Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Grünes Gesindel
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Grünes Gesindel, Moritz Hartung
Moritz Hartung

Grünes Gesindel


Ein Fantasyroman

Bewertung:
(2)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
91
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

Nörrgl kippte vorwärts in das tiefschwarze Loch vor seinen Füßen, mit beiden Armen rudernd, die Erinnerung einer sachte schiebenden Hand warm auf seinem Rücken. Gedankenverloren pfeifend vor einem senkrecht abfallenden Minenschacht nach Erzadern zu suchen, war keine überragend gute Idee – nicht, wenn andere Goblins in der Nähe waren.Vor allem nicht nach der unglücklichen Begebenheit mit der Spitzhacke und dem Knie des Häuptlingssohns.


Seine Nase traf einen Felsvorsprung. Sie brach, er wirbelte kreischend weiter, fiel um sich schlagend tiefer in die endlose Finsternis. Ein trockenes Kichern hallte ihm auf seinem rasanten Weg abwärts durch grauschwarzes Gestein und bröckelige Erde hinterher. Der muskelbepackte Bastard hatte ganze Arbeit geleistet.Hinterrücks, der große Krieger.


Ein Oberflächenbewohner konnte ab hier Folgendes erwarten: blinde Panik, sinnlos in der Gegend herumfuchtelnde Gliedmaßen, unzusammenhängendes Kreischen. Dann ein feuchtes Aufprallgeräusch. Schwarz gekleidete, eventuell trauernde Angehörige. Für ein kleines grünes Wesen, das aussieht wie eine ästhetisch unglückliche Mischung aus Kröte, Fledermaus und Kampfhund, läuft das etwas anders.


Zunächst haben die Angehörigen keinen Lendenschurz in Schwarz, dafür einen handfesten Sinn für praktischen Humor. Eine Art Humor, der sich entwickelt, wenn man unter der Erde gefangen und mit erstaunlichen Selbstheilungskräften, einer Tendenz zu Psychopathologie und viel Zeit ausgestattet ist.


Blinde Panik war ebenfalls keine angemessene Beschreibung für den Geisteszustand, in dem Nörrgl sich befand, als er mit seiner geschundenen Nase einen weiteren Vorsprung einriss. Nein, an seiner Panik war wirklich nichts blind. Sie war mit etwas kühlem Frust, einer Prise Resignation und einigen Schaufeln schreienden Überdrusses durchmischt.


Seltsame, mystische und derzeit komplett irrelevante Piktogramme an der Schachtwand rauschten an ihm vorbei. Er hielt seine Ration Würmer fest umklammert. Seine Ohren flatterten im Fahrtwind, als der Schacht sich weitete und noch mehr Stein freigab, der mit Symbolen behauen war, die durchaus beunruhigend gewesen wären, hätte Nörrgl die Muße gehabt, sie näher zu betrachten. Seine Panik wurde prompt etwas blinder. Etwas Uraltes regte sich in der Dunkelheit unter ihm und zwang sich, von einer Welle brennender Hoffnung getragen, in diese Sphäre der Realität.


Nörrgls Leben zog vor seinem inneren Auge vorbei – eine deprimierend kurze Abfolge schwarzer Tunnel, grüngrauer Goblinnasen und -ohren im Schein der Wurmlichter, gebrochene Knochen und omnipräsenten Mundgeruchs. Sein Herz setzte kurz aus, als der weiter gewordene Schacht sich von einer Sekunde auf die nächste öffnete und in etwas Unerwartetes mündete. Leuchtende Moose erhellten eine enorme, mit überwucherten Ruinen und dunklem Wasser gefüllte Höhle. Ein erhebender Anblick, den Nörrgl dummerweise kaum genießen konnte, da er voll damit beschäftigt war, schreiend inmitten einer Wolke getrockneter Würmer durch ihre Decke zu stürzen.


