 kleine Kleiderschränke, sondern 3 große. Einer davon war jedoch, wie Elli amüsiert feststellte, ein Schuhschrank, in dem sich zum größten Teil Pumps und High Heels, Claudia wäre gestorben vor Neid, ein paar Turnschuhe, Ballerinas, und sonstige Schuharten befanden. Elli entschied sich für ein paar schwarze Sneakers, stellte sie neben das Bett und ging dann zu einem der Kleiderschränke.


 Als sie ihn öffnete, stellte sie fest, dass in ihm nur Kleider waren. Rote, Schwarze und Weiße, und das in allen möglichen Längen. Vom Minikleid zum bis zum Ball-oder Abendkleid. Tycon schien solche knalligen Farben nicht zu mögen. Obwohl, ein vereinzeltes, pinkes Kleid hing auch zwischen den anderen. Über den Kleidern war noch ein kleines Fach. Doch Elli konnte nicht sehen, was darin war. Also nahm sie einen Stuhl, trug ihn vor den Schrank und stellte sich darauf. In dem Fach waren BHs. Tycon schien es nicht für allzu wichtig zu finden, dass sie sie fand. Sie schaute auf die Größen und stellte fest, dass es sogar die Größe war, die sie auch trug. Elli wunderte sich, wollte aber lieber nicht genauer darüber nachdenken und versuchte sich dann damit zu beruhigen, dass ziemlich viele Mädchen ihres Alters und ihrer Statur diese Größe trugen. Aber selbst, wenn dies nicht der Fall gewesen sein sollte: mittlerweile überraschte sie nicht mehr so viel, was Tycon betraf. Außer dem Zimmer, schien er einen Teil von ihrem »Zuhause-Leben« in dieses Haus hineinkopiert zu haben. Elli war zwar kein so großer Kleiderfan, aber auch sie mochte solche knalligen Farben nicht. Sie schloss den Schrank vorerst und widmete sich dem anderen.


Sein Inhalt entsprach schon mehr ihrem Geschmack: T-shirts, Tops, Pullover, Hosen in allen möglichen Längen und Formen und ein paar Röcke. Diesmal waren neben rot, schwarz und weiß auch braun und lila zu finden. Elli entschied sich für einen lila Pullover mit einem nicht allzu weiten Ausschnitt und eine schwarze Jeans. Sie hängte sich noch ein Tuch um den Hals, das sie in einem der Fächer gefunden hatte, und legte sich ein langes T-shirt und eine Hotpants unter das Kissen. Die Nachthemden, die in dem Schrank lagen, würde sie garantiert nicht anziehen. Es war nicht so, dass diese im SM-Design waren oder Ähnlichem, aber in Hotpants und T-Shirt fühlte sie sich einfach wohler. Nachdem sie sich angezogen hatte, kämmte sie sich kurz die Haare und ging dann in das Zimmer, in welches Tycon gegangen war.


Als sie den Raum betrat, fand sie ihn auf einem der Sofas liegend und fernsehend vor. Elli betrachtete den Raum: in der Mitte standen zwei weiße Sofas, dazwischen ein Tisch. An der einen schmalen Seite des Tisches stand ein ebenso weißer Sessel. An der anderen schmalen Tischseite stand, mit einem Abstand von ca. einem Meter, ein riesiger Plasma-TV. Die anderen Möbel, ein kleines Bücherregal neben den Fenstern, zwei Schränke mit Gläsern oder Ähnlichem darin und eine kleine Kommode in einer Ecke waren schwarz. Die Wände waren in weinrot- beige gehalten. Der Raum gefiel Elli irgendwie.


Tycon musste sie bemerkt haben, denn er saß nun lässig auf dem Sofa und musterte sie aufmerksam. »Das Haus gefällt dir?«, fragte er. »Naja…das was ich bisher gesehen habe…ist nicht übel…«, antwortete Elli. Er lächelte und gebot ihr dann mit einer Handbewegung, sich zu setzen. Elli überlegte kurz: würde sie sich auf den Sessel setzen, säße sie ihm nicht direkt gegenüber und könnte mit ihren Blicken zur Seite ausweichen. Würde sie sich auf das andere Sofa setzen, säße sie direkt in seinem Blickfeld. Also entschied sie sich schließlich für den Sessel.


