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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Herzen aus Stein, Inka Loreen Minden
Inka Loreen Minden

Herzen aus Stein


Wächterschwingen 01

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Kapitel 1 - Schottland


 


Wie eine riesige Fledermaus hing Vincent kopfüber an der Mauer der Abtei. Die Krallen tief in den grauen Stein getrieben und seine Schwingen an den Körper gepresst, starrte er durch das Fenster. Dort drin, in dem schmalen Bett, lag Noir. Vince erkannte ein langes, schlankes Bein, das unter der Decke hervorschaute. Stundenlang könnte er es betrachten. Er seufzte leise. Zu seinem Glück war es stockdunkel. Niemand konnte ihn sehen; doch der Wind schob die Wolken unerbittlich weiter. Bald würde der Mond die Klosteranlage erhellen.


Noir bewegte sich, wurde unruhiger. Sie erwachte.


Sein Puls beschleunigte sich. Mit einem Satz stieß er sich von der Wand ab und segelte, die Schwingen ausgebreitet, zum Laubbaum, der sich gegenüber des Zimmerfensters befand. Er schlug seine Nägel in den Stamm, um flink wie ein Eichhörnchen in die Krone zu klettern. Dort verharrte er reglos. Er wusste, was gleich geschehen würde, worauf sein Herzschlag noch einmal an Tempo zulegte. Schon öffnete sich das Fenster und Vince stockte der Atem. Denn als Noir den Kopf herausstreckte, entstand in der Wolkendecke eine Lücke. Mondlicht ergoss sich auf ihr langes Haar und ließ es wie Silber glänzen. Ihr elfengleiches Gesicht zeigte keine Regung. Noirs Blick huschte über den Garten der Abtei, wobei ihre dunklen Augen wie Onyxe wirkten. Für Momente wie diesen lebte Vince. Leider zog sie sich viel zu schnell zurück.


Ein winziges Stück schob er den Kopf vor, um sich nicht zu verraten, und blinzelte gegen das Mondlicht, das durch die Blätter der mächtigen Eiche drang, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Von seinem Unterschlupf aus besaß er einen hervorragenden Blick in das Zimmer des alten Klosters. Silver Abbey war im 12. Jahrhundert nahe der Hafenstadt Aberdeen errichtet worden. Der graue Granit, der aus den umliegenden Steinbrüchen stammte, war charakteristisch für die schottische Stadt mit den Bauten, die teilweise aus dem Mittelalter stammten. Wenn Sonne oder Mondlicht auf die Gebäude trafen, glitzerte der Glimmeranteil im Stein wie Noirs weißes Haar.


Sie versteckte sich schon viele Wochen in dem Kloster, das von außen alt wirkte, von innen jedoch modernisiert und den Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst war. Ohne Internetanschluss wollten wohl auch die Mönche von Silver Abbey nicht mehr sein. Dennoch war Noirs Zimmer karg ausgestattet, denn ein Kloster blieb ein Kloster, egal in welchem Jahrhundert. Es war ein perfekter Unterschlupf für eine Hexe; niemand würde sie in einer kirchlichen Einrichtung vermuten und kein Dämon betrat solch einen Ort freiwillig.


Die Turmuhr schlug zehn Uhr nachts. Das Licht im Raum flammte auf und Vincent kniff abermals die Lider zusammen. Er vernahm das vertraute Summen, als Noir ihr Notebook anschaltete, etwas später die Toilettenspülung, dann das Schaben von Stuhlbeinen, als sich Noir an den Tisch setzte. Vincent bewegte sich nicht; die Nacht bot ihm zusätzlichen Schutz. Er war daran gewöhnt, unentdeckt zu bleiben, denn er war Noirs heimlicher Beschützer. Fast jede Nacht ging die Hexe auf Dämonenjagd, und jedes Mal folgte ihr Vincent wie ein Schatten.


