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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe HABITAT, Brigitte Weiss
Brigitte Weiss

HABITAT


cities of dust

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HABITAT


Citys of Dust


 


 


13.1.1969, Two Rivers, Wisconsin, USA


 


Es war eine friedliche Gegend. Das Haus am See lag etwas abseits der Kleinstadt Two Rivers. Das Grundstück auf dem es sich befand, war von einem hohen schmiedeeisernen Zaun umgeben. Man konnte es nur erreichen, wenn man einer von der Hauptstraße abzweigenden Allee folgte, welche von einem großen Eisentor durchbrochen war. Hinter dem Tor führte die Alle ein paar hundert Meter weiter, bevor sie wenige Meter vor dem Hof endete.


Und da lag es. Ein traumhaftes Haus. Wunderschön. Friedlich. Abgelegen. Ein altes Haus im Kollonialstil erbaut. Kaum jemand kam dort vorbei. Lediglich hier und da Spaziergänger, die neugierige Blicke durch den Zaun warfen.


Das Haus gehörte einem gewissen Morpheous Reign. Ein sympathischer jung aussehender Mann, der eben dabei war, sich in der Küche eine Kanne Kaffee aufzusetzen, nachdem er sich den letzten Schluck in seine Tasse gegossen hatte. Gemächlich schenkte er sich etwas Milch hinein und nahm einen genüsslichen Schluck des heißen Getränks zu sich. Morpheous Reign stellte die Tasse wieder auf die Anrichte zurück und wandte sich einer Tür neben der Küchenzeile zu.


Leise Schritte erklangen. Nahe der Tür verhallten sie für einen kurzen Moment, bevor noch zwei Tappser folgten und eine junge, hübsche Dame in der Tür erschien. Sie sah ums Eck, wobei ihr die dunklen Haare über die Schultern nach vor fielen. Ihre Hände waren von ledernen Handschuhen bedeckt und ließen ihre Hände fein und zierlich erscheinen, als sie diese an den Türstock legte. Ein waches, ebenmäßiges Gesicht sah dem munteren Mann entgegen.


Sie blickte Morpheous Reign mit ihren tief blauen funkelnden Augen erwartungsvoll an. Bedächtig trat die traurig wirkende Gestalt vor und stellte sich an die Anrichte, wo sie sich dann mit den Ellbogen abstützte. Sie sah ihn abwartend an, während Morpheous noch einen Schluck vom Kaffee nahm.


Reign musterte sie eine Weile.


„Er beginnt zu fiebern, Mister Reign.“, sprach sie nach einiger Zeit, in sehr ernstem Ton.


Reigns zuvor ausgeglichen aussehendes Gesicht verfinsterte sich und sein Blick landete in der Kaffeetasse, von dem er sich gleich noch einen kräftigen Zug genehmigte.


„Wir warten ab. Vielleicht übersteht er es trotzdem.“, sprach er nach einiger Zeit des vor sich hin starrens.


„Soll ich ihm etwas geben?“, fragte sie in demütigem Ton. „Ich denke er hat Schmerzen.“


„Nein, nein, Bella. Diesmal warten wir ab.“, antwortete Morpheous Reign auf seiner Entscheidung beharrend. „Vielleicht ist es nur die Reaktion auf das Serum. Ich sehe dann gleich nach dem Jungen, versprochen.“


Bella nickte nur und verschwand gleich darauf wieder hinter der Tür aus der sie gekommen war.


Mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut schlug Morpheos mit der Faust so heftig auf die Anrichte, dass die Tasse Kaffee vibrierte und das laute Donnern seines Schlages durchs ganze Haus hallte.


Bella war inzwischen in den Keller zurückgekehrt, in dessen Mitte sich ein leicht zurück geneigter Zahnarztstuhl befand. Auf diesem saß ein junger Mann, der mit Armen und Beinen an den Stuhl gefesselt war und murmelte im Fieberwahn stöhnend vor sich hin. Immer wieder wehrte er sich gegen die Fesseln, wobei der Stuhl knarrte und knirschte, als wollte er jeden Moment dem Aufbegehren des Mannes nachgeben und in sich zusammen brechen.


An den Wänden des Raumes befanden sich eiserne und Hölzerne Tische auf denen sich Papiere und Aktenordner stapelten, während sich nebenbei laboratorische Gerätschaften befanden. So wie auch Alveolen und altertümliche Glasspritzen, in denen sich diverse Flüssigkeiten befanden. Gleich neben der Tür befand sich eine weitere schmalere Tür, die so wie es aussah, erst nachträglich eingebaut worden war.


Bella stand neben dem jungen Mann und schüttelte seufzend den Kopf. Sie blickte kurz zur schmalen Tür hin und dann wieder auf den Mann hinab.


Mitleidig strich sie ihm über seine schweißgebadete Stirn.


„Es tut mir leid.“, flüsterte sie leise. „Es tut mir so furchtbar leid.“


Dann wandte sie sich von ihm ab und ging an einen der Tische, wo sie in einem aufgeschlagenen Ordner zu blättern begann.


Es erklangen Schritte von der Treppe her und Morpheous Reign betrat den Raum. Nach einem kurzen Blick auf den jungen Mann trat er an die schmale Tür heran und sperrte diese mit einem Schlüssel an seinem Bund auf.


Der Raum war bis auf ein großes seltsam aussehendes Gerät, das an einen Generator angeschlossen war, vollkommen leer. Es sah beinahe wie ein eiserner Sarg aus, wären nicht die zahlreiche Rohre gewesen, die der Länge nach an dem mannsgroßen Korpus entlang liefen.


Morpheous trat an das ovale Gebilde heran und legte seine Hand an das kalte Metall, dessen Oberfläche mit Eiskristallen bedeckt war. Er trat noch ein paar Schritte vor und neigte sich dann etwas über das Gebilde, bevor er mit seiner Hand über das vereiste Fensterchen rieb. Glückseelig lächelnd betrachtete er den Inhalt, bevor er den Raum wieder eilig verließ, ihn versperrte und an den jungen Mann im Stuhl herantrat. Morpheous Reign musterte ihn einige Zeit, dann schüttelte er den Kopf.


„Wie hoch ist seine Temperatur?“, fragte er, ohne Bella anzusehen.


„Sie liegt momentan bei neununddreißig Grad, Doktor. Weiter ansteigend.“, informierte sie Reign umgehend und hörte auf zu blättern. „Sollten wir ihm nicht doch etwas verabreichen?“, drängte sie ihn zögernd.


Reign schüttelte den Kopf und sah dann zu Bella hinüber.


„Auf keinen Fall.“, sprach er kühl. „Wenn wir ihm ein Medikament geben, dann verfälscht es das Ergebnis und wir können das Serum nicht zureichend modifizieren.“


Bella sah ihn flehend an.


„Auf keinen Fall, Bella. Ich habe dir schon mehr als ein Mal gesagt, dass so etwas wie Gefühle in meinen Räumlichkeiten nichts zu suchen haben.“, mahnte er die junge Dame streng.


 


Drei Stunden später zog Morpheous Reign ein weißes Laken über die Gestalt im Stuhl und senkte den Blick, während Bella mit Tränen in den Augen daneben stand.


 


 


27. September 2012, Fargo, North Dakota, USA


 


Connor Phoenix stand im Gang des Wohnhauses vor einer vergammelten Holztür und suchte gemächlich den passenden Schlüssel dafür an seinem Bund. Das dumpfe Licht im Flur machte es ihm nicht gerade einfach, denn die Tür war neben der dunkelbraunen, hölzernen Wandverkleidung kaum davon zu unterscheiden. Die Lampe an der Decke flackerte ein paar mal auf. Seufzend schüttelte Connor den Kopf. Die Lampe würde wohl bald kaputt gehen und bis dass der Hausmeister sich dazu überwinden würde diese zu wechseln, könnte es wieder gut zwei Wochen dauern.


Endlich hatte er ihn. Eher mehr ertastet, als gesehen. Connor steckte ihn mit Gewalt ins Schloss und wackelte ein paar Mal hin und her, bevor der Schlüssel anbiss und ihm den Weg in seine Wohnung freigab.


Der junge Mann Ende zwanzig trat mit müdem Blick ein und tastete rechts von sich an der Wand auf und ab. Endlich hatte er den Schalter gefunden, der eine mickrige Glühbirne an einem Kabel, in der Mitte des Raumes, entzündete.


Ihm offenbarte sich Fürchterliches!


Nämlich eine kleine Wohnküche, in der sich nicht mehr befand als eine kurze Küchenzeile mit einer Theke, die irgendwie unsachgemäß montiert zu sein schien, und eine dreisitzige Couch mit Tisch vor dem sich noch ein niederes Kästchen mit einem Fernseher darauf befand.


Die Wohnung war echt das Letzte, dachte er sich seufzend, aber was viel Besseres hatte er in der Gegend um das Geld, das er dafür ausgeben wollte, ohnehin nicht finden können.


Der alte Dielenboden unter seinen Füßen knarrte laut, als er eintrat und die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ. In der Wohnung war es zumindest wärmer als draußen.


Connor mochte eigentlich den Winter und den Schnee. Als er und seine Schwester noch ganz klein waren, gingen sie oft auf einen kleinen Hügel, nahe seinem Elternhaus, zum Rodeln. Ja, das Rodeln. Das war das Letzte, an das er sich noch erinnern konnte, bevor sein Vater eines Abends nicht mehr von der Arbeit nach Hause kam.


Er konnte sich noch genau daran erinnern wie aufgeregt Mutter gewesen war und wartend im Vorraum des kleinen Hauses saß, wo sie auf ihn wartete. Doch sein Vater kam nicht. Sie hatte Stunden dort gesessen, während Connor und seine Schwester ganz oben auf der Treppe verweilten und ebenfalls warteten.


Spät in der Nacht läutete dann die Türglocke und zwei große, dunkel gekleidete Männer standen davor, als seine Mutter öffnete. Connor, dessen Schwester auf seinem Schoß eingeschlafen war, beobachtete alles, konnte aber nur wenig verstehen.


Er glaubte schon damals zu wissen, dass die beiden Männer unmöglich von der Polizei sein konnten. Denn Polizisten trugen Uniformen. Und diese beiden Männer hatten keine. Sie trugen nur lange schwarze Mäntel und wirkten damals sehr einschüchternd auf ihn.


Die Männer hatten seiner Mutter die Nachricht mit dem Tod ihres Mannes überbracht. Er konnte sich an alle Einzelheiten danach erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Beerdigung. Der Umzug. Kein Kontakt zu den Großeltern. Der Flug in die USA. Die neue Schule. Keine Freunde. Für ihn war das ganze grausam gewesen.


Mittlerweile ging ihm der Winter, nach knapp einem Monat, bereits auf die Nerven. Vor allem deshalb, weil die Heizung seiner Wohnung schon seit zwei Wochen nicht mehr funktionierte und der Hauseigentümer noch keine Zeit gefunden hatte jemanden für die notwendige Reparatur zu organisieren.


Er blickte sich um und trat an den Kühlschrank, gleich zu seiner Rechten, den er mit halboffenen Augen kurz musterte und anschließend öffnete.


„Na dann eben ein Coke.“, murmelte er verwaschen und griff nach einer der sechs Dosen im obersten Regal. Gähnend schuppste er die Tür zu und schenkte dem zahlreichen Blätterwerk darauf einen kurzen Augenblick Aufmerksamkeit. Kurzer Hand riss er einen Flyer mit der Aufschrift „Barto's Fireflyer“ herunter und musterte ihn einige Zeit.


Pizza, dachte er erschöpft, besser das als garnichts.


Connor schlich müde zu der Couch hinüber, und ließ sich erschöpft darauf nieder. Er legte den Flyer auf den niederen Couchtisch und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht, um wieder etwas zu sich zu kommen.


Doppelschichten waren einfach der Oberhammer, dachte er bei sich und krallte sich die Fernbedienung, die direkt vor ihm auf dem Tisch lag. Er knippste das alte Ding an und starrte auf den Bildschirm. Dann nahm er einen großen Schluck von der Coke und sein Blick schweifte über Barto's Fireflyer.


Er war so müde, dass es nicht einmal dafür reichte nachzusehen, welche Pizza er gerne gehabt hätte. Also verzichtete er darauf und widmete sich voll und ganz dem Coke und der Glotze, in der es wieder nur irgendeinen lächerlichen Actionfilm spielte.


„Wieder ein Terroristenfilm.“, murmelte er und schaltete einen Kanal höher.


Das Selbe. Connor schüttelte den Kopf und schaltete weiter. Das gab es doch nicht, dass es überall den gleichen Mist und das auch noch zur gleichen Uhrzeit spielte. Bis er registrierte, dass es gar ein Film war was da gezeigt wurde, war es schon zu spät. Er hatte den Großteil der Nachrichten bereits verpasst.


Stirnrunzelnd drehte er die Lautstärke hoch, um besser verstehen zu können was die Berichterstatterin zu erzählen wusste:


 


Wir berichten hier live aus Washington DC.“, berichtete die gut gekleidete Dame mit einem Mikro in der Hand, „Ich stehe hier nur wenige Meter von dem Ort entfernt wo sich heute Morgen noch die washingtoner Universität befunden hat. Wie sie sehen können klafft an ihrem Platz ein Krater mit unglaublichen fünfzig Metern Durchmesser und zehn Metern Tiefe in das Erdreich.“, fuhr die junge Reporterin fort und wies auf das Erdloch hinter sich.


Dann schwenkte die Kamera von ihr weg, um die Gebäude der näheren Umgebung zu zeigen. Da stand nichts mehr. Nur Staub und Trümmer, wo man hinsah. Einige hundert Meter weiter hinten konnte man Qualm sehen, und einige Umrisse, die wie Ruinen einer längst vergangenen Zeit her sahen.


Wie gestern berichtet, fiel Abends gegen zwanzig Uhr der Strom im gesamten Bezirk aus. Der Regierungssprecher meinte, dass es sich um ein Problem im Stromnetzwerk handelt und so bald wie möglich behoben werden könne.“ Die Kamera schwenkte zurück auf die Reporterin. Jeane Premson, wie Connor im unteren Bereich seines Fernsehbildes, gleich neben dem CNN Logo las. „Laut einer vertrauenswürdigen Quelle bei den Stadtwerken befand sich das Problem, wie sich später herausstellte, nicht nur im Netzwerk, sondern in jedem Verteilerkasten, Fernseher, Radio und allen anderen elektronisch gesteuerten Geräten. Ein sogenannter elektromagnetischer Puls war laut unserer Quelle für die Ausfälle verantwortlich. Um Null Uhr Fünfzehn folgte eine Explosion, die das Hauptgebäude und die Nebengebäude, auch angrenztende Teile des Bezirks teilweise oder sogar komplett zerstört hat. Wie bereits berichtet wurde vermutet, dass ein Experiment zur Erbringung des Beweises zur Massengewinnung von dunkler Materie dies verursacht haben könnte.“ Die Reporterin holte mäßig Luft, „Mittlerweile konnte dies jedoch ausgeschlossen werden. Ähnliche Vorfälle, wie in Ohio, New York, Massecusetts, Conetticut und zwei weiteren Bundesstaaten werden mit der Explosion hier inmitten Washingtons in Verbindung gebracht. Das FBI geht davon aus, dass es sich um mehrere Täter einer vermutlich radikalen Bewegung handeln könnte. Die Hintergründe der Taten sind bislang unklar. Es gibt weder Forderungen, noch Bekenntnisse. Ein Sprecher des FBI gab an, dass es sich um ausgewählte Ziele gehandelt hätte. Darunter waren außer einer Kinderwunschklinik „Heavens Gate Hospital“, einer Privatschule und zwei Krankenhäusern noch ein Universitätskrankenhaus und eine staatliche Forschungseinrichtung für genetisch bedingte Behinderungen.“


Die junge Frau fasste sich ans Ohr und horchte angestrengt. Sie wandte sich für einige Sekunden leicht zur Seite, bevor sie wieder zur Kamera hinblickte und ein eher erzwungen wirkendes Lächeln aufsetzte.


Wir bekamen eben Informationen zugespielt, dass in Lancaster, nahe der Grenze zu Kanada seit zirka neunzehn Uhr dreißig Ortszeit der Strom ausgefallen ist. Das Militär, die Polizei und die Feuerwehren sind vor Ort und haben bereits begonnen das Gelände zu evakuieren. Zum momentanen Zeitpunkt wird davon ausgegangen, dass auch hier ein weiterer Anschlag stattfinden soll. Einheiten der NSA sind vor Ort. Über das weitere Vorgehen ist weiterhin nichts bekannt.“, stoppte sie kurz. „Wir werden sie auf jedem Fall auf dem Laufenden halten. Ich bin Jeane Premson, live auf CNN.“


 


Connor stockte der Atem. Ihm schoss sofort Anna durch den Kopf.


Er tastete hastig an seinen Hosentasche herum, während er noch wie gebannt auf den Fernseher starrte. Connor stellte die Coladose neben seinen Fuss auf den Boden und fasste mit der anderen Hand an seine Gesäßtasche. Connor starrte noch immer wie gebannt auf den Fernseher, doch seine Gedanken spukten derart laut durch seinen Kopf, dass er nicht im Stande war auch nur einen Bruchteil davon aufzunehmen, wovon danach noch berichtet wurde.


Da war es ja! Wie in Zeitlupe holte er ein Handy aus der Gesäßtasche seiner Jeans. Noch in der Bewegung vibrierte es plötzlich und schlug einen nervösen Ton an, der Connor aus seinem tranceähnlichen Zustand riss und ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück katapultierte.


„Hallo?“, murmelte er geistesabwesend.


Die aufgeregte Stimme seiner Schwester ertönte aus dem Mobiltelefon.


„Ja!“, rief er gleich darauf stockend hinein, „Bist du OK?!“, während er weiterhin auf den Bildschirm starrte.


„Nein.“, erklang sie rufend, „ Auf dem Campus herrscht der Ausnahmezustand. Ich bin vorhin zurückgekommen. Es ist das reinste Chaos, sag ich dir. Mein Auto ist tot, es springt nicht an und wir haben schon seit über einer Stunde kein Licht, kein Fernsehen, kein Radio. Garnichts.“, erzählte sie aufgeregt. „Nichts funktioniert. Draußen steht der Verkehr lahm. - Ich würde gern zu dir fahren übers Wochenende, geht das? Hier ist es gruselig. Ich meine ich könnte mit dem Zug kommen und zur Carnagy Station sind es nur dreißig Minuten zu Fuß. Vielleicht geht dort etwas.“


„Nein, nein, nein. Du fährst auf keinen Fall mit dem Zug her. Ich bin schneller bei dir, als der Zug fahren kann. Bleib wo du bist, versperr die Tür, schließ die Fenster. Ich komme dich holen.“, sprudelte es aus Connor heraus.


Er sprang auf. Adrenalin pumpte durch seine Adern und machte ihn schlagartig hellwach.


„Ich brauche ungefähr eine Stunde, verstanden?“, rief er eilig.


Anna antwortete nicht sofort. „Danke, Bruderherz.“, kam eine murmelte Bestätigung zurück.


Connor legte auf und streifte sich einen schwarzen Wetterfleck mit Kapuze über. Eilig nahm er die braune Ledertasche und steckte sein Handy in eines der Außenfächer.


Hastig rannte er zur Tür hinaus. Annas Bruder nahm sich nicht einmal die Zeit die Wohnungstür abzusperren. Ohnehin hatte er das Gefühl, dass er die Wohnung nicht so bald wiedersehen würde. Er trampelte geräuschvoll die Stufen im Treppenhaus hinab und floh aus dem Gebäude, hinaus auf die Straße. Wo direkt davor sein Wagen im Halteverbot stand.


Die Wagenschlüssel rasselten, als Connor sie aus der Hosentasche heraus fummelte und diese nach einem eleganten Rutscher über die Motorhaube seines Geländewagens in das Schloss an der Fahrerseite steckte. Hastig sprang er in den Wagen. So Gott wollte, sollte der Wagen, dieses Mal hoffentlich ohne Anstalten zu machen, anspringen. Nach dem dritten Versuch war es dann geschafft und er drückte mit brutaler Gewalt den ersten Gang hinein. Mit quietschenden Reifen wendete er auf der Straße, um Fargo in die entgegen gesetzte Richtung zu verlassen, als aus der er gekommen war. Connor würde bestimmt eine gute Stunde nach Lancaster brauchen. Vorausgesetzt er würde sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen unterwegs halten.


Die Zeit lief und wer wusste was inzwischen alles geschehen konnte, bis er endlich bei seiner Schwester an der Uni ankommen würde. Connor hatte ein verdammt mulmiges Gefühl in der Magengrube, was vielleicht auch daher kam, dass er seit dem Vorabend nichts Festes zu sich genommen hatte.


Er tastete am Beifahrersitz neben seinem Messenger herum. Sie mussten doch da irgendwo sein. Sie mussten da sein. Er hatte das Päckchen seit beginn seiner Schicht nicht mehr angerührt und es im Wagen belassen, damit er nicht auf falsche Gedanken kommen konnte. Connor hatte sich zwar vorgenommen mit dem Rauchen aufzuhören, doch jetzt brauchte er eine. Eine Einzige auf der Fahrt nach Lancaster würde ihm ohnehin nicht mehr schaden, als es die vergangenen fünfzehn Jahre getan hatten.


Endlich, da waren sie ja. Er hatte sie gefunden. Sichtlich beruhigt holte er sich eine davon aus der Packung, zusammen mit dem Feuerzeug das mit darin steckte. Über dies war die Musik die das Radio her gab auch nicht das Wahre. Zumindest nicht in dieser Nacht. Zigaretten und Musik konnten ihn nicht auf andere Gedanken bringen, oder ihn auch nur für eine Sekunde von seiner Schwester, die in Lancaster fest saß, ablenken.


Connor fand den Campus auf Anhieb. Lancaster war gut beschildert und er brauchte so nur den Hinweistafeln folgen, die an jeder Kreuzung und Abbiegung angebracht waren.


Die ganze Stadt versank im Chaos. Die Leute, die offensichtlich nicht evakuiert worden waren, plünderten und rannten wie irre durch die Gegend. Das Einzige, das die dunklen Straßen und Gassen erhellte, waren vereinzelt brennende Mülltonnen, oder Gebäude.


Das alles kümmerte ihn, trotz der offensichtlichen Panik, momentan herzlich wenig. Er würde erst ruhiger werden, wenn er sah, dass es Anna gut ging und sie neben ihm im Wagen saß.


Connor fand es seltsam, dass von der Army und der Polizei weit und breit nichts zu sehen war. Die Stadt war nicht abgeriegelt. Keine Feuerwehren waren da. Was war bloß los? Hätten die nicht alle aus der Stadt schaffen sollen? Seine Schwester inklusive?


Ein eher bescheidenes Vorgehen im Angesicht eines Anschlags, kam es ihm in den Sinn.


Hätte die Polizei nicht alle öffentlichen Gebäude räumen und sichern sollen? Nun ja, andererseits konnte man auch nicht alles glauben, was man im Fernsehen mitgeteilt bekam.


Trotzdem waren die Straßen zu leer, als dass hier alles in Ordnung sein konnte und wiederum zu voll um ernsthaft glauben zu können, dass sie evakuiert worden war.


Von einem EMP war die Rede gewesen. Warum funktionierten dann um alles in der Welt die verdammten Ampeln? Ein EMP hätte die gesamte Stromversorgung und Elektronik lahm legen müssen, und nicht nur einen Teil. Das Alles schien reichlich seltsam. Die ganze Atmosphäre hier war eigenartig. Als herrschte die Ruhe vor dem Sturm.


Einige Idioten warfen Connor Gegenstände entgegen, als er an einer Menschenmenge auf dem Gehweg, vorbei fuhr. Alles Mögliche kam durch die Luft geflogen und prallte teilweise ohne die Karosserie und die Fenster zu beschädigen, wieder vom Wagen ab. Dann rannten ihm noch etliche der Irren meterweit hinterher.


Sie riefen irgendetwas, doch Connor verstand es nicht. Und wenn er sich ganz ehrlich war, wollte er es auch garnicht verstehen. Er hatte offensichtlich einen von wenigen Wagen, die noch fahrtüchtig waren.


Mit hastigem Tempo bretterte er die Straßen entlang und überfuhr zahlreiche rote Ampeln auf dem Weg zum Campus. Was wahrscheinlich sowieso egal war, da er hier ja kaum mehr Gegenverkehr erwarten brauchte. Andererseits – wo waren die, die gerade unterwegs gewesen waren? Es fiel ihm nun erst auf, dass gar keine Autos auf den Straßen standen.


Als er endlich vor dem Kampus ankam, fühlte er sich wesentlich erleichtert. Er hielt direkt vor dem Gebäude in dem Anna wohnte.


Das Wohnheim sei alt und renovierungsbedürftig, aber die Miete akzeptabel, hatte ihm Anna erzählt, als sie dorthin zog, um ihr Biotechnologie, Schrägstrich, Arzt Studium anzutreten. Connor war damals nicht sehr begeistert darüber gewesen. Lieber hätte er sie noch einige Zeit bei sich wohnen lassen. Sie war eben seine kleine Schwester und er musste auf sie acht geben. Das hatte er seinem Vater versprochen. Und seiner Mutter, die eine Woche nach seinem siebzehnten Geburtstag an Krebs starb.


Connor war ein Mensch, der sein Wort hielt. Zumindest hielt er sich für so Jemanden. Für ihn gab es nichts Wichtigeres als seine kleine Schwester. Danach erst kam alles Andere.


Im selben Moment, als er den Motor abstellen wollte, schlug sein Handy an und er musste es erst wieder aus dem kleinen Seitenfach seiner Tasche holen, bevor er ran gehen konnte. Er las Annas Namen auf dem Display und hob umgehend ab.


Sie hatte ihn bereits vorfahren gesehen und war auf dem Weg nach unten. Kaum hatte Anna aufgelegt, kam sie bereits zur Tür hinaus gerannt, und steuerte auf Connors dunkelgrünen Wagen zu. Mit einem lauten Knall ließ sie die Autotür ins Schloss fallen, als sie darin saß und die Beiden sich mit einer herzlichen Umarmung begrüßten.


Connor richtete sich wieder in seinem Sitz zurecht und drehte den Zündschlüssel herum, woraufhin die schrottreife Karre wimmernd ansprang.


„In den Nachrichten hieß es, ihr wärt evakuiert worden?“, fragte er, während er vorsichtig den Fuß von der Kupplung nahm.


Anna schnallte sich an und schenkte ihm einen lächelnden Blick.


„Ja, aber unsere Professoren, der Vorstand und meine Mitbewohnerin, die Tochter des Obermackers im Krankenhaus.“, antwortete sie gereizt. „Die Scheisskerle haben nur die WICHTIGEN Leute mitgenommen-“ Anna machte eine kurze Pause. „Das Ganze hat nicht mal 'ne Stunde gedauert, dann waren alle wieder abgerückt, hat mir Conny erzählt. Ich war bei Michelle draußen. Hab das Ganze erst mitbekommen, als sie schon wieder am abdampfen waren-“, erzählte Anna kopfschüttelnd.


Ihr Bruder wendete den Wagen, um denselben Weg zurück zu nehmen den er gekommen war. Das ganze Gelände war wie verlassen. Nur an dem großen Springbrunnen hatten sich einige Jugendliche versammelt und waren gerade dabei Matratzen und Bücher zu verbrennen.


Connor bog an der Ampel scharf nach rechts ab und beschleunigte aus der Kurve heraus wobei er den Randstein grob kaschierte.


Die Geschwister sollten jedoch nicht weit kommen. Zweihundert Meter weiter, musste er scharf bremsen, um nicht in zwei brennende ineinander verkeilte Sattelschlepper zu fahren, die die gesamte Straßenbreite versperrten.


„Wie kommen wir sonst noch auf die Neunundzwanziger rauf?“, fragte er, dabei selbst nach einem geeigneten Weg nachdenkend.


Mit leerem Blick sah er zu den brennenden Wracks hinüber.


Anna zuckte mit den Achseln und schien selbst erst überlegen zu müssen. Ihre blaugrauen Augen waren ebenfalls auf die beiden Unfallautos vor ihnen gerichtet. Die Flammen spiegelten sich in ihren Augen und ließen in ihnen ein buntes Spektrum an Farben tanzen.


„Die Scenery Road ist gesperrt, da wird ja gerade das Einkaufszentrum gebaut.“, überlegte sie hörbar und wandte sich dann ihrem Bruder zu. „Am Besten du fährst wieder in Richtung Campus und an der Ampel vorhin, links rein.“, erklärte sie, „So wird's wahrscheinlich am Schnellsten gehen.“


„Na dann sehen wir zu, dass wir hier wegkommen.“, murmelte Connor, knallte den Rückwärtsgang rein und schob bis zur Kreuzungsmitte zurück.


Er bretterte mit Vollgas vorwärts um die Kurve, trat in die Bremse und nahm gleich die Nächste links, um danach gleich wieder links rein zu biegen.


„Übrigens, tolle neue Frisur.“, bemerkte er lächelnd, die Straße vor sich nicht aus den Augen lassend.


„Oh, danke.“, erwiderte Anna geschmeichelt, „Gefällt's dir?“


Ihr Bruder warf einen kurzen Blick auf ihr Haupt. Ihr Haar war schwarz gefärbt, mit einigen blauen, rosa und petrol farbenen Strähnchen in diversen Längen darin. Es gefiel ihm eigentlich schon, doch es zu zu geben fiel ihm verdammt schwer.


„Naja, wenn man auf Papagei steht.“, antwortete er grinsend nach einem kurzen Zögern und warf erneut einen kurzen Blick zu seiner Schwester hinüber.


Er lauerte auf einen bestimmten Gesichtsausdruck von ihr, den sie immer dann bekam, wenn sie etwas erhielt, wenn sie eigentlich etwas ganz anderes erwartete zu bekommen.


Anna verzog ihren Mund zu einer spitzen Schnute und ihre Stirn legte sich in Falten. Das war es gewesen, worauf er gehofft hatte. Dieser Ausdruck an ihr, war ihm Gold wert.


„Dir würde ein Friseurbesuch übrigens auch nicht schaden.“, murrte sie beleidigt.


Connor lächelte verschmitzt.


„Wir müssten bald zur Hauptstraße kommen.“, begann Anna. „Dort biegst du links ab und wir sind schon auf der Bundesstraße, die die Neunundzwanziger kreuzt.“, fuhr sie fort und wies auf eine Abzweigung einige Meter vor ihnen.


„OK.“, bestätigte ihr Bruder gähnend, „Zuhause wartet schon das Bett auf mich.“, während er den Radio anmachte und dann eine Zigarette aus der Brusttasche seines Wetterfleckes holte.


„Ich dachte du wolltest aufhören.“, wies sie ihn in genervtem Ton hin.


Doch Connor gab nichts darauf. Er hatte sich die jetzt verdient, und außer dem Rauchen hatte er ja nicht viel wofür er lebte. Coke, Zigaretten, Arbeiten und Anna. Für viel mehr hatte er keine Zeit neben den vielen Doppelschichten in der Verwertungsanlage für Tierkörper.


Connor konnte vor sich, am Ende der Straße, bereits die querende Hauptstraße erkennen, die vier Spuren führte und die sie aus Lancaster hinausführen würde. Ihm fiel angesichts des Lichtblicks ein Stein vom Herzen, denn er hatte allen Ernstes nicht gedacht, heute noch sein Bett zu sehen.


Doch das Schicksal wies ihnen einen anderen Weg, als ein warmes Bett.


Connor war gerade auf die Hautstraße gebogen, als der Motor plötzlich ins stottern geriet und der Wagen den Geist aufgab. Annas Bruder schlug fluchend gegen das Lenkrad, worauf sich der Airbag – von dem er nicht einmal wusste, dass sein Auto einen besaß – selbstständig machte.


Seine Schwester warf ihm einen ungläubigen Blick zu.


„Sag bloß, du hast ihn noch nicht richten lassen?“, fragte Anna mit strengem Blick.


Connor kämpfte den aufgeblasenen Airbag nieder und fasste sich mit Tränen in den Augen an die Nase. Dann verdrehte er die Augen und lehnte sich im Sitz zurück. Er fuhr sich mit seiner Linken durchs halblange leicht gelockte Haar und schüttelte dann schnaufend den Kopf.


„Nein.“, antwortete er kurz, als er einen Blick in den Rückspiegel riskierte.


Hinter ihnen war es genauso ausgestorben, wie vor ihnen. Nein, das war so nicht ganz richtig. Zwei Straßenlaternen hinter ihnen saß ein imposanter Raubvogel über einer erleuchteten Laterne, welche die einzige in der Straße war, die brannte. Es kam Connor so vor, als würde ihm das Tier geradewegs, über den Rückspiegel, in die Augen sehen.


Schnell blickte Connor wieder vor. Es schauderte ihm bei der Vorstellung. Denn es war nicht das erste Mal, dass sich dieses Tier ihm zeigte. Er war ihm damals vor dem Wohnküchenfenster auf der eisernen Feuertreppe begegnet. Er traute damals seinen Augen nicht. Das Tier war bestimmt einen Meter groß und trug eine weiße flaumige Halskrause und einen fleischigen Kamm über seinem Schnabel, der bis zum Kopf hinauf langte. Eine Sekunde später hatte der schwarz gefiederte Räuber abgehoben und segelte mit einer gewaltigen Flügelspannweite von gut drei Metern elegant in den Nachthimmel empor.


Damals hatte er sich nichts weiter dabei gedacht. Aber seitdem ihm das seltsame Vieh immer öfter über den Weg kam, war ihm der Vogel nicht mehr geheuer. Er war sich selbst nicht mehr geheuer.


Connor wandte sich um, um sicher zu gehen, dass ihm seine Augen keinen Streich gespielt hatten, und er musste feststellen, dass dort hinten gar nichts war. Nein, es musste wohl Einbildung gewesen sein, wie bei den vielen anderen Malen. Was hätte auch ein Greifvogel in einer Stadt wie Lancaster verloren. Und wenn da wirklich einer gewesen war, dann bestimmt nicht der Selbe.


Dann fuhr es Connor durch Mark und Bein: Ich werde schön langsam irre!


Kopfschüttelnd wandte er sich seiner Schwester zu, die hart am Überlegen zu sein schien.


„Gehen wir zu Fuß. Vielleicht finden wir ja irgendwo ein paar Fahrräder.“, sprach Connor mit sarkastischem Unterton und warf einen flüchtigen Blick auf seine Automatikarmbanduhr. Dreiundzwanzig Uhr und fünfundzwanzig Minuten.


„Na toll.“, seufzte Anna und stieß die Autotür dabei mit Wucht auf.


„Hey, vorsichtig!“, wurde sie von ihrem Bruder ermahnt, mit dem Wagen vorsichtiger umzugehen.
„Der ist reif für die Schrottpresse, Connor. Mach dir keine Illusionen.“, entgegnete sie kühl und stapfte voran.


Ihr Bruder fasste nach seiner Tasche, die zu ihren Füßen gelegen hatte und streifte sie sich über. Er wandte sich von dem liegen gebliebenen Fahrzeug ab und schritt in der Mitte der vier Fahrstreifen entlang. In Gedanken versunken kramte er in der Ledertasche umher, und da war auch schon, was er gesucht hatte. Sein Telefon. Connor musste feststellen, dass er keinen Empfang hatte. Weder hier, noch einige Meter weiter vorne. Kopfschüttelnd steckte er es in die Tasche zurück und ging seufzend weiter.


„Vielleicht wär's doch besser, wenn wir uns hier irgendwo verkriechen?“, fragte Anna zögernd.


Connor hielt kurz Inne und seufzte.


„Vielleicht gar keine schlechte Idee. Ein Luftschutzkeller wär Ideal.“, sprach er und steckte die Hände unter seinem Wetterfleck in die Jeanstaschen. „Wenn's so 'ne Geschichte wird wie in den anderen Städten, sind wir hier so ziemlich am Arsch.“


Anna blickte auf.


„Dann hätten wir auf dem Campus in die Bibliothek gehen sollen. In den Kellern darunter befindet sich ein Archiv.“, antwortete sie in Gedanken versunken.


Connor hob seine linke Augenbraue an, statt darauf zu antworten und trabte in Gedanken weiterhin neben seiner Schwester her. Momentan war nicht der richtige Moment für dumme Bemerkungen.


Ein leises Grollen schlich sich in Connors Ohren. Zuerst schenkte er dem Grollen keine Beachtung, doch als es graue Rauchschwaden weit über ihren Köpfen vorüber trieb und sogar das Mondlicht davon verschlungen wurde, blickte er auf. Keine Sterne waren mehr zu sehen und der Mond verschwand hinter den trüben Schwaden.


Seine Schwester hatte weiter vorne angehalten und betrachtete nun ebenfalls die Veränderung am Nachthimmel.


„Es beginnt.“, murmelte sie und drehte sich auf einem Bein zu ihrem Bruder herum.


In jenem Moment erkannte sie ein helles, rötlich orange leuchtendes Etwas, das hinter ihnen aus der Straße hervor strahlte, aus der sie eben noch mit dem Auto gekommen waren. Sie streckte ihre Hand in diese Richtung und hob ihren Zeigefinger, woraufhin sich auch Connor langsam umdrehte.


Seine Augen wurden groß wie Wagenräder, als er den nahenden Schein erblickte. Annas Bruder wich langsam zurück, bis er gleich auf mit seiner Schwester war und fasste nach ihrer Hand.


Unmittelbar vor ihnen, aus einer schmalen, querenden Gasse stellte sich ein immer heller werdendes Leuchten ein. Connor wusste, dass sie ihm nicht entkommen konnten. Es würde viel schneller sein, als sie beide jemals laufen konnten. Connor schob sich, noch immer auf den rascher heller werdenden Schein blickend hinter Anna und schloss die Arme um ihre Schultern.


Er spürte ihr Zittern. Wohl eher wegen des nahenden Unheils, als von der bitteren Kälte.


Ein warmer Wind wehte ihnen sanft, von der Straße vor ihnen, entgegen. Die nahenden warmen Strömungen begannen vor ihnen zu schwelgen, während der zuerst angenehm warme Föhn sich in ein unangenehm heißes Lüftchen verwandelte. Connor drückte seine Schwester fester an sich und ließ sie mit sich zu Boden sinken, wo er sich schützend über sie beugte. Er blickte dem Schwelgen entgegen. Angespannt starrte Annas Bruder zur Kreuzung hin, deren umgebende Gebäude in orangem Schein erglühten. Connor stand unter Spannung. Jede Faser seines Körpers war bereit, rasch zu handeln. Er wartete nur darauf, dass es endlich geschah.


Das Grollen schien ganz nahe, und plötzlich brach ein Feuersturm aus der Straße hervor und barst gegenüber an einem der Wohngebäude empor. Eine gewaltige Feuerwalze, die die gesamte Straßenbreite ausfüllte und gut zehn Meter hoch war, drang in ihre Richtung.


Connor bot dem nahenden Unheil nicht mehr als seine linke Hand entgegen, als wollte er ihm mit dieser Geste Einhalt gebieten. Die Adern unter seiner Haut traten leicht hervor, während die Hitze immer unerbittlicher wurde und in ihren Gesichtern zu brennen begann.


Anna kauerte sich unter ihrem Bruder zusammen, die Arme über ihrem Kopf zusammengeschlagen.


Aus Connors Hand drangen weiß-bläuliche, fluoreszierende Äderchen, die mit jedem seiner Herzschläge anschwollen und letztendlich wie pulsierende Arterien aussahen, die in feinen Fäden endeten. Sie vernetzten sich untereinander, während sich eine feine energetische Haut zwischen den pulsierenden Gefäßen spann.


Das Schild wuchs in einem leichten Bogen vor ihnen hoch und zur Seite. Es hatte eine Höhe von gut Fünf Metern erreicht, als es aufhörte sich weiter auszuprägen.


Connors Augen waren von einem feinen weißen Schleier verhüllt, sodass man kaum mehr das Weiß von dem tiefen, strahlenden Grün seiner Iris unterscheiden konnte. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Hitze des Feuers begann mehr als nur unerträglich zu werden. Seine Handfläche schmerzte furchtbar. Er hatte das Gefühl sie auf eine heiße Herdplatte gelegt zu haben und fühlte sich unfähig sie davon weg zu nehmen.


Als die Feuerwalze auf sein Schild traf, gab er für einen kurzen Moment etwas nach. Die Handfläche seiner Linken begann zu spannen. Er spürte, wie die Haut daran feine Bläschen warf, die aufplatzten wie überfüllte Luftballons.


Connor wusste, dass er durchhalten musste, sonst wären seine Schwester und er zum Tode verdammt.


 


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