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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Göttliche Verführung, Amanda Frost
Amanda Frost

Göttliche Verführung



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Vor langer, langer Zeit erschuf Gott den Menschen.


Heute weiß er, dass das nicht seine beste Idee war …


 


 


Kapitel 1

 


„Sie werden jetzt die Passagiere anweisen, sich in dem großen Ballsaal einzufinden!“, befahl Kylie dem Kapitän des gigantischen Kreuzfahrtschiffes.


Irritiert fuhr der Mann in weißer Uniform herum. „Wie zum Teufel sind Sie hier hereingekommen? Fahrgästen ist der Zutritt zur Kommandobrücke strengstens untersagt.“ Kraftvoll schallte seine dunkle Stimme durch den Raum.


Zeitgleich erwachte auch die restliche Crew zum Leben. Zwei Offiziere sprangen von ihren Stühlen auf und eilten auf Kylie zu.


Ihre goldenen Armbänder klirrten, als sie blitzschnell eine Hand hob. Von einer Sekunde auf die nächste verharrten die Crewmitglieder allesamt in der Bewegung, als hätte man bei einem Film die Stopptaste gedrückt.


Sie näherte sich dem Kapitän und schaute ihm direkt in seine blauen Augen. Eigentlich ein hübscher Kerl, hätte er sich nur mal einen vernünftigen Beruf ausgesucht. „Auf was warten Sie denn noch? Los, ich will die Passagiere versammelt haben! Rufen Sie irgendeinen Notfall aus. Danach bewegen Sie sich erst wieder, wenn ich Ihnen weitere Anweisungen erteile.“


Ein Schmunzeln zuckte um ihre Mundwinkel, als er sich prompt über sein Panel beugte, das Mikrofon anschaltete und ihren Anordnungen Folge leistete. Rasch versetzte sie sich per Gedankenkraft ebenfalls in den Ballsaal.


Dort angekommen, positionierte sie sich auf einer unbeleuchteten Empore und beobachtete das Eintreffen der Kreuzfahrtgäste. Manche wirkten panisch, andere genervt. Kleine Kinder rannten pausenlos umher, während ein aufgeregtes Stimmenwirrwarr durch den Raum waberte.


Nachdem der Saal sich gefüllt hatte, löschte sie mit einem Fingerschnippen die Lichter der riesigen Kronleuchter und setzte zeitgleich Handys und Kameras außer Kraft. Prompt erklangen angsterfüllte Schreie. Rufe nach der Mannschaft wurden laut. Irgendwo plärrte ein Kleinkind wie am Spieß.


Die ausbrechende Panik trat ein Gefühl der Genugtuung in Kylies Innerem los. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich. Wie ein Geisterfinger durchschnitt in dieser Sekunde ein heller Lichtstrahl die Dunkelheit und erfasste sie.


„Meine Damen und Herren, ich bitte um Ruhe!“ Ähnlich einem Donnergrollen hallte ihre Stimme durch den Raum. Zum Glück konnten mächtige Götter wie Kylie nicht nur in jeder Sprache kommunizieren, sondern wurden auch von jedem Menschen verstanden.


Abrupt versiegten die Schreie und das Gemurmel, einzig das brüllende Baby zeigte sich wenig beeindruckt von ihrem Auftritt. Rasch widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem kleinen Störenfried und versetzte ihn binnen Sekunden in einen friedvollen Schlaf.


„Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Kreuzfahrtschiffe mit zu den größten Umweltverschmutzern der heutigen Zeit gehören?“, eröffnete sie ihre Rede. „Diese Ausgeburten der Hölle pusten mehr Schadstoffe in die Luft als Millionen von Fahrzeugen.“ Kylie legte eine theatralische Pause ein, während in dem Saal unter ihr erneut Geflüster einsetzte.


„Daher habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Mutter Natur vor Menschen wie Ihnen zu beschützen. Sie dürfen dieses Schiff unversehrt verlassen: unter einer Bedingung!“ Sie machte eine kurze Atempause und erhob ihre Stimme. „Betreten Sie niemals wieder ein Kreuzfahrtschiff! Sie töten die Umwelt, die Ozeane und die Meeresbewohner. Haben Sie mich verstanden? Niemals wieder!“


Sekundenlang herrschte eine fast schon gespenstige Stille, dann vernahm sie erste Stimmen. „Wer spricht da?“ „Was ist hier los?“ „Gehört das etwa zum Bordprogramm? „Echt coole Showeinlage!“


Kylie verdrehte die Augen. War der Menschheit noch zu helfen? Wohl eher nicht. „Glauben Sie mir, diese Ansage ist keineswegs zu Ihrer Unterhaltung gedacht. Sie wollen leben? Dann tun Sie, was ich Ihnen sage! Und damit Sie sich auch für alle Zeit daran erinnern, werden Sie beim Verlassen dieses Saales mit Ihrem eigenen Blut unterschreiben. Sollten Sie jemals wieder auch nur einen Fuß auf ein Kreuzfahrtschiff setzen, sind Sie dem Tod geweiht.“


Ein erschrockenes Raunen ging jetzt durch den Raum, was Kylie ein Grinsen entlockte. Bluffen gehörte einfach zum Geschäft. Denn der Fluch, den sie den Menschen auferlegte, würde bei der nächsten Kreuzfahrt einzig ein heftiges Übelkeitsgefühl hervorrufen. Die Erfahrung hatte sie jedoch gelehrt, dass ein Teil der anwesenden Passagiere so schnell keine Schiffsreise mehr antreten würde, und das kam dann zumindest einem kleinen Erfolg gleich.


Der aus dem Nichts kommende Lichtstrahl begleitete sie, während sie über die Personen hinwegschwebte, bevor sie neben der großen Ausgangstür sanft mit den Füßen auf der Erde aufsetzte. Sie zog eine Schriftrolle aus einer Seitentasche ihres Overalls und hob das Papier in die Luft. Mit einem Schnippen ihrer Finger erhellte sich der Raum. „Hierauf werden Sie sich jetzt mit Ihrem Blut verewigen.“


Wortlos glotzten die Menschen in ihrer Nähe sie an, was sicher auch dem Umstand geschuldet war, dass Kylies Outfit wie üblich ein wenig gewöhnungsbedürftig anmutete. Der silberne Anzug verlieh ihr eine nahezu überirdische Ausstrahlung. Farblich passende Stiefel mit mörderischen Absätzen und eine glitzernde Augenmaske, die genug von ihrem Gesicht verdeckte, um nicht erkannt zu werden, rundeten das Gesamtbild ab. Sie verspürte nämlich nicht die geringste Lust, Phantombilder von sich im Internet zu entdecken. Nur wenige Götter konnten ihr Aussehen nach Lust und Laune verändern und sie gehörte leider nicht zu diesem erlauchten Kreis.


„Hach, Süße, ich wusste doch von Anfang an, dass du Teil der Show bist!“, durchbrach eine männliche Stimme plötzlich die vorherrschende Stille. Ein schlaksiger dunkelhaariger Typ in Jeans und Polohemd marschierte grinsend auf sie zu. Die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben, musterte er sie von oben bis unten, bevor er einen anerkennenden Pfiff ausstieß.


Ehe er sie jedoch erreichte, hob sie die rechte Hand. Als wäre er gegen eine imaginäre Wand gelaufen, verharrte der Mann in der Bewegung. Der Fingernagel ihres Zeigefingers wuchs plötzlich. Die Spitze verengte sich und wirkte rasch wie ein gefährliches Mordinstrument. Diese außergewöhnliche Gabe war ihr in die Wiege gelegt worden. Der eine oder andere ihrer Liebhaber hatte allerdings bereits schmerzhaft zu spüren bekommen, dass ihr die Kontrolle über ihre Krallen gelegentlich entglitt.


Kylie griff nach der Hand des Kerls, der nach wie vor erstarrt war, pikste ihm mit dem Fingernagel in den Daumen und presste seinen Finger auf das Papier der Schriftrolle, wo sich sogleich ein blutiger Abdruck bildete.


„Verschwinde!“, hauchte sie dem Typen zu. „Und wage es nicht, eine dir unbekannte Frau jemals wieder Süße zu nennen.“ Wie in Trance stiefelte der Mann aus dem Raum.


Mit einem zuckersüßen Lächeln auf dem Gesicht schenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder den restlichen Passagieren. „So, jetzt einer nach dem anderen, bitte! Die Kinder werden verschont.“


Doch nun wirkten die Anwesenden erst recht schockgefrostet.