Er seufzte erneut. Warum tat sich Noir das immer noch an? Viel lieber würde er mit ihr im Mondschein einen Spaziergang machen, als ständig hinter ihr herzuhetzen. Das Fenster rahmte ihre große, schmale Gestalt ein. Vincent sah Noir von hinten am Tisch sitzen, vor ihr das Netbook, auf dessen Tastatur sie herumtippte. Wenn er stillhielt, würde sie ihn nicht bemerken, auch wenn er nur vier Meter von ihr entfernt auf einem Ast hockte.


Tagsüber versteckte Noir ihr Haar unter der Kapuze eines Habits, wie ihn die Mönche im Kloster trugen. Jetzt floss es offen, aber ein wenig wirr, über ihre Schultern. In ihrer Schlafkleidung gefiel ihm Noir am besten. Dann hatte sie nicht das weite Gewand an, das ihre wunderschöne Figur kaschierte, sondern ein Shirt. Das verdeckte nicht einmal ihr Gesäß, über das sich ein knapper Slip spannte.


Diese Kurven … Vincent schluckte. Seine Krallen bohrten sich tief ins Holz des dicken Astes, an dem er sich festhielt. Da der Stuhl eine Lehne besaß, die am Rücken offen war, lugten Noirs schmale Taille und darunter ihre strammen Pobacken hervor, die unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschten. Wie würden sich ihre Rundungen in seinen Händen anfühlen? Wie würde Noirs Haar sein? Eher störrisch wie seines oder zart wie Samt? Wie es sich jedoch an ihren Rücken schmiegte und sich jeder ihrer Bewegungen anpasste, war es gewiss seidenweich.


Ob ihre Haut auch so glatt war? Bestimmt. Alles an Noir würde sich gut anfühlen. Was gäbe Vince dafür, sie nur ein Mal berühren zu dürfen!


Oft hatte er mit diesem Gedanken gespielt: wie er seine Schwingen ausbreitete und zu ihrem Fenster hinüberschwebte, wenn sie schlief, sich an ihr Bett schlich, ihr die Decke wegzöge und sie streichelte. Nur ein einziges Mal.


Doch Noir war eine Jägerin, eine Killerin. Wenn sie ihn bemerkte, würde sie ihn wahrscheinlich vernichten. Vincent sah auch Furcht einflößend aus, zumindest in seiner nicht-menschlichen Gestalt: seine Eckzähne verlängerten sich und er bekam spitze Ohren; winzige Hörner lugten aus seinem braunen Haar und auf seinem Rücken saßen mächtige fledermausähnliche Schwingen. Er war wirklich keine Augenweide. Noir würde sich fürchterlich erschrecken, wenn plötzlich ein zwei Meter großes Ungeheuer in zerrissenen Jeans vor ihr stünde.


Als der Ast unter seiner Folter knackte, hielt Vincent die Luft an, aber Noir schien es nicht gehört zu haben. Sie saß immer noch über ihren Laptop gebeugt am Tisch. Auch wenn er den kleinen Bildschirm nicht sah, wusste er, dass sie wie jeden Abend den Magic International, ein Online-Magazin für Magier, überflog, das sie auf dem Laufenden hielt. Noir wollte wissen, was sich in ihrer Welt tat.


Ein Eichenblatt fiel raschelnd durch die Baumkrone und landete auf seiner Schulter. Langsam zog der Herbst ins Land – bald musste sich Vince ein anderes Versteck suchen. Hätte Noir ihn jetzt entdeckt, würde sie ihn bestimmt für einen Dämon halten. Vincent würde es ihr nicht einmal übel nehmen, sollte sie ihn umbringen wollen. Er war ein Monster, jedenfalls in seiner Gestalt als Gargoyle. Selbst, wenn er sich in einen Menschen verwandelte, würde Noir so etwas wie ihn wohl niemals begehren. Immerhin könnte sie jeden haben. Sie war eine Schönheit, groß und grazil wie eine Elfe, aber gefährlicher als eine Harpyie. Ihr Anblick täuschte jeden, denn unter ihrer zierlichen Schale verbarg sich eine Hexe mit unvorstellbaren Kräften. Sie beherrschte mächtige Zaubersprüche, deren volle Kraft sie selten ausschöpfte, um nicht aufzufallen. Vincent wusste, wozu Noir fähig war, denn er hatte beobachtet, wie sie im Wald trainierte. Sie war die Herrin der Elemente, verwandelte Wasser in Eis, um dieses wie Pfeile auf ihre Gegner zu schleudern. Sie konnte Winde entfachen und unsichtbare Mauern aus purer Energie erschaffen; sogar die Erde konnte sie mithilfe von Magie bewegen und ihren Gegnern nicht nur sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Seit Neuestem versuchte Noir, brennende Kerzen zur Explosion zu bringen.


Allein mit ihrem Aussehen blendete sie die Dämonen, die ihr jede Nacht in die Falle gingen. Diese Höllenwesen hatten eine Vorliebe für hübsche Menschenfrauen. Selbst die feine Narbe, die sich senkrecht über ihre Wange zog, entstellte Noir nicht. Sie stammte von dem Angriff in ihrer Kindheit, als ihre Familie ermordet wurde und Noir nur knapp mit dem Leben davonkam.


Eine Bewegung ihres Kopfes brachte ihr Haar abermals zum Glänzen, weil es das Licht der Deckenleuchte reflektierte. Das fesselte seinen Blick erneut. Ihr Haar war das Erstaunlichste an ihr. Es würde sofort Aufmerksamkeit erregen, deshalb verbarg sie es außerhalb der Klostermauern unter einer Kapuze oder einer Perücke. Zudem wusste von den Mönchen niemand, dass sie eine Frau war. Ihren magischen Fähigkeiten hatte sie es zu verdanken, bisher nicht als Frau oder Hexe entlarvt worden zu sein. Keiner der ohnehin schweigsamen Mönche fragte nach, warum sie nicht zu den täglichen Gebeten und Gottesdiensten, sondern nur zu den Mahlzeiten erschien. Niemand wunderte sich.


Während des Tages ruhte sie meistens, um nachts im Schutze der Dunkelheit Silver Abbey zu verlassen. Im Zentrum der alten Stadt gab es einen Dämonenklub, der wie ein Magnet das Gesindel der Unterwelt anzog. Noir passte jede Nacht solch ein Wesen ab, wenn es den Laden verließ, und nahm es sich zur Brust. Sie horchte die Höllenkreatur aus, ob sie etwas wusste, das ihr bei der Suche nach dem Artefakt oder ihrem verschollenen Bruder helfen konnte. Anschließend vernichtete sie den Unterweltler mehr oder weniger mühelos. Noir war eiskalt. Selbst vor Folter schreckte sie nicht zurück. Manchmal machte sie sogar ihm Angst.


Der kühle Wind von der Ostküste brachte die Blätter im Baum zum Rascheln und wirbelte Vincents Haar noch ein wenig mehr durcheinander. Er roch Salz und Seetang. Zu seinem Leidwesen mischte sich Noirs einzigartiger, weiblicher Duft darunter. Wie ein rosa Band schlängelte er sich aus dem Fenster – ein Hauch von Zimt und Vanille – direkt in Vincents Nase. Er stöhnte unterdrückt, weil es Fluch und Segen zugleich war, nicht in seiner menschlichen Gestalt zu stecken. Als Gargoyle konnte er Noir besser beschützen. Dann reagierten seine Sinne intensiver. Vincent hörte die Maus, die sich im Schutz der Dunkelheit ihren Weg durch das Gras bahnte, auf der Suche nach etwas Essbarem. Etwa fünfzig Meter weiter kauerte eine Katze im Schatten zweier Mülltonnen. Ihre Augen funkelten. Sie hatte das Mäuschen nicht bemerkt, stattdessen starrte sie zu Vince herüber, machte einen Buckel und fauchte. Sie hatte wohl noch nicht entschieden, ob Vincent Freund oder Feind war. Er würde der Katze jedoch nichts tun, weil er Tiere liebte und sich sein Essen nicht unbedingt erjagen musste. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen mochte Vincent kein rohes Fleisch. Die einzigen Tiere, um die Vincent einen großen Bogen machte, waren Hunde, weil er als Kind von einem Straßenköter gebissen worden war.