Eine Weile saßen sie nur da, ohne, dass einer von ihnen etwas sagte. Elli spürte, dass Tycon sie beobachtete.


»Was?!«, fragte Elli genervt. Sie mochte es nicht, wenn jemand sie anstarrte. Er lächelte und sagte: »Müsste ich das nicht eigentlich dich fragen?«.


Elli verstand nicht, was er damit sagen wollte.


»Wieso…?«, erwiderte sie.


»Du sagtest vorhin, du müsstest mit mir reden.«


»Ja. Das tat ich.«


»Und?«


Elli schwieg. Dann schaute sie ihn vorsichtig an und sagte leise:« Du weißt es, oder?«


»Was?«


»…warum….worüber ich…nachdenke.«


»Du meinst den Grund, warum du mich sprechen wolltest?«


»Ja…«


»Nein. Weiß ich nicht.« Er schaute sie an und lächelte schelmisch.


»Warum machst du´s mir so schwer?!« fragte Elli genervt.


»Was meinst du?«


»Sag mal, tust du nur so, oder redest du so selten mit anderen Menschen, dass du nicht weißt, wie man Gespräch richtig führt, ohne den anderen lächerlich zu machen?!«


»Möglich.«, sagte er achselzuckend, ließ sich aber nicht von Ellis Predigt beeindrucken und meinte lächelnd: »Dass ich dich lächerlich mache, ist mir gar nicht aufgefallen. Vielleicht bist du einfach nur nervös wegen mir…?«


»Nein!«, Elli wurde rot.


Tycon lachte und sagte dann: »Ich glaube du solltest erst mal schlafen gehen. Heute war ein anstrengender Tag für dich.«


»Nein…!«, rief Elli, doch schon wurde wieder alles schwarz um sie herum.


 


Dann wachte sie auf. Aber die Zimmerdecke, die sie plötzlich anstarrte, war nicht die Ihre. Es war die des Wohnzimmers in Tycons Haus. Sie lag in dem Sessel, in dem sie auch am Abend zuvor gesessen hatte. War sie immer noch im Traum? Eigentlich ja, weil…das alles war ja nur ein Traum gewesen….oder…? Sie war sich nicht sicher und beschloss, aufzustehen. Als sie sich anziehen wollte, wie es nun mal ihre Gewohnheit nach dem Aufstehen war, fiel ihr auf, dass sie noch die Sachen vom Abend an hatte. Dies beruhigte sie ein wenig. Sie beschloss, sich ein wenig im Haus umzusehen.


 


Zuerst nahm sie sich die Küche vor, da sie Hunger hatte und diese dem Wohnzimmer direkt gegenüber lag. Als sie den Kühlschrank öffnete, staunte sie nicht schlecht: es lag alles darin, noch dazu am gleichen Platz, wie in ihrem zu Hause. Erst fragte sie sich, ob das Essen nicht vielleicht vergiftet war, doch schließlich siegte der Hunger und die Überzeugung, dass dies nur ein Traum war, und sie aß.


Danach hatte sie den Rest des Hauses erkundet. Die Räume waren alle sehr groß und überwiegend recht gut eingerichtet. Zumindest die, die sie gesehen hatte, denn es führte noch eine Treppe von der ersten Etage in den Keller. Nicht, das sie Angst vor Kellern hätte, der Treppengang war ja auch schön beleuchtet und gestaltet gewesen, wie der Rest des Hauses. Doch sie vermutete, dass die Räume da unten die Persönlichen Tycons waren. Ihr Verdacht, Tycon könne etwas mit Lestat zu tun haben, kam ihr, so absurd er auch war, da Lestat ja nur eine Film-, beziehungsweise Romanfigur war, immer selbstverständlicher vor. Sie nahm sich fest vor, Tycon am folgenden Abend zur Rede zu stellen. Möglichst, ohne nervös zu werden.


Elli überlegte, was sie nun tun sollte. Sie entschied sich dafür, sich die Bücher einmal genauer anzusehen, die in den Schränken und in der Bibliothek standen, die sie bei ihrem Rundgang entdeckt hatte, und dann noch etwas zu schlafen, da sie in der Nacht ja mit Tycon reden wollte, was sie wahrscheinlich einige Mühe kosten würde.


Nach gefühlten sechs Stunden Bucherkundung, bei der sie viele Bücher fand, die sie gern lesen würde, ging sie schlafen. Kaum hatte sie ihre Augen geschlossen, wurde es schwarz um sie herum.


