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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Herz aus Grün und Silber, Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe

Herz aus Grün und Silber



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Prolog

Köln, September 1963

'Angst schärft die Sinne, Panik dagegen verfälscht sie.'
Thea wusste nicht, wo sie diesen Satz aufgeschnappt hatte, aber jetzt erkannte sie die Wahrheit darin – und wie grausam diese sein konnte. Ihr Atem schmerzte in ihrer Kehle, als würde er aus unzähligen Klingen bestehen. Sie hörte ihre eigenen Schritte und auch Maryas kaum, während die in ihrem Rücken wie Gewehrfeuer klangen. Die Straße vor ihnen war menschenleer, lediglich gesäumt von Mehrstockhäusern, Laternen und Abfalltonnen – stumme Zeugen ihrer Verzweiflung. Selbst Maryas Finger, die sich um ihre gekrampft hatten, fühlten sich an, als stammten sie nicht von dieser Welt. Trotz allem, das ungewollt in ihrem Leben aufgetaucht war, hatte Thea stets geglaubt, friedlich im Kreis ihrer Familie zu sterben. Sie dachte an ihre Tochter, und allein das gab ihr die Kraft, weiterzulaufen. Die Kleine war sicher. Egal, was geschah, die Männer würden sie nicht bekommen. „Nach rechts!“ Marya wartete nicht, bis sie reagierte, sondern zerrte sie in die nächste Seitenstraße. Ein Ruck lief durch Theas Körper, doch es schmerzte nicht. Im Gegenteil, es kam ihr ebenso unwirklich vor wie der Regen auf ihrem Gesicht oder die Füße, in denen es pochte und riss. Sie hatte einen Schuh verloren, irgendwann auf dieser Jagd durch die nachtdunkle Stadt. Wo, wusste sie nicht mehr. Vielleicht wusste Marya es. Letztlich war es egal. Sie würde vielleicht sterben, sie war zu schwach, um sich zu wehren. Der einzige Grund, um weiterzuleben, war ihre Kleine mit den großen Augen und dem widerspenstigen Haar. Doch sie hatte Angst, die Männer zu ihr zu führen. Vielleicht war es einfach besser, aufzugeben, sich nicht mehr verstellen und verstecken zu müssen. Ihre Grübeleien verdrängten die Panik und ließen Angst zurück. Ziegelmauern und Plakate, an deren Ecken der Wind zupfte, zogen vorbei. Eine Katze verschwand fauchend unter einer Plane. Grau und das Gelb der Laternen – mehr Farben gab es hier nicht. Vor ihnen schälte sich eine Straße aus der Dunkelheit. Marya blieb vor ihr stehen. Ihr Atem rasselte. Ihre Brust hob und senkte sich, und ihre schwarzen Locken klebten an Hals und Schultern. „Wir trennen uns“, sagte sie und drückte Theas Hand. Auch sie hatte Angst – das bewies der schwere Akzent, der immer dann durchsickerte, wenn sie aufgeregt war. „Hörst du? Ich laufe links weiter, du rechts. Vielleicht verwirren wir sie dadurch.“ Thea nickte. Es blieb nichts zu sagen in dieser Welt, die sich gegen sie verschworen hatte. Sie sah zu, wie Marya in die Dunkelheit eintauchte – Vertraute, Schwester, Leidensgefährtin. Dann drehte sie sich um und lief in die entgegengesetzte Richtung. Jetzt, da sie allein war und niemand mehr hatte, der sie weiterzerrte, verschwand auch der Rest der Benommenheit. Thea atmete tiefer, lief schneller, und doch verlor sich das Echo hinter ihr, das keines war, niemals. Ihr Weg endete in einer Sackgasse. Die Steine mauerten sich vor ihr in die Höhe und schienen sie zu verspotten. Theas Schultern sackten herab, sie spürte Nässe auf ihren Wangen. Sie hätte in ihrer Trance bleiben sollen, vielleicht wäre dann der Tod weniger schlimm gewesen. Jetzt spürte sie, wie ihre Hände zitterten und ihre Knie drohten nachzugeben. Sie schluchzte auf und presste erschrocken beide Hände auf den Mund. Die Schritte waren ganz nah. Die Männer hatten sich nicht wie erhofft aufgeteilt, sondern entschieden, zumindest bei einer Beute auf Nummer sicher zu gehen. Und sie hatten Thea gewählt. Sie wich bis zu der Mauer zurück, die ihr Schicksal besiegelte, und sah zwei Gestalten in die Gasse treten. Sie waren ebenso grau wie die Häuserwände und der Boden zu ihren Füßen, selbst wie der Himmel. Ihre Rufe waren verstummt, und sie kamen langsam näher. Massige, bedrohliche Schatten. Ihre Beute befand sich direkt vor ihnen, doch sie hatten gelernt, trotzdem vorsichtig zu sein. Als sie das Licht der Straßenlaterne erreichten, schimmerten die Waffen in ihren Händen schwarz und braun. Dann sah Thea ihre Gesichter. Das eine war hager und wurde von der Nase und strähnigen Haaren dominiert, die seitlich in die Stirn fielen. Der zweite Mann war mehrere Handbreit kleiner und trug sein dunkles Haar kurz und in der Mitte gescheitelt. Trotz aller Unterschiede ähnelten sie sich durch die Entschlossenheit und den Hass auf ihren Zügen. Thea versuchte, sich kleiner zu machen, als sie es ohnehin war. „Bitte.“ Sie stolperte über dieses eine Wort. Ihre Zunge war so schwer wie ihre Kleidung, die den Regen aufgesogen hatte. „Ich tue niemandem etwas. Ich will einfach nur nach Hause.“ Sie klang wie ein Kind, nicht wie eine junge Frau. Die Männer gingen weiter, als hätten sie nichts gehört. Thea hob die Hände und hielt sie vor ihr Gesicht, so als könnte sie alles abwehren, Kugeln und Hass und Misstrauen. Die Männer blieben auf der Stelle stehen, rissen ihre Waffen in die Höhe und zielten. „Nimm die Hände runter!“, brüllte einer. Seine Stimme hätte schön klingen können, wäre da nicht all die Wut gewesen. Und die Angst. Die Männer hatten Angst vor ihr. In der Dunkelheit zu Theas Füßen bewegte sich etwas. Sie sah nicht hin, sah nichts mehr bis auf das süße Lächeln ihrer Tochter, als sie die Augen schloss. Eine Bewegung an ihrem nackten Fuß verlieh ihr die nötige Stärke, um sich nicht mehr zu rühren. Dann war auch diese verschwunden, und sie war allein. Die Mauer in ihrem Rücken war so kalt, so kalt. Die Männer schrien etwas, aber sie verstand nicht. Sie hörte das Klicken der Waffen. Sie hörte sogar die Schüsse, ehe etwas sie von der Welt trennte und für immer mit sich nahm.