Vincent war seit zehn Jahren, seit Noirs Eltern ermordet worden waren, ihr Schatten, ihr dunkler Schutzengel, obwohl sie längst so mächtig war, dass sie ihn nicht mehr brauchte. Vincent hatte die Londoner Bruderschaft, der er angehörte und die ihm den Auftrag gab, die Hexe zu beschützen, überzeugen können, bei ihr zu bleiben. Er hatte seinen Brüdern und Schwestern erzählt, Noirs Schutz sei ungemein wichtig, denn sollten die Dämonen auch an das zweite Amulett kommen, wären die Folgen katastrophal. Was nicht gelogen war. Beide Artefakte würden den Höllenwesen ungeahnte Mächte verleihen, mit denen sie die Menschheit unterjochen könnten.


Vincent hätte jedoch gelogen, jederzeit, weil er Noir brauchte wie die Luft zum Atmen. Ohne sie konnte er nicht mehr existieren. Vince hatte Angst, ihr könne trotz ihrer Kräfte und der herausragenden Kampfkünste etwas zustoßen. Aber die wahren Gründe durfte niemand aus seinem Klan erfahren, denn es war ihm bei seinem Leben verboten, sich ihr körperlich zu nähern. Die Bruderschaft würde ihn verstoßen und das wäre sein Todesurteil. Er musste sich damit zufriedengeben, die hübsche Frau, die nichts von seiner Existenz wusste, nur heimlich beobachten und beschützen zu dürfen. Das musste ihm reichen, obwohl es das schon lange nicht mehr tat. Vincent wollte sie riechen, spüren, lecken, streicheln und schmecken. Noch nie hatte er eine Frau gehabt, sich hingegen schon unzählige Male vorgestellt, wie es sich anfühlen würde, auf Noir zu liegen, sie unter sich zu spüren, in sie einzudringen. Bei diesen Gedanken zuckte sein Geschlecht und schwoll weiter an. Vince würde sich wie immer selbst Erleichterung verschaffen müssen, wobei er sich jedes Mal wie ein Perverser vorkam, nach so langer Zeit noch. Eigentlich war er nicht besser als ein Spanner. Doch er durfte Noir nicht aus den Augen lassen; ein Moment der Unachtsamkeit könnte ihr Leben gefährden.


Verdammt, Noir konnte gut auf sich aufpassen, aber er wollte sie nicht aus den Augen lassen!


Da das Fenster offenstand, roch er sie nicht nur, sogar ihr Herz hörte er in einem gleichmäßigen Rhythmus schlagen. Bei allen Höllenhunden, er konnte sich kaum zurückhalten, nicht sofort in ihr winziges Zimmer zu segeln, sie vom Stuhl zu reißen, ihr Hemd und Höschen vom Körper zu zerren und … Hör auf!, ermahnte er sich. Er musste sich verdammt noch mal etwas anderes vorstellen! Frustriert ließ er den Kopf hängen. Ihm würde schon reichen, sie einfach in den Armen zu halten.


Es wäre wohl besser, sich noch Ruhe zu gönnen, bevor Noir zu ihren Streifzügen aufbrach. Er brauchte seine volle Energie. Vince konnte sich aber nicht entspannen, denn heute Nacht war sein Verlangen nach ihr besonders stark. Wie lange würde er sich noch zügeln können? Er schloss die Augen und versuchte vehement, das Pochen seines Schwanzes zu ignorieren. Allein an Noirs Herzschlag, der bis in seine Träume vordrang, würde er hören, wie es ihr ging: ob sie schlief, aufgeregt oder erregt war. Doch alles, was Noir erregte, war die Jagd auf das verschwundene Amulett und die Mörder ihrer Eltern.