 


Plötzlich rüttelte sie jemand an der Schulter und sie vernahm die Stimme ihrer Mutter: » Elli! Wach auf! Es ist schon halb acht! Wir müssen doch heute zum Hautarzt!«


Ough, nicht schon wieder zum Hautarzt. Da waren wir doch erst vor 3 Monaten!, dachte Elli genervt und stand auf. Dies war nun wirklich ihr Zimmer und ihre Mum. Darüber freute sich Elli natürlich sehr. Sie hatte schon befürchtet, in irgendeiner anderen Traumszene gelandet zu sein, die vielleicht noch merkwürdiger würde wie die, in der sie jetzt gefühlte 14 Stunden verbracht hatte.


Beruhigt stellte sie fest, dass sie ihr normales Nachthemd trug, statt der Sachen aus Tycons Haus. Daraufhin zog sie sich an, machte sich im Bad fertig und ging dann zum Frühstück. Nach dem darauffolgenden Zähneputzen fuhren sie schließlich zum Hautarzt.


 


Als sie nach 2 Stunden purer Lange Weile wiederkamen, verkündeten Ellis Eltern, dass sie am Nachmittag ins Kino fahren würden und fragten Elli, ob sie mit wolle. Elli erkundigte sich erst nach dem Titel des Films: ‚breaking dawn‘, nach dem Roman von Stephenie Meyer. Elli kannte ihn aus der Fernsehwerbung. Es war ein Vampirfilm.


Nach dem Mittagessen fuhren sie los.


Als sie das Kino betraten, waren sie froh, vorher Karten per Internet reserviert zu haben, da insgesamt nur noch 2 Plätze in ‚breaking dawn‘ frei waren. Also bezahlten sie ihre reservierten Tickets, kauften noch eine Tüte Popcorn und gingen dann in den Kinosaal.


Nach endlos erscheinender Werbung begann endlich der Film.


Aber die Vampire in diesem Film waren nicht wie Lestat und die anderen, die sie bisher »kennengelernt« hatte. Wenn sie in die Sonne gingen, so verbrannten sie nicht, sondern sie glitzerten. Man wurde in diesem Film nicht zum Vampir, indem man das Blut eines Vampirs trank, sondern indem man einfach von ihm gebissen und dabei nicht getötet wurde. Auch waren die \\\"guten\\\" Vampire des Films \\\"Vegetarier\\\". Sie nannten sich so, weil sie nur Tiere töteten. Dies fand Elli irgendwie schwachsinnig: Es gab so viele Menschen auf der Welt, was war also bitte so schlimm daran, wenn von ihnen ein paar starben? Warum wurden immer nur die Tiere getötet? Denn, die Menschen töteten Tiere, weil sie deren Fleisch, Pelz und so weiter wollen. Warum sollten die Vampire dann nicht auch einfach Menschenblut trinken?


Das verstand Elli nicht so wirklich. Auch das Glitzern kam ihr ziemlich absurd vor. Aber gut, Geschmackssache. Sie beschloss, zu Hause nach weiteren Vampirfilmen und -büchern und nach dem Mythos überhaupt zu recherchieren. Aber in \\\"breaking dawn\\\" sprach sie auch keiner der Vampire so wirklich an. Jasper vielleicht. Er hatte ein wenig Ähnlichkeit mit Lestat. Und Tycon. Naja, genau genommen war er nur blond. Oh nein, sie dachte schon wieder an Tycon! Langsam bekam sie das Gefühl, er würde sich in ihre Gedanken einmischen…!


 


Schließlich war der Film vorbei und sie fuhren nach Hause. Ihren Eltern hatte er, wie eigentlich auch Elli, ganz gut gefallen. Ihre Mutter erzählte die ganze Fahrt über, wie sie die einzelnen Figuren fand. Elli versuchte, nicht hinzuhören und schaute gedankenverloren aus dem Fenster.


Als sie schließlich zu Hause ankamen, war es schon 18.00 Uhr. Der Tag war irgendwie schnell vergangen, wie Elli fand. Sie schaltete ihren Laptop an, während sie sich umzog, tippte dann ihr Passwort ein und wartete, bis er sich vollständig hochgefahren hatte. Dann klickte sie auf den Internet-Button und gab schließlich in die Suchzeile \\\"Vampir\\\" ein. Daraufhin erschienen eine Menge Seitenvorschläge: Wikipedia, Filme und Bücher. Zuerst klickte sie \\\"Bücher\\\" an. Sie fand eine Menge interessanter Exemplare und beschloss, sich demnächst in der Bibliothek ein paar davon auszuleihen. Dann klickte sie einige Filmtitel an.


»Bram Stokers Dracula«-war das nicht mit die erste Vampirstory überhaupt gewesen? Diesen Film würde sie auch auf youtube suchen. Schließlich las sie sich noch ein paar Definitionen durch, die ihr aber nicht so wirklich weiterhalfen. Elli beschloss, sich bei youtube auch noch eine Doku zum Thema Vampire zu suchen. Sie wollte nun so viel wie möglich über diese Wesen herausfinden.


Elli gab also das Gesuchte bei youtube ein. Sofort erschienen dutzende von Vorschlägen, wovon das meiste jedoch nur solche Halloween- Videos oder einfach irgendwelche Parodie-Clips von \\\"Twilight\\\" oder anderen Filmen waren.


 


Endlich fand sie das, wonach sie eigentlich gesucht hatte: Eine zweistündige Dokumentation über Vampire, unterteilt in 12 Einzelfilme. Trotz des Popcorns hatte sie wieder etwas Hunger, deswegen ging sie schnell in die Küche, um sich etwas zum Abendessen zu machen. Denn nach der Doku würde es etwas zu spät für Abendessen sein, da sie dann vor lauter Energieüberschuss, wie sie erst kürzlich in Biologie gelernt hatte, nicht würde schlafen können. Und das wollte sie nicht riskieren, da sie so schnell wie möglich in den Traum kommen musste, um mit Tycon sprechen zu können.


Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob er da sein würde, oder ob sie überhaupt wieder in diese Traumszene gelangen würde.


Als sie sich ihr Brot geschmiert hatte, machte sie sich auf den Weg in ihr Zimmer, wo sie den Teller neben den Laptop stellte, das Video anklickte, sich bequem im Stuhl zurücklehnte und dann schließlich den Teller nahm und zu essen begann, während sie sich den Film ansah.


Die Doku war sehr interessant. Sie berichtete darüber, wie der Vampir-Mythos entstanden war und welche berühmten Personen damit in Verbindung standen, beziehungsweise oft damit in Verbindung gebracht wurden. Die zwei bekanntesten Personen auf die dies zutraf, waren Vlad Tepesch Dracula, das historische Vorbild für Bram Stokers Dracula, welchen dieser ausgewählt hatte, da er seine Opfer gepfählt und gequält hatte, und einmal sogar inmitten von den Getöteten gespeist hatte. Angeblich. Doch darüber gab es viele Geschichten und sogar alte Gemälde, sodass dies wohl wahr war. Die andere Person war die sogenannte \\\"Blutsgräfin\\\" Elisabeth Báthory. Sie hatte laut den Aufzeichnungen über 600 Jungfrauen in ihre Burg gelockt, sie gefoltert und in ihrem Blut gebadet oder es getrunken, um sich jung und attraktiv zu halten. Angeblich blieb sie auch bis zu ihrem Tode, den sie in einem ihrer Verliese erlebte, da sie angeklagt und dann dort eingesperrt worden war, eine junge Frau.


Des Weiteren erfuhr Elli, dass die Leute früher an Vampire geglaubt hatten, weil einige ihrer Bestatteten nachts aus dem Grab gestiegen seien und durch die Dörfer gewandert und dort Terror gemacht hätten. Die Bewohner des Dorfes waren daraufhin meist am nächsten Tag zu dem jeweiligen Grab gegangen und hatten es geöffnet. Gefunden hatten sie dann eine vermeintlich untote Leiche, was aber schlichtweg dem geschuldet war, dass der genaue Verwesungsprozess damals noch nicht bekannt gewesen war.


Elli war froh, in diesem Teil der Doku ihr Essen schon beendet zu haben, da auch Bilder des Genannten zu sehen waren, und diese nun wirklich nicht appetitlich aussahen.


Was jedoch nicht erklärt wurde, war das Verbrennen im Sonnenlicht, wie sie es bei \\\"Interview mit einem Vampir\\\" gelernt hatte. Auch die besonderen Fähigkeiten, wie Schnelligkeit oder Gedankenlesen, wie Lestat es konnte, waren nicht erklärt, worüber Elli etwas enttäuscht war. Den Teil der Doku, den sie bisher gesehen hatte, ließ vermuten, dass am Ende der Doku erklärt würde, dass Vampire nur eine Fantasie abergläubischer Völker waren. Dies geschah jedoch nicht. Es wurde noch erklärt, wie man zum Vampir wurde: entweder indem man das Blut eines Vampirs trank, oder indem man einfach von einem gebissen und aber nicht zu Tode getrunken wurde. Darüber gab es verschiedene Meinungen. Zum Schluss redeten die Doku-Leute noch über Vampir-Jäger, wie Professor Doktor Abraham Van Helsing. Solche wie diesen gab es jedoch angeblich wirklich, und dieser Eine war auch fest davon überzeugt, einen Vampir getötet zu haben. Der Moderator der Doku, oder wie auch immer man diesen Job nannte, besuchte einige Vampir-Wissenschaftler, die wissenschaftliche Erklärungen für das Existieren von Vampiren nannten.


 


Als die Doku zu Ende war, schaltete Elli ihren Laptop aus und dachte nach: Gab es nun Vampire, oder nicht? In der Doku waren einige Aspekte für- aber auch gegen die Existenz von Vampiren genannt worden. Allerdings erschien ihr alles so real…Tycon schien ihr so real. Und alle Eigenschaften von Vampiren, von Lestat, schienen auf ihn zuzutreffen. Also würde sie ihn danach fragen. Nachher. Jetzt musste sie erst noch ein Weilchen zu ihren Eltern mit Fernsehen gehen, damit diese nicht wieder dachten, mit ihr würde irgendetwas nicht stimmen.


Ca. 22.30 Uhr ging sie dann ins Bett. Da sie am Wochenende sonst gewöhnlich etwas später schlafen ging, sagte sie ihren Eltern einfach, sie sei müde. Was eigentlich gar nicht stimmte, da sie ziemlich aufgeregt war, weil sie ja nun wahrscheinlich gleich mit Tycon würde reden müssen. Beziehungsweise wollte sie es ja. Eigentlich. Wäre da bloß nicht wieder diese düstere Vorahnung, etwas zu erfahren, was sie nicht würde wissen wollen. Oder, dass sie wieder zu nervös würde. Sie schluckte all diese Befürchtungen in sich hinunter und legte sich ins Bett. Dann schloss sie die Augen.


 


Es dauerte nicht lange und sie wurde wach. Elli sah sich im Raum um, und tatsächlich: sie war in ihrem Zimmer in Tycons Haus! Doch sie vermochte nicht zu sagen, wie spät es war. Anfangs hatte sie angenommen, im Traum sei dieselbe Zeit wie in der realen Welt, aber dies schien eine eigene Zeit zu sein, denn im Traum von der vorherigen Nacht war sie ja auch am Tag aufgewacht. So ganz verstand Elli die Sache nicht, aber deshalb wollte sie ja auch mit Tycon sprechen. Sie schwang sich aus dem Bett und blickte an sich herab: sie trug dieselben Klamotten, mit denen sie im vornächtlichen Traum schlafen gegangen war. Da Elli ziemlich hygienisch war, was Klamotten und eigentlich auch alles andere, betraf, entschloss sie sich, sich umzuziehen. Wenigstens die Unterwäsche. Danach ging sie in ihr Bad und machte sich frisch.


Vor dem Spiegel fiel ihr auf, dass sie ihre Uhr umhatte. Was ihr im Endeffekt aber auch logisch vorkam, da sie ja in einem der vornächtlichen Träume erst mit ihren Eltern am Flughafen in Paris gewesen war, und sie ja immer ihre Uhr trug. Dieser entnahm sie, dass es 17.45Uhr war. Da noch Sommerzeit herrschte, würde Tycon wohl wahrscheinlich erst so gegen 19.00Uhr nach oben kommen, falls er, wie Elli stark vermutete, erst aufstand, wenn die Sonne nicht mehr so strahlte, beziehungsweise wenn die Dämmerung anfing. Sie beschloss, solange in einem der Bücher zu lesen, die schon beim vorigen Mal so bewundert hatte.


Dann endlich war es soweit. Sie hörte Schritte, die wahrscheinlich von der Treppe kamen, welche zu Tycons Räumen führte. Also legte sie das Buch zur Seite und beschloss, einfach still sitzen zu bleiben und zum Eingang der Bibliothek zu schauen. Sie war gespannt, wie seine Reaktion sein würde, wenn er sie sah.


 


-Tycon-


 


Tycon ging die Treppe zur ersten Etage hinauf, wo Elli vermutlich war. Er fragte sich, wo sie wohl genau sein würde und was sie die ganze Zeit lang getan hatte. Er ging über die letzte Stufe, stand nun mitten im Flur und beschloss, vielleicht zuerst in ihr Zimmer zu schauen. Doch dann hörte er ihren Atem. Somit vermutete er, dass sie in der Bibliothek war, und machte sich auf den Weg dorthin.


Als er eintrat, schaute er sich um und sah sie: sie saß in einem der Sessel und schaute ihn an. Er trat unmittelbar vor sie, verschränkte die Arme und erwiderte ihren starren Blick.


»Was wird das, wenn´s fertig ist?«, fragte Elli genervt. »Was?« erwiderte Tycon, immer noch mit dem starren Blick auf sie.


»Dieses Angestarre!« Tycon lächelte nun. Eigentlich hätte er ja sie das fragen müssen.


»Was tust du hier?« fragte er nun, ohne auf ihre Frage zu antworten.


»Na, was man in einer Bibliothek eben so tut.«, antwortete sie genervt.


Tycon lächelte wieder: »Ach, da gibt es so einiges was man dort tun könnte.«. »Ja…Bücher schreiben, Bücher reparieren, Bücher abbrennen….«, stimmte Elli in das Lächeln ein.


Tycon war verblüfft. Mit dieser geschickten Wortparade hatte er nicht gerechnet. Zumal er eigentlich an anderes gedacht hatte. Ellis Lächeln hatte sich nun zu einem Grinsen verwandelt. Sie schien es amüsant zu finden, ihn so verdutzt zu haben. Tycon kniff die Augen ein wenig zusammen und setzte wieder sein Lächeln auf. »Ja, das auch, obwohl ich Letzteres gar nicht gutheißen würde.«, sagte er nun. Elli lächelte immer noch. »Hast du schon gegessen?«, fragte er. »Ja.«, log Elli. In Wahrheit hatte sie nämlich keinen Hunger gehabt, da sie viel zu aufgeregt gewesen war.


»Ich…«, begann sie, doch kam nicht weiter, da Tycon sie mit einer Geste unterbrach. »Nachher.«, sagte er nur, ging zur Garderobe und zog seinen Mantel an. »Wo willst du hin?«, fragte Elli, die ihm ein Stück gefolgt war. Er schaute sie kurz an. Sie sah hübsch aus, wie sie so an der Wand lehnte, ihre Haare lässig über ihre Schultern hingen und sie ihn misstrauisch anschaute. Er lächelte kurz und sagte dann »Arbeiten«. »Du arbeitest nachts?«, fragte sie skeptisch. Er erwiderte nichts darauf, sondern ging einfach hinaus und schloss die Tür.


Als er ausgetreten war, sog er genussvoll die frische Nachtluft ein. »Eine schöne, klare Nacht.«, sagte er leise zu sich selbst und machte sich auf den Weg zu Pykanór, einem Pärchen- und Swingerclub, dessen Besitzer er war.


Als er eintrat, strömten allerlei Gerüche auf ihn ein: verschiedene Parfüms, Make-up…doch daran war er mittlerweile gewöhnt. Eine schlanke Frau, die schulterlange blonde Haare und blaue Augen hatte, kam auf ihn zugeeilt und sagte: »Péte, wie schön, dass sie heute erscheinen. Ich habe alles so verrichten lassen, wie sie es gesagt haben.«


»Danke, Yvonne.«, sagte er teilnahmslos und ging zur Bar. Als er auch die Kellnerin begrüßt hatte, ging er zu einer Frau, die allein an der Bar saß. Sie war dunkelhaarig und trug nur weiße Unterwäsche. Er ließ sich auf dem Barhocker neben ihr nieder und sah sie an. Sie bemerkte seine Anwesenheit und schaute ebenfalls zu ihm. Er blickte direkt in ihre Augen, als wolle er sie hypnotisieren. Ihre Pupillen weiteten sich, sodass ihre Augen fast vollständig schwarz schienen. Sie öffnete, einen Augenblick später, leicht ihren Mund, woraufhin er, ohne den Blick von ihren Augen zu lösen, sich leicht nach vorne beugte und dasselbe tat. Dabei atmete er tief ein. Es sah aus, als wären sie kurz davor sich zu küssen, was sie aber nicht taten.


Nach ein paar Sekunden setzte er sich wieder gerade und veränderte seinen Blick. Nun schaute er nicht mehr direkt in ihre Augen, sondern auf ihr ganzes Gesicht. Sie schien wie aus einer Starre zu erwachen, ihre Pupilen normalisierten sich und sie sah sich verwundert um. Dann sah sie ihn verblüfft an. »Gefällt es Ihnen hier?«, fragte er lächelnd. »Nun…ja…«, antwortete sie unsicher. »Schön.«, sagte Tycon, lächelte, stand auf und ging zum Ausgang des Clubs.


»Oh, Sie gehen schon?«, fragte Yvonne enttäuscht. »Ja, ich habe noch was zu erledigen.«, sagte Tycon, verließ den Club und ging nach Hause.


Dort öffnete er die Tür, ging hinein, zog seinen Mantel und die Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer. Elli saß auf der Couch und sah fern. Als sie ihn bemerkte, schaltete sie den Fernseher etwas leiser und setzte sich aufrecht. »Du bist wieder da.«, stellte sie fest. »Offensichtlich.«, antwortete Tycon, setzte sich auf das gegenüberstehende Sofa und schaute sie an. Sie sah ihn ebenfalls, aber unsicher, an »Was ist?«, sagte sie und blickte ihm ebenfalls direkt in die Augen. »Ich wette, du kannst meinem Blick nicht standhalten.«, antwortete er lächelnd. Elli lachte kurz, sie schien die Wette also anzunehmen.


Also starrten sie sich beide an. Plötzlich änderte Tycon seinen Blick ein wenig, schaute ihr jedoch immer noch voll in die Augen. »Du solltest schlafen gehen«, sagte er leise. » Ja…«, erwiderte Elli, wie in Trance. Dann ließ er den Blick von ihr ab und lehnte sich zurück. Elli schüttelte den Kopf.


»Ich…geh dann schlafen…«, sagte sie müde. Er lächelte nur erneut und stellte den Fernseher ein wenig lauter. Was, in Anbetracht der Situation, dass sie schlafen gehen wollte, eigentlich eher unhöflich war. Elli schien das aber nicht groß zu stören, denn sie ging in ihr Zimmer, ohne etwas diesbezüglich zu sagen.


 



Kapitel 3


 


-Elli-


 


Elli schlief sofort ein, nachdem sie sich hingelegt hatte. Sie wusste nicht, wie das passiert war, aber nach diesem \\\"Blick-Duell\\\" war sie plötzlich müde geworden. Tycon schien das gewusst zu haben. Irgendetwas war komisch an der Sache. Als ob er es ihr…befohlen hätte.


Als sie in den Schlaf gefallen war, vermeinte sie nach einer Weile, Schritte zu hören. Plötzlich stand sie in ihrem Zimmer in Tycons Haus und schaute geradewegs auf ihr Bett, wo sie schlief. Sie stand also nicht wirklich da. Es war…als würde sie durch eine Kamera blicken und sich beim Schlafen beobachten. Das konnte nur ein Traum sein. Ein Traum im Traum? War das überhaupt möglich?


Auf einmal sah sie, ein wenig verschwommen, wie Tycon den Raum betrat. War es Tycon? Oder Lestat ? In einem Traum war ja alles möglich. Aber sie nahm an, dass es Tycon war. Er schloss die Tür wieder und setzte sich dann schließlich auf die Bettkante. Warum hatte Elli die Tür nur nicht abgeschlossen? Achja, richtig, es hatte ja kein Schlüssel im Schloss gesteckt. Sie fragte sich, was er jetzt wohl tun würde. Würde er sie nur beobachten? Oder töten? Wenn, dann wäre es ja eh nur ein Traum. Obwohl, das hatte eigentlich mittlerweile nichts mehr zu sagen, ob Traum oder Wirklichkeit...langsam begann anscheinend der Traum, für sie zur Wirklichkeit zu werden…


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