Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Grimoire der Schuld
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Grimoire der Schuld, Gordon Mörike
Gordon Mörike

Grimoire der Schuld



Bewertung:
(6)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
61
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon
Drucken Empfehlen

Kapitel 1
Und wieder einmal bricht eine weitere, gefühlt gar endlose Nacht über den kleinen Ort herein, in den sich der junge Mann zurückgezogen hat. Gepeinigt durch seine Vergangenheit und vor dieser flüchtend, blickt er jeden Abend still verharrend in die hereinbrechende Dämmerung hinter der Gardine hervor, ins Dunkel, das nicht nur in den Abendstunden für ihn greifbar ist.
Immerwährend von den Schatten des Geschehenen gejagt, wartet er Nacht für Nacht mit unbeschreiblicher Furcht an jenem Fenster, während lediglich das Pochen seines schwer schlagenden Herzens leise durch den kleinen, kargen Raum hallt.
Doch gesellt sich gelegentlich zu jener Furcht auch eine düstere Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die es wagt, vom hoffentlich bald bevorstehenden Ende zu träumen. Doch das herbeigesehnte Böse, das die kaum noch tragbare Last von ihm nehmen könnte, bleibt auch in dieser Nacht fern. Das Böse, das er einst im jugendlichen Leichtsinn heraufbeschworen hatte, beim Blättern in dem Werke, auf das niemals hätte ein Auge geworfen werden dürfen. Doch war ihm damals nicht bewusst, was er tat, als er das längst vergessene, modrige Grimoire aus der verzierten Truhe nahm. Wie hätte er, in der aufgeklärten Welt von heute, auch ahnen können, dass die Dämonen, von denen lang vergangene Generationen sprachen, doch mehr als eine Mär gewesen waren.
So kam es, wie es kommen musste und der Knabe begann, eine rot gefärbte Seite, deren Inhalt Latein zu sein schien, zu lesen. Wort für Wort schritt sein Blick voran und mit jedem weiteren Buchstaben, der von ihm geflüstert worden war, öffnete sich ein unheilvolles Tor einen Spalt weiter, bis zu jenem Moment, in dem es dem Monstrum gelang, die Schwelle der Türe zu überschreiten.
Ein Wesen aus einer Welt, zu deren Vorstellung ein Mensch lediglich in seinen grausigsten Träumen fähig wäre. Doch bemerkte der Junge, unendlich vertieft in die Kapitel des Grimoires, davon nichts. Erst das Erlöschen der Kerze, die er sich zum Lesen auf dem dunklen Dachboden angezündet hatte, und den dafür verantwortlichen Windhauch, den er in seinem Nacken zu spüren glaubte, ließen ihn erschaudern.
Mit einer Welle von Gänsehaut, die sich auf seinen Armen ausbreitete, versuchte er kurz innezuhalten, um in der Finsternis zu fokussieren, was für jenen Windhauch verantwortlich gewesen war, denn alle Fenster des Hauses waren verschlossen, dessen war er sich sicher. Doch plötzlich hörte er hinter sich ein leises Atmen, während sein eigener Atem schlagartig stockte. Die Angst in ihm wuchs und wuchs – übermannte ihn gar, spätestens dann, als der furchterregendste Schrei in seinen Gehörgang drang, den seit langem kein Mensch mehr vernommen hatte.
Panisch sprang er auf, wandte seinen Blick und sah in die toten, weißen Augen der dämonischen Fratze, die ihm aus der Finsternis entgegenschoss und nur knapp vor seinem Gesicht stoppte. Einen Augenblick nur, ja nur einen Augenblick, sah er in das Antlitz, das er aus einer Welt mit tausend Höllen befreit zu haben schien, bevor sich dieses in die Schatten zurückzog, um die schmerzerfüllten Schreie seiner Familie in der nächsten Sekunde klagend durch die Flure des Hauses hallen zu lassen.
Panisch warf der Junge das Grimoire zur Seite, sodass es in den kleinen Spalt am Rand des Dachbodens rutschte, ehe er beinahe stürzend die Treppe zum Flur hinabstieg und rannte. Zuerst durch die Flure, aus deren anliegenden Zimmern nach und nach die Schreie seiner Familie verstummten, dann aus dem Haus und dann nur noch weit weg, so weit weg wie seine Füße ihn trugen. Er lief und lief, weg vor der Furcht, erneut dem Dämon, der ihm alles genommen hatte, zu begegnen und fort vor der Vergangenheit, samt der Bürde seiner Schuld, dass er für den Tod aller geliebten Menschen verantwortlich war.