Eiskaltes Wasser schwappte um seine Beine, als er aufwachte. Dröhnende Kopfschmerzen mischten sich mit dem nicht unangenehmen Gefühl, geküsst zu werden. Er seufzte zufrieden und versuchte, sich an den Traum zu klammern, der zweifellos besser war als die hässliche Realität. Erst als ein unerfreuliches Brennen hinzukam, flatterte eins seiner Augenlider widerwillig auf und eröffnete die Aussicht auf zersplitterte Säulen, die sich bedrohlich ringsherum erhoben. Und auf die Fangarme eines Tunnelfischs, der gerade begann, seine frisch entdeckte Vorliebe für Goblingesichter zum Frühstück auszuleben. Das vor Aufregung bunt flackernde Vieh grub scharfe Raubtierzähne in sein Gesicht und glotzte ihn dabei mit kalten Raubtieraugen an. Ein erstickter Schrei löste sich aus Nörrgls Kehle. Die Tentakel schlangen sich enger um seinen Kopf, farbige Blitze zuckten vor seinen Augen und drohten ihn zurück in die Dunkelheit zu stoßen. Doch ein fast vergessener Teil Evolution in ihm rebellierte, fletschte die Zähne und schnappte instinktiv zu.


Das Etwas im Schatten sah zunehmend fasziniert zu. Der Tunnelfisch quietschte in Nörrgls Kopf, projizierte Überraschung und eine moderate Empörung darüber, beim Fressen gebissen zu werden. Nörrgls zweites Auge öffnete sich träge, unscharf und schielend. Ein Tentakel versuchte, es ihm aus dem Schädel zu drücken, aber eine Hand mit knirschend heilenden Knochen setzte sich erstaunlich flink in Bewegung. Krallenbewehrte Finger drückten Fangarme auf einen Mund zu, der kein weniger erschreckendes Arsenal an Zähnen beherbergte, als jenes, das der Tunnelfisch unter seinen Armen verbarg. Der Beginn eines telepathischen Hilfeschreis riss ab, als Nörrgl zubiss.


Wer braucht schon Würmer?, dachte er untypisch grimmig und driftete zurück in die Dunkelheit. Kräftige Ohrfeigen rissen ihn desorientiert blinzelnd in eine Gegenwart, in der er von einer beunruhigenden ­Menge ­grüner Köpfe mit leuchtenden Raubtieraugen gemustert wurde. Das Truppenwurmlicht schwankte an der Haltestange über ihm und warf tanzende Schatten an die Schachtwand.


Nörrgl blinzelte in das schummrige grüne Licht der Weichtiere, dann landete ein Fuß unsanft in seinen Rippen. Harter, kalter Steinboden, unregelmäßige Wände aus Granit, der Geruch nach ungewaschenen Körpern. Ah. Er stöhnte halb erleichtert, halb resigniert. Anscheinend hatte er es irgendwie zurück nach oben geschafft ... auch wenn er sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte. Er runzelte die Stirn und stemmte sich auf die Ellenbogen. ­Seine Hand umschloss etwas Kaltes, Metallisches.


Was hab ich denn da gef…


Seine Finger ballten sich reflexartig um das kalte Ding. Und das Ding schloss seine Finger um ihn, besser konnte er es nicht beschreiben. Es gehörte jetzt ihm, auch wenn er keine Ahnung hatte, woher er das wusste. Seine Muskeln entzogen sich für einen fürchterlichen Moment seiner Kontrolle, seine Ellenbogen rutschten weg.


…unnnnnden?


Sein Hinterkopf prallte schmerzhaft auf harten, kalten Stein. Perverserweise verschaffte ihm genau das die paar Sekunden, die er brauchte, um sich zu sortieren. Es war selten genug, dass jemand in den Minen irgendetwas sein Eigen nennen konnte, außer, nun ... Steine. Mit dem Wissen, dass er jetzt etwas besaß, kam unwiderruflich die Gewissheit, es wieder zu verlieren. Sobald jemand es sah, jedenfalls.


