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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Karek, Sven Rübhagen
Sven Rübhagen

Karek


Die Goldene Feder

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Prolog: Götterzorn Karek marschierte mit einem kleinen Trupp, der aus sechs Trollen, weiteren fünf Männern und ihrem Anführer Erentroß bestand, von Stadt am Hof über die Steinerne Brücke. Karek war ein Junge von gerade einmal dreizehn Jahren und saß auf den Schultern von Borger, einem großen, massiven Troll mit brauner, ledriger Haut. Anders als die übrigen fünf Trolle trug er keine Keule in der Hand, sondern ließ die Arme nur träge zum Boden hinabhängen. Können Trolle überhaupt etwas anderes ausstrahlen als Trägheit?, fragte sich Karek und sah belustigt in den Himmel. Es war tiefste Nacht und die Schritte der schweren Trolle übertönten sogar das fließende Wasser der Donau unter ihnen. Ab und zu mischte sich zu den Schrittgeräuschen auch ein kurzes Grunzen oder ein Seufzen, welches von den Trollen ausgestoßen wurde. Erentroß lief vorneweg und blickte starr nach vorne. Karek hatte den Eindruck, dass selbst ein jetzt aufkommender Tornado den Mann nicht verunsichern könnte. Erentroß trug langes, weißes Haar, das beinahe silbern leuchtete, wenn das Mondlicht darauf fiel. Außerdem hüllte ihn ein schwarzer Umhang ein, der fast bis zum Boden reichte. Karek wusste, dass unter dem Umhang ein mächtiges Schwert verborgen war, doch Erentroß holte diese Klinge so gut wie nie ans Tageslicht. Plötzlich hob Erentroß die Hand und gab somit den Befehl stehen zu bleiben. Mit mühsamen Bewegungen hielten die Trolle an. Auch dies wurde mit Murren und Grunzen kommentiert. Als Karek seinen Blick kreisen ließ, gewahrte er am Rand zu seiner Linken einen großen Löwengreif, der mit stolz in die Höhe gestrecktem Kopf und eng am Körper angelegten Flügeln auf einem steinernen Sockel saß. Schon öfter war Karek diese Statue aufgefallen und immer wieder beeindruckte sie ihn. Schließlich drehte sich Erentroß zu den Trollen um und sah jeden von ihnen aufmerksam an. Bei jedem Krieger verweilte er etwas länger. Karek hatte das Gefühl, dass der Blick ganz besonders lange auf ihm haften blieb, was er aber nicht verstehen konnte. Erentroß besaß ein deutliches Markenzeichen, das die meisten Menschen einschüchterte: Eine lange, rote Narbe, die sich in Form einer geschwungenen Linie von seinem rechten Auge bis hinab zu seinem Kinn zog. Karek konnte regelrecht spüren, wie sich mindestens zwei der fünf Männer unbewusst anspannten, als sie in Erentroßʼ Augen blickten. Diese waren klar und ohne Angst. Schließlich drehte sich Erentroß zur Seite und blickte auf die Donau hinaus, deren Wasser ab und zu silbern leuchtete, wenn sich das Mondlicht darauf brach. „Diese Stille ist etwas Wunderbares“, sagte Erentroß schließlich, ohne seinen Blick abzuwenden und so leise, als wären die Worte gar nicht für sie bestimmt. Am Profil erkannte Karek, dass sich Erentroßʼ Blick plötzlich verfinsterte. „Ich möchte Regensburg zurück!“, sagte er heftig und wandte sich wieder seiner Mannschaft zu. „Genau deshalb sind wir heute Nacht hier! Folgt mir!“ Die letzten beiden Worte hatte er laut gesprochen und alle stießen nun ebenso wie Erentroß ihre Fäuste in die Höhe und folgten ihrem Anführer. Karek, der noch immer auf Borgers Schultern saß, besah sich noch einmal die Mannschaft etwas genauer. Sie waren alle viel älter als er und es entzog sich seinem Verständnis, warum er die Männer auf diese Exkursion begleiten sollte. Trotzdem war er aufgeregt! Natürlich war er das. Nicht oft erlebte er Abenteuer, denn es war gefährlich, sich alleine in die Innenstadt Regensburgs zu begeben. Nicht zu jeder Stunde, doch meistens. So hatte man es ihm zumindest erklärt, als er einmal ziemlich beleidigt gewesen war, weil er nicht mitgenommen wurde. Warum verstanden so wenig Menschen, dass er etwas erleben wollte? Das Ende der Steinernen Brücke kam nun in Sicht und erneut hob Erentroß seine Hand und drehte sich zu seiner Mannschaft um. „Wir werden nicht lange bis zum Dom brauchen“, erklärte er kurz angebunden. „Handelt erst, wenn ihr von mir den Befehl dazu bekommt und überlasst mir das Reden. Ist das für jeden klar?“ Die Männer gaben mit einem kurzen Ausruf bekannt, dass die Worte unmissverständlich waren, doch die Trolle brüllten in die Nacht hinaus und fuchtelten mit ihren Keulen umher, sodass Karek seinen Kopf einziehen musste, um nicht davon getroffen zu werden. Ein Schlag eines Trolls und er würde mehr als Sterne sehen. „Hey Knirps, komm lieber da runter!“, forderte ihn Berek auf, ein Mann, der direkt neben ihm ging. Er war so groß und rund, dass Karek sich allen Ernstes fragte, ob diese Person nun wirklich eine bessere Figur besaß als die Trolle. Karek musste bei diesem Gedanken schmunzeln, dann wandte er seinen Kopf in eine andere Richtung, damit Berek es nicht missverstehen konnte. Schließlich schüttelte Karek aber den Kopf. „Nein, ich bleibe auf Borger sitzen.“ Bei diesen Worten tätschelte Karek Borger den Kopf wie einem flauschigen Hund und Berek zuckte nur die Achseln. Schließlich verließen sie die Steinerne Brücke und begaben sich in Richtung Dom. Karek war noch nicht oft in Regensburg gewesen, doch ihm fiel auf, wie düster alles wirkte, und dies lag nicht an der Dunkelheit dieser Nacht. Wie um seine Gedanken zu bekräftigen, schüttelte Karek den Kopf. Nein, diese Stadt strahlte Düsternis aus, doch das war nicht immer so gewesen: Seit Daragon über diese Stadt herrschte, hatte sich vieles verändert. Karek ließ seinen Blick weiter kreisen und immer wieder musste er den Kopf schütteln. Auch wenn er noch nicht viel von so etwas verstand, wusste er durchaus, dass es nicht normal war, dass viele Gebäude, an denen sie vorbeiliefen, völlig zerstört waren. Erentroß forderte den Trupp dazu auf, sich an die Häuserwand zu drängen, was sich mit insgesamt sechs Trollen nicht gerade einfach gestalten ließ. Nur zwei Sekunden später, nachdem sich Borger mit einem panischen Grunzen kleinmachte, wusste Karek auch, warum Erentroß sie dazu angetrieben hatte. Vom Dach eines hohen Gebäudes fiel ein großer Steinbrocken mit einem lauten Knall auf die Straße und ließ das Kopfsteinpflaster platzen. Ein Troll, der neben Borger stand, stieß ein lautes Brüllen aus, wankte zu dem Felsblock, bugsierte ihn in die Höhe und warf ihn die Straße entlang, wo er im Schutz der Dunkelheit mit einem lang anhaltenden Poltern liegen blieb. „Tu das nie wieder, Bergon!“, zischte Erentroß in Richtung des Trolls und dieser warf beschämend die Hände vors Gesicht und stolperte einen Schritt zu ihrem Anführer zurück. „Los, ich möchte, dass du dich ans Ende des Trupps begibst. Ich will dich vorne bei mir nicht mehr sehen!“ Der Troll namens Bergon stieß noch einmal ein weinerliches Keuchen aus, dann lief er zurück und stellte sich ans Ende der Truppe. Mit einem kurzen Kopfschütteln von Erentroß liefen sie schließlich weiter. Der Stein, der auf der Straße lag, wurde von den Trollen einfach zertreten. Sie brauchten nicht mehr lange, da hatten sie den Regensburger Dom erreicht. Hier wohnte Daragon. Karek hatte sich schon immer gefragt, was eine Person mit einem so großen Gebäude wollte, doch vielleicht gefiel es ihm ja einfach. Wollte er vielleicht einfach nur seine Macht demonstrieren? Die Trolle, die Krieger und Erentroß stellten sich vor dem Dom auf und starrten zum großen Eingangstor hinauf. Der Regensburger Dom war wirklich gewaltig. Es war ein riesiges Gebäude aus massiven, groben Steinen. Lange, schmale Stufen führten zum Eingang hinauf. Links und rechts des Eingangs wuchsen zwei hohe, breite Steinsäulen in die Höhe und liefen am Ende spitz zu. Sie waren etwas höher als der Hauptteil des gigantischen Gebäudes. Anders wie viele andere Häuser der Stadt, war der Dom nicht beschädigt, hatte aber ein eher düsteres Erscheinungsbild, was zum Teil auch mit seiner Größe zu tun hatte. Der Stein war an manchen Stellen mit dickem Moos bewachsen, was den Dom etwas älter und heruntergekommener aussehen ließ. Außerdem befanden sich weiter oben an den hohen Wänden der Türme brennende Fackeln, deren Flammen im Wind leicht flackerten. „Bergon, bereite Daragon einen angemessenen Empfang!“, forderte Erentroß den Troll auf, ohne dass er den verschlossenen Eingang des Doms aus den Augen ließ. Mit ausdrucksloser Miene begab sich der Troll nach vorne und wollte sich in Richtung Eingangstor begeben, da ertönte ein Laut, den Karek nie mehr in seinem gesamten Leben vergessen würde. Dieses Geräusch kam vom Dach des Doms und genau in dem Moment, indem es verklungen war, fielen die ersten Regentropfen, denn der Himmel hatte sich mit schweren Wolken zugezogen. Erentroß schien dieses Geräusch nicht einzuschüchtern. Er schien es sogar zu kennen! Kareks Augen füllten sich mit Angst, als er in die Höhe blickte und etwas Großes, Schwarzes gewahrte, das sich sogar noch bewegte. Er sah, wie sich das Fackellicht des Doms auf etwas brach, das aussah wie Metall. Es erinnerte Karek an rostige Flecken. Das Etwas bewegte sich weiter nach vorne und dabei schabte etwas über Stein, dass aussah wie Klauen. Karek stellten sich die Nackenhaare auf. Er konnte gerade noch ein Aufschreien unterdrücken, als er eine kaum zu beschreibende Fratze gepaart mit einem spitzen Maul und scharfen Zähnen erkannte. „Keinen Schritt weiter, Troll, oder ich lasse ihn Feuer speien!“ Der Ton, mit dem Daragon seine Worte wählte, gab durch seine Rauheit klar und deutlich zu verstehen, dass er nicht zögern wurde. Er klang sogar noch eine Zeit nach und übertönte das Regengeräusch bei weitem. Karek glaubte sogar, seine Worte würden bis in die Gassen der nahen Umgebung getragen. Karek klammerte sich an Borger fest. Er hatte Angst. Er verstand immer weniger, warum ausgerechnet er die Männer auf diesen schrecklichen Ausflug begleiten sollte. Seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, doch Karek zwang sie nieder. Er wollte stark sein und nicht vor den Männern als Feigling dastehen. Wenn er in ihre Gesichter sah, erkannte er ebenfalls Angst. Vielleicht täusche ich mich da auch, dachte er. Erentroß begann leise zu lachen. „Daragon, lasst diese Spielchen und kommt vom Dach herunter! Es hat angefangen zu regnen, nachher verkühlt sich Eure Echse noch.“ Dieser Kommentar brachte einiges Gelächter mit sich, doch es klang nicht wirklich belustigt, sondern eher verunsichert. Daragon stand einfach weiter auf dem Dach und rührte sich nicht. Karek glaubte schon, es würde überhaupt nichts passieren, doch dann schnippte Daragon mit den Fingern und die gewaltige Flugechse wuchtete sich in die Höhe und stieß einen lauten Schrei aus. Daragon hielt sich an dem Wesen fest, von dem Karek noch immer nicht sicher war, was es überhaupt darstellen sollte. Es sah ein bisschen aus wie eine überdimensionale, lange Schlange mit Flügeln, und Daragon stieg mit einer flüssigen Bewegung auf den Rücken des Ungetüms und gemeinsam flogen sie vom Dach hinab zum Fuß des Doms. Schließlich stand Daragon vor dem Regensburger Dom und seine Schlange mit Flügeln rollte sich hinter ihm zusammen. Genau genommen war es keine Schlange, denn das Tier besaß auch Vorder- und Hinterläufe, die sehr kräftig aussahen, nicht zuletzt wegen ihren langen Krallen, mit denen Karek nur ungern Bekanntschaft machen wollte. Der Junge hatte so ein Wesen noch nie gesehen und jetzt, wo es sich fast genau vor ihm befand, jagte es ihm eine tief empfundene Angst ein, dass es ihm schier den Atem raubte. Er hatte nicht geglaubt, jemals so viel Angst haben zu können. Daragon trug einen langen purpurroten Pelzmantel mit aufwendigen Stickereien, die golden funkelten. Darunter eine schwarze Hose und ein dunkles Wams. Außerdem machte er auf Karek einen sehr selbstbewussten Eindruck. Daragon hatte einen muskulösen Körper und ein schmales Gesicht mit braunen Augen. Dieses wurde von schulterlangen, schwarzen Haaren umrahmt. Erentroß trat näher auf Daragon zu. Keiner von ihnen zog eine Waffe. Nun stieg der Junge doch von Borger herunter und blieb neben ihm stehen. Der Troll legte ihm seine große Hand auf die Schulter, denn er schien zu spüren, dass es dem Jungen nicht gut ging. Karek fühlte sich durch die Geste ein wenig beruhigt. Mit großem Widerwillen sah sich der Junge um. Hier standen insgesamt sechs Trolle und Krieger, die bewaffnet waren. Sollte Karek in Gefahr geraten, waren genug Menschen da, um ihn zu beschützen. Dieser Gedanke nahm ihm noch mehr seiner Angst, was ihn aber nicht daran hinderte, ein paar Schritte näher an einen der Krieger heranzutreten. Regensburg glich einer Geisterstadt. Es war düster zu dieser späten Stunde, doch die Gebäude, die sich um den Dom herum befanden, waren fast ausschließlich verlassen. Es schien weiß Gott keine Seltenheit zu sein, dass Steine auf die Straße fielen. Und die Person, die dafür verantwortlich war, stand hier direkt vor ihnen. Kaum hatte Karek diesen Gedankengang beendet, begann Daragon leise zu lachen, doch es klang nicht wirklich belustigt, sondern sehr verbittert. Es enthielt keine Liebe und kein Mitgefühl. Erentroß trat einen Schritt auf Daragon zu und seine Schritte hallten dumpf in Kareks Ohren wider. Schließlich holte er mit seiner Rechten aus und beschrieb einen weiten Kreis, der die ganze Umgebung um den Regensburger Dom einschloss. „Wollt Ihr wirklich so weiter machen, Daragon?“, fragte Erentroß und seine Worte klangen gar nicht wirklich wie eine Frage, sondern viel mehr wie etwas, dessen Betonung bereits die Antwort enthielt. „Seitdem Ihr König von Regensburg seid und Euch im Dom verschanzt habt, geht es der Stadt sehr schlecht. Schlimmer noch: Sie ist praktisch tot.“ Daragon verneigte sich spöttisch, sodass ihm sein langes Haar tief ins Gesicht fiel. „Ich danke für Eure ehrlichen Worte, hoher Erentroß“, sagte er spöttisch, als er sich wieder aufgerichtet hatte. „Ich nehme sie als Kompliment zur Kenntnis.“ Erentroß nickte nur langsam und seine folgenden Worte klangen einfach nur traurig. „Nein, Daragon. Ich würde Euch sehr gerne ein Kompliment dalassen, doch ich schätze, das habt Ihr nicht verdient. Ihr habt leider versagt.“ Nun schien sich irgendetwas in Daragons Gesicht zu regen, doch ehe Karek es wirklich fassen konnte, hatte er sich wieder in der Gewalt und sein überhebliches Grinsen nahm wieder seinen Platz ein. „Es tut mir wirklich leid, Erentroß“, meinte Daragon und alleine an seinem spöttischen Ton war zu erkennen, wie viel Wahrheit in seinen Worten steckte. Erentroß ließ nur ein abfälliges Lachen hören und dann machte er mit seiner Hand wieder eine weit ausholende Geste. „Ist das hier wirklich alles Euer Ernst?“, fragte er zornig und er schrie seine Worte fast in die Stadt hinaus. Der Drache, der sich hinter Daragon zusammengerollt hatte, zuckte kurz bedrohlich, blieb ansonsten aber still. Leiser fügte er dann hinzu: „Regensburg ist durch Eure Gräueltaten völlig zerstört worden und Euch fällt nichts Besseres ein, außer es tut mir leid?“ Wieder schüttelte Erentroß den Kopf und das so langsam und kurz, dass Karek es kaum wahrnahm. „Das hätte alles verhindert und die Stadt gerettet werden können.“ Nun lachte Daragon verächtlich, nachdem Erentroßʼ Worte nicht mehr als ein Flüstern gewesen waren. „Ah tatsächlich, hätte es das?“ Daragon nickte spöttisch und er spuckte Erentroß die Frage fast vor die Füße. „Was hätte ich denn Eurer Meinung nach tun sollen? Die Höllenwölfe hättet Ihr auch nicht aufhalten können! Niemand hätte das!“ Erentroß schnitt Daragon mit einer herrischen Geste das Wort ab. „Doch, wir hätten sie aufhalten können!“, sagte er entschieden. „Ihr hättet Euch uns anvertrauen sollen. Ich hätte mit meinen Trollen alles Erdenkliche getan, um die Höllenwölfe zurückzutreiben!“ Daragon lachte bitter. „Trolle!“ Nachdem er dieses Wort ausgesprochen hatte, spuckte er aus und sein Speichel fiel dicht vor Erentroß auf das gesprungene Kopfsteinpflaster. Karek sah sich alarmiert um und seine Vorahnung hatte ihn nicht getäuscht. Einer der Trolle vertrug offenbar Daragons Einstellung über Trolle nicht und preschte mit schwerfälligen Schritten auf den Mann mit dem Schlangendrachen zu. Es war Bergon, der einen schweren Hammer in der Hand hielt, den er über seinem Kopf herumwirbelte, um Schwung für einen kräftigen Schlag zu sammeln. In dem Moment, als der Hammer niedersauste, duckte sich Daragon zur Seite und zog sein Schwert. Allerdings griff er damit nicht an, sondern wich noch weiter zurück, um freie Bahn für die weiteren herannahenden Trolle zu haben. Bergon war nun dem Schlangendrachen schutzlos ausgeliefert, der sich aufgerichtet und sein Maul weit aufgerissen hatte. Der Troll kam nicht mehr dazu, seinen Angriff zu Ende zu führen. Der Drache zuckte wie eine wütende Schlange vor und schnappte zu. Er bekam den Arm des Trolls zu fassen, sodass dieser seinen Hammer fallen lassen musste. Bergons Gesicht verzog sich vor Schmerz und er stieß ein lautes Brüllen aus, doch es war offensichtlich, dass er gegen den Schlangendrachen nicht bestehen konnte. Karek hatte panische Angst und alles in ihm schrie danach nicht weiter zuzusehen und einfach davonzulaufen, doch ein anderer Teil von ihm schien jegliche Bewegung zu verhindern. Der Drache hatte inzwischen den Troll zu Boden gedrückt und ihn mit seinen Krallen aufgeschlitzt. Gleichzeitig attackierten zwei Trolle Daragon. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit brachte Daragon sich durch ein schnelles Fuchteln seines Schwertes in Richtung der Trolle und einem raschen Ausfallschritt zur Seite aus der Gefahrenzone. Dies verschaffte ihm vielleicht nur eine Sekunde Luft, doch diese genügte ihm vollkommen, denn der Schlangendrache stand ihm nun auch wieder zur Seite. Karek stand einfach mit großen Augen da und konnte nicht glauben, was sich vor ihm abspielte. Er verstand ja nicht einmal, aus welchem Grund dies alles geschah. Erentroß mischte sich nun auch in das Kampfgeschehen ein, doch Karek sah ihm an, dass es ihm mehr als widerstrebte. Erentroß zog sein mächtiges Schwert Götterzorn und sprang mit einem lauten Schrei auf Daragon zu. Dessen Blick zeigte erschrecktes Erkennen, als er das Schwert sah, und wäre der Kampflärm nicht so übermäßig laut gewesen, hätte Karek wahrscheinlich einen Aufschrei Daragons wahrnehmen können. Mit einem einzigen großen Sprung war Erentroß bei seinem Gegner und schlug dessen Klinge nieder. Daragon wich zur Seite aus und riss blitzschnell sein Schwert in die Höhe, sodass der Stahl Funken fliegen ließ. „Ruft Eure verdammten Trolle zurück, wenn Euch an ihnen etwas liegt“, keuchte Daragon, während er vor Anstrengung die Zähne aufeinanderpresste. Erentroß lachte kurz und sprang zurück. „Wenn ich es tun würde, würdet Ihr ja doch keine Ruhe geben.“ Ohne etwas darauf zu erwidern, sprang nun Daragon auf Erentroß zu und wollte ihm die Klinge in den Leib stoßen, doch dieser duckte sich und versuchte, seinem Gegner die Füße wegzutreten. Mit einem wütenden Schrei fiel Daragon auf den Rücken und Erentroß stieß ihm das Schwert in die Brust. Die Augen des Getroffenen weiteten sich vor Überraschung und Unglauben, doch schon eine Sekunde später riss Daragon sein Schwert in die Höhe und rammte es Erentroß, der noch immer über ihm stand, in den Bauch. Und dann fing Daragon an zu lachen. Dies war wahrscheinlich das Schlimmste von allem, da er tot sein müsste. Und doch lachte er. „Ihr habt keine Ahnung, zu was ich fähig bin“, kam als kraftloses Keuchen über seine Lippen. Einen Moment stand Erentroß noch still, doch Karek, der alles aus vor Schreck geweiteten Augen beobachtete, konnte förmlich spüren, wie Erentroß mit jedem Augenblick schwächer wurde und schließlich einfach auf Daragon stürzte und starb. Auch Daragon schienen nun endgültig die Kräfte verlassen zu haben, denn auch er rührte sich nicht mehr. Karek konnte nicht glauben, was innerhalb von wenigen Minuten geschehen war. Kaum waren die beiden Männer übereinander zusammengebrochen, begann der Schlangendrache zu brüllen. Es war ein grässliches Geräusch, das Karek in seinem gesamten Leben nicht mehr vergessen würde. Es sah so aus, als litte das Flugtier Höllenqualen. Die wenigen Trolle, die noch aufrecht standen, schienen vergessen zu sein und das Tier warf seinen Kopf hin und her und schlug wild mit seinen Flügeln. Aus den Augenwinkeln erkannte Karek Borger, der sich von den anderen Trollen entfernte und zu den toten Männern hinübereilte. Er zog das Schwert Götterzorn unter Erentroßʼ Leib hervor und stampfte mit nervösen Bewegungen zu Karek hinüber. Dabei stieß er immer wieder ein trauriges Grunzen aus. Kaum war der Troll bei Karek angelangt, fasste er ihn am Arm und riss ihn einfach mit sich. Ohne überhaupt zu wissen wie ihm geschah, setzte Borger ihn einfach wieder auf seinen Rücken und Karek musste wirklich aufpassen, um nicht sofort wieder herunterzufallen. Borger drehte sich im Gehen zu den anderen Trollen herum, welche ihnen folgten, doch sie waren einfach zu langsam: Der Schlangendrache war in wilde Raserei verfallen. Das riesige Ungetüm stampfte mit einem langanhaltenden Gebrüll hinter den Trollen her und schlug mit seinen Klauen nach ihnen, sodass sie einfach von den Füßen gerissen und in die Ferne geschleudert wurden. Plötzlich spürte Karek, wie er von Borger gepackt wurde und keine Sekunde später befand er sich auf dem Boden und wusste nicht, wie ihm geschah. Karek sah gerade noch, wie der gewaltige Schlangendrache nun auch Borger mich sich riss. Der Troll schrie auf und fuchtelte wild mit den Armen, doch es half nichts. Der Drache tat irgendetwas, dann gab es ein lautes Knacken, was alles zu übertönen schien, und der Troll rührte sich nicht mehr. Dann brach der Drache seinen Angriff ab, brüllte noch einmal in die stille Stadt hinaus und flog mit schnell schlagenden Flügeln davon. Wären die dort liegenden Trolle und Männer nicht gewesen, hätte niemand geglaubt, was gerade hier geschehen war. Und das nur, weil ein Troll die Fassung verloren und angegriffen hatte. Karek konnte es nicht glauben, doch noch bevor er das Bild des in der Dunkelheit liegenden Regensburger Doms richtig fassen konnte, drehte er sich um und verließ den Ort des Grauens.   Kapitel 1 Der Schlangendrache Dreizehn Jahre waren inzwischen vergangen, seitdem es am Regensburger Dom zu dem erschreckenden Kampf zwischen Erentroß und Daragon gekommen war. Karek saß auf seinem Bett und blickte auf eine Truhe, die vor ihm stand. In dieser Truhe lag etwas, vor dem sich Karek beinahe fürchtete. Das Ereignis vor dreizehn Jahren hatte ihn geprägt und es hatte lange gedauert, bis er diese schreckliche Erfahrung verkraftet hatte. Lange wurde er von finsteren Träumen geplagt, in denen er das entsetzte Gesicht Daragons sah, während Erentroß ihm das Schwert in die Brust stieß. Ebenso hörte er immer wieder den fürchterlichen Schrei Borgers, als er vom Schlangendrachen gepackt und getötet worden war. Nun war Karek sechsundzwanzig Jahre alt, und auch wenn die Träume nicht mehr so häufig auftraten wie in den letzten Jahren, hatten sie doch ihre Spuren hinterlassen. Karek war hart geworden. Er zeigte selten wirklich Gefühle und stellte sich schweren Zeiten, denn Karek war der Meinung, dass kaum noch etwas Schlimmeres geschehen konnte als das Ereignis vor dreizehn Jahren. Karek lebte in einem kleinen Haus im Stadtteil Stadt am Hof, welcher nördlich von Regensburg liegt. Mit den Jahren hatte er das Bogenschießen gelernt und war dadurch sehr muskulös geworden. Karek kannte sich mit Holzarbeiten sehr gut aus und somit war es für ihn kein Problem, sich einen eigenen Bogen zu bauen. Er wusste nun, dass Daragon sich unbesiegbar gefühlt hatte, denn er hatte sich auf seinen Drachen verlassen und geglaubt, dass ihm mit diesem an seiner Seite nichts geschehen könnte. Die Ereignisse hatten gezeigt, dass er sich geirrt hatte. Karek verscheuchte die Gedanken. Viel zu oft hatten sie ihn traurig gemacht und ihm Energie entzogen, sodass er sich müde und ausgelaugt gefühlt hatte. Nun stand er von seinem Feldbett auf und ging zur Truhe. Dass seine Hände dabei leicht zitterten, versuchte er so gut es ging auszublenden. Wenn er diese Truhe öffnete, dann … Ja, was eigentlich? Was würde dann geschehen? Karek musste über diese Fragen unsicher lachen und kniete sich auf den Boden. Er tat nun nichts anderes, als die Truhe anzustarren. Mit Mühe riss er seinen Blick los und sah sich in dem Zimmer um. Es war sein Zimmer. Das Zimmer, in dem er damals gelebt hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Als er damals hierher zurückgekehrt war, hatte er Erentroßʼ Schwert in diese Truhe gesperrt und Karek hatte sich geschworen, dieses Zimmer nie mehr zu betreten. Diesen Schwur hatte er dreizehn lange Jahre gehalten und heute war der Tag, an dem er sich seiner Vergangenheit stellen wollte. Warum er dies ausgerechnet heute tat, wusste er nicht. Der Schlüssel für das stabile Schloss war an der Rückwand der Truhe befestigt. Mit suchenden Fingern tastete Karek nach dem Schlüssel und löste ihn vom Holz ab, damit er die Truhe aufsperren konnte. Kaum hatte er das Schloss entriegelt, sprang der Deckel wie von Geisterhand auf. Da der Boden so tief war, erkannte Karek im ersten Moment gar nichts. Erst als er tiefer hineinsah, bemerkte er das Schwert, dass einst Erentroß gehört hatte. Karek musste unwillkürlich an den Schlangendrachen denken und vernahm in seinem Kopf wieder dieses fürchterliche Kreischen. Er konnte fast körperlich spüren, welche Qual es dem Drachen bereitet hatte, seinen Reiter zu verlieren. Seitdem war der Drache nicht mehr gesehen worden und Regensburg hatte nach Daragons Tyrannei allgemein eine bessere Zeit erlebt. Karek musste über diesen Gedanken leicht schmunzeln, was ihm falsch vorkam, doch vielleicht hatte ja Erentroß sterben müssen, um eine bessere, friedvollere Zeit herbeizuführen. Für lange Augenblicke starrte Karek nur in die Truhe hinein, deren Boden fast völlig im Dunkeln lag, und blickte das Schwert mit gemischten Gefühlen an. Er konnte sich noch schwach daran erinnern, dass er die Klinge von Daragons Blut gesäubert hatte, damit der Stahl nicht rosten würde. Als Karek schließlich die Hand nach der Waffe ausstreckte, zitterte sie stark und in ihm stieg eine Angst auf, die er einfach nicht wirklich nachvollziehen konnte. Sicher, er verband mit diesem Schwert eine schreckliche Geschichte, doch die Waffe an sich war ungefährlich, vorausgesetzt, man benutzte sie für gute Zwecke. Als er den Schwertknauf berührte, rechnete er fest damit, dass etwas Unvorhergesehenes, ja fast schon Fürchterliches geschehen würde. Angespannt hielt er die Klinge eine Weile fest, doch es geschah nichts. Als er das Schwert aus der Truhe hob, bemerkte er überrascht, wie leicht die Waffe in seinen Händen lag. Sie sah aus, als käme sie geradewegs aus der Schmiede. Karek stand auf und blickte den Stahl der Klinge an. Sein Gesicht spiegelte sich darin und es starrten etwas müde aber entschlossene Augen zurück. Der junge Mann ließ sich zurück auf das Feldbett fallen, in dem er seit fast genau dreizehn Jahren nicht mehr gelegen hatte. Noch immer blickte er sein Gesicht in der Spiegelung des Stahls an. Wieder dachte er an Erentroß und in ihm kamen alte Fragen hoch. Fragen, die er sich in den letzten Jahren unzählige Male gestellt hatte. Warum hatte Erentroß ihn damals mit zum Regensburger Dom genommen? Er hätte doch wissen müssen, dass diese Mission für einen dreizehnjährigen Jungen einfach zu gefährlich war. Oder wollte er ihm damit etwas ganz Bestimmtes auf den Weg geben? Hatte er damals vielleicht sogar gewusst, dass es zum Kampf kommen würde? Karek zuckte nachdenklich die Achseln. Wahrscheinlich, denn Erentroß war ein sehr intelligenter Mensch gewesen, der niemals unüberlegt gehandelt hatte. Nachdenklich blickte sich Karek noch einmal in seinem Zimmer um. Erentroß hatte damals auch hier gelebt. Erentroß war nicht sein Vater gewesen. Seine Eltern hatte Karek niemals kennengelernt und was mit ihnen geschehen war, wusste er bis heute nicht. Karek konnte sich erinnern, dass er damals des Öfteren nach seinen Eltern gefragt hatte, doch Erentroß hatte dann immer das Thema gewechselt. Dennoch war der Mann von Anfang an ehrlich zu ihm gewesen und hatte ihn wissen lassen, dass er nicht Kareks Vater war. Doch für Karek war er immer eine Vaterfigur gewesen, denn Erentroß hatte sich um ihn gekümmert und gesorgt. Karek konnte sich noch an Vieles erinnern, auch wenn er damals noch sehr jung gewesen war. Er wusste noch, dass es Erentroß sehr gestört hatte, wie Daragon mit Regensburg verfahren war. Nachdem dieser gefallen war, hatte es lange Zeit niemanden gegeben, der sich um die Stadt gekümmert hatte. Doch dann war ein neuer König erschienen, der dafür sorgte, dass es mit der Stadt wieder bergauf ging. Schließlich hörte Karek von draußen Geräusche und er wusste sofort, was es damit auf sich hatte. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck legte er das Schwert Götterzorn zurück in die Truhe und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Tür ließ er sogar offen. Als er das Haus verließ, gewahrte er Borger, seinen Hund, der ihm vor ungefähr sieben Jahren zugelaufen war. Es war ein Shetland Sheepdog und Kareks ständiger Begleiter. Sein Fell war sehr zottelig und schwarzweiß. Seine Schnauze war spitz und seine Ohren stets nach oben aufgestellt. Borger war ein sehr aufmerksamer Hund und er warnte die Bürger sofort, wenn Gefahr drohte. Er hatte ihn Borger genannt, da dieser Hund, ähnlich wie der Troll damals, Kareks treuer Begleiter war. Borger lief mit aufrechtem Kopf an ihm vorbei und legte sich in den Eingangsbereich, direkt neben einen großen Stapel Holz. Bald würde es Winter werden und sie sorgten bereits jetzt vor, um genug Feuerholz für die kalten Monate parat zu haben. Stadt am Hof war ein sehr kleiner Ortsteil mit wenigen Häusern, der etwas abgeschieden von Regensburg lag. Die Steinerne Brücke verband sie miteinander. Die Brücke benutzten viele Handelsleute, um von Stadt am Hof nach Regensburg zu gelangen. Die Häuser sahen aus wie kleine Hütten. Sie bestanden Großteils aus Stein und besaßen ein mit Stroh bedeckte Dächer. Die meisten waren zylinderförmig, doch es gab auch ein paar Häuser, die aussahen wie kleine, steinerne Würfel. Eine breite Hauptstraße aus groben Kopfsteinpflastern war angelegt worden, die direkt zur Steinernen Brücke führte. Dies war die Straße, die viele Handelsleute mit ihren Kutschen oder zu Fuß nahmen. Seitenwege waren dagegen nur ausgetretene Wiesenpfade, die im Regen sehr matschig und im Sommer unglaublich staubig waren. Karek begleitete Borger ins Haus und kraulte ihn hinter dem Ohr, was dieser mit einem ausgiebigen Gähnen kommentierte. Kareks Haus war eines der zylinderförmigen. Auch die inneren Wände waren aus Stein und eine hölzerne Treppe führte nach oben zu zwei kleinen Zimmern. In dem einen von ihnen war er eben gewesen. Unten im Eingangsbereich war das kleine Haus mit einer offenen Wohnstube, einem Essbereich und einen Waschraum ausgestattet. Hier gab es noch ein weiteres kleines Zimmer, in das Karek sich immer dann zurückzog, wenn er die Welt eine Weile vergessen wollte. Schließlich setzte Borger sich auf und blickte ihn erwartungsvoll an. Dann setzte er sich in Bewegung und trat wieder ins Freie. Karek folgte ihm, nachdem er seinen Bogen geholt hatte. Diesen nahm er seit Jahren immer mit und trug ihn stets bei sich. Es war ein sonniger Tag und wieder blickte der junge Mann auf die Donau hinaus. Regensburg hatte sich von Daragons Zeiten sehr gut erholt und war neu aufgebaut worden. Auch wenn es noch vereinzelte Stellen in der Stadt gab, die an die damalige Zeit zurückerinnerten, war sie nicht mehr wiederzuerkennen. Häuser, die in der Stadt wesentlich wuchtiger und höher waren wie hier in Stadt am Hof, machten nun wieder einen sicheren Eindruck und waren nicht mehr einsturzgefährdet. Der bessere Zustand der Stadt hatte sich natürlich herumgesprochen, sodass es einige Menschen in die Stadt gezogen hatte. Heute hatte Regensburg mehr Einwohner als zu Daragons Zeiten. Gedankenverloren blickte sich Karek um. Damals hatten hier noch einige Trolle gelebt, doch mit der Zeit hatten sie sich immer mehr in die Natur zurückgezogen, was nach Kareks Meinung auch besser zu ihnen passte. Borger ließ ein kurzes Bellen hören. Dann sah er Karek erwartungsvoll an. Karek erwiderte seinen Blick. „Was ist, mein Freund?“, fragte er, während Borger sich in Bewegung setzte und Karek aufforderte, ihm zu folgen. Karek konnte sich schon denken, wohin er ihn führte. Es ging in einen Wald, der gar nicht weit von seinem Haus, am südlichen Rand von Stadt am Hof und ein gutes Stück von der Donau entfernt lag. Dort hatte sein Hund ihn schon des Öfteren hingeführt, wenn er etwas gewittert hatte. Aus diesem Wald holte Karek auch sein Holz für den Winter. Es ging eine Weile bergauf, links und rechts erstreckten sich weite Wiesen, die sich sehr hügelig in die Ferne erstreckten, und am Horizont gewahrte Karek sogar schon weit entfernte Berge. Sehr oft lief er hier entlang, weil er diesen Anblick einfach genoss. Schließlich, nachdem sie einem ausgetretenen, erdigen Pfad gefolgt waren, kam der Wald in Sicht. „Was möchtest du mir heute zeigen, Borger?“, fragte er, während sie weiter dem Pfad folgten. Der Hund drehte seinen Kopf etwas und ließ ein kurzes Bellen hören. Karek folgte ihm weiter ohne erneut ein Wort zu verlieren. Als sie den Wald schließlich betraten, nahm sie der Schatten der Bäume auf und die recht warme Herbstsonne blieb hinter ihnen zurück. Der Wald war klein und viel später würde er vollkommen abgeholzt und durch weitere Häuser ersetzt werden. Karek war immer wieder gerne hier im Wald. Es herrschte eine Stille, die sofort eine tiefe Ruhe und Gelassenheit in ihm auslöste. Immer wenn er aufgeregt oder wütend war, kam er hierher, um zu sich zu finden. Es roch nach Moos und Tannennadeln, denn es gab hier sehr viele Nadelbäume. Sie standen sehr dicht aneinander. Der geschlungene Pfad war so schmal, dass zwei Personen nur mit äußerster Mühe nebeneinander hätten laufen können. Abwärts vom Pfad wucherten viele Gräser und Büsche und an einigen Stellen lagen Gehölz und Baumstämme. Karek lauschte in den Wald hinein und vernahm ein paar Vögel, deren Gesang lange im Wald widerhallte. Schließlich hatten sie eine kleine Höhle erreicht, deren Eingang ihn immer wieder aufs Neue faszinierte, wenn Karek zusammen mit Borger hier vorbeilief. Er erinnerte ihn an das riesige Maul eines Raubtieres. Oberhalb des Eingangs hingen spitze, große Felssplitter herab, sodass sie den Reißzähnen eines gefährlichen Tieres ähnelten. Borger betrat das Innere der Höhle, die wirklich sehr eng war. Karek folgte ihm und sah sich kurz nach beiden Seiten um. „Was ist los, mein Freund?“, fragte Karek und versuchte das Gefühl zu ignorieren, dass jeden Moment etwas Gefährliches aus der Finsternis hervorkommen und sich auf sie stürzen würde. Einen Moment lang sah Borger Karek nur an, doch dann schnüffelte er am Boden und wedelte aufgeregt mit seinem buschigen Schwanz. Borger begab sich immer weiter in die Höhle hinein und begann laut zu bellen. Gleichzeitig drehte er sich immer wieder zu Karek um. Karek betastete die Wände der Höhle. Sie lagen fast völlig im Schutz der Dunkelheit, doch nun fühlte er sandigen Stein, der viele kleine Risse aufwies. Außerdem nahm er nun auch einen leichten Geruch von Moos wahr und, als wäre dies ein Stichwort gewesen, spürte Karek unter seinen Fingern trockenes Moos, das an der Steinwand hing. Der Boden war ebenfalls grob und rissig, allerding bestand er aus reinem Erdboden auf dem sich etwas Laub verteilt hatte, welches von draußen hereingeweht worden war. Neugierig trat Karek neben seinen Hund und ging in die Hocke. Da lag etwas. Fast vollkommen in der Finsternis verborgen fand Karek etwas Hartes, ungefähr so groß wie seine Faust. Zuerst hielt er es für einen gewöhnlichen Stein, doch dann stutzte er. „Das ist ein Drachenzahn.“ Borger stieß wieder ein lautes Bellen aus, wie um seine Worte zu bekräftigen. Der Stein hatte in der Tat die Form eines Zahns, doch das konnte auch einfach Zufall sein. Karek nahm ihn an sich und steckte ihn in die Tasche seiner schwarzen Hose. Er würde versuchen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Dankend tätschelte er Borger den Kopf und sie verließen die Höhle. Auf dem Rückweg ließ ihn der Gedanke nicht los, dass er gerade einen Zahn des Schlangendrachen gefunden hatte.


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