Ja, Schuld und Furcht sind gar interessante Begleiter, die keinen Schritt von der Seite des Gepeinigten weichen, egal wie weit dieser auch zu flüchten vermag.
Und so sitzt er nun seit Jahren Nacht für Nacht am Fenster, während die Furcht bittet, er solle nicht verharren und die Schuld befiehlt, er solle hoffen, sodass schon bald das bekannte Übel auch über ihn hereinbrechen möge.

Kapitel 2
Die Tatsache, dass bereits acht Jahre vergangen sind, seit mir meine Familie genommen wurde, ist für mich kaum fassbar. Acht lange Jahre, die mir wie ein nicht enden wollender Alptraum vorkommen, aus dem es kein Entrinnen gibt.
So viel Zeit ist vergangen und doch sind die Ereignisse jener Nacht so schmerzhaft und präsent wie eh und je. Ich spüre sie noch heute – die Panik, verursacht durch jenes teufelsgleiche Ungetüm, die meinen Körper übernahm und mich rennen ließ – mich rennen ließ, bis ich letztlich vor Erschöpfung zusammenbrach und in Ohnmacht fiel.
Ich träumte, doch auch irgendwie nicht. Um mich herum ein schwarzer Schleier, hinter dem nur noch mehr Dunkelheit zu sein schien. Ich blickte mich um, panisch, verzweifelt, sah nur all das Dunkel, bis sie sich öffneten – die Augenlider, hinter denen die toten, weißen Augen zum Vorschein kamen, in die ich nie wieder blicken wollte. Sie starrten mich an – wanderten, blickten mir in die Seele mit solch Boshaftigkeit, dass sie mich lähmten. Doch dann verschwanden sie und mit ihnen meine Paralyse. Ich konnte mich wieder bewegen und doch war ich orientierungslos, unwissend, wo ich war. Panik und pures Grauen überkamen mich und ich versuchte zu fliehen, von diesem Ort, aus dem es keine Flucht gab. Ich rannte und doch bewegte ich mich nicht einen Meter. Plötzlich Schritte, schwere Schritte, die um mich kreisten. Ich wollte schreien, mich umsehen, jedoch war ich erneut starr und stumm. Da war sie wieder, diese Präsenz, die mich mit Angst erfüllte. Sie war überall, erst links, dann rechts, dann vor mir, ehe sie lautstark hinterrücks auf mich zustürmte. Mein Atem stockte, ebenso wie mein Herz.
„Wo du auch bist … eines Tages“, flüsterte es mir zu, mit einer Stimme, so unmenschlich, dass ich sie nie vergessen könnte. Dann – Stille, gefolgt von Gelächter, das mir aus allen Richtungen und in allen Stimmlagen entgegenschallte. Ich schrie – so laut und so lang, dass mein Sichtfeld verschwamm und ich erwachte – irgendwo, ja irgendwo inmitten des Waldes.
Ich fragte mich, ob es nur ein Albtraum gewesen war – ein Versuch meines Verstandes, das Geschehene krampfhaft zu verarbeiten. War es das oder hatte der Dämon wirklich zu mir gesprochen? Ich wusste es damals nicht, noch weiß ich es heute. Denn das Einzige, was ich wirklich weiß, ist, dass es seit jener Äußerung keinen Tag mehr gab, an dem ich des Nachts auch nur ein Auge zugetan habe.
Da lag ich nun, mitten im Wald, verwirrt, gelähmt vom Schock und mit einer unvorstellbaren Angst, dem Monstrum erneut zu begegnen. Doch war da plötzlich nicht mehr nur Angst, sondern auch etwas Neues – etwas mir bis dato vollkommen Unbekanntes, nämlich Selbsthass in seiner reinsten Form. Ich fragte mich, was für eine Art von Mensch man sein musste, wenn man feige sein eigenes Leben rettete, während das manifestierte Böse einem alles nahm, was man je geliebt hat? Was hatte ich bloß getan, was hätte ich tun sollen, um das in Gang gesetzte Unheil abzuwenden, und was sollte ich nun machen?
Von Trauer zerfressen schleppte ich mich durch den Wald – immer weiter in Richtung meines Zuhauses, während ich von Weitem bereits die Sirenen lautstark aufheulen hörte. Am Waldesrand angekommen blickte ich versteckt aus dem Dickicht auf all die Einsatz- und Rettungskräfte, die sich vor dem Haus meiner Familie mitsamt einer Menschentraube versammelt hatten.