„Na, los!“, stieß sie ungeduldig aus.


„Ich habe jetzt genug von diesem Blödsinn!“, verkündete in diesem Moment ein Mann im maßgeschneiderten schwarzen Anzug, der mit großen Schritten die Ausgangstür ansteuerte. „Ihr findet mich an der Bar.“


Rasch richtete Kylie ihre Konzentration auf ihn. Als würde er von unsichtbaren Fäden nach oben gezogen, hob der Anzugträger urplötzlich ab. Ihm entfuhr ein gurgelndes Geräusch, während er panisch mit Armen und Beinen in der Luft umherruderte. Gemächlich stieg er höher und höher, ähnlich einem mit Helium gefüllten Luftballon. Erst als seine Füße etwa drei Meter über dem Boden schwebten, gab Kylie sich zufrieden und brach den Blickkontakt zu dem Mann ab.


Dieser kreischte angsterfüllt auf, als er ungebremst in die Tiefe stürzte, bevor er krachend auf dem Parkett aufschlug. Mit schmerzverzerrter Miene blieb er röchelnd liegen.


Sie schaute erneut in die Menge, während sie mit einer Hand auf den Typen deutete. „Was ist jetzt? Bekomme ich freiwillig Ihr Blut, oder wollen Sie alle so enden?“


Keine Sekunde später hasteten die Ersten auf sie zu und reckten ihr fieberhaft die Finger entgegen, wobei manche skrupellos über den am Boden liegenden Mann hinwegstapften.


Kyle schüttelte ungläubig den Kopf. Menschen konnten solche Ungeheuer sein!


Ohne einen weiteren Augenblick zu zögern, begann sie ihr Werk. Schon bald war die Schriftrolle über und über mit roten Tupfen verziert.


„Äh, können bei diesem Vorgehen nicht gefährliche Viren übertragen werden?“, erkundigte sich eine beleibte Frau im Batiklook mit angewidertem Blick auf Kylies Fingernagel.


Kylie verdrehte die Augen. „Keine Sorge, ich werde auf die Personen achten, die nach Ihnen drankommen.“ Bevor die Frau noch etwas erwidern konnte, hatte Kylie bereits zugestochen und sich von ihr abgewandt.


 


Nach einiger Zeit hatte sich der Ballsaal bis auf wenige Passagiere geleert. Gänzlich unverhofft wurde Kylie von einigen jungen Kerlen umringt, die den anderen Leuten offenbar mit voller Absicht den Vortritt gelassen hatten. Dem langweiligen Golf Outfit nach zu urteilen, handelte es sich um verzogene Söhne reicher Eltern.


Provozierend kreisten sie sie ein, näherten sich ihr ähnlich Raubtieren auf der Pirsch. Der Geruch teuren Rasierwassers legte sich wie ein dichter Vorhang über Kylie.


Forsch beugte sich ein blonder Schönling zu ihr nach vorne und griff mit einer Hand in ihr Haar. Sein alkoholisierter Atem prickelte unangenehm über ihre Gesichtshaut hinweg und widerte sie an. „Das ist ja mal eine geile Show“, flüsterte er ihr mit rauer Stimme ins Ohr, wobei er sich eine ihrer schimmernden schwarzen Haarsträhnen um den Zeigefinger wickelte. „Gerne würde ich mit dir weitere Körperflüssigkeiten austauschen.“


Die Hand eines rothaarigen Kerls umfasste währenddessen ihren Po. „Du bist echt heiß, Silver Lady“, raunte er. „Soll ich dir verraten, was mir gerade vorschwebt? Du, unter mir! Nackt! Die Maske darfst du gerne aufbehalten.“


Kylie schüttelte innerlich den Kopf. Offensichtlich hatten diese arroganten Spinner den Ernst der Lage immer noch nicht verstanden. Doch dem würde sie jetzt ein Ende setzen.


Mit einer schnellen Bewegung reckte sie erneut eine Hand in die Luft. Prompt flogen die Typen kreuz und quer durch den Raum, bevor sie ächzend auf dem Boden landeten und noch ein gutes Stück über das polierte Parkett schlitterten. Eine Zeit lang blickten sie verdutzt drein, ehe sie sich aufrappelten. Zähneknirschend schlurften sie wieder auf Kylie zu und gaben gehorsam ihre Blutprobe ab.


Na also, es ging doch!


 


Nachdem sich auch noch der letzte Gast auf dem Papier verewigt hatte, versetzte Kylie sich auf die Brücke zurück.


Da manche dieser minderbemittelten Idioten ihren Auftritt immer noch für eine Showeinlage zu halten schienen, blieb ihr nichts anderes übrig, als noch einmal nachzulegen.


Ihr Blick flog über die Lagunenstadt Venedig hinweg, die einige hundert Meter entfernt inmitten des grünblauen Wassers fast schon märchenhaft erschien. Was aufgrund des vorherrschenden Massentourismus sicher nicht mehr lange der Fall sein würde, denn bereits jetzt stand die Stadt kurz vor dem Untergang. Venedig erstickte im Müll, die historischen Gebäude und Brücken litten unter den Millionen Besuchern und die Luft war geradezu verpestet.


Kylies Augen fixierten den weithin sichtbaren Markusturm.


Okay, die Menschheit benötigte anscheinend mal wieder einen kleinen Denkzettel.


Sie wandte sich dem nach wie vor versteinert wirkenden Kapitän zu. „Steuern Sie das Schiff direkt auf den Markusplatz! Aber bitte so, dass diese geplagte Stadt nicht vollends zerfällt.“


Ohne auch nur eine Miene zu verziehen, griff er nach einem vor ihm angebrachten Joystick. Nachdem er noch mehrere Schalter umgelegt hatte, setzte der Ozeanriese sich gemächlich in Bewegung. Sanft neigte sich das Schiff zur Seite, während es den Kurs änderte – genau auf Tausende von arglosen Touristen zu.


Kapitel 2

 


Als ein Schatten über ihn fiel, schob Gott sich missmutig die Sonnenbrille nach oben aufs Haar und legte den Krimi beiseite. Er setzte sich auf, griff nach einem Cocktailglas, das auf einem kleinen Basttisch zu seiner Rechten stand, und nahm einen tiefen Zug aus dem Röhrchen. Da er verhältnismäßig selten Alkohol trank, verursachte der scharfe Rum ein leichtes Brennen in seiner Kehle. Doch das spielte für den Moment keine Rolle, er sah keine andere Möglichkeit mehr, als sich diese verrückte Welt schön zu trinken.


Gemächlich lehnte er sich wieder in dem Liegestuhl zurück, der im weißen Sandstrand von Gottes kleiner Privatinsel in der Karibik stand. Sein Rückzugsort, wenn ihm die Menschheit mal wieder dermaßen auf den Geist ging, dass er eine Auszeit benötigte. Einzig sein Stellvertreter Gabriel wusste, wo er sich aufhielt, und dieser hatte Anweisung ihn nur im äußersten Notfall zu kontaktieren.


Was offenbar jetzt der Fall war, denn keinen Meter von ihm entfernt stand wie aus dem Boden gewachsen ein Mann im maßgeschneiderten weißen Anzug. Der Wind wehte ihm einzelne Strähnen seiner blonden Lockenpracht um das braun gebrannte Gesicht, das von beeindruckenden hellblauen Augen dominiert wurde.


Alles in allem war dieser Kerl der personifizierte Engel, der an Schönheit kaum zu überbieten war.


Doch Engel hin oder her!


Gott hatte jetzt kein Interesse an Besuch, und schon gar nicht wollte er mit weiteren Problemen konfrontiert werden. Wofür hatte er sich denn bereits vor Tausenden von Jahren ebendiesen Stellvertreter zugelegt?


Erschrocken über Gabriels unverhofftes Auftauchen erklomm der kleine Koala, der im weichen Sand mit einem leeren Pizzakarton gespielt hatte, hastig den Liegestuhl.


Gott griff nach ihm, hob ihn auf seinen Arm und strich ihm sanft über das Köpfchen. Zitternd schmiegte sich das Kerlchen an ihn. „Ist ja gut, mein Kleiner“, hauchte er in sein samtweiches Fell. „Beruhige dich, er tut dir nichts“, äußerte er mit einem Seitenblick in Gabriels Richtung. „Außerdem wird er in wenigen Sekunden wieder verschwunden sein. Das verspreche ich dir.“


Vor einigen Tagen hatte Gott das Bärchen aus dem australischen Dschungel gerettet. Da dort zurzeit eine extreme Dürreperiode herrschte, hatte er sich vor Ort ein Bild über die Lage machen wollen. Zu seinem Leidwesen hatte er während dieses Trips mit ansehen müssen, wie die Mutter des kleinen Bären von einem Wilderer erschossen worden war.


Schon vor Tausenden von Jahren hatte er entschieden, nur in Ausnahmefällen in den Lauf der Geschichte einzugreifen, folglich hatte er der Mutter nicht helfen können. Doch das Bärenbaby wirkte so verloren, dass er nicht umhingekommen war, es mitzunehmen.


Da Gabriel nach wie vor keine Anstalten machte, das Weite zu suchen, widmete Gott ihm widerwillig seine Aufmerksamkeit. „Was hast du nicht verstanden an der Anweisung: Einzig stören, wenn die Welt untergeht?“, knurrte er.


Gabriel kam einen Schritt näher. „Du musst auf der Stelle mit mir in den Himmel kommen und dir ansehen, was geschehen ist.“


Gott stieß ein zynisches Lachen aus. „Als ob es irgendetwas gäbe, was ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Lass mich raten: New York versinkt im Meer, ausgelöst durch eine Flutwelle oder einen hinterhältigen Terroranschlag. Und alle Welt macht sich lediglich darüber Sorgen, was mit den Goldreserven der Federal Reserve Bank geschieht.“ Er schnippte mit den Fingern einer Hand in die Luft. „Ach nein, jetzt habe ich es: Es handelt sich um den Massenselbstmord von Sektenmitgliedern. Oder waren es doch eher Lemminge? Aber eigentlich ist das alles nicht von Belang, denn ich will es gar nicht mehr wissen. Meine Geduld mit diesem undankbaren Menschenvolk ist erschöpft.“


Gabriel zerrte sein Skyphone aus der Innentasche seines Jacketts. „Weit gefehlt! Hier, schau dir das an!“ Penetrant hielt er Gott das Teil unter die Nase.


Dieser Griff danach und feuerte es in hohem Bogen ins Meer. Spielerisch umspülten die Wellen es, bevor sie es in die Tiefe zogen.


Der Engel verzog verärgert das Gesicht. „Das glaube ich jetzt nicht! Ist dir klar, dass es das brandneue Modell war? Nun muss ich mich erneut tagelang in diesem blöden Shop im Himmel anstellen, um wieder eins zu bekommen.“


Gott lehnte sich zurück und schob sich demonstrativ die Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Na, wenn du sonst keine Probleme hast … Und jetzt geh mir endlich aus der Sonne!“


Doch Gabriel schien gar nicht daran zu denken. Er verschränkte die Arme vor der Brust und verharrte an Ort und Stelle, wobei er ungeduldig mit einem Fuß auf den Boden tippte.


Gott seufzte, während er den nervösen Koalabären unentwegt davon abhalten musste, ihm die Brille von der Nase zu reißen. „War sonst noch was?“, fragte er in gelangweiltem Tonfall an Gabriel gewandt.


„Ich werde diese Insel ganz sicher nicht ohne dich verlassen. Glaube mir, die Welt dreht gerade völlig am Rad.“


„Erzähl mir etwas Neues!“


Gabriel gab ein wütendes Schnauben von sich. „Soll ich dir was sagen? Ich habe jetzt so langsam genug von deinen Eskapaden. Zugegeben, das, was sich zurzeit auf der Erde abspielt, ist übel. Aber der Einzige, der dieses Elend beenden könnte, brät hier lieber in der Sonne und betrinkt sich, anstatt seinem Job nachzugehen. Obendrein lädt er alle Probleme auf meinen Schultern ab.“ Zornig stampfte er mit einem Fuß auf. „Weißt du was? Entweder du kommst jetzt auf der Stelle mit mir oder ich erzähle jedem im Himmel, was du hier gerade treibst.“


„Das würdest du nicht wagen!“


„Worauf du dich verlassen kannst!“


Entnervt richtete Gott sich wieder auf. „Also gut, dieses Mal hast du gewonnen. Aber nur, weil ich keine Lust auf weitere Diskussionen mit dir habe. Doch eins garantiere ich dir: Solltest du mich völlig umsonst gestört haben, kannst du dich auf ein mächtiges Donnerwetter gefasst machen!“


 


 



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