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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Jagd der Schatten, Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe

Jagd der Schatten


Absecon 2

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Prolog
Januar 2026
Insel Balta, Schottland


Niemals zuvor hatte ein grauer Stein so viel bedeutet wie in diesem Augenblick. Der Findling ragte schräg in den Himmel, an seiner Spitze nahezu hüfthoch. Hinter ihm glitzerte die Wasserlinie rhythmisch im Licht des Leuchtturms. Das schlanke Gebäude wirkte verhältnismäßig neu und schien nur dem Zweck zu dienen, sie zu verhöhnen oder in eine Falle zu locken. Dieses Leuchtfeuer prophezeite gewiss nicht ihre Rettung, und es würde auch kein Schiff darauf zuhalten. Leslie hatte nicht einmal ein Fischerboot gesehen, seitdem sie auf der Insel aufgewacht war, mitten im Nichts, halb erfroren mit feuchtem Gras an den nackten Beinen und Erdklumpen unter den Nägeln. Niemand war hier außer ihr, Abby – und ihnen. Und sie brauchten keinen Leuchtturm, kein Licht. Nur Wärme. Ihre Wärme. Am liebsten hätte Leslie geschrien. Sie biss fest auf die Fingerknöchel, sodass die Schneidezähne durch die Haut drangen, starrte in die Dunkelheit und anschließend erneut auf den Stein. Er lag auf halbem Weg zum Wasser, maximal zwanzig Schritte, wenn sie rannte. Nur ein Felsbrocken, doch vielleicht half er, sich zu retten. Und damit bedeutete er die Welt. Drei. Bis drei zählen und dann los. Selbst die Gedanken schienen zu zittern, ihre Haut war schweißbedeckt. Sie hatte Mühe, sich auf die Ziffern im Kopf zu konzentrieren. Sie sprangen durcheinander, verwirrten sie, und immer, immer wieder schob sich Abbys Gesicht dazwischen: das Blut auf ihren Wangen, durch das helle Haut schimmerte, und das Blut am Hals, durch das es ebenfalls hell schimmerte, nur, dass dies keine Haut war. Abby hatte es nicht geschafft. Sie hatten ihre Freundin am Leuchtturm gestellt und sie umkreist wie Hyänen, sie von einem zum anderen gestoßen, als wäre alles nur ein Spiel. Abby war die Läuferin von ihnen gewesen, die Sportliche. Leslie war ihr keuchend gefolgt, seitdem sie auf der Insel aufgewacht waren, wie sie ihr gefolgt war, seitdem sie sich im Auffanglager kennengelernt hatten. So nannten sie die Anstalt für Jugendliche, die keine Familie mehr besaßen, aber noch zu jung waren, um allein zu leben. Leslie hatte noch Hoffnung gehabt, als sie Abby erwischten, doch diese war mit jedem Geräusch ein Stück gestorben. Dem Lachen der Männer. Abbys Flehen, das sich allmählich in Schreie verwandelte. Dem Reißen, von dem Leslie viel zu spät begriffen hatte, dass es Abbys Haut war. Sie hatte weiterlaufen wollen, Abby helfen, doch sie konnte nicht. Als die Männer ihr Opfer von sich schleuderten und das Licht des Leuchtturms über Abbys Gesicht streichelte, hatte Leslie in die leeren Augen gestarrt. Man sagte stets, sie brachen, doch eigentlich froren sie ein. Leslie hatte kein zweites Mal hinsehen müssen, um zu wissen, dass Abby tot war. Endlich hatte sie rennen können. Die Männer hatten sie nicht verfolgt, dafür ihr Gelächter und das Bild ihrer schrecklichen, blutverschmierten Gesichter über Abbys leblosem Körper. Leslies mangelnde Kondition hatte sie zuvor gerettet, doch nun rächte sie sich. Stiche tobten durch ihre Seiten bis hinab zur Hüfte, und ihre Lungen fühlten sich an, als wären sie mit Rasierklingen gespickt. Zudem war ihr so unwahrscheinlich kalt. Nur zwanzig Schritte. Sie konnte sich hinter dem Findling zu Boden fallen lassen und verschnaufen. Ab dort war es nicht mehr weit bis zum Wasser. Sie würde sich einfach hineinwerfen und schwimmen, bis sie nicht mehr konnte. Vielleicht würde sie es nicht bis zum nächsten Ufer schaffen, wo auch immer das war. Doch lieber ging sie unter, kalt und allein, als von diesen Bestien zerfleischt zu werden. Der Plan war simpel und brachte ihre Entschlossenheit zurück. Abbys leblose Augen verschwanden aus ihren Gedanken und versanken in ihren Erinnerungen. Eins. Rennen, bis zwanzig zählen, ausruhen, nochmals zählen, Sprung, schwimmen. Es war ganz einfach. Zwei. Die Rasierklingen waren nicht verschwunden, aber stumpfer geworden. Die Stiche in ihrem Körper verrieten Leslie, dass sie lebendig war. Und fast bereit. Drei! Während sie aufsprang und mit so viel Kraft losrannte, dass sie auf dem Untergrund ausglitt, glaubte sie, eine Bewegung wahrzunehmen. Der Wind schlug ihr entgegen. Sie schluchzte laut auf, und die Angst, mitten im Lauf zurückgerissen zu werden, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie würde sterben, so wie Abby, flehend und schreiend und gurgelnd, wenn das Blut ihre Kehle füllte. Sie brauchte Zeit, mehr Zeit, irgendwoher. Der Stein wurde größer, breitete sich vor ihr aus und verdeckte einen Teil des Wassers. Seine Oberfläche schien silbrig zu glitzern. Versprach er ihr Hilfe oder verhöhnte er sie ebenfalls? Weinend ließ sich Leslie fallen und krallte die Fingernägel so heftig in die raue Oberfläche des Findlings, dass mindestens die Hälfte von ihnen brach. Das Stechen an den Fingern fügte sich in die Schmerzsymphonie ein, die bereits durch ihren Körper tobte. Die Beine zitterten, als sie sich in die Höhe zog. Nichts, sie musste sich getäuscht haben. Sie war allein. Womöglich konnte sie es doch schaffen. Das Salz in der Luft vermischte sich mit dem auf ihrer Haut. Inzwischen konnte sie das Rauschen des Wassers hören und wie es gegen das Land donnerte. Es war schwarz hier draußen, ebenso schwarz wie die Schatten hinter ihr, doch es beheimatete weniger gefährliche Kreaturen. Oder? Leslie schluckte und presste einen Klumpen aus Rotz und Angst die Kehle hinab. Es war nicht mehr weit. Jetzt. Ihre Beine waren nur beim ersten Atemzug schwer, dann fühlten sie sich so leicht an, als würde sie nichts mehr wiegen. Sie rannte mit zu Fäusten geballten Händen und vor Tränen blind auf die Küste zu, immer schneller, sodass sie den Sprung nahezu fühlen konnte, jene Sekunden, wenn ihr Körper ohne Halt in der Luft schwebte. Sie riss die Augen auf, als die Felskante vor ihr auftauchte. Der Mann war direkt vor ihr und packte sie mit einer Bewegung, die sie nicht kommen sah, an der Schulter. Sie schrie, während sie haltlos über den Boden schlitterte. Würgte. Einzig ihr Instinkt trieb sie weiter und brachte sie dazu, auf die Hand einzuschlagen, die ihren Oberarm fest umklammert hielt, doch sie hätte ebenso gut Beton bearbeiten können. Mit einem Ruck zog der Mann sie näher zu sich heran. Er war lediglich so groß wie sie. Sein Gesicht hätte freundlich sein können, der Blick liebevoll, wenn all das Blut nicht gewesen wäre. Es bedeckte Lippen und Kinn, klebte in seinen schulterlangen hellblonden Haaren. Er hob eine Hand und bewegte den gestreckten Zeigefinger hin und her. „O nein meine Liebe.“ Selbst seine Stimme war warm und weich. „Steilküste. Dein Körper auf den Klippen wäre eine einzige Verschwendung.“ Zwei Gestalten lösten sich aus den Schatten und hielten auf sie zu. Leslies Sinne spielten verrückt. Einen wahnwitzigen Moment glaubte sie, ihren Exfreund und seinen besten Kumpel zu sehen. Sie blinzelte und merkte, wie sehr sie sich getäuscht hatte. Tim hatte niemals diesen Blick gehabt. Wie ein Raubtier. Rotes Haar flammte über einem Gesicht mit einer krummen Nase. Der Kerl neben ihm war einen halben Kopf größer und besaß einen dunklen Bart und noch dunklere Augen. In ihnen glühte ein Licht, zunächst unterschwellig, dann immer stärker. Leslie machte den Fehler, hineinzusehen. Ihre Übelkeit wuchs, ihr schwindelte und sie zitterte heftiger als zuvor. Gewandelte. Sie hatte es gewusst, es jedoch nicht glauben wollen – nicht mal, als sie Abby die Kehle herausgerissen hatten. Sie durften keine Menschen angreifen. Schrieben ihre Gesetze ihnen das nicht vor? Sie wollte etwas sagen, doch es gab zu viele Wörter auf der Welt. Alles, was sie herausbrachte, waren abgehackte Laute. Sie klang selbst wie ein Tier, allerdings eines, das schon halb tot war. Streng genommen war sie das auch. Der Blonde senkte seine Lider. „Aber wenn du unbedingt springen willst, lass mich dir helfen, dich vorzubereiten. Dann spürst du nicht mehr, wie dein Körper unten zerschmettert wird.“ Er lächelte und entblößte die Zähne. „Das hast du dir verdient, auch wenn die Jagd ein wenig spannender hätte sein können.“ Er klang ehrlich enttäuscht. Leslies Stimme kehrte zurück, und sie schrie, so laut sie konnte, in der Hoffnung, dass irgendwer dort draußen war und sie hörte. Panik brodelte in ihrem Magen und zupfte mit kalten Fingern an jeder Ader ihres Körpers. Sie zappelte, trat zu und versuchte, sich loszureißen. Der Blonde seufzte und wedelte eine Hand durch die Luft. Die beiden anderen packten Leslie an den Armen. Etwas presste sich auf ihren Mund und erstickte die Schreie, dann schob sich ein Schatten vor das Licht des Leuchtturms. Brennender Schmerz explodierte an ihrem Hals und fraß sich wie Säure durch ihren Körper. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Die Angst schlug über ihr zusammen, ertränkte sie und war viel schrecklicher, als die See hätte sein können. Es dauerte lange, viel zu lange. Und doch nicht lang genug. Sie spürte noch, wie man sie die Klippen hinunterwarf, und erst der Aufprall wischte endlich alle Qualen davon.




Kapitel 1
London


Der Dollis Hill West Friedhof war der unpersönlichste, den ich jemals gesehen hatte. Er war erst vor wenigen Jahren mit der Schließung der Grabareale East Finchley sowie St Pancras und Islington angelegt worden, um die Urnen aus den umliegenden Krematorien zu bestatten. Die Bäume rings um das Grundstück hatten noch nicht die Zeit gehabt, zu wachsen. So war der Blick frei auf Baukräne und graue Mauern. Ab und zu fuhr in der Nähe ein Zug vorbei und erschütterte den Boden. Kleine Platten, die meisten schmucklos und mit wenig Inschrift versehen, reihten sich vor meinen Füßen. Lucas würde die triste Atmosphäre gefallen, denn so verirrten sich nicht viele Besucher hierher und starrten auf den vom Regen verwaschenen Boden, in dem seine Asche begraben worden war. Diejenigen, die dennoch kamen, blieben nicht lange. Wenn ihm eines zuwider gewesen wäre, dann tränenverhangene Blicke oder, noch schlimmer, Gejammer. Also hielt ich mich zurück, obwohl mir durchaus danach war, mich nicht länger zusammenreißen zu müssen und die Tränen, die meine Augen zum Brennen brachten, endlich fließen zu lassen. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich hier mit gesenktem Kopf stand, die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten geballt. Normalerweise war ich nicht so nah am Wasser gebaut, aber Lucas war immerhin das gewesen, was einer Familie am nächsten gekommen war. „Vielleicht hätten wir doch etwas mitbringen sollen“, sagte ich nur, um die Stille zu beenden, weil ich argwöhnte, Mindy neben mir würde merken, wie es momentan um mein Gefühlsleben stand. Ich brachte nie etwas mit. „Irgendeinen Strauß von der Tankstelle oder auch nur eine verdammte Blüte aus irgendeinem Vorgarten.“ Ich sah mich um. Die meisten anderen Grabplatten waren mit Gestecken oder bunten Blumen bedeckt, die sich tapfer gegen das Wintergrau Englands zu wehren versuchten und an manchen Stellen bereits vom Wind auseinandergerupft worden waren. Nahezu die Hälfte hatte zudem bereits dem Schlamm gegenüber die Waffen gestreckt. Mindy schnaubte, und obwohl ich sie nicht ansah, wusste ich, dass sie soeben die Augenbrauen zu einer Linie zusammenzog. „Mit einer Kippe hättest du ihm mehr Freude gemacht. Allerdings nur zu Lebzeiten“, sagte sie mit ihrer dunklen Stimme und dem eigentümlichen Akzent, der stets ein wenig klang, als wäre sie ungehalten. „Jetzt würde er dich höchstens anknurren, weil er von solch einer Verschwendung nichts hielte.“ Ich nickte knapp. Damit bestätigte ich nicht nur ihre Aussage, sondern verabschiedete mich in Gedanken auch von Lucas, wie so oft in den vergangenen Wochen. Ich kam selten hierher, weil der Ort mich deprimierte und ich mir meinen ehemaligen Mentor lieber so vorstellte, wie er gewesen war: ein drahtiger Kerl mit kurzem Haar, der höchstens stehen blieb, um andere aufholen zu lassen, der die Hälfte seines Lebens mit einem E-Verdampfer zwischen den Lippen verbrachte, aber bei Stress zu echten Zigaretten griff, der mich beim Training nach spätestens fünf Minuten auf die Matte schickte, streng vegetarisch lebte und es damit erklärte, dass sein Job bei Absecon bereits blutig genug war. Ja, so wollte ich ihn in Erinnerung behalten, und nicht als Kupferplakette mit Standardgravur. Ich wusste nicht, ob Mindy ihn ebenso gut gekannt hatte wie ich, allerdings sah es ganz danach aus. Manche Randbemerkungen ließen mich argwöhnen, dass die beiden etwas miteinander gehabt hatten. Gepasst hätte es. Mindy besaß einen ebenso scharfen Verstand wie Lucas, konnte ebenso knurrig sein, und wie er zeigte sie dem System auf ihre ganz eigene Weise den Mittelfinger. Sie besaß keinen Führerschein, was sie nicht davon abhielt, sich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, und sie hasste die Daumenschrauben über alles, die in König Williams gutem alten England jedem Säugling in die Wiege gelegt und durch hirnrissige Gesetze glorifiziert wurden. Schmerzen fügte sich nur derjenige zu, der an diesen Schrauben zerrte, und so fanden die meisten ihren Seelenfrieden darin, nichts zu hinterfragen. Mindy betonte stets, dass daher immer dümmere Menschen an die Hebel gelangten, immer mehr über andere wussten und somit rechtzeitig einen Riegel vor alles schieben konnten, das ihre Dummheit bloßstellen und sie ihrer Macht berauben konnte. Sie leistete ihren Teil an Widerstand, indem sie für Absecon arbeitete. Wie ich.


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