Ich hyperventilierte, so erdrückend war die Situation – so ahnungslos war ich, wie ich nun handeln sollte. Denn was hätte ich schon machen können? Zu einem Polizeibeamten gehen und ihm berichten, dass ein Dämon meine Familie abgeschlachtet hatte? Wer hätte mir das geglaubt?
Kurz überlegte ich, wegen der Umstände zu lügen, doch befürchtete ich, dass ich so selbst schuldig wirken könnte – gar verantwortlich für das Verbrechen an meiner Familie. Das wollte ich nicht riskieren, denn wie ich es auch drehte, ich sah mich bereits die nächsten Jahre im Gefängnis oder der Psychiatrie verbringen – Orten, ohne Entrinnen, an denen der Dämon mich jederzeit finden und töten könne. Hatte ich es verdient für meine Feigheit zu leiden – gefangen oder tot zu sein? Ohne Zweifel, doch erkannte ich, dass es nur ein weiterer Triumph für den Dämon wäre, wenn er mich auch noch ums Leben brächte.
Drum verweilte ich am Waldesrand, das Geschehen beobachtend, bis ich mir sicher war, dass zu meinem Leid niemand überlebt hatte. So ging ich fort. Meine selbstgewählte Bestrafung war das Exil. Nie würde ich nach Hause zurückkehren. Nicht nur, weil ich mich nicht mehr als würdig erachtete, das Anwesen zu betreten, sondern auch, weil ich vermutete, an jenem Ort wieder dem Monstrum zu begegnen. Ziellos und doch mit dem Ziel, mich möglichst weit zu entfernen, zog ich mit gerade einmal fünfzehn Jahren durchs Land, weg von den eigenen Dämonen und vor allem weg vor ihm.
Die ersten Monate waren schwer. Ich lebte auf der Straße, hatte kaum etwas zu essen und war ständig auf der Flucht, sowohl vor der Bestie als auch vor der Polizei. Diese hatte mein Bild nahezu überall verbreitet, wobei aus all den Berichten und Artikeln nie hervorging, ob sie nach mir fahndeten, weil sie dachten, ich sei entführt worden oder ob sie mich verhaften wollten, da sie schlussfolgerten, dass nur ich als Mörder in Frage käme. Es war schrecklich, die Angst allgegenwärtig und ich ganz allein.
Die Jahre verstrichen, doch sowohl meine Schuld als auch meine Furcht begleiteten mich mit all ihrer Schwere. Noch immer zog ich kreuz und quer durchs Land, blieb nie länger als ein paar Tage an einem Ort, änderte häufig mein Aussehen, jobbte mal hier und mal dort und lernte einige zwielichtige Gestalten kennen, die nicht nur in der Lage waren, mir gegen einen Obolus eine neue Identität, sondern ebenso eine Schusswaffe zu beschaffen. Eine Pistole, deren Nutzen gegen den Dämon ich zwar stark bezweifelte, die mich aber dennoch am Tage etwas besser schlafen ließ. Die neue Identität hingegen war wahrlich ein Segen, da mit der Zeit mein Verlangen, mich irgendwo niederzulassen, stärker und stärker wurde, obwohl eine Stimme in meinem Inneren flüsterte, ich solle weiterhin rastlos bleiben, um nicht irgendwann von dem Monstrum entdeckt zu werden.
So ließ ich mich entgegen aller Bedenken, nach sechs langen Jahren in einem kleinen, ruhigen Dorf nieder. Jedoch waren mir auch dort weder innere Ruhe vergönnt, noch wagte ich es, tiefergehende Beziehungen einzugehen. Die Angst, dass der Dämon das Gesagte wahrmachen könnte, war einfach zu groß, ebenso wie die Furcht, er könnte mir erneut die nehmen, die ich ins Herz schließen würde.
Und obwohl ich mir jeden Abend aufs Neue sicher war, heute würde der Dämon erscheinen und mein immerwährendes Leid beenden, so kam er letztlich doch nie.
So sitze ich nun bereits seit zwei Jahren Nacht für Nacht am Fenster des spartanisch eingerichteten Raumes, halte angsterfüllt Ausschau nach toten Augen in der Dunkelheit und versuche das Geschehene zu verarbeiten, indem ich es wieder und wieder Revue passieren lasse.
