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Isaac und der Einhorn-Ork


von Akira Arenth

fantasy
ISBN13-Nummer:
B07RQDT5Z8
Ausstattung:
Print 550 Seiten + Illustrationen / Parallel Universe - Gay Urban Fantasy
Preis:
6.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Independently published
Kontakt zum Autor oder Verlag:
akira.arenth@gmail.com
Leseprobe

»Mamaaaaa! Isaac masturbiert schon wieder!« Kleine Schwestern ... Eine Erfindung des Teufels! »Ellie!!! Raus aus meinem Zimmer!« Ich feuere mein Kissen gegen die Tür und schließe damit den Spalt, durch welchen das zehnjährige Flechtzopfmonster gelugt hat. »Davon kriegt man Haare auf den Händen!«, ruft sie und steht immer noch angeekelt lachend vor dem geschlossenen Brett. ›Ich krieg höchstens Motten!‹ »Verzieh dich, du Landplage, sonst verpasse ich dir gleich Haare, und zwar überall!!!« »Kannst du gaaaaar niiiiicht!«, quäkt sie schadenfroh und kichert erneut. »Kann ich wohl! ... Bald!« »Du wirst nie ein richtiger Magier! Du kannst nur warme Luft zum Stinken bringen!« »Elodie, lass deinen Bruder in Ruhe!«, greift nun auch unsere Mutter ein und ich möchte im Erdboden versinken, weil sie unsere Unterhaltung tatsächlich mit angehört hat. Trotzdem gibt meine nervige Nachgeburt nicht auf. »Ich bin immer noch der Meinung, dass er das mit dem Zauberstab schwingen falsch versteht!« Erst will ich mich weiter verteidigen, doch dann höre ich, wie sie die Treppe nach unten geht und lasse deshalb nur meinen Kopf knurrend auf die Matratze sinken. ›Mann! Dabei war ich so kurz davor! Diese kleine, neugierige Mistratte!‹ Ich hebe rasch meine Decke an, schaue auf meine schlaff gewordene Nacktschnecke und überlege, ob ich weitermachen soll. Leider ist meine Libido durch den unverhofften Besuch mit Pauken und Trompeten komplett niedergemetert worden, also müsste ich ganz von vorne anfangen und das dauert! Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass meine Mum und meine Schwester jetzt unten im Erdgeschoss rumhüpfen und jederzeit wieder reinplatzen können, würde es eh nicht klappen, also lasse ich es lieber gleich. Außerdem habe ich Hunger und eigentlich war es nur ein Zeitvertreib, bis Mum mit dem Einkauf nach Hause kommt. Ich seufze, ziehe mir die Boxershorts hoch und friemele dann auch meine Jeans zusammen. Erst danach schlage ich die Decke zurück, um aufzustehen. Seit Jahren hole ich mir nur noch im Bett oder in der Dusche einen runter. Ich muss ja ständig Angst haben, erwischt zu werden, und die Tür im Badezimmer ist die einzig abschließbare in diesem Haus. Früher, wenn ich ganz großen Druck hatte und nicht warten wollte, bis ich daheim mal alleine war, setzte ich mich einfach auf die Toilette, stöpselte mir Musik auf die Ohren und dann konnten mich alle ablenkenden Geräusche mal kreuzweise! Leider hat mir mein schwuler bester Freund Julien G. Schöpf, der passiv und im Gegensatz zu mir auch keine Jungfrau mehr ist, mal erzählt: »Auf dem Klo zu wichsen, während man scheißt, ist wie Sex. Nur rückwärts und schneller vorbei. Also muss man das Ei so lange halten, bis man kurz vorm Kommen ist und erst dann den Bergmann in den Porzellanstollen schicken!« Eklig, ich weiß und seitdem kann ich an nichts anderes mehr denken, wenn ich auf dem Pott sitze, geschweige denn, mir darauf einen runterhole. Danke Julien, du Arsch! Kaum vorstellbar, dass es vom Gefühl her dasselbe ist, vor allem da es ja nur in eine Richtung geht und nicht rein und raus, es sei denn, man zieht das U-Boot auf halbem Wege zurü- ... Ach, lassen wir das! Jedenfalls werde ich es nicht ausprobieren! Ich stehe auf und stoße mir, wie fast jeden Tag, erst mal die Birne an der dämlichen Dachschräge meines Zimmers, weshalb ich mich aufjaulend gleich wieder hinsetze und mir die Rübe reibe . Dann rubble ich mir durch die ohrlangen, nussbraunen Locken und versuche dabei die Beule wegzudrücken, die sich gerade bildet. Eigentlich ist der Raum viel zu klein für mich. Na ja, genau genommen ist fast alles inzwischen zu klein für mich, denn ich bin beinahe eins achtundachtzig groß. Mein Zimmer ist jedoch nur eine winzige Dachgeschosskammer, mit entsprechend nicht genormter Zwergentür, und einem Schnitt, der einem besoffenen Dreieck gleicht. Das bedeutet: Aufrecht stehen funktioniert nur, wenn ich mich direkt an die einzig gerade Wand lehne, sonst muss ich gebückt laufen. Dennoch kann ich froh sein, dass ich überhaupt ein eigenes Zimmer habe. Unsere Behausung kann man im entferntesten Sinne als Maisonettewohnung beschreiben: Unten die offene Stube mit Kochnische und Mamas Schlafzimmer, in dem auch Ellie eine Ecke für sich hat, oben das winzige Bad und meine Dachgeschosskammer. Mehr können wir uns nicht leisten. Ich schlafe leider auch nach wie vor in meinem Jugendbett, obwohl dabei meine Füße, samt behaarten Unterschenkeln, über die Kante ragen. An der Zimmerdecke befinden sich angeklebte Sterne, die im Dunkeln leuchten und ringsherum lümmeln Stofftiere sowie Plastikflugzeuge. Auch der Rest meines kleinen, blau gestrichenen Kabuffs hat sich seit gut fünf Jahren nicht verändert. Die Wände sind mit Postern von meinen Lieblingsbands zugeklatscht, Konsole und Fernseher stehen unter dem schrägen Dachfenster und überall liegen meine Magiersachen herum. In der Ecke steht der Käfig von meinem weißen Zauberkarnickel Floppy, der letztes Jahr bei einem missglückten Trick fast über den Jordan gegangen wäre. Seitdem mache ich keine Zaubertricks mehr mit ihm und habe ihn meiner Schwester geschenkt, die ihn zu ihrer dreimal so großen Masthasenlady Olga gesetzt hat. Die beiden Langohren rammeln nun fröhlich über den Balkon, also scheint es eine gute Entscheidung gewesen zu sein. Was gibt es noch über mein Zimmer zu sagen? Ist schließlich ein wahnsinnig spannendes Thema, ne? Ach ja, ich bin stolzer Besitzer eines Sitzsacks mit Zebramuster und einen Schreibtisch habe ich natürlich auch. Darauf stehen bunte Plastikbecher mit magischen Malstiften von Rob Boss. Damit kann jeder tolle, fröhlich nichtssagende Landschaften malen und braucht sich nicht mal anzustrengen. ›Wenn es mal mit der Zauberei genauso einfach wäre.‹ Mein Magengrummeln unterbricht die optische Inspektion meiner unaufgeräumten Umgebung und lässt mich aufstehen. ›Hoffentlich hat Mum Pfannkuchen mitgebracht! Oder Cremetörtchen ... oder Schmalzkringel ...‹ >Bong< Ich werde es wohl nie lernen. Das Gesicht vor Schmerz verzerrt, wanke ich aus meinem Zimmer die Treppe hinunter und höre von dort flippige Musik aus dem Radio. Darunter mischen sich die Stimmen meiner beiden sich unterhaltenden Familienangehörigen, die ich aber erst richtig verstehe, als ich die vorletzte Stufe erreicht habe. »... kann doch nicht gesund sein, sich ständig den Kasper zu flapschen!« »Das geht uns nichts an Ellie! Wenn er das will, dann ist es völlig in Ordnung! Es ist nur natürlich, dass Jungen regelmäßigen Druckabbau -« »Worüber redet ihr da?«, unterbreche ich meine Mutter argwöhnisch und hoffe inständig, dass sie über das neue Puppentheater meines vierjährigen Cousins spricht. Da sie jedoch sofort herumwirbelt, im Gesicht rot glühend, und dann anfängt zu stottern, weiß ich leider, dass dem nicht so ist. »Hallo Schätzchen! Äh ... bist du bitte so lieb und holst die Einkaufstüten aus dem Auto? Du weißt ja, mein Rücken.« »Klar Mum«, seufze ich nur und nehme ihr den Schlüssel aus der Hand. »Aber wasch dir die Hände, bevor du unser Essen anfässt!«, blökt mich Elodie noch an und rümpft dabei ihre winzige Sommersprossennase. Ich ignoriere sie grummelnd und schlurfe zur Eingangstür, ehe ich die fünf Etagen unseres Blockhauses nach unten laufe. ›Ein Schwebezauber! Das wärs jetzt! Aber nö, ich muss schleppen wie jeder andere Depp.‹ Also nicht dass ich es für meine Mum nicht gerne mache, aber trotzdem würde ich alles dafür geben, mir das Leben endlich mit echter Magie erleichtern zu können. Ein bisschen schäme ich mich ja schon, dass ich meiner Mutter mit meinen fast achtzehn Jahren noch immer auf der Tasche liege, aber, vom finanziellen Part abgesehen, will ich meine kleine, heile Welt auch irgendwie nicht verlassen. Natürlich spüre und sehe ich, spätestens seit ich mir jeden Morgen den Denkapparat stoße, dass ich aus den Kinderschuhen rausgewachsen bin und als erwachsener Mann in die große, weite Welt ziehen müsste ... ›Aber ich wiiiiill niiiiicht!‹ Es ist viel zu gemütlich bei Mutti und ich muss weder kochen noch Wäsche waschen. Dafür helfe ich ihr ja auch bei allen handwerklichen Dingen oder bei Sachen, für die man Kraft braucht. Ja, die habe ich! Kraft! Ich öffne spielend leicht jedes Gurkenglas! ›Warum heißt die Würzung einer Gurke eigentlich nicht Gürzung?‹ Solche und ähnliche Fragen stelle ich mir immer wieder und finde nie eine Antwort darauf. Apropos Gurke ... Nein, nicht die! Ich meine unser Auto! Wo ist das überhaupt? Die ganze verdammte Straße ist natürlich völlig zugeparkt, wie fast jeden Nachmittag, und ich verrenke mir erstmal den Hals, bis ich den pastellblauen Käfer entdecke. Da hinten an der Ecke steht er, mit der Nase bereits im Halteverbot, aber zum Glück guckt hier keiner so genau hin. Ich laufe rüber und werfe unserer kleinen Gruppe Vorstadtpunks, die hinter dem Supermarkt rumlümmeln, ein Winken zu. Nein, kein hektisches Vollpfosten-Winken mit übertriebenem Grinsen, sondern einfach nur ein lässiger, cooler Handschlag in der Luft, als wär ich die Queen. Die Queen ist cool, oder? Hm ... Na egal, jedenfalls wedeln sie mit ihren Bierflaschen in der Hand zurück. Zwei von ihnen, Schlotze und Zwiebel, gingen früher mal in meine Klasse. Ich hatte mit den beiden nie viel zu tun, also genau genommen hatte ich mit niemandem viel zu tun, aber man kennt sich halt. Als Erstes sammle ich den Inhalt der umgekippten Tüten im Kofferraum ein, weil meine Mutter wahrscheinlich wieder gefahren ist wie eine Berserkerin, nur um pünktlich zum Unterrichtsschluss meiner Schwester vor deren Schule zu sein. Dabei entdecke ich auch ein paar fett glasierte Schmalzkringel und freue mir einen fettigen Kullerkeks. Dann sehe ich aus dem Augenwinkel einen Mann im Anzug an mir vorbeigehen. Er ist geschniegelt, ich schätze mal um die fünfunddreißig, gar nicht so hässlich, und als er hinter mir die Straßenseite wechselt, wird er von Nulpe, dem großen, grünhaarigen Häuptling der Punks, angeschnorrt. »Geht arbeiten!«, motzt der Pinguin jedoch nur und geht hastig weiter. In solchen Momenten frage ich mich wieder eine meiner unsinnigen, sinnlosen und völlig irrelevanten Fragen. Wem würde ich, im Falle eines Weltuntergangs, eher mein Leben anvertrauen? Ich kenne weder diesen Nulpe noch den BusinessMan persönlich, und trotzdem tendiere ich, ohne groß nachzudenken, zu dem vollgenieteten Punk, der nun an den Laternenpfosten strullt. Irgendwie schreibe ich ihm, trotz oder gerade wegen seines unkonventionellen Aussehens, mehr Teamgeist, mehr Mitgefühl und mehr Loyalität gegenüber seinen Freunden zu. Seltsam, oder? Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, warum so viele Frauen auf wohlhabende Schlipsträger stehen. Die Wühltische im Buchladen sind voll von angeblichen Bestsellern, in denen es um die Liebe eines naiven, ärmlichen Mädchens und einem anzugtragenden Milchbubiface-Millionär, Billionär oder Zillionär geht. So ein Typ, der zum Wechseln einer Glühbirne einen Handwerker rufen muss, aber im Büro einen auf Obermacker macht. Ist das die neue Art Ritter? Statt mit weißem Ross und Schwert kommen die dann mit Limousine und Orion-Deluxe-Peitsche um die Ecke, um ihre Angebetete aus ihrem langweiligen Alltag als Dinosaurierskelettabstäuberin des örtlichen Museums zu befreien. Nein, also mit so einem Sugardaddy bräuchte mir keiner ankommen. Dem würde ich seine Bondageseile direkt um die Ohren hauen oder sie ihm aus der Hand reißen, um ihn an einen Presslufthammer zu fesseln, damit er mal lernt, was richtige Arbeit ist! Ich hab ein Praktikum auf dem Bau gemacht, bei der Firma von Meister Rainer C. Ment, sechs Wochen, und kann sagen, dass ich danach alle meine Knochen gespürt habe! Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich schwul bin? Trivial, ich weiß, vor allem da meine sexuellen Erfahrungen bei Null liegen. Nichtsdestotrotz ist mir jetzt schon klar, dass ich keinen dominanten Partner will. Zumindest niemanden, der immer darauf besteht, der aktive Part zu sein, aber Femboys sind auch nicht mein Ding. In erster Linie sollte mein Freund einfach sympathisch und mit mir auf einer Wellenlänge sein. Während ich das Auto schließe und die Einkäufe zurück in unsere Wohnung trage, schwelge ich kurz in Erinnerungen. Da gab es mal einen jungen, hübschen Kerl, Louis hieß er, der mit seinem Vater unseren kleinen Ort besuchte. Strammer Hintern, schwarze mittellange Haare, freche, blaue Augen und ein umwerfend charmantes Lächeln. Sie waren Händler, Gebäckhändler, um genau zu sein, und blieben über eine Woche, um ihre Kreationen auf dem Markt anzubieten. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich davor schon so eine enorme Schwäche für süßes Gebäck hatte, oder ob es erst durch Louis kam. Jeden Tag bin ich an ihrem Stand vorbei zur Schule gelaufen und habe mir eine Tüte voll Quarkbällchen gekauft. Mehr als ein gestottertes »Hallo«, eine gemurmelte Angabe von dem, was ich wollte, sowie ein gesäuseltes »Dankeschön« kamen mir jedoch nie über die Lippen. Zum Schluss wusste er längst, was meine zuckrigen Vorlieben waren und rief mir schon von weitem zu: »Hey du! Eine große Tüte Quarkis, wie immer?« Da nickte ich nur noch und kam blöd grinsend angedackelt. Mein ganzes Taschengeld habe ich bei ihm ausgegeben und dabei hatte ich bereits nach zwei Tagen richtig Magenschmerzen von dem vielen Zuckerteig, denn ich kaufte ja meist eine zweite Tüte auf dem Heimweg. Zu allem Überfluss steht die Herberge, in der sie nächtigten, schräg gegenüber von meinem Fenster, weshalb ich ihn ständig betrachten konnte. Also ganz zufällig natürlich! Ich habe nie etwas Anrüchiges gesehen, doch ihn zu beobachten war trotzdem ein Traum. Allein wie er am Abend immer heimlich auf dem Sims saß und in einem Buch las, war ein wunderschöner Anblick. Wie gerne hätte ich einfach mal rübergerufen, gefragt, was er da liest, oder ihm bei meinen täglichen Marktbesuchen meine Handynummer mit dem Geld zugesteckt ... aber ich habe mich nie getraut. Dann sind sie weitergezogen und ich habe ihn nie wieder gesehen. Die letzten fettigen Teigbälle habe ich behalten und auf die Heizung getan, damit sie austrocknen. Seitdem liegen sie in meiner kleinen Schrankvitrine und erinnern mich jeden Tag an meine verpasste Chance. Louis war eine der seltenen Möglichkeiten einer potentiell neuen Bekanntschaft und ich habs versemmelt ... sofern er denn überhaupt auf Kerle stand. Danach gab es nur noch zwei andere Typen, die mich interessiert hätten: einen hübschen Artisten, der mit seinem Zirkus durchrauschte, und einen Fußballspieler, der für ein Match gegen unsere einheimische Mannschaft angereist war. Aber mit denen habe ich noch nicht mal persönlich gesprochen und wusste auch nicht, ob sie homosexuell sind. Alles nur Vermutungen. Die Angst vor einem Korb, einem angeekelten Blick oder schlimmstenfalls, dass sie laut loslachten und mich bloßstellten, war viel zu groß. In unserem kleinen Städtchen lebten außer mir nur zwei weitere junge Männer, von denen ich weiß, dass sie ebenfalls schwul sind. Einer war Julien, mein bester Freund, und einer Philippe, der in der Wurstfabrik in der Südstadt arbeitete. Die beiden sind mittlerweile ein festes Paar, also habe ich bei keinem von ihnen eine Chance. Aber das ist völlig okay, denn sie entsprechen auch nicht meinem Beuteschema. Julien ist ein herzlicher, flippiger Charakter. Als Kumpel liebe ich ihn, aber ich könnte nie mit ihm ins Bett gehen. Noch dazu trägt er ausschließlich Pastelltöne, ist in seinem ganzen Gebaren sehr feminin und Philippe ... Na ja, der ist nett, aber nicht der Hellste. Außerdem ist er rein aktiv, hat eine Glatze und lässt sich auch den Rest des Körpers regelmäßig komplett enthaaren, sodass er nackt wie ein riesiges Baby aussieht. Seine Figur entspricht dem ebenfalls, nur eben in groß. Die zwei sind inzwischen aus dieser prüden Gegend geflohen und in die Großstadt gezogen, nachdem Julien seinen Abschluss bekam. Das bedeutet, ich bin jetzt genau genommen der letzte Homo in town. Zumindest nach meinen Kenntnissen. Ich will nicht behaupten, dass ich megagut aussehe, aber so langsam mache ich mich. Leider war ich ein ziemlicher Spätzünder. Bis zur dritten Klasse brauchte ich in der Pause noch einen Nuckel, um meine strapazierten Kindernerven vom anstrengenden Einmaleins zu erholen. Ich verkroch mich dazu immer heimlich in eine Ecke des Schulhofes, doch irgendwann entdeckten mich meine Mitschüler. Sie zogen mich deswegen so sehr auf, dass ich ihn am Nachmittag auf dem Nachhauseweg wütend von einer Brücke in den Fluss warf ... und es ewig bereute . Mit vierzehn spielte ich noch mit Bauklötzen, sammle bis heute magische Monsterkarten und auch mein Faible für den Hokuspokus entspringt dieser Zeit. Nein! Eigentlich liegt der Ursprung dessen in einer spontanen Handlung, als ich gerade neun Jahre alt war. Nachdem Ellie auf die Welt kam, litt sie unter Koliken und schrie furchtbar viel. Alles, was sie tat, war schreien, pupsen, schlafen, schreien, pupsen, trinken, schreien, pupsen, schreien, die Windeln vollmachen und nochmal schreien und pupsen. Sie lächelte nicht und sie lachte auch nie. Eines Tages, Ellie schrie mal wieder, obwohl sie satt, trocken und ausgeschlafen war, lief unsere Mutter völlig verzweifelt mit ihr im Arm auf und ab. Da kam ich auf eine Idee. Vor einer Weile hatte mir mein Onkel Ozzy, der Buchhändler, einen Trick gezeigt. Also nahm ich eine Bronzemünze aus der Kleinkramschale, die immer auf unserem Küchentisch steht, ging zu meiner Brüllschwester und zauberte eine Münze hinter ihrem Ohr hervor. Ellie verstummte schlagartig und starrte mich vollkommen entgeistert an. Ich kicherte, weil sie so fassungslos glotzte und selbst Mama sah mich erstaunt an. Elodie wedelte mit den Armen und ich wiederholte den Trick mit der versteckten Münze in meiner Hand, die ich dann hinter ihrem Ohr hervorzog. Plötzlich quietschte sie lauthals auf und lachte dann aus vollem Herzen. In diesem magischen Moment fühlte ich eine solche Flut an Glück und Liebe, das ich süchtig danach wurde. Dieser Augenblick, wenn ein Mensch einen Zauber zum ersten Mal sieht, sei es nun ein Trick oder nicht: das Erstaunen, diese Ehrfurcht – das war grandios für mich! All diese Gefühle wollte ich anderen Menschen geben und so wusste ich seit diesem Tag, dass es mein Ziel war, Zauberer zu werden, denn Magie liebt jeder. Meinen ersten, richtigen Magierkoffer bekam ich zum dreizehnten Geburtstag. Der war schon Jahre vorher mein größter Wunsch, aber Mum musste lange sparen und viele Extraschichten auf dem Getreidehof übernehmen, um ihn mir kaufen zu können. Ich übte die vorgegebenen Tricks wie ein Besessener. Tatsächlich war ich auch wirklich gut darin, Tücher in meine Ärmel zu stopfen und sie aus den Ohren wieder herauszuziehen, Blumen aus einem Klapphut zu holen oder Plastikchips verschwinden zu lassen, aber ich wollte immer mehr! Die lange Zeit meines noch sehr kindlichen Verhaltens war gleichauf mit meiner körperlichen Entwicklung, denn die hinkte leider ebenfalls hinterher. Bis vor kurzem sah ich noch wie ein kleiner, dicklicher Waschlappen aus, ohne jegliche Gesichts- und Sackbehaarung. Doch dann, als ich sechzehn geworden war, entschloss sich meine komatöse Pubertät aufzuholen. Ich fuhr mit meiner Mama und Elodie zum Bergsteigen und innerhalb eines Sommers schoss ich in die Höhe, wie plötzlich bewässertes Wüstenunkraut. Vielleicht lag es auch an der Höhensonne. Keine Ahnung! Aber nach unserer Rückkehr erkannte mich kaum einer wieder. Seitdem klettere ich übrigens sehr viel! Vom Teppich aufs Bett, von den Fliesen in die Badewanne, vom Hinterhof auf den Müllcontainer oder vom Kopfsteinpflaster aufs Dach des Rathauses, was meinem Muskelaufbau sichtlich zugutekommt. Doch allein schon deshalb, weil ich Onkel Ozzy jedes zweite Wochenende in seinem kleinen Bücherladen aushelfe und dort ständig Kisten von A nach B schleppe, hat sich der Umfang meiner Oberarme beinahe verdoppelt! Leider esse ich aber auch sehr gerne, besonders wenn ich gefrustet bin, und das macht meine Gesamtstatur eben ziemlich massig. Natürlich will ich kein Bibliothekar oder so was werden, sondern, wie bereits erwähnt, Zauberer! Und das als Hauptberuf, obwohl ich es eigentlich nicht darf! Warum nicht? Nun, wir haben ein leicht rassistisch strukturiertes Arbeitssystem! Die Wissenschaftler und Gelehrten unseres Landes haben vor einigen Jahrhunderten die These aufgestellt, dass sich die Farbe unserer Iris auf unsere Fähigkeiten auswirkt. Sie führten Tests mit rund einhunderttausend Personen aus dem ganzen Land durch und stellten dann eine Statistik dazu auf. Um das Bruttosozialprodukt zu steigern, veröffentlichte unsere Regierung daraufhin eine Verordnung, dass Jugendliche, je nach Augenfarbe, nur noch ganz bestimmte Berufszweige erlernen dürfen. Laut ihren Erkenntnissen können Individuen mit blauen Augen angeblich besonders gut mit Wasser und Lebensmitteln umgehen. Also müssen diese zum Beispiel als Köche, Bäcker oder auch als Getreidebauer arbeiten. Menschen mit braunen Augen sagt man einen guten Umgang mit Tieren nach, darum sollen sie beispielsweise Metzger, Zoowärter, Schweinebauer oder Pferdezüchter werden. Die Medizin ist Grünäugigen vorbehalten, vom Zahnarzt bis zum Herzchirurgen, und wenn man in seiner grünen Iris einen gelblichen Einschlag hat, darf man auch in den wissenschaftlichen Bereich gehen. Dazwischen gibt es noch viele weitere Abstufungen. So sollen zum Beispiel Personen mit blauen Augen und gelbem Innenring in die Personenbetreuung, werden Erzieher, Makler, Gefängniswärter oder Lehrer. Bei gemischten Farben geht man nach dem Mehrheitsprinzip. Jeder darf seine eigenen Erzeugnisse verkaufen, das ist allen erlaubt. Im Bereich Kunst und Musik darf man jedoch nur hobbymäßig unterwegs sein, solange man seinen Hauptjob macht. Darunter fällt zum Glück auch die Zauberei, also die Trickzauberei, die per se nichts mit echter Magie zu tun hat. Da ist es egal, dass ich türkisblaue Augen habe, genau wie Mama und Elodie, aber natürlich gebe ich mich nicht damit zufrieden. Normalerweise hätte ich mich längst für Jobs aus der Lebensmittelindustrie bewerben müssen, aber ich kann die Hoffnung einfach nicht aufgeben! Ich spüre es ganz tief in mir, dass ich magisch bin! Mein Abi habe ich vor ein paar Monaten absolviert und danach siebzehn Bewerbungen an verschiedene Magic-Shops rausgeschickt. Es gibt maximal einen pro Stadtteil oder Vorort, genau wie Tattoostudios, damit sie sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Aber ich habe mich bei allen im Umkreis von fünfzig Kilometern beworben. Bisher kamen leider nur Absagen, vier per Brief und zehn per Telefon. Entweder wegen meines schlechten Notendurchschnittes oder weil sie bereits einen Lehrling haben, und mehr als einen nimmt niemand. Hier bei uns im Ort gibt es keinen Shop, wahrscheinlich lohnt sich das nicht in einer winzigen Vorstadt wie unserer. Trotzdem habe ich noch Hoffnung, dass es bei einem der drei übrigen klappt und dann muss nur noch meine Iris aus dem Hintern kommen! »Na das hat aber gedauert!«, höre ich die Stimme meiner Mutter durch den Flur rufen, als ich unsere relativ kleine Stube betrete, die jedoch sehr gemütlich eingerichtet ist. Sie besteht eigentlich nur aus großen, weichen Sitzgelegenheiten, aber mehr brauchen wir auch nicht. »Hast du noch jemanden zum Quatschen gefunden oder warst du in deiner kleinen Parallelwelt?« ›Pfff! Nur wegen der paar Selbstgespräche, die ich ab und zu führe ... Aber ich könnte mal wieder zocken.‹ »Nö. Hab nur der Straßendeko Hallo gesagt, die sitzen beim Supermarkt.« Ich stelle die Tüten auf den Tresen in der Küche und fange an, die Getränke in unser Vorratslager zu räumen. »Und du hast mal wieder geparkt wie ´ne blinde Sau.« »Püh!«, erwidert sie nur und greift nach einer der Tragetaschen, weshalb mir ihr knallig veilchenfarbener Nagellack entgegenstrahlt, den sie benutzt, seit ich denken kann. »Ist es denn mein Verschulden, wenn ständig die ganze Straße dicht ist? Dann müssen sie eben endlich mal Anwohnerparkplätze einrichten! Kann doch nicht sein, dass immer alles von den Hotelgästen blockiert wird!« »Ja, für die sollten sie mal ein Parkhaus bauen, dann wär das Problem gelöst!« »Ich hab Hungaaaa!«, knätscht Elodie dazwischen, doch diesmal könnte ich direkt mit einstimmen. »Ja, ja! Ich mach ja schon! Ich schnippel uns einen Eintopf zusammen, das geht schnell.« »Ui, cool, dann kann ich derweil noch zocken!« Manchmal sind die Blicke meiner Mutter giftiger als die dickste Hexen-Krötensuppe. »Klar, geht ihr beiden ruhig noch solange mit deiner Konsole spielen!« Touché. *** »Links! Nein! Pass auf, da! Der Greif!!!« »Der ist sechs Meter groß, Ellie!! Ich sehe ihn!« Meine Schwester rollt auf meinem Bett hin und her, während ich davor auf dem Boden in meinem Sitzsack lümmle. »Siehst du gar nicht! Da!!! Vorsicht!« »Ellie!« Ich drücke auf Pause und schaue sie genervt an. »Hör auf, mir ins Ohr zu quaken! Ich hab schon fast zwanzig Greife in dem Spiel getötet. Ich weiß, was ich tue!« Immerhin verbringe ich neunzig Prozent meiner Freizeit vor dem Ding. »Ja ja, nun mach weiter!« Genau fünf Minuten schafft sie es, die Gusche zu halten, dann geht die Luke wieder auf. »Geh doch zurück zu der hübschen Magd, der du den Ring geschenkt hast!« Ich schüttle den Kopf, ohne meine Augen vom Bildschirm abzuwenden. »Die Quest ist doch schon erledigt, da gibt es nichts mehr zu tun! Die sagt immer nur noch dasselbe, sobald ich sie anspreche.« Gerade sammelt mein Magier Kraft für einen fetten, doppelten Vernichterstrahl, um diesen in eine Horde Ghule zu zimmern. Wenn man es sich aussuchen kann, dann nehme ich als Protagonisten natürlich nie einen Elf, Zwerg, Krieger oder Dieb. Nein, Zauberer sind das einzig Wahre! Vor allem kann man so schön auf Abstand bleiben, mehrere Gegner aus der Ferne braten und das Ganze sieht auch noch hübsch aus. »Du kannst doch auch zu der wenig bekleideten Zottelhexe zurückgehen! Die hat dich doch so angeglüht.« »Ne. Die will eh nur, dass ich Kräuter für sie sammle und da hab ich jetzt null Bock drauf! Ich muss in der Hauptquest vorankommen und die Welt retten! Da kann ich keine blöden Primeln suchen, nur weil sie gerade keine Zeit dafür hat!« Ellie giggelt und stößt mich an. »Du bist so schräg! Aber manchmal auch ganz witzig.« »Ich bin immer witzig!« »Na ja, meistens.« Sie stützt sich auf die Ellenbogen und legt ihr Kinn von hinten auf meiner Schulter ab. »Eigentlich echt komisch, dass du noch keinen netten Freund gefunden hast.« »Ja ...« Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und lenke meinen Pixelhaufen auf ein sicheres Feld, damit er ein paar Schmetterlinge jagen kann. Ellie und Mum wissen seit zwei Jahren, dass ich homosexuell bin. Doch auch wenn meine Schwester und ich uns ständig piesacken, gibt es ab und zu solche Momente, in denen ich merke, dass sie mich dennoch sehr mag ... und ich sie leider auch. »Unsere Stadt ist ein Dorf, hier finde ich niemanden. Aber vielleicht nimmt mich ja ein Magic-Shop aus einer Großstadt, da lerne ich sicher wen kennen.« »Genau! Und wenn du doch keinen findest, dann zauberst du dir halt einen herbei. Irgendwann kannst du das!« Ja, in ihrer kleinen Welt ist so etwas möglich. »Kinder! Essen ist fertig!«, ruft unsere Mum und wir antworten laut im Chor: »Wir kommen!« Jetzt schmerzt mir das rechte Ohr. Ellie rennt vor, wie immer. Ich brauche eine Weile, bis ich mich erhoben habe und gebückt aus meinem Zimmer krauche, bis ich mich im Flur wieder strecken kann. Als ich die halbe Treppe nach unten hinter mir habe, sehe ich bereits, dass meine Mum den Tisch für vier Personen gedeckt hat und wundere mich. »Erwartest du noch jemanden?«, frage ich verdutzt und setze mich. Ellie, mir gegenüber, schaufelt sich schon die ersten Bissen hinein und schlürft dann lauthals ihren Saft. »Na ja, erwarten würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, aber ich habe eine offene Einladung ausgesprochen, die vielleicht -« >Poff< macht es plötzlich neben mir und wir schreien zusammenzuckend auf, als sich der Nebel lüftet und in dieser Sekunde ein hagerer, alter Mann mit weißem Rauschebart am Tischende sitzt. »Na aber, Marguerite! Wäre ich nicht ein Depp, wenn ich ein Abendessen mit dir und ... ähm, deinen charmanten Kindern ausschlagen würde?« ›Meint der uns?‹ Seine knallorange Kutte blendet mich etwas und sein Hut beschirmt fast den halben Tisch! Doch dann erkenne ich ihn endlich. »Sie ... Sie sind -« »Der neue Müllmann?«, wirft Ellie kichernd dazwischen und legt den Kopf schief. »Der Hut ist dabei aber unpraktisch.« Der Fremde schweigt erst einige Sekunden und sieht sie verdattert an. »Nettes Mädchen ...« Dann räuspert er sich und steht auf, während er die Fäuste in die Luft hebt. »Ich bin Charles le Croy de la Drömpèl, der Meisterzauberer!« ›Ein Zauberer!!?‹ Rasch pflanzt er sich wieder hin. »So, was gibt es denn Feines? Iih, sind das Bohnen?« »Schön dich wiederzusehen, Charles.« Meine Mutter stellt noch zwei Schalen mit Kräutern und geschnittenem Brot auf den Tisch und setzt sich dann ans andere Ende. »Man bekommt dich ja gar nicht mehr zu Gesicht. Seit ich hörte, dass du zurückgekommen bist, war ich schon dreimal in deinem neuen Laden und immer war nur dein pampiger Azubi anwesend. Ich wusste nicht mal, ob er dir meine Nachricht auch gegeben hat.« »Ja, Raphaèl ist zwischenmenschlicher Durchfall, aber als Novize macht er sich gut.« Der Alte fängt an zu essen und wackelt dabei mit dem Kopf wie eine tattrige Schildkröte. »Als Selbstständiger, wird er im Verkauf jemanden einstellen müssen, sonst vergrault er sich schnell alle Kunden.« »Ja!« Meine Mum lacht und schüttelt den Kopf. »Der Bengel war schon als Kind unausstehlich.« Mit vollem Mund schaut der Zauberer wieder auf und ignoriert Elodie, die gerade unter seinen Stuhl guckt. Wahrscheinlich will sie herausfinden, wie er da einfach so auftauchen konnte. »Also, um welchen deiner Nachkommen geht es denn?« »Um ihn.« Meine Mutter nickt in meine Richtung und mein Puls beschleunigt sich sofort. »Das ist mein Sohn Isaac. Er hat sich bei sämtlichen Magic-Shops hier in der Gegend beworben, aber alle haben ihm abgesagt.« »Nicht alle!«, werfe ich ein, denn ich will nicht als der totale Versager dastehen. »Also drei sind noch offen!« Meine Mum seufzt und bewegt langsam den Kopf von links nach rechts. »Leider haben die auch abgesagt, Liebling. Ich wollte dich nur nicht noch mehr deprimieren, deshalb habe ich dir die Briefe nicht gezeigt.« Das trifft mich tief. ›Ich bin wirklich überall abgewiesen worden?‹ Drömpel macht nun ebenfalls ein skeptisches Gesicht. »Nun ja ... Wenn sie ihn alle abgelehnt haben, muss es aber einen guten Grund geben, also wäre es auch für mich ein enormes Risiko, so kurz vor meiner Pensionierung.« Da ich betreten schweige, richtet meine Mum das Wort wieder an den Fremden. »Charles, ich lege persönlich meine Hand für ihn ins Feuer! Seit seiner Kindheit redet er von nichts anderem, als dass er Magier werden will. Die kennen ihn alle nicht! Er will es von ganzem Herzen und -« Drömpèl seufzt. »Genau wie du damals ...« Ich sehe auf und kann gar nicht fassen, was ich da höre. Meine Mum wollte eine Hexe werden? Das hat sie nie erwähnt!? »Ja«, flüstert sie plötzlich beschämt und schaut zur Seite. »Aber das hat nichts mit mir zu tun! Er ist von ganz allein darauf gekommen! Ich weiß, dass ich nicht alle Voraussetzungen erfüllt habe, aber er wird sie erfüllen! Du solltest mal sehen, was er sich schon alles mit dem einfachen Trickkoffer selbst beigebracht hat! Er ist zu gut für diese Gaukler und Scharlatane, die nur so tun!« »Du weißt, dass ich das nicht entscheiden kann! Er hat sie nicht! Seine sind genauso blau wie deine damals! Das Kuratorium der magischen Künste gibt eindeutig vor, dass -« »Bitte Charles!«, unterbricht sie ihn erneut. »Wenn du ihm nur eine Chance gibst, einen spirituellen Anstoß, wird es geschehen und er wird sich bewähren! Stell ihn auf die Probe!« Auch wenn ich nicht ganz verstehe, wovon sie da redet, spüre ich gerade in diesem Moment, was Mutterliebe bedeutet und kann gar nicht glauben, wie sehr sie sich für meine Träume einsetzt. Oder ist es ihr eigener, den sie nun über mich wahr werden lassen will? »Ich habe doch bereits einen Novizen«, windet sich unser Gast noch immer heraus, aber seine Abwehr ist deutlich schwächer geworden. »Ja, aber du könntest ihn doch annehmen, wenn dein anderer Lehrling durch ist? Solange müsste er zwar die Zeit überbrücken, aber ich glaube -« Drömpèl hebt die Hand, schluckt den letzten Bissen hinunter und wendet das Wort dann erstmals an mich. »Wie alt bist du?« Schlagartig bin ich so nervös, dass ich kaum ein Wort herausbekomme und zu stottern anfange. »Ich ... äh ... ich wer-werde nächste Woche a-achachtzehn, Mo-Monsieur!« »Eigentlich kann er auch normal reden«, wirft Ellie ein und grinst. Die Stirn des Mitessers legt sich in Falten. »Hm, das dachte ich mir. Dann haben wir ein Problem. Die Ausbildung geht drei Jahre und muss bis zum physischen Eintritt in die Erwachsenenwelt, also mit einundzwanzig, abgeschlossen sein. Die Basis deiner Fertigkeiten lässt sich nur bis dahin ausbauen, wie ein Malkasten, den man mit Farben bestückt. Zwar kannst du die Farbtöne danach noch verfeinern und perfektionieren, aber keine neuen mehr hinzufügen oder mischen. Also, selbst wenn ich dich annehme und du in anderthalb Jahren beginnst, wärst du zu alt. Ich befürchte, dass ich da nicht weiterhelfen -« »Bitte!«, rufe ich aus und rutsche vom Stuhl vor ihn auf die Knie. »Ich mache alles, was Sie wollen! Bitte stellen Sie mich als zweiten Lehrling ein und ich höre unauffällig zu, wenn Sie dem ersten was erklären! Sie sind meine letzte Chance!« »Ja, Sie müssen ihn einfach nehmen!«, sagt nun auch Ellie und ich bin wirklich erstaunt. »Er ist was ganz Besonderes!« »Ach? Ist er das?« Der Meister runzelt erneut die Stirn, ist jedoch sichtlich gerührt. »Und warum?« »Weil er von der Sanftmafia kommt!« »Von der was?« »Na, von der warmen Bruderschaft, vom anderen Ufer, die Popie-« »Ellie!!! Halt den Rand!«, motze ich sie an und bin gerade sehr froh, dass Drömpèl nicht rafft, wovon sie redet. Also versuche ich, das Ruder nochmal herumzureißen. »Das sind nur Kasten aus einem Computerspiel, Elodie! Das hat nichts mit dem wahren Leben zu tun!« Dabei sehe ich sie streng an und sie scheint zu verstehen, was ich ihr sagen will. »Ich meine ja nur. Wir haben gerade was in der Schule gelernt, über Quoten, Förderung von Minderheiten und deren Integration, deshalb dachte ich -« »Schon gut, aber das hat jetzt nichts mit meiner Ausbildung zu tun!« Anscheinend wollte sie wirklich nur helfen, doch wie ich den alten Zausel einschätze, wird der wenig für Queerguys übrig haben. Eher im Gegenteil. »Na schön«, sagt er schließlich und steht auf. »Ich mache einen Test mit dir und danach entscheide ich! Komm hoch!« »Jawohl, Meister!« Sofort springe ich auf und stelle fest, dass er einen halben Kopf kleiner ist. Er holt einen bunten Flummi aus seiner Manteltasche und streckt die Hand mit diesem nach oben geöffnet aus. Dann zieht er mit der anderen seinen Zauberstab unter dem Hut hervor und lässt ihn über dem Bällchen kreisen. »Flogið!«, murmelt er dabei, was sich anhört wie Floyd. Aber vielleicht ist das ja auch der Name des Flummis? Auf einmal zuckt das Ding, wie gerade aufgeweckt, wird halb transparent und schwebt gut fünf Zentimeter über seiner Hand, während es sich dreht, als würde ein leichter Wind es anhauchen. Elodie stürmt sofort herbei, um nach einem Magneten oder Ähnlichem zu suchen. Ich hingegen bin viel zu fasziniert, als dass ich mir den Moment mit einer Aufklärung des Tricks kaputtmachen will. »Gib mir deine Hand!«, raunt er mir schließlich zu und ich folge. Der Zauberer übergibt mir den kleinen Ball und auch über meiner Hand schwebt er fröhlich hin und her. »Das ... Das ist ja der Wahnsinn!« Selbst wenn er einen Magneten unter der Haut transplantiert hätte, so müsste er doch spätestens jetzt herunterfallen, sobald er ihn loslässt? ›Oooohh, ich will unbedingt wissen, wie er das macht! Ich muss so was auch lernen!‹ »Meister! Können Sie mir beibringen, wie das funktioniert? Ich will - waah!« Erst jetzt bemerke ich, dass er mir mit aufgerissenen Augen ins Gesicht starrt und erschrecke mich beim Hochschauen. »Äh ... ist ... ähm ... alles okay?« Er schweigt kurz, dann nimmt er mir mit einer ruppigen Bewegung den Flummi weg, ohne überhaupt hinzusehen, und stopft das arme Ding unsanft ihn meine Tasche. »Trage ihn ab jetzt immer bei dir! Wenn sich deine Farbe bis zu deinem Geburtstag verändert, sehen wir uns pünktlich am Montag danach, acht Uhr! Wenn nicht ... C’est la vie!«

Klappentext

Wenn man Richtung Norden aus der Milchstraße gondelt, nach der vierten Sonne links abbiegt und dann noch einige Milliarden Kilometer geradeaus saust, kommt man in ein Paralleluniversum, in dem fast alles so ist wie bei uns. Ja, fast! Denn statt Medizin gibt es dort Magie, und ″Zauberer/Hexe″ ist eine anerkannte Berufsausbildung.

 

Der homosexuelle Isaac de Béthune wohnt, zusammen mit seiner kleinen Schwester, noch bei Mutti und ist mit seinen achtzehn Jahren nicht nur ein Nesthocker, sondern auch allgemein ein ziemlicher Spätzünder. Als sich seine Augen violett färben, wird es ihm jedoch möglich, eine Ausbildung beim großen Magier und Heilpraktiker Charlès le Croy de la Drömpèl zu beginnen. Leider hat dieser schon einen Novizen, den arroganten Raphaèl de Moreau, und so spielt Isaac ewig die zweite Geige. Er ist für Putzdienste und den Magic-Shop zuständig und lernt fast nichts. Chronisch übermüdet passiert ihm schließlich ein folgenschweres Missgeschick, das sein Leben auf magische Weise durcheinanderwirbelt und ihn in eine sehr missliche Lage bringt.