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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe HÁKON - Wulfwood Hotel, Moira Ashly
Moira Ashly

HÁKON - Wulfwood Hotel



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Hákon und Eldehar


 


Der Schnee um die zwei kämpfenden Männer herum war übersät mit Blutspritzern. Es sah so aus, als wäre dies ein schonungsloser Zweikampf auf Leben und Tod, denn keiner der beiden schien Gnade walten zu lassen. Sie kämpften erbittert mit bloßen Händen, traten und schlugen sich, wo immer sie auch trafen.


Beide waren blutverschmiert. Der eine blutete aus einer Wunde auf der Stirn, der andere aus der Nase. Trotz der Kälte waren sie schweißgebadet. Man hörte nur das angestrengte Atmen der Männer und die Schläge, wenn sie ihren Gegner trafen. Ansonsten war es still. Der Schnee schluckte alle anderen Geräusche.


Soeben hatte einer der beiden einen heftigen Hieb in die Magengrube einstecken müssen und ging langsam in die Knie. Sein Kontrahent hielt inne und beobachtete, wie sein Gegenüber sich mit den Händen abstützte und nach Luft rang.


»Du kämpfst immer noch wie ein Mädchen!«, keuchte der stehende Mann und ging nun ebenfalls in die Knie. Er atmete schwer, schaute in den Himmel und wischte sich mit einer Hand über die blutende Nase.


»Und du wie ein Bauerntölpel, Hákon Ulfurinn!«, zischte der Mann, der jetzt allem Anschein nach besiegt war.


»Immerhin hat der Bauer gewonnen, oder irre ich mich?«, schnaufte der, der soeben Hákon genannt wurde. Sein Gegenüber schwieg.


Hákon griff mit seinen Händen in den Schnee und rieb sich diesen über das blutverschmierte Gesicht. Das tat er mehrmals. Danach sah er wieder halbwegs ansehnlich aus. Sein dunkelblondes Haar klebte ihm auf der Stirn und hing in nassen Strähnen bis auf seine Schultern herab. Er schwitzte stark, da der Kampf lange angedauert hatte. Jetzt ließ er sich entkräftet rücklings in den Schnee fallen und versuchte, ruhiger zu atmen. Seine Brust schmerzte. Sein Gegner hatte ihn dort einige Male ziemlich hart getroffen. Es schien ihm, als spürte er jedes seiner fünfundvierzig Lebensjahre einzeln in seinen Knochen.


»Du bist und bleibst ein Bauerntrampel«, ächzte der Mann ihm gegenüber, der immer noch im Schnee hockte. Hákon lachte kurz auf. Es amüsierte ihn offensichtlich, so genannt zu werden.


»Aus dir spricht nur der Neid, Eldehar!«, kicherte er albern.


»Neidisch? Auf dich? Davor mögen alle Götter mich bewahren!«, japste der andere und richtete seinen Oberkörper langsam auf. Er hielt sich die rechte Seite. Hákon hatte ihm einen heftigen Leberhaken verpasst.


Eldehar war nicht so muskulös wie Hákon und hatte dunkles Haar, das ihm ebenfalls bis auf die Schultern reichte. Er schien etwas jünger zu sein. Seine Augen waren braun, wie auch die von Hákon. 


Beide Männer trugen dunkle, einfache Hemden und lederne Hosen. Sie hatten ihre warmen Mäntel und die aus Leder gefertigten Harnische sowie all ihre Waffen abgelegt. Ihre Körper dampften in der Kälte.


Hákon stand schließlich auf und reichte Eldehar die Hand.


»Komm, oder hast du noch nicht genug?«, fragte er schelmisch grinsend den immer noch auf seinen Fersen hockenden Mann. Der sah auf und ergriff Hákons Hand, damit der ihm aufhelfen konnte. Er stand etwas unsicher, rieb sich die Hände und ging schwankend zu den Bündeln an Kleidern und Waffen, die etwas abseits im Schnee lagen. Während er seine Habseligkeiten heraussuchte, reichte er die anderen an Hákon weiter.


»Hast du es warm in deiner Hütte?«, fragte er dabei, ohne Hákon anzusehen.


»Natürlich«, antwortete der und warf sich den warmen Mantel über. Er nahm sein Schwert und sein Wurfbeil entgegen und deutete mit dem Kinn in die nördliche Richtung.


»Wenn du mitkommen willst«, sagte er dabei, »dann folge mir einfach. Oder bist du zu schwach, alter Freund?«


»Im Gegenteil«, lachte Eldehar. Hákon nickte und stapfte einfach voraus, ohne sich darum zu kümmern, ob Eldehar ihm folgte. Es hatte wieder angefangen zu schneien. In der Nacht war bereits mehr als eine Elle der weißen Pracht vom Himmel gefallen. Nun schneite es wieder dicht und heftig. In kürzester Zeit waren die Mäntel der Männer weiß bedeckt und sie hoben sich kaum mehr von ihrer Umgebung ab.


Ihre Schritte knirschten und der schmale Pfad, den einige Wildtiere hinterlassen hatten, bot gerade einem Mann ausreichend Platz. Eldehar folgte Hákon dichtauf. Neben diesem Pfad wären die Männer bestimmt knietief im Schnee versunken, was gewiss anstrengender gewesen wäre, als einen kleinen Umweg zu gehen. Der Wildtierpfad machte einen Bogen um Hákons Hütte, an dessen Ende sie nur noch wenige Meter durch den tiefen Schnee schreiten mussten, ehe sie die warme Behausung erreichten.


Die Kate lag weit oben in Norwegen. Sie war einfach aber sehr gemütlich und bot reichlich Platz für einen Mann. Es gab eine Schlafstätte, eine schlichte, aus Stein gemauerte Feuerstelle und einen grob gezimmerten Tisch. Fenster gab es nicht. Die Hütte hatte einige schmale, längliche Öffnungen, durch die gerade eine Hand hindurchpasste. Diese waren jetzt im Winter mit Stofffetzen und Fellresten verstopft, um die Kälte draußen zu halten. Auch die Wände waren zum großen Teil mit Fellen verkleidet, was einen gut dämmenden Effekt hatte.


Hákon warf seine Habseligkeiten achtlos auf die Pritsche. Er wies Eldehar an, es ihm gleich zu tun. Dann zog er einen Kessel an einem Haken hängend über das Feuer und warf noch einige Scheite Holz in die Glut.


»Gerade noch rechtzeitig, sonst wäre das Feuer erloschen«, sagte er dabei, denn ansonsten hätte er es wieder mühsam in Gang bringen müssen. Nichts war in diesem extrem kalten Winter wertvoller als die wärmenden Flammen und ein sicherer Schlafplatz.


Hákons Hütte lag sehr einsam. In der Nähe gab es einen Wald, der ihn mit Brennholz versorgte. Zudem konnte er dort hin und wieder Hasen und gelegentlich sogar Rehe erlegen. Aus verschiedenen Rinden und Kräutern, die es selbst jetzt noch unter der Schneedecke gab, buk er sich Brot und braute sein Bier. Zwei große Krüge davon kochte er nun auf. Das würde ihre durchgefrorenen Körper schnell wieder aufwärmen.


Eldehar saß inzwischen am Tisch und beobachtete jede Handbewegung Hákons. Sie kannten sich schon so viele Jahre. Ja, sie waren zusammen aufgewachsen. Eldehar, dem das Glück förmlich hinterherlief, und Hákon, der stets vom Pech verfolgt wurde. Er wurde als Kind von Söldnern bei einem ihrer Beutezüge verschleppt. Normalerweise brachten sie alle um, die sich ihnen entgegenstellten. Doch ihr Anführer hatte seinerzeit entschieden, dass sie einen Burschen bräuchten. So kam Hákon zu der Truppe brandschatzender und mordender Männer.


Dort erfuhr er keine Zuneigung. Wenn es etwas zu tun gab, warf man ihm die Arbeit vor die Füße. Ob das nun ein Eimer war, mit dem er Wasser holen sollte, oder ein Schwert, das zum Waffenschmied gebracht werden musste, um geschärft zu werden. Hákon hatte außerdem die ehrenvolle Aufgabe, die Latrinenlöcher abseits der Lager auszuheben und wieder zuzuschütten, wenn sie weiterzogen. Wenn er etwas versäumte, setzte es Prügel. 


Als Eldehar damals ins Lager gebracht wurde, freundeten sich die beiden Jungen sofort an und schmiedeten bald darauf Pläne, wie sie Hákons Peiniger eines Tages bestrafen könnten. Im Hinblick auf die schwere, körperliche Arbeit, die Hákon schon als junger Bursche verrichten musste, entwickelte er Bärenkräfte, während Eldehar nach kurzer Zeit nur noch verhätschelt wurde. Grund hierfür war wohl sein erstaunliches Talent, denn er konnte die wunderbarsten Geschichten erzählen! So sorgte er allabendlich für Unterhaltung am Lagerfeuer, während Hákon abseits saß und immer wieder weggeschickt wurde, um Essen, Bier oder Holz heranzuschaffen.


Hákon und Eldehar wuchsen heran. Irgendwann fand man den Zeitpunkt für gekommen, dass Hákon sich den Jägern anschließen sollte. Dafür aber musste er eine Prüfung bestehen, um zu beweisen, dass er als ein solcher taugte. Er durfte sich selbst aussuchen, auf welches Tier er ansetzen wollte.


Es gab zu jener Zeit ein Wolfsrudel, das den Söldnern immer wieder Probleme bereitete. Der Leitwolf war der gefährlichste von dem Rudel, und genau auf den hatte Hákon es abgesehen.


Das Tier war schon älter, sein Fell mit vielen grauen Haaren durchzogen. Sein hohes Alter machte ihn zu einem gerissenen Beutejäger. Zudem erzählte man sich die wunderlichsten Legenden über Ulfinn, den alten Wolf. So gab es die Mär, dass derjenige, dem es gelingen würde, den Wolf zu bezwingen, unbedingt von dessen Herz essen sollte. Dann würde er unsterblich werden und besondere Kräfte erlangen. 


Hákon ließ nicht erkennen, ob er diese Geschichte glaubte, als er sich auf die Jagd begab. Er wusste nicht einmal, ob er den Leitwolf jemals ohne sein Rudel antreffen würde. 


Das Glück stand ihm aber bei und er erlegte das Tier nach einem langen Kampf, in dem der Wolf ihm mehrmals seine scharfen Zähne ins Fleisch schlug. Als Trophäe nahm Hákon sich das Herz, die Reißzähne und den Schweif des Tieres. Den Rest des Kadavers warf er mit einem lauten Schrei in den Wald. Er wusste, dass das Wolfsrudel dafür sorgen würde, dass von Ulfinn nichts mehr übrigblieb. 


Mit seiner Beute kam er im Lager an und wurde von da an hochgeachtet. Allerdings zeigte er nur den Schweif und die Reißzähne des Wolfes. Diese wurden von einer Frau geschickt auf ein Lederband gezogen und zierten fortan Hákons Brust.


Die Wunden verheilten, doch die schmähliche Behandlung, welche er durch die Söldner als Kind erfuhr, hinterließen Narben auf seiner Seele. Hákon verließ das Söldnerlager und wurde zum einsamen Jäger Hákon Ulfurinn, wie man ihn seitdem nannte. 


Bald darauf fand er eine Frau und diese gebar ihm einen Sohn. Doch das Glück blieb ihm nicht treu. Seine Frau und sein Kind wurden Opfer eines diabolischen Mannes, der Hákons Dorf während dessen Abwesenheit mit seiner Horde überfiel.


Auch Eldehar verließ die Söldner, kurz nachdem Hákon gegangen war. Er fand sich sehr bald bei einem guten Monarchen in Lohn und Brot wieder, diente dort als Soldat und war seinem Herrn ein loyaler Untertan. Als dieser König starb, wechselte dessen Sohn auf den Thron und mit diesem Menschen verband Eldehar nur Hass. Er mochte den Thronerben nicht und ging von da an ebenfalls seine eigenen Wege. Nur, dass Arid, der junge König, ihn daraufhin wegen Fahnenflucht suchen ließ und für vogelfrei erklärte. Dadurch konnte Eldehar von jedermann ohne Strafe getötet werden.


Er flüchtete ebenfalls in die Abgeschiedenheit Norgas. Eines Tages hörte er von Hákon Ulfurinn und machte sich auf die Suche nach seinem alten Freund und Weggefährten. Dass sich ihre Begegnung jedoch erneut in einem Kräftemessen entladen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Gut, dass Hákon ihm nicht jubelnd um den Hals fallen würde, war Eldehar klar. 


Er traf auf Hákon, als dieser gerade auf ein Reh ansetzte und dieses, aufgeschreckt durch sein Erscheinen, hakenschlagend im Wald verschwand. 


So begegneten sie sich also nach all den Jahren wieder, prügelten sich in alter Manier und saßen jetzt zusammen in Hákons Hütte und tranken heißes Bier.


»Es ist lange her«, sagte Hákon und starrte in seinen Becher. »Warum suchst du mich auf?«


»Man erzählt sich, dass du den Wolf gar nicht selbst getötet hast«, entgegnete Eldehar.


»Man erzählt viel«, brummelte Hákon.


»Stimmt es denn?«


Eldehar sah Hákon aufmerksam an. Es war aber keine Regung in dessen männlich markantem Gesicht zu erkennen. Eine Narbe zierte Hákons Stirn über der rechten Augenbraue. Diese Narbe, wie viele andere auf seinem Körper, stammten von dem Wolf. Böse Zungen aber behaupteten, Hákon hätte das Tier bereits verendet vorgefunden und sich die Wunden selbst zugefügt. 


»Stimmt es denn?«, wiederholte Eldehar seine Frage. Er ließ sich nicht anmerken, dass dies eine Prüfung war, denn er selbst hatte in jener Nacht Hákon geholfen, den Wolf zu erlegen. Allerdings ohne dessen Wissen. Nun wollte er erfahren, ob Hákon davon etwas mitbekommen hatte.


»Ich habe mit dem Wolf gekämpft. Das ist die Wahrheit. Sonst hätte ich niemals die Trophäen an mich genommen«, grummelte Hákon. Dann schenkte er Bier nach und meinte: »Es sind Neider, die das behaupten! Also, warum suchst du mich auf, Eldehar?«


Eldehar lehnte sich zufrieden zurück. Also glaubte Hákon bis heute, der alleinige Bezwinger des großen Grauen gewesen zu sein.


»Du erinnerst dich doch an Bjarne«, lenkte Eldehar gekonnt vom Thema ab. 


»Der Schlächter? Natürlich!« Hákon starrte sein Gegenüber an. Böse Erinnerungen waren in ihm erwacht, als Eldehar diesen Namen nannte. Bjarne war eine Ausgeburt des Teufels! Mit ihm verband Hákon all das Schlechte, was er sich nur auszudenken vermochte, sowie den Tod seiner geliebten Frau und seines Kindes.


»Was ist mit ihm? Hat ihn der Höllenfürst endlich geholt?«, fragte Hákon und trank einen kräftigen Schluck.


»Och«, seufzte Eldehar, »ich denke eher, er steht mit dem Teufel im Bunde. Er hat die Söldnertruppe übernommen, nachdem Fridjof gestorben war. Daraufhin hat er sich mit seinen Mannen Arid angeschlossen.«


»Was kümmert es mich?« Hákon blickte fragend in die Augen Eldehars. »Arids Reich ist weit weg.«


»Aber er ist auf der Suche nach dir. Besser gesagt, sein Handlanger Bjarne sucht dich!«


Hákon riss erstaunt die Augen auf:


»Ach? Und warum das? Was kann er von mir wollen?«, fragte er.


»Wenn du Ulfinn getötet hast, dann besitzt du vielleicht etwas, was Arid gerne hätte«, antwortete Eldehar.


»Was könnte das sein?«


»Das restliche Herz des Wolfes!«


»Du glaubst doch nicht wirklich an die Ammenmärchen, die man sich über diesen Wolf und sein Herz erzählt hat, oder etwa doch?«, lachte Hákon auf.


»Vielleicht hast du bald Gelegenheit, es auszuprobieren, ob die Erzählungen stimmen! Spätestens, wenn Bjarne und seine Schergen dich gefunden haben. Es ist ein Leichtes, dich aufzuspüren, Hákon!«


Hákon tat gleichmütig und meinte:


»Sollen sie kommen!«


»Sie werden kommen, alter Freund! So sicher, wie ich hier sitze!«


Hákon starrte lange in das Feuer, das unter dem Kessel loderte. Eldehar sprach weiter:


»Du hast bestimmt nicht vergessen, was er dir angetan hat, oder?«


»Wie könnte ich das!«, stieß Hákon hervor. Er stand auf und rührte in dem Kessel, während er verbittert fortfuhr:


»Er hat mir Weib und Kind genommen, das werde ich ihm nie vergeben! Soll er kommen! Ich fürchte den Tod nicht!«


»Wenn du von dem Wolfsherz gegessen hast, brauchst du den Tod wahrlich nicht zu fürchten. Eher das Leben!«, entgegnete Eldehar.


»Ewiges Leben? Dass ich nicht lache! Das sind Hirngespinste, mein Freund!«


Hákon füllte zwei Holzteller mit dem Eintopf, der über dem Feuer siedete. Einen davon stellte er vor Eldehar auf den Tisch. Dieser griff auch freudig zu.


Während er sich das Essen in den Mund stopfte, fragte er erneut:


»Hast du es getan?«


Hákon schwieg und rührte gedankenverloren im Eintopf. Vor seinem geistigen Auge sah er seine Frau und seinen kleinen Sohn. Beide waren Bjarne zum Opfer gefallen. Hákon vermisste sie sehr und es war ihm in den letzten Monaten in der Einsamkeit endlich gelungen, nicht mehr so häufig an sie zu denken. Nun kam die Erinnerung umso heftiger zurück. Sie schnürte ihm den Hals zu. Es war unmöglich, auch nur einen Löffel der heißen Suppe runterzubekommen!


Mit einer schroffen Geste schob Hákon den Teller von sich. Eldehar griff sofort danach. Er hatte augenscheinlich lange nichts mehr gegessen.


»Hast du sie hergelockt?«, fragte Hákon, während er seinen Freund beobachtete. Der Verdacht hatte sich ihm urplötzlich aufgedrängt. Eldehar schüttelte den Kopf und sprach mit vollem Mund:


»Nein, was denkst du? Ich bin mir lediglich sicher, dass sie dich finden. Früher oder später!« Er stopfte den letzten Bissen Brot in den Mund und kaute genüsslich. Hákon stellte noch einen Krug seines selbstgebrauten Bieres auf den Tisch.


»Ich will einfach nur sichergehen, dass du den Anweisungen gefolgt bist, die über das Herz des großen Ulfinn erzählt wurden«, ergänzte Eldehar.


Der große Ulfinn. Er war tatsächlich riesengroß gewesen, dieser Wolf. Es rankten sich viele Legenden um den großen Grauen, wie ihn alle angstvoll nannten. Er soll magische Kräfte gehabt haben, so sagte man. Hákon war sich während seines Kampfes mit dem Tier sicher, dass das auch tatsächlich so war. Der Wolf schien unbesiegbar. Erst, als Hákon seine Brust aufgebrochen und das Herz herausgerissen hatte, hörte das Tier auf zu kämpfen.


»Hast du das Herz gegessen?«, fragte Eldehar noch einmal nachdrücklich. Hákon würgte bei dem Gedanken daran. Er war kein Barbar! Er hasste den Geruch von Blut. Er erinnerte sich noch genau an das zuckende Herz in seinen Händen und an die Wärme, die es ausstrahlte. Dann tat er das, was die Legende dem Sieger über Ulfinn zuschrieb: Er schlang ein Stück des Herzens roh hinunter! Viele Male musste er währenddessen innehalten, um sich nicht zu übergeben. 


Danach erwachte er wie aus einer Trance. Den Rest des Herzens ließ er danach einfach achtlos liegen. Somit konnte er im Lager nur den Schweif und die Fangzähne des Wolfes vorweisen. Als man ihn nach dem Herzen fragte, behauptete er, dass er diese Geschichten um den Wolf nicht glaubte. Einige der Söldner suchten nach dem Kadaver, fanden ihn jedoch nicht und Hákon schwieg. 


Auch jetzt blieb er Eldehar eine Antwort schuldig. Der fragte nicht weiter, weil er diese ohnehin schon kannte. Er versuchte, Hákon etwas aufzuheitern, indem er schmunzelnd feststellte:


»Nun, du hast dich zumindest während unserer Rangelei vorhin nicht in einen Wolfsmenschen verwandelt. Also hast du das Herz nicht gegessen.«


»Ich sagte doch, es sind Lügengeschichten!«, brummte Hákon ungehalten.


»Oder geschieht das nur, wenn du in Lebensgefahr schwebst? Hast du dich schon einmal verwandelt? Sei ehrlich!«


»Nun hör schon auf! Niemand verwandelt sich in einen Wolfsmenschen! Das ist Unsinn, und das weißt du!« 


Hákon stand abrupt auf. Ein Geräusch von draußen ließ ihn in der Bewegung innehalten. Er lugte aus einer der schmalen Öffnungen, aus der er vorher die Lumpen herausgezogen hatte, und hielt den Atem an.


»Was ist«, fragte Eldehar und stand ebenfalls auf.


»Bjarne und seine Henkersknechte!«, zischte Hákon und sein wütender Blick traf Eldehar. Er hatte sie also doch hergelockt!


Während er hastig nach seinem Schwert griff, hielt Eldehar ihn am Arm fest und sagte:


»Wir kämpfen gemeinsam, alter Freund, und wir sterben gemeinsam! Nun, das heißt, vielleicht. Wenn es stimmt, was die Legende sagt, dann werden wir beide leben, Hákon Ulfurinn! Du hast nicht das ganze Herz verzehrt. Du hast einen großen Rest liegen lassen, erinnerst du dich? Ich habe es gefunden und mir ebenso ein Stück davon genommen. Wir werden sehen, ob es stimmt, was die Legende prophezeite. Wenn es wahr ist, wirst du dich auf alle Zeit an Bjarne rächen können!« 


Eldehar griff ebenfalls nach seinem Schwert und ergänzte: »Du wirst die Brut seiner Nachkommen über Jahrhunderte verfolgen können! Das wird deine Abrechnung sein!«


»Sag mir eines – hast du sie hergeführt? Sag die Wahrheit!«, fragte Hákon ruhig.


Eldehar blieb ihm die Antwort schuldig. Zusammen traten sie aus dem Schutz der Holzhütte ins Freie und vereint stellten sie sich der Übermacht von Bjarnes Gefolgsmännern.


Der Kampf war von Beginn an aussichtslos. Bjarnes Männer waren zu viele und bis an die Zähne bewaffnet. Hákon und Eldehar kämpften Rücken an Rücken. Die zahlreichen Angreifer schlugen ihnen die Schwerter aus den Händen und sie konnten sich somit nicht mehr zur Wehr setzen.


Als Hákon neben dem sterbenden Eldehar blutend im Schnee lag, hörte er, wie dieser mit brechender Stimme flüsterte:


»Sag, mein Freund, werden wir weiterleben? Hast du auch von dem Herz gegessen?«


»Das habe ich«, gestand Hákon endlich, ehe es schwarz um ihn wurde.


 


 


 


 


Drei Freunde


 


»Wetten, der erzählt dem Alten wieder, dass wir diesen Monat eine Tour planen!«, raunte Chris seinem Kollegen Lead ins Ohr. Beide saßen in dem Großraumbüro einer New Yorker Bank. 


Ihre Blicke wanderten zu den in einiger Entfernung stehenden Männern, die sich angeregt zu unterhalten schienen. Der eine von ihnen war etwas untersetzt, ziemlich groß, trug eine Brille und einen Vollbart. Seine Haare waren dunkelblond und die Augen grau-blau. Er wirkte so, wie man sich einen Banker vorstellte: Adrett gekleidet, sehr gepflegt und durchaus gutaussehend.


Er stand mit leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper. Das war kein Haltungsschaden, nein! Es war der Körpergröße seines Gegenübers geschuldet. Der war einen ganzen Kopf kleiner, ebenso mit Hemd, Anzug und Krawatte gekleidet. Sein Haar war braun und streng nach hinten gekämmt. Das Gesicht war glattrasiert, die Augen kristallblau. Er war von schmächtiger Statur und wirkte somit wie ein Kind, das in einen Anzug gesteckt wurde.


»Jimmy kann‘s halt nicht lassen, dem Alten in den Arsch zu kriechen!«, unkte Chris.


»Warte doch erst mal ab. Vielleicht reden die ja über irgendwas Belangloses«, murmelte Lead und starrte auf sein Telefon, das heute ununterbrochen klingelte. Sie arbeiteten in der Kreditabteilung. Arthur Holister war ihr Boss und der stattlichere der beiden Männer, die im Gespräch vertieft waren. Jimmy Sutton hieß der kleinere der beiden.


Mit einem lauten Seufzer nahm Lead das Gespräch entgegen. Chris blieb dabei dicht neben ihm sitzen. Dass auch sein Telefon klingelte, schien ihn nicht zu interessieren. Er fixierte Jim und Arthur und kaute dabei auf der Kappe seines Kugelschreibers herum. Sein Blick streifte Lead, der gerade am Telefon einem Kunden einen vollkommen überteuerten Kredit aufschwatzte.


Lead war so, wie Chris schon immer gerne gewesen wäre. Eigentlich hieß Lead mit vollem Namen Leander McNamara. Leander nannte ihn aber kein Mensch. Chris kannte ihn schon seit dem gemeinsamen Schulabschluss und irgendwie kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Als er selbst in dieser Bank anfing und Lead an seinem Schreibtisch sitzen sah, konnte er es kaum fassen. Ihre Freundschaft blühte sofort wieder auf und Chris genoss es, sich in Leads Glanz zu sonnen. 


Lead war ein Macher. Er schien weder Gefühle noch Skrupel zu haben und drehte sogar seiner eigenen Großmutter eine Hypothek an, die sie nach wenigen Monaten nicht mehr bezahlen konnte und somit aus ihrem kleinen Häuschen ausziehen musste. Das Objekt fiel der Bank zu und wurde dann vollkommen über dem Wert verkauft. Leads Umsatzzahlen waren das Maß aller Dinge in der Abteilung und er, Christian Miller, war sein bester Kumpel!


Lead hatte auch Affären ohne Ende. Nach Chris Einschätzung gab es auf dem ganzen Planeten kein weibliches Wesen, das Lead nicht flachlegen konnte. Neidvoll betrachtete Chris Leads Gesicht, während der seinen ganzen Charme spielen ließ, um den Kunden von den Vorzügen eines Kredites zu überzeugen, den der eigentlich nicht brauchte.


Leads Haare waren schwarz und exakt kurz geschnitten. Sein Teint wirkte so, als käme er gerade aus dem Urlaub. Er war, das musste man neidlos eingestehen, enorm gutaussehend mit seinen großen, dunklen Augen und dem millimetergenau getrimmten Bart. Lead war ein Mann, der ohne weiteres jetzt sofort auf einen Laufsteg hätte gehen können. Man glaubte, ein Männermodel aus einer High Society Modezeitschrift vor sich zu haben.


Chris hingegen hielt sich selbst für eher unterdurchschnittlich. Seine Haare waren dunkelblond und reichten ihm bis auf die Schultern. Es kam ihm daher sehr gelegen, dass zurzeit auch etwas längere Haare bei den Männern in Mode waren.


Seine Augen waren grün-braun und er trug einen Drei-Tage-Bart. Sowohl Jimmy als auch Lead fanden Chris Selbsteinschätzung absolut daneben. Für sie war Chris der Sonnyboy in ihrem Trio. Er war sportlich und wirkte durch seine Mähne und sein strahlendes Lächeln wie einer der Jungs, die einem von einem Werbeplakat für Hawaii-Reisen entgegenlächeln. Es gab quasi keine Sportart, die Chris nicht ausübte. Das reichte von Squash, Tennis, Marathon-Läufen bis hin zu Ironman-Wettbewerben. Auch wenn er noch keinen dieser Wettkämpfe gewonnen hatte, war es für ihn wichtig, dabei gewesen zu sein.


Lead legte den Hörer zurück auf die Gabel und sah wieder zu Arthur und Jimmy hinüber.


»Wenn der Art wieder überredet, mitzukommen, dann schneide ich ihm eigenhändig die Eier ab!«, brummte Chris gerade.


»Wird schon nicht«, grinste Lead nach der Bemerkung seines Freundes. »Der weiß genau, was für ein Fiasko es das letzte Mal gab!«


»Was aber auch daran lag, dass Jimmy seine Frau unbedingt mitbringen wollte. Und Art dann auch noch seine Neue. Na ja, und du deine!«


»Dann müssen wir uns eben was aussuchen, was den Ladys keinen Spaß macht. Irgendwas Abartiges! Außerdem kann ich nix dafür, dass du momentan wieder solo bist!«


Chris lachte auf. Dann rollte er mit seinem Bürostuhl zurück an seinen Schreibtisch und nahm endlich das Gespräch entgegen, bevor sich noch jemand beschweren konnte, dass sein Telefon ununterbrochen klingelte.


Leads Aufmerksamkeit blieb bei Jimmy und Arthur. Er selbst, Jim und Chris unternahmen jedes Jahr einen Ausflug. Einen richtigen Männertrip. Das letzte Mal allerdings ging das Ganze voll in die Hose. Nachdem Jimmy dieses Vorhaben bei Arthur ausgeplaudert hatte, wollte der unbedingt mitkommen. Das Chaos war daraufhin nicht mehr aufzuhalten, denn Art schleppte seine Frau an und Jimmy tat es ihm gleich. Schließlich folgte Lead ebenso diesem Beispiel. Er war letztes Jahr noch mit einer rassigen Brasilianerin zusammen und die Aussicht, zwei Wochen mit ihr zu verbringen, war höchst verlockend.


Leider wurde nichts aus der ursprünglich angepeilten Wandertour. Die Damen zogen es vor, die kanadische Stadt und ihre Läden auf den Kopf zu stellen. Jeden Tag gingen sie erneut los, und kauften ein, was das Zeug hielt. Lead, Chris, Jimmy und Art betranken sich fast jeden Tag in der Hotelbar, statt auf Wandertour zu gehen. So war das eigentlich nicht geplant gewesen.


Jim schlenderte langsam auf Chris und Lead zu.


»Na, hast du dem Alten wieder berichtet, dass wir eine neue Tour planen?«, giftete Lead ihn sofort an.


»Denkst du, ich bin völlig meschugge?«, kam es sofort als Antwort zurück.


»Was habt ihr dann so lange zu quatschen gehabt?«, fragte Chris nun, nachdem er sein Telefonat beendet hatte und wieder schwungvoll an Leads Schreibtisch gerollt kam.


»Ach, alles Mögliche! Nix, was euch interessieren könnte. Aber wenn ihr schon davon anfangt – habt ihr euch überlegt, was wir dieses Jahr anstellen könnten?«, fragte Jimmy und setzte sich auf die Kante von Leads Tisch.


»Angeln!«, platzte es aus Lead heraus.


»Hä, bitte was?«, fragten Jim und Chris wie aus einem Mund.


»Angeln! Habt ihr was an den Ohren?«


»Angeln? Hast du sie noch alle? Ich weiß nicht mal, was man dazu alles braucht!«, protestierte Jim.


»Und ich werde niemals einen Fisch töten können, geschweige denn eine Angel auswerfen! Vergiss es!«, hielt Chris dagegen.


»Luschen!«, fauchte Lead. »Dann lernt ihr es eben!«


»Du hast doch nicht alle Latten am Tisch!«, beklagte sich Jim und wandte sich ab, um zu gehen. In seiner Aufregung hatte er, wie so oft, das Sprichwort verdreht ausgesprochen, was Lead sofort berichtige und ihm hinterherrief:


»Es heißt „Latten am Zaun“, du Vogel!«


Jim winkte nur ab und verschwand hinter seinen Monitoren. Lead schrieb nun an Chris und Jim via Bildschirmnachricht, dass er es gut fände, wenn man sich nach der Arbeit in Jon‘s Diner treffen würde, um endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Von seinen Freunden kam nur ein knappes „Okay“ als Antwort.


Gegen achtzehn Uhr fanden sich die drei in besagtem Restaurant ein. Es war beinahe schon ein Ritual, dass sie sich dort trafen, um die alljährliche Männertour zu planen. Während sie aßen, wurde noch kein Wort darüber verloren. Umso heftiger wurde danach diskutiert.


»Angeln!«, beschwerte sich Jim erneut und tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Du spinnst doch!«


»Warum denn nicht, hä?«, konterte Lead. »Ich wollte das schon immer mal machen.«


»Ja, du vielleicht«, brummelte Chris in sein Bier hinein.


»Leute, ehrlich. Das kann doch eine Menge Spaß machen. Außerdem können wir unseren Ladys erzählen, dass wir am Arsch der Welt campen wollen. Da gibt es keine Shopping Malls oder Einkaufsstraßen. Da gibt es eben nur Natur, Natur und nochmals Natur. So kommen sie nicht auf die blöde Idee, uns begleiten zu wollen!«


»Genau!«, zischte Chris. »EURE Ladys. Womit sich mein Singledasein mal wieder auszahlt, oder?«


Lead verdrehte die Augen und Jim seufzte theatralisch.


»Okay, lasst uns mal weiterreden«, sagte er dann. Zu Lead gewandt meinte er: »Du klingst so, als hättest du schon ein gewisses Ziel im Auge. Mit Natur, Natur und nochmals Natur?«


»Habe ich auch«, gab der selbstbewusst zu verstehen und lehnte sich zurück. Er sah seine beiden Kumpels gütig grinsend an, ehe er sagte:


»Schottland!«


 


 


Vorbereitungen


 


Es gab eine lange Diskussion, an deren Ende dann doch der von Lead geplante Angeltrip nach Schottland siegte. Lead war sich absolut sicher, dass keine der Damen, die eventuell in Betracht kämen, sich auf diesen Trip einlassen würde. Auch seine neue Flamme konnte nur wenig mit Natur anfangen. Für sie gab es ausschließlich die City und nichts darüber hinaus. Hinter der Stadtgrenze schien für sie die Welt aufzuhören. Chris hatte offenbar niemanden, der ihm in den Ohren liegen könnte. Jim hatte seine Freunde schon eine Weile nicht mehr mit den Geschichten um seine Ehefrau genervt. Dort hing wohl der Haussegen seit längerem schief, doch das juckte Lead wenig. Also galt der Angeltrip schlussendlich als abgemacht.


Die drei Männer verabredeten sich für den nächsten Tag in einem großen Angelsportladen, um sich beraten zu lassen und die notwendigen Gerätschaften einzukaufen. Da alle an diesem Tag frei hatten, fanden sie sich schon früh um acht Uhr dort ein. Chris streifte unentschlossen durch die Gänge und betrachtete sich Angelruten, Köder, Netze und was es sonst noch so gab. Jim hingegen häufte in einem Einkaufswagen alles auf, was er für nützlich hielt: Drei Paar Gummistiefel, die bis zu den Hüften reichten, Taschen, Hüte, Köderboxen, unzählige Netze und riesenhafte Angelruten, die ihm der Verkäufer sofort wieder ausredete. Die seien nur zum Hochseefischen, nicht aber für das, was sie vorhätten. Missmutig schleifte der kleine Mann seine Beute wieder zum Regal zurück.


Der Verkäufer kam hingegen mit etwas handlicheren Modellen an und erklärte Lead, Jim und Chris, wie man damit umging. Dann folgte noch eine kurze Einweisung in die Verwendung der verschiedenen Angelhaken und Köder. 


»Und die Viecher hängen dann an diesem Haken dran?«, fragte Chris.


»Das tun sie, ja«, erklärte der Verkäufer geduldig. Er teilte ihnen sodann noch mit, wie man die Fische vom Haken abnahm, ohne sie noch mehr zu verletzen. Das interessierte vor allem Chris, der sich insgeheim vornahm, jeden einzelnen Fisch wieder zurück ins Wasser zu werfen.


Nach gut vier Stunden schoben die drei Männer zwei vollgepackte Einkaufswagen auf den Parkplatz.


»Ich fass es immer noch nicht, dass ich diesen Mist mitmache«, maulte Chris, der hinter Lead und Jim herlief. Lead hielt seinen Wagen an und drehte sich zu Chris um:


»Du wirst sehen, das wird richtig geil!«


»Wir haben noch keine Campingausrüstung! Das wird verdammt teuer, Jungs«, keuchte Jim hinter seinem Einkaufswagen.


»Ach, vergiss das mit dem Camping. Das war nur für die Ladys gedacht. Wir gehen nicht campen!«, konterte Lead und schloss seinen SUV auf.


»Wie jetzt?«, fragte Chris. »Also auch nicht angeln?«


»Doch, klar! Aber wir wohnen in einem Hotel. Ein richtig uriges Landhaus!« Lead hatte angefangen, einen Teil der eingekauften Ausrüstung in seinen Wagen zu laden und schnaufte heftig dabei.


»Uriges Landhaus?« Jim kam näher heran und schrammte fast gegen Leads teures Auto.


»Herrgott! Pass doch auf!«, schimpfte der gleich los, um dann milder weiterzureden:


»Ja, ein Landhaus. Ein kleines Hotel. Es gehört seit kurzem meiner Cousine.«


»Warum habe ich plötzlich das Gefühl, dass du jemanden verkuppeln willst«, gackerte Jim los, was Chris mit einem bissigen „Blödmann“ quittierte.


Lead sah verträumt in die Ferne. Chris und Jim dachten, er würde gerade an diese Cousine denken. Lead hingegen versuchte krampfhaft sich zu vergegenwärtigen, wann er Sady das letzte Mal gesehen hatte. Das Bild vor seinem geistigen Auge zeigte ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Es hatte rotblonde Zöpfe, Sommersprossen und grüne Augen. Lead fiel ein, dass sie ungeheuer frech gewesen war. Er hatte damals die Ferien in Schottland bei der Schwester seiner Mutter und deren Familie verbracht. Zu dieser Zeit war er ebenfalls zwölf Jahre alt.


Lead musste sich dringend bei Sady melden, um den Angeltrip festzumachen. Dabei wollte er auch herausfinden, ob Sady etwas von dem linken Geschäft wusste, dass er seinerzeit mit der Großmutter abgezogen hatte. Allmählich tauchte er wieder aus seinen Gedanken auf, als Chris und Jim laut lachten und seinen Gesichtsausdruck nachäfften.


»Wo warst du denn gerade? Bei der holden Cousine?«, kicherte Chris.


»Quatsch«, murmelte Lead und warf die Angelrute, die er die ganze Zeit über wie eine Antenne in den Händen gehalten hatte, in den Kofferraum seines Autos.


»Nach Hause telefonieren«, gackerte Jim und hielt nun ebenfalls eine Angel in den Händen. Dabei rollte er albern mit den Augen.


»Ihr seid solche Idioten«, grunzte Lead und riss Jim die Angelrute aus den Händen. Der Gedanke daran, dass er sich wegen der Reise unbedingt bei Sady melden musste, schmälerte seine gute Laune gewaltig.


»Wie ist sie denn so?«, fragte Jim nun und fing ebenfalls an, die Einkäufe in seinem neben Leads Wagen geparkten Auto zu verstauen.


»Ganz nett«, antwortete Lead nur und setzte in Gedanken hinzu „Hoffe ich!“


»Und wie heißt sie?«, fragte Jim munter weiter.


»Sady. Also eigentlich Cassandra.«


»Gott! Habt ihr in der Familie alle so verkorkste, altmodische Namen?«


»Ja, und? Jim ist ja nun auch nicht gerade der Reißer!«, platzte es aus Lead heraus. Es kam heftiger, als er gewollt hatte und er entschuldigte sich auch sofort:


»Sorry, Kleiner.«


»Schon gut«, murmelte der und schlug seinen Kofferraum zu. Er war Leads Ausbrüche schon gewöhnt und machte sich keine Gedanken. Auch nicht darüber, dass Lead ihn „Kleiner“ genannt hatte. Das tat er öfter und Jim überhörte es inzwischen einfach.


»Wie geht es jetzt weiter? Ich meine, wann starten wir? Und wie kriegen wir das ganze Zeug nach England?«, fragte Chris und rieb sich die Hände. Er war gemeinsam mit Jim zum Angelstore gefahren, da er im Moment kein eigenes Auto hatte.


»Das schicken wir voraus«, antwortete Lead. »Ich rufe heute mal bei Sady an und frage, ob sie drei Zimmer frei hat.«


»Cool! Ich will wirklich ein eigenes Zimmer«, merkte Jim an. »Chris schnarcht!«, setzte er noch hinzu.


»Ach, du vielleicht nicht?«, pöbelte Chris sofort scherzhaft los und knuffte Jim in die Rippen.


»Okay, Leute. Also, ich melde mich, sobald ich Sady gesprochen habe!« Lead schwang sich auf den Fahrersitz seines Wagens und zog die Tür zu. Er hatte es offenbar sehr eilig, nach Hause zu kommen und seine Cousine anzurufen. Dieses Mal lagen Jim und Chris mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch.


Lead sah nicht einmal zurück, als er den Parkplatz mit quietschenden Reifen verließ. So blieb ihm der verdatterte Gesichtsausdruck seiner beiden Freunde erspart, als er davonbrauste. Er hatte vergessen, dass er Chris mitnehmen und ihn bei dessen Wohnung wieder absetzen wollte! Kaum zu Hause angekommen suchte er fieberhaft nach Sadys Telefonnummer. Er hatte, als vor einem Jahr seine Mutter verstarb, von ihr ein kleines Büchlein geerbt, in dem die ganze Verwandtschaft aufgelistet und mit Telefonnummern versehen war. Tatsächlich fand er auch eine Nummer, die hinter Cassandras Namen notiert war.


Lead spürte seinen Herzschlag bis zu den Ohren, als er die Nummer wählte und darauf wartete, dass Sady den Anruf entgegennahm. Als sie sich endlich meldete, sagte Lead:


»Du ahnst nicht, wer ich bin!«


»Tatsächlich! Entweder du sagst es mir, oder ich lege auf. Also?«, kam es prompt zurück.


»Ich bin es, Leander!«


Dann war es eine ganze Weile still. Entweder musste Sady ebenfalls sehr lange in ihren Erinnerungen kramen oder sie wusste nicht, ob sie gleich auflegen oder erst mit ihm reden sollte.


»Leander?«, vernahm Lead die Frauenstimme am anderen Ende. »Der Leander? Mein Cousin?«


»Genau der!«


Dann war es wieder still, ehe Sady am anderen Ende der Leitung seufzte und hervorstieß:


»Du traust dich was!«


»Was?«, fragte Lead und versuchte, so unschuldig wie nur möglich zu klingen. Hatte Sady wirklich von dem Ding mit der Großmutter erfahren?


»Na, du meldest dich Jahre lang nicht und dann – auf einmal so?«


Lead atmete auf. Sie schien keine Ahnung zu haben.


»Ich wollte mal hören, wie es dir so geht?«


»Verdammt, Leander! Wie lang ist es jetzt her? Zehn Jahre? Zwanzig?«


»Ich denke, wir waren beide zwölf, also knapp fünfundzwanzig Jahre«, gab Lead leise zu.


»Du lieber Himmel! Echt? Wie geht es dir! Was machst du?«


»Ich arbeite in einer Bank, mir geht es gut. Und du?«


»Keine Familie? Frau? Kinder?«, bohrte Sady.


»Nein, nichts dergleichen! Aber wie geht‘s dir, Sady? Erzähl doch mal!«


»Ich fass es nicht. Ich fass es einfach nicht!« Sady brauchte eine Weile, um sich wieder zu beruhigen. Dann erzählte sie:


»Nun ja, ich bin auch wieder alleine.«


»Wieder?«, fragte Lead erstaunt nach.


»Tja, Dennis heißt mein Verflossener. Als mir vor wenigen Monaten das Prachtstück von Hotel vermacht wurde, hat er mich einfach sitzen lassen.«


»Von dem Erbe habe ich gehört. Aber warum ist der Typ denn stiften gegangen?«


»Erzähl ich dir gleich. Ich brauche jetzt erst mal einen Whisky. Hey, dass du dich meldest! Echt der Hammer!«


Lead konnte hören, wie Sady sich etwas in ein Glas einschenkte.


»So, also. Dieses Hotel! Ich habe es vorher ja nie gesehen. Dann starb Onkel Rufus und hat mir den Kasten hinterlassen. Ich dachte, wunder was! Als ich dann mit Dennis hier ankam, drehte der sofort wieder um.«


»Warum das denn?«


»Du müsstest die Hütte sehen, Leander. Das ist kein Hotel, das ist eine Bruchbude!«


In diesem Moment zerplatzte Leads Traum von einem Angeltrip nach Schottland.


»Schick mir doch einfach mal Fotos«, bat er und ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken.


»Klar! Kann ich machen«, meinte Sady.


»Und? Wie sieht‘s bei dir aus? Kinder?«


»Gott bewahre, nein!«, lachte Sady.


Sie plauderten noch über die vergangenen Jahre und tauschten die Mailadressen aus. Kurze Zeit später empfing Lead die erste Mail von Sady mit einem Foto einer jungen und sehr attraktiven Frau Mitte dreißig. Sie war wirklich eine Augenweide. Lead schrieb auch prompt zurück:


»Das bist DU?«


 Er starrte lange auf das Bild. Sie hatte immer noch rotblondes Haar, das sich in sanften Locken um ihr wirklich hübsches Gesicht kräuselte. Ihr Lächeln war einfach bezaubernd. Nie im Leben hätte Lead gedacht, dass aus der frechen Göre eine so attraktive Frau werden könnte. Das Bild schien auf einer Feier aufgenommen worden zu sein. Sady war sehr dezent geschminkt, trug ein schwarzes, elegantes Kleid und strahlte in die Kamera. Er schickte ebenfalls ein Foto von sich los und erntete die gleiche verwunderte Frage. Sady schrieb noch dazu:


»Mein lieber Schwan! Verstehe nicht, dass du alleine bist.«


Dann schickte sie einige Fotos vom Hotel und Lead verstand, warum sie so abfällig über das Haus redete. Was er sah, war tatsächlich wenig einladend.


Bei dem Hotel handelte es sich um ein zweieinhalbgeschossiges Gebäude. Das Dach war ordentlich mit Ziegeln eingedeckt. Allerdings wucherten um das Haus herum und an den Mauern hinauf ziemlich viele Grünpflanzen, die dem Ganzen einen verwunschenen Eindruck bescherten. Bei näherem Hinsehen erkannte man auch, dass die Fenster und sämtliche Holzteile dringend gestrichen werden mussten. Wenn man noch genauer hinsah, musste eigentlich die ganze Außenfassade erneuert werden. Dazu schrieb Sady: 


»Und jetzt von innen. Bist du stark genug?«


Dann folgte eine Mail mit Bildern, die Lead in ein anderes Jahrhundert versetzte. Solche Möbel kannte er nur aus Kinofilmen. Alles war heruntergekommen und schäbig. Die Übergardinen waren noch das Ansehnlichste in den Räumen, alles andere spottete jeder Beschreibung ...




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