Auch heute Nacht wird der Dämon mich nicht aufsuchen. Wird er überhaupt noch erscheinen? Vielleicht sollte ich die Vergangenheit hinter mir lassen und in die Zukunft blicken – vielleicht, ja vielleicht an einem anderen Tag.

Kapitel 3
Neun Jahre sind nun seit der Nacht, in der die Uhr zu meiner dunkelsten Stunde schlug, vergangen. Noch immer bin ich nicht der Meinung, dass ich es verdiene, aber dennoch scheine ich allmählich so etwas wie inneren Frieden zu finden, trotz all der Schuld, die ich tagtäglich mit mir herumtrage. Und obwohl ich es sicher nicht sollte, so hinterfrage ich bisweilen bereits die Existenz des Dämons.
Was wäre, wenn ich ihn mir lediglich eingebildet hatte? Wenn der Tod meiner Familie durch Menschenhand vonstattenging und ich ihn nur zu verdrängen versuchte? Könnte es sein, dass das Geschehene so schlimm gewesen war, dass der eingebildete Mord an meinen Liebsten durch einen Dämon die bessere Alternative gewesen wäre, als durch Menschenhand? Aber wie könnte man dann erklären, dass nie auch nur irgendwelche Spuren des Täters gefunden werden konnten? Stets war in den Medien nur die Rede von rätselhaften Umständen und immer hieß es lediglich, dass die Waffe, die verwendet worden war, klauenartig gewesen sein musste, jedoch konnte sie nie auch nur einem bekannten Waffentypus zugeordnet werden.
Meine Welt steht nach so vielen Jahren noch immer kopf und das Einzige, was ich wirklich weiß, ist, dass ich gar nichts weiß. Verdammt, ich vermisse meine Familie so sehr – meine Eltern, meinen Bruder, meine kleine Schwester Nola und meinen Onkel. Ich denke, ich vermisse es einfach, von jemandem geliebt zu werden, schlichtweg etwas, das eine gute Familie bedingungslos tut.
Doch verdiene ich es?
Verdiene ich erneut eine Familie, obwohl ich meine eigene in der Stunde ihrer größten Not im Stich gelassen habe? Ich bezweifele es, doch wird der Wunsch nach einem Weg aus der Einsamkeit – der persönlichen Finsternis – von Tag zu Tag stärker.
Vielleicht werde ich es wagen, vielleicht bereits morgen.

Kapitel 4
Die Zeit zog an mir vorbei, Monate vergingen und ja, ich hatte so etwas wie Glück gefunden. Zwar war es Glück, das stets durch die Ereignisse der Vergangenheit mit einem faden Beigeschmack garniert war, doch war es Glück. Endlich war erneut so etwas wie Freude im und vor allem am Leben eingekehrt.
Selbst die fast schon mit Händen greifbare Schwere, die sich in dem Raum manifestiert hatte, in dem ich nächtlich auf meinen Tod wartete, wich nach und nach der Zuversicht auf ein besseres Leben. Ein Leben, das ich nicht länger in Einsamkeit tristen musste.
Ich hatte Amy kennengelernt, einen Menschen, so warmherzig und liebevoll, dass das Absurdum der Existenz von Perfektion nicht länger unmöglich auf mich wirkte. Schlichtweg eine Frau, es wert, jegliche Zweifel und Ängste der Vergangenheit beiseite zu schieben, um zuversichtsvoll in die Zukunft zu blicken. Daher zögerte ich nicht lang, ignorierte sämtliche Bedenken und machte ihr einen Antrag, den sie bejahte.
Der Glücklose hatte nach all den Jahren Glück inmitten des Unglücks gefunden.

Kapitel 5
Ob sich nun zunehmend die Grenzen von unserer Welt und der Dimension, aus dem der Dämon kam, vermischen, oder ob sich lediglich mein Verstand mit den Psychosen eines Wahnsinnigen anreichert, vermag ich nicht zu beantworten. Zehn Jahre sind vergangen seit der schrecklichsten Nacht meines Lebens. Zehn Jahre, in denen ich lediglich mit meinen inneren Dämonen zu kämpfen hatte, doch dann brach der beinahe vergessene Schrecken erneut genauso über mich hinein, wie die Nacht über den Straßen der Großstadt, die Amy und ich als Flitterwochenziel gewählt hatten.

Während Amy die Schaufenster der kleinen Läden in Augenschein nimmt, blicke ich entlang der nicht enden wollenden Straße und beobachte das geschäftige Treiben der Menschen zu solch später Stunde. Um uns herum ist es laut, wohingegen in mir zunehmend Ruhe einkehrt. Ich fühle mich wohl, bin zufrieden und genieße den Urlaub. Atme durch, tief ein und langsam aus, als ich in Gedanken vertieft, glaube, meinen Namen hinter mir zu hören. Die Stimme klingt so vertraut und doch will es mir nicht gelingen, diese einer Person zuzuordnen.
Erwartungsvoll drehe ich mich um, doch erblicke ich lediglich Menschen, die ausdruckslos an mir vorbeiziehen. Ich rede mir ein, mich verhört zu haben. Spekuliere darauf, dass das Flüstern lediglich ein Streich meines Verstandes gewesen sei, der etwas in das allgegenwärtige Gemurmel auf den Straßen hineininterpretiert hat.
Doch gerade als mich Amy zu sich bittet, ertönt das Geflüster erneut. So eindringlich und unverkennbar, dass mir tausend schmerzhafte Erinnerungen ins Gedächtnis schießen – Erinnerungen an meine verstorbene Schwester Nola, die mir der Dämon nahm.
Ich zucke zusammen – zittere am gesamten Körper – frage mich, ob das Monstrum mich nun doch nach all den Jahren gefunden hat, um zu beenden, was es in dieser grauenhaften Nacht begonnen hatte. Ich wage es nicht, mich umzudrehen – will die Gewissheit nicht haben, dass es der Dämon ist. Ich bin starr aus Sorge um Amy. Fürchte, er könne ihr, dem Menschen, den ich nach so vielen Jahren des Alleinseins erstmalig wieder ins Herz geschlossen habe, das Gleiche antun, wie einst meiner Familie.
Doch plötzlich ist dort auch etwas anderes, nämlich Wut. Sie überkommt mich, bei dieser Farce, dass er mich mit einer Imitation der Stimme meiner Schwester anspricht. Mein Innerstes tobt und so drehe ich mich trotz all des Grauens um – erwarte seine unmenschliche Fratze, die leeren Augen, den deformierten Kiefer, die messerscharfen Fangzähne und die fahle Haut, die so blass wie Knochen ist, doch sehe ich nichts davon – nur die dunkelblauen, wohlwollenden Augen meiner Schwester – meiner kleinen Schwester Nola.
„Ich hab dich vermisst“, sagt sie in derselben Stimmlage, die noch immer lieblich innerhalb meiner Erinnerungen nachhallt. Gänsehaut bahnt sich ihren Weg über meine Arme, indessen ein Gefühl endloser Erleichterung mich übermannt, das entgegen jeden klaren Menschenverstandes nicht zulässt, die Situation zu hinterfragen, ob sie nicht nur ein Trugbild ist, mit dem der Dämon mich zu quälen versucht. Zur groß ist die Hoffnung, dass sie es wirklich ist.
Ich sehe sie an und versuche mit größten Anstrengungen, ein Wort über meine Lippen zu bekommen, doch nicht einen Laut formen meine Stimmbänder. Wie gern würde ich ihr mitteilen, wie leid mir alles tut – wie sehr ich sie vermisst habe – dass nun alles gut werden wird – doch kann ich es nicht. Ich bin stumm und dennoch lächelt sie. Blickt mich an, mit derselben Begeisterung, mit der sie mich damals anblickte. Dann endlich gelingt es mir, auch zu lächeln. Kurz bin ich glücklich, als schon im nächsten Moment, ihr Gesicht sich zu wandeln beginnt.
Schwarze Adern dringen an die Oberflächen ihrer Augen hervor, erröten diese und lassen blutige Tränen ihre Wangen hinabstürzen. Ihr Kiefer, er hängt sich schlagartig aus – lässt mich in eine Mundhöhle so dunkel wie Teer blicken, mit einer Zunge, so zerfleddert, als sei ein Teil von ihr abgerissen worden. Und doch spricht sie – in mehreren Stimmlagen, doch nicht ihrer eigenen – brüllt, dass ich sie alle getötet habe und dafür bezahlen werde.
