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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe König der Vampire, Sophie R. Nikolay
Sophie R. Nikolay

König der Vampire


Wolfskind

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Sophie R. Nikolay
König der Vampire
Wolfskind
Roman
freie edition
© 2011


AAVAA Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Quickborner Str. 78 – 80, 13439 Berlin


Alle Rechte vorbehalten
www.aavaa-verlag.de


1. Auflage 2011
Umschlaggestaltung:
Sophie R. Nikolay
Printed in Germany


ISBN 978-3-8459-0156-5


Dieser Roman wurde bewusst so belassen,
wie ihn die Autorin geschaffen hat,
und spiegelt deren originale Ausdruckskraft und Fantasie wider.
Alle Personen und Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen
sind zufällig und nicht beabsichtigt.


Für meinen Daddy.
Ich werde dich nie vergessen.


Prolog


Ein jahrhunderte - ja sogar jahrtausende alter Krieg herrschte zwischen dem Vampirvolk und dem Wolfsclan.


Die Ursache dafür wusste heute keiner mehr. Die Alten, die den Krieg angestiftet hatten, lebten schon lange nicht mehr.


Seit einem Jahr herrschte nun Ruhe auf beiden Seiten. Es war ein Waffenstillstand vereinbart worden. Die Angst, die Ruhe könnte schnell vorbei sein, begleitete jeden. Doch die Zeit für den endgültigen Frieden stand kurz bevor. Vincent spürte es, er musste seinen Zögling finden. Und dafür sorgen, dass sie überlebte, denn sie war es, die den Frieden brachte. Dank Etienne hatte er es schon lange gewusst, noch bevor Elisabetha Catherina geboren worden war. Nur, seit dem Mord an ihren Eltern war sie verschwunden.


Der Krieg war grausam, niemand wusste das besser als Vincent. Einer dieser Kämpfe schlich sich in sein Gedächtnis. Wie lange war das jetzt her? Anfang des neunzehnten Jahrhunderts musste das gewesen sein. Er war noch nicht zum König ernannt worden, zu dieser Zeit war Vincent noch Soldat, im Dienste des alten Königs, gewesen.


Sie hatten die Spur einer Gruppe Wölfe verfolgt, die wahllos Vampire in ihren Häusern überfielen. Wobei „abschlachten“ das bessere Wort gewesen wäre. Etienne und Nathan hatten ihn begleitet. Die fünf Werwölfe, die sie verfolgten, ließen sich leicht am Geruch nach Vampirblut ausmachen. An einem Bauernhaus holten sie die Wölfe dann ein.


Ohne Mühe waren die Tiere mit den schweren Körpern durch die Fenster gesprungen. Das dünne Glas gab widerstandslos nach. Die Bewohner, eine sechsköpfige Vampirfamilie, waren hilflos. Sie waren einfache Zivilisten gewesen, die in Ruhe und geschützt vor den Menschen dort gelebt hatten. Einer nach dem anderen wurde von den Wölfen angegriffen.


Bis Vincent und seine beiden Mitstreiter kurz nach den Wölfen am Haus angekommen waren. Vincent war die beste Waffe gegen die Wölfe gewesen, die ihnen zur Verfügung gestanden hatte. Seine Gabe war einzigartig und vor allem äußerst nützlich.


Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte Vincent die Lage erfasst, und alle im Haus in eine Starre versetzt. Mit wachem Geist, aber gefangen in einem Körper, der von einem Fremden kontrolliert wurde.


Etienne und Nathan waren ans Werk gegangen. Sie hatten die Vampire aus den Klauen der Wölfe heraus gezogen. Vincent hatte ihre Körper wieder freigelassen. Die der Wölfe jedoch nicht. Sie waren seine Gefangenen geblieben. Einer nach dem anderen hatte sein Herz verloren. Vier waren erledigt, den fünften hatten Nathan und Etienne zu Vincent geschoben.


„Das ist deiner“, hatte Etienne hämisch gegrinst.


Vincent hatte nur knapp genickt, und war auf den Wolf zugegangen. Kurz bevor er ihn erreichte, hatte er die Gedankenkontrolle über den Körper fallen gelassen. Der Wolf unterlag augenblicklich der Versuchung, zu flüchten.


Doch Vincent war viel zu schnell für ihn gewesen. Er hatte in den Nacken gegriffen und das Fell fest mit einer Hand gepackt, dann hatte er den Wolf auf den Rücken geworfen. Seine Rechte war hervor geschnellt, und mit geschickten und geübten Fingern zwischen die Rippen gestoßen. Das Fell und die Haut waren dabei kein Hindernis gewesen.


Die Kraft, die Vincent innewohnte, war kaum zu übertreffen. Auch heute nicht. Er brauchte keine Waffen, Messer schon gar nicht.


Seine große Hand hatte sich um das pumpende Herz geschlossen, und es schwungvoll aus der Brust des Wolfs gerissen. Die Rippen waren unter dem Ruck geborsten.


Wie ein Pokal hatte er das Ding hochgehalten, ein letztes kurzes Pumpen erfolgte und das Organ war tot gewesen. Blut war über Vincents Arm gelaufen, doch es hatte ihn in keinster Weise gestört.


Es war wieder einer weniger gewesen, der die Vampire hatte angreifen können.


Und doch schien es ein schier endloser Kampf gewesen zu sein. Nacht für Nacht hatten Vampire und Wölfe gleichermaßen ihr Leben verloren. Und ein Ausweg war nicht in Sicht gewesen.


Vincent hatte das Herz fallen gelassen, und angewidert zu Etienne gesehen. Der war völlig weggetreten gewesen. Eine Vision. Vincent war das schon bekannt gewesen.


Nathan hatte derweil die Vampire versorgt, drei von ihnen waren verletzt worden. Für die anderen drei war jede Hilfe zu spät gekommen.


Etienne, der nicht weniger mit Blut verschmiert gewesen war als Vincent, war aus seiner Vision wieder aufgetaucht.


„Es wird eine Vampirin kommen, die den Frieden bringt“, hatte er gesagt. Unvermittelt, wie immer.


An diesem Abend waren sie auch Dorian begegnet, der einer anderen Soldatentruppe angehört hatte. Dorian war mit dieser allerdings so zerstritten gewesen, dass er kurzerhand zu Vincents Gruppe gewechselt war. Ohne ihn oder Etienne und Nathan überhaupt gekannt zu haben. Ein halbes Jahr später hatte Cosimo die Truppe komplett gemacht. Jahrzehnte hatten sie damit verbracht, die Wölfe zu jagen.


Und auch heute waren diese vier Vampire Vincents engste Vertraute. Vincent wusste genau, dass Etiennes Visionen immer der Wahrheit entsprachen. Egal, wie weit die Geschehnisse auch in der Ferne lagen. Und für diese eine besondere Vision war die Zeit gekommen. 


 


 


Erster Teil




Erstes Kapitel


 


Mit einem gellenden Schrei wachte sie auf. Dieser Schmerz!


„Schscht...“, flüsterte es an ihrem Ohr.


Liebevolle Hände umschlossen sie, versuchten zu trösten. Versuchten Halt zu vermitteln, den sie nicht fand.


Elisabeth krümmte sich. Ihr Körper stand in Flammen. Ihre Muskeln waren verhärtet und verkrampft. Der Schmerz raubte ihr den Atem. Ihr Verstand hatte sich abgeschaltet, es gab keinen Platz mehr für Gedanken. Nur die Pein.


Doch der andere Mensch bei ihr konnte denken. Er kam beinahe um vor Sorge. Ines drückte ihre Tochter an sich. Das Kind, welches sie wie ihr eigen Fleisch und Blut liebte. Sie und ihr Mann hatten Eli adoptiert, das Glück auf eigene Kinder war ihnen versagt geblieben. Als die Schwestern des ortsansässigen Ordens die Kleine vor deren Tür fanden, erschien es wie ein Wunder, dass sie ausgerechnet Ines anboten, das Kind aufzunehmen. Das Mädchen, heute eine junge Frau von zwanzig Jahren, war der ganze Stolz des Elternpaares. Und nun erdrückte sie die Sorge.


Dies war die zweite Nacht, in der Eli schreiend aufgewacht war. Die Krämpfe und die Schmerzen, die sie litt, waren unübersehbar für Ines. Ihr brannten Tränen in den Augen. Was war nur los mit ihrem Kind? Welche Krankheit konnte solches Leid hervor rufen?


Langsam kehrte Elis Bewusstsein zurück. Der Schmerz ließ nach. Es war wie in der vergangenen Nacht. Sie hatte Verwirrendes geträumt und schreckte auf, als der Schmerz sie quälte. Ihre Atmung wurde ruhiger, ihr Herzschlag verlangsamte sich.


„Besser?“, fragte ihre Mommy sie.


Eli nannte sie immer so, in ihrem Herzen war sie ihre Mutter.


„Ich glaube, es hört auf“, sagte sie.


„Du musst dich untersuchen lassen. Das muss eine Ursache haben. Es ist furchtbar für mich, dich so leiden zu sehen.“


„Ich werde später zu Dr. Torisch gehen“, bestätigte Eli und drückte ihre Mommy.


„Soll ich dich begleiten?“


„Nein, ich denke nicht. Aber es wäre lieb, wenn du mich für heute krankmeldest.“


„Mach ich. Jetzt versuche noch etwas zu schlafen, Kleines. Wenn du mich brauchst ...“, sie ließ den Satz unvollendet, Eli hatte sie auch so verstanden.


Nachdem Ines das Zimmer verlassen hatte, lag Elisabeth da und starrte an die Decke. Was stimmte denn mit ihr nicht?


Sie schloss die Augen und hatte sogleich die Bilder aus dem Traum wieder vor Augen. Heute war es länger und detaillierter als gestern gewesen.


Wölfe. Sie hatte Wölfe gesehen. Wunderschöne Tiere mit leuchtenden Augen, die in den verschiedensten Farben geschimmert hatten. Auch das Fell war unterschiedlich gefärbt gewesen, von grau über schwarz, braun, rötlich und weiß.


Der Weiße hatte sich hervorgehoben, eine Majestät und Herrlichkeit ausgestrahlt, dass es sicherlich das anführende Tier gewesen war. Ihr Instinkt sagte Eli, dass es sich um einen weiblichen Wolf gehandelt haben musste.


Eigenartiger hätte es nicht sein können. Die Wölfe hatten sich nämlich nicht in einem Wald, sondern in einem großen Saal befunden. Ein richtiges Prunkstück. Mit Verzierungen an den Wänden und einem wundervollen Mosaik-Fußboden. Es hatte den Anschein gehabt, als sprachen die Wölfe mit einer Gruppe von Leuten. Sie standen sich gegenüber aber Eli hatte die Gesichter der Leute nicht sehen können. Es war ein undurchsichtiger Schleier davor gewesen, wie Nebel.


Die Leute hatten sich zu fünft versammelt, ebenso die Wölfe. Sie kannten sich allem Anschein nach und es hatte eine Diskussion zwischen ihnen stattgefunden. Eine fast greifbare Aggression war in dem Saal, die Eli Angst gemacht hatte.


Wie ein Geist war sie zwischen den Wesen umher gewandert, niemand hatte Notiz von ihr genommen. Zu ihrer Angst bekam sie auch noch Panik. Ein unbeschreiblicher Durst hatte sie gequält. Noch nie im Leben war sie so durstig, so ausgetrocknet gewesen.


Dann hatte die Gruppe innegehalten und sich aufmerksam umgesehen. Die Leute, Eli hatte erkannt, dass es ausnahmslos Männer gewesen waren, standen still. Einer von ihnen war einen Schritt vorgetreten, hatte kurz gestockt und war dann auf Eli zugegangen. Sie hatte sein Gesicht noch immer nicht sehen können, seine Statur aber sehr wohl. Und die hatte sie sehr geängstigt. Er hatte den trainierten Körper eines Soldaten gehabt. Dazu war eine Macht von ihm ausgegangen, die sie eingeschüchtert hatte und sie dazu drängen wollte wegzulaufen. Doch Eli hatte sich nicht bewegen können.


Ihr Körper hatte den Befehl zu laufen verweigert, ihr Mund war staubtrocken gewesen und ihre Kehle brennend. Nah vor ihr war der Mann stehen geblieben. Sein Geruch war so überwältigend gewesen, dass sie nicht wusste, ob sie ihn fürchten oder begehren sollte.


„Nur ich habe, was du brauchst. Aber ich kann dich nicht sehen. Ich kann dich nicht finden“, raunte er.


Eli war nicht in der Lage gewesen, zu antworten.


Der gesichtslose Mann war noch näher gekommen, beinahe hatte er sie berührt. Ihre Augen weiteten sich vor Panik und dann hatte sie es gesehen. Das Pulsieren, das Pochen an seinem Hals. Oh ja, das war es gewesen, was sie wollte!


Der Durst hatte in ihr gebrannt, und ihr Körper geschmerzt.


Und an dieser Stelle wachte sie auf.


Bis zum Morgen lag sie da. Schlaflos in ihrem Bett, abwechselnd die Decke anstarrend und die Augen schließend. Die Bilder ließen sie nicht los. Die weiße Wölfin, da war sie sich sicher, hatte sie gewittert. Aber es ging nichts Feindliches von ihr aus. Die Männer ohne Gesicht machten ihr Angst. Besonders der Anführer, dessen Geruch sie verfolgte.


Seufzend stand sie auf. Nach einer ausgiebigen Dusche zog sie sich an und lief die Treppe herunter in die Küche. Ihre Mommy blickte auf, als sie in den Raum trat. Die Sorgen standen ihr auf das Gesicht geschrieben.


„Geht es dir besser?“, fragte Ines.


„Ja. Keine Schmerzen mehr. Aber ich gehe trotzdem zu Dr. Torisch. Sie soll mich mal auf den Kopf stellen, irgendeine Ursache muss das Ganze ja haben“, erklärte sie.


„Gut. Ich habe deine Chefin angerufen. Sie sagt, du sollst dich auskurieren und wünscht dir gute Besserung.“


„Danke“, meinte Eli und goss sich einen Kaffee ein.


Sie war nicht gerne krank. Gestern hatte sie sich durch den Tag gequält, müde und verwirrt. Sie mochte die Arbeit. Vergangenes Jahr, nach dem Abitur, hatte sie ihre Ausbildung zur technischen Zeichnerin begonnen. Ihre Chefin war eine herzensgute Frau. Eli kam sehr gut mit ihr aus, trotz des großen Altersunterschieds. Sie könnte schon beinahe ihre Großmutter sein.


 Eine Stunde später stieg Elisabeth aus dem Bus. Von der Haltestelle waren es nur zweihundert Meter bis zur Praxis. Die Straße war belebt, Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Mütter mit ihren Kindern unterwegs zum Kindergarten oder zum Einkaufen. Ein älteres Ehepaar, das Händchen haltend an ihr vorbei ging. Alle erschienen ihr normal, nur sie selbst fand sich seit vorgestern nicht mehr normal. Die Angst vor einer schlimmen Krankheit drängte sich ihr auf.


Sie lief gerade an einem Café vorbei, als sie einen Geruch wahrnahm, der sie stocken ließ. Starr blieb sie stehen, von hinten rempelte sie eine Frau an. Sie schimpfte und lief weiter, Eli beachtete sie kaum. Dieser Geruch. Suchend sah sie sich um. Sie konnte nicht definieren, aus welcher Richtung der Duft kam.


Unschlüssig, ob sie weiter den Ursprung ergründen sollte oder doch lieber schnell das Weite suchen, stand sie da. Und dann war der Geruch verschwunden. Sie schüttelte den Kopf und ging langsam weiter. Sie hätte schwören können, dass es der Duft des unbekannten Mannes aus ihrem Traum gewesen war.


Langsam fragte sie sich, ob sie verrückt wurde. Vielleicht hatte sie irgendeine Hirnerkrankung. Sie ängstigte sich vor dem, was die Ärztin bei ihr finden würde. Nur kam sie nie bei ihr an.


Ihr Kopf schmerzte schon, seit sie aufgestanden war. Doch das hatte sie geschickt verschwiegen. Ihre Mommy sorgte sich schon genug. Ihre Schläfen pochten ununterbrochen. Dabei war es ein so wundervoller Tag. Die Sonne strahlte vom Himmel und es war angenehm warm, obwohl es erst Morgen war. Die Blumen reckten sich den Sonnenstrahlen entgegen. Eli dagegen fühlte sich, als wollten die Strahlen sie durchbohren. Ihre Augen brannten. Es wurde immer schlimmer.


Sie blieb stehen, setzte sich auf eine Bank, die nahe der Straße bei einem Blumenbeet stand. Mit den Fingern drückte sie gegen ihre Schläfen. Dieses Stechen und der Druck wurden mehr und mehr. Plötzlich, mit einem Mal war alles schwarz.


 Eli konnte nicht mehr sehen! Ihre Augen versagten ihr den Dienst. Sie war so geschockt, dass sie nur still dasaß und keinen Ton heraus brachte.


„Hab keine Angst, ich helfe dir“, flüsterte eine tiefe Stimme neben ihr.


Vor Erstaunen sog sie tief die Luft ein und erschrak zutiefst. Der Geruch, er hüllte sie ein, umgab sie von allen Seiten.


Sie wollte schreien, doch kein Ton verließ ihre Lippen. Der Mann ohne Gesicht aus ihrem Traum. Er war es, das wusste sie. Er hatte sie gefunden. Angst überfiel sie. Was wollte er? War das nun real oder wurde sie vollends verrückt?


Ein leises Wimmern stahl sich aus ihrem Mund.


„Du hast solche Angst! Ich spüre es und weiß doch nicht, weshalb du dich so fürchtest. Dir wird kein Leid geschehen, ich bin hier, um dir zu helfen“, sagte der Fremde leise zu ihr.


„Was … was ist nur mit mir? Mein Kopf, meine Augen. Ich kann nichts mehr sehen“, brachte sie mühsam hervor.


„Das ist normal, die Sonne ist schuld“, sagte er.


Eli verstand es nicht, warum die Sonne? Sie hatte noch nie Probleme damit gehabt. Wieso dachte er, das wäre normal? Sie begann zu zittern, obwohl die wärmenden Strahlen sie trafen.


„Ich möchte, dass du mich begleitest. Es ist nicht mehr viel Zeit, dein Durst wird sich melden und dann müssen wir hier von der Straße weg sein.“


Eli gab auf, versuchte erst gar nicht, ihn zu verstehen.


„Bitte schließe deine Augen. Die Menschen fürchten sich, wenn sie hineinblicken“, forderte er sie auf.


Was sollte das denn jetzt? Warum sollten die Leute sich vor ihren Augen fürchten? Was war denn bloß los mit ihr?


„Bitte“, sagte er noch einmal, drängender.


Sie tat es, warum auch immer. Er fasste sie am Arm und zog sie hoch.


„Aber, ich sehe doch gar nicht, wo ich hinlaufe“, protestierte sie.


„Mein Wagen steht direkt hier am Bordstein. Es sind nur ein paar Schritte. Ich sagte doch schon, ich helfe dir“, sagte er.


Seine Stimme war die ganze Zeit über leise, fast geflüstert. Sie fürchtete sich davor, seine Stimme voll klingend zu hören. Genauso wie sie seinen Geruch fürchtete und doch anziehend fand. Etwas Vertrautes lag darin, ihr Unterbewusstsein regte sich. Ihr Geist erklärte sich bereit, ihm zu vertrauen. Bedingungslos.


Eine Autotür wurde geöffnet, ihre Hand auf den Sitz gelegt. Sie tastete sich voran und setzte sich, der Gurt wurde ihr in die Hand gedrückt. Sie schnallte sich an, während die Tür zuschlug. Der Geruch war in dem Wagen noch präsenter. Sie wünschte sich, nicht mehr riechen zu können, anstatt nichts mehr zu sehen.


Seufzend lehnte sie sich an.


Die Fahrertür wurde geöffnet und der Mann stieg ein. Ein Schlüssel klimperte und der Motor wurde gestartet. Eli hatte keine Ahnung, in was für einem Auto sie saß, aber der schnurrende Motor verhieß eine Menge PS.


„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er sie.


Und dieses Mal hatte er laut gesprochen. Die tiefe Stimme brachte in ihr eine Saite zum Klingen, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte. Einen kurzen Moment stand ihr der Mund offen, dann sog sie tief die Luft ein.


„Elisabeth. Ich bin Elisabeth“, antwortete sie und ihre Stimme zitterte.


„Ein schöner Name, sehr passend. Ich bin übrigens Vincent“, erklärte er.


Er fuhr los und sagte einige Minuten nichts mehr. Eli war mehr als froh darüber, seine Stimme hatte viel zu viel Wirkung auf sie.


Doch sie kam nicht darum herum, ihre Fragen zu stellen.


„Was passiert eigentlich mit mir? Kannst du mir das erklären?“, fragte sie daher leise.


„Du weißt anscheinend wirklich nicht, wer du bist, hm? Ich habe nach dir gesucht, denn du bist verloren gegangen. Unser Volk führt schon lange einen sinnlosen Krieg. Und du spielst eine wichtige Rolle darin, ihn für immer zu beenden.“


„Warum sollte ich wichtig sein?“, wunderte sie sich.


Und was hatte das mit ihrer momentanen Verfassung zu tun?


„Du, Elisabeth, bringst den Frieden.“


„Ach ja? Als was? Das hier ist alles seltsam. Ich würde beinahe sagen, du hast mich gerade entführt. Ich sollte eigentlich dringend zu einem Arzt, da wollte ich auch gerade hin. Bis ich nichts mehr sehen konnte und du aufgetaucht bist. Du und dieser Geruch!“, fluchte sie.


„Du kannst mich riechen?“, fragte er verwundert.


„Wie sollte ich auch nicht. Auf der Straße eben ist es mir schon aufgefallen. Und hier drin werde ich von der Präsenz beinahe erschlagen. Im Traum war es nicht so ... so, ach ich weiß auch nicht.“


„Welcher Traum?“, bohrte er.


Zuerst haderte sie mit sich, doch dann erzählte sie ihm ihren Traum.


Vincent hörte schweigend zu, unterbrach sie nicht. Selbst dann nicht, als sie sagte, dass sie vor Schmerzen erwacht war.


Als sie geendet hatte, schwieg Eli. Sie wartete auf einen Kommentar, eine Erklärung oder irgendetwas. Doch die Minuten verstrichen. Dann räusperte er sich.


„Das war kein Traum. Nicht im eigentlichen Sinne. Diese Versammlung hat stattgefunden. Vor drei Tagen. Deine Anwesenheit konnte ich spüren, dich aber nicht sehen. Und die Wölfin, sie ist tatsächlich weiblich. Sie heißt Julietta und führt den Clan schon lange an. Beinahe so lange, wie ich unsere … Leute. Ich wusste, dass du irgendwo bist. Aber wie gesagt, ich konnte dich nicht finden.“


„Warum konnte ich eure Gesichter nicht sehen?“, fragte sie.


Also entweder nahm sie das hier alles jetzt für die Wirklichkeit oder sie konnte sich in die Irrenanstalt einliefern lassen. Da war ihr Ersteres schon lieber.


„Weil du dir nicht bewusst bist, dass du zu uns gehörst. Du bist eine von uns.“


„Ach ja? Und wer seid ihr? Wenn ich zu euch gehöre, weshalb wurde ich dann vor dem Orden abgelegt? Es war reines Glück, dass die Schwestern mich rechtzeitig fanden!“, schimpfte sie.


„Jetzt verstehe ich auch, weshalb du verloren gingst! Der Krieg fordert so manches Opfer, leider. Mit der Spur deiner Eltern verschwand auch deine. Man hat das Paar tot aufgefunden, aber du warst verschwunden. Wir wussten nur mit Sicherheit, dass du lebst. Aber nicht wo oder bei wem.“


„Oh, sehr beruhigend. Echt. Also wurde ich nicht einfach verstoßen, weil mich niemand wollte! Meine leiblichen Eltern wurden also … umgebracht?“, was sie sarkastisch begonnen hatte, endete fragend.


„Ja. Von den Wölfen.“


„Die aus dem Traum?“


„Ja und nein, es gibt viele von ihnen. Wie auch von uns. Zwar lange nicht mehr so viele wie früher, aber noch immer einige Tausend.“


„Und warum sollten diese Tiere das tun? Was ist das für ein Krieg, in dem man Tiere bekämpft?“


Vincent lächelte, doch das konnte sie ja nicht sehen.


„Elisabeth“, begann er.


„Einfach Eli bitte“, unterbrach sie ihn.


„Wie du willst, Eli. Also, was du gesehen hast, waren keine gewöhnlichen Wölfe. Du hast ihre Augen gesehen, daher weißt du das sicher selber. Diese Wesen sind Werwölfe und waren lange Zeit unser erbitterter Feind.“


Eli schluckte. Werwölfe? Die gab es doch gar nicht, oder doch?


Sie schluckte. Mein Gott war die Luft hier drin trocken.


„Du hast nicht beantwortet, wer ihr seid“, murrte sie.


„Das findest du in ein paar Minuten selbst heraus, wenn du wieder sehen kannst. Wir sind da“, meinte er.


Und tatsächlich, wo auch immer da war, der Wagen hielt an, und der Motor erstarb.


Er stieg aus, und öffnete dann ihre Tür.


„Bitte erschrecke nicht. Ich werde dich tragen, der Weg hier ist sehr uneben und es sind einige Stufen bis zur Tür“, erklärte er ihr und half ihr beim Aussteigen.


Mit Schwung wurde sie hochgehoben, seine Arme lagen um ihre Schulter und in den Kniekehlen. Ihm so nah zu sein, verwirrte sie. Trotz ihres Gewichts auf seinen Armen ging er geschmeidig. Sie hatte den Eindruck, es würde ihm überhaupt nichts ausmachen, sie zu tragen. Da sie nichts sah, musste sie ihren Ohren vertrauen. Auf dem erwähnten Weg schien Kies zu liegen. Er knirschte unter seinen Schuhen. Dann kam eine Treppe, dem Klang der Schritte nach zu urteilen, war sie aus Stein. Eli hörte, dass eine Tür geöffnet wurde, jedoch nicht von Vincent, der hatte ja keine Hand frei.


 „Willkommen zurück, Herr. Ist sie das?“, fragte eine, für Eli fremde, dunkle Stimme.


„Ja, Dorian. Ich erkläre es dir später“, meinte Vincent.


„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragte Eli leise.


„Dies ist mein Heim. Du kannst es dir später ansehen“, versprach er.


„Warum hat der andere Kerl eben Herr zu dir gesagt?“, wisperte sie.


„Das wüsstest du jetzt gerne, was?“, neckte er und setzte sie ab.


Überrascht bemerkte sie, dass er sie auf etwas sehr Weichem abgesetzt hatte. Vielleicht ein Sessel? Der Stoff unter ihren Händen war samtig. Dieser Raum roch wie das Auto auch nach Vincent, aber lange nicht so stark. Jetzt, wo er sie losgelassen hatte, fühlte sie sich eigenartig. Sie hörte nichts, alles war still. Sie wusste noch nicht einmal, ob er überhaupt noch da war.


Allerdings war die Luft hier drin noch schlimmer, als im Auto. Eli hatte keinen Tropfen Spucke mehr übrig. Ihr Mund war trocken und sie leckte sich verzweifelt über die Lippen. Keine Feuchtigkeit.


Gerade wollte sie etwas sagen, um ein Glas Wasser bitten, als ihr etwas in die Hand gedrückt wurde.


„Hier, trink das“, sagte Vincent zu ihr.


Sie bemerkte die Veränderung seiner Stimme, sie war ganz rau.


Langsam führte sie das Glas zum Mund, sie wusste noch nicht einmal, was darin war. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen. Außerdem war sie mittlerweile so durstig, dass es ihr egal war, was sie trank.


Der erste Schluck haute sie schon beinahe um. So würzig, leicht scharf. Etwas metallisch und lauwarm. Dazu noch eher dickflüssig – wenn es nicht so ähnlich wie Rotwein schmecken würde, hätte sie vermutet, dass es Tomatensaft war.


In ihrem Mund fühlte es sich so warm an, in ihrem Hals jedoch wie Eiswasser. So kühl, so erfrischend. Sie trank, bis das Glas geleert war. Selig schloss sie die nutzlosen Augen und seufzte.


„Es scheint dir geschmeckt zu haben“, sagte er und nahm ihr das Glas ab.


Die Augen noch immer geschlossen, seufzte sie erneut.


„Ich habe zwar keine Ahnung, was das war, aber es war himmlisch“, meinte sie. Besser konnte sie es nicht beschreiben.


Was immer es auch gewesen war, es begann, in ihrem Bauch zu brennen. Dann breitet sich die Wärme aus. Das war doch kein Schnaps gewesen, oder? So ähnlich hatte sie sich bisher nur einmal gefühlt. Da hatte sie ihren ersten und einzigen Schnaps getrunken.


Nur, jetzt war es stärker. Viel stärker. Die brennende Wärme lief durch ihren gesamten Körper. Angespannt verfolgte sie die Gefühle in ihrem Bauch, den Armen und Beinen entlang bis zu den Haarspitzen, Fingerkuppen und Zehen.


Sie wusste nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wie lange es gedauert hatte. Die Zeit floss dahin, während die Wärme verblasste.


„Mach die Augen auf, Eli“, forderte Vincent sie auf.


Seine Stimme war nah, beinahe als hockte er vor ihr. Der Klang war noch immer verstörend. Aber sie gehorchte und schlug die Lider auf, blickte in zwei Smaragde. Erschrocken hielt sie die Luft an.


Moment, das waren keine Smaragde, das waren Augen. Wundervolle, grün glitzernde Augen. Eingerahmt von dichten, schwarzen Wimpern.


„Hallo, Elisabeth“, sagte der Mann mit den hinreißenden Augen.


„Hallo“, brachte sie atemlos hervor.


Sie wusste, dass es unhöflich war, jemanden anzustarren, aber sie konnte nicht aufhören.


Zu diesem schönen Augenpaar gehörte ein noch schöneres Gesicht. Ebene Stirn, geschwungene Brauen, gerade Nase und kräftige Wangen gehörten ebenso dazu wie ein kantiges Kinn, auf dem ein frecher kleiner Bart saß. Und dann dieser Mund, der leicht lächelte und so sinnlich und einladend aussah.


Aber nur bis zu dem Moment, bevor er richtig lächelte.


Eli sah die Zähne in diesem Mund und wich erschrocken zurück. Zwei spitze und lange Eckzähne waren zu sehen.


„Ich weiß, was du denkst. Das kann nicht real sein. Habe ich recht?“, sagte er.


An der Stimme erkannte sie ihn, Vincent.


Er stand auf und schlenderte durch den Raum. Genug Gelegenheit für Eli, ihn mit Abstand zu betrachten. Dieser Mann, oder Vampir? Er war groß, sicher zwei Meter. Und hatte die Statur wie der andere im Traum, die eines Soldaten. Muskeln, breite Schultern, große Hände. Mit denen er sich gerade ständig durch das schwarze Haar wuschelte. Er machte den Eindruck, als wüsste er nicht, was er sagen sollte.


Elisabeth riss sich zusammen. Sie holte tief Luft, er hörte es und sah sie an.


Diese Augen!


„Was habe ich eben getrunken? Was war es, dass ich wieder sehen kann?“, fragte sie und wollte es doch nicht wissen.


Mit unbewegter Miene sah er sie an. Sie konnte keine Gefühlsregung an ihm erkennen. Dann drehte er sich ihr zu und hielt ihr seine Hand hin. Auf der Innenfläche prangte ein großer Schnitt, der zwar geschlossen, aber nicht verheilt war.


Sie verstand die Bedeutung dessen sofort und schluckte schwer.


„Was hast du getan? Was wird jetzt aus mir?“, fragte sie voller Panik.


„Nichts, was du nicht schon vorher warst“, gab er zurück.


Erleichtert atmete sie auf und ließ sich an die Lehne sinken. Ihr Blick schweifte umher, das war wirklich ein schöner Raum.


Weiße Wände, stuckverziert. Eine große Flügeltür zu ihrer linken und eine lange Fensterfront zu ihrer rechten Seite. Sie selbst saß tatsächlich auf einem Sessel, er war bezogen mit weinrotem Samt. Vor ihr stand noch einer, dazwischen ein schmiedeeiserner Tisch. Die Wand vor ihr wurde von einem übergroßen Kamin eingenommen, in dem gerade kein Feuer brannte.


Vincent lief vor dem Kamin auf und ab, anscheinend unschlüssig, ob er etwas sagen sollte oder nicht.


    Was ihr dann in den Sinn kam, ließ sie beinahe in Ohnmacht fallen. Während der Autofahrt hatte er etwas gesagt, dass sie erst nicht richtig wahrgenommen hatte.


Du bist eine von uns!


„Ah, du hast es verstanden!“, sagte er und kam auf sie zu.


Doch er setzte sich nur auf den Sessel gegenüber, seine Augen glitzerten.


Die Farbe war so unnatürlich, wie der Gedanke, der sie eben überfallen hatte. Eli war doch kein Vampir!


Aber er schien einer zu sein. Zudem schien er davon überzeugt, dass auch sie einer war.


„Wie ist das möglich?“, hauchte sie.


„Ich sagte dir doch, du gingst verloren. Wenn ich dich nicht durch Zufall gesehen hätte, vorhin auf der Straße, wärst du gestorben.“


„Aber wieso?“


„Du hast mir von den Schmerzen erzählt. Die hat jeder junge Vampir, wenn das Verlangen nach Blut kommt. Als Kinder brauchen wir es nicht, aber mit dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen schon. Sonst sterben wir. Und dass du von mir geträumt hast, auch wenn es kein Traum war, erklärt sich einfach. Ich bin der Einzige meiner Art, der dir den Übertritt ermöglichen konnte. Das ist bei jedem so, nur ein bestimmter Vampir kann einen Zögling begleiten. In deinem Fall bin ich das.“


„Und was macht das jetzt aus mir? Bin ich jetzt dein Kind, oder so? Und keine Sonne mehr, kein normales Essen, kein normales Leben?“, fragte sie.


Ihre Stimme war ruhiger als ihr Inneres.


„Mein Kind? Nein. Du kannst meine Schülerin sein, wenn du möchtest. Wenn nicht, kannst du später gehen und dir einen eigenen Weg suchen.“


„Von wie viel später reden wir?“, unterbrach sie.


„Wenn du schnell lernst, in etwa einem Jahr. Und was das andere betrifft. Natürlich kannst du noch in die Sonne, eine getönte Brille wäre aber ratsam. Sie schützt die Augen und vor allem die Menschen. Essen und trinken kannst du, was du willst, aber dein Körper braucht auch Blut, um zu überleben. Das Leben, so wie du es kennst, kann es für dich jetzt nicht mehr geben“, erklärte er.


„Heißt das, ich kann nicht mehr zurück?“, fragte sie entgeistert.


„Nein. Vielleicht hast du es nicht gespürt, aber du bist verändert. Die Menschen, die dich kannten, würden sich erschrecken, wenn sie dich jetzt sehen würden.“


„Hä? Ich bin doch noch immer Eli, oder? Oder bekomme ich jetzt auch diese Zähne da?“, meinte sie und zeigte auf Vincents Gesicht.


„Kleines, die besitzt du schon. Ist dir nie aufgefallen, dass die Kanten der Eckzähne sehr spitz waren? Deine Augen haben sicher auch eine andere Farbe als vor der Blindheit.“


„Naja, meine Zähne waren wirklich schon immer etwas komisch. Aber meine Augen? Wie sollen die denn die Farbe ändern?“


Elisabeth konnte sich nicht entscheiden, ob das alles noch real war, oder ob sie dem Wahnsinn zum Opfer gefallen war.


„Was denkst du denn, welche Farbe sie haben?“, fragte Vincent.


„Blau - grau.“


Er grinste und zeigte ihr wieder einmal seine spitzen Fänge. Unwillkürlich schauderte sie.


„Jetzt sind sie nur blau. Aber so leuchtend, wie meine Augen sind. Deshalb sagte ich, du sollst eine Sonnenbrille tragen. Die Menschen hätten Angst vor dir“, führte er aus.


„Das glaube ich nicht“, sagte sie fassungslos. „Muss ich denn jetzt von Menschen trinken?“


Uuh, der Gedanke war ihr zuwider.


„Ich glaube, du hast zu viele Filme gesehen“, Vincent lachte. „Das einzige Blut, das du brauchst, stammt von einem Vampir. Zu Anfang verträgst du nur das von mir, später kann es auch ein anderer sein.“


Eli versank in Gedanken, so viel war auf sie eingestürmt, ihr Geist kam gar nicht mehr mit, alles zu sortieren.


 


Vincent saß still da und betrachtete sie. Er spürte, wie ihr Geist arbeitete. Dass er die Kleine gefunden hatte, grenzte an ein Wunder. Das Zweite, wenn er ihr glauben wollte und man sie vor einem Ordenshaus gefunden hatte. So war sie also von Menschenhand aufgezogen worden und demnach war es kein Wunder, dass er sie nicht hatte finden können. Er wusste ihren richtigen Namen, so wie er sofort gespürt hatte, dass sie die Gesuchte war. Aber das sagte er ihr nicht. Noch nicht. Vielleicht fragte sie von selbst danach.


 Vin fand sie wunderschön. Die blauen Augen glitzerten, wenn sie ihn kurz ansah. Ihr schmales Gesicht erschien ihm unfassbar zart. Eingerahmt von langem, blondem Haar, die Stirn momentan in Falten gelegt, während sie grübelte. Ihr Mund, rosig und einladend, trotzdem sie die vollen Lippen aufeinander presste.


Sie war schlank und leicht wie eine Feder gewesen, als er sie getragen hatte. Vampire waren große Geschöpfe, so maß auch sie etwa einen Meter achtzig. Es war furchtbar viel, was sie heute erfahren hatte, daher ließ er sie in Ruhe. Er wartete einfach darauf, dass sie wieder etwas sagte. Was ihn verwirrte war, dass sie gesagt hatte, sie könne ihn riechen. Sein Duft würde sie beinahe erschlagen, das sollte nicht sein. Sie sollte doch nur sein Zögling sein und später ihre Rolle im Friedensprozess einnehmen. Denn diese junge Vampirin war die zukünftige Königin seines Volkes. Etienne hatte es gesehen.


 


Eli hatte inzwischen ihre Gedanken sortiert. Mit dem Wissen, das sie jetzt hatte, verstand sie so manches. Sie hatte keine Freunde, hatte sie schon in der Schule nicht gehabt. Irgendwie gehörte sie nicht zu den Anderen. Sie hatte es immer der Tatsache zugeschrieben, dass sie ein Findelkind war. Ihre Eltern, also die Adoptiveltern, hatten sie von ganzem Herzen geliebt. Ihre Mommy war immer für sie da gewesen und ihr Vater hatte stets versucht, aus ihr einen rechtschaffenen Menschen zu machen – er war Anwalt. Und dabei war sie nie ein Mensch gewesen! Es würde den Beiden das Herz brechen, wenn sie nicht mehr zurückkam.


Und ihre wahren Eltern? Würde Vincent ihr von ihnen erzählen können? So viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf, sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Hatte er nicht auch gesagt, er führe seine Leute an? Was war er – ein König oder so was?


 Seufzend gab sie auf. Mit irgendetwas musste sie ja beginnen.


„Ich heiße nicht wirklich so, Elisabeth meine ich. Oder?“


„Nicht ganz. Dein wirklicher Name ist Elisabetha Catherina.“


„Das hört sich aber geschwollen an.“


„Du bist eine Fürstin in unserer Welt. Deine Eltern waren Fürst Romain und Fürstin Elisa Catherina. Namen werden innerhalb einer Familie gerne weiter gegeben.“


Eli nickte, ihren Spitznamen konnte sie demnach behalten.


„Und du, bist du auch Fürst?“


„Nein. Beziehungsweise ich war es mal. Es gibt zehn Fürsten Familien, ich entstamme einer davon. Seit vielen Jahren führe ich das Vampirvolk und bin demnach der König.“


„Wusste ich es doch. Herr im Himmel, ein echter König“, hauchte sie.


„Na, den im Himmel gibt’s nicht. Nicht für die Vampire, wir haben keinen Glauben. Und das mit dem König hat für dich nicht viel Bedeutung. Es ist zwar richtig, dass ich auch dein König bin, aber du bist auch mein Zögling. Das macht unser Verhältnis zueinander – sagen wir – familiärer.“


„Da bin ich ja beruhigt. Ich dachte schon, ich muss jetzt so förmlich sein, wie der Typ vorhin, der die Tür aufgemacht hat.“


„Du meinst Dorian? Hm, er lässt es sich nicht ausreden. Die anderen drei auch nicht. Du hast uns alle in der Vision gesehen, uns fünf. Wir bilden sozusagen den Kopf des Volkes. Und bei den Wölfen ist es gleich. Wir habe jetzt gerade Waffenstillstand, aber keiner weiß, wie lange er anhält.“


„Du sagtest, ich bringe den Frieden. Wie kommst du darauf?“


„Willst du das wirklich wissen?“


„Ich weiß es nicht“, gab sie ehrlich zu.


„Gut. Dann verschieben wir das noch ein wenig. Komm, ich zeige dir das Haus. Du brauchst ja auch noch ein Zimmer“, meinte er, und stand auf.


Eli hob sich aus dem Sessel. Er bot ihr den Arm an, doch sie lehnte ab. Bloß nicht zu nahe!


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