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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe GHOROMARI, Moira Ashly
Moira Ashly

GHOROMARI


Die Gründerväter

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Kapitel 1


 


Die Woche in den Highlands ließ mich alles vergessen, was zu Hause auf uns wartete. Die Zeit flog nur so dahin und ich genoss jede einzelne Stunde. Adrian und Jorge waren tatsächlich mehr in der Natur unterwegs, als dass sie sich in dem gemütlichen Ferienhaus aufhielten. Arjo und ich vertrödelten im wahrsten Sinne des Wortes die Tage und verschwendeten keinen Gedanken daran, was zu Hause sein würde und was uns nach unserer Rückkehr wohl erwartete. Es war ein berauschendes Gefühl, mit Arjo zusammen diese paar Tage in meinem geliebten Schottland zu verbringen und als der Tag der Heimreise näher rückte, empfand ich ein wenig Trauer darüber. Ich telefonierte mit Dörte, um zu erfahren, ob Ron inzwischen wieder geschnappt worden war. Sie verneinte:


»Soweit ich weiß, rennt der immer noch frei herum. Allerdings glauben die, dass er sich doch mehr in der Hamburger Region aufhält als hier. Gesichtet wurde er jedenfalls noch nicht!«
»Und wie läuft das mit eurem Polizeischutz?«
»Och, ganz gut. Die sind alle durchweg nett und machen sich sogar nützlich auf dem Hof, um vor Langeweile nicht einzugehen! Wann kommt ihr denn zurück?«
»Wir werden morgen die Rückreise antreten. Allerdings müssen Mario und ich gleich darauf nochmal für drei bis vier Tage wegen meines neuen Buches weg«, log ich. Unsere Rückreise war tatsächlich für den morgigen Tag angesetzt, allerdings nur, weil wir die in zwei Tagen folgende Nacht Vollmond hatten und damit auch die Reise in die Vergangenheit stattfinden sollte. Das durfte Dörte natürlich so nicht wissen, darum bediente ich mich dieser Lüge.
»Ach so. Aber dann bleibt ihr Mal ein paar Tage, oder?«, fragte sie und ihre Stimme klang leicht enttäuscht.
»Auf jeden Fall. Ich möchte ja auch endlich im Garten was tun.«
Es war mir unwohl dabei, Dörte so anschwindeln zu müssen und ich war froh, als sie das Telefonat beendete. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, unsere Sachen zu packen. Ein wenig schmerzte mich der Gedanke, dieses Land wieder verlassen zu müssen. Noch unwohler fühlte ich mich bei der Vorstellung, was mich in zwei Tagen erwartete. Diese Ungewissheit und das gleichzeitige Wissen um die Anstrengung, die vor mir und Arjo lag, nahmen mir die Luft zum Atmen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass diese Aufgabe endlich hinter uns liegen würde.
Wir hatten einige Abende damit zugebracht, Jorges Pläne nochmals zu betrachten und alle möglichen und unmöglichen Szenarien durchzuspielen. Sollten wir gezwungen sein, die Plattform, auf der wir ankommen würden, zu verlassen, gab es für uns nur die Möglichkeit, durch das Tor, das hinter den mächtigen Eichen liegen sollte, zu entkommen. Danach müssten wir ein Zeittor finden, welches diesem Kloster am nächsten war. Es lag in den Bergen, welche die Klosteranlage umgaben, und wäre sicherlich ohne Kompass und andere Hilfen schwer zu finden. Ich hoffte so sehr, dass wir diese Fluchtmöglichkeit nicht würden ergreifen müssen! Der Gedanke, dass wir uns dann ohne Ortskenntnis und Hilfe würden durchschlagen müssen, bereitete mir Magenschmerzen.
Die Rückreise nach Hellersmoor verlief ohne Probleme. Weder unser Cottage noch Adrians Villa schien unerwünschten Besuch gehabt zu haben. Das schürte in mir die Hoffnung, dass Ron sich tatsächlich nach Hamburg abgesetzt hatte, um dort im Getümmel der Großstadt unterzutauchen. Sicher würde man ihn über kurz oder lang zu fassen kriegen! Hier auf dem Land jedenfalls schien er sich nicht mehr aufzuhalten.
Ich besuchte Dörte auf dem Hof, während Arjo nochmals zu Adrian gegangen war. Ich hatte Dörte eine wundervolle Decke aus Schottland mitgebracht, die Uwe sofort konfiszierte und als sein Eigentum erklärte. Der Abschied von ihr und Uwe schien mir so endgültig, dass ich mit Tränen zu kämpfen hatte, als ich schließlich nach Hause zurückfuhr. Heute Nacht wollten Arjo und ich den Sprung in die Vergangenheit wagen. Vierhundert Jahre zurück, und ich fühlte mich hundeelend.
Arjo war bereits zu Hause, als ich von meinem Besuch bei Kluges zurückkam. Ich schloss die Haustür auf und er kam mir aus dem Wohnzimmer entgegen. Er sah mich stumm an und spürte sofort, mit welchen Ängsten ich zu kämpfen hatte. Wortlos zog er mich in seine Arme und hielt mich fest. Ich stand wohl fünf Minuten an ihn gelehnt, ehe ich sprechen konnte:
»Ich habe Angst!«
»Ich spüre das, Liebes. Ich bitte dich, die Ruhe zu bewahren. Es wird sicher alles gutgehen!«, antwortete Arjo mir leise. »Versuche, dir die Bilder aus Schottland ins Gedächtnis zu rufen, wenn du Angst fühlst. Das wird dir sicher helfen.«
Ich atmete tief ein und aus. Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich weiter, und als Adrian vorfuhr, um uns zum Zeittor zu bringen, musste ich mit aller Kraft an die schönen und unbeschwerten Stunden in Schottland denken, um nicht einfach umzukippen.
Die Gewänder, die wir für diese Reise tragen wollten, nahmen wir mit. Wir wollten uns umkleiden, wenn wir das Zeittor erreicht hatten und nicht riskieren, dass wir in diesen Roben eventuell von jemandem gesehen werden würden. Es ging jedoch alles glatt und wir erreichten unbehelligt das Tor. Arjo zog das Cape, das Dorgha ihm von seinem Vater mitgebracht hatte, über und ich hüllte mich in das Gewand, das er in dem Koffer in seinem Zimmer aufbewahrt hatte. Es war viel zu lang und ich musste es mit Hilfe einer Kordel in der Taille etwas hochbinden, doch für diesen Zweck sollte es ausreichen. Wir gaben beide ein prunkvolles Bild ab. Arjos Gewand, das einst Ardwenid gehört hatte, passte wie maßgeschneidert. Er sah aus, wie ich mir immer einen der Erzengel vorgestellt hatte. Beide entledigten wir uns unserer Schuhe. Es wäre sicher nicht förderlich gewesen, mit solchem modernen Schuhwerk an den Füßen in eine Zeit zu reisen, in denen noch kein Auge solcherlei erblickt hatte. Auch das Gummi, das Arjos üppiges Haar zusammenhielt, gab dieser nun an Adrian weiter. Jetzt sah er wirklich aus wie ein Wesen von einer anderen Welt!
Adrian nickte uns beiden zu und schluckte schwer. Das war das Zeichen für uns, uns auf unsere Startposition zu begeben, denn es war kurz vor Mitternacht.
Arjo nahm meine Hände in seine und mein Blick huschte nochmal zu Adrian, der inzwischen das Auto wendete und zurückfuhr. Er würde es erfahren, wenn er uns wieder hier abholen könnte. Wir hatten ausgemacht, dass er nicht warten sollte, um auf keinen Fall Verdacht zu erregen. Schließlich fing ich Arjos Blick auf, atmete noch einmal tief ein und lies geschehen, was geschehen musste. Das Licht erfasste mich und trug mich weg. Ich unterstützte Arjo, so gut ich konnte, spürte aber ebenso, dass ich auf Grund meiner Aufregung nicht halb so viel Energie in unsere Reise einbringen konnte, wie ich hätte sollen.
Lautes Rufen war zu hören. Kaum, dass ich die Augen geöffnet hatte, fühlte ich, wie jemand meine Füße umfasste. Ich sah geradewegs in Arjos Augen und auch er schien Mühe zu haben, sich zurechtzufinden. Endlich sah ich an mir herunter und erkannte, dass vor mir ein Mann kniete, der mit beiden Händen meine Fußgelenke umfasst hielt und mit großen Augen zu mir hochsah.
Arjo erging es nicht besser. Er wurde regelrecht umlagert von Männern in schmutzigen, grauen Kutten, die ihre Hände nicht bei sich behalten konnten. Rufe wie: »Er ist zurück!«, und: »Der Engel ist wieder da!« drangen an mein Ohr und ich fürchtete, dass die Männer um uns herum überschnappen würden. Sie betatschten Arjos Gewand, zogen an seinem Haar, griffen nach seinen Händen und auch mir ging es ähnlich, wobei sich die Männer mir gegenüber noch halbwegs zurückhielten. Schließlich wurde es wohl auch Arjo zu viel und er rief laut: »Stopp! Verschwindet! Weg mit euch!«, und machte eine herrische Geste in Richtung der Männer, die sich um ihn drängten. Sofort wichen sie zurück, es kehrte Ruhe ein und die Ordensleute fielen auf die Knie in den Schlamm. Ich sah mich um, bemerkte, dass mein Herz heftig gegen meine Rippen schlug, und fand erst langsam wieder meine Mitte.
Arjo und ich standen, wie Jorge es gesagt hatte, auf einem kleinen Holzpodest, das aus groben Planken zusammengezimmert war. Der Boden um uns herum schien von anhaltendem Regen aufgeweicht. Es roch modrig und der Geruch ging sicher nicht allein von der feuchten Erde aus. Vor Arjo und mir knieten etwa zwanzig Männer im Morast, hielten nach Arjos Worten die Köpfe gesenkt und schwiegen.
Wir befanden uns auf einem Platz, der vielleicht sechs Meter lang und ebenso breit war. Links von mir konnte ich die kleine Kirche mit einem hölzernen Turm erkennen, deren Pforte weit geöffnet war. Um den Platz herum brannten mehrere kleine Feuer. Rechts von uns gab es einige Gebäude, die, wie Jorge es berichtet hatte, den Ordensmännern als Wohnstätten dienten. Alles war genauso, wie er es in seiner Zeichnung dargestellt hatte.
Über der Holzplattform, auf der Arjo und ich standen, war eine Art Baldachin angebracht. Das Flattern dieses Tuches und das Knistern der Feuer war lange das einzige Geräusch, das ich wahrnehmen konnte. Schließlich hatten sich meine Ohren erholt. Der Druck in ihnen wich und ich vernahm nun auch das sanfte Rauschen des Windes, der mit den jungen Blättern der Eichen spielte, die geradeaus zu erkennen waren. Zwischen diese Geräusche mischte sich jetzt auch leises Murmeln. Die Ordensmänner beteten! Sie knieten im Schlamm und beteten!
»Alles in Ordnung mit dir?«, hörte ich es in meinem Kopf und sah zu Arjo hinüber. Unsere Blicke trafen sich und ich nickte unmerklich, indem ich ihn wissen ließ:
»Alles gut. Und bei dir?«
»Ich fühle mich schwach, damit war zu rechnen. Weiche keinen Zentimeter von der Stelle, auf der du stehst. Das ist der Ausgangspunkt!«
»Ich werde mich hier sicher nicht wegbewegen!«
Arjo wandte sich nun wieder den Ordensmännern zu und ließ seine Augen über die gebeugten Rücken schweifen. Nach einer Weile blieb sein Blick stehen und er fragte laut:
»Wo ist Sebastian?«
Ein Mönch, der direkt vor ihm beinahe bäuchlings im Morast lag, rappelte sich auf und sah zu Arjo empor, indem er mit brechender Stimme und stotternd antwortete:
»Bruder Sebastian ist tot, schon lange tot!«
Der Mann vor Arjo faltete seine Hände um ein hölzernes Kruzifix, das er um den Hals trug und ich konnte, während er das tat, sehr genau erkennen, wie sehr sie zitterten. Langsam hoben auch die anderen Männer ihre Köpfe und starrten uns an. Mir wurde unbehaglich.
»Wer ist sein Nachfolger?«, fragte Arjo mit fester Stimme und sehr laut.
»Bruder Thomas!« kam es aus vielen Mündern und einer der Männer robbte tatsächlich auf den Knien auf Arjo zu, indem er sprach:
»Ich bin das, Angelo. Ich bin Thomas. Erkennt ihr mich denn nicht mehr?«
»Es ist dunkel und auch meine Augen sind schwächer geworden. Was kniest du im Morast, Thomas?«, antwortete Arjo und ich wunderte mich, woher seine Stimme diesen freundlichen Klang nahm. Ich selbst hätte jetzt noch kein Wort herausgebracht. Fast bewundernd sah ich zu Arjo hinüber, der mit einer gütigen Geste diesem Thomas andeutete, er möge sich erheben. Man merkte ihm seine Schwäche nicht an. Das Wissen darüber allerdings bereitete mir Bauchschmerzen. Ich schwor mir, beim kleinsten Anzeichen von Gefahr Arjos Hand zu nehmen und durchzustarten, komme was da wolle und egal wohin! Die Beklemmung in mir wuchs stetig an und ich fühlte mich mehr als unwohl. Nun stand dieser Thomas also mit lehmbeschmiertem Gewand vor Arjo und knetete seine Finger. Mein Blick huschte abermals zu Arjo, der nun wirklich wie ein Engel lächelte und strahlte, was nicht allein an dem prunkvollen Gewand lag, das er trug. Er verbrauchte noch mehr seiner Energie, was ich mit zunehmender Sorge registrierte.
»Du bist jetzt also der Abt hier. Woran ist Sebastian gestorben?«, fragte Arjo weiter.
Der Mönch vor ihm senkte kurz den Kopf und starrte danach erst mich, dann Arjo an, ehe er antwortete:
»Er war schon sehr alt, das wisst ihr doch. Habt ihr ihn denn in den Himmeln nicht gesehen?«
»Die Himmel sind unendlich«, antwortete Arjo schlagfertig. Ich hatte nun die Gelegenheit, Thomas etwas eingehender zu betrachten. Er hatte ein rundes, wohlgenährtes Gesicht, war glattrasiert und trug, wie alle hier, eine Tonsur. Sein Haarkranz erschien mir dunkel und in dem schwachen Lichtschein, den die Feuer warfen, konnte ich seine tatsächliche Haarfarbe nicht erkennen. Er hatte helle Augen und wirkte, wie er so vor uns stand, wie eine dieser Mönchsfiguren, die man in meiner Zeit in vielen Büchern eher scherzhaft skizziert finden konnte. Trotz seines freundlichen Lächelns, das er gerade um seine Lippen spielen ließ, wirkte er auf mich verschlagen und zu allem fähig. Das musste der Mann sein, vor dem Jorge uns gewarnt hatte! Auch Arjo schien das zu bemerken. Dieser Thomas war unübersehbar nervös und auch die anderen Männer, die immer noch im Schlamm vor uns auf den Knien lagen, schienen in höchstem Maße aufgeregt zu sein. Sie tuschelten, beteten und starrten uns weiterhin mit aufgerissenen Augen an.
»Das ist der Mann, von dem Jorge sprach! Lass dich von diesem Kindergesicht nicht täuschen!«, vernahm ich Arjos Stimme in meinem Kopf und ich antwortete:
»Bestimmt nicht! Aber haushalte du besser mit deiner verbliebenen Kraft!«, mahnte ich zurück. Arjo nickte unmerklich.
»Warum habt ihr uns so viele Jahre warten lassen?«, kam nach einer kleinen Ewigkeit die Frage aus Bruder Thomas Mund, und seine Stimme wirkte anklagend. »So viele Jahre, in denen wir auf euch gewartet haben! Warum?«
»Ihr seid beileibe nicht die Einzigen, denen ich einen Besuch schuldete«, antwortete Arjo mit einem gütigen Lächeln und ich wunderte mich erneut, wie er bei all der Feindseligkeit, die man jetzt hier spürte, so gnädig wirken konnte. Inzwischen waren auch die restlichen Ordensbrüder langsam auf ihren Knien näher gerückt und ich war versucht, die Flucht zu ergreifen. Ich fühlte Bedrohung und Angst und ließ dies Arjo auch telepathisch wissen:
»Die machen mir Angst, Arjo!«
»Ich spüre es«, antwortete er mir. »Bewege dich auf keinen Fall auch nur einen Millimeter weg!« Schließlich wandte er sich wieder an diesen Thomas vor uns:
»Bringt Bruder Andreas zu mir. Mit dem, was ich euch einst zur Bewahrung überlassen habe.«
»Nein!«, rief der Ordensmann vor uns aus und ging abermals auf die Knie. »Bitte geht nicht so schnell wieder von uns! Bleibt wenigstens einen Tag, ich bitte euch! Einen einzigen Tag, um uns zu berichten, wie es in den Himmeln ist. Ihr dürft nicht einfach wieder so verschwinden!«
Ich wusste nicht genau, was es an seinen Worten war, das meine Angst noch schürte. Das, was dieser Thomas tat und wie er sprach, wirkte theatralisch und nicht echt! Ich griff nach Arjos Hand und sah ihm flehentlich in die Augen, als ich ihn wissen ließ:
»Lass uns so schnell wie möglich hier verschwinden, Arjo. Ich habe wirklich entsetzliche Angst. Hier stimmt was nicht!«
Arjo nickte mir unmerklich zu und sprach erneut zu dem vor uns knienden Mann:
»Uns bleibt wenig Zeit. Bringt Andreas mit der Schriftrolle zu uns!«
Seine Worte lösten einen unbeschreiblichen Tumult aus, ähnlich dem, der uns umgeben hatte, als wir angekommen waren. Rufe wurden laut, wir mögen doch bleiben. Thomas, der immer noch auf den Knien vor Arjo im Schlamm lag, erhob sich umständlich und beschwichtigte seine Brüder. Als endlich wieder Ruhe einkehrte, wandte er sich mit einem falschen Lächeln um die wulstigen Lippen an uns und sagte:
»Es ist nur ein Tag, um den wir Euch bitten. Nur ein einziger Tag! Ihr habt es versprochen, als ihr vor Jahren gegangen seid, wisst ihr das denn nicht mehr?«
»Ich habe euch nichts dergleichen versprochen. Ich erinnere mich noch sehr genau an meine Worte, was du, so scheint es mir, leider nicht kannst.«
»Das kann ich sehr wohl! Du sprachst von Gold, das wir zur Belohnung unserer Dienste bekommen sollten. Nun, wo ist es?« Thomas drehte sich nun zu seinen Ordensbrüdern und suhlte sich einen Moment in den zustimmenden Rufen, die nun laut wurden, ehe er sich wieder uns zuwandte.
»Du sprachst von Geschenken. Wo sind diese? Ich sehe hier nichts außer dieser Frau!«, sagte er süßlich grinsend und sah mich dabei an. »Warum sollten wir dir die Schriftrolle übergeben und du hast im Gegenzug nichts für uns dabei außer ihr da?«
Meine Angst steigerte sich ins Unermessliche. Ich schluckte und versuchte, so gleichmütig wie möglich zu wirken, während meine Furcht anwuchs und ich die Bedrohung förmlich in meinem Nacken spüren konnte.
»Ich versichere euch, dass ich jedes meiner Worte einhalten werde, doch diese Frau ist nicht für euch bestimmt! Sie kommt, wie auch ich, aus den Himmeln und begleitet mich auf meinen Reisen! Wisset: Ich erinnere mich an jedes Versprechen, das ich gab. Allerdings möchte ich zuerst sehen, ob sich noch bei euch befindet, was ich euch überlassen habe!«, rief Arjo laut.
Kaum hatte er das gesagt, wurde die Bedrohung, die ich in meinem Rücken spüren konnte, zur Realität. Ich wurde von hinten gestoßen und landete, da ich genau wie Arjo damit nicht gerechnet hatte, der Länge nach vor dem Podest im Matsch. Sofort hielten mich kräftige Arme am Boden und ich hörte, wie dieser Thomas zu Arjo sagte:
»Einen Tag! Dann geschieht deiner Begleiterin nichts. Ich bitte dich nur um einen Tag!« Seine Stimme nahm, während er das aussprach, einen bösartigen Tonfall an. Ich wurde hochgezerrt und stand nun genauso lehmbeschmiert wie Thomas selbst Arjo gegenüber.
»Bleib ruhig!«, mahnte er mich in Gedanken und ich entgegnete:
»Tu was! Hier geht gerade etwas gründlich schief!«
Arjo hob die Hände in Schulterhöhe und hielt die Handflächen nach außen gekehrt in Richtung der Ordensmänner, die nun um mich herum standen und mich festhielten. Ich wusste, was er mit dieser Geste bezwecken wollte und spürte gleichzeitig, dass seine Kraft selbst dafür, uns die Kerle vom Leibe zu halten, nicht mehr ausreichte!
»Bringt Andreas und die Schriftrolle her, dann reden wir weiter!«
»Arjo!!«, flehte ich ihn an. Sein Blick hielt meinen fest und er ließ mir zukommen:
»Bleib einfach ganz ruhig. Lass dir keine Angst anmerken! Ich brauche Zeit, um meine Kräfte zu sammeln!«
Während wir jetzt warteten, kam dieser Thomas zu mir. Er stand ganz dicht vor mir und ich konnte seinen Atem auf meinem Gesicht spüren, als er sprach:
»Wie sonderbar menschlich du doch wirkst!« Ich konnte die Angst kaum mehr unterdrücken, als er fortfuhr: »Hast du Angst? Ja, sicher, du hast Angst!« Er wandte sich zu Arjo und sagte:
»Wer ist die Frau? Warum hast du sie mitgebracht? Sie ist also nicht das Geschenk für unsere Dienste, das du uns damals versprochen hast?«
»Nein! Ich habe euch damals Gold versprochen!«, antwortete Arjo und jetzt merkte ich auch ihm die Anspannung an.
»Ja, Gold! Wahrlich, das hast du uns versprochen. Und wo ist es?«
»Ihr bekommt es, sobald ich die Schriftrolle in meinen Händen halte.«
Thomas lachte zynisch und wandte sich wieder mir zu, als er auf Arjos Rede antwortete:
»Ihr glaubt wohl, dass wir nicht merken, wie ihr uns übervorteilen wollt?« Erneut wandte er sich zu Arjo um. »Ich schlage vor, wir behalten die Frau so lange, bis ihr uns das Gold ausgehändigt habt.«
Ich schrie auf! Sofort waren Bilder in meinem Kopf, die meine Angst ins utopische anschwellen ließen! Ich sah Jorges Frau, die in einem dieser Gebäude hier ihr Leben hatte lassen müssen. Bis heute hatte ich keine Ahnung, was damals passiert war, doch jetzt beschlich mich eine Vermutung! Ich sah Arjos entsetzten Blick, bevor dieser Thomas wieder so dicht vor mir stand, dass ich Arjo nicht mehr sehen konnte.


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