Ich bin versteinert vor Angst, rege mich nicht, als ich höre, wie sich mir Schritte nähern und Amy meinen Namen ruft. Gleich wird sie auf den Dämon in Gestalt meiner Schwester stoßen – gleich wird ihr Leben verflucht werden. Ich muss etwas unternehmen, doch kann ich es nicht. Noch immer regungslos durch den grausigen Schock, bemerke ich im Augenwinkel, wie sich Amy neben mich stellt – anscheinend vollkommen unbeeindruckt vom Anblick Nolas, die mich verpönend angrient, wissend, wie sehr es mein Herz mit Leid erfüllt, ihr entstelltes Gesicht zu sehen.
„Alles okay, Schatz?“, fragt mich Amy, bevor sie das Monstrum anspricht, das mit meinem darauffolgenden Wimpernschlag nicht länger mit dem Aussehen meiner Schwester auftritt, sondern dem einer fremden Frau.
Amy lächelt sie an, erklärt ihr, dass auch wir nicht von hier kämen und sie ihr daher auch keine Wegbeschreibung geben könne. Lediglich nach dem Weg fragen wollte sie ... Es stand kein Dämon vor mir, der meinen Tod forderte, sondern nur eine verirrte Passantin. Meine Gedanken überschlagen sich. Verliere ich meinen Verstand?
Will mein Unterbewusstsein mir sagen, dass ich die Heirat und das erneute Glück, das ich mit Amy gefunden habe, nicht verdiene? Will es, dass ich bis zum Ende meiner Tage leide? Oder hatte ich es mir doch nicht eingebildet und der Dämon hatte mich gefunden, gewillt, nun auch mich zu holen? Noch immer verweile ich starr und fassungslos, während Amy mich fragend anschaut – wissen will, ob bei mir alles in Ordnung sei.
Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll, beginne zu stammeln … sage, dass mir das Aussehen der Frau eine Erinnerung an meine Schwester ins Gedächtnis gerufen hätte. Verdammt, ich hasse es, sie zu belügen. Das tat ich bereits, als ich ihr kurz nach unserer ersten Begegnung erzählte, dass meine Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Denn welche Wahl hatte ich schon? Wie hätte sie mir, selbst bei aller Liebe, auch glauben können, dass meine Familie von einem Wesen, geradewegs aus der Hölle, dahingemetzelt wurde?
Amy lächelt mich an, küsst mich und sagt, dass sie hofft, dass es eine schöne Erinnerung an meine Schwester war.
Ich lächle zurück, als würde ich ihre Frage bejahen, doch bringe ich diesbezüglich kein weiteres Wort über die Lippen. Zu sehr bin ich damit beschäftigt, das soeben Gesehene zu verarbeiten, als dass ich noch in der Lage wäre, spontan irgendwelche ausgefeilten Lügen zu produzieren. Drum versuche ich, sie abzulenken, schlage vor, dass wir zu der Boutique zurückgehen und das Kleid kaufen, das ihr gefallen hatte. Dass es zu teuer sei, erwidert sie, wie immer sparsam.
Man lebe nur einmal, halte ich gegen, greife ihre Hand und mache mich mit ihr auf in Richtung des Geschäfts. Liegt das Kleid in unserem Budget? Sicher nicht. Brauche ich Zeit, um das soeben Geschehene zu verarbeiten? Definitiv.
Was passiert hier bloß? Das frage ich mich immer wieder mit jedem zurückgelegten Meter. So viele Fragen und keinerlei Antworten. Ich höre, wie Amy mit mir auf dem Weg spricht, doch gleicht jedes ihrer Worte nur einem undeutlichen Hall, als sei ich unter Wasser, ertrinkend in einer Flut meiner Gefühle.
Abwesend, grübelnd und wahrlich gar nichts mehr verstehend, schreite ich an ihrer Seite, in einem beinahe tranceartigen Zustand, als ich in der uns entgegenkommenden Menschenmenge ein Gesicht wiederzuerkennen glaube.
„Dad?“, flüstere ich in mich hinein. Der Mann kommt näher. Er ist es wirklich … Mein Herz rast und ich erblasse. Er geht an uns vorbei – blickt mich an, indessen sein Gesicht dieselbe Metamorphose durchmacht, wie zuvor Nolas es tat.
„Erst holen wir dich, dann holen wir sie … oder doch anders herum?“, krächzt er mir mit mehreren Stimmlagen teuflisch grinsend entgegen.
Erschrocken blicke ich zu Amy rüber, doch auch dieses Mal scheint sie nichts mitbekommen zu haben und fährt unbeeindruckt mit unserer abendlichen Planung fort.
Was zur Hölle passiert nur mit mir?


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2019 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs