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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Jamies Quest 01, Cornelia Franke & Dominic Franke
Cornelia Franke & Dominic Franke

Jamies Quest 01


Aufgabe gesucht

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KAPITEL EINS


 


Als Jamie den roten Plastikeimer in seinem Zimmer abstellte, durchzuckte seine Schläfen ein heißer Schmerz. Vorsichtig tastete er nach seinem Schreibtischstuhl und sackte hinein. „Ist mir schlecht ...“ Magensäure brannte in seiner Kehle und mit Mühe unterdrückte er einen Würgereflex. Zwar hatte er am Morgen zum ersten Mal Quinoabrötchen probiert, aber die konnten nicht die Ursache sein. Obwohl seine Mutter wie ein verrückter Wissenschaftler mit Zutaten herumexperimentierte, hatte sein Magen noch nie derartig rebelliert. Dafür schmeckt es viel zu lecker, dachte er niedergeschlagen.


„Ich darf jetzt nicht krank werden“, sprach Jamie sich gut zu. „Olive will sich nachher mit mir treffen.“


Mit fahrigen Fingern nahm er eine Magentablette ein und griff dann nach dem Computerspiel neben seiner Tastatur. Er brauchte dringend eine Ablenkung, bis Olive ihm erklärte, warum sie den ganzen Tag kein Wort mit ihm wechseln wollte. Außerdem hatte er sich auf dieses Role-Play-Game seit Wochen gefreut. Jede Reklametafel, jeder Werbespot hatte seine Begeisterung ins Unermessliche gesteigert. Mein erstes Spiel in 3D.


Knisternd fiel die Folie zu Boden. Jamie steckte die Disc ins Laufwerk, startete die Installation und lehnte sich zurück. Angeblich sollte gleichmäßiges Atmen bei Übelkeit helfen, vor Vorfreude hielt er jedoch einen Moment die Luft an.


Nach der Mittagspause war er zur Abivorklausur in Englisch angetreten und hatte wie seine Kursmitglieder gemault, warum sie eine vier Stunden lange Arbeit nicht morgens schreiben durften. Kaum, dass die Taschen verstaut waren, verteilte seine Lehrerin die Unterlagen. Vor jedem Schüler war ein Berg an Kopien gelandet. „Fangt an“, hatte sie streng verkündet. Schon vor der Klausur plagten Jamie Magenschmerzen, doch beim strengen Blick seiner Lehrerin, hätte er sich fast übergeben. Und dann bin ich raus gerannt, kam es Jamie in den Sinn, während er den Installationsbalken betrachtete. Ich wollte nur noch nach Hause.


Es war früher Nachmittag, seine Mutter brachte seine kleine Schwester zum Reitunterricht und sein Vater verließ erst in ein paar Stunden das Architekturbüro. Wie so oft war er allein in seinem Zimmer, allein im stillen Haus. Jamies Blick fiel auf den roten Plastikeimer. Obwohl es schön wäre, jetzt jemanden in der Nähe zu wissen.


Eine Melodie wallte aus den Lautsprechern und Jamie richtete seine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Er setzte die 3D-Brille auf, die er gestern vorsorglich geladen hatte, sodass ihm nun die verschwommenen Symbole entgegen sprangen. ZUM STARTEN HIER KLICKEN - ein freudiges Kribbeln erfasste ihn. Da krampfte sein Magen erneut zusammen, als buhle er um Jamies Beachtung.


Die dreidimensionale Animation eines Menschen erschien vor dem Bildschirm. Jamie wählte das Geschlecht sowie die Klasse seines Spielers aus. Er hielt nicht viel von Magiern, in solchen RPGs spielte er stets einen Krieger. Mit Hilfe des Mauszeigers drehte er die Figur, zog den Körper in die Länge und verpasste ihm locker fünfzig Kilogramm Muskelmasse. Letzten Endes war sein Spieler Aven zwei Meter groß, kräftig und besaß als Skills Schwertkampf, Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit.


All das, was Jamie nie vorweisen würde können.


„In der ersten Stadt muss ich mir dringend neue Kleidung besorgen“, scherzte er. „Warum tragen diese Anfangsmodelle immer so viel Stoff wie He-Man?“


Auf jeden Fall funktionierte die 3D-Brille genial gut. Jetzt musste er nur noch die Einstellungen bestätigen und seine Reise würde ...


„Jamie“, flüsterte eine Mädchenstimme. Habe ich gerade meinen richtigen Namen gehört? Er war sich hundertprozentig sicher, seine Figur ‚Aven‘ genannt zu haben. So hieß er in Spielen immer. Vermutlich liest das Programm meinen Namen aus den Cookies.


Die Startsequenz des RPGs löste sich automatisch aus. Jamie starrte auf einen dunklen Nachthimmel, in dessen Zentrum ein blauweißer Stern aufblinkte.


„Oh, Jamie.“


Das sieht total realistisch aus. Das Leuchten blendete ihn für einen Moment, dann setzte ein rauschender Farbwechsel ein. Graue und weiße Schlieren zogen über den Monitor, als würde man mit rasender Geschwindigkeit zu Boden stürzen.


„Ich habe so lange auf dich gewartet.“


Ohne Vorwarnung umschlangen ihn zwei Arme. Oder besser, Jamie hatte das Gefühl, dass sich jemand an ihn schmiegte, ihn mit einer angenehmen Wärme einhüllte. Dabei sah er nur vorbei rauschenden Sternenhimmel auf seinem Bildschirm.


Er blickte sich um. Sein Schreibtisch, der rote Eimer, im Hintergrund das zerwühlte Bett. Plötzlich trafen ihn feine Regentropfen wie Nadelstiche auf der Haut, Wind zupfte an seiner Kleidung. Jamie hatte bereits im Internet gelesen, dass das Spiel unglaublich realitätsnah sein sollte, aber das übertraf all seine Erwartungen.


Da hallte ein Kichern durch sein Zimmer, drang nicht nur aus den Lautsprechern, sondern gleichzeitig von überall her.


„Sei gegrüßt, mein Wanderer. Möge deine Reise beginnen“, wisperte die Stimme. Es klang wie das Säuseln von Laub im Wind.


„Wer bist du?“, fragte Jamie. Auf dem Bildschirm wechselten die Farben, im Wind wiegende, leicht verwischende Baumkronen rückten in den Fokus. Erneut krampfte sein Magen und ein Sog erfasste Jamie, als zerre die Schwerkraft ihn Richtung Erdboden.


„Wir bauen auf deine Rettung, denn unser Schicksal hängt von dir ab. Ein dunkles Unheil überflutet unsere Welt und reißt alles mit sich, Jamie.“ Trotz der seltsamen Effekte faszinierte ihn die Videosequenz. Obwohl von einem Wanderer nichts auf der Packung gestanden hatte. „Alles ist, wie es nie war. Oben ist unten. Arm ist reich. Gemeinsames wird brechen und falsch wird richtig sein“, prophezeite die Stimme.


Die Baumwipfel zoomten immer näher heran, Jamie konnte bereits einen dunklen Waldboden erkennen. Er durchbrach das Blätterdach, verspürte ein Brennen, Schnitte an den Armen, als fiele er tatsächlich hinab, Zweige und Äste mit sich reißend.


„Sei die Veränderung, die du dir selbst wünschst, mein Wanderer.“


Er wollte nach der 3D-Brille greifen, doch dann wurde ihm schwarz vor Augen.


 


 


 


Manche Leute behaupten, die Bewohner einer Stadt füllen diese erst mit Leben und machen sie dadurch einzigartig. Wiederum andere behaupten, eine Stadt zeichne sich durch seine Bauten aus. Der Anblick von Stuck und Pflastersteinen sei unvergleichlich. Das Gefühl, das einen beim Schlendern in den Straßen überkommt - einmalig. Grumdir gab darauf nichts. Bald ein halbes Jahrtausend existierte bereits Briall. In dieser Zeit waren die Gründer fortgezogen, etliche Generationen gestorben und manch ein Bewohner auf unerklärliche Weise verschwunden. Die Bauten der einzelnen Ebenen wurden niedergerissen, durch neuere, komfortablere Gebäude ersetzt. Manche wurden sich selbst überlassen, andere sahen unverändert aus, nur haftete der Dreck von fünfhundert Jahren an ihren Fassaden. Ein ständiger Wandel erfasste Briall, die Pumpen, die Lastenzüge, die Menschen. Alles befand sich zu jeder Zeit in Bewegung.


Das Einzige, auf das Grumdir sich verließ, blieb der Geruch. Der Vorplatz des königlichen Palastes war der einzige Ort, an dem eine frische Brise aus den umliegenden Wäldern herüber wehte. In den Ebenen der Aristokraten und der gehobenen Beamten lagerte sich stets kräftiges Parfüm in den Straßen ab. Sowie der Geruch von altem Papier, mit einer Note Wachs, das für die offiziellen Siegel gebraucht wurde oder von den Kerzen der Amtstuben und Empfangshallen ausströmte. Je tiefer es Grumdir in die Ebenen verschlug, je näher er dem Kern der Stadt kam, desto intensiver wurde das Leben. Der stechende Geruch von Schweiß, von Männern, die Tag und Nacht schufteten, sowie von schalem Bier, gepanscht mit den Alkoholresten der Wirtshäuser, zeigte ihm den Weg nach Hause. Vor allem der des Bieres. Als Junge waren ihm die Ausdünstungen allzu oft zu Kopf gestiegen. Wenn diese Kombination in seine Nase drang und sich schwer auf die Zunge legte, fühlte er sich heimisch.


Grumdir lebte seit gut fünfundzwanzig Jahren nicht mehr in der Hauptstadt, aber das feine Netz aus Gerüchen würde er nie vergessen. Es führte ihn sicherer, als Karten es je gekonnt hätten. Auf seinem derzeitigen Weg durch die Versorgungsschächte verzichtete er sogar auf eine Lampe. Das lag auch daran, dass er seit Kindesbeinen seinen Vater durch diese begleitet hatte. Die Kratzer auf der Dreckschicht einer Wasserleitung, das Glänzen neuer Kupferrohre, das sanfte Schimmern der Glühstäbe der Schachtarbeiter in der Ferne. Wer jene Geheimschrift zu lesen vermochte, der bewegte sich ungesehen durch die Stadt. Er schätzte es, einer dieser wenigen zu sein, obwohl Briall ihn längst nicht mehr zu schätzen wusste.


Grumdir duckte sich unter einem Rohr hindurch, schwang ein Bein über das nächste, das hüfthoch seinen Weg kreuzte und zog zwei Schritte später den Kopf ein, um sich nicht zu stoßen.


„Grumdir.“


Zunächst gab er nichts auf das Raunen, nur eine alte Erinnerung stieg in ihm auf, nichts, was Wirklichkeit entsprach. Sicheren Schrittes folgte er dem Labyrinth aus Rohren, Leitungen und Abwasserpfützen. Warum soll sie gerade hier auftauchen? Warum gerade jetzt? Nein, dies war nur ein rührseliger Anfall von Nostalgie, hervorgerufen durch den kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt. Wie so oft hatte Grumdir überlegt, ob er an der Versammlung teilnehmen oder endlich mit der Vergangenheit abschließen sollte. Dennoch folgte er dem Weg weiter in die Tiefe.


„Grumdir.“


Interessant, dass das Rumpeln und Rauschen der Leitungen ihn an diese Stimme erinnerte. Dabei war sein Zuhause noch zu weit entfernt, als dass die Dämpfe ihn in einen Rausch versetzen konnten. Außerdem war er gute dreißig Jahre zu alt, heute trank ihn keiner mehr unter den Tisch.


„Grumdir!“


Überrascht hielt er inne. Im Gang, der neben ihm abzweigte, glomm ein sanftes Licht. Keine Lampe, keine Kerze, nichts ähnelte diesem Schein … Sofort folgte Grumdir dem Leuchten, sprang über Rohre hinweg und eilte in eine nachtschwarze Sackgasse. Habe ich mich geirrt?, fragte er sich, da glomm der Lichtschein erneut auf. Wie ein vom Himmel gelöster Stern schwirrte eine Kugel durch die Luft und tauchte die Rohre in weißblaues Gleißen.


„Ich hätte nicht gedacht, dich noch einmal wiederzusehen. Du hast so lange nichts von dir hören lassen.“


Respektvoll ging Grumdir auf ein Knie nieder.


 


 


 


Kalter Schweiß tropfte Jamie von der Stirn und lief kitzelnd seinen Arm hinunter, der ihm als behelfsmäßiges Kissen diente. Sein Puls raste, ein Stechen hämmerte hinter seinen Schläfen.


„Bitte“, stöhnte Jamie, „lass mich nicht mit heruntergelassener Hose auf dem Klo umgekippt sein!“ Die freie Hand wanderte zu seinem Kopf, als wollte er schützen. Bestimmt hatte ihn längst jemand gefunden. Jeden Moment würden die dummen Sprüche seiner Mitschüler auf ihn niederprasseln. Oder sie würden gar ein Video davon mit dem Handy drehen. Das Gelächter blieb jedoch aus, also tastete Jamie mit den Fingern über seinen Rücken und fand den Jeansbund. „Puh“, seufzte er erleichtert. Der Arm glitt zu Boden und traf auf etwas Weiches, Nasses, dabei hatte er mit den Kacheln der Jungentoilette gerechnet.


Zum ersten Mal sog Jamie bewusst die Luft ein.


Der wohlige Geruch von feuchter Erde und Laub stieg ihm in die Nase. Wie ist das …? Langsam setzte er sich auf und entdeckte statt der mit Kritzeleien beschmierten Kabinentür eine Wand aus Dunkelheit. Auch mehrmaliges Blinzeln änderte nichts an der Szenerie. Dafür drang eine Vielzahl Geräusche auf ihn ein, mehr als ihm lieb war, mehr als es in einer Schultoilette geben sollte. Blätter rauschten im Wind, morsche Äste knackten, durchschnitten vom leisen Flügelschlag eines Vogels und untermalt vom gleichmäßigen Plätschern des Regens. Tropfen trafen hell auf Blätter, pling, pling, pling, landeten dumpf auf dem Boden, plang, plang und versickerten im Erdreich. Ein einzelner suchte sich Jamies Hinterkopf aus und rann ihm eiskalt den Nacken herunter. Das brachte Jamie wieder zur Besinnung. In einer Toilette regnet es nicht. Ich bin in keiner Toilette, ich war bereits zuhause.


Eine Erinnerung, die am Rande seines Bewusstseins gewartet hatte, trat hervor. Jamie fasste sich an die Nase. „Wo ist die Brille hin?“


Er tastete nach der hinteren Tasche seiner Jeans, schließlich bewahrte er dort das Feuerzeug auf, das sein Vater ihm als Glücksbringer geschenkt hatte. Bevor er morgens das Haus verließ, steckte er es ein. „Habe immer ein Licht, um dunkle Pfade zu erhellen“, hatte sein Vater ihm einst geraten.


Die Flamme kämpfte unerbittlich gegen die Finsternis an. Ihr orangeroter Schein umschloss Jamie wie eine enge Kugel.


„Das ist nicht möglich“, flüsterte er.


Zwischen braunen, regennassen Blättern, alten Tannennadeln und moosbewachsener Erde wirkte seine helle, fast bleiche Hand wie ein Fremdkörper. Wie eine Insel, die aus dem Meer heraus stach.


In allen Richtungen erwartete ihn Wildnis, Wildnis, verfluchte Wildnis! Eine Armlänge entfernt wuchsen schmale Bäume, ragten mehrere Meter hoch in den Himmel und umringten ihn wie die Gitterstäbe einer Zelle. Jamie hob sein Feuerzeug und folgte den Stämmen mit den Augen. Sein Blick heftete sich an die Verästelungen, die Blätter und schließlich die bläulichen Lichtflecken, die in den Baumkronen schimmerten.


Wo bin ich hier?, schoss es Jamie durch den Kopf. Was ist passiert? Er trug immer noch die gleiche Kleidung, nur die 3D-Brille war verschwunden. Dafür lag der rote Plastikeimer neben ihm im Laub. Im Video raste etwas gen Waldboden ... bin ich im Spiel? Seine Gedanken überschlugen sich. Mir war schwindelig. Vielleicht hat die Brille Nebenwirkungen ausgelöst, ja deswegen bin ich umgekippt und träume mir das hier zusammen ...


Sein Bauch rumorte erneut. Jamie verkrampfte, als ein Stechen durch seine Eingeweide zog, und klappte sein Feuerzeug zu. Zunächst musste er herausfinden, was genau passiert und wo er hier gelandet war. Rasch nahm er ein paar Sträucher auf der hinteren Seite der Lichtung unter die Lupe. „Was soll das denn?“, rief er frustriert und riss einen Zweig ab. Im schwachen Mondlicht konnte er sich nicht sicher sein, aber rötliche Adern durchzogen die dunklen Blätter und aus dem Schaft lief eine zähe Flüssigkeit auf seine Finger. Ohne groß nachzudenken, leckte Jamie die Tropfen ab, spuckte sie jedoch gleich wieder aus. Das Zeug schmeckte scharf!


„Eben war ich noch zuhause“, überlegte er. „Ich weiß, ich habe Olive Richtung Toilette rennen sehen, sie hatte auch Magenschmerzen. Vielleicht ist das Mittagessen schlecht gewesen. Kann eine Lebensmittelvergiftung so schnell Halluzinationen hervorrufen? In Kombination mit der 3D-Brille? Träume ich also, ich wäre im Spiel?“ Wie Jamie die Situation drehte, die möglichen Erklärungen gefielen ihm immer weniger. Entweder endete er vergiftet im Krankenhaus oder seine Familie fand ihn erst in ein paar Stunden ohnmächtig in seinem Zimmer.


Doch warum ein Wald? Hätte er sich nicht etwas Ausgefalleneres vorstellen können? Oder hatte sein Unterbewusstsein die Führung übernommen? RPGs begannen oft mitten im Nichts oder in der Heimatstadt des Helden. Und wie ging es Olive? Ob sie sich auch eine Lebensmittelvergiftung eingefangen hatte?


Jamie schloss für einen Moment die Augen und stoppte so den Gedankenfluss.


„Folge dem Weg nach Westen“, wisperte die Stimme erneut. „Dort wirst du deinen Knappen finden, der dich auf deiner Reise begleiten wird.“


„Du schon wieder!“, rief Jamie. „Also bin ich doch im Spiel.“


Stille erfüllte die Lichtung, nur die Regentropfen plätscherten friedlich.


„Wo ist Westen?“ Jamie schüttelte den Kopf. Er litt unter einer Halluzination, warum fragte er überhaupt nach?


Sanft zog eine unsichtbare Kraft ihm das Feuerzeug aus den Fingern und Jamie sah erstaunt zu, wie es sich mitten in der Luft aufklappte und eine kleine Flamme erschien. Das Metallgehäuse erzitterte, als bedeutete das Schweben eine enorme Anstrengung. „Schau hier, die roten Beeren“, hauchte das Mädchen. Jamie folgte der Bewegung, bis das Feuerzeug zuschnappte und vor einem Busch zu Boden fiel. „Immer in diese Richtung.“


„Wie machst du das? Und was soll ich hier?“ Erneut erhielt er keine Antwort. „Es wäre ja auch zu einfach, wenn man sich klar ausdrücken würde“, spottete Jamie aufgebracht. „Gehe nach Westen, da wartet die Dunkelheit, um alles zu überfluten! Verdammt, man wird doch nicht einfach in ein RPG hineingezogen ... oder?“ Er fuhr sich über die Wangen, doch von der 3D-Brille fehlte weiterhin jede Spur.


„Du …“, die Stimme erklang so leise, Jamie konnte sie kaum noch verstehen, „... du weißt es nicht?“ Die Verwunderung darin ließ sich jedoch nicht leugnen.


„Was soll ich wissen?“ Jamie stopfte das Feuerzeug in seine Hosentasche. „Du hast damit angefangen, sag du es mir!“


Einbildung hin oder her, das Mädchen antwortete nicht.


Jamie fixierte die roten Beeren. Wie ein Wegweiser stachen sie aus dem Blaugrau der Nacht hervor. Wenn er es sich recht überlegte, war dieser Wald viel besser, als mit Magenschmerzen im Bett zu liegen. „Ich kann mich genauso gut ein wenig umsehen. Es ist ja nur ein Traum.“


Nie war in seinem Leben etwas Außergewöhnliches passiert, daher bezweifelte Jamie, dass gerade er ein Auserwählter sein sollte, den es in eine Computerspielwelt verschlug.


 


 


 


„Was führt dich zu mir, alte Hexe?“, wollte Grumdir wissen.


Die Lichtkugel formte sich zu einem Spalt, der wie eine Naht vor seinen Augen aufriss, länger und länger wurde, bis aus einer Pforte eine Greisin heraustrat. Runzeln durchzogen ihre Haut, doch die eisblauen Augen hielten ihn fest im Blick. Die Jahre waren zwar vorübergezogen, aber weder Entschlossenheit noch Enthusiasmus daraus gewichen.


Ihre weißen Haare ergossen sich in den Lichtstrahlen und Grumdir senkte kurz den Kopf, so blendend war ihre Gestalt. „Du siehst genauso aus wie vor fünfundzwanzig Jahren, alte Frau.“ Sogar ihr Gewand schien das gleiche zu sein.


„Nun“, sie lachte leise, „du nicht, mein lieber Grumdir. Sicherlich fragst du dich, weshalb ich dich nun aufsuche, alter Mann.“


Er nickte.


Die Greisin zeigte ihm ein Lächeln, eines der echten, warmherzigen Sorte, das einem Mann ein Prickeln den Rücken hochjagte. „Es ist Zeit, dein Versprechen zu erfüllen.“


Grumdir blinzelte nervös, im ersten Moment wirbelten seine Gedanken durcheinander. „Wie kann das sein?“, fragte er zurück. „Es ist so lange her, ich …“


„Nur weil ein Versprechen in Vergessenheit gerät, muss es nicht erfüllt werden?“, erwiderte sie scharf.


„Nein, so meinte ich das nicht.“


Sie machte einen Schritt auf ihn zu und tätschelte ihm sanft die Wange. Eine angenehme Wärme blieb zurück. „Ich weiß, wie du es meintest. Sieh es mir nach, wenn ich auf meine alten Tage zu Scherzen aufgelegt bin. Dennoch habe ich dich aus einem anderen Grund aufgesucht, Grumdir. Bist du bereit, mir einen weiteren Dienst zu leisten?“


„Stets zu deinen Diensten.“ Er griff auf den Eid zurück, den er einst dem König geschworen hatte. Damals hätte er nie vermutet, dass er dieser Alten eines Tages mehr Loyalität zusprechen würde als dem obersten Mann im Land.


„Höre auf meine Worte, Grumdir, hör gut hin.“


Und Grumdir lauschte. Tief im Innern Brialls, zwischen gurgelnden Leitungen und dem Tropfen eines undichten Rohres hörte er die wichtigsten Worte der letzten fünfundzwanzig Jahre.


 


 


 


Wenn er gewusst hätte, was für ein Fußmarsch ihm bevorstand, hätte er sich für andere Kleidung entschieden. Oder zumindest praktischere Schuhe gewählt, wie die Wanderstiefel, die sein Vater ihm zwar geschenkt, Jamie jedoch kaum getragen hatte.


„Sekunde, das ist mein Traum.“ Er hielt im Laufen inne und starrte auf seine Turnschuhe. „Wanderstiefel, Wanderstiefel, Wanderstiefel“, beschwor er und dachte so fest wie möglich an das Paar im Schrank. Die Schuhe an seinen Füßen blieben die gleichen. Schlamm bespritzt, voller Blätter und durchweicht. „Wäre ja zu einfach“, murrte Jamie und setzte den Weg fort. „Also doch ein Spiel.“


Der Wald wollte kein Ende nehmen und so lenkte er sich damit ab, ob er nun träumte oder er tatsächlich ins Spiel hineingezogen worden war. Jamie arbeitete sich von einem Lichtflecken zum nächsten vor, welche hier und da durch die Baumkronen brachen. Der restliche Wald verschwand hinter unscharfen Konturen, grauen Ecken und Kanten, vor dunkelgrauem Nichts und schwarzen Bäumen. Feiner Dunst sammelte sich am Waldboden, sodass Jamie regelmäßig stolperte. Bald klagte er nicht nur über nasse Füße, sondern auch über Kratzer sowie einen Riss in der Hose. Und vom Klettern über umgestürzte Baumstämme hatte er jetzt schon die Nase voll.


Auf einer kleinen Lichtung hielt Jamie inne. Sein Versuch, sich zu orientieren, endete in einer weiteren Überraschung: Am Himmel prangten zwei Monde, wovon der kleinere bläulich leuchtete.


„Und wie soll mir das weiterhelfen?“, keuchte Jamie, ohne mit einer Antwort zu rechnen. „Nur weil man in Spielen die ersten Level immer endlose Wege ablaufen muss, blüht mir das Gleiche? Bitte ein Reittier-Upgrade, Traum. Ich nehm auch einen Teleportationsstein.“


Kaum schlug er sich wieder durch die Wildnis, drang ein Rascheln an seine Ohren. Erst dachte er sich nichts weiter dabei, er trampelte eh wie eine aufgescheuchte Herde. Knackende Zweige und knisternde Blätter begleiteten jeden seiner Schritte, als er jedoch einen Moment erschöpft innehielt, raschelte es erneut. Jamie drehte den Kopf langsam in die Richtung, aus der das Tier heranschlich. So, wie sein Vater es ihm früher gezeigt hatte. Ein Busch zitterte verdächtig im sonst windstillen Wald und Jamie entspannte sich. Nur die untersten Zweige bewegten sich, was dort lauerte, war nicht sonderlich groß.


Er tastete seine Hosentaschen nach etwas Essbarem ab. Eigentlich hatte er immer Kekse oder Schokoriegel dabei, wenn er eine Klausur schreiben musste. Bevor er allerdings fündig wurde, kam das Tier vollständig zum Vorschein.


Jamie traute kaum seinen Augen.


„Immerhin bist du kein Wolf“, schmunzelte er und ging in die Hocke. Der Körper war schlauchförmig wie der eines Marders, endete aber in einer typischen Fuchsschnauze mit Spitznase, die über den Boden schnüffelte. Es wirkte auf Jamie wie ein mittelgroßer Hund, dennoch ließ die Fellfarbe ihn am meisten staunen. Es glänzte nicht in einem kräftigen Orange- bis Rotton, sondern in einem hellen Violett. Lavendel, kam es Jamie in den Sinn. Die Farbe erinnerte ihn an die Blumen, die seine Mutter im Garten heranzog.


„Na, mein Kleiner“, grüßte er und sofort zuckten die Ohren des Tieres. Schwarze Knopfaugen richteten sich auf ihn, während die postkartengroßen Ohren zuckten, als würden sie unzählige Geräusche wahrnehmen.


Vorsichtig streckte Jamie ihm einige Kekskrümel hin. Der Fuchs tapste auf und ab, bevor er in geduckter Haltung voran schlich. Jamie stockte der Atem. Der Schweif spaltete sich in zwei buschige Schweife ab, wobei der zweite in einem Stummel endete, als wäre dieser abgerissen.


Das Tier schnüffelte zaghaft an der dargebotenen Hand. „Ich hoffe, die schmecken dir, obwohl sie schon etwas älter sind.“ Jamie schlug sich die andere Hand vor den Kopf. Woher sollte dieser Fuchs wissen, was ein frischer oder altbackener Keks war?


Vor seiner schnellen Bewegung zurückzuckend versteckte sich das Tier sofort unter dem nächstbesten Busch.


„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Vergessen waren der feuchte Dunst und die Dunkelheit, die überall im Wald auf ihn lauerten. Jamie legte sich auf den Boden. Auch dies hatte ihm sein Vater beigebracht: „Um einem Tier seine Furcht zu nehmen, darfst du keine Gefahr darstellen, Junge.“ Jamie hatte sich so viele dieser Regeln eingetrichtert, doch den versprochenen Hund hatte es nie gegeben.


„Ich tue dir nichts. Ehrlich. Und die Kekse schmecken bestimmt gut.“ Jamie steckte sich zum Beweis ein paar Krümel in den Mund, verzog beim Geschmack dennoch das Gesicht. Sie waren deutlich älter, als er vermutet hatte. Langsam wagte sich der Fuchs wieder aus dem Strauch heraus. Die glänzenden Augen suchten noch einmal Jamies Blick, bevor eine gespaltene Zunge über die dargebotene Handfläche schnellte.


Jamie verkniff sich ein Glucksen, denn das Ablecken kitzelte. „Du bist ganz schön hungrig“, flüsterte er. Die Ohren zuckten, aber das Fuchswesen widmete sich den Krümeln. Und irgendwie bist du niedlich.


In direkter Nähe fiel Jamie nicht nur der verstümmelte Schweif auf, sondern auch unzählige Bissspuren und blutige Kratzer zierten das Fell. Sofort spannte er sich an. Irgendetwas Gefährliches hauste wohl in diesem Wald.


Auffordernd blickte das Fuchswesen hoch. „Tut mir leid, das war alles.“ Sachte strich Jamie ihm übers Fell. „Was hat dich nur so verletzt?“ Wie zur Antwort schaute es in die Richtung, aus der es gekommen war. Jamie konnte nichts Verdächtiges hören, aber die Fuchsohren zuckten wieder wild umher.


„Dann sollten wir mal weiter, ehe dein Angreifer uns findet.“ Doch der Fuchs rieb wie zum Dank seinen Kopf an Jamies Wange und huschte ins Unterholz. „Was habe ich erwartet?“, fragte er sich, während er ihm nachsah. „Ich zähme dich mit einem alten Keks? Hätte ich mit einem Pokéball auf dich werfen sollen?“


Da streckte das Wesen seinen lavendelfarbenen Kopf aus einem Busch heraus, als wollte es sagen: „Worauf wartest du?“


Unbehagen kroch Jamie mit einer Gänsehaut über die Arme. Er kannte genug Horrorfilme, um zu wissen, dass diese Stille, die sich nun über den Wald legte, keines natürlichen Ursprungs war. Ich sollte so schnell wie möglich verschwinden. Trotz der nächtlichen Stunde sollten Eulen rufen, Mäuse und andere Nager über den Boden huschen, Dachse umherstreifen. Jamie hörte jedoch einzig und allein das Knacken unter seinen ungeschickten Füßen. Halt! Da war noch etwas ... Schritte? Er hielt inne und lauschte eine Weile auf seinen unruhigen Atem, fühlte sich jetzt schon ziemlich ausgelaugt. Wieder eilten Schritte über den Waldboden, dieses Mal hatte er es genau gehört.


Jamie schlug das Herz bis zum Hals.


„Kleines Fuchswesen?“, fragte er in die Stille hinein, obwohl er es besser wusste. Es erschien nicht an seiner Seite, dafür verstummten die fremden Schritte. Verdammt, fluchte Jamie in Gedanken. Nun habe ich meine Position verraten.


Er war weder sportlich noch ein überragender Sprinter - falls er gejagt wurde, stand ihm ein Querfeldeinsprint durch unebenes und vor allem unbekanntes Gelände bevor.


Jamie ging ein paar Schritte rückwärts und behielt die umliegenden Bäume im Blick. Er stolperte, verlor das Gleichgewicht und landete im nächsten Busch. Zweige und Dornen stachen ihm in den Rücken. „Mist“, murmelte er. „Ich lande auch ohne Hilfe ständig im Grünen.“ Scherze bildeten schon immer seinen letzten Strohhalm, wenn eine Situation ihn überforderte. Tief in seinem Innern keimte der Drang auf, zu fliehen, und je länger er in diesem Busch lag, desto stärker kribbelte jede Faser in ihm. Als würde eine Stimme „Lauf! Los, lauf schon!“ brüllen.


Es raschelte zu seiner Linken und Jamie zuckte zusammen. Zwischen den Bäumen tauchte für einen Sekundenbruchteil ein Schatten auf. Ein Schatten, der wie schwarze Haare aussah. Schwarze Haare, die beim Laufen wie eine Fahne im Wind flatterten. Jamie schauderte. In Horrorfilmen waren Mädchen mit schwarzen Haaren oft die schlimmsten.


„Hey, hast du eben mit mir gesprochen?“, rief er unsicher. „Warum gibst du mir so seltsame Anweisungen, wenn du mir folgst? Dann kannst du mir auch den Weg zeigen.“


Außer ich bin in eine Falle geraten, schoss es Jamie durch den Kopf. Quatsch, beruhigte er sich sogleich. Das ist die Off-Stimme in meinem Game, die mich bis in diesen Traum verfolgt.


Zu seiner Rechten raschelte es erneut - etwas kreiste ihn ein. So schnell konnte kein Mensch laufen.


Jetzt lauf schon!, kreischte die Intuition und Jamie richtete sich mit einem Ruck auf. Die Dornen schnitten ihm in die Handflächen, rissen an seinem T-Shirt, ungeachtet dessen zögerte er keinen Moment länger. Getrieben von Angst rannte Jamie so schnell, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Wenn sein Sportlehrer ihn so sehen könnte, er würde es nicht glauben. Er sprang über kleine Felsen, die im Waldboden aufragten, prallte an Bäumen ab, bevor er gegen diese krachte, und stürmte im Zickzack zwischen den Stämmen hindurch.


Wenn er wirklich verfolgt wurde, würde die Jagd nun beginnen.


Ein Stechen bohrte sich in seine Seite und Jamie keuchte bei jeder Bewegung. „Nur noch ein bisschen“, sprach er sich selbst Mut zu. Seine Beine wollten unter der Anstrengung nachgeben, da entdeckte Jamie den erlösenden Waldrand. Endlich! Das Ziel war in Reichweite, dort gab es bestimmt Hilfe.


„Zehn … acht“, zählte er die Schritte runter, die er noch schaffen musste. Jamie drehte sich nicht um, hielt nicht nach eventuellen Verfolgern Ausschau, sondern konzentrierte sich ausschließlich auf den hellen Streifen Mondlicht direkt vor ihm. Stolpernd hastete er auf eine Wiese, die an den unheimlichen Wald angrenzte. Grashalme und Wildblumen reichten ihm bis ans Knie, aber er walzte sie einfach nieder. Erst dahinter, inmitten eines Ackers, stürzte Jamie mit den Knien voran zwischen grüne Stauden. Dennoch gönnte er sich keine Pause, blickte sich atemlos um. Bis auf seine eigenen Spuren machte Jamie nichts Verräterisches aus.


„Ha!“ Er streckte wie bei einem Sieg die Faust zum Himmel. „Ich wusste es! Das Böse verlässt nie den dunklen Wald. Anscheinend habe ich es in eine friedliche Zone geschafft.“


Trotzdem wartete er zur Sicherheit ab. Der Wald erstreckte sich zu beiden Seiten bis zum Horizont, Jamie konnte im Dunkeln keine Schneisen oder Straßen erkennen. Dafür ragte in der Ferne ein gewaltiges Bergmassiv auf. Steile Hänge und eine schneebedeckte Kuppel durchstachen die Dunkelheit.


Die knolligen Stauden, zwischen denen Jamie hockte, verdeckten ihn kaum, daher eilte er gebückt weiter. Dieser Acker war bestellt worden, also mussten hier irgendwo Menschen leben. Hoffentlich. Längst hatte er aufgehört, sich Richtung Westen zu halten. Wo auch immer das liegt.


Weit und breit entdeckte er nur ein Haus, aber eines reichte bereits. Jamie scheute eher Menschenmassen, in diesem Moment wünschte er sich dennoch, in einer dicht besiedelten Stadt mit dicken, festen Mauern zu sein. Immerhin wallte ein dünner Rauchfaden aus dem Abzug, das Haus war also bewohnt. Vielleicht könnten die Bewohner seine Fragen beantworten.


Ein Klicken und Kratzen, als wenn etwas Scharfes über Stein reibt oder zwei Messer aneinander schlagen, riss Jamie aus seinen Gedanken. Er ging ein paar Schritte weiter und, ritsch-klack, ritsch-klack, das Geräusch folgte ihm. Milchig-weiße Augen stachen plötzlich zwischen den Ackerpflanzen hervor. Sie waren nicht paarweise angeordnet, bei jedem Wesen bildeten vier oder sechs davon einen Haufen und zuckten in unterschiedliche Richtungen.


Jamie wusste nicht, ob er ausharren, rennen oder beten sollte, dass ihn jemand aus dem Albtraum aufwecke. Schwarze Schemen trippelten über den matschigen Boden, ritsch-klack, ritsch-klack, stießen gegen das Wesen neben sich. Fast taumelten sie, ein wenig unbeholfen in ihren Bewegungen, aber sie hielten alle auf ihr Ziel zu: auf Jamie.


Sein Vater hatte ihn und seine beiden Schwestern auf Waldspaziergänge mitgenommen, sobald sie laufen konnten. So fürchtete er weder Spinnen noch andere Krabbeltiere, obwohl es widerlich war, in ein Spinnennetz zu laufen. Wenn die Fäden ihm im Gesicht und an der Kleidung klebten, allein der Gedanke schüttelte Jamie. Die drei Exemplare, die ihn verfolgten, waren keinesfalls vergleichbar mit den ihm bekannten Spinnen. Die pechschwarzen Beine, so lang wie sein Unterarm, wirkten auf Jamie eher wie acht Sicheln, zusätzlich mit kleinen Widerhaken ausgestattet. Jamie machte einen Schritt rückwärts, strauchelte und landete im matschigen Acker. Die drei Spinnen, so groß wie Terrier, schlossen weiter auf. Wenn Jamie zurückwich, legten sie die doppelte Strecke zurück. Was nun? Die vorderste Spinne stellte sich zur Warnung auf die Hinterbeine und die Ablenkung nutzten die beiden anderen, um hervorzuschnellen. Jamie wollte zur Seite rollen, aber die Spinnen krabbelten über ihn hinweg. Die Bewegungen stachen und schnitten ihm ins Fleisch, Jamie schrie schmerzerfüllt auf. Warmes Blut sickerte durch den Stoff seiner Jeans, während es um ihn klickte und klackerte. Die letzte Spinne ließ sich auf seinem Brustkorb nieder, ihre Beine bohrten sich wie Spritzen in seine Haut. Ein Dutzend milchiger Augen starrte ihm entgegen. Was ist das für ein erster Gegner! Ich hab doch noch gar kein Tutorial absolviert. Wach auf, wach auf!, brüllte er in Gedanken. Die anderen beiden sponnen bereits die ersten Fäden. Das ist nur ein Traum! Warum wache ich nicht auf? Dann erkannte er, dass ihm niemand helfen würde - nur er selbst.


Blindlings trat Jamie nach den Monsterspinnen und schlug auf die dritte, die auf seiner Brust saß. Das Geräusch reißender Fäden erfüllte ihn mit Zuversicht und ehe er sich versah, stürmte er erneut durch die Ackerpflanzen. Hinter ihm raschelte es bedrohlich. Nicht umdrehen!, dann würde er nur verlangsamen. Dann würden die Monster ihn erwischen. Jamie richtete den Blick starr auf das Bauernhaus und ignorierte das Brennen in seinen Waden.


Wenn ich es nicht schaffe, sterbe ich, dachte Jamie wieder und wieder. Mit so einer Motivation hätte er sich im Sportunterricht bestimmt mehr angestrengt.


„Hey!“, brüllte er und sprang im Laufen über den niedrigen Holzzaun, der das Bauernhaus umsäumte. „Ich werde verfolgt! Hilfe!“


Stille.


Jamie hämmerte gegen die Tür, die daraufhin nach innen aufschwang. In der Dunkelheit dahinter glommen die letzten Holzscheite einer Feuerstelle, sonst konnte er niemanden entdecken. Ich brauche eine Bauernfamilie. Er konnte nicht der einzige weit und breit sein. Irgendwer muss mir doch erklären, was hier vor sich geht ...


„Ich werde nicht draufgehen, weil das blöde Tutorial nicht startet!“ Wärme umfing ihn, als er ins Haus hechtete. Jamie schmetterte die Tür hinter sich zu und tastete im Halbdunkel nach etwas, womit er sie verbarrikadieren konnte. Das Erdgeschoss wies keine Fenster auf, den Spinnen blieb nur diese Öffnung. Gerade wollte Jamie nach einem Besen greifen, der als Riegel dienen sollte, da zerschnitt eine Stimme die trügerische Ruhe: „Was hast du hier zu suchen?“


Jamie sah noch, wie eine Holzlatte auf sein Gesicht zuraste, dann verlor er erneut das Bewusstsein.


 


 


 


Grumdir nahm auf der hintersten Bank des Versammlungsraumes Platz und zog den Kragen seines Mantels höher. Er rechnete nicht damit, dass ihn jemand erkannte, dennoch ging er kein unnötiges Risiko ein. Er war nur hier, um Neuigkeiten über seine Heimat in Erfahrung zu bringen.


In diesem ehemaligen Lagerraum im hintersten Winkel von Ebene fünf roch es nach Moder und Verfall, genau der richtige Ort, um die Geschicke dieser kränkelnden Stadt zu besprechen. Stühle, Bänke, sogar einige Sitzpilze umgaben eine Holzkiste, die das behelfsmäßige Podium darstellte. Die Anwesenden stammten aus der Nachbarschaft. Schmutzig und stinkend, einige Männer schienen direkt von ihren Schichten im Hafen oder den Handwerksvierteln hergeeilt zu sein.


Doch Grumdir entdeckte ebenso einige Frauen, eine stillte noch ihren Säugling, während die Versammlung begann.


Grumdir folgte der Begrüßung und den ersten Minuten teilnahmslos. Was hatte sich im letzten Monat im Viertel getan? Diebstähle, ein Brand, mehrere Geburten – die stillende Mutter wurde rot vor Verlegenheit, als man ihrer Kleinen alles Gute wünschte.


Er versuchte, seine Gedanken beisammen zu halten, sich auf die Redner zu konzentrieren, die nun Beschwerden und Anregungen vortragen würden.


„Der König ist schon wieder krank.“ Ein in Lumpen gekleideter Greis kletterte ächzend auf die Kiste. Die Zähne schwarz und das Gesicht durch eine Narbe entstellt, trotzdem nahm er die starre Haltung eines Soldaten an.


„Er ist ein Kind“, sprach eine mütterlich klingende Frau. „Kinder werden ständig krank.“


„Dennoch kann er nicht drei Jahre in Folge bei der Frühjahrsparade mit Abwesenheit glänzen. Kind hin oder her, es ist seine Pflicht. Wenn der König sich nicht daran hält, was für ein Beispiel ist er uns allen? Ein schlechtes, sage ich, ein schlechtes.“


Ich hätte wie dieser Veteran sein können, kam es Grumdir in den Sinn. Ohne diesen einen Fehler. Seine Hand umfasste den Schwertgriff, den er unter dem Mantel verbarg, und strich unruhig über den Knauf. Die Worte der alten Hexe wirbelten durch seinen Kopf, er wollte sie weder hören noch glauben.


Der verhärmte Soldat ereiferte sich ein paar weitere Minuten über die vernachlässigten Pflichten des Kindskönigs, doch die Versammelten gaben nichts darauf. Im Alter von fünf Jahren hatte der junge Prinz sein Erbe angetreten, daher sahen die meisten Bürger darüber hinweg, dass es zurzeit weniger Festlichkeiten für das Volk gab. Die Frühjahrsparade fand in der ersten Vollmondnacht der Säzeit statt, kleine Könige brauchten jedoch ihren Schlaf.


Grumdir lenkte sich kurzweilig mit dem Bericht ab, dass die Frischluftversorgung im Kern nicht ausreiche, aber auch dieses Thema fesselte ihn nicht. Es wird Zeit, eine alte Schuld zu begleichen, klar und kräftig hatte die Hexe geklungen, während sie die Warnungen aussprach. So verhielt sie sich ihm gegenüber stets, befahl oder forderte nie, sondern sprach eine Warnung aus. Was Grumdir daraus schließlich machte, blieb ihm überlassen. Und es ist Zeit, das Versprechen einzulösen, das du vor vielen Jahren gegeben hast. Damit konnte sie nur Richard meinen. Richard … Zwanzig Jahre waren vergangen, an seine letzten Worte erinnerte Grumdir sich, als hätte er sie erst gestern gehört.


Ein junger Mann, von der öligen Lederschürze her ein Schlosser, betrat das Podium. Sein finsterer Gesichtsausdruck versprach nichts Gutes und Grumdir riss sich erneut aus seinen Überlegungen. „Meine Vorgesetzten haben mir heute etwas mitgeteilt, was noch unter Verschluss bleiben soll“, er schluckte und strich sich nervös die Haare zurück. „Dabei betrifft es jeden von uns. Ab nächster Woche werden die öffentlichen Wasserpumpen ausschließlich gegen eine Gebühr laufen.“


Vor Entsetzen sprangen einige der Versammelten auf und eine Lautstärke explodierte im Lagerraum, die den Dreck von der Steindecke rieseln ließ. Der Säugling plärrte erschrocken auf. Protestschreie, Klagerufe, dass sich niemand dies leisten könne, mischten sich zu einem vielstimmigen Chor. Sogleich entfachten zahlreiche Diskussionen. Der alte König hätte so etwas niemals zugelassen, da waren sich alle einig. Legte man einem Toten Worte in den Mund, würde dieser sich am wenigsten beschweren.


Grumdir wollte sich der Entrüstung anschließen, so ein Beschluss war eine Frechheit! Aber er starrte gedankenversunken ins Leere. Verrat wird die Blüten des Bombax-Festes blutrot färben, wenn du dich nicht beeilst. War es Zufall, dass er sowieso zum Fest reisen würde oder Vorhersehung? Vermutlich letzteres, die Hexe hatte immer schon ein Händchen für so etwas gehabt. Im zufälligen Verknüpfen von Schicksalsfäden war sie eine Meisterin, ohne sie hätte Grumdir Richard nie kennen gelernt.


Unauffällig kniff er sich in den Unterarm und die Worte der Hexe verstummten. Auf dem Podium hob der Schlosser die Hände, versuchte die Menge zu beschwichtigen, anscheinend hatte der arme Kerl weitere schlechte Nachrichten zu verkünden. Dennoch zollte Grumdir ihm in Gedanken Tribut, er bewies Mumm, seine Mitmenschen zu warnen. So blieb den unteren Ebenen von Briall noch Zeit, um diese Veränderungen zu verhindern.


Grumdir merkte nicht mehr, dass ein anderer junger Mann auf das Podium drängte und zum Widerstand aufrief: „Wir dürfen die Unterdrückung der Oberen nicht länger …“


Sorge dafür, dass der Sohn eines alten Freundes überlebt. Richard hatte ihm nie erzählt, ob er einen Sohn oder eine Tochter bekommen würde. Grumdir seufzte und rieb sich mit den Fingern über die Augen. Die Sitzung war in vollem Gange, er sollte sich auf die Redner und Diskussionen konzentrieren. Den Drang, Briall dienlich zu sein, hatte er nie ablegen können. Genauso wenig wie das Bedürfnis nach gutem Tabak.


Mit einem Ruck erhob Grumdir sich. Er schob sich an den Anwesenden vorbei, ohne darauf zu achten, ob er Füße oder Beutel erwischte.


„Verzeihung?“, warf der Redner ein. „Möchtest du etwas beitragen?“


Grumdir ignorierte ihn und stapfte Richtung Tür.


„War mein Vorschlag so schlecht?“, hallte es noch durch den Raum, dann schlug Grumdir die Tür zu und trat auf die finstere Straße. Der Treffpunkt lag dicht am Standkern, Sonnenstrahlen erreichten ihn nie.


Vor zwanzig Jahren hatte Grumdir versprochen, sollte Richards Kind in diese Welt gelangen, würde er es mit allen verfügbaren Mitteln unterstützen. So wie Richard es ihm gegenüber immer gehalten hatte.


Aber dafür muss ein Wanderer sterben.




 


KAPITEL ZWEI


 


 


Jamies Knochen schmerzten, als wäre er mit dem Fahrrad bei hoher Geschwindigkeit gegen ein Hindernis gedonnert. Aber keine Mauer oder ein Müllcontainer bildeten das Hindernis, sondern Kyle. Einen Kopf größer als Jamie und mit Muskelsträngen, die sich wie Perlen an einer Schnur aufreihten. Die zusätzliche Masse dort sorgte jedoch für ein Defizit im Gehirn.


Jamie ächzte, als Kyle ihm in die Seite trat. „Was? Kein dummer Spruch mehr?“


Die Umstehenden grölten. Auf viele wirkte Kyle dümmlich, aber er schaffte es stets, den richtigen Zeitpunkt zu finden, Jamie fertigzumachen. Immer, wenn weit und breit kein Lehrer in Sichtweite war.


Wie gut er sich auch am Computer schlug, gegen Kyle hatte er keine Chance. Das war ein Spiel, das er nicht gewinnen konnte. Doch die Schmerzen würden vergehen, die blauen Flecken verblassen, das hämische Lachen ihn trotzdem verfolgen. Denn im Gegensatz zu den Bösewichten in Computerspielen hatte Kyle kein Motiv. Außer, dass er sich unbedingt beweisen wollte, wer der Stärkste war. Kyle drangsalierte Jamie seit Jahren aus reiner Genugtuung.


Der Haufen Mitläufer, der um Jamie einen Kreis gebildet hatte, bejubelte den nächsten Tritt. „So macht das überhaupt keinen Spaß“, maulte jemand. „Wehr dich!“


Nein, wenn er ein Ende dieser Demütigung wollte, durfte er nicht mehr ausweichen. Wenn er still auf dem Asphalt liegen blieb, verloren sie das Interesse. Jamie blickte auf jahrelange Erfahrung zurück.


„Was ist?“ Kyle packte Jamie am Kragen und zog ihn hoch. „Schon genug?“ Auch in einem weiteren Punkt war Kyle nicht dumm: Er schlug Jamie nie ins Gesicht, einmal hatte er ihm den Arm verstaucht, einmal eine Rippe geprellt.


„Hey!“, rief plötzlich jemand. Nein, nicht jemand. Jamie stöhnte. Olive. Sie rettete ihm mal wieder. „Ist einer gegen zehn nicht ein bisschen unfair?“


Kyle versetzte Jamie einen Stoß, sodass er in den Sträuchern landete, die auf der Rückseite des Schulgeländes wuchsen. „Lasst uns abhauen“, murmelte er. Schnelle Schritte stampften über den Asphalt, verloren sich in der Ferne. Olive besaß eine Autorität, die Kyle und seine Schläger vertrieb. Sie hatte die Gruppe nie verpetzt, die Schlägereien nie gemeldet, dennoch respektierten sie sie wie einen Lehrer.


Olive erschien über Jamie, die Stirn in Sorgenfalten gelegt. Die Sonne ließ ihre Locken aufleuchten und er vergaß für den Moment, wie die Dornen stachen, die Äste piksten. Er war schon eine Weile hoffnungslos in sie verschossen.


Sie betrachtete ihn besorgt, dann streckte sie eine Hand aus. „Komm.“


Wie schon unzählige Male zuvor griff Jamie danach und zog sich hoch.


„Tut es sehr weh?“ Ihre Finger lösten sich von ihm, tasteten stattdessen seine Seite ab.


„Nein.“ Gern hätte er noch länger ihre Wärme gespürt.


„Du musst dich wehren.“


„Dann wird es nur schlimmer.“


Wie immer schenkte Olive ihm ein verschmitztes Lächeln. „Also ich hab Bio abgewählt, aber du nimmst es mit dem Fach wohl sehr ernst“, lachte sie und schritt zurück zum Gebäude. Jamie folgte ihr. „Niemand erwartet, dass du die Pflanzen so genau unter die Lupe nimmst. Oder ist es bequemer, als es aussieht?“


„Unglaublich bequem.“


„Wer hätte das gedacht. Ich sollte es mal ausprobieren.“


„Einem Anfänger würde ich nicht diese Büsche empfehlen, das ist eher was für Fortgeschrittene wie mich.“


„Wir könnten auch mit der Hecke in meinem Garten beginnen“, scherzte Olive.


Jamie grinste. „Oder mit einer Decke auf dem Rasen hinter meinem Haus. Das ist auf jeden Fall die sicherste Variante. Heute Nachmittag?“


„Ich komme nach dem Handballspiel vorbei.“


„Hast du danach nicht noch Fußballtraining?“


„Ja.“ Ihr Lächeln wurde breiter, Jamie vergaß darüber fast seine Schmerzen. „Ausnahmsweise würde ich es ausfallen lassen, wenn du mich dafür in diese hohe Kunst einweihst.“


„Welch Ehre.“


Olive konnte ihn stets mit ein paar Sprüchen aufheitern. Vielleicht lag es einfach an ihrer Gegenwart. In Olives Nähe war er immer glücklich.


„Ich könnte Kyle einfach …“, wollte sie vorschlagen, aber Jamie würgte den Satz ab.


„Nein. Das ist mein Problem, ich stehe es auf meine Art und Weise durch.“


Jamie seufzte leise, damit sie es nicht hörte. Er würde nie einen Kampf gegen Kyle gewinnen, das würde sich in den letzten zwei Schuljahren nicht ändern. Andererseits wäre er ihn danach endgültig los.


Zunächst sollte er eine wichtigere Schlacht hinter sich bringen und Olive seine Gefühle gestehen.


 


 


Jamie schlug die Augen auf. Der Kopf ruhte auf seiner Brust und beim Anblick des Bluts, das sein T-Shirt und seine zerrissene Jeans verfärbte, stieg ihm die Galle die Kehle hinauf. Kann ich mir im Traum vorstellen, in einem Spiel zu sein und dennoch träumen?, dachte er verwirrt. Weitere Überlegungen endeten abrupt, als ihm ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht klatschte.


„Was willst du hier?“, fragte eine Stimme, an die Jamie sich vage erinnerte. Der Kerl hat mich niedergeschlagen. Er versuchte sich zu rühren, doch Arme und Beine waren an einen Stuhl gefesselt. Grobe Seile schnitten in seine Haut, jemand hatte sich wirklich Mühe gegeben, ihn bewegungsunfähig zu machen. Einen Moment lauschte er angestrengt, aber weder ein Schaben noch ein Kratzen dieser Monsterspinnen drang an seine Ohren.


„Was willst du hier?“, fragte die Stimme erneut. „Wer bist du überhaupt?“


„Das muss ich noch überdenken“, murmelte er. Reflexartig allgemeine Antworten zu geben, hatte er sich in der Schule angewöhnt. Das war deutlich besser als Kyles „Äh, keine Ahnung?“ und verschaffte ein paar Sekunden Bedenkzeit. Jetzt erwies sich diese Eigenschaft als überlebenswichtig. Denn sobald Jamie den Kopf hob, visierte eine Mistgabel seinen Hals an. Ein Junge hielt sie mit beiden Händen fest umklammert und ließ ihn nicht aus den Augen.


„Du musst überdenken, wer du bist?“, wollte der Junge voller Skepsis wissen. Jamie schätzte ihn ein wenig jünger als sich selbst, vielleicht fünfzehn Jahre alt.


„Nein, natürlich nicht. Du hast mich einfach überrascht.“


Vorsichtig setzte er sich aufrecht hin. Der Fremde trug ein sackartiges Hemd und so etwas wie Jogginghosen aus grobem Baumwollstoff. Je länger er ihn betrachtete, desto mehr dachte Jamie, er wäre im Mittelalter gestrandet. Sein neustes RPG spielte ebenfalls in einer phantastischen Variante dieser Zeit. Jamie wollte sich an die Nase fassen, wie um die 3D-Brille zu suchen, doch die Fesseln hinderten ihn daran.


„Dich überrascht! Du bist doch bei mir eingebrochen“, gab der Junge energisch zurück. Unter verwuschelten blonden Locken stachen grüne Augen hervor, die sich bei seinen Worten zu Schlitzen verengten.


„Die Tür war nicht verriegelt. So gesehen kannst du nicht von Einbruch sprechen“, entgegnete Jamie. Obwohl er sich damit nicht herausreden wollte. Schon gar nicht, während er unauffällig an den Knoten seiner Fesseln pfriemelte.


„Das gibt dir nicht das Recht, einfach irgendwo hineinzuspazieren. Sobald die Sonne aufgeht, bringe ich dich zur Dorfwache, du Dieb!“ Die Augen des Jungen huschten einen Moment umher, als überprüfe er das Bauernhaus. „Du hast bestimmt etwas geklaut oder dich an unserem Essen vergriffen.“ Die Spitzen der Mistgabel berührten nun Jamies Hals. Das kalte Metall bereitete ihm eine Gänsehaut.


„Halt“, widersprach er ruhig, aber bestimmt. Jamie atmete so flach wie möglich. Bloß keine falsche Bewegung. „Ich bin kein Dieb!“


„Das werde ich schnell merken.“ Die Mistkabel pikte in seine Haut und Jamie brach der Schweiß aus. Der Junge vor ihm meinte es ernst.


„Ehrlich! Mein Name ist Jamie.“


„Was soll das für ein Name sein?“, fragte der Junge weiter. Auf einmal mischte sich unter den Zorn eine Spur von Neugier.


„Ich weiß.“ Jamie zuckte mit den Schultern. „Meine Eltern konnten sich auf keinen Namen einigen. Da meine Mutter seit Jahren Fan dieses Fernsehkochs ist, und mein Vater wenigstens behaupten kann, ich wäre nach einem Fußballer benannt, wählten sie halt Jamie. Die anderen waren wirklich viel schlimmer! Mein zweite Vorname ist Aven, wie haven nur ohne h. Hast du sowas schon mal gehört? Also ich nicht.“


„Was redest du da, Dieb? Bist du verrückt?“ Unsicherheit flackerte in seinen Augen auf und der Bauernjunge zog die Mistgabel ein wenig zurück. Jamie nutzte die Chance, um tief durchzuatmen und zog dann wieder am Knoten hinter seinem Rücken. Das Seil lockerte sich bereits. „Obwohl, wenn er wirklich verrückt wäre, dann könnte er das nicht wissen …“, grübelte der Fremde.


„Ich würde eher dich verrückt nennen, weil du mich mit einer Mistgabel begrüßt.“ Ob das jetzt so klug ist, ihn zu reizen?, dachte Jamie. Immerhin hat er eine Waffe. „Im Wald haben mich riesige Spinnen verfolgt und das hier war das einzige Haus in der Nähe. Auf meine Rufe hat niemand reagiert, also habe ich zumindest versucht, mich anzukündigen“, erklärte er.


Da dieses Abenteuer wohl wie eines seiner Computerspiele verlief, sah Jamie keinen Fehler in seinem Eindringen. Nach dem ersten Übergriff trifft der Spieler immer auf eine Figur, die ihn einweist, ihm die ersten Schritte erklärt. Obwohl das meistens beim Wirt geschieht, erinnerte sich Jamie. In einer Schenke. Oder einem Turm. Hätte ich eine Schenke suchen sollen?


„Grunz, also doch ein Verrückter.“ Der Junge schnaubte. „Das hat echt noch gefehlt. Wie soll ich das Vater erklären?“


„Ich bin nicht verrückt!“, beteuerte Jamie. „Was soll ‚grunz‘ überhaupt bedeuten?“


Da! Der Knoten löste sich. Schnell hielt er das Seil gestrafft, damit es nicht herunterrutschte.


„Wer sich in diesen Wald begibt, ist entweder verrückt oder seines Lebens überdrüssig. Grunz, halt, wie verdammt.“ Sein Gegenüber entspannte sich kurz, dann packte ihn die Panik. Immer wieder schauten seine strahlend grünen Augen Richtung Tür. „Ist dir etwas gefolgt? Oder wurdest du gebissen?“


Jamie starrte ihn für einen Moment verständnislos an.


„Ist dir etwas gefolgt oder wurdest du gebissen?“


„Ich bin nicht taub, du musst nicht alles wiederholen.“


„Ist dir etwas gefolgt? Jetzt antworte schon!“


„Geht das Gespräch erst weiter, wenn ich die richtige Antwort gebe?“ Jamie rollte mit den Augen. Wiederholungen bei seinen früheren RPGs waren nie so nervig gewesen. „Ja, mir sind drei Monsterspinnen gefolgt“, meinte er ruhig und bestimmt.


Der Junge warf die Mistgabel beiseite und begann, Jamies Fußfesseln zu lösen. Er wollte sich gerade bedanken, da rollte der Fremde seine Hosenbeine hoch und untersuchte die von Schrammen bedeckten Beine. Wer war hier nun verrückt? Der Junge zog ihn auf einmal aus!


„Was soll das?“ Jamie trat die Hand fort, ließ das schlaffe Seil los und war mit einem Satz auf den Beinen. Ein stechender Schmerz explodierte in seiner Schläfe. Jamie wankte, brachte sich dennoch auf Sicherheitsabstand. „Ich wurde nicht gebissen“, presste er hervor, während sein Kopf dumpf pochte. „Ich weiß nicht, ob ich die Monsterspinnen abgeschüttelt habe, du hast mich niedergeschlagen, als ich …“


Jamie konnte den Satz nicht beenden. Der Junge griff plötzlich nach der Mistgabel, hechtete zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Schon richtete der Junge wieder die behelfsmäßige Waffe auf ihn.


„Wenn die Tür die ganze Zeit nicht verriegelt war, müssten die Viecher längst hier sein, sollten sie mich verfolgt haben. Meinst du nicht?“, murmelte Jamie blinzelnd, die schnellen Bewegungen verschlimmerten seinen Schwindel. „Also ganz ruhig.“


„Ganz ruhig? Ganz ruhig!“, schrie der Junge fast hysterisch. „Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben sich noch nie so dicht an den Rand getraut. Wir müssen sofort zum Dorfältesten und das melden. Aber das geht nicht! So lange die Sonne nicht aufgeht …“


„Warum sind die Viecher überhaupt so groß?“


Mit einem Scheppern fiel die Mistgabel zu Boden und der Junge starrte Jamie mit großen Augen an. „Ich bin nicht fertig mit dir!“ Er machte einen Schritt auf ihn zu, die Hände erhoben, als wollte er eine ausgebüxte Katze einfangen. Jamie wich zurück, stieß sogleich gegen die Rückwand des Hauses. Schnell schätzte er die Entfernung ab. Mit einem Sprint würde er ihn vielleicht überrumpeln und könnte … könnte wohin eigentlich? Egal. Jetzt! Jamie machte einen Satz zur Seite, der Bauernjunge hatte mit seinem Manöver gerechnet. Rumms! Ehe Jamie sich versah, lag er bäuchlings auf dem Boden und der Fremde krempelte ihm das T-Shirt bis zum Nacken hoch. Kalte Finger strichen ihm über die Haut, tasteten ihn ab.


„Was suchst du da?“, fragte er genervt. „Das ist die lächerlichste Einweisung, die ich je gespielt habe. Ich hätte doch einen Wirt suchen sollen.“ Der Junge saß tatsächlich auf ihm, damit Jamie sich nicht rührte.


„Bissspuren oder Eier. Du magst ein lausiger Dieb sein, aber nicht einmal der verdient es, am Gift der Tanteln zu sterben.“


Schlagartig erinnerte Jamie sich an die Schnittwunden, die ihm die Spinnen zugefügt hatten. „Sie haben mich an den Beinen erwischt.“ Er ließ ihn gewähren, als dieser noch Jamies Brust und Bauch absuchte.


„Fertig? Du bist gründlicher als die Kontrolleure am Flughafen“, spottete Jamie, als er sein T-Shirt wieder zurecht zog. Die Situation war ihm unangenehm, er brauchte einen Witz zur Ablenkung. „Oder möchtest du das Ganze später bei besserem Licht wiederholen?“


Einen Moment lang schien der Junge seinen Vorschlag zu überdenken, entschied sich dann dafür, Jamie wieder mit der Mistgabel zu bedrohen. „Was willst du hier?“


Habe ich etwas Falsches gesagt, sodass die Sequenz erneut startet?, wunderte sich Jamie, sprach diesen Gedanken jedoch nicht laut aus. „Mich haben diese mutierten Spinnen gejagt. Am besten du holst den Tierschutz zur Hilfe und …“ Ihm schauderte.


„Tierschutz? Was soll das sein?“


Jamie überlegte einen Moment. „Du kennst das nicht? Das ist eine Behörde, die durchgedrehte Tiere wieder einfängt. Ob die sich auch mit Mutationen auskennen?“


„Du bist nicht von hier“, stellte der Bauernjunge fest.


„Nein, nicht wirklich.“


„Kommst du aus Briall oder Cyfa?“ Die Spitze der Mistgabel senkte sich zu Boden und der Junge betrachtete Jamie wieder neugierig. Er kannte diesen verwunderten Blick nur zu gut. Immer wenn sein Vater ein neues Elektrogerät nach Hause brachte, schaute seine Mutter genauso. Anstatt die Reaktion zu belächeln, betrachtete Jamie seine Kleidung. Was wohl so seltsam an ihm war?


„Noch nie davon gehört.“


„Das sagst du jetzt nur, damit ich dich in Ruhe lasse.“


„Nein.“ Jamie schüttelte den Kopf. Augenblicklich durchzuckte ein stechender Schmerz seine Schläfen.


„Und du bist wirklich nicht verrückt? Ganz sicher?“


„Ich war noch nie beim Psychiater, wenn du das meinst.“


Der Junge umfasste die Mistgabel wieder fester, denn die vielen fremden Ausdrücke verunsicherten ihn. „Was willst du hier?“, wiederholte er erneut.


Er reagiert nur auf gewisse Losungen. Wie ein NPC, überlegte Jamie. Da kam ihm eine Idee. Er räusperte sich vernehmlich und meinte dann mit fester Stimme: „Seid gegrüßt Fremder, ich bin ein Krieger, der dein Land vor Unrecht bewahren soll.“


„Du siehst nicht aus wie ein Krieger.“


„Das habe ich auch schon gemerkt. Gut, anscheinend funktioniert das nicht. Wie wäre es mit ... Wie lautet meine Quest, Fremder?“


„Kwä... was?“, zweifelte der Bauernjunge.


„Was ist meine Aufgabe?“, probierte es Jamie. „Hast du vielleicht ein Problem, bei dem ich dir helfen kann?“


Die Mistgabel schepperte zu Boden und der Junge starrte ihn mit offenem Mund an.


Er war versucht, die Waffe zu packen und das Spielchen einfach umzudrehen, entschied sich aber dagegen. Dieser Bauernjunge konnte ihn weiterbringen, sobald er nicht mehr als verrückt bezichtigt wurde. Daher wartete Jamie ruhig eine Antwort ab.


Jedenfalls schien er den nächsten Spielabschnitt freigeschaltet zu haben.


„Du …“ Der Junge zögerte. „Du bist ein Wanderer“, sprach er ehrfürchtig.


„Ein was?“ Jamie runzelte die Stirn. „Das meinte die Stimme vorhin auch schon.“


„Dann bist du es!“ Der Junge fiel vor ihm auf die Knie. „Mir tut das Missverständnis unendlich leid. Verzeih mir, nein, ich meine natürlich ... Verzeiht mein Verhalten, Wanderer. Bitte lasst Brior dafür nicht büßen“, flehte er.


Jamie riss vor Überraschung die Augen auf. Bisher war er immer derjenige gewesen, der vor seinen Angreifern im Staub herumrutschen musste. „Wer bist du überhaupt?“, fragte er verwundert.


Der Junge senkte weiterhin demütig seinen Kopf. „Ich bin Hannes. Aber ich bin nicht wichtig, großer Wanderer. Brior hat so lange auf einen Wanderer gewartet, ich kann es gar nicht glauben.“


Jamie verstand immer weniger. „Was ist so besonders an einem Wanderer? Mein Vater geht regelmäßig wandern.“ Er hatte weder die Lust noch die Ausdauer gehabt, jedes Wochenende diese endlosen Spaziergänge zu ertragen, obwohl sein Vater ihn immer wieder davon überzeugen wollte. Wozu gab es denn Autos oder Fahrräder?


„Es liegt in der Familie!“, jauchzte Hannes auf. Jamie rechnete fast damit, dass er sich gleich mit dem Gesicht voraus in den Staub zu seinen Füßen warf. „Danke, großer Merlin! Für Brior wird eine neue Zeit heranbrechen.“ Tatsächlich hob Hannes seine Hände einen Moment gen Himmel - wie zum Gebet.


Jamie unterdrückte gerade so den Drang, einfach abzuhauen. Das ist zu gefährlich, draußen warten die Monsterspinnen, beschloss er. Durch die Ritzen der Tür troff finstere Dunkelheit.


„Halt ...“ Jamie zögerte. „Merlin? Wie Merlin aus der Legende?“


Hannes ignorierte ihn, intonierte mit geschlossenen Augen. „Danke, großer Merlin, oh größter Zauberer und Beschützer unserer Welt. Danke, dass du Brior diese Chance gewährst!“


Und ich bin der Verrückte?


„Komm mal wieder runter, Hannes. Ich habe ein paar Fragen an dich.“


„Natürlich, großer Wanderer.“ Hannes traute sich nicht einmal, ihm dabei in die Augen zu sehen.


„Jamie.“


„W-was?“


„Mein Name ist Jamie. Ich find’s eigentlich netter, wenn man mit mir normal redet.“


Hannes schluckte mehrfach, bevor er den Kopf hob und Jamies Blick scheu erwiderte.


„Du hast keine Kopfschmerztablette, oder?“


Hannes kaute auf der Unterlippe, während er nach einer Lösung grübelte. „Euer Kopf schmerzt, Wanderer?“ Und schon warf er sich wieder der Länge nach hin. „Verzeiht! Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr ein Wanderer seid, dann hätte ich Euch niemals niedergeschlagen. Niemals! Das müsst Ihr mir glauben.“


Jamie hielt sich die Beule an seiner Stirn und ignorierte Hannes‘ aufgeregten Wortschwall. Ihm war weiterhin schwindelig, sein Magen rumorte und die schnellen Bewegungen des Jungen verschlimmerten seinen Zustand. Anscheinend hatte er sich nicht nur eine Lebensmittelvergiftung eingefangen, sondern auch eine Gehirnerschütterung. Bestimmt hatte er sich beim Fallen den Kopf an der Schreibtischkante gestoßen, so hart, dass ihn die Symptome bis in seinen Komatraum verfolgten.


„Großer Wanderer, was …“ Hannes stockte, da Jamie in seine Richtung schwankte und vergeblich nach Halt suchte. „Jamie!“


 


 


Als Jamie die Augen erneut aufschlug, flutete bereits die Sonne durch die Ritzen und Spalten des Bauernhauses. Er lag auf einer mit Stroh gefüllten Matratze, zumindest pikte es genauso fies. Einerseits war er überrascht, warum er sich in dem kargen Raum aufhielt, andererseits ehrlich besorgt. Ich bin schon zwei Mal zusammengeklappt, was wohl mein Körper im Krankenhaus durchmacht?, dachte er und verscheuchte den Gedanken sogleich. Er konnte daran nichts ändern, nur hoffen, dass die Ärzte wussten, was sie taten, und dass es Olive besser erging.


Neben dem Bett wartete ein Becher mit Wasser, wie er nach dem ersten Schluck schmeckte, und ein Teller mit einer in Scheiben geschnittenen Frucht. Jamie schmunzelte über das Dargebotene und biss vorsichtig in ein süßlich schmeckendes Stück. Dafür, dass er als Verrückter bezeichnet und mit einer Mistgabel bedroht worden war, verwöhnte Hannes einen Wanderer regelrecht. Sogar ein Mantel lag säuberlich gefaltet zu seinen Füßen und Jamie war dankbar, ihn überstreifen zu können. Nach dem Angriff der Monsterspinnen hing seine Jeans in Fetzen und sein T-Shirt war blutgetränkt.


„Hallo?“, fragte er laut. „Jemand anwesend?“ Doch nur das Knarren der Holzbalken antwortete ihm. „Außer den Holzwürmern natürlich.“


Vielleicht sollte ich nicht gleich mit meinem Sarkasmus anfangen, ermahnte er sich. Bestimmt war der Besitzer stolz auf sein Hab und Gut. „Niemand da?“ Jamie lauschte einen Moment. „Hannes?“


Keine Antwort.


„Wenn dies ein Spiel wäre“, überlegte Jamie; weiterhin unsicher, welche seiner Theorien der Wahrheit entsprach. „Was käme als Nächstes?“ Versuchsweise wischte er mit der Hand durch die Luft, denn in Filmen riefen die Figuren so das Menü auf. Vergebens, auch Kommandos wie „Öffne Menü“ oder „Ausloggen“ halfen nicht weiter. Er steckte wohl eher in einem Traum fest, als dass er in sein Spiel gezogen worden war.


Jamie verließ den kleinen Schlafraum und kehrte zurück in den Hauptraum des Bauernhauses. Es hatte ihn schon oft genug in den Fingern gejuckt, ‚Room raiders‘ in den Zimmern seiner Freunde zu spielen, sich dann aber nie getraut. Die Konsequenzen eines Traums konnten ihn nicht mehr verfolgen, wenn er wieder erwachte, also warum nicht?


Sofort zerplatzte die Neugier wie eine Seifenblase. Das Haus wirkte von außen bereits karg, das Innere setzte einen drauf. In der Mitte hielt die Glut der Feuerstelle einen Kessel warm. Neben dem Herd gab es noch eine Sitzecke mit einem Tisch und zwei Stühlen. Die andere Seite des Raums nahmen einige Körbe mit Früchten ein. Unter anderem auch die rosafarbenen Dinger, von denen Jamie probiert hatte. An den Wänden hing keine Dekoration, nur ein verloren aussehendes Regal mit zwei Tellern, zwei Schüsseln und zwei Gläsern. Ein drittes Geschirrset stand verstaubt daneben, als wäre es eine Zeit lang nicht benutzt worden. Das Einzige, in das Jamie seine Nase reinstecken konnte, war ein Schrank. Dort versteckten sich jedoch nur der Besen und ein paar Arbeitsgeräte für die Feldarbeit.


„Was habe ich erwartet?“, murmelte er. „Massenhaft Kram zum Durchforsten?“


Danach wäre ihm noch die Leiter geblieben, die unters Dach führte. Von seinem Ausflug ins Freilichtmuseum wusste er noch, dass sich dort oben eine Lagerstätte befinden sollte.


„Das ging jetzt schneller als gedacht.“ Fünf knarzende Schritte reichten aus, um ihn vom Regal zur Sitzecke zu bringen. Jamie beendete seinen Rundgang und ließ sich auf dem Stuhl nieder. So stellte er sich das Leben auf einem Bauernhof vor. Ruhig und einsam. Einfach.


Draußen wieherte plötzlich ein Pferd und Jamie spannte sich reflexartig an. Was, wenn weitere Monster zwischen den Ackerpflanzen lauerten? „Ich sollte diesen Hannes suchen“, beschloss Jamie und schritt hinaus ins Tageslicht.


Mit absoluter Sicherheit hatte er bei seinem RPG einen Kriegertypen gewählt. Groß und stark, ein Breitschwert schwingend, damit man ihn zumindest innerhalb des Spiels nicht in Büsche schubsen oder niederschlagen konnte. Sein Unterbewusstsein schien nicht viel von dieser Wahl zu halten. Eigentlich sah er aus wie immer. Fühlte sich wie immer. Für einen Krieger der ersten Stufe hätte sein Traum wenigstens ein Holzschwert springen lassen können.


Von außen betrachtet bezweifelte Jamie, dass das Bauernhaus tatsächlich Schutz geboten hätte. Glücklicherweise war keine Monsterspinne in die instabile wirkende Konstruktion eingedrungen. Denn das Haus lehnte an einen windschiefen Apfelbaum, als würden die beiden sich gegenseitig stützen. Mehrere Reihen Bretter bildeten die Außenwände, zusammengehalten durch unregelmäßige Schichten Lehm. Das Holztor erinnerte Jamie eher an eine Scheune als an ein Wohnhaus. Wie zum Beweis, dass der Erbauer doch etwas von seinem Handwerk verstand, thronte darüber ein akkurates, mit Stroh gedecktes Spitzdach. Dafür prangten darin zahlreiche Löcher, was das Erscheinungsbild wieder relativierte. Vielleicht sollte ich es als Hütte bezeichnen. Was würde mein Vater davon wohl halten?


Das letzte Mal hatte er eine erheblich geradere Version in einem Mittelalterdorf gesehen, das er und seine Klasse im Geschichtsunterricht besuchen mussten. Auch hier pickten ein paar Hühner im Gras herum und ein Pferd war an einem Holzblock lose angebunden.


Da Hannes sicherlich in der Nähe war, wanderte Jamie Richtung Stall. Für den Moment wollte Jamie die Wärme des Sonnenlichts genießen, das löchrige Dach des Bauernhauses hatte ihm einen Schauer über den Rücken gejagt. Jamie traf jedoch auf die nächste Überraschung. Nach den zwei Monden schienen nun drei Sonnen am Himmel. Eine hell leuchtende, eine deutlich blassere Scheibe und der kleine blaue Mond, den er schon in der Nacht zuvor entdeckt hatte. Wie ein Fixstern stand dieser genau im Zenit und schaute vom höchsten Platz am Firmament auf ihn herunter.


„Jamie!“, rief da Hannes aus, der gerade aus dem Stall trat; einen Sattel auf den Armen tragend. „Geht es Euch wieder besser?“


Jamie zuckte mit den Schultern. Das Obst bereitete ihm zumindest keine Magenkrämpfe. „Sag ruhig du.“


Hannes schnappte aufgeregt nach Luft. „Das wäre Euch gegenüber respektlos.“


„Wie du willst. Aber ich habe jede Menge Fragen an dich, hilfst du mir weiter?“ Er wollte wissen, wo er sich befand, was ein Wanderer war und wieso niemand diese Spinnen längst in ein Wildreservat gesteckt hatte.


Hannes nickte eifrig und betrachtete ihn mit einem Blick, der um Nachfragen flehte. „Und was muss ich jetzt als Wanderer tun?“, versuchte Jamie es für den Anfang.


„Der Dorfälteste wird dir alles erklären. Ich kenne ja nur die Geschichten über die Wanderer. Aber diese sind so spannend!“ Die letzten Wörter quietschte Hannes fast wie ein aufgeregtes Mädchen.


Jamie war froh, dass er sich halbwegs normal mit diesem Jungen unterhalten konnte. Dass dieser auch breit grinsen konnte und ihn nicht nur misstrauisch anstarrte. „Du hast mir immer noch nicht gesagt, wo ich überhaupt bin.“


„Entschuldige, ich weiß gar nicht, womit ich beginnen soll.“ Hannes trug den Sattel zum Pferd und Jamie folgte ihm. „Wir machen uns am besten sofort auf den Weg nach Brior. Also eigentlich sind wir schon in Brior, doch unser Hof liegt so weit abseits, dass wir etwa eine Stunde dorthin brauchen. Es ist eine bescheidene Gemeinde.“ Hannes lachte kurz auf, dabei war Jamie kein Scherz aufgefallen. „Ein Wanderer! Ich kann es immer noch nicht glauben.“


„Ich auch nicht“, wollte Jamie am liebsten antworten, biss sich aber auf die Zunge.


„Und deine Verletzungen kann sich der Heiler im Dorf gleich mit ansehen.“ Hannes stockte. „Ich meine, Eure Verletzungen.“


„Wäre wohl besser“, gestand Jamie sich widerwillig ein. Die Schrammen bluteten nicht mehr, dennoch hatte seine Mutter ihm eingeschärft, wie schnell sich Wunden entzündeten.


„Und was sind nun meine ersten Aufgaben?“ Jamie dachte an seine bisherigen Erfahrungen mit Rollenspielen. „Bestimmt muss ich irgendeine Pflanze zehnmal einsammeln ...“


Hannes starrte ihn mit großen, verwunderten Augen an.


„Was ist?“


„Sammeln?“, fragte der Junge vorsichtig.


„Ja, Beginnerquests drehen sich meistens darum, fünfzehn Glockenblumen zu sammeln oder zehn Wildschweine zu erlegen. In einem Spiel sollte ich erst Holz sammeln, dies dann zum Handwerker bringen, der mir daraus einen Eimer erstellte, um dann dreißig Eimer Wasser durchs Dorf zu schleppen ...“


„Und wofür?“


„Das weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Auf jeden Fall hat das viele Erfahrungspunkte eingebracht und ich habe danach eine Karte erhalten, um zum nächsten Ort zu wandern.“


Hannes Verwunderung wandelte sich in Schrecken. „Wanderer müssen in Brior solche Hilfsarbeiten nicht verrichten!“, sagte er schnell. „Außerdem glaube ich nicht, dass Ihr sofort zum nächsten Ort aufbrecht, oder? Ihr bleibt doch bestimmt eine Weile in Brior?“ Hoffnung und Flehen schwangen gleichermaßen in seinen Worten mit.


Jamie zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich wissen, wie dieses Spiel abläuft? Du bist anscheinend für’s Intro zuständig.“


Anstatt weiter darauf einzugehen, klopfte Hannes gegen die Flanken des Pferdes. „Ich habe bereits alles vorbereitet“, erklärte er fachmännisch, „es geht gleich los.“


„Wir reiten?“


„Ich dachte, für einen Wanderer wäre es angebracht, wenn du …“


Jamie schüttelte energisch den Kopf und hob abwehrend die Hände. „Nein, lass mal. Reiten gehört nicht zu meinen Stärken.“


„Oh. Wie Ihr .... du möchtest.“ Hannes zögerte einen Moment, als erwartete er, dass Jamie ihn verbesserte. „Dann gehen wir halt zu Fuß.“


Wieder laufen. Seine Muskeln schmerzten noch vom Sprint durch den Wald und jetzt sollte er schon wieder los? „Dann sei mal mein Navi“, seufzte er.


„Euer was?“


„Egal. Geh einfach voraus.“


„Natürlich.“


Der Bauernjunge stapfte bereits übermütig zum Holzzaun, als Jamie ihn noch einmal zurückrief. „Willst du dieses Mal vielleicht die Tür verriegeln?“


 


 


 


Die beiden Sonnen und Alaras Stern überlagerten sich am Mittagshimmel, als Grumdir den geheimen Unterschlupf erreichte. Er hatte die Hauptstadt ohne weitere Vorkommnisse verlassen, war einige Stunden auf dem Karren eines Händlers mitgefahren, dem er vor einiger Zeit geholfen hatte, und war dann weiter querfeldein marschiert. Seine Männer wurden nicht steckbrieflich gesucht, für die meisten bedeutete ein Aufenthalt in Briall dennoch Ärger. Wenn es Grumdir doch dahin verschlug, blieb seine Bande in einem unbewohnten Gutshof zurück. Die beiden Wohnhäuser und der Stall lagen halb versteckt in den Ausläufern eines Wäldchens. Niemand würde hören, wenn der Abend etwas ausgelassener ausfiel, würde das Licht sehen - niemand kümmerte sich seit Kriegsende groß um das Anwesen.


Grumdir stieß die Tür zum Haupthaus auf und folgte der Wärme und den Stimmen in die weitläufige Küche, die an die Wirtschaftsräume angrenzte. Staub bedeckte die zurückgelassenen Möbel, löchrige Wandteppiche hingen den Wänden, es roch muffig und mittlerweile griff der Verfall auf das Holz über. Dennoch schätzten seine Männer diesen Unterschlupf. Grumdir erinnerte es daran, dass sein früheres Leben stets ein Teil von ihm bleiben würde.


Rund zwei Dutzend seiner Männer hatten sich in der raucherfüllten Küche eingefunden. Die meisten pflegten ihre Waffen oder Stiefel, tranken ins Gespräch vertieft ein Bier oder gaben vor, vor dem großen Feuer zu schlafen. Earnest, Hannox, Tavnik und einige andere saßen um einen blitzblank polierten Tisch, während ihr Koch eine seiner Wutreden schwang: „So wird hier nicht gegessen, ich mache mir so viel Mühe und wie sieht es hier aus? Nehmt die Füße vom Tisch!“


Die Männer nahmen zwar Notiz von Grumdirs Eintreten, bis auf ein Nicken und einen kurzen Blickwechsel kam jedoch kaum Bewegung in sie. Er bestand zwar auf Loyalität und Gehorsam, aber abseits ihrer Aufträge zog er es vor, dass sie ihn als einen der ihren betrachteten.


Hannox erhob sich vom Tisch und strebte auf Grumdir zu. Er kannte den Alten seit seiner Zeit als Hauptmann. Sie hatten sich unzählige Male das Leben gerettet und so viele Abenteuer überstanden, dass er Hannox in seiner Abwesenheit das Kommando anvertraute.


Ohne dass die anderen sie groß beachteten, schritten sie hinaus in den Flur.


„Hast ’ne Nachricht erhalt’n“, grüßte ihn der zahnlose Alte. „Hab’se wie imm‘r weg’packt.“


Grumdir unterdrückte ein Lächeln. Vorfreude kribbelte in seinen Fingern, beinahe wäre er sofort zu seinen Satteltaschen geeilt.


„Wo is … weißt schon?“, fragte Hannox und blickte sich um.


„Geblieben“, erklärte Grumdir ruhig. „Meinte, er müsse sich um seine Leute kümmern. An seiner Stelle hätte ich ebenso gehandelt.“


„Wie schlimm is‘es?“, hakte Hannox nach.


„Schlimm.“ Er dachte an den bevorstehenden Erlass, den die Bewohner der unteren Ebenen besprochen hatten. „Aber das ist erst der Anfang.“


„Warum sin‘ wir nich‘ dort?“


„Weil in Brior ein Wanderer erscheinen wird. Er ist vielleicht Richards Nachkomme.“ Hannox nickte und ließ Grumdir wortlos stehen. Der Alte kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er nicht mehr grundlos hinter Wanderern herjagte.


An der Treppe im Untergeschoss und im Eingangsbereich lagerte die Ausrüstung sowie die Habe seiner Männer. Taschen, Beutel, Kisten mit Proviant. Grumdir schritt zwischen ihnen hindurch, bis er unterhalb der Treppe seine Satteltaschen vorfand, in denen er ein metallenes Kästchen aufbewahrte. Es gab keine Missgunst unter den Männern und keiner würde den anderen bestehlen, dennoch verriegelte er die Truhe vorsorglich. Denn dort bewahrte er die Gegenstände aus einem früheren Leben auf. Ein zierlicher Verlobungsring, sein altes Abzeichen eines Hauptmanns, eine selbst geschnitzte Holzfigur einer Prinzessin, die er nicht mehr verschenken konnte. Und ein Stapel alter Briefe.


Erinnerungen, vor denen er seine Augen verschließen, aber sie nicht aus seinem Herzen sperren konnte.


Kaum hielt er das Kästchen in den Händen, runzelte Grumdir die Stirn. Hannox besaß einen Zweitschlüssel, er hatte ihn angewiesen, die Schlösser immer doppelt zu prüfen. Doch sie waren geöffnet. Nicht aufgebrochen, sondern fein säuberlich geknackt und dann so eingehängt, dass zunächst kein Verdacht entstand. Er klappte den Deckel auf, warf einen Blick hinein und schritt wieder zurück in die geräumige Küche.


Weitere Männer hatten sich am Tisch eingefunden und Martha verteilte aus einer dampfenden Pfanne die Portionen.


Derweil packte Tavnik ein Päckchen aus und streute rotes Pulver über sein Essen.


„Was soll das?“ Der Koch gab ihm einen Klaps auf den kahlen Hinterkopf. „Du hast mein Essen nicht probiert. Woher weißt du, dass du nachwürzen musst?“


„Ich mag es scharf, Martha.“


„Ihr Nordländer! Ihr brennt euch immer die Zunge weg. Ist es bei euch so kalt, dass ihr den Magen wie einen Kamin mit Würze befeuern müsst?“ Martha zuckte zusammen und wies anklagend auf das nächste Päckchen. „Und was ist das? Einen Löffel, probier wenigstens einen Löffel voll, Tavnik!“


Vorwurfsvoll schaute er durch die versammelte Runde. Die meisten gaben vor, ihren Eintopf zu löffeln. Viele Mütter der Männer hießen ‚Martha‘, dadurch erlangte der Koch seinen Spitznamen.


Grumdir zog den Duft ein – Taroknollen. Dieses herbe Aroma entstand nur in den Feldern rund um die Sümpfe der Samakos. Er atmete erneut durch. Wasserpfeffer und Frühsommerzwiebeln aus den Steppengebieten. Geröstet. Hmmm.


„Das ist Salz aus dem Norden“, erklärte Tavnik ruhig.


„Und was stimmt nicht mit meinem Salz?“


„Nichts. Es ist nur nicht aus dem Norden.“


Martha betrachtete das Päckchen ausgiebig. „Das stammt aus dem Yanna-Massiv? Ihr Nordländer habt eine Methode entwickelt, aus den Gletschern Salz zu gewinnen?“


„Das ist korrekt.“ Sorgfältig würzte Tavnik seine Portion nach. Yannasalz war in den südlichen Ländern mit Gold aufzuwiegen.


Obwohl es bald über ein Jahr zurücklag, sprach Tavnik weiterhin wie ein Gelehrter. Grumdir hatte sogar schon erlebt, wie er die Pferde mit Schulnoten bewertete. Die Männer belächelten seine Ausbrüche, doch der Nordländer lebte dafür, zu forschen, zu erkunden und sein Wissen zu teilen.


Grumdir selbst fielen ein paar Fragen zum Yanna-Massiv ein, aber zunächst musste er sich um seine verschollene Nachricht kümmern. Er stellte sich hinter Earnest und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Gib mir meinen Brief zurück.“


Earnest wand sich unbehaglich, am Tisch hielten die anderen Männer beim Essen inne. „Hauptmann …“


„Das Kästchen war doppelt gesichert. Wie hast du das geschafft?“


„Ein kniffliges Schloss macht es nur reizvoller.“


„Das hat Earnest noch nie abgehalten“, warf auch einer der Speisenden ein.


Grumdir zog eine Augenbraue hoch. Das sicherste Versteck vor dem Dieb wäre, den Brief offen liegen zu lassen. Somit würde ihn jeder andere seiner Männer lesen. Trotzdem kannte Grumdir keinen besseren Dieb als Earnest. Und keinen merkwürdigeren. Sein Bierbauch schwabbelte eindrucksvoll und er war einer der größten Männer, die Grumdir kannte. Dabei erinnerte er sich an die Felsenbeißer-Jungs, die die Pumpen der untersten Ebene per Hand antrieben. Earnest war auch kein schlauer Kopf. Im Gegenteil, er strickte recht simple Pläne. Die meisten bestanden aus: Den Ort des Zielobjekts kennen, einen Weg hinein finden, zuschnappen und wieder hinaus.


Dennoch klappte es. So einfach sein Gemüt auch war, umso größer stellte sich seine Berufsehre heraus. Earnest war stolz darauf, der Beste zu sein.


„Ich erinnere mich gerade, gestern noch ein weiteres Schloss besorgt zu haben“, lockte Grumdir. „Angeblich soll es unzerstörbar und unüberwindbar sein.“


Earnest drehte sich um und händigte ihm strahlend den Umschlag aus. Das Wachssiegel war unberührt, daher verstaute Grumdir den Brief wortlos in den Taschen seines Torsopanzers. Für ihn war die Angelegenheit geklärt.


„Ich hätte mehr von dir erwartet, Earnest“, stimmte Martha an. Die Männer widmeten sich wieder dem Eintopf, aber der Koch stellte krachend den Kessel auf den Herd. „Hast du denn gar keinen Respekt vor unserem Hauptmann?“


„Natürlich! Doch ist es eine wahre Herausforderung, sich etwas vom Hauptmann zu leihen.“


„Leihen nennst du das?“


Earnest drehte sich hilfesuchend zu Grumdir um. Dieser nickte bestätigend. „Ja, leihen. Ich helfe Earnest, fit zu bleiben.“


Ein glückliches Lächeln erblühte auf dem runden Gesicht. „Das ist wahrer Nervenkitzel“, freute sich Earnest. „Eine größere Herausforderung als damals die Bowle.“


„Bowle?“ Tavnik begleitete die Bande noch nicht lange genug, um zu wissen, was die Bowle bedeutete. Was Earnest noch mehr anspornte, die Geschichte zu erzählen. Grumdirs Männer liebten Geschichten. Es war ihre Art, sich zu erinnern, die Verblichenen zu ehren und auch ein wenig mit ihren Taten zu prahlen.


Grumdir zog sich auf einen Hocker im hinteren Bereich des Raums zurück. Earnests Geschichte würde die Männer ausreichend ablenken, damit er seine Nachricht unbeobachtet lesen konnte. Bis dahin holte er Zündhölzer und eine Zigarette hervor. Wenn der schwere Rauch sich auf seine Zunge legte, würde die Geduld ihm folgen. Er konnte nicht vor den anderen das Wachssiegel aufbrechen, das wäre viel zu verdächtig.


„Was ist denn nun mit der Bowle?“, hakte Tavnik nach. „Du hast meine Frage nicht beantwortet, Earnest. Hast du etwa eine Bowle geklaut?“


„Schmuck kann jeder. Das ist keine Kunst“, winkte Earnest ab. „Auf dem königlichen Bankett, der zum Jahreswechsel in Briall stattfindet, aufzutauchen und die volle Bowle zu klauen dagegen schon.“ Er grinste. „Jedoch ohne sie auszutrinken.“


„Und wie hast du es angestellt?“, wollte Tavnik wissen.


„Ich habe sie hinausgetragen.“


„Einfach so?“ Tavnik blickte sich prüfend um, als erwartete er, dass sie ihm einen Streich spielten.


„Es stimmt tatsächlich“, warf Grumdir ein. Sofort verflüchtigten sich die Zweifel des Gelehrten.


„Bestimmt hast du die Leute ausgetrickst.“ Tavnik stützte das Kinn auf der Hand auf. Seine Augen glänzten vor Neugier, neues Wissen versetzte ihn in Hochstimmung.


Earnest grinste verschmitzt. „Ich habe gesagt, ich muss sie nachfüllen.“


„Das volle Bowlenglas?“


„Ja.“


„Das hat funktioniert?“


Hannox und ein paar andere nickten.


Tavnik schüttelte den Kopf. „Ein wirklich interessanter Ansatz, den werde ich mir merken.“


Die Männer verfielen in eine Diskussion, dass schon viele Earnests Pläne nachahmen wollten, sie jedoch stets erwischt worden waren. Für den Moment schien es ungefährlich, die Nachricht zu lesen. Vorsichtig löste Grumdir das Wachssiegel und klappte das Pergament auf. Es ließ sich nie vorhersagen, wann der nächste Brief ihn erreichte, aber auch nach fünfundzwanzig Jahren freute er sich über jeden einzelnen.


Grumdir warf noch einen Blick zu seinen Männern. „Ihn nimmt niemand ernst“, erläuterte Martha derweil Tavnik, der sich Notizen schrieb. „Das ist der Schlüssel zu seinem Erfolg.“


Ein letzter Zug an seiner Zigarette, dann begann Grumdir zu lesen:


 


Herr,


K geht es gut. Sie lifferte sich einen Streiht mit ihrer werten Mama weil sie ihren Stiffbruhder nicht zur Fersammlung der Handwergs Kammer begleihten wolle. Aba musste es doch. Sie sohrgte für Aufsähen, leida da sie sonst eine ehdle, schöhne, Dahme ist. Bis sie den zweiten Vohrsitzendn einen giehrigen allten Brugar nannete …


 


Plötzlich erschien Martha neben ihm und Grumdir faltete den Brief zusammen. „Hauptmann, ich sammel gleich das Besteck wieder ein. Du hast nichts gegessen, soll ich dir etwas zur Seite stellen?“


Er blickte einen Moment auf seine glimmende Zigarette. Der Rauch stillte seinen Hunger und die praktischen Nebenwirkungen hielten seinen Kopf klar. Dennoch sollte er den Vorschlag annehmen, Rauch allein spendete keine Kraft. Und seine Intuition sagte ihm, dass die kommenden Tage sehr anstrengend verlaufen würden.


„Wer sagt, dass wir dir das Besteck zurückgeben?“, scherzte einer der Männer und fuchtelte mit dem Löffel durch die Luft.


„Genau, Martha.“


„Denkt lieber noch einmal darüber nach“, warnte Tavnik. „Ihr wisst doch, was mit den Messern geschehen ist.“


Schwungvoll riss sich Martha die Kochschürze von den Hüften und schleuderte sie den Aufbegehrern entgegen. „Wenn ich Messer auf den Tisch lege, dann steckt ihr die alle ein, um euch damit zu bewaffnen!“, rief er fuchsteufelswild. Marthas Gemüt war so wankelmütig wie das einer Hausfrau, mit der man dreißig Jahre verheiratet war. „Und wenn ihr sie wiederbringt, sind meine schönen Messer stumpf. Ich würde ja gerne Steaks braten, aber ihr würdet nur über eure stumpfen Messer klagen, und dass meine Steaks nicht zart genug sind. Und dann werdet ihr mit euren Schwertern mein schönes Geschirr zerschlagen.“


Grumdir lachte schallend über die Darbietung, aber der Koch war noch nicht fertig. Er stampfte mit dem Fuß auf und stemmte die Hände in die Hüfte. „Wisst ihr überhaupt, wie schwer es ist, immer nur Gerichte zu kochen, für die man keine Messer braucht? Wenn ihr jetzt anfangt, die Löffel einzustecken, esst ihr bald nur noch mit den Fingern!“ Er schnaubte und hob drohend den Zeigefinger. „Doch an meinem Tisch herrschen Manieren, da isst niemand mit den Fingern!“


Die Männer verharrten still, einige senkten sogar demütig den Kopf. So, wie man sich gegenüber seiner Mutter nach einer Standpauke verhielt.


Grumdir nutzte das kurzweilige und betretene Schweigen, erhob sich und gab die nächsten Schritte bekannt: „Wir reiten bereits heute nach Brior. Die Zeit drängt, ich möchte keinen weiteren Tag warten. Daher lasst die Streitereien, dies wird für die kommende Woche die letzte Mahlzeit unter einem festen Dach sein.“




 


KAPITEL DREI


 


 


Der für Hannes kurze Weg stellte sich als zweistündige Wanderung heraus. Vermutlich wäre es auch schneller gegangen, doch der Junge verstand Joggen als normales Tempo. So musste Jamie ihn schon nach einigen Minuten um eine Verschnaufpause bitten.


„Natürlich, Wanderer“, antwortete Hannes teilweise erschrocken, teilweise beschämt. „Ich wollte dich nicht hetzen.“


Langsam zweifelte Jamie daran, ob der Fußmarsch oder sein Komatraum zuerst ein Ende fand. Genauso wenig endeten die Monologe von Hannes, der Jamie vom kleinsten Blatt bis zum größten Baum alles zeigte und erklärte. Gespickt von Fragen wie „Gibt es so etwas in Eurer Welt denn nicht?“ oder „Bestimmt sieht es in Eurer Welt anders aus.“ Eine unstillbare Neugier war in Hannes erwacht, dennoch traute er sich nicht präzise nachzufragen, sodass Jamie stets mit einem simplen Ja oder Nein auswich.


Über Kilometer hinweg entdeckte Jamie lediglich Wiesen und Äcker. Die laut Hannes viel befahrene Straße ähnelte mehr einem matschigen Feldweg. Je weiter sie kamen, desto schwüler wurde die Luft, warm und drückend, wie kurz vor einem Sommergewitter. Hannes störte sich allerdings nicht daran. Ebenso wenig an den Pfützen und Tümpeln, die die Straße regelmäßig unter Wasser setzten. Oder die Schwärme von Mücken, die zumindest Jamie hartnäckig attackierten. Hannes schritt daran vorbei, als wäre es das Alltäglichste, während Jamie diese Details mit Faszination aufnahm. Mücken, so groß wie Libellen, zwei Sonnen und einen Fixstern an einem unnatürlich türkisfarbenen Himmel und knallrote Sträucher, deren Äste wie bei einer lautlosen Melodie im Wind wogten. Beim Entstehen der Landschaft hat ihr Schöpfer zu hart am Kontrast gedreht. Jamie sah leuchtend violette Frösche und dagegen fast fade wirkende Kraniche. Die schwarz-weißen Kolosse stiegen in der Ferne auf, groß genug um einen Menschen mit ihren Krallen zu packen und fortzutragen.


Wie weit würde sein Unterbewusstsein ihn in diesem Traum noch treiben? Und was, wenn es gar kein Traum, sondern die Realität war? Unauffällig wischte Jamie mit der Hand durch die Luft und versuchte, das Log-Out-Menü zu öffnen. Jamie seufzte laut, als wieder nichts erschien.


„Stimmt etwas nicht?“, fragte Hannes sogleich.


„Warum kann ich keinen Status abrufen?“, murmelte Jamie. „Es müsste doch irgendein Punktesystem geben.“


„Punkte?“


„Lebenspunkte, Erfahrungspunkte fürs nächste Level, Entfernung bis zu einem Speicherpunkt.“ Jamie warf einen Blick über die Schulter. Die schneebedeckten Berge glitzerten in der Sonne und ragten weiterhin wie ein Koloss auf. „Was für ein Level hast du?“


„Ist das so etwas wie ein Beruf?“, fragte Hannes vorsichtig. „Ich werde eines Tages den Hof meines Vaters übernehmen.“


Jamie seufzte erneut. „Habe ich je ein Spiel ohne Statuswerte gespielt? Wie soll man sonst den Fortschritt feststellen?“


Hannes horchte bei seinen Worten auf, wechselte aber lieber das Thema. „Das ist Brior, Wanderer. Seht!“


In einer Senke der leicht hügeligen Landschaft entdeckte Jamie die Siedlung. Ein runder Flecken dicht zusammengedrängter Häuser, in der Mitte geteilt von einer Hauptstraße. Verglichen mit anderen Städten war es wirklich klein. Vielleicht an die tausend Einwohner, schätzte er und fragte sich sogleich, warum er das tat. Spätestens, wenn er aufwachte, würden diese Details völlig unwichtig sein.


Dennoch heftete sich Jamies Blick an den grünen Turm, der hinter Brior in die Höhe ragte. Von oben bis unten mit Pflanzen überwuchert, konnte er ihn nur als Märchenturm bezeichnen. Rapunzel hätte ihre Freude daran. Jamie rechnete jedoch weniger mit einer Prinzessin, denn in der Turmspitze war eine Plattform eingefasst, auf der eine gewaltige Bronzeglocke im Sonnenlicht glänzte. Zu Jamies Überraschung umringte keinerlei Befestigung das Dorf. Sein Geschichtslehrer hatte immer wieder erwähnt, wie überlebenswichtig Stadtmauern und Palisaden gewesen waren, hier fasste eine lose Kette von feuerroten Bäumen die äußeren Gehöfte ein.


„Das sind Bombax-Bäume“, erklärte Hannes stolz. „Sie blühen immer zu dieser Jahreszeit und kündigen die frühe Ernte und den Sommer an.“


Jamie bestaunte die roten, spitz zulaufenden Blüten, die das schneeweiße Holz schmückten. Aber nicht nur dies: Girlanden aus diesen Blüten hingen zwischen Häusern oder zierten die Haare der Frauen und Mädchen, die ihnen jetzt entgegen kamen.


„Sieht das hier immer so aus?“, wollte er von Hannes wissen.


Der Bauernjunge schüttelte energisch den Kopf. „Nein, bald beginnt das Bombax-Fest.“


Zweistöckige Häuser und ein grob gepflasterter Weg lösten die Landschaft ab. Jamie hatte mit typischem Altstadtflair gerechnet, helle Fachwerkhäuser, dunkles Holz, Buntglasfenster und rote Schindeln … Weit gefehlt. Die Bauten in Brior waren von Flechten und Ranken überwuchert, die wie Hannes sogleich erklärte, Feuchtigkeit und Hitze abhielten. „Eine natürliche Isolierung“, schlussfolgerte Jamie, worauf ihn der Bauernjunge mit einem so verwirrten Blick musterte, dass selbst er seine Worte als komisch empfand.


Dafür erinnerte Brior ihn stark an das Holzmodell der Ritterstadt, mit dem er als Kind gespielt hatte. Ochsenkarren ratterten über die Straße, Frauen in groben Strickkleidern schlenderten mit Flechtkörben umher und Männer in sackähnlichen Roben trugen Kisten und Körbe ins Zentrum. Es fehlte einzig der edle Ritter zu Pferde, der von den Passanten ehrfürchtig gegrüßt wurde oder jeder ihm Glück für sein nächstes Abenteuer wünschte.


Normalerweise bestand der Aufenthalt in der ersten Stadt eines Games daraus, Informationen zu sammeln. Durch die Straßen laufen, Verstecke, Schätze und Aufträge ausfindig zu machen. In Jamies Spielen beschränkten sich die Figuren, die man ansprechen musste, auf zehn oder zwanzig Personen. Wenn er nur mit einem Bruchteil der Leute in Brior ins Gespräch kommen wollte ... Das würde Tage dauern!


Im Spiel stellt man sich nur daneben und lauscht. In einem Spiel muss man diejenigen nur anklicken und schon erzählen sie von sich aus ihre Probleme, Wünsche, manchmal ihre geheimsten Gedanken. Richtige Menschen verhielten sich nie so redselig. Ein leichtes Stupsen würde sicherlich nichts daran ändern.


Hannes führte Jamie entlang an Ställen, Schmieden und einer Schenke namens ‚Der Kürbiskeller‘. Verwundert hielt Jamie dort einen Moment inne und starrte auf das Holzschild, das über den Eingang schwenkte. Über einem Kürbis prangten zwei Zeilen seltsamer Schnörkel und Punkte, trotzdem wusste Jamie instinktiv deren Bedeutung.


Unterhalb des Schildes stritten zwei Männer lautstark um den Inhalt einer umgestoßenen Kiste. „Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, um diese Taroknollen zu trocknen? Schau es dir an, sie liegen alle im Wasser! Sie sind wertlos!“


„Dann trockne sie eben erneut!“


Das klang eindeutig nach einer Aufgabe. Einfach dazu stellen, lauschen und hilfsbereit sein. Mit gerunzelter Stirn betrachtete Jamie weiter das Schild. So unauffällig, wie ein Fremder sein konnte, der neben zwei Streitenden plötzlich auftaucht.


Die beiden Männer hielten sogleich in ihren Anschuldigungen inne.


„Was tust du da?“, flüsterte Hannes.


„Meine Aufgabe erfüllen?“


Der eine Mann hatte die Hände in die Hüften gestemmt, der zweite bedachte ihn mit einem finsteren Brummen.


„Aber doch nicht so.“ Bevor Jamie etwas erwidern konnte, zog Hannes ihn fort. Eine Lücke tat sich zwischen den Passanten auf und schon geriet das Gasthaus außer Sicht.


„Wir sollten nicht länger trödeln“, mahnte der Junge, „bevor du noch mehr auffällst.“


Nicht nur Jamie fühlte sich seltsam fasziniert von diesem Ort, die Bewohner starrten ihn ebenso unverhohlen an und so manche Frau warf verstohlene Blicke in seine Richtung. So fühlten sich wohl Popstars. Jamie lief eine Gänsehaut über den Rücken. Auf der Straße sprangen Gespräche über das Wetter, die Einkäufe, alles und jeden von Mund zu Mund, dennoch glaubte er, dass die Leute hinter seinem Rücken tuschelten. Wer ist der Fremde? Hat den schon jemand gesehen? Was sollte das gerade beim Kürbiskeller?


Im Mittelpunkt zu stehen, löste bei Jamie Unbehagen aus.


Die Aufmerksamkeit seiner Mitschüler fokussierte sich auf die Sportler, die Beliebten und Schönlinge. Er gehörte zu keiner dieser Gruppen und wollte dies auch nicht, denn dann müsste er sich in einen aus der Schablone gepressten Justin-Bieber-Klon verwandeln. Instinktiv schüttelte er sich.


Jamie raffte den übergroßen Mantel enger, den Hannes ihm gegeben hatte. Morgens griff er nach den ersten Kleidungsstücken, die ihm in die Hände fielen. Olive hatte sich nie beschwert, ihn höchstens aufgezogen, dass er darunter nur seine Superheldenqualitäten verstecke. Trotzdem zweifelte er, dass in seinem Kleiderschrank etwas hing, auf das die Leute weniger neugierig reagierten.


Jede Justin-Bieber-Imitation wäre in Brior komisch gemustert worden.


„Ich weiß, dass du vermutlich mehr erwartet hast, doch der Fortschritt hat schon lange keinen Halt mehr bei uns gemacht“, meinte Hannes beschämt.


„Ich habe eigentlich gar nichts erwartet. Das ist alles nur ein Komatraum.“


Sogleich stieß ihn Hannes in die Seite und Jamie wäre beinahe gestolpert.


„Au, was soll das?“, fragte er den Bauernjungen.


„Würde ein Traum wirklich weh tun?“ Hannes grinste ihn breit an.


„Klar? Warum sollte es nicht?“, entgegnete er und hielt sich die Seite. „Schließlich stelle ich es mir vor. Somit liegt es an mir, ob es weh tut oder nicht.“


„Woran erkennst du dann, was dein echtes Leben ist?“


Wenn Träume sich so realistisch anfühlten wie dieser hier, woran sollte er erkennen, ob er nicht generell träumte? Woran sollte er erkennen, dass sein bisheriges Leben nicht auch ein Traum gewesen war? Doch was war schlimmer? Etwas zu träumen, was er nicht wollte oder in einem Leben gefangen zu sein, das nur ein Traum war?


„Mach nicht so ein Gesicht.“ Hannes grinste immer noch. „Wenn das mein Traum wäre, hätte ich längst jeden Wunsch erfüllt, den ich oder mein Vater je hegten. Du sicherlich auch, oder?“


Jamie erinnerte sich an den missglückten Versuch, seine Wanderstiefel herbeizurufen. „Dann bin ich tatsächlich ins Spiel gesaugt worden?“, erwiderte er, aber der Junge schritt bereits weiter voran.


Hannes führte ihn tiefer in das Dorf, schlug nun Umweg für Umweg ein. Unzählige Männer und Frauen waren auf den Straßen unterwegs, beluden Karren und Wagen oder putzen die Fenster blitzblank. In den Häusereingängen knüpften Mädchen Girlanden und dekorierten die Fassaden mit roten Tüchern, Schlaufen und Schleifen. Jamie musste sogar eine besonders Übermütige abwehren, die darauf bestand, ihm eine Blume ins Knopfloch zu stecken. „Damit wir uns wiederfinden“, hatte sie mit roten Wangen und vor Verlegenheit erstickter Stimme gemurmelt. Abgesehen davon wich Jamie den Umstehenden so gut es ging aus, während Vorräte hineingetragen, Bühnen und Stände aufgebaut und mit Planen vor eventuellen Regengüssen abgedeckt wurden. Das Hämmern der Arbeiter, das Lachen der Mädchen und die konfusen Proben einer Gruppe Musiker steigerten in ihm nur das Gefühl der Einsamkeit.


„Viele Händler versammeln sich zum Fest in Brior, um die Geschäfte für die Sommermonate auszuhandeln. Jeder, der die Strecke zurücklegen kann, ist für die kommenden Tage unser Gast“, erzählte Hannes derweil. „Du hast dir den besten Zeitpunkt im Jahr ausgesucht, Jamie.“


Was nutzte die schönste Zeit, wenn er sie mit keinem Bekannten teilen konnte? Dabei begegneten Jamie in Träumen oft Leute aus dem Alltag. Sein Vater. Mitschüler. Olive. Nur nicht hier.


„Weißt du überhaupt, wohin du willst?“, zweifelte Jamie nach einer Weile.


„Ich dachte, wir haben noch Zeit, kurz meinen Vater zu sehen.“ Hannes warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Natürlich hätte ich Sie ... zuerst fragen sollen.“


„Wie willst du deinen Vater in diesem Durcheinander finden?“, fragte Jamie und die Unsicherheit verschwand aus Hannes’ Augen.


Der Junge winkte ab. „Um diese Zeit trifft er sich mit seinen Freunden. Dies machen sie alle zwei Wochen im Roten Blättle.“


Das ist ein bisschen wie die Wander-Stammtische meines Vaters, dachte Jamie und folgte schweigend.


Hannes steuerte auf ein längliches Haus mit breitem, rotem Vordach zu. Darunter reihten sich voll besetzte Tische und Bänke auf. Von allen Seiten stürmten fremde Gerüche auf Jamie ein, als würde er durch einen Nebel aus Geschmacksrichtungen schreiten. Hübsche Kellnerinnen eilten umher, strahlten die Gäste an und sorgten für allgemeine Heiterkeit. Jamie traute seinen Augen kaum, als er sah, wie ein Mann aus einem Flaschenkürbis trank.


Jamie hatte mit einem holzvertäfelten Wirtshaus gerechnet. Doch wie sooft in diesem Traum hatte er falsch gedacht. Im Zentrum der Tische wuchs ein gewaltiger Farn, dessen Arme bis zur Decke reichten und die Spitzen die Ecken kitzelten. Überall am Farn baumelten dunkle, fast braune Kugeln, Früchte, schlussfolgerte Jamie, die ein sanftes, erdiges Licht ausstrahlten. Drumherum schlängelte sich ein ovaler Tresen, an dem ein Koch gut sichtbar mit mehreren Schüsseln, Pfannen und Töpfen zugleich werkelte.


Hannes beschleunigte seine Schritte. Jamie hielt stattdessen inne, überfordert von den Eindrücken und den lauten Gesprächen, die durch den Gastraum schwappten. Seine Starre zog längst die ersten Blicke auf sich. Was würde geschehen, wenn er Hannes im Getümmel verlor? An wen sollte er sich wenden, ohne zu groß aufzufallen?


„Nicht trödeln“, scherzte jedoch der Bauernjunge, packte ihn an der Schulter und zog Jamie mit sich.


Hannes‘ Vater saß in einer Runde aus Bauersleuten an einem Tisch am Rand des Gasthauses. Dass alle in der Landwirtschaft tätig waren, reimte sich Jamie an ihren sonnengebräunten Gesichtern, breiten Schultern und schwieligen Händen zusammen.


„Vater!“, rief Hannes und einer der Männer drehte sich um. Er war nicht groß, dafür kräftig gebaut. Haar und Vollbart ergrauten bereits, Lachfältchen kräuselten sich um seine Augen.


„Hannes, wolltest du heute nicht …“ Sein Blick fiel auf Jamie. „Kenne ich dich, junger ...“ Da rauschte Hannes herbei und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sein Vater riss überrascht die Augen auf und klopfte Hannes dann auf den Rücken, als hätte er seine Sache gut gemacht.


„Was ist denn jetzt?“, fragte einer der anderen Bauern ungeduldig. „Wer ist der Fremde?“


Hannes zappelte auf der Stelle, er unterdrückte mühsam die Freude über den Wanderer Briors. Jamie hingegen schluckte ein reflexartiges „Das muss ich noch überdenken“ hinunter.


„Erinnerst du dich nicht mehr an mich, Junge?“, rief Hannes‘ Vater aus, erhob sich und schloss Jamie in eine feste Umarmung. „Ich bin’s. Doonay!“


Jamie musste die Verblüffung nicht spielen.


„Dein alter Onkel Doonay.“ Er deutete auf einen Stuhl. „Setz dich doch. Und mach nicht so ein Gesicht, ich habe dich nach all den Jahren ebenso wenig wiedererkannt. Wie lange ist es her? Ich weiß es nicht!“ Er lachte fröhlich. „Letztes Mal konntest du kaum auf einen Pilzhocker klettern. Mittlerweile schauen sich sicherlich alle Mädchen nach dir um, während ich nur Falten und graue Haare vorweise.“


„Hallo O-onkel Doo-nay“, stammelte Jamie.


„Wer ist das denn nun?“, wiederholte einer der Männer am Tisch.


„Einer der Großcousins meiner Frau, er wollte uns wohl mit seinem Besuch überraschen“, antwortete Doonay rasch. „Erinnert ihr euch an ihren jüngsten Bruder? Seine Witwe hat noch zwei weitere Male geheiratet und Jamie ist doch vom Vater mit in die Verbindung gebracht worden.“ Doonay wedelte auffordernd mit der Hand, als erwartete er ein „Ja, klar, wir wissen ganz genau, von wem du da sprichst“.


Niemand bohrte weiter nach.


Jamie sandte Hannes einen fragenden Blick, aber der Bauernjunge zuckte nur mit den Schultern und setzte sich direkt neben ihn. „Habt ihr schon gegessen?“, fragte Hannes betont ruhig, fast wie gezwungen.


„Wir haben bereits bestellt“, meinte einer der Männer und winkte sogleich einer Kellnerin. „Noch mal zwei mehr!“, rief er und das Mädchen nahm die Bestellung sofort auf.


„Ich habe gar kein …“, wollte Jamie erwidern, schließlich hatte er kein Geld dabei.


„Geht auf mich“, grinste Doonay. „Du gehörst praktisch zur Familie und hast nach deiner Anreise bestimmt Hunger.“


„Du bist heute wirklich großzügig“, spottete einer der Tischnachbarn. Ein bärbeißiger Kerl, der ebenfalls eine Flüssigkeit aus einem Flaschenkürbis schlürfte. „Uns hast du noch nie eingeladen, dabei kennen wir uns wie lange? Dreißig Jahre?“


„Vielleicht würde ich das, wenn du dich nicht immer wie ein Holzkopf aufführen würdest.“


Für einen Moment betrachtete Jamie das Treiben. Es kam ihm alles so unwirklich vor. Nicht einmal die relativ normale Geste, wie eine Bedienung herbeizurufen, beruhigte seine Nerven. Lediglich das Grummeln in seinem Magen kam ihn vertraut vor. Er hatte tatsächlich Hunger.


Ein paar Minuten später, in denen Jamie Gesprächen über fruchtbaren Boden folgte, brachten zwei Mädchen übervolle Tabletts. „Die Spezialität des Hauses“, flötete eine Kellnerin wie bei einem Singsang und eilte davon, um die restlichen Gerichte zu holen.


Erneut erfasste Jamie ein Schwindelgefühl. Früher hatte es ihn nicht gestört, dass manche Computerspiele kurz abblendeten, um von einem Video zum nächsten zu wechseln oder automatisch zu speichern. Wenn ein neuer Speicherstand in diesem Traum eine Ohnmacht bedeutete, wollte Jamie nur noch aufwachen.


„Ich bin gleich wieder da“, murmelte er und tastete vergebens seine Nase nach der 3D-Brille ab.


„Die Toiletten sind hinterm Haus!“, dröhnte Holzkopfs Stimme und Jamie nickte knapp.


Auf der Rückseite des Gasthauses entdeckte Jamie eine Gasse, die kaum breit genug war, um Waren heranzuschaffen. Hauswände drängten zu beiden Seiten in die Höhe, verschluckten die Straßengeräusche und verdeckten die seltsamen Sonnen. Jamie lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand, holte tief Luft und suchte nach einem beruhigenden Gedanken. Olive. Bestimmt würde Olive an seinem Bett sitzen, wenn er im Krankenhaus aufwachte. Sie würde ihm lächelnd einen Kuss aufdrücken, bevor sie ihm eine Standpauke hielt, dass sie sich Sorgen gemacht hatte. Im Anschluss würden sie darüber lachen, was er sich gerade zusammenträumte.


„Alles in Ordnung bei dir?“


Warum sind alle Leute hier so unglaublich freundlich? Er wollte nicht von jedem gegrüßt, ausgefragt und gemustert werden. „Ich vertrag Menschenansammlungen nicht“, seufzte Jamie, immer noch mit geschlossenen Augen. Die Situationen, in denen er von einem Pulk umringt gewesen war, beschränkten sich auf die Zusammentreffen mit Kyle. Der ihn im Kreise der Schaulustigen blamierte, fertigmachte und an ganz schlimmen Tagen verprügelte.


„Darf ich dir trotzdem Gesellschaft leisten?“ Glockenhell hallte die Stimme durch die Gasse. Angenehm fröhlich im Vergleich zu den überschwänglichen Rufen im Gasthaus.


Jamie blickte auf. Zu seiner Verblüffung blickte er in hellblaue, strahlende Augen; ein Mädchen musterte ihn besorgt. Ungewollt glitt Jamies Blick über ihre hohen Wangenknochen und den langen geflochtenen Zopf, der sich von ihrer Schulter bis hin zu den Brüsten wand. Sie war schön, auf eine einfache, erfrischende Art. Die Kleiderwahl der meisten seiner Mitschülerinnen folgte dem Grundsatz: je weniger Stoff, desto besser. Das Mädchen vor ihm trug ein Schürzenkleid aus verblichenem Leinen, auf dem einst Blumen abgebildet waren und der Saum endete unterhalb des Knies. Darunter bauschte noch ein mit Rüschen verzierter Unterrock hervor.


Jamie nickte zaghaft, sodass das Mädchen sich schwungvoll auf eine Kiste ihm gegenübersetzte. Was jetzt? Sollte er etwas sagen? Der Durchgang war so eng, als sie ihr Bein überschlug, streifte ihre Fußspitze seine Jeans.


Strahlend blaue Augen suchten seinen Blick, hielten ihn gefangen. „Bist du ein Händler?“, fragte das Mädchen.


Jamie schüttelte den Kopf.


„Oh, du siehst wie einer aus. Also lebst du in Brior?“


„Ähm ... bin zu Besuch.“ Er wollte Doonays Ausrede nicht platzen lassen.


„Weißt du, worauf ich mich freue?“ Mit einem Lächeln beugte sie sich vor, als wollte sie ihn ein Geheimnis einweihen.


„Nein. Verrätst du es mir?“


„Meine Schicht endet bei Sonnenuntergang, wenn ich mich beeile, kann ich noch dabei sein, wie die Bombax-Bäume im Dämmerlicht die Farben wechseln. Sie sind dann nicht mehr weiß, sondern rot, blau, violett, manchmal sogar orange oder pink.“


„Das ist bestimmt ein besonderes Spektakel.“


Sie nickte. „Seitdem ich in Brior bin, regnete es. Heute ist vielleicht meine einzige Chance.“ Ihre Wangen färbten sich rosa. „Du könntest mich begleiten.“


Was war denn mit den Mädchen in dieser Welt los? Das war schon das zweite Mal. „Du willst dich mit mir verabreden?“


Die Kellnerin biss sich auf die Lippen. „Möchtest du?“


Er starrte sie mit offenem Mund an. Hin und her gerissen zwischen der Frage, ob dies nun ein Traum oder Wirklichkeit war.


Sie lachte erneut. „Ich sollte wieder rein gehen, bevor die Besitzer sich aufregen. Geht es dir besser?“


„War die Einladung also nur eine Ablenkung?“


„Vielleicht“, flötete sie. „Vielleicht auch nicht. Das siehst du, wenn du bei Sonnenuntergang am östlichen Dorfeingang erscheinst.“


Jamie hielt ihr schnell die Hand hin, um ihr von der Kiste zu helfen. Sicherlich hätte sie es allein geschafft, aber er wollte höflich sein. „Danke für die Ablenkung.“


Für einen Moment umschloss sie seine Finger. Eine angenehme Wärme ging von der Berührung aus. „Die meisten prahlen sofort, wie reich sie sind oder wie viel Land sie besitzen. Du bist anders“, stellte sie fest. Ihre Augen leuchteten vor Freude. „Das mag ich.“


Bevor Jamie etwas erwidern konnte, eilte sie zurück ins Lokal. Er gab sich Mühe, ihr nicht auf den aufbauschenden Rock zu starren. Oder auf die weiße Schleife, die ihre Schürze an den Hüften verschnürte. Als würde die Kellnerin seinen Blick spüren, wackelte sie bei jedem Schritt mit ihrem Hintern, Jamie folgte ihr mit einem Grinsen.


Wieder im Gasthof verschwand sie im Gedränge und Jamie trottete an seinen Tisch. Die Männer hatten bereits mit dem Essen begonnen, lediglich Doonay und Hannes warteten auf ihn. Jamie schämte sich für einen Augenblick, setzte sich daher kleinlaut an seinen Platz. Anstatt eines Vorwurfs, wo er denn abgeblieben war, wirkte Hannes nur erleichtert.


„Hier die letzten beiden Bestellungen“, flötete eine mittlerweile bekannte Stimme. „Entschuldigt bitte die Verspätung. Ich musste mich noch um etwas Wichtiges kümmern.“


Die Kellnerin aus der Gasse beugte sich vor und stellte vor Jamie eine dampfende Schüssel ab. Um ihr nicht auch noch in den Ausschnitt zu starren, erwiderte er ihren Blick und erntete dafür ein Zwinkern. „Bis heute Abend“, flüsterte sie und eilte zum nächsten Tisch.


„Warte mal“, rief Jamie ihr hinterher.


Sie drehte sich sofort zu ihm um, die Wangen zartrosa vor Verlegenheit. „Ist etwas nicht zu deiner Zufriedenheit?“


Jamie winkte ab. „Nein, du hast mir gar nicht verraten, wie du heißt?“


„Lanasapa Napakambi.“ Sie kicherte. „Du kannst mich Lana nennen.“


Mit einem letzten schelmischen Grinsen machte sie sich wieder an die Arbeit. Jamie schluckte unbehaglich. Nie hatte ein Mädchen in aller Öffentlichkeit so mit ihm geflirtet.


„Hannes, dein Großcousin ist ja ein ganz fixer!“, spottete Holzkopf. „Das Essen ist noch brühend heiß und schon hat er sich das Herz der Kellnerin gesichert.“


Die Männer brachen in Gelächter aus, als Jamie mit dem Bauernjungen einen unsicheren Blick tauschte.


„Der hübschesten Kellnerin!“, grölte ein weiterer. Die Gespräche im Restaurant nahmen weiter an Lautstärke zu. Ein Tisch musste den nächsten übertönen, sodass die restlichen Gäste untereinander fast schrien. So ging es reihum.


Unschlüssig starrte Jamie auf das Holztablett mit der großen, dampfenden Schüssel. Die anderen Männer am Tisch löffelten, schlürften und schmatzten bereits genüsslich. Er senkte ebenfalls den Kopf, um nicht aufzufallen.


„Wasserspinatsuppe mit Eddo, das leckerste Gericht der Gegend“, flüsterte Hannes sogleich.


Der Wasserspinat erinnerte ihn von seiner Farbe an das tatsächliche Gewächs und in der klaren Brühe schwamm eine Vielzahl bunter Kräutern. Nur dieses Eddo wirkte seltsam neben seiner Suppenschale. Groß wie seine Faust und rund wie ein Brötchen. Helle und dunklere Streifen zwirbelten sich zu einer Spirale. Wie bei einem Campinobonbon.


„Taroblätter werden getrocknet, zu Mehl gerieben und zu Brot gebacken“, erklärte Hannes leise. „Eigentlich kann man daraus alles machen. Seile, Verbände, Kleber …“


Seile? Kleber! Na guten Appetit.


„Willst du mich auf den Arm nehmen?“, zischte Jamie.


„Natürlich nicht, ich wollte dir das Essen erklären. Warum sollte ich dich jetzt tragen?“


„Das meinte ich nicht so. Es ist eine Redewendung, ein Wortspiel, wenn ...“


„Was murmelt ihr zwei denn da?“, fragte einer der Männer am Tisch und hielt beim Schlürfen inne. „Ihr wisst schon, dass Geheimnisse am Mittagstisch nicht erlaubt sind. Spuckt’s aus.“ Zur Untermalung seiner Worte versprühte er eine Salve aus Suppe und Speichel.


Jamie blinzelte hektisch und Hannes blieb der Mund offen stehen. Schnell legte Doonay den Löffel beiseite und griff ein. „Ich sage doch, du bist ein Holzkopf! Was werden die Jungen wohl bereden? Die flüstern über Mädchen!“


Die Männerrunde brach erneut in schallendes Gelächter aus und begann darüber zu prahlen, wie hübsch ihre Frauen früher beim Bombax-Fest ausgesehen hatten. „Du erkämpfst dir eine zarte Blüte und mit den Jahren verwandelt sie sich in eine vertrocknete Taroknolle“, scherzte einer.


„Heute trägt meine Frau nur noch Bombax-Rot im Gesicht, wenn sie mich vor Zorn anbrüllt“, meinte ein anderer.


„Wir wollen euch nicht entmutigen, seht es nur als Warnung an.“


„Mach uns einfach nach, Wanderer“, flüsterte Hannes‘ Vater in einem unbeobachteten Moment, brach ein Stück seiner Schale ab und krümelte sie in die Suppe.


Jamie betrachtete die Schale genauer. Das ist ein riesiger, ausgehöhlter Pilz. Seine Mutter würde diese Variante lieben.


Da umschlangen die Pranken des Holzkopfes Doonays Gefäß und zogen es zu sich.


„Hast du dein letztes Bisschen Verstand verloren?“, fragte Doonay scharf.


„Was?“, erwiderte der Angesprochene. Die erste Suppenschale war unbemerkt verschwunden, Doonays nahm nun ihren Platz ein. „Du hast deinen Löffel abgelegt. Jeder weiß, dass wenn man beim Essen seinen Löffel niederlegt, derjenige fertig ist, und der Teller für den nächsten freigegeben ist.“


„Ich habe noch nicht angefangen.“


Holzkopf wies auf das Beweisstück. „Regeln sind Regeln. Guten Appetit.“


„Deswegen“, seufzte Doonay und winkte eine der Kellnerinnen heran, „lädt dich niemand ein, Holzkopf! Du kommst definitiv nie zu kurz.“ Die anderen Anwesenden prusteten und machten sich wieder über ihre Suppen her. Jamie wiederum befolgte Doonays Ratschlag. Den ersten Löffel hob er noch zögernd an die Lippen, unsicher, was ihn erwartete.


„Was ist, Hannes?“, fragte einer der Männer nach einer Weile. „Versuchst du es dieses Jahr erneut beim Fest?“


„Nein“, erwiderte der Junge geknickt.


„Was versuchen?“, hakte Jamie nach, aber Hannes sackte völlig in sich zusammen. Allein die Erinnerung quälte ihn.


„Schlimmer als letztes Mal kann es nicht werden“, mischte sich Holzkopf mit ein, doch Doonay brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen.


„Was hast du denn?“, brummte er zurück. „Dein Junge hat noch eine weitere Chance!“


Anstatt etwas zu erwidern, rührte Hannes in seiner Suppe herum.


„Belassen wir es dabei“, meinte Hannes‘ Vater und beendete damit das Gespräch.


 


 


Jamie wusste nicht, wie er das Schweigen deuten sollte, welches während des restlichen Essens vorgeherrscht hatte. Dieses Schweigen, das sonst ausbrach, wenn sich Olives Familie zu Geburtstagsfeiern traf und die unbeliebte Tante eine Gemeinheit fallen ließ. Nur fühlte er sich wie jene unbeliebte Tante.


Daher war Jamie erleichtert, dass Hannes sein Schweigen von allein aufgab, sich ohne Vorwarnung vom Tisch erhob und meinte, dass sie weiter müssen.


Nach der anfangs fröhlichen Mittagsrunde begleitete Doonay die beiden Jungen bis zum Dorfrand und schärfte dabei seinem Sohn wiederholt ein, keine Umwege einzuschlagen. „Ich treffe mich heute mit einem Händler aus Brenn.“ Doonay wuschelte Hannes durch die Haare. „Wünscht mir Glück, dass ich einen guten Preis erziele.“


Jamie sprach, so schnell es ging, „Viel Glück“ aus. Er schuldete Doonay zwei Mahlzeiten und wollte sich unbedingt dankbar zeigen.


„Mein Vater braucht kein Glück“, erwiderte Hannes jedoch voller Stolz. „Besseren Taro als unseren findest du in ganz Brior nicht. Oder hat dein Essen etwa nicht geschmeckt?“


Auf der Rückseite der Siedlung erstreckten sich weite Taro-Felder und Hannes erzählte ihm, wozu man diese Allzweckpflanze noch verwendete. Jamie erinnerten die in Senken liegenden Anbauflächen an japanische Reisfelder. Auch ihr Weg führte auf einem höher angelegten Kamm zwischen den Pflanzen hindurch. Taro besaß viel Ähnlichkeit mit übergroßen Seerosengewächsen. Nur, dass die Blätter nicht auf der Wasseroberfläche auflagen, sondern von der Pflanzenmitte schräg gen Himmel wuchsen.


„Der Wirt kann uns nicht weiterhelfen?“, hakte er nach, weiterhin an den RPG-Regeln festhaltend.


„Den würde ich freiwillig nie was fragen. Er gibt dir nicht mal ein Schälchen Salz, wenn du nett darum bittest. Bei Informationen ist er sogar noch geiziger. Ich bringe dich zum Dorfältesten.“


Dagegen konnte Jamie keinen Protest einlegen. Ein weiser, grauhaariger Greis hatte ebenfalls etwas Klassisches an sich. „Was ist das für ein Mann?“


„Das wirst du schon sehen, wenn wir da sind, Wanderer“, meinte Hannes geheimnisvoll. Jamie entging jedoch nicht sein Lachen in der Stimme. Vergessen war das unangenehme Schweigen.


Dennoch seufzte Jamie still bei seiner Betitelung als Wanderer. Der Sinn eines Wanderers wäre, stets unterwegs zu sein. Oder wie sagte sein Vater gern: Wandern macht bewandert. Jamie hingegen wollte sofort den Sinn hinter seiner Traumreise erfahren. Aber ihm schwante, dass er erst viele Strecken zurücklegen und Leute befragen musste, bevor er Antworten fand.


Zunächst muss ich mir Mühe geben, bei Hannes‘ Lauftempo Schritt zu halten. Das ist ein reines Ausdauertraining. Zum Glück habe ich eben meinen Energiebalken aufgeladen.


Der Weg entlang der Felder stieg leicht an und endete an einer hölzernen Plattform, auf der mehrere Bauten angesiedelt waren. Jamie fragte sich, warum der Bürgermeister so weit außerhalb des Dorfes lebte. Hinter den Gebäuden durchzogen lediglich ein paar Flüsschen die Ausläufer eines Waldes. Nur der gewaltige Turm, den er fälschlicherweise als Bestandteil von Brior gedeutet hatte, lag noch weiter außerhalb.


Jamie hielt am Übergang zur Plattform inne, während Hannes unbeeindruckt weiterging. Er war nicht feige, doch die unzähligen Holzpfähle, die man mit Seilen zu dieser schwimmenden Insel zusammengeschnürt hatte, wirkten keinesfalls stabil. Der Bauernjunge drehte sich zu ihm um, als ahnte er seine Bedenken. „Keine Sorge, Wanderer.“ Wie zum Beweis stampfte er mit dem Fuß auf. „Unser Bürgermeister gibt gut auf uns acht. Er würde uns niemals wissentlich in Gefahr bringen.“


Eines war zumindest in jeder Welt gleich. Wenn man Zeit von einem Politiker wollte, harrte man erst bei der Sekretärin im Vorraum aus. Diese beachtete einen so wenig wie möglich, und gab sich beschäftigt. Auch Hannes und Jamie übten sich in Geduld. Nur, dass Hannes wie wild auf einem Holzschemel zappelte und mit den Füßen auf und ab tippte. Jamie dagegen saß gelangweilt auf einem Hocker mit viel zu dünnen, knarrenden Stuhlbeinen. Es gab kein gemütliches Sofa mit einem Kaffeetischchen voller Zeitschriften. Jamie erblickte nur ein übergroßes, auf den ersten Blick leeres Aquarium, in dem angeknabberte Pflanzen schwammen. Auf einem kleinen Beistelltischchen stand ein Tablett mit mehreren Gläsern und einer Schöpfkelle. Um sich abzulenken, befüllte er zwei Gläser und reichte Hannes eines. In Gedanken versunken trank der Junge und spuckte die Flüssigkeit sofort wieder aus. „Spinnst du?“


„Was? Das steht hier schließlich und …“


Hannes sprang auf. Ehe Jamie ausweichen konnte, hielt der Bauernjunge ihm den Rest aus seinem Glas an die Lippen. „Trink.“ Jamie starrte ihn nieder und schüttelte den Kopf, doch Hannes ließ sich nicht erweichen. „Trink schon.“


Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Es schmeckte wie alte Socken und roch nach vergammelnden Pflanzen. Bitter. Einfach ungenießbar.


„In Brior gibt es vieles, das nicht für Menschen gemacht ist“, erklärte Hannes schlicht und ließ sich wieder auf seinen Schemel fallen. Er strich sich mit dem Hemdsärmel über die Zunge. „Bäh, das ist so eklig.“


„Das schmeckt nur so eklig, weil du ins Glas gespuckt hast.“


„Von wegen!“


Das nicht trinkbare Wasser bildete nicht das Seltsamste im Vorraum. In Wandregalen standen reihenweise Einmachgläser, große, kleine, dünne, bauchige, die zwar interessant wirkten, dennoch nur zweifelhafte Ablenkung boten. Denn in jedem Glas schwammen grüne, blaue, sogar violette Flüssigkeiten und darin konservierte Absonderliches. Wurzelballen, Muskeln, Augen, Steine, Marmelade? - die Gläser schienen ohne Sinn angeordnet zu sein. Wer bewahrt so etwas in einem Wartezimmer auf?, fragte Jamie sich. Ein verrückter Arzt, Antiquitätenjäger oder ein Wahnsinniger? Nichts in diesem Raum ließ daraufhin schließen, dass Jamie gleich den Bürgermeister treffen würde. Außer er ist ein wunderlicher alter Kauz, der seltsame Experimente durchführt, kam es ihm in den Sinn.


Jamie beobachtete die Sekretärin, doch die studierte wie erstarrt die Papiere auf ihrem Schreibtisch. Von seinem Platz aus konnte er die Schrift nicht lesen, aber niemand brauchte so lange, um eine Seite zu schaffen.


Er trat näher an das Regal. In einem Spiel müsste ich so viel wie nur irgendwie möglich betrachten, lernen, einstecken. Wahllos langte er nach einem Glas und hielt es in die Höhe. Weder ertönte ein Jingle, zum Hinweis, dass er das Item aufgenommen hatte, noch erschien eine Grafik, die ihm erklärte, was er da gefunden hatte. Jamie schielte nach oben. Weiterhin keine Statusanzeige. Dennoch war es von großer Wichtigkeit, Gegenstände einzusammeln. Woher sollte er wissen, ob das Glas oder die blaue Brühe darin nicht nützlich wären? Also versuchte er, den Behälter in den Manteltaschen zu verstauen. Vergeblich. Seine Jeans? Wie er auch zog, drückte und den Stoff ausweiten wollte - der Behälter passte nicht.


„Was soll das? Normalerweise passt doch alles in die Itemtaschen. Selbst komplette Rüstungen und Zweihänder! Sonst müsste man im Spiel ständig drei Karren und fünf Lastentiere hinter sich her zerren.“


Hannes sah ihn verwundert an. Die Sekretärin ignorierte ihn weiterhin und gab vor zu lesen.


Resigniert stellte er sein Fundstück wieder ins Regal. Musste er sich erst eine entsprechende Tasche verdienen? „Das heißt, ich kann erst Power-Ups sammeln, wenn ich so eine Tasche finde?“, grübelte er vor sich hin. „Das ist ätzend. Immer muss man so viel Zeit mit den Anfangsquests verschwenden.“


„Pauer? Was heißt das?“ Hannes runzelte die Stirn. „Allerdings wird dir der Inhalt nicht helfen, Jamie, das ist keine Medizin für Menschen.“


„Für was denn dann? Pferde?“


Hannes grinste und schwieg.


„Der nächste Termin darf eintreten, riddit-ribbit“, drang plötzlich eine Männerstimme durch die Flügeltüren.


Sofort sprang Hannes auf und stapfte los. „Das sind wir“, freute er sich.


Jamie folgte dem Bauernjungen und auf einmal rührte sich auch die Sekretärin. „Macht schnell, sonst entweicht die Wärme“, befahl sie streng.


Er beeilte sich, hinter Hannes einzutreten, damit dieser die Flügeltüren wieder verschloss. Im Büro des Bürgermeisters schlug Jamie eine Wand aus Wärme und Schatten entgegen. Bis seine Augen sich an das matte, rötliche Licht gewöhnten, verharrte er unschlüssig auf der Stelle. Schweiß lief ihm von der Stirn und brannte in seinen Augen, ein paar Minuten länger und er wäre klitschnass.


Jamie rechnete mit dem typischen Mobiliar, fand aber nicht einmal einen Schreibtisch vor. Stattdessen kleidete schwarzes, schieferähnliches Gestein Wände und Boden aus. In einem rechteckigen Becken schwappte Wasser und spiegelte von allen Seiten den dunklen Stein wieder. Er konnte nur ahnen, wie tief es war.


„Vielleicht hätte ich dich vorwarnen sollen. Unser Bürgermeister mag es warm und feucht“, sagte Hannes, während er sich auf eines der Sitzkissen fallen ließ, die um das Becken verteilt lagen.


„Ja, vielleicht hättest du das. Und das kann man echt falsch verstehen.“ Jamie konnte das Gefühl nicht abschütteln, sich in einem Terrarium aufzuhalten. Er ging in die Hocke und strich über den Stein, wohlig warm. Es fehlt nur die Rotlichtlampe und der Leguan, dachte er insgeheim.


„Wie könnte man das falsch verstehen?“, hakte Hannes nach.


„Ähm...“ Wie sollte er das jetzt erklären? Der Junge schien locker fünfzehn Jahre alt zu sein, war er wirklich noch so unschuldig?


„Ich bin gleich für euch da“, rief die Stimme und bewahrte Jamie vor einer Antwort. Bläschen stiegen aus dem Becken auf und zerplatzten. „Macht es euch bequem, ribbit-riddit.“


Jamie nahm dies als Anlass, sich ebenfalls hinzusetzen. Hannes jedoch streifte bereits die Schuhe ab, rollte die Hosenbeine hoch und tauchte seine Füße ins Becken. Kein Gefühl für Anstand, urteilte Jamie in Gedanken. Wenn er beim Stadtrat in seiner Welt einen Termin hätte, würde er nicht leichthin dessen privaten Pool benutzen. Gab es in Ämtern überhaupt Pools? Bestimmt nicht, sonst wären die Leute dort fröhlicher und würden netter auf Anfragen am Telefon reagieren.


Jamie hielt einen Moment inne. Seit wann unterschied er zwischen seiner eigenen und Hannes’ Welt? Das hier ist bloß ein unglaublich realistischer Traum. Bevor Jamie sich mit dem Gedanken auseinandersetzen musste, betrachtete er lieber die spärliche Einrichtung der Höhle. Auch hier stapelten sich Einmachgläser in Wandregalen und die Kugeln eines gewaltigen Leuchtfarns sandten erdiges Licht aus.


„Und du meinst, der Bürgermeister kann mir meine Fragen beantworten?“, zweifelte er.


Ehe Hannes etwas erwiderte, tauchten erneut Bläschen im Becken auf. „Das hoffe ich doch, ribbit-riddit“, erklärte die Männerstimme.


Jamie sah sich nach einer Tür oder einem Nebenraum um, aus der der Sprecher treten sollte, aber die Höhlenwände waren erstaunlich glatt beschaffen. Er wollte Hannes noch ein paar Fragen zum Oberhaupt stellen, erblickte allerdings zwei leuchtend rote Augen, die aus dem Wasser hervorragten. Die schwarzen Schlitze, so groß wie Jamies Hand, waren auf die Jungen gerichtet.


„Hannes“, warnte Jamie und griff nach der Schulter des Bauernjungen. Dann verschlug es ihm die Sprache, denn mit den roten Augen schob sich ein gewaltiger Froschkopf aus dem Wasser, umschlossen von einem Hemdskragen samt Krawatte. Kein Leguan, schoss es Jamie durch den Kopf und das war vielleicht der einzige Grund, warum er nicht erschrocken aufschrie, als sich ein gut anderthalb Meter langer Laubfrosch aus dem Becken erhob.


„Alles in Ordnung mit dir?“, sprach der Frosch.


Jamie versuchte, panisch davon zu rutschen, doch er fiel erneut in Ohnmacht.




Ein widerlicher Gestank stach Jamie in der Nase, als würde ein Tier direkt vor seinem Gesicht verwesen. „Igitt“, rief er und riss den Kopf zur Seite. „War das ein komischer Traum.“


Statt einer Krankenhausdecke oder den hellen Fliesen in seinem Zimmer erblickte er jedoch schwarzes Gestein. Da trat Hannes in sein Blickfeld. „Immer noch kein Traum“, er schwenkte ein Einmachglas mit violetter Flüssigkeit vor seiner Nase und der Gestank nach Fäulnis intensivierte sich. „Oder geht dein Traum sonst auch an der Stelle weiter, an der du unterbrochen wurdest?“


„Verflixter Speicherpunkt. Werd ich jetzt jedes Mal einen Filmriss haben?“ Jamie rollte mit den Augen und schob das Einmachglas zur Seite. Vorsichtig setzte er sich im Terrarium des Dorfältesten auf. Nur, dass der Leguan sich als Riesenfrosch herausgestellt hatte.


„Ich sagte doch, dieses Mittel holt einen selbst aus der tiefsten Betäubung, ribbit-riddit.“ Eine fremde, tiefe Stimme hallte von den Wänden zurück. „Der Geruch brennt einem zwar die Nasenhaare weg und bleibt dir noch zwei Tage erhalten, aber er hilft, hilft immer.“


Jamie drehte sich zu der Stimme um und blickte in das Grinsen eines fast menschengroßen Laubfrosches. Die schmalen Lippen zogen sich weit, das Wesen konnte leicht eine Wassermelone auf einmal verschlucken. Der Frosch lag auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens, die Beine lässig übereinandergeschlagen, den Kopf auf eine Hand gestützt. Doch seine Augen fixierten Jamie aufmerksam. „Hannes, du hättest mir sofort erzählen müssen, warum ihr hier seid“, meinte er vorwurfsvoll.


Der Bauernjunge nickte entschuldigend, während Jamie nicht wusste, wohin er zuerst starren sollte. Das leuchtende Grün des Frosches zog ihn wie magisch an.


„Warum redet dieser Frosch mit mir?“, wandte er sich an Hannes und rutschte vom Rand fort. „Und warum kann ich es verstehen?“ Hannes stellte zunächst das Einmachglas mit der violetten Flüssigkeit zurück ins Regal.


„Ich bin kein Frosch, ich bin der Bürgermeister von Brior, ribbit-riddit.“ Der Frosch wedelte mit den Gliedern seiner Hand. „Und du bist?“


„Jamie.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich rede mit einem Frosch, das ist verrückt.“


Der angebliche Bürgermeister schürzte die Lippen. Gebannt betrachtete Jamie, wie ein Wassertropfen von seiner Krawatte die Haut hinab glitt. „Ich bin Samako Viisas.“


„Hannes, verstehst du ihn auch?“ Der Bauernjunge setzte sich wieder an den Beckenrand und lehnte sich entspannt zurück. Für einen Moment beneidete Jamie ihn um seine Gelassenheit.


„Natürlich, ribbit-riddit“, entgegnete Viisas und blähte seine Wangen wie bei einem Quaken auf. „Allerdings ist Hannes hier aufgewachsen und mein Volk lebt schon seit Jahrhunderten in dieser Gegend. Die Menschen haben sich uns angepasst. Genauso wie die Samako an sie, indem wir zum Beispiel ihre Sprache lernten.“


Na dann quak mal was, dachte Jamie mit einem Seitenblick auf Hannes.


Plötzlich ließ Viisas sich ins Becken gleiten und tauchte mit einem schnellen Schwimmzug direkt vor Jamie auf. Dieser zuckte zusammen, als der riesige Frosch sich neben ihn setzte und eine kalte Hand auf seine Schulter legte. Die Geste sollte wohl beruhigend wirken, doch für Jamie fühlte sie sich nur schleimig und nass an.


„Es wirkt bestimmt seltsam auf dich.“ Viisas quakte zweimal und suchte nach den richtigen Worten. „Aber damit der Fremde in der Fremde sich nicht mehr so fremd fühlt, verleiht der große Merlin Wanderern die Fähigkeit, eine Vielzahl von Sprachen zu verstehen. Das ist dir bestimmt schon aufgefallen, ribbit-riddit.“


Jamie dachte an die Schilder in Brior und die Speisekarte, die er problemlos verstand. Also nickte er zögerlich. Viisas zog nun seine Hand zurück und überkreuzte seine langen Froschbeine.


„Und ihr wollt mir jetzt erklären, dass ich deswegen so ein Wanderer bin?“, zweifelte Jamie. Warum sollte man gerade ihn herholen? Auf Anhieb fielen ihm drei Schüler seiner Stufe ein, die so viel besser geeignet wären als er. Klüger, mutiger, sportlicher waren als Jamie.


„Natürlich, ribbit-riddit.“ Viisas Stimme klang fest und frei von jedem Zweifel. „Du bist ein auserwählter Wanderer.“


„Genau!“, unterbrach Hannes aufgeregt. „Ich bin schon so gespannt, wie sich Brior entwickeln wird dank dir. Was sich alles …“


Viisas hob seine langen Fingerglieder und Hannes‘ freudiger Wortschwall verstummte. „Da überstürzt du etwas, Hannes. Ich verstehe nicht, warum Jamie bei uns aufgetaucht ist, Brior befindet sich in keiner Gefahr.“ Der Frosch fuhr sich nachdenklich über die Lippen.


„Also habt ihr keine Aufgabe für mich?“, wollte Jamie wissen.


Hannes setzte sich aufrecht hin, der Bauernjunge wirkte auf einmal angespannt. „Das stimmt nicht. Die Tanteln haben ihn gejagt und sind bis an den Hof gekommen“, berichtete er.


„Merkwürdig, ribbit-riddit. Deswegen brauchen wir dennoch keinen Wanderer“, winkte Viisas ab. „Tanteln jagen die Waldtiere und jeden, der sich traut, den Hain nachts zu durchqueren. Sie haben Jamie nur als Beute angesehen.“


„Ja, aber …“


„Ah, jetzt erinnere ich mich!“ Der Bürgermeister wandte sich wieder an Jamie. „Hat Merlin dir nicht einen Auftrag mitgeteilt?“


„Merlin soll mir etwas mitgeteilt haben? Ja, klar, eigentlich bin ich ein Ritter der Tafelrunde und Hannes zieht gleich ein Schwert aus einem Stein.“


Der Bauernjunge blickte ihn verwirrter denn je an.


Viisas räusperte sich vernehmlich, wie ein Redner, der sich auf seinen Auftritt vorbereitet. „Von Merlin gesandt, zum Helden ernannt, sein Mut bekannt, sein Wissen ein Garant, erblüht unser Land durch des Wanderers helfende Hand. So lautet die Überlieferung.“


Jamie schnaubte laut auf. Das war doch ein Witz. „Nein! Ich bin mitten im Wald aufgewacht und wurde dann von Monsterspinnen gejagt. Ich weiß nichts! Und ehrlich gesagt, zweifle ich daran, dass ich gerade mit einem Frosch rede. Die Antibiotika, die sie mir im Krankenhaus gegeben haben, müssen ganz schön reinhauen, wenn das hier die Konsequenz ist. Oder die blöde 3D-Brille meines Computerspiels hat mir das Hirn weggebrutzelt.“


Viisas verzog keine Miene und gewährte Jamie sein Aufbegehren. „Genau genommen, bin ich kein Frosch“, meinte er weiterhin ruhig. „Sondern ein Ahne des Urwesen Sama, das größer als der Ernteturm dieses Ortes war und klüger als alle Einwohner zusammen, ribbit-riddit.“ Hannes lachte zumindest über diesen kleinen Scherz.


„Ich verstehe immer noch nicht, was ich hier soll“, gab er zu bedenken. „Anscheinend muss ich eine Aufgabe lösen, okay, nur meinst du gleichzeitig, es gibt keinen Grund für eine Quest. Was denn nun?“


Viisas fixierte ihn mit seinen schwarzen Schlitzen. „Ich möchte dir helfen. Dafür musst du mir auch etwas verraten: Was ist passiert, nachdem du im Wald aufgewacht bist?“


Sollte er wirklich alles preisgeben? Nein. Die Peinlichkeiten würde er verschweigen. Genauso, dass ein Mädchen zu ihm gesprochen hatte, anstatt dieses hoch gelobten Zauberers. Obwohl es sich falsch anfühlte, diese Leute anzulügen, wollte Jamie sich vor diesen Fremden nicht völlig entblößen. Sich völlig lächerlich machen. „Dunkelheit bedroht diese Welt und ich soll nach Westen gehen, um meinen Knappen zu finden.“ Dass er nicht einmal bestimmen konnte, wo genau Westen war, verschwieg er lieber. Hannes schien zu der Sorte Mensch zu gehören, die an irgendwelchen Pflanzen oder Steinen die Himmelsrichtungen ausmachten. Ebenso wie Jamies Vater. Da weder der Bauernjunge noch der Frosch ihn aufzogen, musste er in die richtige Richtung gelaufen sein.


Stattdessen ließ Hannes nun den Kopf hängen, als hätte er eine schlechte Nachricht erhalten.


Viisas hingegen strich sich nachdenklich über die schmalen Lippen und blinzelte unfokussiert mit seinen roten Augen. „Am besten wäre es, wenn du zunächst in Brior bleibst. Ich schicke sogleich nach Hilfe wegen der aufgebrachten Tanteln und erkundige mich, was dein Auftauchen ausgelöst haben könnte. Vielleicht wissen die Alten von Anzeichen, die mir verborgen geblieben sind.“ Der Frosch klang zum ersten Mal wie ein Bürgermeister und nicht wie eine abgedrehte, übergroße Sagenfigur.


„Wer sagt überhaupt, dass ich das möchte?“ Jamie schlug mit der Faust auf den harten Steinboden. Schmerz durchzuckte seine Finger, doch das registrierte er nur beiläufig. „Ihr tut immer so, als würde ich mich darum reißen, euch zu helfen oder zu retten. Dabei wurde ich entführt! Weil es mir nicht gut ging, habe ich mein neues RPG zur Ablenkung gestartet, dann erschien ein blaues Leuchten und ich war im Wald!“


„Das ist genau das Mysteriöse, ribbit-riddit“, meinte Viisas. Seine Wangen blähten sich einen Moment länger als sonst. „Mysteriös ist alles an dir. Normalerweise kommen die Wanderer mit einem Wunsch in unsere Welt.“


„Einem Wunsch?“, hakte Hannes sogleich nach. „Was für ein Wunsch?“


„Alles hat seine zwei Seiten und somit auch einen Ausgleich. Für deine Aufgabe wird dir ein Wunsch gewährt, denn es heißt: Von Merlin gesandt, zum Helden ernannt, sein Mut bekannt, sein Wissen ein Garant, erblüht unser Land durch des Wanderers helfende Hand. So lautet die Überlieferung.“ Für Jamie hätte er sich die Wiederholung ersparen können, doch er mahnte sich zur Geduld. „Glück vermehrt, Streit geklärt, Gefahr abgewehrt, Merlin dem Wanderer einen Wunsch gewährt. So lautet die Überlieferung.“


Es reichte Jamie endgültig. „Das ist Wahnsinn! Ich wurde nicht hierher gesandt“, protestierte er.


„Wenn dich kein Wunsch hierher geführt hat, kann ich auch verstehen, warum du Brior verlassen möchtest.“ Auch Viisas senkte nun den Blick.


Schnaubend schritt Jamie bereits zur Tür. Er wollte diese Bürde nicht! Niemand hatte ihn gefragt, ob er überhaupt hier sein wollte. Er würde aus Brior verschwinden, einfach irgendwohin, bis dieser Traum ein Ende fand. Und wenn es nicht aufhört?, dachte er zu seiner eigenen Überraschung. Wo sollte er hin? Er kannte hier niemanden, keine Orte oder Länder, wusste so wenig über diese Welt. Bisher hatte er stets auf Hannes‘ Führung vertraut.


Unsicher warf Jamie einen Blick zurück. Viisas wirkte bedrückt, während Hannes‘ Schultern so tief hingen, als könnte er jeden Moment vornüber ins Becken fallen. Würde dem Jungen Wasser aus dem Mund laufen, er könnte glatt als menschlicher Wasserspeier auftreten. Gerade diese Niedergeschlagenheit zeigte ihm, wie viel Vertrauen und Hoffnung diese Leute in die Sagengestalt eines Wanderers legten.


Was ist schon dabei?, überlegte Jamie. Ich habe so viele Aufgaben und Rätsel innerhalb von RPGs gelöst, ich weiß doch, wie so etwas funktioniert. Also müsste es ganz schnell gehen, diesem Dorf zu helfen.


„Falls“, er zögerte, „ich in Brior bleibe, was passiert dann?“


Bevor der Bürgermeister antworten konnte, sprang Hannes jubelnd auf. Wie schnell sich die Stimmung des Jungen änderte. Er strahlte wieder wie in dem Moment, als er Jamie als Wanderer erkannte.


„Langsam, langsam, Junge“, meinte Viisas und hob abwehrend die Froschglieder. „Zunächst liegt es am Wanderer, sich besser anzupassen, ribbit-riddit.“ Seine Wangen blähten sich auf und er musterte Jamie von Kopf bis Fuß. „Viel zu auffällig, sogar beim Trubel des Bombax-Festes. Wer weiß, wem es noch auffällt, wenn wir nicht vorsichtig sind?“


„Ich helfe ihm!“, brach es aus Hannes hervor und Jamie lächelte über den Enthusiasmus. „Ich kann ihm alles erklären und er kann auch bei mir …“


„Nein!“ Viisas hob zum ersten Mal die Stimme. „Ich schätze deinen guten Willen, aber guter Wille wird ihn nicht vor den Tanteln schützen. Unser geschätzter Wanderer bleibt hier, sagt einfach meiner Empfangsdame, er sei mein Gast. Der Wirt des Roten Blättle ist ein langjähriger Freund von mir, er wird dir bestimmt eine Unterkunft bieten.“


„Ich habe ihn gefunden“, begehrte Hannes auf und Jamies Lächeln gefror sogleich. Er war doch keine Actionfigur oder ein Teddybär, den ein Kind im Park liegen gelassen hatte.


„Lass es für heute gut sein, mein guter Junge.“ Viisas streckte die Arme über den Kopf und watschelte Richtung Beckenrand. „Die Ältesten werden sicherlich erfreut sein, vom nicht so erfreuten Jamie zu hören. Vielleicht weiß ich Morgen bereits mehr, ribbit-riddit.“


Nach diesen Worten machte der Frosch einen Kopfsprung ins Becken, sodass das Wasser klatschend aufspritzte. Während Jamie sich die Tropfen aus dem Gesicht wischte, tauchte Viisas in die dunklen Tiefen ab.




 


KAPITEL VIER


 


 


Das Sonnenlicht bildete bereits lange Schatten zwischen die Bäume des Schattenhains. In der sonst farbenfrohen Landschaft lag er wie ein Panther auf der Lauer und so verdiente der finstere Wald seinen Namen redlich.


„Eine saublöde Idee!“, schimpfte Jamie lauthals und schlug mit der flachen Hand gegen einen harmlosen Busch. „Wie war das? Es ist ganz einfach, den Weg zu finden?“ Einmal wollte er ein Mädchen beeindrucken und dann vermasselte er es gründlich bei Lana. Vor Stunden hatte er den sonnendurchfluteten Hain betreten und sich auf die Suche nach dem roten Plastikeimer gemacht. Er wollte den Weg zurückgehen, den er während seiner Flucht genommen hatte. Diese seltsame Lichtung, auf der die Unsichtbare zu ihm gesprochen hatte, war vielleicht die einzige Chance, nach Hause zu gelangen. Doch Theorie und Praxis lagen himmelweit auseinander. Gefühlt durchquerte er den kompletten Schattenhain – keine Spur von der Lichtung. Pinke Häschen, Miniaturdachse. Ihm begegnete so einiges Getier, aber er fand weder den roten Eimer noch den Weg zurück nach Brior.


Als der Sonnenuntergang den Wald in Dämmerlicht tauchte, hatte Jamie eine üble Vorahnung erfasst. Er fühlte sich wie eine Maus, die es aus ihrem Käfig geschafft hatte und nun vor der Katze kauerte. Eine Maus, die ahnte, dass ihre Freiheit nicht lange anhalten würde.


Jamie setzte sich auf eine niedrige Felsformation, den Kopf auf den Händen gestützt, hungrig, durstig und verloren. Oder bin ich die Ratte, die sich im Labyrinth verlaufen hat, weil ich so engstirnig war und alle im Stich ließ?


Jamie linste zur Seite. Nein, auch auf magische Weise offenbarte sich ihm nicht der rote Eimer. Er warf den Kopf in den Nacken und versuchte, die Himmelskörper ausfindig zu machen, damit er wenigstens irgendeinen Hinweis bekam. Der blaue Fixstern leuchtete schwach im Zenit, während die blasse Scheibe auf der einen Seite des Himmels bereits verschwunden war. Ihr gegenüberliegend, tauchte die Sonne die Baumwipfel in blutrotes Licht. „In Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter“, murmelte Jamie niedergeschlagen. Moment, ein Reim!


„Mein Finger geht im Kreise, auf eine kurze Reise, und bleibt mein Finger stehen, darfst du gehen“, lachte er halb verzweifelt, halb belustigt, weil seine kleine Schwester ihn damit tausendundeinmal genervt hatte.


Schließlich wandte Jamie sich nach rechts, um seinen Weg fortzusetzen. Der Wald kann ja nicht ewig weitergehen, hoffte er inständig. Bevor er jedoch den ersten Schritt wagte, zerriss ein Knacken die nächtliche Stille. Eigentlich brach nur ein kleiner Ast, doch in Jamies Ohren dröhnte das Geräusch so laut, als knallte ein Gewehrschuss in direkter Nähe.


Da! Zu seiner linken, ein Knacken. Und da! Wieder zu seiner rechten.


Panik ergriff Jamie. Bestimmt schleicht hier nur ein harmloses Tier durchs Unterholz. Trotzdem konnte er nur an Wölfe, Bären und an die Spinnen denken. Vor allem an die Monsterspinnen. Was hatte er erwartet? Schon bei den allerersten Zeltausflügen mit seinem Vater hatte ihn dieser gewarnt, sich nachts nicht vom Feuer und vom Zelt zu entfernen.


Ein Klicken und Kratzen, als wenn etwas Scharfes über Stein reibt oder zwei Messer aneinander schlagen, riss Jamie aus seinen Gedanken. Tanteln. Er warf einen letzten Blick über die Schulter und wünschte sich jäh, eine andere Entscheidung getroffen zu haben. „Menü“, stöhnte Jamie auf und wischte mit der Hand durch die Luft. „Log out!“ Kein Notausgang. Keine Möglichkeit sich auszuloggen.


Stille kehrte wieder in den Wald ein, dafür spiegelten sich nun einige Sterne zwischen den Bäumen. Kleine weiße Punkte blitzten auf - starrten ihn an.


„Was ist das nur für eine schreckliche Welt, in der ich ständig abhauen muss?“, zischte Jamie und stieß sich vom Felsen ab. Er rannte los. Rannte, so schnell er konnte.


 


 


Ende der Leseprobe.


Taschenbuch sowie E-Book erhältlich ab Oktober 2014.


 


über die Autoren


 


 


Cornelia Franke, 1989 in Mönchengladbach geboren, studierte Kulturwissenschaften und arbeitet als Lektorin. Dazu engagiert sie sich für die kreative Schreibförderung an Grundschulen. Film- und kinoversessen, liebt sie es außerdem zu bloggen, neue Kochrezepte auszuprobieren oder stundenlang mit ihrer Kamera durchs Grüne zu wandern.


Den Traum, Bücher zu schreiben, fasste sie schon früh, ihr erstes Kinderbuch "Timmy und die Allergomörder" veröffentlichte sie 2010. Mit ihrem Mann Dominic lebt und schreibt sie zusammen in Berlin. 2015 erscheint bei cbt ihr vierter Roman.


Weitere Informationen zu ihren Büchern findet man unter www.corneliafranke.org


 


 


Dominic Franke, Jahrgang 1982, wurde in Berlin geboren, lernte zunächst einen Bürojob, der ihm jedoch zu monoton erschien. Sein Motto lautet "Nutze die Zeit, die du hast, für etwas, das dir Spaß macht", daher begann er Drehbücher zu schreiben. Seit 2008 arbeitet er zusammen mit seiner Frau, Cornelia Franke, an ihren Büchern.


 


 


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