»Lebta?«, krächzte es aus der zweiten Reihe und das selbst nach Goblinstandards hässliche Gesicht von Vorarbeiter Mjorg erschien wie ein bösartiger grüner Mond über der zerklüfteten Landschaft der darunter liegenden Grünlingschädel. Hager, muskulös, alt. Größe gleich Kraft gleich Status. Eine ebenso einfache, wie für Nörrgl nachteilige Gleichung.


»Scheint so«, grummelte es vage unzufrieden aus der Menge langer Nasen, flattriger Ohren und überwiegend kahler grüner Köpfe, aus denen die Arbeitstruppe 47 bestand.


»Was liegta dann faul inna Gegend rum?«


Nörrgl wurde unsanft auf die Beine gestellt. Schwielige Vorarbeiterpranken packten ihn hart an den Schultern.


»Nich schlecht«, sagte Mjorg widerwillig anerkennend. Die Nase des alten Vorarbeiters zuckte. »Hab seit Jahrn keinen Beklopptn gesehn, der in ‘n Tunnelfischnest fällt un dann wieda kommt.« Der Trupp murmelte zustimmend.


Wie in allen Höllen bin ich denn wieder hochgekommen? Nörrgl behielt die Frage für sich. Die höchste Tugend des Grünlings? Überleben. Was sonst? Großgrünlinge erschlugen Menschen und Zwerge, Oger wateten wie lebende Berge durch das Schlachtgetümmel, und Goblins … Goblins überlebten. Wie die alten Helden, die immer wieder aufstanden und dann manchmal den Zwilling erschlagen mussten, der aus ihren abgehackten Gliedmaßen gewachsen war. Ein wohliger Schwindel ergriff ihn. So fühlte sich also Anerkennung an. Ein gehässiges Lachen kratzte fast unterhalb der Hörschwelle an dem zustimmenden Gemurmel.


»Ausgerutscht, hä? Is doch so, oda? Warst zu blöd um bei deinen Freundn zu bleim?« Eine große Hand legte sich zärtlich von hinten um seinen Nacken. Snorrg, der verdammte Sohn vom Boss, der hinterhältige Schachtschubser, schnaubte ihm ins Ohr. »Musst ma lernen aufn Füßn zu bleim, hä?«


Ausgerutscht. Richtig. Das waren die Regeln. Solange niemand etwas beweisen kann, ist es nicht geschehen. Unterschiedliche Versionen der Wahrheit? Dann war es eine gute Idee, der Größte in der Diskussionsrunde zu sein – was eine Scheißregel war, wenn man einer der kleinsten Goblins überhaupt, aller Zeiten, war.


Snorrg brachte es fertig, beim Grinsen die Nase zu rümpfen. Seine Brustmuskeln zuckten. »Du Häld.«


Der kurze Moment der Wertschätzung wich dem gewohnten Kichern über den dummen kleinen Nörrgl. Dumpfe Wut brodelte in ihm hoch und verdrängte sogar den Gedanken an das aufregende Ding in seiner Hand. Er drehte sich um und ließ seinen Blick am Körper des Häuptlingssohns hinaufwandern. »Pass lieber auf deine eigenen Treter auf.«


Snorrgs Augen verengten sich, als er die ungewohnten Widerworte verarbeitete. Er beugte sich fast bis auf Augenhöhe vor. Glücklicherweise war er nicht der Schnellste. »Hä?«


»Äh«, setzte Nörrgl, dessen Selbsterhaltungstrieb sich akut bemerkbar machte, schlagfertig nach. Woanders war ein Sturz in einen Minenschacht samt Nest voll mörderischer Raubtiere vielleicht eine schlimme Angelegenheit – in einer Gesellschaft von regenerierenden Psychopathen ging das als Lausbubenstreich durch. In einem echten Kampf durfte der Gewinner alles mit dem Unterlegenen anstellen, was er wollte, so lange er (oder sie) wollte. Und im Gegenteil zu den meisten anderen war Nörrgls Regeneration dank ständigen Trainings geradezu entsetzlich gut. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter und löschte die Flammen irrationaler Wut mit absolut rationaler Aussicht auf Verstümmelung und Tod. Snorrg ließ seine Unterlippe absinken und entblößte einen Wald tadellos weißer Zähne.


»Dann wolln wir alle ma wieder anne Arbeit, Freundä«, kreischte eine Stimme dazwischen und verhinderte unnötiges Blutvergießen – zumindest aus Nörrgls Sicht. Schließlich war es sehr wahrscheinlich sein Blut, um das es hier ging. Ein von zwei Schlappohren flankiertes Grinsen, vertrauenswürdig wie ein Dolch aus Katzengold, schob sich zwischen ihn und seinen Henker.


»Hä? Was willste, Rotpälz?« Snorrg stupste eine Kralle in die schmale Brust des Störenfrieds. Allerdings mit nicht allzu viel Nachdruck. Der hagere Goblin vor ihm zuckte nonchalant mit den Schultern, die aus einem unfassbar dichten Busch unförmiger, roter Körperbehaarung hervorragten. »Die heilign Prüfungen stehn an, Snorrg. Mein Erzeuga sagt, es is nicht mehr lang, bis unsre Krieger wieder ausgewählt werden, um uns Ehre im Krieg gegen die Menschn zu bringn.«


Es wurde still im Tunnel. Snorrg runzelte die Stirn. »Hä? Na und?« Er stierte herab in das Gesicht des rotpelzigen Goblins. »Der wird doch eh nich gewählt. Pfahahaha!« Speicheltropfen landeten auf Nörrgls Gesicht. Ein belustigtes Raunen ging durch den Trupp.


»Kennste also den Willen der Geista besser als mein Vater, Snorrg?«, fragte der hagere Goblin, der geistesabwesend mit klauenbewehrten Fingern im dichten Filz seiner Bauchbehaarung spielte.


Snorrg hob eine Augenbraue. »Hab gehört, dass die Geista immer leiser werden. Oda, Nak? Hä?«


Das Dutzend Goblins um sie herum hielt kollektiv die Luft an – aus Vorfreude auf einen ordentlichen Kampf oder aufgrund eines gut ausgeprägten Selbsterhaltungstriebes. Oder beidem. Es war keine gute Idee, zwischen einen potentiellen späteren Schamanen und den potentiellen späteren Häuptling zu geraten. Wetten wurden abgeschlossen.


Nörrgl schob sich aus der Schusslinie und warf einen Blick nach unten, auf seine Hand, die ein unnatürliches Glitzern füllte. Seine Finger ertasteten die feinen Glieder einer Halskette. Sie fühlte sich seltsam lebendig an. Nörrgl erschauderte. Lichtblitze? Magie? Er ließ die Kette mit zitternden Fingern hinter seinem speckigen Lendenschurz verschwinden, ohne die Köpfe der Goblins neben sich aus den Augen zu verlieren. Alle Blicke waren auf die beiden Streithähne gerichtet – es gab kaum einen Goblin unter Tage, der nicht dann und wann eine kleinere Aufmunterung brauchte. Deswegen hatte Nörrgl eine Menge Erfahrung mit diversen Formen praktischen Humors und ebenso praktischen Lausbubenrangeleien mit Messern und spitzen Steinen gesammelt. Nak war jedenfalls keinen Deut besser als Snorrg, warum auch immer der Schamanensohn für ihn in die Bresche gesprungen war. Spontanes Hilfeverhalten unter Goblins? So ganz ohne Hintergedanken? Wohl kaum.


Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte Nörrgl, während der Streit zwischen den wichtigeren Grünlingen einem erprobten Erfolgsrezept folgend eskalierte.


»Dumma Bastard.«


»Rotpälziges Aas!«


Nörrgl stolperte einen Schritt zurück, als die erste Klaue mit einem Zischen durch die Luft schnitt.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs