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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Im Schatten des Mondlichts, J. J. Bidell
J. J. Bidell

Im Schatten des Mondlichts


Das Erwachen

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Herbst 1584


  


Dorothea wälzte sich im Bett hin und her. Der Streit ließ sie nicht los. Sie betrachtete ihren schlafenden Mann. Endlich lag er ganz friedlich da. Zwei Stunden zuvor hatte er geschrien und getobt. Warum musste Paul immer wieder damit anfangen? Sie war ihm zutiefst dankbar, dass er sie damals gerettet hatte, als sie vom Jägermeister Barthel im Wald niedergeschossen worden war.


Blutüberströmt war sie ins Unterholz gekrochen, um sich zu verstecken, bevor sie das Bewusstsein verlor. Als sie wieder zu sich kam, blickte sie in Pauls Gesicht. Er hatte sie mit nach Hause genommen, die Kugel entfernt, sie verbunden und in sein Bett gelegt.


Paul tupfte ihr den Schweiß von der Stirn. »Wer oder was bist du?«


Dorothea versuchte sich aufzusetzen. Ein brennender Schmerz fuhr ihr durch die Schulter. »Was meinst du?«, antwortete sie mit schmerzverzerrtem Gesicht.


»Ich habe ein Recht dazu. Du verdankst mir dein Leben.« Paul wusch den Lappen in einer Schüssel aus und legte das kühle Tuch auf ihre Stirn. »Du bist wunderschön, weißt du das? Aber, du bist kein Mensch. Sag, was bist du?«


»Ich bin eine Frau aus Fleisch und Blut«, erklärte sie.


»Gestern Nacht warst du das nicht. Da warst du eine Raubkatze, wie man sie nur auf Jahrmärkten sieht. Also, was bist du?« Paul wartete eine Minute. »Wenn ich dich verraten wollte, hätte ich es längst getan. Ob als Frau oder als Panther. Du bist unglaublich schön. Und - du bist gut. Ich kann es in deinen Augen sehen.«


Dorothea wusste, dass sie einen Fehler beging. Doch diesen Fehler würde sie, sobald sie wieder gesund wäre, beheben. So waren die Regeln. Um ihn zufrieden zu stellen, erzählte sie ihm von den sieben unterschiedlichen Clans, die vor vielen hundert Jahren aus sieben verfluchten Geschwistern entstanden waren; von ihrem Leben als Katzenmensch; den Treffen im Wald mit anderen Clanmitgliedern bei Vollmond; von ihren Eltern, und davon, dass die Menschen nichts von ihrer Existenz wissen durften. Selbst ihre eigene Mutter wusste nicht, dass ihr Mann und ihre Tochter Katzenmenschen waren. Dorothea erzählte vom Kuss des Vergessens, den die Katzenmenschen den Menschen gaben, die ihre wahre Identität erfuhren. Der Kuss löschte die Erinnerung an sie aus. Dadurch konnten die Menschen ihnen kein Leid zufügen. Die Menschen zerstörten, was sie nicht kannten. Und die Gattung homo felis kannten sie nicht. Dorothea verschwieg aber, dass sie die Erinnerung an sie auch bei Paul durch diesen besonderen Kuss auslöschen würde.


Die Tage vergingen. Paul kümmerte sich liebevoll um sie. Er gestand ihr bald seine Liebe und bat sie, bei ihm zu bleiben. Er würde bei ihren Eltern um ihre Hand anhalten, wenn sie ihn denn wollte. Dorothea hatte sich längst heftig in ihn verliebt. So beging sie den verhängnisvollen Regelbruch. Sie heiratete Paul, raubte ihm aber nicht die Erinnerung an jene Nacht.


Ohne Paul wäre sie längst tot. Das wusste sie. Erst vor einem Jahr war sie in eine Tierfalle des gehassten Jägermeisters Barthel geraten. Paul hatte sie daraus befreit, als sie am Morgen nicht nach Hause gekommen war. Zwei Mal wäre sie beinahe Barthels Opfer geworden. Barthel. Dieses verkommene Subjekt. Ständig stellte er ihr nach. Sein gieriger Blick verursachte ihr Übelkeit. Sein Neid und seine Missgunst auf Pauls Werkstatt machte ihnen ständig Ärger.


So war es auch zu diesem Streit gekommen. Paul hatte sich Sorgen um sie gemacht. Der Widerling Barthel war wieder herumgeschlichen. Paul wollte sie in den kommenden Vollmondnächten zu den Treffen im Wald begleiten. Dies war unmöglich. Denn nach den Clanregeln durfte er überhaupt nichts davon wissen.


Dorothea konnte ihrem Schicksal nicht entkommen. Wenn es ihr bestimmt war zu sterben, konnte sie es nicht ändern. Paul musste das endlich begreifen. Während des Streits hatte Paul gebrüllt. Wenn die verräterischen Worte nun jemand gehört hätte? Das durfte nicht mehr geschehen.


In dieser Nacht musste sie entscheiden, wie es weitergehen sollte. Wenn sie Paul den Kuss des Vergessens gab, musste sie ihn verlassen. So waren die Regeln. Dorothea strich Paul eine störrische Haarsträhne aus der Stirn. Sie liebte ihn. Sie konnte ihn noch nicht verlassen. Nicht in dieser Nacht. Doch ihr Entschluss stand fest. Vor dem nächsten Vollmond würde sie gehen, um ihn und den Clan zu schützen. Es musste sein.


 


Jägermeister Barthel streifte wie jede Nacht um das Haus von Dorothea. Ein Blick auf sie und alles Übel war vergessen. Paul. Wenn ihn nur der Teufel holen würde. Dieser Kerl hatte alles, was er begehrte. Ein solides Haus, ein eigenes Geschäft, eine unglaublich schöne Frau. Seine Sehnsucht nach Dorothea, gemischt mit dem Neid auf Pauls gut gehende Geschäfte als Büchsenmacher, war seit langem schon in grenzenlosen Hass umgeschlagen. Dieser Hass auf Paul stieg mit jedem Tag, an dem er Dorothea sehen, aber nicht besitzen konnte.


Der belauschte Streit zwischen dem Paar steckte Barthel noch in den Knochen. Zunächst hatte er sich gefreut, als er Paul schreien hörte. Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht hatte er sich gegen die äußere Holzwand des Wohnzimmers gelehnt und gelauscht. Was er dort hörte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Stocksteif blieb er stehen. Er wagte nicht einmal zu atmen. Dieses Weibsbild war eine Werkatze! Kein Wunder war er ihr dermaßen verfallen. Ein Dämon. Seine Gedanken rasten. Die komplette Familie musste verflucht sein. Alle im Dorf waren arm. Alle, bis auf die Familie dieser Teufelsbrut.


Barthel klammerte sich an seinem Gewehr fest. Die Fingerknöchel traten weiß hervor. Er musste sie töten. Sein Gesicht war zu einer hassverzerrten Fratze geworden. In seinen Augen spiegelte sich Angst und Entsetzen wider. Er musste hier verschwinden. Sofort. Bevor sie ihn entdeckten und am Ende noch verfluchten. Barthel schlich geräuschlos nach Hause und fasste einen erbarmungslosen Plan.


 


Die Dorfgemeinschaft hatte sich auf dem Marktplatz versammelt. Barthel stieg auf den Dorfbrunnen, um die Menge im Blick zu haben und selbst gesehen zu werden. Er machte ein Handzeichen und die Meute schwieg. Barthel ließ seiner Wut freien Lauf. Er erzählte, Dorothea sei beim letzten Vollmond nackt in den Wald gelaufen. Er habe auf die Jagd gehen wollen und sie zufällig beobachtet. Sie hätte samt ihrer Verwandtschaft satanische Rituale vollführt, bis sie sich alle in schwarze Teufel verwandelt hätten. Teufel mit fletschenden Zähnen, glänzendem Fell, mit dem einzigen Plan, das Dorf zu vernichten. Die Dorfbewohner rissen die Augen auf, einige Frauen fielen in Ohnmacht, andere hielten den Kindern die Ohren zu, um sie vor den schrecklichen Einzelheiten zu schützen.


Barthel rief, man müsse dieser Satansbrut Einhalt gebieten und sie töten. Die Männer nickten zustimmend. Die Dorfbewohner glaubten Barthel, der wie von Sinnen war. Er hatte in diesen harten Zeiten leichtes Spiel. Die Armut wuchs, und ein Schuldiger musste her. Barthel lieferte ihn. Er hetzte, Dorothea und ihr Gefolge würden nachts die Felder vergiften, stehlen und an den Türen der ganzen Nachbarschaft lauschen. Die Bewohner redeten wild durcheinander. Bald waren sich alle einig; diese Familie musste verschwinden, der teuflische Besitz dem Erdboden gleichgemacht werden. Selbst der Dorfpfarrer erklärte, es sei die einzige Möglichkeit, Gott wieder in dieses Dorf zu bringen. Er selbst würde die Trümmer der Häuser mit Weihwasser reinigen und beten, bis der letzte Dämon vertrieben sei.


Barthel nickte zufrieden. Er schickte die Frauen nach Hause. Sie sollten mit ihren Kindern beten, während die Männer die Dämonen mit Waffengewalt und Feuer bekämpfen wollten. Gott würde ihnen beistehen. Barthel plante, welche Gruppe bei welchem Familienmitglied einfallen sollte. Innerhalb einer halben Stunde brachen sie gemeinsam auf, um im Namen Gottes das Dorf zu säubern. Der Mob brannte Häuser, Scheunen, Werkstätten und Tierställe nieder. Die wenigen von Dorotheas Verwandten, die nicht in den Betten verbrannten, wurden von den Dorfbewohnern erschlagen, erschossen oder aufgeknüpft und anschließend verbrannt. Kein Stein blieb auf dem anderen.


Barthel selbst ging mit zwei Kumpanen zu Dorotheas und Pauls Haus. Das Vergnügen, die beiden zu vernichten, wollte er sich nicht entgehen lassen. Die beiden Helfer legten Feuer. Barthel hielt es nicht mehr aus. Er musste sie sehen. Sie durften nicht in ihren Betten sterben. Sie mussten durch seine Hand ums Leben kommen. Sonst fände er keine Ruhe. Er stürmte ins Haus, obwohl die Flammen schon um die Holzveranda züngelten und die Umgebung in bizarres Licht tauchten. Barthel trat die Tür ein, polterte durch das Wohnzimmer, bis er vor der Schlafzimmertür stehen blieb. Rauch zog durch die zersprungenen Fensterscheiben. Er musste sich beeilen. In dem Moment, als er das Schlafzimmer betreten wollte, öffnete Paul die Tür und starrte Barthel an. Barthel sah, wie Paul den Mund öffnete. Weiter kam er nicht; Barthel drückte ab. Die Kugel traf Paul in die Brust. Paul wurde durch die Wucht nach hinten gerissen. Er sank direkt vor Dorotheas Füße, die ebenfalls das Schlafzimmer verlassen wollte. Dorothea sah Barthel in die Augen. Ihr Blick durchbohrte ihn. Auf ihrem Gesicht sah er keine Angst, nur Verwunderung. Ihre Ruhe versetzte ihn in Panik. Er legte an, drückte ab. Er brachte es nicht über sich nachzusehen, wo er Dorothea getroffen hatte. Er wollte nur noch dieses gottverdammte Haus verlassen. Barthel stürzte ins Freie. Das Feuer würde den Rest erledigen.


 



Eins


 


Naomi Roberts fieberte dem Briefträger entgegen. Wie ein eingesperrtes Tier tigerte sie in der Küche hin und her. Erst zehn Uhr. Es dauerte mit Sicherheit noch über eine Stunde, bis der Postbote käme. Bis dahin wäre sie mit den Nerven am Ende. Wie sollte sie nur die verbleibende Zeit tot schlagen? Sie öffnete den Kühlschrank und starrte hinein. Der Pappkarton vom Vortag stand noch darin. Sie zog ihn heraus und klappte den Deckel auf. Nach einem Blick zur Küchentür griff sie nach dem Stück kalter Pizza. Sie biss ab und grinste in sich hinein. Genau das Richtige. Wenn Oma sie so sähe, wäre ihr eine Standpauke über gesunde Ernährung sicher. Sie schluckte den letzen Bissen hinunter und leckte sich das Öl von den Fingern. Wie sollte sie sich nur ablenken? Sie schaute nochmals in den Eisschrank, als fände sie dort eine Lösung. Sie schüttelte den Kopf. Sie konnte schlecht den Kühlschrank plündern. Wie also? Mit Joggen? Ja, joggen war eine gute Idee. Sport beruhigte sie immer.


»Schon wieder auf dem Sprung?« Leandra betrat die Küche.


Naomi schloss die Klettverschlüsse ihrer Sportschuhe. »Die Warterei macht mich verrückt!«


»Sag nicht, du hast die Pizza direkt aus dem Kühlschrank gegessen!« Naomis Großmutter zeigte auf die leere Schachtel und zog die Stirn kraus. »Tolles Frühstück. Wie kannst du dich als Sportlerin nur so ernähren?« Leandra klappte den leeren Karton zu und steckte ihn zum Altpapier. »Wie soll das erst werden, wenn du am anderen Ende der Welt studierst? Da wird keiner auf dich aufpassen. Kugelrund wirst du werden.«


Naomi ging auf Leandra zu. »Ach, Omi. Das Thema hatten wir doch schon hundert Mal.« Sie drückte ihrer Großmutter ein Küsschen auf die Wange, bevor sie die Küche verließ. »Gönn mir den Spaß, du bist doch sonst nicht so spießig.«


Leandra presste die Lippen fest zusammen. Sie war nicht spießig, sie hatte lediglich Angst. Diese Angst begleitete sie seit Jahren. Schon seitdem sie ein Mädchen war. Seit dem Tag, an dem sie das Familiengeheimnis entdeckt hatte. Im Laufe ihres Lebens hatte sie gelernt, damit umzugehen. Doch nun fürchtete sie sich mehr denn je. Naomi durfte nicht gehen. Sie durfte einfach nicht. Leandra setzte sich an den Küchentisch und knetete ihre Hände. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie musste Naomi davon abhalten. Sie wusste nur noch nicht wie. Leandra starrte aus dem Fenster. Naomi joggte vorbei, ihr Pferdeschwanz hüpfte fröhlich auf und ab. Mit geschmeidigen Bewegungen lief sie den Gehweg entlang und bog in Richtung Wald ab. Leandra sah ihr nach. Die Sorgenfalten auf ihrer Stirn vertieften sich. Wie sollte sie es ihrer Enkelin nur erklären?


»Macht dir dein Rücken wieder zu schaffen?«


Leandra hatte nicht bemerkt, dass ihre Tochter neben ihr stand. Sie schüttelte den Kopf.


Luna nahm sich eine Tasse Kaffee und setzte sich Leandra gegenüber. Sie spürte deutlich, wie ihre Tochter sie musterte. »Nicht schon wieder.«


Leandra schwieg. Sie wusste genau, wie ihre Tochter über das Auslandssemester dachte. Luna war stolz auf Naomi. Stolz auf die ausgezeichneten Noten. Stolz auf die Selbständigkeit der Tochter. Stolz auf den Entdeckerdrang, den Leandra bei Luna erfolgreich bekämpft hatte. Wenn ihre Tochter wüsste ...


Leandras Gedanken schweiften ab. Seit dem Tod ihres Mannes war sie immer in der Nähe ihrer Tochter gewesen. Zu groß war die Furcht, ihr Kind ebenfalls zu verlieren. Ihr Mann war unter Umständen gestorben, die Leandra bis heute nicht begreifen konnte. Im Hafenbecken von Kristiansand. Für die Behörden war es ein Unfall. Ein Pechvogel mehr, der betrunken ins Hafenbecken gefallen war. Leandras Mann hatte aber nicht getrunken. Nie. Ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung hatte Leandra damals gedrängt, Norwegen zu verlassen. Kaum in London, verschwand der dunkle Schatten, nur, um später dort wieder aufzutauchen. Leandra hatte ihre Tochter niemals aus den Augen gelassen. Manchmal hatte sie ihren Schlaf bewacht. Luna hatte sie gewähren lassen, zumal sie nur einander hatten.


»Du kannst sie hier nicht einsperren«, riss Luna sie aus ihren Gedanken. »Naomi ist jung. Sie will was von der Welt sehen.«


»Das ist es ja. Sie ist zu jung. Warum kann sie nicht einfach drei Jahre warten? Sie könnte das letzte Semester im Ausland studieren.« Leandras Einwand brachte ihr nur ein müdes Lächeln ein.


»Naomi ist erwachsen, Mama.« Lunas Stimme klang ungeduldig. Offensichtlich war sie das Thema leid. »Außerdem ist sie eine hervorragende Kampfsportlerin. Sie kann besser auf sich aufpassen, als wir es je könnten.« Luna stand auf und trat ans Küchenfenster. Luna schien nach Naomi Ausschau zu halten. Vielleicht auch nach dem Briefträger, dachte Leandra bitter. Was konnte sie nur tun? Einzig auf weitere Absagen hoffen. Einerseits brach es ihr das Herz, wenn Naomi mit hängenden Schultern vom Briefkasten zurückkam, die Absage einer Universität vor ihr auf den Tisch fallen ließ und sie dabei ansah, als sei es ihre Schuld. Ein Mal hatte Naomi sogar geflüstert, ob sie nun zufrieden sei. Als ob es darum ginge! Andererseits war sie tatsächlich zufrieden. Nicht, weil sie es ihrer Enkelin nicht gönnte oder sie Naomi aus selbstsüchtigen Gründen bei sich behalten wollte. Sie ängstigte sich um sie. Sie war sicher, dass sich eine Katastrophe anbahnte. Sie spürte es in ihren alten Knochen.


 


Naomi joggte durch den Wald, vorbei an Wiesen, die bald ein Meer aus Blumen wären. Sie konnte den Frühling bereits riechen. Noch zehn Minuten, dann wäre sie wieder zu Hause. Der Duft nach frischen Nadeln und Blumen hatte sie während ihrer Jugend begleitet. Sie war nach London begeistert gewesen, endlich ohne Aufsicht durch die Gegend zu strolchen, alles erkunden zu können. Doch sie war kein Kind mehr. Der kleine Ort wurde ihr zu eng. Daran konnte auch die Nähe zu Hamburg nichts ändern. Wie gerne wäre sie mit ihren Freundinnen nach Hamburg zum Shoppen gefahren. Großmutter hatte es nur erlaubt, wenn sie ihr versprach, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Im Sommer ging das, doch im Winter war es schon gegen fünf Uhr finster. Da konnte sie gleich zu Hause bleiben. Selbst jetzt noch verzog ihre Großmutter das Gesicht, wenn sie alleine über ein Wochenende verreisen wollte. Bisher hatte sie sich nicht durchsetzen können. Sobald Oma anfing zu weinen, brachte sie es nicht über sich zu fahren. Naomi ahnte, warum sich ihre Oma ängstigte. Opa und Papa. Beide waren bei Unfällen ums Leben gekommen. Vermutlich hatte sie Angst, auch Naomi zu verlieren. Ein einziges Mal war sie trotzdem über Nacht nach Lüneburg gefahren. Ihre Schulfreundin war in diese Stadt gezogen. Die von Oma vergossenen Tränen hatte sie in Form eines schlechten Gewissens mit im Gepäck. Das Wochenende war schrecklich gewesen. Seither hatte sie es vermieden, bei Omas merkwürdigen Stimmungen über Nacht wegzubleiben. Sie verstand sie nicht. Manches Mal störte es sie überhaupt nicht, nur um das nächste Mal von Heulkrämpfen geschüttelt zu werden. Dieses Mal konnte sie keine Rücksicht darauf nehmen. Leandra würde weinen. So viel stand fest. Aber Oma konnte schließlich kein halbes Jahr lang weinen. Sie musste irgendwann lernen, dass Naomi gut auf sich selbst achten konnte. Sie wollte endlich weg; diese ständige Angst um sie, sobald sie vor die Tür ging, machte sie fertig. Wenn sie es jetzt nicht schaffte zu gehen, würde sie es nie schaffen.


Sie ließ die letzten Felder hinter sich und bog auf den Waldweg ein, der zu ihrem Haus führte. Die Ahornbäume, die den Pfad säumten, waren mit frischen Blättern überladen und dufteten nach Sommer. Als Kind hatte sie sich die hornförmigen Samen auf die Nase geklebt. Ihre Oma hatte gelacht, wenn sie wie ein Nashorn mit dem Fuß scharrte und mit gesenktem Kopf auf sie zurannte. Sie lächelte bei diesem Gedanken. Trügen die Ahornbäume schon Samen, hätte sie den alten Scherz aufleben lassen.


Die letzten Meter zur Gartentür legte sie einen Sprint hin. Mit pochendem Herzen blieb sie vor dem Briefkasten stehen. Eine Zeitschrift lugte hervor. Der Briefträger war hier gewesen. Sie spürte ihren Herzschlag in jeder Faser ihres Körpers. Sie riss die Klappe auf. Jede Menge Werbebriefe und Rechnungen, doch dazwischen entdeckte sie die beiden Antwortschreiben aus den Vereinigten Staaten. Hawaii Pacific University prangte auf einem Briefkopf. Ihre Traumuniversität. Das Sommersemester verhieße Sonne, Strand und Surfen, was sie für ihr Leben gerne gelernt hätte. Ihre Finger zitterten. Sie setzte sich auf die Eingangstreppe und starrte auf den Brief, auf den sie seit Wochen gewartet hatte. Sie gab sich einen Ruck und schlitzte das Kuvert mit dem Finger auf. Informationsmaterial quoll ihr entgegen, und oben auf lag das persönliche Anschreiben an sie. Sie überflog die ersten Zeilen, bis sie auf den Satz stieß. Leider können wir Ihnen für dieses Semester keinen Platz anbieten, eventuell haben wir zu einem späteren Zeitpunkt einen Studienplatz frei. Mehr vermochte sie nicht zu lesen. Die Tränen ließen die Worte vor ihren Augen verschwimmen. Mehr war jedoch auch nicht notwendig. Es war eine Absage. Sie schluckte die Tränen hinunter; die fünfte Absage in zwei Wochen.


Mit einer trotzigen Handbewegung wischte sie sich die Tränen aus den Augen und griff nach dem Brief der University of Maine. Dort hatte sie sich nur wegen des guten Sportprogramms beworben. Orono lag im Nirgendwo von Neuengland. Nicht unbedingt der Ort, den sie sich ausgesucht hätte; aber besser als die Lüneburger Heide wäre es allemal. Sie riss den Umschlag auf. Bevor sie die Unterlagen herauszog, atmete sie tief durch, um sich für die letzte Absage zu wappnen. Dann würde Oma ihren Willen bekommen. Sie würde ihr Studium in Hamburg beginnen und versuchen, für ihr letztes Semester einen Platz im Ausland zu ergattern.


Schon nach der Anrede musste sie nicht weiterlesen. Sehr geehrte Frau Roberts, wir freuen uns ... Die Zusage traf sie härter, als es eine Absage vermocht hätte. Ihr Magen verkrampfte sich schmerzhaft, bevor sich eine Leichtigkeit ihres Körpers bemächtigte. Sie würde tatsächlich von zu Hause weggehen. Wie in Trance erhob sie sich von der Stufe, klemmte die Post unter den Arm und betrat das Haus.


Naomi hörte, wie jemand in der Küche hantierte, ging hinein und ließ die Briefe auf den Tisch fallen. Ihre Mutter drehte sich von der Spüle zu ihr um. Sie sah sie lange an und trocknete sich umständlich die Hände an ihrer Schürze ab. »Ach Kleines, es tut mir Leid. Wir versuchen es nächstes Jahr noch mal. Dann klappt es bestimmt.«


Ihre Großmutter nahm das oben liegende Schreiben, las es und seufzte. »Die Uni in Neuengland hat zugesagt.«


Naomis Mutter riss die Augen auf. »Warum weinst du dann? Das ist doch kein Grund zum Heulen.«


Naomi hatte gar nicht bemerkt, wie ihr vor Erleichterung Tränen die Wagen hinabliefen. »Ich weiß nicht. Ich kann es noch gar nicht glauben. Hawaii hat wie alle anderen abgesagt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich noch eine Uni nimmt.« Sie erwachte aus ihrer Starre. Ein schiefes Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. »Ich fahre also nach Orono. Surfen kann ich mir allerdings abschminken.«


Leandra räusperte sich. »Wenn du in Hamburg studierst und gute Noten hast, nehmen sie dich in einigen Jahren in Hawaii mit Kusshand.«


»Und wenn nicht, dann habe ich meine jetzige Chance verpasst.« Naomi setzte sich zu ihrer Großmutter. »Och Omi, Omilein, warum kannst du mir nicht einfach viel Spaß wünschen?«


Der bettelnde Ton ihrer Enkelin, gepaart mit dem Omilein, würde nicht helfen, um sie weich zu klopfen. Dieses Mal nicht. Dafür war der Anlass viel zu ernst. Leandra überlegte, wie sie Naomi davon abhalten sollte. Dieses Mal ging es nicht um ein Eis oder neue Turnschuhe.


»Sag schon, was ist so schlimm daran? Ich verstehe dich einfach nicht.« Naomi sah zu ihrer Mutter.


Luna zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich kann es dir auch nicht sagen. Deine Oma hat mich wie ein Schießhund bewacht, bis ich fünfundzwanzig und verheiratet war.« Mit einem Kopfschütteln verließ sie die Küche. »Ich gehe einkaufen. Und, ob es dir gefällt oder nicht«, sie warf Leandra einen trotzigen Blick zu, »die Zusage wird mit einer Flasche Sekt gefeiert!«


Leandras Gedanken rasten. Sie konnte ihre Enkelin nicht ins Unglück rennen lassen. Sie musste mit Naomi reden. Jetzt, solange ihre Tochter aus dem Haus war. Für Leandra war es offensichtlich. Naomi war Rominas Ebenbild. Langes schwarzes Haar, funkelnde grüne Augen, geschmeidiger Gang; alles untrügliche Zeichen. Sie trug es in sich, genau wie ihre Mutter.


»Also gut.« Leandra straffte die Schultern. »Ich schulde dir eine Erklärung.« Ihr Blick ruhte auf Naomi, die nun die Stirn runzelte und eine Augenbraue nach oben zog. »Warte hier!«


Leandra stand auf und ging ins Wohnzimmer. Dort kramte sie in einer Schublade nach der Fotografie ihrer Mutter. Wieder in der Küche, legte sie das Bild auf den Küchentisch. »Sieh sie dir genau an.«


Naomi nahm die Fotografie und betrachtete das Bild.


»Was siehst du?«, bohrte sie nach.


»Ich sehe deiner Mutter ähnlich.« Der Gedanke schien sie zu amüsieren, was Leandra mit einem ernsten Blick quittierte.


»Aber ansonsten ...«, antwortete Naomi nach einer Pause. »Ansonsten kann ich darauf nichts Besonderes erkennen.« Naomi legte die Fotografie zurück. Sie öffnete den Kühlschrank und nahm Orangensaft heraus. »Du auch?« Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte sie zwei Gläser auf den Tisch und schenkte ein.


»Naomi, es ist nicht nur die Ähnlichkeit, ihr seid vom gleichen Schlag. Und deswegen muss ich dir endlich die Wahrheit sagen.« Sie stockte einen Moment. »Meine Mutter verschwand spurlos.«


Naomi zog die Augenbrauen zusammen. Eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn. »Ich dachte, sie starb, als du klein warst.«


Leandra nahm das Foto wieder in die Hand. »Ich fand, diese Geschichte wäre für alle die einfachste Lösung.« Sie strich mit dem Daumen liebevoll über das Foto ihrer Mutter. Sie dachte zurück an ihre Kindheit. »Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Plötzlich verschwand sie.«


»Wie meinst du das?«, fragte Naomi. »Weiß Mama davon?«


Leandra schüttelte den Kopf. »Nein, und sie soll es auch nicht erfahren. Wenn ich dir die Wahrheit sage, musst du mir versprechen, niemandem ein Wort zu verraten.« Sie sah die Verwirrung ihrer Enkelin an den schmal gewordenen Augen und der gerunzelten Stirn. So sah sie immer aus, wenn sie sich konzentrierte oder verwirrt war. »Versprochen?«, drängte sie.


Naomi nickte langsam. »Versprochen.«


Leandra nickte ebenfalls. »Also gut.« Sie griff nach dem Glas Orangensaft und nahm einen Schluck. »Es war ein warmer Tag im Juli. Meine Mutter wollte uns eine Portion Eiscreme besorgen.« Leandra fiel es unendlich schwer, an diesen Tag zurückzudenken. Nach einem Seufzer sprach sie zögernd weiter. »Sie nahm ein paar Münzen aus der Dose und kam nie wieder.«


»Was war passiert? Hat man sie gesucht?« Naomi fuhr sich durch die Haare. »Ihr müsst sie doch gesucht haben.«


Leandra schnaubte verächtlich. Sie erinnerte sich an die Streitereien ihrer Eltern. Es waren nur Kleinigkeiten gewesen, aber Leandra hatte sich immer vor dem Tag gefürchtet, an dem ihre Mutter gehen würde. Ihr Vater hätte das Geheimnis nicht wahren können. Leandra kratzte nachdenklich an einem Wachsfleck auf dem Holztisch. »Ich beginne besser an dem Tag, als ich hinter ihr Geheimnis kam.«


Naomi starrte sie an.


»Ich war gerade neun Jahre alt. Zu dieser Zeit hatte ich Angst, alleine zu schlafen. Irgendjemand in der Schule hatte erzählt, ein Panther sei aus dem Zirkus entlaufen und treibe sich im Wald herum. Unser Haus lag direkt am Wald, was mich vor Angst zittern ließ.« Leandra trank einen weiteren Schluck Orangensaft. »So kam es, dass ich nachts aufstand, obwohl ich versprochen hatte, es nicht mehr zu tun. Trotzdem schlich ich mich auf Zehenspitzen zum Schlafzimmer meiner Eltern. Ich wollte zu Ma unter die Decke kriechen. Papa lag im Bett, von Ma keine Spur. Plötzlich hatte ich Angst um sie. Dachte, die Raubkatze könnte sie geholt haben. Ich ging ins Erdgeschoss hinunter. Die Küche lag im Dunkeln. Ich sah durch das Fenster in den Garten. Wegen des hellen Mondlichts konnte ich Ma dort sehen. Sie ging auf den Wald zu. Ich dachte, dass sie vielleicht schlafwandelte. Warum sollte sie sonst nachts in den Wald gehen?« Leandra machte eine kurze Pause. »Ich konnte sie unmöglich alleine gehen lassen, wo doch die Raubkatze aus dem Zirkus dort lauerte. So rannte ich hinterher.« Leandra ballte ihre Hände zu Fäusten. »Was ich dort sah, kann ich kaum in Worte fassen.« Sie sah auf.


Naomi hing an ihren Lippen. »Erzähl weiter.«


Leandra trank einen weiteren Schluck, bevor sie fortfuhr. Sie wagte es nicht, ihre Enkelin anzusehen. »Romina, meine Mutter, verwandelte sich vor meinen Augen in einen Panther. Kleiner zwar, als die, die ich im Zirkus gesehen hatte, aber groß genug, um mir Angst zu machen. Ich duckte mich hinter einen Busch und machte keinen Mucks, obwohl ich spürte, wie ich mir in die Hosen machte. Ich weiß nicht warum, aber Ma entdeckte mich. Sie kam zu mir. Irgendwie schaffte sie es, mich nach Hause zu schicken. Es schien fast so, als hätte sie mich hypnotisiert. Sie hat mich nur aus diesen stechend gelbgrünen Augen angesehen. Es fühlte sich an, als sähe sie direkt in meine Seele.«


Naomi grinste schräg, während Leandra verlegen weiter den Wachsfleck auf dem Küchentisch bearbeitete.


»Oma, was erzählst du nur für Geschichten«, lachte Naomi.


Leandra ballte die Fäuste. Ihre Finger schmerzten und sie legte die Hände locker übereinander.


Naomi hörte auf zu lachen. »Oma, das meinst du doch nicht ernst?«


Leandra war wütend und enttäuscht zugleich. Sie hatte gewusst, dass es schwer werden würde. Sie selbst hatte es damals kaum glauben können. »Doch. Lass mich weitererzählen. Und zwar, ohne dass du ein Gesicht machst, als sei ich verrückt geworden.«


Naomi schwieg und nickte.


»Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dachte ich erst, ich hätte geträumt. Aber meine Füße waren schmutzig vom Waldboden, und ich steckte immer noch in den nassen Schlafanzughosen. Es konnte kein Traum gewesen sein. Ich blieb am Türrahmen stehen und starrte auf meine dreckigen Füße. Ich lauschte auf die Geräusche im Haus, schlich ins Badezimmer, um mich zu waschen. Es war mir peinlich, in meinem Alter in die Hosen gemacht zu haben. Plötzlich stand Ma neben mir. Sie schaute mich einfach nur an und nickte kurz, als sie mich ins Badezimmer schob.«


Leandras Stimme war leiser geworden. Sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren und überlegte, wie sie weitererzählen sollte.


Naomi riss sie aus ihren Grübeleien. »Oma, wie ging es weiter?«


»Meine Ma erzählte mir, sie sei ein Gestaltenwandler. Ein Katzenmensch. Sie erklärte mir, sie verwandele sich bei Vollmond in einen Panther.« Sie schüttelte den Kopf. »Das war alles sehr aufregend. Ich war ja noch ein kleines Mädchen. Für mich war klar, wenn Ma ein Katzenmensch ist, dann auch Papa und ich. Mama verneinte. Sie sagte, Papa sei ein normaler Mensch, bei mir wisse sie es noch nicht.«


»Und, bist du einer?« Naomi lachte und sah amüsiert zu Leandra. Ihre Stimme hatte einen spöttischen Klang. »Grr, miau.« Sie fuhr mit den Fingernägeln über den Holztisch, als sei sie eine Katze.


»Du glaubst mir kein Wort, oder?« Leandra schloss die Augen. »Nein, natürlich nicht. Wie solltest du auch. Und nein, ich bin kein Gestaltenwandler, wenn ich auch jahrelang darauf gewartet habe, mich zu verwandeln.«


Naomi stand auf. »Oma, wie soll ich dir eine solche Geschichte glauben? Werwölfe, Vampire und der ganze Quatsch! Das gibt es nur in Gruselfilmen. Du warst ein kleines Mädchen, deine Fantasie ging mit dir durch, und deine Mutter hat dein Spielchen mitgespielt. Andere Kinder fürchten sich vor Monstern im Schrank.«


»Naomi. Katzenmenschen sind keine Monster, sondern sanfte Wesen, die niemandem ein Leid zufügen. Sie existieren tatsächlich. Nur, weil du keine gesehen hast, gibt es sie trotzdem.«


»Ja, wie Nessi aus Loch Ness!« Naomi ging in der Küche auf und ab.


Leandra spürte Naomis Blick auf sich ruhen. Sie sah ihrer Enkelin fest in die Augen. »Meine Mutter wollte mich schützen. Sie hatte Angst um mich. Und jetzt habe ich Angst um dich.«


Naomi kniete sich vor Leandra hin. »Omi, das musst du nicht. Ich kann wirklich auf mich aufpassen.«


»Du weißt doch gar nicht, was auf dich zukommt, Kind. Meine Mutter wäre bei ihrer ersten Verwandlung beinahe ums Leben gekommen. Sie wollte nicht, dass es mir auch so geht. Deswegen hat sie die Regeln gebrochen und mit mir gesprochen.« Leandra überlegte einen Augenblick, ob sie Naomi von den Unterlagen erzählen sollte. Damit würde sie ein weiteres Versprechen an ihre Mutter brechen. Sie hatte ihrer Mutter versprechen müssen, die Papiere nur zu lesen, wenn sie selbst ein Katzenmensch wäre. Schweren Herzens hatte sie Wort gehalten. Oft war sie versucht gewesen, den versiegelten Umschlag zu öffnen, um mehr über ihre Mutter zu erfahren. Der Umschlag war schon ganz fleckig; zu oft hatte sie ihn in Händen gehalten. Vor allem, nachdem ihre Mutter verschwunden war. Die Versuchung war immer noch groß. Den Umschlag nicht zu öffnen, war Leandras letztes Versprechen an ihre Mutter gewesen. Sie hätte sich wie eine niederträchtige Verräterin gefühlt, wenn sie die Aufzeichnungen gelesen hätte. Was wäre also, wenn sie ihr Versprechen jetzt bräche und Naomi gar kein Katzenmensch wäre? Sie würde ihr letztes Andenken an ihre Mutter beschmutzen. Sie musste Naomi mit anderen Mitteln überzeugen.


Naomi sah sie an. Der Blick kam Leandra beinahe mitleidig vor. »Was hat dir deine Mutter erzählt?«


Leandra atmete tief durch. »Also gut. Auch wenn du mir nicht glaubst ...« Leandra beugte sich zu ihrer Enkelin vor, die immer noch vor ihr kniete. Sie zog Naomi hoch und bedeutete ihr, sich zu setzen. »Meine Ma machte ein großes Geheimnis daraus. Ich liebte Geheimnisse, wie vermutlich jedes Kind. Sie sagte, Papa dürfe nie etwas davon erfahren, sonst müsse sie ihn verlassen. Sie erklärte mir, dass sie eigentlich jetzt schon gehen müsse, da ich hinter ihr Geheimnis gekommen sei. Doch brächte sie es nicht über sich. Ich begann zu weinen und jammerte, sie dürfe nicht gehen. Ich versprach ihr, niemals und niemandem etwas zu sagen. Nun habe ich deinetwegen mein Versprechen gebrochen.« Leandra stand auf. Sie musste sich bewegen, um dieses Kribbeln in ihrem eingeschlafenen Bein loszuwerden. Außerdem wollte sie dem ungläubigen Blick ihrer Enkelin entfliehen. »Ma meinte, es sei gefährlich, es zu wissen. Darum gäbe es eine Regel innerhalb ihrer Gruppe, nach der sie uns Menschen küssen und verlassen müssten, sobald jemand von uns um ihre Existenz wüsste. Wir würden sie durch den Kuss vergessen.« Leandra war komplett in die Vergangenheit eingetaucht. »Als ob ich meine Mutter einfach vergessen könnte.« Leandra suchte nicht mehr im Gesicht ihrer Enkelin nach einer Reaktion. Im Grunde war sie froh, dieses Geheimnis endlich loszuwerden. »Sie meinte, sie könnte unsere Erinnerung an sie auslöschen. Einfach so. Nur durch einen Kuss.«


»Hat sie dich sonst nie geküsst?«, fragte Naomi nach.


Leandra sah sie irritiert an. Die Frage nach dem Kuss hatte sie ihrer Mutter ebenfalls gestellt. »Doch, natürlich. Es ist ein besonderer Kuss. Er hat wohl etwas mit der Willensstärke der Katzenmenschen zu tun. So, wie sie mich damals im Wald nach Hause geschickt hatte. Ich kann es auch nicht erklären. Ich selbst habe diesen Kuss des Vergessens ja nie bekommen. Ma meinte, sie wisse, bei mir sei das Geheimnis sicher. Ich sei ein braves Mädchen. Und das war ich. Papa kam nie dahinter. Nicht mal, als sie verschwand, sagte ich etwas. Ma hätte mich nie einfach bei Papa zurückgelassen, selbst dann nicht, wenn er hinter ihr Geheimnis gekommen wäre. Sie hatte mir versprochen, immer bei mir zu sein. Papa hat nicht wirklich nach ihr gesucht. Wenn ich von Ma sprach, verzog er nur merkwürdig das Gesicht. Irgendetwas musste passiert sein. Bis heute habe ich niemandem davon erzählt. Aber jetzt spüre ich die Gefahr. Es ist, wie mein kaputtes Knie spürt, wenn es Regen gibt. Ich glaube, Ma würde es verstehen. Du bist schließlich ihre Urenkelin, und sie würde nicht wollen, dass dir etwas geschieht.« Leandra ging immer noch in der Küche auf und ab. Sie hatte alles gesagt.


»Omi, versetz dich mal in meine Lage. Würdest du mir glauben, wenn ich dir solch eine Geschichte erzählte?« Naomi stand ebenfalls auf und blieb direkt vor Leandra stehen.


»Vermutlich nicht. Sei aber bitte vorsichtig. Viel mehr verlange ich gar nicht. Meine Ma wurde in ihrer ersten Nacht von einer Kutsche erfasst. Sie brach sich mehrere Rippen und beinahe das Genick. Darum sollte ich Bescheid wissen. Sie wollte mir den Sprung ins kalte Wasser ersparen.« Leandras Stimme brach. »So, wie ich dir. Du bist nun gewarnt. Mehr kann ich nicht tun. Du musst mir auch nicht glauben, aber ...« Die letzten Worte ließ sie in der Luft hängen. Die Haustür schwang auf. Luna trat tütenbepackt ins Haus. Naomi und Leandra gingen in den Flur, um ihr zu helfen. Leandra sah ihre Enkelin eindringlich an. »Denk an dein Versprechen«, flüsterte sie, bevor sie die Sektflasche in den Kühlschrank stellte.


 


Ende der Leseprobe


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