Vincents harter Penis drängte sich gegen die Jeans, die seine Oberschenkel umspannten und ihm nur bis zu den Knien reichten. Ansonsten trug er nichts weiter am Leib. Kleidung beraubte ihn seiner Bewegungsfreiheit. Ihn bekam ohnehin niemand in dieser Gestalt zu Gesicht. Sollte sich Noir tagsüber fortbewegen, was sie nur selten tat, besaß er sein menschliches Äußeres und konnte unauffällig in der Menschenmenge untertauchen. Sicherheitshalber hatte er Kleidung in der Nähe deponiert sowie ein Handy, damit er jederzeit mit seinem Klan in Kontakt treten konnte.


Während sich die Körper anderer Gargoyles bei Sonnenaufgang in eine organische Substanz verwandelten, die Stein ähnelte, wurde er zu einem Menschen; nachts verwandelte er sich zurück. Daher hatte sein Klan ihn damit beauftragt, auf die Hexe aufzupassen. Vince konnte sie Tag und Nacht bewachen. Das machte ihn zu etwas Besonderem; zugleich zu einem Ausgestoßenen. Er war eben anders. Vincent schnaubte. Grimsley, der Klanführer der Londoner Bruderschaft, hatte bestimmt nur deshalb zugestimmt, dass Vince Noir bewachte, um ihn, die Missgeburt, aus der Reichweite der anderen Gargoyles zu schaffen.


Vincent wollte für immer ein Mensch sein, denn dann fand er sich nicht hässlich. Er könnte jedoch einerseits Noir nicht mehr gut genug beschützen, andererseits war das sowieso unmöglich. Der Heiler der Gargoyles hatte Vince mit einem Fluch belegt. Wollte er sich auch nachts in einen Menschen verwandeln, gelang ihm dies nur unter grausamsten Schmerzen. Alles Lebendige, was er dann mit seinen Händen berührte, wurde zu Stein. Damit er nie auf den Gedanken kam, denselben Fehler zu machen wie sein Vater. Menschen und Gargoyles passten einfach nicht zusammen.


Vince musste täglich eine Tablette schlucken, die er in einem Lederbeutel an seinem Gürtel trug, oder er würde sterben. Grimsley hatte ihm das eingebläut.


„Du bist eben anders“, hatte dieser ständig gesagt. Er konnte es nicht mehr hören! Sein verfluchtes Leben hing von der täglichen Einnahme einer winzigen Pille ab! Das war erniedrigend! Entwürdigend!


Anders …


Er knurrte und seine Krallen taten ihm bereits weh, weil er sie unerbittlich in den Baum trieb. So ein Wesen wie ihn gab es nicht noch einmal, deshalb fühlte er sich allein. Er hasste sein Leben. Nur Noir ließ ihn das alles durchstehen.


Seine Erregung verwandelte sich in Wut, als er daran dachte, wie beschränkt sein Dasein war. Es sollte ihn erfüllen, als Gargoyle jemanden zu beschützen; das war es, wofür ein Gargoyle geboren war. Jedoch hatte Vincent Gefühle und Sehnsüchte, die befriedigt werden wollten. Was wohl wiederum damit zusammenhing, dass er eben kein richtiger Gargoyle war.


Schlagartig legte Noirs Herz an Tempo zu. Irgendetwas stimmte nicht! Vincent riss die Lider auf und spannte jeden Muskel an. Noir griff zu ihrem Handy, das neben ihrem Laptop lag, und tippte eilig eine Nummer ein. „Magnus!“, rief sie atemlos in das Gerät und sprang vom Stuhl auf, sodass er polternd nach hinten umkippte. „Ich brauche eine Maschine nach Paris. Sofort!“


Vincents Puls schlug noch schneller, als er konzentriert der Männerstimme am anderen Ende der Leitung lauschte. „Was ist denn passiert?“


„Ich habe im Magic International eine verdächtige Anzeige gefunden. Bist du online?“ Noir beugte sich über den Tisch. Ihr süßer Hintern in dem knappen Slip streckte sich Vince entgegen, doch nun war er zu aufgeregt, um den Anblick zu genießen. So aufgelöst hatte er sie noch nie erlebt.