Sydney, Gegenwart

1

Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in der Wahrnehmung wäre. (Thomas von Aquin)


Die Lichter des Krankenwagens tauchten die Umgebung in einen Pulsschlag aus Blau und Rot und ließen Einzelheiten für kurze Momente sichtbar werden: Straße, Menschen, Fahrzeuge, Füße. Naya drückte ihr Kinn fester auf die Knie und starrte auf ihre nackten Zehen. Blut hatte sich unter die Nägel gegraben und sie in die einer Toten verwandelt: Halbmonde, die im Dunkel der Nacht verschwanden, um dann aufzutauchen, wieder und wieder. Immerhin war der Anblick ihrer Füße vertraut, anders als die raue Decke, die ihr ein Sanitäter um die Schultern gelegt hatte. Der grobe Stoff roch muffig, nach Staub und Fabrik. Er verlieh ihr nicht den erhofften Kokon aus Wärme und Geborgenheit, sondern isolierte sie auf seltsame Weise von dem Ameisenhaufen an Polizei, Männern der Ambulanz von New South Wales und Schaulustigen, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemühten, so diskret wie möglich herüberzustarren. Irgendwo lagen ihre Schuhe. Neben ihr setzte ein Scheppern und Knirschen ein: Claires Auto wurde abgeschleppt. Naya sah nicht hin, stellte sich aber die Dellen in der Karosserie vor, aus den Angeln gerissene Türen und Qualm, der aus der Motorhaube des Holden Camira kroch. Nach dem Unfall hatte ein Mann in Schutzkleidung sie hinausgezogen und über die Straße getragen. Sie hatte nicht zurückgeblickt, doch in ihrer Vorstellung musste jeder Wagen, der sich mehrmals überschlug, aussehen, als hätte die Faust eines Riesen ihn zerquetschen wollen. Seltsamerweise ängstigte auch dieses Bild sie nicht, und so schob sie es zur Seite. Ihre Gedanken wanderten weiter zu Claire. Ihre Cousine saß eine Armlänge entfernt neben ihr und war ebenfalls in eine Decke gehüllt. Sie hatte die Augen geschlossen, der Kopf lehnte an einer Tür des Ambulanzwagens. Naya wusste, dass sie sich bei Claire entschuldigen sollte, doch selbst dazu konnte sie sich nicht aufraffen. Ein Schleier hatte sich über die Welt gelegt. Sie wirkte wie eine Theaterinszenierung, an der Naya nicht teilnehmen wollte. Womöglich konnte sie es auch gar nicht, da ihr Kopf in den letzten Minuten – Stunden? – zu schwer geworden war, um ihn zu heben. Sie hätte es ausprobieren müssen, um die Antwort darauf zu finden, nur war sie daran nicht interessiert. Abgesehen davon: Was sollte sie Claire sagen? Dass es ihr leidtat, einen Unfall verursacht zu haben, der sie beide das Leben hätte kosten können? Es war nicht der so vertraute Klang ihres Namens, der sie aus ihrer Starre riss, sondern vielmehr eine Bewegung in ihrem Augenwinkel. Sie schickte eine Eisschicht unter ihre Haut, die seltsamerweise brannte. Naya keuchte, robbte ein Stück zurück und zog ihre Zehen unter die Decke. Schweiß bildete sich in ihrem Nacken, auf den Armen und zwischen ihren Brüsten, während sie auf den Boden starrte. Doch da war nichts. Lediglich die sich noch immer drehenden Lichter der Ambulanz ließen die Schatten tanzen. „Claire?! Naya!“ Onkel Lewis schob sich durch die Reihen der Männer und malte Risse in die Schicht aus Angst und Schrecken, schaffte es jedoch nicht, sie vollends zu zerstören. Seine Stirn lag vor Sorge in Falten, seine Lippen bildeten eine weiße Linie. Er rannte auf den Wagen zu, zog Claire in seine Arme und küsste ihren Scheitel, um sie dann von sich zu drücken und von oben bis unten mit Blicken abzutasten. Er trug Lederschuhe zu einer Jogginghose und einem weißen T-Shirt. „Bist du verletzt? Hast du dir etwas gebrochen? Oder Kopfweh?“ Er schob Claires Honiglocken beiseite und berührte ihre Schläfen, als würde er ihre Schmerzen fühlen können. Claire schüttelte ihren Kopf. „Alles okay, Dad. Ich will nur nach Hause.“ Sie sah Naya nicht an. Onkel Lewis nickte und zog die Decke wieder vor Claires Brust zusammen. Trotz der Wärme, die Sydneys Straßen selbst in der Nacht abgaben, schien jeder zu denken, dass Unfallopfer froren. Wahrscheinlich war das auch so, wenn man unter Schock stand und der Blutdruck in den Keller gesaust war. Naya spürte jedoch nichts außer Hitze durch ihren Körper toben. Ihr Blick flackerte zwischen ihrem Onkel und dem Boden hin und her. Dort ist nichts. Eine Berührung an ihrem Bein brachte die Hitze zum Überkochen. Naya zuckte zusammen. „Hey, ganz ruhig. Ich bin es nur.“ Onkel Lewis beugte sich zu ihr herab, bis sein Gesicht auf einer Höhe mit ihrem war. „Ist mit dir alles in Ordnung? Hast du Schmerzen?“ Seine gewitterblauen Augen ähnelten so sehr denen ihres Vaters, dass sie schlucken musste. Sie wollte nicht aus dem Schutz der Decke heraus, wollte den Wagen nicht verlassen. Vor allem wollte sie keinen Fuß auf diesen Boden setzen. Onkel Lewis runzelte die Stirn. „Naya?“ Sie räusperte sich. „Mir geht’s gut.“ Ihre Stimme schabte durch ihren Hals und klang nach Blech und Stein. Onkel Lewis zog seine Hand zurück und setzte sich vorsichtig zwischen die beiden Mädchen. Er legte einen Arm um Claire und atmete erleichtert auf, als sie ihren Kopf auf seine Schulter fallen ließ. Seine freie Hand legte er auf Nayas Schulter. „Ich habe deine Eltern angerufen. Sie sind sofort aufgebrochen und auf dem Weg zu eurem Haus. Ich bringe dich hin.“ Naya schwieg. Ihre Eltern konnten ihr auch nicht helfen. Onkel Lewis strich Claire über das Haar, tätschelte unbeholfen Nayas Schulter und musterte die Männer, die sich um einen Polizisten drängten. Einer von ihnen bemerkte ihn, löste sich von der Gruppe und hielt auf sie zu. Ihre Eltern – das Geschäftsessen, auf das sie sich so lange vorbereitet hatten und das sie nun wegen ihr abbrachen. Naya zog die Decke über ihr Kinn. Sie hatte es geschafft, gleich einer Handvoll Leuten den Abend zu verderben. Als sie zu Claire schielte, hob ihre Cousine den Kopf und blickte sie zum ersten Mal seit dem Unfall an. Einen Atemzug später sah sie wieder weg, doch der Moment hatte genügt. Claire gab Naya die Schuld an dem, was geschehen war. Und sie hatte recht.

„Sie hat Claire ins Lenkrad gegriffen, weil sie dachte, dass eine Schlange durch das Auto kriecht. Eine verdammte Schlange, Marion! Das hat nichts mit Schreckhaftigkeit zu tun.“ Die Stimme ihres Vaters erhob sich aus dem Gemurmel ihrer Eltern und wurde sofort vom vorwurfsvollen Ton ihrer Mutter zurückgerissen. Eine Tür schlug zu und isolierte die Stimmen mit all ihren Vermutungen, Emotionen und Schlussfolgerungen. Naya lag im Bett ihres alten Zimmers, aus dem sie vor über einem halben Jahr ausgezogen war, und starrte an die Decke. Ihre Eltern stritten sich selten, und nun taten sie es wegen ihr. Natürlich, sie glaubten ihr nicht. Sie hatte sich nicht bewegt, seitdem ihre Mutter ihr einen Teller Suppe hingestellt und sie zugedeckt hatte. Die Schreibtischlampe neben dem Fenster streute Licht über den Fußboden und spiegelte sich in der Glasscheibe. Es genügte, um die Schatten im Raum zu vertreiben – und um nachzusehen, ob sie auch wirklich allein war. Doch dazu konnte Naya sich ebenso wenig aufraffen wie dazu, sich auf die Seite zu drehen oder einen Schluck Wasser zu trinken, obwohl ihre Kehle vor Trockenheit schmerzte. Es war, als hätte ihr Wille ebenso Schaden genommen wie Claires Wagen.
Eine verdammte Schlange, Marion!
Naya schloss die Augen, krallte die Finger in das Laken und biss die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Unter ihren Lidern brannte es, doch sie durfte die Beherrschung nicht verlieren. Der Grat zwischen Überzeugung und Wahnsinn war erstaunlich schmal, das hatte sie festgestellt, seitdem sie darauf tanzte. Sie wusste, was sie in Claires Auto gesehen hatte. Sie hätte ihre Cousine lediglich bitten müssen, sofort anzuhalten und den Wagen zu verlassen, aber da hatten ihre Instinkte bereits die Kontrolle übernommen. Sie hatte geschrien und getobt, und dann hatte sie das Lenkrad zur Seite gerissen. Das bedeutete nicht, dass sie wahnsinnig geworden war oder fantasierte, auch wenn ihr Vater das vielleicht glaubte. Es gab verdammte Schlangen auf dem gesamten Kontinent, selbst in den Städten. Nur, weil sie in der letzten Zeit häufiger von den Biestern träumte, hieß das nicht, dass ihre Fantasie mit ihr durchging. Schlangen krochen in Autos, weil es dort warm war. Diese Logik ließ sich nicht durch Wahnvorstellungen ersetzen, auch wenn ihre Eltern den Vorfall so zu erklären versuchten. Sie klammerten sich an Worte wie Trauma oder Schock und suchten die Ursachen dafür überall: in Nayas Skepsis gegenüber Claires Fahrkünsten (die sehr durchschnittlich waren) oder in jenem Tag vor über zehn Jahren, als sie sich am Touristenzentrum des Uluru-Kata-Tjuta-National-parks allein auf den Weg gemacht und wirklich eine Schlange gesehen hatte. Nur hier in Sydney mit all seinen Bewohnern vermutete niemand abstoßende Schuppenkörper mit lidlosen Augen und Giftzähnen. Beinahe so, als wäre Australien zweigeteilt und ein Teil streng vom anderen isoliert. Naya biss die Zähne zusammen. Es war nicht nur Unsinn, so zu denken, sondern auch gefährlich. Wenn man die Augen vor Dingen verschloss, die einem nicht gefielen, gab man ihnen lediglich die Macht, zu wachsen und eines Tages zu einer wirklich unangenehmen Überraschung zu werden. Sie holte tief Luft und wünschte sich zurück in die Zeit, als ihre Welt noch in Ordnung gewesen war. Die Zeit vor den Albträumen. Naya wusste nicht mehr, wann genau sie begonnen hatten, doch sie handelten stets von Schlangen. Nach jedem Traum wachte sie schweißgebadet auf. Ein Schaben an der Tür erschreckte sie so sehr, dass sie sich kerzengerade aufsetzte. Dann begriff sie, dass jemand die Türklinke herabdrückte. Kurz darauf huschte Phoebe in das Zimmer, begleitet von einem goldenen Lichtstrahl aus der Diele. Naya atmete auf und beobachtete, wie ihre kleine Schwester die Tür mit beiden Händen zudrückte und dabei ächzte, als würde es ihre letzte Kraft kosten. Phoebes viel zu große Füße klatschten auf das Laminat, als sie auf das Bett zustürmte und sich hineinwarf. Naya blieb nichts anderes übrig, als bis zur Wand zu rücken, um Platz zu schaffen. Die Starre fiel von ihr ab, als Phoebe sich an sie kuschelte und die Spargelärmchen um ihren Hals warf. „Wie sah die Schlange in Claires Auto aus?“, fragte sie, bereits wieder im Halbschlaf. Ihr Haar kitzelte Nayas Wange. Es roch nach Phoebes Kinder-Orangenshampoo und Sauberkeit. Ein Lächeln stahl sich auf Nayas Lippen. „Es war zu dunkel. Ich konnte nur einen Schatten erkennen“, sagte sie und streichelte Phoebes Stirn. „War sie groß?“ „Nein“, flüsterte Naya, legte sich ebenfalls wieder hin und schloss die Augen. Lieber log sie, als ihrer Schwester Angst zu machen. „Ganz klein.“ Phoebe kicherte und war kurz darauf eingeschlafen.

>Ihr gleichmäßiger Atem und die Wärme der Bettdecke hüllten Naya endlich in die Geborgenheit, die sie gesucht hatte, und gaben ihr das Gefühl, wieder ein Kind zu sein. In ihrer Wohnung in Newtown brannte Licht. Naya zog ihren Schlüssel aus der Tasche und bemerkte, dass die Tür nur angelehnt war. Mit klopfendem Herzen drückte sie gegen das Holz und blinzelte in den Flur. „Hallo?“ Niemand antwortete. Naya schloss die Tür hinter sich und ging in das Wohnzimmer. Auf dem Tisch stapelten sich leere Pizzakartons und Zeitschriften. Etwas raschelte, die Schachteln bewegten sich, eine fiel zu Boden. Teigreste trafen Nayas Beine. Die Berührung war zart, beinahe liebevoll. Dann verstärkte sich der Druck an den Knöcheln. Naya sah hinab auf braune und weiße Schuppen auf einem länglichen Körper. Die Schlange wickelte sich träge um ihre Fußgelenke, dann hob sie ihren Dreieckskopf. Naya starrte in Kohleaugen, die direkt aus der Hölle stammten. Das Schlangenmaul öffnete sich. Mit einem Knall zersprang das Glas der Deckenlampe und riss alle Farben davon.<

Keuchend sprang Naya aus dem Bett und bemerkte voller Panik, dass es dunkel war und keine Neonlichtreklame durch das Fenster blinkte. Sie war also noch immer im Haus ihrer Eltern in Neutral Bay, nicht in ihrer Wohnung in Newtown. Phoebe lag nicht mehr in ihrem Bett, und jemand hatte die Schreibtischlampe ausgeknipst. Die Angst ließ Naya stolpern und trieb sie gleichzeitig an. Die Verbindung von Traumerinnerungen und Dunkelheit zerrte an ihrer Beherrschung. „Wo bist du? Wo bist du, verdammt nochmal!“ Sie tastete nach dem Lichtschalter. Ein Nagel brach, als sie ihre Hand gegen die Wand schlug. Der Atem kam in kurzen Stößen, in ihrem Kopf kreischte ein Stimmchen ihr zu, sich zu beeilen. Sie wollte nur noch weg von hier. Tränen liefen über ihre Wangen, aber sie versuchte, sich zusammenzureißen. Lauerte in den Zimmerecken etwas auf sie? Kroch etwas auf ihre Füße zu, im Wettlauf mit ihrem Versuch, Licht zu machen? Der Gedanke, jede Sekunde eine Berührung zu spüren, schnürte ihr die Kehle zu. Endlich fand sie den Lichtschalter und schlug so fest darauf, dass das Plastik splitterte. Das Zimmer wurde in warmes Orange getaucht. So schnell sie konnte, drehte Naya sich um die eigene Achse und suchte den Boden ab. Ihre Haare fielen in die Stirn und nahmen ihr einen Teil der Sicht. Dennoch bemerkte sie den dunklen Schatten, der unter dem Bett verschwand. Ihr wurde eiskalt. Sie zitterte und lief rückwärts, bis sie sich gegen die Wand presste. Von hier konnte sie unter das Bett blicken, wenn sie sich nur ein wenig herabbeugte. Am liebsten wäre sie weggelaufen, aber sie musste auf Nummer sicher gehen. Wenn dort wirklich etwas war, durfte es nicht frei durch das Haus kriechen, nicht mit Phoebe im Nebenzimmer. Außerdem: Nie wieder in Ruhe einschlafen? Dieses Zimmer niemals wieder betreten? Du darfst deinen Ängsten nicht die Macht geben, zu wachsen. Sie sah zur Tür. Würde sie es schaffen, zu flüchten, wenn sich wirklich eine Schlange im Zimmer befand? Wie schnell waren diese Biester eigentlich? Nayas Gedanken rasten. Sollte sie ihren Vater holen? Ausgeschlossen. So kurz nach dem Unfall würde er alles, was sie sah, für eine Wahnvorstellung halten, erzeugt durch Trauma und extremen Stress. Nein, hier musste sie allein durch. Naya atmete tief ein und ballte ihre Hände zu Fäusten. Schweißtropfen liefen über ihre Stirn und an der Nase herab, als sie langsam in die Hocke ging. Nur keine hektischen Bewegungen. Sie zuckte zusammen, als eine dicke Haarsträhne von ihrer Schulter rutschte und mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden traf. Unter dem Bett war nichts.

2

Suche nichts zu verbergen, denn die Zeit, die alles sieht und hört, deckt es doch auf. (Sophokles)


„Die junge Dame in der vorletzten Reihe, rotes Shirt, braunes Haar. Wie heißen Sie?“ Naya begriff erst, dass sie gemeint war, als sie die Blicke ihrer Kommilitonen bemerkte und selbst die Leute in der Reihe vor ihr sich zu ihr umwandten. Jemand kicherte. Hitze flammte über ihre Wangen. „Naya Green“, sagte sie und sah nach vorn, wo sich das Licht der Deckenbeleuchtung auf der Brille ihres Dozenten spiegelte. Professor Opperman rückte sie zurecht, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Miss Green. Was auch immer Sie auf dem Boden zu finden hoffen, ich versichere Ihnen, dass alles, was hier vorn stattfindet, Ihnen mehr Vorteile im Studium verschafft.“ Naya grub ihre Zähne in die Unterlippe, dann nickte sie. Jede Erklärung würde nur nach einer Ausrede klingen. Zudem war sie wütend auf sich selbst. Sie musste aufhören, andauernd den Boden im Auge zu behalten, so als würde es in der Universität vor Schlangen nur so wimmeln. Damit machte sie sich lediglich das Leben schwer. Die Einführung in die Geschichte der Kulturtheorien war außerdem nicht so trocken, wie sie befürchtet hatte – im Gegenteil. Heute sprach Opperman über die tiefe religiöse Bedeutung der Körperbemalungen der Aborigines, deren Farbe aus Ocker, verschiedenen Lehmarten und Ölen angerührt wurde. Die Muster aus gepunkteten Linien, Schraffuren und anderen Formen verrieten nicht nur die soziale Position oder das Verhältnis des Bemalten zu seiner Familiengruppe, seinen Vorfahren, Totemtieren und Landesteilen, sondern sollten ihm auch die Kraft verleihen, sich seiner spirituellen Existenz anzunähern. Naya gefiel die Art, wie der Professor seinen Vortrag mit Beispielen auflockerte, und mit der Zeit vergaß sie vollkommen, auf ihre Füße zu sehen. Nach der Vorlesung besorgte sie sich einen Becher Kaffee und machte sich auf den Weg nach draußen. Sonnenschein empfing sie, und sie blieb stehen und blinzelte, bis ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Die Wärme sorgte dafür, dass sie sich augenblicklich besser fühlte. Sie lief weiter, vorbei am Gebäude und dem Steinrondell, auf dem sich die Studenten drängelten, zum Stammtreffpunkt mit ihren Freunden. Der Alltag an der Universität von Sydney mit seinem Stimmengewirr und Gelächter ließ die Schrecken der vergangenen Nacht zu einem Schatten verblassen. „Hey, Naya! Hier drüben!“ Jemand winkte ihr von der Grünfläche vor den neugotischen Gebäuden aus zu. Sie änderte die Richtung, stolperte beinahe über ein auf dem Boden liegendes Pärchen, murmelte eine Entschuldigung und ließ sich kurz darauf zwischen Lanie Heslin und Eve Saunders auf den Rasen fallen. Eve hatte dieses Lächeln auf den Lippen, für das viele sie auf den ersten Blick mochten. Naya grüßte in die Runde. „Hey. Wie lange sitzt ihr schon hier?“ „Fast eine Stunde“, sagte Jossi, riss ihr den Pappbecher aus der Hand und spähte hinein. „Leer.“ Er legte seinen Kopf nach hinten, schüttete den letzten Tropfen auf seine Zunge und zerdrückte den Becher dann mit eindeutigem Bedauern. „Che palle!“ Naya schüttelte den Kopf. Jossi – eigentlich Giuseppe – war wohl der einzige Italiener der Welt, dem es egal war, ob man ihm ein Instantgebräu oder frischen Espresso vorsetzte. Er war süchtig nach jeder Sorte Kaffee, selbst wenn der Geschmack an Dinge erinnerte, die längst verfault waren. Sie angelte einen Cupcake aus der Pappschachtel, die in der Mitte der kleinen Gruppe auf dem Boden stand. „Wie steht es mit Plänen für heute Abend?“ „Du siehst fit aus“, sagte Sienna, die Fünfte im Bunde, statt einer Antwort. Naya blinzelte. „Was meinst du?“ Gerade aus dem Mund der durchtrainierten Schwarzhaarigen klang die Bemerkung seltsam. Sienna deutete auf den Bluterguss an Nayas Oberarm, der so groß war wie ihre Faust. Die feinen Schnitte darauf waren bereits verschorft. „Dein Unfall. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du heute zur Vorlesung kommst. Meine Eltern hätten sich wahrscheinlich den Zweitschlüssel zu meiner Wohnung besorgt, um mich einzusperren, damit ich erst einmal im Bett bleibe.“ Nayas Blick wanderte zu ihrer Schulter. „Ich wollte nicht den ganzen Tag auf weiße Wände starren und daran denken, was passiert ist“, sagte sie und rieb über ihre Haut, als könnte sie die Erinnerung an den Unfall wegwischen. Es sah wirklich nicht mehr so schlimm aus, aber sie hatte schon immer eine gute Wundheilung besessen. Die Prellungen an ihren Schultern wurden durch ihr langes Haar verdeckt, das sie heute offen trug, um keine Gerüchte zu schüren oder zu viel Neugier zu wecken. Es genügte, wenn Claire sie mied und somit daran erinnerte, was geschehen war. „Eine weise Entscheidung“, sagte Eve, streckte sich und zupfte ihre Kastaniensträhnen in Form. Ein leiser Summton ertönte. Sie griff nach ihrem Handy, warf einen Blick darauf und kicherte leise, woraufhin Sienna sofort näher rückte und ihr über die Schulter spähte. Jossi verdrehte die Augen, sprang auf, wedelte vielsagend mit dem Kaffeebecher und verschwand. Lanie rückte näher und klaute den angebissenen Cupcake aus Nayas Fingern. „Wir wollten heute Abend in die neue Bar in den Rocks“, sagte sie leise. „Bist du dabei?“ „Vielleicht. Ich bin nicht sicher, ob es so eine gute Idee ist, rauszugehen.“ Lanie sah sie nachdenklich an. „Du musst einfach aufhören zu grübeln. Im Excelsior gibt es keine Schlangen, fertig. In Claires Auto hat sich dagegen vermutlich eine eingeschlichen. Das ist meinem Ex auch schon mal passiert. Du hast halt eine Phobie. Da ist es kein Wunder, dass du diese Viecher überall vermutest, wenn du erst einmal einer begegnet bist.“ Naya rieb ihre Handflächen gegeneinander. „Ich habe aber keine Lust, etwas zu vermuten“, murmelte sie. „Es macht mich wahnsinnig. Ich will entweder wissen, dass eine Schlange da ist, damit ich rennen kann, oder ich will mir den Kopf erst gar nicht zerbrechen, ob etwas da sein könnte. Sonst schaue ich ja den Rest meines Lebens in jede dunkle Ecke.“ „Klingt einleuchtend.“ Lanie kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Es gibt Therapeuten dafür.“ Naya verengte ihre Augen. „Fang du nicht auch noch an.“ Lanie zupfte einige Grashalme aus dem Boden und warf sie Naya an den Kopf. „Für Phobien, meinte ich. Als Michelle hergezogen ist, hat sie bei jeder Kakerlake einen Anfall bekommen, weißt du noch? Sie konnte keinen Fuß mehr in dieses Restaurant am Darling Harbour setzen. Ihre Eltern haben sie dann zu einem Therapeuten geschickt. Ein alter Knacker, aber seinen Job hatte er drauf. Hinterher hat sie die hässlichen Viecher sogar anfassen können.“ „Ich sehne mich nicht gerade danach, mir eine Schlange um die Hand zu wickeln“, seufzte Naya und starrte auf ihre Fingernägel. „Aber vielleicht hast du recht.“ „Natürlich habe ich das. Übrigens auch damit, dass du dich mit schönen Dingen ablenken solltest. Immerhin sind wir im ersten Semester und da erwartet man von uns, viel zu feiern.“ Sie grinste über das ganze Gesicht. Gegen ihren Willen musste Naya schmunzeln. Lanies Begeisterung war schon immer ansteckend gewesen. „Der Abend wird sicher aufregend, wenn ich bei jeder Bewegung in meiner Nähe zu kreischen beginne“, gab sie zu bedenken. Lanie kicherte. „Andere müssen Unmengen von Alkohol in sich hineinschütten, um richtig aus sich herauszugehen.“ Naya überlegte, ihr etwas an den Kopf zu werfen, beließ es dann aber bei einem Schnauben. „Wir werden sehen. Falls ich mitkomme, muss ich anschließend mit dem Zug nach Hause fahren. Momentan bin ich nicht so wild darauf, in einem Auto zu sitzen.“ Lanie schnalzte mit der Zunge. „Wo es doch jemanden gibt, der dich so gern bringen würde.“ Sie deutete zum Gebäude hinüber. „Wie auf ein Stichwort … Cooper ist gerade auf dem Weg zu uns.“ Da sich alle anderen umdrehten, verzichtete Naya darauf. Stattdessen knabberte sie an einem zweiten Cupcake und überlegte sich, wie sie reagieren sollte, wenn Cooper Griffith jeden Moment grüßte. Sie mochte ihn, war sich aber noch nicht sicher, ob da mehr als nur Freundschaft war. Und sie wollte ihm ganz sicher kein so idiotisch-verliebtes Grinsen zuwerfen, wie Eve es soeben tat. Sie blickte wie beiläufig hoch und blinzelte in die Sonne, als Coopers lange Beine vor ihr stehen blieben. „Hallo“, grinste er in die Runde und ließ sich neben Naya ins Gras fallen. Seine nackten Arme berührten ihre Haut. „Hey.“ Er war so groß, dass sie immer zu ihm hochsehen musste, wenn sie sich zwischen den Kursen auf den Gängen der Uni trafen. Nun betrachtete sie die kaum sichtbare Narbe an der Oberlippe und das ein wenig zu stark ausgeprägte Kinn. Genau das machte Coopers Gesicht so interessant und brachte einen Hauch Gefahr in das Blinzeln des blonden Surferboys. Aber genau das war er für sie: interessant, nicht mehr und nicht weniger. Leider grübelte sie momentan zu sehr über andere Dinge nach, um sich stärker mit ihren möglicherweise für Cooper vorhandenen Gefühlen befassen zu können. Sie hob ihr Kinn, um in das Sturmwetterblau seiner Augen zu schauen. Es wirkte trüb. „Hallo, Coop. Müde?“ Zwei dunkle Linien hatten sich zwischen seine Augenbrauen gegraben. Er schüttelte den Kopf. „Eher besorgt. Was ist dran an der Geschichte, dass du gestern in einem Auto gesessen haben sollst, das sich mehrmals überschlagen hat?“ Naya schaffte es, zu lächeln. „So schlimm war es nicht. Wir haben uns gedreht und der Wagen ist gekippt, aber mir geht es gut. Ich habe ein paar Prellungen, aber die spüre ich kaum noch.“ Wie zum Beweis streckte sie ihre Arme aus. Die Schatten darauf waren im Sonnenlicht kaum zu sehen. Die Sorge in Coopers Gesicht wich einer einzigen großen Frage. „Und dann hockst du hier, als sei nichts geschehen? Wie ist das denn genau passiert?“ Naya zog ihre Arme zurück und verschränkte sie vor dem Oberkörper. Sie hatte sich so sehr bemüht, den Unfall und die Schlangen zu verdrängen, dass sie nicht wusste, was sie antworten sollte. „Claire hat die Kontrolle über den Wagen verloren“, murmelte sie. „Claire?“ „Meine Cousine.“ Lanie zwinkerte. „Bist du mit den Vorlesungen für heute durch, Coop?“, mischte sie sich ein. Er hob die Augenbrauen. „Eigentlich schon, aber ich wollte mich noch bei Professor Lewitt melden, wegen der Assistenz beim nächsten Projekt.“ „Du hast nur Augen für deine Dozenten“, grinste Lanie. Ein rascher Blick streifte Naya. „Das stimmt so nicht, aber ich gebe mir Mühe. So soll es ja an der Uni sein, sagt man: Verpflichtungen über Verpflichtungen.“ Das Lachen tanzte in seinen Worten. Er sprang auf. „Muss noch jemand von euch zurück zum Hauptgebäude?“ Naya sah auf ihr Handy. „Ich muss gleich zur nächsten Vorlesung.“ Cooper strahlte. „Super. Ich hole mir noch etwas zu trinken. Treffen wir uns am Eingang?“ „Ja, gut.“ Er winkte und machte sich auf den Weg. Eve hielt noch immer ihr Handy in der Hand, aber starrte ihm hinterher, bis er hinter einer Menschentraube verschwand. Ihre Augen glänzten, als sie eine Grimasse in Nayas Richtung zog. „Eigentlich hat er recht, du solltest nicht hier herumsitzen. Vielleicht ist es wirklich besser, wenn du noch eine Weile zu Hause bleibst.“ Lanie lachte und schleuderte einen Klumpen aus Gras und Erde in Eves Richtung. „Was, genügt nun ein Blick auf Coops Hinterteil, um dich eifersüchtig zu machen? Du solltest froh sein, dass es Naya gut geht!“ Eve duckte sich. „Bin ich ja“, sagte sie und giggelte, als hätte sie einen Scherz gemacht. „Ich wäre nach einem solchen Unfall wirklich fertig mit der Welt.“ Es klang wie ein Kompliment, doch Naya bemerkte den Seitenblick, mit dem Eve sie streifte. Plötzlich fühlte sie sich auf eine gewisse Weise schuldig. Es stimmte, Claire hatte weitaus mehr abbekommen. Naya dagegen hatte ihren Eltern am Morgen versichert, dass es ihr gut ging und sie zur Uni wollte, um sich mit anderen, alltäglichen Dingen zu beschäftigen. Niemand hatte diesen Wunsch infrage gestellt oder darauf bestanden, sie zur Untersuchung zu schicken. Solange sie sich erinnern konnte, war sie selten krank gewesen und wenn, hatte sie sich schnell erholt. Dass der Arzt sie am Unfallort untersucht hatte, genügte ihren Eltern daher vollkommen. Und doch war die eigentliche Wunde wieder aufgerissen. Die Schatten lauerten noch immer und warteten auf den passenden Augenblick, um wieder an die Oberfläche zu kriechen. Und Eves Bemerkung hatte die Sonne über dem Campus ein Stück verdrängt, sodass die Dunkelheit erneut näherschleichen konnte. „Ich geh dann auch mal“, sagte sie und sprang etwas zu hastig auf. Lanie tat es ihr gleich und schnappte sich ihre Tasche. „Wir sehen uns heut Abend!“ Sie hakte sich bei Naya ein und zerrte sie von den anderen weg. „Du darfst dir nicht alles so zu Herzen nehmen.“ Naya wollte etwas erwidern, schwieg dann aber. Lanie hatte recht, aber sie konnte eben nicht aus ihrer Haut. Um sich abzulenken, betrachtete sie die Mauern und Türme der Uni. Die Gebäude sahen viel älter aus, als sie waren, so als hätte der Erbauer sich nicht an einem idealisierten Mittelalterbild orientiert, sondern selbst vor Jahrhunderten gelebt. Er führte den Betrachter auf eine Zeitreise, die von Geheimnissen wisperte und es mühelos schaffte, die Schrecken der Gegenwart zu verdrängen. Naya atmete tief ein, legte ihren Kopf in den Nacken und blickte in den klaren, blauen Himmel. Sie mochte den Hauptcampus. Hier warteten unzählige Herausforderungen auf sie, aber sie musste keine allein durchstehen. Je mehr Leute in ihrer Nähe waren, desto sicherer fühlte sie sich. Selbst die angriffslustigste Schlange würde dieses Gelände meiden, wo Studenten lachten, faulenzten oder auf der Suche nach dem nächsten Kursraum durch die Gegend hetzten.


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