Magnus sagte: „Warte einen Moment, ich muss erst ins Arbeitszimmer.“


Magnus Thorne war einer der mächtigsten Magier weltweit, noch viel stärker als Noir. Er wirkte Zauber, die ihre Künste alt aussehen ließen. Er beherrschte das gesamte Repertoire höchstmagischer Sprüche, konnte Dinge verwandeln, optische Täuschungen heraufbeschwören oder sein Äußeres ändern. Magnus wohnte mit seiner Frau in der Nähe, in dem beschaulichen Ort Westhill. Noir hatte ihm vor zehn Jahren ihr Amulett anvertraut, hinter dem die Dämonen her waren. Diese besaßen das Pendant zu Noirs Medaillon. Allein war es beinahe harmlos, wenn man die Artefakte aber zusammenbrachte, entfesselten sie ungeahnte Kräfte. Beide Schmuckstücke in Dämonenhand … Nicht auszudenken, was dann geschehen könnte.


„Okay, auf welcher Seite?“, drang Magnus’ Stimme aus dem Handy. Er war Noirs einziger Verbündeter im Kampf gegen die Unterweltler.


„Dreizehn. Die Nachricht ist unwichtig. Jemand bietet Kurse für Magie Ersten Grades an, aber in dem Rahmen, der sich um die Anzeige schlängelt … Kannst du es sehen?“


„Das gibt’s doch nicht!“, rief es aus dem Handy. „Ein Kreis, darin ein Dreieck und darin ein Tor.“


Schlagartig richtete sich Noir auf, sodass Vincent beinahe vom Ast gefallen wäre. „Ja“, sagte sie, „in dem Ornament ist eine genaue Abbildung des verschwundenen Amuletts. Nur wer es besitzt, kann wissen, wie es aussieht. Ich wüsste nämlich nicht, dass irgendwo Aufzeichnungen darüber existieren.“


Angestrengt spitzte Vincent die Ohren. Ein Hinweis auf das Amulett in der Zeitung? Das klang unglaublich. Das konnte nur bedeuten …


„Das ist eine Falle!“ Magnus’ Stimme drang laut und deutlich bis zu Vincent, sodass sich eine Gänsehaut auf seinem Körper ausbreitete, obwohl er als Gargoyle nicht so schnell fror. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Soeben hatte er dasselbe gedacht. Sollte Noir diese Adresse in Paris aufsuchen, wäre ihr Leben vielleicht beendet. Er musste sie daran hindern!


Mit einer Hand strich sie sich ihr Haar hinters Ohr, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie nervös war. „Ist mir klar, dass die Nachricht von dem Dämon stammt, der meine Eltern umgebracht hat.“


„Umso wichtiger, dort erst gar nicht aufzutauchen!“, rief Magnus.


Noir schien ihm nicht zuzuhören, denn sie murmelte vor sich hin: „Dieser Dämon, der meine Eltern getötet hat, will mich anlocken, um an das zweite Amulett zu kommen. Das leuchtet mir ein. Ich habe ja immer geahnt, dass sie nach mir suchen. Aber warum sind sie erst jetzt auf die Idee gekommen …“


„Noir!“ Magnus klang ungeduldig.


„Moment, ich muss was überprüfen.“ Noir tippte wieder auf der Tastatur herum. „Hier kann ich alle Anzeigen der letzten Ausgaben abrufen.“ Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf. „Das gibt es ja nicht!“


Vincents Herz setzte beinahe aus. Diese Hexe war dabei, seinen letzten noch intakten Nerv zu zerstören.


„Was ist denn?“, wollte auch Magnus wissen. „Noir!“


„Dieselbe Anzeige … Sie steht in allen Ausgaben der letzten Jahre!“


„Und sie ist dir nie aufgefallen?“


„Ich lese mir sonst nie den Anzeigenteil durch.“ Noir geriet ins Stottern. „Ich … Es war, weil … Diesmal hab ich nur …“


Die Stimme des Magiers klang sanfter aus dem Handy: „Noir, wenn du Geld brauchst, kannst du mich fragen.“


Erneut strich sie sich eine Strähne hinters Ohr. „Mit einem Flug nach Paris wäre mir schon sehr geholfen.“


„Bist du dir wirklich sicher?“


Wie ein eingesperrtes Tier lief Noir in ihrem winzigen Zimmer herum, wobei sie einen Rucksack mit den wichtigsten Habseligkeiten packte. Vincent hielt sich nur mit höchster Selbstbeherrschung auf seinem Ast, am liebsten würde er sofort durch Noirs Fenster segeln und sie an ihr Bett binden, damit sie keine Dummheiten machte.


„Vielleicht bekomme ich endlich einen Hinweis auf Jamie.“ Jamie war Noirs kleiner Bruder, den sie in der Unterwelt zurücklassen musste. Magnus glaubte, er sei längst tot, doch Noir, von Schuldgefühlen zerfressen, wollte die Suche nach ihm nicht eher aufgeben, bevor sie Gewissheit hatte.


Der Magier versuchte, sie zu beschwichtigen; Vincent hingegen wusste längst, dass es aussichtslos war. „Noir, nach so langer Zeit …“


„Magnus, bitte! Du weißt, wie wichtig mir das ist. Ich werde vorsichtig sein. Ich bin eine verdammt gute Hexe, das weißt du. Ich beherrsche die Grundzauber aus dem Effeff, zudem höhergradige Magie, wie sie nur die wenigsten anwenden können. Und wenn du mir deinen Privatjet nicht leihst, buche ich eben einen herkömmlichen Flug. Aber ich werde nach Paris reisen, so oder so.“


„Und allein gegen was weiß ich wie viele Dämonen antreten?“ Plötzlich herrschte Ruhe am anderen Ende, Magnus schien zu überlegen. „Ich würde mitkommen, aber ich kann Amalia jetzt nicht allein lassen.“ Der Magier hatte erst vor Kurzem ein zweites Mal geheiratet und seine Frau war schwanger. „Aber ich werde dir etwas vorbeibringen, das du im Kampf gegen die verdammten Unterweltler einsetzen kannst“, sagte er. „Es ist sehr wertvoll und darf niemals in die Hände der Dämonen fallen, und ich will es wiederhaben, hörst du?“


Noir klappte das Notebook zu und ließ ihre Hand darauf liegen. Selbst aus vier Metern Entfernung erkannte Vince, wie sie zitterte. Noir zitterte äußerst selten. Doch jetzt, wo sie die Gelegenheit witterte, nicht nur das zweite Amulett zurückzubekommen, sondern auch Rache am Mord ihrer Familie üben zu können und zu erfahren, was aus ihrem Bruder geworden war, brachte das ihr inneres Gleichgewicht anscheinend aus dem Lot. Das war nicht gut. Es könnte sie dazu verleiten, unüberlegt zu handeln.


„Ich danke dir, Magnus, ich weiß deine Loyalität zu schätzen. Ich würde ohnehin nicht wollen, dass du für meine Sache dein Leben aufs Spiel setzt. Du tust schon so viel für mich.“


Noir sprach von ihrem Amulett, das Magnus seit ihrer Flucht an einem sicheren Ort bei sich zu Hause aufbewahrte. Er besaß ein gewaltiges Schloss, das wie eine Festung gesichert war, magisch, selbstverständlich.


„Wir sehen uns in einer Stunde am Aberdeen Airport“, beendete Magnus das Gespräch.


Hastig packte Noir das Gerät mit in den Rucksack, steckte ihr Netbook ein und schlüpfte aus ihrem Hemd.


Wie immer, wenn Vincent sie nackt sah, stockte ihm zuerst der Atem. Ob Noir wusste, wie wunderschön sie aussah, wenn ihr langes Haar über ihre apfelgroßen Brüste fiel? Die Brustwarzen standen vor Aufregung spitz ab und lugten durch die Haarsträhnen. Auch in Noirs Gesicht hatten sich Flecken gebildet. Sie war erhitzt. Sie roch jetzt anders, ihre Hormonproduktion lief auf Hochtouren. Adrenalin durchströmte ihren Körper wie ein Aufputschmittel. Vincent konnte es beinahe sehen; ihr Duft visualisierte sich in seinem Gehirn. Aus der rosa Farbe wurde ein helles Blau, das sie wie eine Aura umhüllte. Gott, warum musste ausgerechnet sie die attraktivste Hexe der Welt sein? Noir, fünfundzwanzig Jahre alt, erinnerte ihn an die langbeinigen Models aus den Hochglanzmagazinen. Vincent, der fünf Jahre älter als sie war, hatte erlebt, wie sie vom Mädchen zur Frau herangereift war, wie aus einem Teen eine mächtige Hexe wurde. Er war damals zwanzig gewesen, als er ihr von der Bruderschaft als Beschützer zugeteilt worden war. Schon als er sie zum ersten Mal erblickt hatte, war es um ihn geschehen gewesen. Daher quälte ihn jede weitere Sekunde, die er mit ihr verbrachte. Sie immer nur ansehen zu dürfen, machte ihn schier wahnsinnig. Doch sein Beschützerinstinkt überwog. Er würde Noir auch vor sich selbst retten, wenn es sein musste.


Als sie ihren Motorradanzug aus Leder anzog, wusste er, dass ihm gleich eine Verfolgungsjagd bevorstand. Noir sah so heiß aus in dem engen Material, das sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte, dass Vincents Fantasie Überstunden machte. In diesem Outfit hatte sie etwas Gebieterisches. Etwas teuflisch Attraktives. Ein wenig erinnerte sie an Catwoman. Seine Comic-Sammlung kam ihm in den Sinn. Ob Kara die Hefte immer noch unter ihrem Bett versteckte? War sie überhaupt noch der Wächterengel seiner Bruderschaft? Vincent dachte oft an Kara, die seine wichtigste Bezugsperson gewesen war. Sie war das einzige Geschöpf, das er seit seiner Abreise von „Zuhause“ vermisste.


Vincent atmete auf, als Noirs schlanke Gestalt unter dem Habit verschwand. Sie schlüpfte in ihre fast kniehohen Lederstiefel, in denen jeweils ein Dolch steckte, und ging zum Bett. Unter dem Kopfkissen zog sie ein Stoffhäschen hervor, das einmal weiß gewesen war, jetzt allerdings grau und mitgenommen ausschaute. Die Augen schließend, drückte sie das Plüschtier an ihre Brust. Dabei sah sie wie jenes kleine Mädchen aus, als das Vince sie kennengelernt hatte. Danach packte sie den Hasen mit ein. Sie schulterte die Tragetasche und verließ den Raum. Kurze Zeit später kam sie aus dem Nebentrakt, der im Garten des Klosters lag.


Von seinem Baum beobachtete Vincent ihre große Gestalt, die durch die Nacht schlich und um die Hausecke bog. Obwohl der Mond hell schien, verstand es Noir, sich beinahe unsichtbar zu machen. Unsichtbar für Menschen, aber nicht für Vincent. Sofort schnappte er sich den alten Rucksack mit seiner Kleidung, den er in der Krone der Eiche deponiert hatte. Noir hatte ihn einmal weggeschmissen und seitdem war er in Vincents Besitz übergangen. So gehörte ihm wenigstens etwas von ihr.


Vince sprang vom Baum und rannte auf das Kloster zu. Dort schlug er die Krallen in die Mauer und kletterte auf das Dach. Er sah, wie Noir in der Hecke verschwand, die innerhalb der Klostermauern an der Wand wuchs. Durch eine geheime Tür in der Mauer stahl sie sich vom Gelände in den dahinterliegenden Birkenwald. Dort hatte Noir ihr Motorrad versteckt, das sie jede Nacht auf ihren Streifzügen benutzte.


Vince stieß sich vom Dach ab, breitete seine Schwingen aus und segelte über die Klostermauer, um ihr wie ein Schatten zu folgen. So wie immer.


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