Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Gefährliches Versprechen
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Gefährliches Versprechen, Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe

Gefährliches Versprechen


Absecon 1

Bewertung:
(245)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1618
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
http://www.bookshouse.de
Drucken Empfehlen

Kapitel 1


2025 n. Chr.


In der Nähe von Browndown, Südengland


 


Obwohl der Mond in dieser Nacht nur schwach schien, fuhren wir selbstverständlich ohne Licht. Es wurde noch dunkler, als wir die von Laternen gesäumte Straße verließen. Das Geräusch der Reifen auf dem Untergrund änderte sich, als der Asphalt in einen von Schlaglöchern gespickten Weg überging. Der Wagen ruckte, klapperte und vertrieb so jeden Anflug von Müdigkeit. Ich reckte mich, so gut es ging, und sah nach links. Lucas war zu einem Schemen am Steuer geworden, die Hände fest am Lenkrad, das sonst so markante Profil mit dem viel zu kurzen Haar schwebte irgendwo darüber. »Wieder wach, Madison?« Die Stimme war wie stets zu zahm für sein Äußeres. Es lag kein Vorwurf darin. Ich unterdrückte den Impuls, die Augen zu reiben. In der vergangenen Stunde hatten meine Lider sich stetig aufeinander zu bewegt, wie zwei Magnete, die sich gegenseitig anzogen. »Wie weit sind wir?« Ein Blick aus dem Fenster brachte mir keine Antwort. Ich rieb über den Stoff meiner Jeans. Meine Glieder fühlten sich nicht mehr schwer an wie zuvor, mein Durchhaltevermögen hatte lediglich eine kurze Pause gebraucht. Als ich die Fingerspitzen auf das vertraute Metall der Norica legte, strömte neue Energie durch meinen Körper. Die Waffe schenkte mir ein größeres Sicherheitsgefühl als die ausgeleierten Sitze in Lucas’ Wagen. Sie war in unserer Zentrale auf meinen Fingerabdruck geeicht worden. Ich wusste nicht, wie die Kollegen an das nötige Equipment gekommen waren, aber ich hatte nicht gefragt und mir damit komplizierte Erklärungen erspart. Mir war nicht wichtig, wie es funktionierte, sondern, dass es das tat. Lucas schaltete einen Gang herab. Ich kannte niemanden außer ihm, der sich freiwillig in etwas setzte, das kein Automatikgetriebe besaß. »Beinahe in Sichtweite, keine zwanzig Minuten mehr. Mach dich bereit.« »Geht klar.« Ich verstaute die Waffe in der Halterung an meiner Hüfte. Lucas’ Blick streifte mich, ich konnte die Bewegung seines Kopfes aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Er nickte mir zu, vielleicht wurde er auch nur von einem weiteren Schlagloch durchgeschüttelt. Ich lächelte und sah nach vorn, versuchte, etwas im Nichts zu erkennen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Mond beleuchtete die Strecke wenig, die entfernten Lichter der Stadt überhaupt nicht, und ich war heilfroh darüber, dass wir sie bereits am Tag abgefahren waren. Ich durchdachte unsere nächsten Schritte, während das Aroma der nahen See durch die Lüftungsschlitze an meine Nase drang. Zum Glück wurde ich erst nervös, wenn ich handeln musste, wenn es zu spät war, um von Angst gelähmt zu werden oder es sich anders zu überlegen. Auf viele wirkte ich kalt und abgebrüht, weil ich die Ruhe selbst war, während ihnen die Hände zitterten. Hätten sie einen Blick in mein Inneres werfen können, würden sie ihre Meinung ändern. Zudem war Lucas bei mir. Er hatte Aktionen wie diese bereits durchgezogen, als ich mich zum ersten Mal auf die Suche nach Antworten begeben hatte. Damals war meine Welt eine andere gewesen. Das Dröhnen des Motors drückte auf meine Ohren. Es verschluckte Lucas’ gelegentliches Brummen, wenn die Stoßdämpfer uns erneut im Stich ließen. Die Gestalt auf dem Rücksitz schwieg sowieso. Sie atmete nicht einmal. Ein Lichtkegel schreckte mich mehr auf, als es jedes Geräusch hätte tun können. Er kam aus der Schwärze vor uns, zu weit entfernt, um uns zu erfassen. Ich beugte mich nach vorn und versuchte, mehr zu erkennen. Irgendwo in der Wildnis zwischen uns und dem Wasser waren Menschen. Sie warteten auf uns. Ich blickte über die Schulter und berührte die glatte Fläche in der Mitte des Fahrzeugdaches. Jetzt, wo unsere Kontakte in der Nähe waren, mussten wir nicht mehr ganz so vorsichtig sein. Das Deckenlicht tauchte das Wageninnere in Unwirklichkeit. Ich betrachtete das schmale Gesicht der Frau auf der Rückbank. Die Augen waren geschlossen, ihr Kopf rollte bei jeder Unebenheit des Bodens von einer Seite auf die andere. Die Lippen waren einen Spalt geöffnet, dazwischen schimmerte es. Strähniges Blondhaar bedeckte die linke Wange und hatte sich an der Brust zu kleinen Kreisen geringelt. Sie wirkte, als ob sie schlief. Ein junges Mädchen, das aussah, als hätte es die Volljährigkeit noch nicht erreicht. Ein Zweig peitschte gegen das Beifahrerfenster. Mein Knie schlug schmerzhaft gegen die Tür, als wir durch ein tiefes Loch holperten. In diese Gegend verirrte sich selten jemand, geschweige denn ein Fahrzeug. Die Natur hatte bereits angefangen, ihr Territorium zurückzuerobern. Ich hielt mich fest, während der Weg schmaler wurde und Seegras gegen die Scheiben drückte. Lucas knurrte leise und umklammerte das Steuerrad fester. Im trüben Licht zeichneten sich seine Fingerknöchel unter der Haut ab, als würde es sich um totes Fleisch handeln. Seine Lippen bewegten sich, doch kein Fluch war zu hören. Manchmal war er wirklich ein Gentleman. Obwohl ich darauf gefasst war, zuckte ich zusammen, als sich eine Gestalt aus den Schatten schälte. Sie war dick vermummt und hatte ihren Schal beinahe bis zur Nasenspitze gezogen, sodass ich ihr Gesicht kaum erkennen konnte. Gleiches galt für die Figur, die von mehreren Lagen Kleidung bedeckt war. Die spezifischen Reflektoren an Jacke und Hose verrieten Isodub-Produkte. Dieser Winter war der dritte in Folge mit starken Minustemperaturen, selbst hier an der Südküste. Wer sich länger draußen aufhielt, verzichtete selten auf Kleidung, die nach den neuesten Erkenntnissen der Nanotechnologie hergestellt worden war. Die Person hob einen Arm und schwenkte ihn kurz hin und her. Mit einem Mal war ich froh, dass ich im Auto saß und nicht zu denjenigen gehörte, die an dieser Bucht irgendwo zwischen Southampton und Portsmouth auf uns warteten. Die Bewegungen vor uns bekamen etwas Drängendes. Abwehrendes. »Etwas stimmt nicht.« Lucas presste den Daumen auf das Zündfeld neben dem Lenkrad. Der Motor verstummte. Die Stille rauschte in meinen Ohren und drängte mich, etwas dagegen zu tun. »Ich gehe.« Ich öffnete die Wagentür. Der Wind wirbelte durch mein Haar, und ich strich die hellen Strähnen hastig zurück. Als ich ausstieg, streifte mein Blick die Rückbank. Die Augen der Frau waren geöffnet. Stumm starrten mich zwei dunkle Seen an. Ein Schauder lief mein Rückgrat hinab und ich wandte mich nach vorn, schlug die Tür zu und lief der Gestalt in der Dunkelheit entgegen. Augenblicklich biss die Kälte in jedes Fleckchen nackter Haut, das sie finden konnte. Ich zog die Schultern hoch und steckte die Hände tief in die Taschen meiner Trainingsjacke. Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, den Iso-Anorak von der Rückbank zu nehmen, da ich hoffte, dass wir sofort nach dem Händeschütteln unsere Fracht übergeben würden. Zudem fror ich seit meiner Operation nicht mehr so schnell wie zuvor. Hades schob es auf die Medikamente. Bisher hatte ich keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln. Das Gesicht, das vor mir auftauchte, war weiblich. »Die Grenze ist dicht«, sagte die Frau. Beim Klang ihrer Stimme bemerkte ich, dass sie sicher über fünfzig war. Ich schnaubte. »Küstenwacht?« Knappes Nicken. »Sie kreisen seit einer halben Stunde mit mehreren Booten. Erst dachten wir, sie verschwinden wieder, aber es sieht nach einer größeren Aktion aus.« Stumm verfluchte ich die Paranoia der englischen Sicherheitsbehörden. »Was ist mit den Übergängen in der Nähe?« Die Frau runzelte die Stirn. Sie hatte ein faltiges Gesicht, das sich trotz der Kälte kaum rötete. Vermutlich rauchte sie – bestimmt noch Nikotinzigaretten, keine E-Verdampfer. »Cornwall ist ebenfalls dicht. Bisher noch keine Nachricht aus Hythe.« Das konnte alles und nichts bedeuten. Ich warf einen nachdenklichen Blick in die Dunkelheit, so als würde jeden Moment jemand mit der gewünschten Botschaft auftauchen. Wir achteten besonders in der Nähe der Grenze darauf, die Technik bei der Kommunikation außer Acht zu lassen. Das Risiko, abgehört zu werden, war zu groß, und obwohl wir autonome P2P-Verbindungen nutzten, mussten wir permanent damit rechnen, dass die Government Communications Headquarters auf uns aufmerksam wurden. Die Küste war ein besonders heißes Eisen im Feuer der Regierung. Das Risiko, zu lange zu zögern und die gesamte Aktion zu gefährden, war allerdings auch nicht klein. »Alles klar, wir fahren weiter«, entschied ich daher. »Danke.« Ich hob eine Hand, ging zum Wagen und schlüpfte so schnell wie möglich auf den Beifahrersitz. Lucas warf den Motor an und wendete. »Welche Richtung?« Ich schielte in die Dunkelheit, konnte jedoch weder die Frau noch Lichter sehen. Es war, als hätte unser Treffen niemals stattgefunden. »Wir haben keine freie Passage im Westen und noch nichts aus Hythe.« »Dann versuchen wir es dort.« Er zog sein Minipad aus der Tasche und warf es mir zu. Ich gab den Code für die verschlüsselte Seite im Shadenet ein und informierte unsere Leute. Dann kuschelte ich mich in den Sitz und warf einen Blick auf die Uhr. Die Zeit wurde knapp. Ein geschlossener Übergang war mir bisher nicht untergekommen und ich befürchtete, dass wir unseren Passagier erneut mit nach London nehmen mussten. Aber was dann? Ich schielte nach hinten. Sie saß regungslos dort, ihre großen Augen flackerten mich an. Natürlich war sie noch da. Wo sollte sie auch hin? Ich drängte meine Sorgen zurück und beschloss, Lucas’ Zuversicht zu teilen. Ich vertraute ihm blind. Und so berührte ich nur zufällig die Waffe an meiner Hüfte, während wir weiterfuhren. Jetzt waren wir normale Menschen, die lediglich eine ungewöhnliche Zeit für ihre Reise gewählt hatten. Lucas hatte die Scheinwerfer eingeschaltet, nachdem wir uns den bewohnten Gegenden genähert hatten. Ich gähnte mehrere Male ungeniert und war verwirrt über mich. Hätte ich nicht aufgeregt und hellwach sein müssen? Ein in der Nacht bewachter Küstenstreifen war neu für mich und trat ausgerechnet jetzt auf, wo ich mich fast an den Ablauf gewöhnt hatte. Doch statt vor Sorge verrückt zu werden, dachte ich an die Tafel Vollmilchschokolade in meinem Kühlschrank. Und an mein Bett. Lucas schien zu ahnen, wie ich mich fühlte. »Kommt vor, dass sich eine Patrouille nachts an einem Abschnitt festbeißt, wenn auch selten«, sagte er. »Ist aber unwahrscheinlich, dass drei, die nebeneinanderliegen, dicht sind. Ist mir zumindest nie passiert.« Ich nickte. »Und wenn, fahren wir so lange, bis wir einen finden, den wir nutzen können.« »Vorbildliche Schülerin.« »Ich hatte einen gerissenen Mentor.« Ich zupfte an einem Faden der Jeans. »Wurde schon versucht, eine Aktion trotz aktiver Patrouille durchzuziehen? Einfach, weil es keine andere Möglichkeit mehr gab?« Lucas gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Zustimmung und Missbilligung lag. »Bempton. Ist lange her und ging schief. Danach haben die Uniformierten sich dort festgebissen und wir haben es von unserer Liste gestrichen. War eh zu weit vom Festland weg. Seit Jahren ist da Ruhe.« Wir überließen dem Schweigen die Oberhand und bogen auf den ruhigen Motorway. Schnüre roter und weißer Lichter zogen vorbei, gekrönt von blinkenden Sternen über Anzeigetafeln. Sie begleiteten uns in das Landesinnere, ließen Fareham, Petersfield und Guildford hinter uns. Wir umrundeten London im Süden und lasen wenig später Hythe auf den Schildern. Die Zeit dehnte sich zunächst unerträglich aus und schrumpfte zusammen, als ich mir vorstellte, was am nächsten Übergang auf uns warten könnte. Als wir, erneut ohne Beleuchtung, in einen Strandweg einbogen, schlug mein Herz kaum merklich schneller und die Augen brannten, als ich in die Dunkelheit starrte. Mir durfte nichts entgehen. Dieses Mal wartete niemand auf uns. Ich ließ das Fenster herab und lauschte dem Toben des Meeres. Der Geruch von Salz und Tang brauste zusammen mit dem Wind heran und drang in meine Nase. Dahinter, schwach, das Geschrei der Möwen. Sonst nichts. Anders als Lucas war ich zum ersten Mal an der Hythe-Passage, doch es konnte dem Geräuschpegel nach nicht mehr weit bis zur Küste sein. Lucas nahm den Fuß vom Gassensor, stellte den Motor ab und ließ den Wagen ausrollen. »Es sieht gut aus.« Ich war nicht überzeugt. »Ich kann niemanden von unseren Leuten entdecken.« Lucas griff in seinen Stiefel, förderte den XTrans zutage und presste den Daumen in die Mitte des flachen schwarzen Vierecks. Ich zählte im Stillen die Sekunden. Als ich bei fünfzehn war, strahlten in der Ferne Lichtsäulen in den Himmel – Rot, Weiß, zweimal Rot – und erstarben, als hätte ich sie mir eingebildet. Das Boot hatte es rechtzeitig geschafft. Lucas wirkte zufrieden. »Sie sind da. Wenn auf dem Wasser weiterhin alles ruhig bleibt wie hier, sind wir bald auf dem Heimweg.« Ich verzog den Mund. »Ich bete, dass du recht hast.« Lucas schnaubte, dann ein zweites Mal, als wäre seine Missbilligung zu groß, um sie mit nur einem Laut auszudrücken. »Selbst der Überwachungsstaat muss mal ruhen«, sagte er durch zusammengebissene Zähne und trat die Tür auf. »Also los.« Ich nickte, griff hinter mich und angelte nach der Jacke. Dann stieg ich aus, ließ die Tür zufallen, zog den dicken Stoff über und stopfte die Haare in den Kragen. Der Wind nahm mir für einen Moment den Atem, und ich schüttelte wütend den Kopf. Es war mein Job, den Weg zum Wasser auszukundschaften – Lucas war nicht nur der Ältere, sondern hatte auch das Sagen. Solange ich also quasi sein Zögling war, durfte ich mir die Füße wund laufen. Es dauerte eine knappe Viertelstunde, bis ich die Küstenlinie vor mir sah, trüb beleuchtet durch zwei orangefarbene Bojen mitten im Nirgendwo. Ich lief parallel zum Wasser und lauschte, während ich die Gegend genau musterte. Nichts. Hier war niemand außer uns, den Möwen und Seeschwalben und, irgendwo dort draußen, den Mittelsmännern unserer Organisation. Dennoch blieb ich wachsam. Wir konnten noch entdeckt werden. Auf dem Weg zurück zum Wagen tastete ich nach dem beruhigenden Gewicht der Nori und spielte mit der Lasche der Halterung. Die Finger waren von Wind und Kälte leicht taub geworden, sodass ich zwar das Metall spürte, nicht aber, wie kühl es geworden war. Ich trommelte ein unregelmäßiges Muster auf den Griff. Noch waren meine Hände beweglich genug, um die Waffe ziehen zu können, falls nötig. Anfangs hatte sie sich seltsam an meinem Körper angefühlt, nun vermisste ich sie beinahe, wenn ich sie ablegte. Als ich zurückkehrte, stand Lucas neben der geöffneten Fahrertür. Er wirkte wie ein Leibwächter, der darauf wartete, dass sein Boss aus dem Auto stieg. »Alles ruhig.« Der Wind sang in meinen Ohren. »Gut. Das Boot wartet in der Bucht.« Ich nickte. Obwohl es selten vorkam, dass ein Küstenweg geblockt wurde, waren in einer Nacht, in der wir jemanden außer Landes schaffen wollten, alle Kontaktstellen besetzt. Lucas hämmerte gegen die Rückscheibe des Wagens. »Es ist soweit.« Er klang fast unfreundlich. Dann öffnete er die Hintertür. Eine blasse Hand mit kindlichen Fingern schob sich in mein Sichtfeld. Ich starrte darauf und versuchte, mich zu erinnern, wie alt die Frau war, während der Hand Arm und Schulter folgten. Schließlich stand sie vor uns, klein und zerbrechlich. Der Wind ließ nach, als wollte er die Dramatik des Augenblicks verstärken. Die langen Haarsträhnen der Frau ließen ihr Gesicht so schmal wirken, dass es mich traurig machte, es zu betrachten. Bekleidet war sie mit Jeans und einer kurzen Jacke über einem Shirt, doch sie beachtete die Kälte überhaupt nicht. Stattdessen tanzte ihr Blick von mir zu Lucas und wieder zurück. Ich hielt den ungewöhnlichen Pupillen stand, ohne dass es mir etwas ausmachte. Lucas vermied es dagegen, die Frau anzusehen. Beinahe musste ich schmunzeln. Dieser Querkopf war selbst schuld, dass er auf seine Schuhspitzen starren musste. »Die Grenze ist nicht weit von hier. Wir werden das letzte Stück laufen müssen.« Lucas bedeutete der Frau, vorzugehen. Bei aller Verantwortung, die wir auf uns nahmen, achteten wir stets auf unsere Sicherheit. Eine von Lucas’ Regeln besagte, sich stets den Rücken freizuhalten. Sie nickte und huschte in die Schatten. Ihre Bewegungen waren die einer Katze, obwohl sie stundenlang im Wagen gehockt hatte, ohne sich zu bewegen oder einen Muskel zu lockern. Ihr Haar flatterte wie eine ausgefranste Fahne hinter ihr her. Niemand sagte etwas, auch nicht, als wir die Klippen erreichten. Ich schürfte mir beim Abstieg die Knöchel auf, da der Untergrund schlüpfriger war, als ich erwartet hatte. Dennoch spürte ich in diesem Moment Erleichterung. Die Nacht war lang gewesen, doch nun hatten wir es fast geschafft. Die Frau würde in das Boot steigen, während Lucas und ich unsere müden Körper mit Traffein versorgten, um morgen ausgeschlafen und somit unauffällig in unsere normalen Jobs zurückzukehren. So, als wäre nichts geschehen. Was war da schon ein Kratzer? Etwas blitzte vor uns über dem Wasser auf: das Boot mit unseren Kontaktleuten, die ihren Passagier nach Frankreich übersetzen würden. Es war beinahe vorbei. Die Frau wandte sich um und musterte erst Lucas, dann mich, wobei sie darauf achtete, ihm nicht in die Augen zu sehen. Sie wusste, welche Wirkung ihr Blick bei einem Menschen erzielen konnte. Dann schimmerte der Ring ihrer Iris in meine Richtung. Als ich keine Anstalten machte, mich abzuwenden, flammte Neugier in dem Mädchengesicht auf. Doch jetzt war nicht die Zeit für Fragen, das wussten wir beide. »Ich danke euch.« Ihre Stimme war leise und passte nicht zu ihrem Äußeren. Weich war sie, samtig und angenehm. Worte einer kleinen Schwester, die einen liebte und bewunderte. Lucas schüttelte den Kopf. Das war keine falsche Bescheidenheit, sondern eine Aufforderung, keine weitere Zeit zu vertrödeln. Sie schien zu verstehen und wandte sich ohne ein weiteres Wort um. Kurz darauf vernahm ich das viel zu leise Schmatzen ihrer Füße auf dem feuchten Untergrund. Sie war schnell. Ich sah ihre Gestalt ein letztes Mal aufleuchten, als sie in das gelbe Licht eintauchte. Sie blickte nicht zurück. Für den Moment zwischen zwei Lidschlägen wurde ihre Silhouette zu der meiner Mutter, die ihre schlanke weiße Hand nach mir ausstreckte. So hell. Meine Augen brannten, als ich versuchte, das Bild festzuhalten. Vielleicht, wenn ich lang genug dabeiblieb, würde ich sie eines Tages wiedersehen. Eine sanfte Berührung am Handgelenk ließ mich zusammenzucken. Ich blinzelte, die Vision verschwand. »Madison.« Es lag keine Frage in Lucas’ Stimme. Er ahnte sicher, woran ich soeben gedacht hatte. Ich hatte ihm alles erzählt. Wem auch sonst? Es war mir erstaunlich leichtgefallen, ihm bereits wenige Wochen nach unserem ersten Treffen zu vertrauen. Ich wusste, was er sagen wollte, und er hatte wie immer recht. In der Gegend herumstarren und träumen konnte ich zu Hause. Wir machten uns auf den Rückweg, ehe der Bootsmotor ansprang. Das letzte Stück rannten wir. Boote in Bewegung flogen leichter auf als jene, die ankerten, und sobald die Behörden eine ungenehmigte Nachtfahrt auf ihren Gewässern entdeckten, würden sie das umliegende Terrain schneller mit müden und daher schlecht gelaunten Grenzbeamten fluten, als uns lieb war. Kaum hatten wir uns in die Autositze fallen lassen, schossen wir den Weg mit einer hohen Geschwindigkeit zurück, die ich im Bauch spürte. Bevor wir die asphaltierte Straße erreichten, zerriss das Kreischen einer Sirene die Ruhe. Lucas beschleunigte. Ich verrenkte mir fast den Hals, konnte jedoch keine Lichter auf dem Wasser erkennen. »Es muss eine Landpatrouille sein.« »Sie kommen zu spät. Wie immer.« Lucas schnitt die Kurve. Ich teilte seine Meinung nicht, doch zumindest dieses Mal war das Glück auf unserer Seite. Adrenalin fraß sich durch meinen Körper und ich grinste. »Das Mädchen bekommen sie jedenfalls nicht.« Lucas sah mich an und hob eine Augenbraue. »Abwarten. Ist nur ein Vampir, dem wir das untote Leben verlängert haben. Das Ende der Schlange ist nicht in Sicht.« Ich hatte nicht vor, mir meine gute Laune verderben zu lassen. »Komm, sei nicht so. Und setz demnächst gefälligst deine Kontaktlinsen ein. So oft, wie du zu Boden gestarrt hast, hätte man denken können, sie wäre dein Date.« Lucas schüttelte lediglich den Kopf. Eine Antwort war nicht nötig. Wir beide wussten, dass er die Dinger hasste und vergaß, wann immer es möglich war, obwohl sie für alle Einsätze von Absecon Pflicht waren. Für jedes Mitglied. Bis auf mich. Aus Gründen, die niemand genau erklären konnte, war ich gegen den Blick der Vampire immun. Ich kannte weder die Übelkeit, die ein zu langes Starren in die Silberpupillen verursachte, noch die Gleichgewichtsstörungen, das Pfeifen in den Ohren oder den Wunsch, sich die Haut vom Körper zu reißen, weil sie plötzlich in Flammen zu stehen schien. All dies waren belegte Auswirkungen, an deren Erklärungen die Forscher arbeiteten. Es geisterten weitere durch die Medien, von denen mindestens die Hälfte den romantischen Träumen von Teenagermädchen oder einsamen Frauen entsprang. Die Kollegen bei Absecon hatten Kontaktlinsen entwickelt, die sie vor den Wirkungen des Vampirblicks schützten. Angeblich waren sie unangenehm zu tragen und ließen die Augen tränen, weshalb die meisten sie nur einsetzten, wenn es wirklich nötig war. Ich atmete tief ein und dachte an Lucas’ Worte. Ja, es war nur ein Vampir gewesen, dem wir heute Nacht geholfen hatten. Ich verschränkte die Arme und starrte nach vorn. Die Bilder in meinem Kopf schoben das Sirenengeräusch in den Hintergrund.




Kapitel 2


London


 


»Ich führ eine Bar, keine Bahnhofsmission! Sollen diese Missgeburten Grabsteine mit ihren Hinterteilen polieren, aber nicht meine Hocker.« Schwerer Liverpooler Akzent quäkte in meine Ohren und verursachte mir Kopfschmerzen. Die im Schlepptau geführten Vorurteile machten es nicht besser. »Kam es schon einmal zu Zwischenfällen?« Ich sprach ruhig und deutlich, ohne eine Spur von Urteil. Das war mein Job, und in meiner Zeit beim Sender hatte ich gelernt, jederzeit die interessierte Moderatorin zu geben. Neutral zu bleiben, zumindest äußerlich. Das Schnauben am anderen Ende der Leitung klang ekelhaft feucht. »Natürlich nicht. Weil ich ja vorbeug, deshalb. Wenn ich welche in den Laden hol, die nur rumsitzen und kein Geld lassen, könnte ich ja gleich dichtmachen.« »Und angenommen, ein Gewandelter würde anstandshalber etwas bestellen?« Ich benutzte die behördliche Bezeichnung der Vampire. Holly außerhalb der Kabine hob einen Daumen in meine Richtung. Kurze Stille. »Ich will keine Blutsauger im Seven Arms.« Die erste Frau Londons, die an ihrer Tür ein Hausverbotsschild für Vampire angebracht hatte, war am Ende ihrer Argumentation. Ich schaltete einen Jingle hinzu und schob die Anruferin aus der Leitung, während eine schneidige Männerstimme im Hintergrund für die Independent Safeguarding Authority warb. Jene Behörde befasste sich mittlerweile nicht mehr ausschließlich mit potenziellen Kinderschändern, sondern kümmerte sich ebenfalls um die Sicherheit aller Bürger gegenüber Gefahren von außen. Beispielsweise durch Vampire. Auf diese Weise machte unser Sender der Regierung Zugeständnisse und durfte sich im Gegenzug mit der brisanten Thematik befassen. Sämtliche Aufzeichnungen wurden im Anschluss an die Show dem Inlandsnachrichtendienst zugestellt. Was der damit anstellte, wusste angeblich nicht einmal unser Sendeleiter. »Amy, vielen Dank. Das war der Talk zum Mittag bei Radio Voice Up London, der Stimme aus Soho. Jetzt geht’s weiter mit unserer Reise durch die Jahrzehnte der britischen Musikszene.« Ein weiterer Knopfdruck und ein Song von Amplifier löste mich am Äther ab. Ich zog das Mikrotransplant aus der Ohrmuschel und legte es zurück in seine Vorrichtung. Meine Muskeln protestierten, als ich mich streckte, im Nacken knackte es. Nach zwei Stunden Schlaf war ich fit, da das Traffein durch meinen Körper toste, allerdings nahm ich alles ein wenig zu deutlich wahr. Die Stimmen der Talkgäste hatten schrille Untertöne, die trockene Luft im Studio brannte in der Nase. Die Haare, die ich zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, da sie so fein waren, dass sie bei jedem Luftzug aufflogen, kitzelten im Nacken. Sonst störte mich das nicht. Zudem machte das Zeug mich zahm – zur Erleichterung von Bob Jenner, meinem Chef. Seit das Vampirthema auf dem Plan meiner Show gestanden hatte, lag dieser gehetzte Ausdruck auf seinem Gesicht. In den vergangenen Minuten hatten seine Adleraugen mich permanent fixiert. Erst, als die Leitung frei wurde, hörte er auf, seine Hände zu kneten. Ich bereute es beinahe, auf den Gang zu treten. Hier lauerten Kommunikation, Fragen und überflüssige Gespräche auf mich. Darauf konnte ich gut verzichten. Die Show war vorbei und ich wieder von der Sendebühne gehuscht. Vorübergehend im Mittelpunkt zu stehen war kein Problem, aber nach einer Weile brauchte ich meine Ruhe. Kaum hatte ich Bob freundlich zugewinkt, hüpfte Holly auf mich zu und zerrte mich zur Seite. »Miss Turner, wo blieb die Zurechtweisung dieser Frau, hm?« Ihre Locken wippten. Ich zog an einer. »Ich möchte meinen Job noch eine Weile behalten«, sagte ich lauter als nötig. Bobs Blick flackerte zu mir herüber, dann verzog sich mein Chef in sein Büro. Wir hatten die Vampire nicht länger aus unserem Programm bannen dürfen, um weiterhin so nah wie möglich am aktuellen Zeitgeschehen zu bleiben. Zu unserem Glück hatte sich London in den letzten Monaten als echte Fundgrube an Neuigkeiten präsentiert. Im Greenwich Park bereitete man sich auf das erste schwebende Festival vier Yards über dem Boden vor, die Überprüfung der Schäden am London Eye hatten ergeben, dass es nicht mehr sicher war und abgebaut werden musste und zwei aus dem Tower verschwundene Raben lösten wahre Pilgersuchen aus. Menschen zogen auf eigene Faust los und wanderten bis nach Schottland, wo sie meist aufgehalten und zurückgeschickt wurden, da sie ihre Einreisegenehmigung zwei Wochen vorher hätten anfordern müssen. Doch Angst, Ablehnung und Neugierde gegenüber den Vampiren versteckten sich noch immer hinter vielen Schlagzeilen. Leute diskutierten auf der Straße, äußerten Befürchtungen, verlangten Änderungen. Das Gerede war nicht verstummt, seitdem die Gewandelten ihre Existenz vor drei Jahren endgültig offiziell gemacht hatten. Im Gegenteil: Der Beschluss der Regierung im vergangenen Jahr, diesem neuen Teil der Bevölkerung eine Gesetzeserweiterung zukommen zu lassen, hatte ganz England in Aufruhr versetzt. Und mein Leben komplett verändert. Ich stand den neuen Paragrafen, die Vampire letzten Endes in Notwehrsituationen zum Abschuss freigaben, äußerst skeptisch gegenüber. Sie waren nichts weiter als ein Freifahrtschein für all jene, die ihre Angst in Aggressionen verstecken wollten. Vorsicht war eine Sache, Ausreden waren eine andere. Ich hatte niemals Leute gemocht, die zunächst handelten, um es anschließend halbherzig zu begründen. Das Kabinett von 2019 hatte nach unzähligen Debatten beschlossen, dass die Untoten trotz allem eine Gefahr darstellen konnten. Die Abgeordneten wagten allerdings nicht, sich vollkommen gegen die Grundsätze der Ethikkommission zu stellen. Die strittigen Gesetzeserweiterungen wurden daher vage formuliert und luden alle Menschen ein, munter draufloszuballern, wenn sie einen angreifenden Blutsauger vor die Mündung bekamen. Wer konnte hinterher sagen, ob es sich nicht doch um Notwehr gehandelt hatte? Zwar waren gängige Patronen an sich für einen Gewandelten nicht lebensgefährlich, aber wenn man oft genug traf oder ein entsprechendes Kaliber nutzte, das den Hals oder Kopf zerstörte, musste die Unsterblichkeit klein beigeben. Interessant war, dass diese V-Paragrafen, wie man sie nannte, die Waffengesetze überschrieben. Der private Besitz von Schusswaffen ohne Genehmigung war verboten, doch wenn man damit einem Gewandelten das letzte Lebenslicht auspustete, kniff das Gesetz beide Augen so fest zu wie nur möglich. Gutes altes, von Logik getriebenes England. Die Vampire hielten sich zurück und ihre Stimmen gedämpft. Sie wussten, dass sie sich in der Minderzahl befanden und sogar dem Misstrauen ihrer Befürworter stellen mussten. Befürworter wie mich. Ich war kein Vampirgroupie mit romantischen Träumen, und Gewandelte ließen mein Herz keine Sekunde lang höherschlagen. Im Gegenteil. Neuen Bekanntschaften vertraute ich generell nicht, bis sie mich vom Gegenteil überzeugten, und bei Vampiren war ich besonders vorsichtig. Aber ich wollte Antworten von ihnen und würde nicht lockerlassen, bis ich sie bekam. In der breiten Masse der Gesellschaft lief es wie immer, denn verstärkte Regeln schufen alles andere als Frieden. Die Leute wurden entweder neugierig oder noch ängstlicher, als sie es ohnehin waren. Ob das Image des gefährlichen Gewandelten vom Parlament so beabsichtigt war, konnte ich nicht sagen. Nur anzweifeln. Und nach Wahrheiten suchen. Auf diese Weise hatte ich Bekanntschaft mit Lucas und der Organisation gemacht. Sie nannte sich Absecon – nach einem US-Küstenwachschiff und dem ersten Hafenkontrollsystem mit gesteigerter Reichweite, das drei Monate nach seiner Installation schlappgemacht hatte. Humor hatten sie, diese gesellschaftskritischen Idealisten, und sie überzeugten mich mit ihren Absichten und ihrem Einsatz. Für sie war ein Vampir ebenso viel wert wie ein Mensch, solange er sich nichts zuschulden kommen ließ. Diesen Vampiren halfen sie, der Maschinerie namens England zu entkommen. Vor einem halben Jahr waren sie auf mich aufmerksam geworden. Weil ich anders war. Vielleicht hatte Hades tatsächlich recht und meine Medis waren schuld daran. Im Grunde war es mir egal. Tatsache war, dass ich keine Vorsichtmaßnahmen treffen musste, wenn ich einem Vampir gegenüberstand. Ein gutes Gefühl, das den Teil Respekt auslöschte, der mit Angst verknüpft war. Diese kleine Besonderheit überzeugte mich letztlich davon, dass Absecon genau der passende Ort für mich war. »Hältst du es für möglich, heute Abend etwas gesprächiger zu sein?« Holly hibbelte herum. Ich rieb mir die Augen und versuchte, ihre Worte in einen Zusammenhang zu bringen. Stand etwas auf dem Plan? »Warum?« »Was bitte hast du in der vergangenen Nacht getrieben?« Sie lächelte breit. Es dauerte, bis ich verstand. »Deine Fantasien sind sehr schmeichelhaft, aber ich habe einfach wenig geschlafen.« Ich hatte die falsche Erklärung gewählt, denn Holly riss voller Erwartung die Augen auf. »Und ich war vollkommen allein in meinem Bett«, sagte ich rasch und wischte so die Anzüglichkeit aus den Mundwinkeln meiner besten Freundin. Enttäuschung eroberte ihr Gesicht. Ihre Haselnussaugen nahmen wieder normale Größe an. Ich schüttelte den Kopf und sehnte das Ende des Arbeitstages herbei. Immerzu huschten meine Gedanken zu vergangener Nacht. Absecon trat generell unter der Woche in Aktion. Die Patrouillen vor der Küste waren an den Wochenenden verdoppelt worden, nachdem Vampire versucht hatten, die Insel heimlich zu verlassen. Sie hatten nach Frankreich übersetzen wollen, wo ihnen mehr Rechte zugestanden wurden als hier. Trotzdem nutzten wir das Nadelöhr der Seepassage, da sowohl der Flughafen als auch der Kanaltunnel im vorigen Jahr zur größten Hochsicherheitszone in der Geschichte Englands mutiert war. Genscans deckten innerhalb weniger Sekunden alles auf, und sobald ihnen ein nicht genehmigter Reisender ins Netz ging, plärrten die Systeme los und sandten Informationen an alle Kontrollstellen in der Umgebung. »Maddie? Du wirst doch nicht krank?« Holly wirkte mit einem Mal besorgt. Ich hätte sie küssen können, als sie mir diese perfekte Ausrede lieferte. Es war nicht so, dass ich ungern ausging, nur hatte ich momentan wichtigere Dinge im Kopf und wollte meine Zeit nicht mit Small Talks in irgendwelchen Bars verschwenden. Ich versuchte, nicht theatralisch zu erscheinen, als ich meine linke Schläfe berührte und Holly leidend ansah. »Ich bin nicht gerade in Topform.« »Das kannst du mir nicht antun!« Sorge hin, Mitgefühl her – Holly stemmte die Hände in die Hüften. »Wir gehen heute Abend mit meinem Bruder und Alex aus, und du wirst keinen Rückzieher machen.« Selbst bei vollkommener Geistesgegenwart hätte ich gegen ihre Entschlossenheit keine Chance gehabt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass ich ihren neuen Freund Alex kennenlernte, der derzeit ihr Hauptthema war. »Ich bin heute keine gute Gesellschaft.« Holly klopfte mir auf die Schulter, ließ mich stehen und verschwand in der kleinen Küche unseres Senders. Kurz darauf drückte sie mir ein Glas in die Hand, in dem Blasen an die Oberfläche perlten. Ich roch das Aroma von Schmerztabletten und verzog das Gesicht. »Hast du eine Ahnung, wie alt die Dinger sind?« Als sich auf Hollys Gesicht ein Grinsen ausbreitete, dämmerte mir langsam, dass ich aus der Sache nicht mehr herauskam. Ich würde heute Abend um zwei oder drei Drinks nicht herumkommen, bis ich mich in meine vier Wände zurückziehen konnte. Obwohl ich die Prozedur ausreichend kannte, zuckte ich zusammen, als Hades das Sensorpad aktivierte und sich das Hosporga in meinen Blutkreislauf brannte. »Au.« Ich schlug mit den Fersen gegen das Gestell der Liege, auf der ich saß. Er hob lediglich eine Augenbraue, während er einen Tupfer auf die Stelle drückte. »Hast du deine Tage?« Er erkundigte sich so beiläufig, dass es keine Neckerei sein konnte. Ich blinzelte. »Nein. Wie kommst du darauf?« Er platzierte den Medikolben in der Sterilisationskammer. Dabei sah er mich an, als wollte er mich fragen, ob ich allen Ernstes versuchte, etwas vor ihm zu verbergen. »Du bist empfindlicher als sonst.« Er hielt inne und wandte sich langsam zu mir um. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder hast du was eingeworfen? Madison, du weißt, dass du dir in die Birne knallen kannst, was du willst, aber du musst es mir sagen, damit ich die Dosis anpassen kann!« Ich dachte an das Traffein und schüttelte den Kopf. »Nein, nichts.« Nur weil Hades regelmäßig meine Herzklappe mit HP stärkte, was nicht legal war, würde ich ihm nichts erzählen. Zwar konnte ich mich auf ihn verlassen, aber wer wusste schon, auf welchem Weg Informationen an die falschen Ohren gelangen konnten. Der kleinste Hinweis auf Absecon konnte uns beide in Gefahr bringen. Ich würde meinen Draht zu den Gewandelten verlieren und meine Chancen. Die Suche nach meiner Mutter wäre dann geradezu aussichtslos. Falls sie noch lebte, durfte ich nicht so dumm sein und meine Quellen durch mangelnde Vorsicht zum Versiegen bringen. Ich schluckte und zwängte den Geschmack nach Asche und alter Erde hinab, der sich einstellte, wenn das HP zu zirkulieren begann. Gleichzeitig horchte ich auf meinen Körper. Wurde mir übel, schwindlig? Würde mein persönlicher Cocktail mich letztlich ins Grab bringen? Mit zwei illegalen Medikamenten im Blut sprang ich von der Krankenliege zu Boden und zog den Ärmel des Pullis herab. Hades starrte mich an. Er mochte plump wirken, weil er dick war und ständig schwitzte, jedoch war er alles andere als dumm und besaß ein gehöriges Maß an Empathie. Es grenzte stets an Schwerstarbeit, meine nächtlichen Einsätze vor ihm geheim zu halten. »Scheint dann einfach nicht dein Tag zu sein«, sagte er und begann, meine Daten in sein Tablet einzugeben. »Bleib noch sitzen.« Ich ignorierte den Ratschlag und trat an das niedrige Fenster, durch das ich die Füße vorbeieilender Passanten sehen konnte. Hades’ Reich befand sich im Parterre. Ich hatte keine Ahnung, ob er noch andere mit HP versorgte, oder ob ich seine einzige Patientin war. Im Laufe der Jahre hatten wir die stillschweigende Übereinkunft getroffen, nichts zu hinterfragen. Ich wusste, dass er mit richtigem Namen Marc Shriver hieß und eine Zulassung als Arzt besaß, doch er praktizierte nicht öffentlich. Stattdessen arbeitete er in einem Chemielabor und hatte sich nebenher dieses hübsche kleine Zimmer eingerichtet. Es war mit neuester Technik vollgestopft und mit einem Sicherheitssystem versehen, bei dem so mancher Firmenmogul vor Neid erblasst wäre. Hades hatte mir niemals verraten, warum er unter dem Radar flog, und ich hatte niemals gefragt. Zum einen, weil ich den Hauch von Abenteuer mochte, zum anderen, weil ich davon überzeugt war, dass er mir bei jeder Sitzung ein Stück meines Lebens rettete. Im vergangenen Jahr hatte ich ihm aus Scherz gesagt, er hielte mein Herz in den Händen. Beides stimmte. Irgendwie. Mit dreiundzwanzig Jahren erkrankte ich an bakterieller Endokarditis – Herzklappenentzündung –, bekam Antibiotika und verbrachte mehr Zeit beim Arzt als mit meinen Freunden. Doch die Medikamente hatten nicht angeschlagen. Ich war monatelang kraftlos, müde und litt zunehmend unter Atemnot. Nach einem besonders schweren Anfall rasten meine Eltern mit mir in das St. Charles Hospital. Die Diagnose: Mein Herz machte schlapp, die Klappe zwischen linkem Vorhof und Herzkammer schloss nicht richtig. Es folgte eine Zeit voller Diskussionen, Untersuchungen und Informationen über Dinge, die ich am liebsten sofort wieder vergessen hätte. Es war die Rede von Lungenhochdruck und Sauerstoffmangel, schließlich von einer Klappenoperation. Wenn ich heute daran dachte, sah ich alle Szenen seltsamerweise in Schwarz-Weiß vor mir. Alle bis zu dem Moment, als meine Mutter bei der Nachricht zusammenbrach, dass das St. Charles mich auf die Liste für eine Spenderklappe setzen wollte. An diesem Abend verschwand sie, wie so oft zuvor, ohne ein Wort, blass unter dem Make-up. Ich wartete vor dem Haus meiner Eltern auf sie, paradoxerweise mit einem schlechten Gewissen. Als sie nach Mitternacht aus einem Taxi stieg, wirkte sie gelöst und beinahe heiter. Als wäre sie heimlich ins Hospital zurückgefahren, um sich eine Beruhigungsspritze verpassen zu lassen. Sie machte mir einen Tee, so wie früher, und schickte mich zum Schlafen in mein altes Zimmer, in dem inzwischen ein Gästebett stand. Trotz allem schlief ich in jener Nacht gut. Am nächsten Morgen klingelte das Telefon, und kurz darauf saßen meine Eltern und ich im Auto, auf dem Weg zu einer Privatpraxis in Mayfair. Der Arzt, ein Doktor Alford, stellte sich als alter Bekannter meiner Mutter vor. Ich hatte seinen Namen noch niemals zuvor gehört, doch das störte mich wenig. Immerhin hatte Doc Alford nicht nur eine Spenderklappe für mich aufgetrieben, sondern übernahm ebenfalls die Operation. Sie verlief gut. Im Nachhinein wunderte ich mich über viele Dinge wie über meine rasche Genesung und die Tatsache, dass ich mich fühlte, als hätte der Doc mir nicht nur eine Herzklappe, sondern auch mehr Kondition eingepflanzt. Meine Herzprobleme schien es niemals gegeben zu haben. Er stellte mir Hades vor, der mich nach dem Eingriff betreute – mit einem Präparat, das offiziell nicht vertrieben wurde. Als ich das herausfand, schnappte ich mir Hades und tobte eine Weile vor ihm herum in der festen Überzeugung, einem illegalen Testprogramm zum Opfer gefallen zu sein. Er hörte sich meinen Ausbruch in Ruhe an, zuckte mit den Schultern und bemerkte, dass es mir scheinbar sehr gut ginge. Dagegen hatte ich nichts sagen können. Seitdem besuchte ich ihn alle zwei Wochen in seinem Labor, um mir meine Dosis Hosporga verpassen zu lassen. Bisher waren keine Nebenwirkungen aufgetreten, noch immer fühlte ich mich kräftiger als jemals zuvor und schien weniger anfällig für Kälte oder Schmerz zu sein. Wenn ich meine Mutter später fragte, wie sie Alford ausfindig gemacht hatte, war sie stets ausgewichen. Er hätte ihr einen Gefallen geschuldet, war die einzige Antwort, die ich bekam. Ich kannte ihren Gesichtsausdruck mit den zusammengepressten Lippen und wusste, dass ich nicht mehr erfahren würde. Doc Alford hatte ich niemals wiedergesehen. Der Abend belebte meine Stimmung mehr, als ich vermutet hatte. In den Straßen Sohos und im Bluestin kochte die Stimmung hoch. Flackerndes Blaulicht ließ die Körper der Gäste zucken, während die Andeutungen von Parfüm und Schweiß in meine Nase krochen. Am Rand meines Glases sickerten die Wasserperlen herab, während der Alkohol meinen Kreislauf anregte. Rum kitzelte Mundhöhle und Zunge, Zucker trieb ihn ins Blut. Ich ignorierte die Blicke eines Mannes am Nebentisch und beobachtete Holly und ihre neue Errungenschaft. Je nach Lichteinfall wirkte Alexander Marks entweder besonders attraktiv oder besonders brutal. Die Art, wie er Holly umarmte, wenn sie sich an ihn kuschelte, gefiel mir – die Momente, wenn seine stechenden Augen über die Menge schweiften und nicht die geringste Kleinigkeit ausließen, dagegen weniger. »Wenn ich jemals einen Kontrollfreak getroffen habe, dann dich, mein Freund«, murmelte ich in meinen Strohhalm. »Entschuldige, ich hab dich nicht verstanden.« Josh beugte sich herüber und lächelte mir eine Entschuldigung zu. Hollys älterer Bruder war nicht nur eine Ausgeburt an Höflichkeit, sondern auch einer der loyalsten Menschen, denen ich jemals begegnet war. Passend zu seinem Beruf, denn Josh war Polizist, ebenso wie Alex Marks. Ich schenkte ihm einen verschwörerischen Blick und deutete auf die beiden Turteltauben neben uns. Josh nickte. »Das sieht ernst aus.« Ich hob meine Augenbrauen. »Es erinnert an ein Vorspiel.« Am anderen Ende des Tisches griff Alex in Hollys Mähne und zog seine Beute unerbittlich zu sich heran. Angesichts der Locken, die über Hollys Schultern wogten, kam ich mir mit meinen aalglatten Haaren fast zierlich vor. An manchen Tagen wirkten sie voll und bewegten sich seidig über den Rücken, zu anderen Zeiten verknotete sie der geringste Windhauch. Immerhin, so sagte ich mir, waren sie lang und glänzend. Ich riss mich vom Anblick der beiden Verliebten los und sah Josh an. »Was macht die Arbeit?« »Alles beim Alten.« Er hob sein Glas an die Lippen und trank. Ein wenig abrupt, als hätte ich ein unangenehmes Thema gewählt. Vielleicht hatte er auch ganz einfach einen schlechten Tag hinter sich. Also nickte ich lediglich. »Genau wie bei mir.« Er lächelte. »Keine brisanten Meldungen bei Londons Stimme Nummer eins?« Ich schüttelte den Kopf. Komplimente zogen bei mir nicht. »Willst du mir etwa erzählen, dass ganz London plötzlich friedlich zusammenlebt, Officer Stern? Menschen und Gewandelte?« Ich redete lieber über andere als über mich. Eine winzige Falte entstand zwischen seinen Augenbrauen, war aber augenblicklich wieder verschwunden. »Es ist immer irgendwas. Das ist doch der Grund, weshalb ich den Job wollte. Nichts ist schlimmer, als hinter dem Schreibtisch zu vergammeln, bis sich der Bauch langsam darauf gemütlich macht.« Alex hatte von Hollys Ohr abgelassen und schenkte uns seine Aufmerksamkeit. »Probleme mit der V-Statistik?«, fragte er mit dem Blick eines Kenners nach. Das einfallslose ‚V’ stand für Vampir. Josh brummte. »Wann ist die Statistik kein Problem? Sie ist generell zu hoch.« »Wie bei den Menschen auch.« Ich sog am Strohhalm. Alex sah mich an. »Interessante Einstellung, Madison.« Ich hob die Augenbrauen, schwieg allerdings. Es brauchte mehr als das, um mich herauszufordern. Er lachte. Es klang sympathisch, zumindest im ersten Moment. Dann glaubte ich, eine leichte Überheblichkeit herauszuhören. Da ich keine Anstalten machte, auf seine Worte zu reagieren, wandte er sich an Josh. »Du siehst das alles zu schwarz, Mann.« »Nein, das tue ich nicht. Dieses ganze Gerede von friedlicher Koexistenz ist absoluter Unsinn.« Unsere Gläser hüpften in die Höhe, als Alex’ Faust auf den Tisch krachte. »Dann wohnst du im richtigen Land, Kumpel. Man sollte niemanden am Leben lassen, der einen als Nahrung betrachten könnte.« Er spielte auf die Erweiterung der Gesetze an, die einen Hauch Amerika in das gesittete England getragen hatte. Laut einer Umfrage der ETOOB, der ethischen Organisation für Menschen und Vampire in Britannien, würden rund dreißig Prozent der Befragten eine Strafe wegen illegalen Waffenbesitzes in Kauf nehmen, wenn sie dafür einen Gewandelten zur Strecke bringen konnten. In einigen Jahren würden sich diese Leute Sporen an die Füße schnallen und mit einem Lasso auf Jagd gehen. Holly kicherte. »Josh würde sogar auswandern, wenn das Töten von Vampiren in Notwehr hier verboten und woanders erlaubt wäre.« Sie grinste mich über ihr Glas hinweg an. »Du bist nicht unserer Meinung, Madison.« Alex verengte leicht die Augen. Alles an ihm war schmal, angefangen von der Nase, den Lippen und dem Gesicht bis hin zu den Streifen auf seinem Hemd. Ich merkte, dass ich vorsichtig sein musste. Das Glitzern in seinen Augen verriet nicht nur Aufmerksamkeit, sondern warnte mich, keine andere Meinung zu haben. Doch mich schüchterte er nicht ein. »Ich ziehe es vor, mir Angriffe generell vom Hals zu halten.« Den süffisanten Unterton konnte ich mir nicht verkneifen. Ich musste an das Mädchen von letzter Nacht denken. An ihre Ruhe, ihre Zurückhaltung. Den geflüsterten Dank. Jeder Vampir hatte auch als Mensch gelebt. Es gab keine Rasse, die durchweg nur gut oder böse war. Ein Vibrieren an meiner Hüfte erregte meine Aufmerksamkeit. Verdutzt blickte ich an mir hinab, ehe ich verstand. »Entschuldigt mich kurz.« Ich klopfte auf die Handtasche und machte mich auf den Weg zur Damentoilette. Auf der Oberfläche meines Pads schimmerten Spektralfarben, als ich es im Schutz einer der Kabinen hervorzog. Ich aktivierte das Display und wurde augenblicklich auf den verschlüsselten Kanal umgeleitet, den Absecon nutzte. Die Nachricht war nur wenige Sätze lang. Ein weiterer Gewandelter hatte uns ausfindig gemacht und unsere Hilfe erbeten, um Großbritannien zu verlassen. Er sollte der erste Fall sein, den ich allein betreute. Als ob sie meine Neugier schüren wollten, hatten die Jungs von Absecon mir zudem eine Bilddatei übermittelt. Mehr nicht. Ich fluchte lautlos, obwohl mich die Tatsache, so auf die Folter gespannt zu werden, amüsierte und ich zudem wusste, dass zunächst alle Angaben mehrfach geprüft wurden. Ich öffnete den Anhang und betrachtete das Foto. Das war er also, mein Auftrag. Entgegen dem einstigen Aberglauben können Vampire durch eine Kamera abgebildet werden, ebenso besitzen sie ein Spiegelbild. Diese Erkenntnis hatte viele Menschen verschreckt, als die Wahrheit über unsere neuen Mitbewohner im wahrsten Sinne des Wortes an das Tageslicht gezerrt worden war. Es war eben einfacher, wenn man den Feind auf den ersten Blick erkennen konnte. Der Fehler in dieser Denkweise war, dass nicht jeder Vampir zu den Feinden der Menschen zählte. Das bedeutete nicht, dass sie alle zahme Lämmchen waren, aber die meisten waren weit entfernt von den blutsaugenden Ungeheuern der Literatur und Hollywoods. Wie der Mann, den ich soeben betrachtete. Wäre er ein Normalsterblicher, hätten lediglich ein paar Jahre – zehn allerhöchstens – zwischen uns gelegen. Auf den ersten Blick ging er als Mensch durch. Sein Shirt ließ einen Großteil der hellen Arme frei, die verrieten, dass er körperliche Anstrengung nicht scheute. Das kantige Gesicht sah aufmerksam in die Kamera, geziert von geraden Augenbrauen, die ihn entschlossen und besorgt zugleich wirken ließen, und dunklem Haar, das sich in der Stirn kringelte. Schatten umflossen Lippen, Kinn und Hals. Der Nasenrücken besaß einen kaum merklichen Schwung nach rechts. Doch es waren seine Augen, die meine Aufmerksamkeit fesselten. Sie waren von erstaunlichem Grün und mit Ernst und Ruhe gefüllt. Die Iris schien von innen her zu glühen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich um einen Gewandelten handelte. Man sah es, wenn man wusste, worauf man zu achten hatte, während dem flüchtigen Blick eines unwissenden Menschen dieser Effekt nicht auffiel. Auf dem Pad wirkte er harmlos, dennoch nicht minder faszinierend. Stimmen wurden laut. Die Haupttür öffnete sich und spülte Musik, Gelächter und zwei kichernde Frauen in den Raum. Ich drückte mich enger an die Wand und wollte die Datei wieder schließen, doch die Augen des Gewandelten, die Weise, wie er in die Kamera blickte, hielten mich davon ab. Er sprach etwas in mir an, das ich nicht verstand. Wurde ich etwa nervös, ehe die Aktion überhaupt angelaufen war? Ich schnaubte. Als Antwort darauf verstummten die Stimmen auf der anderen Seite der Tür kurz, um dann umso schriller wieder einzusetzen. Ich hatte lange genug an Lucas’ Seite gearbeitet und wusste, worauf es ankam. Die nächtlichen Fahrten waren für mich Routine geworden, ebenso die Gegenwart der Gewandelten. Ich schuldete es nicht nur meinen Kollegen von Absecon, sondern vor allem mir selbst, dass ich mich nicht von einem Mann einschüchtern lassen würde, der aussah, als wüsste er genau, was er wollte. Denn das tat ich auch. Ich ließ die Fingerspitzen über dem Pad schweben, senkte sie dann herab und berührte die Oberfläche so flüchtig, dass ich die Kälte darauf nicht spürte. Hatte ich gehofft, dass mit dem Bild meine Verwirrung verschwand, täuschte ich mich. Ich atmete tief. Es brauchte mehr als einen Gewandelten, um meine Entschlossenheit ins Wanken zu bringen. Die Frauen im Vorraum kicherten noch immer, also betätigte ich die Spülung, sperrte das Minipad, verstaute es wieder in meiner Tasche, stieß die Tür auf und ging zum Waschbecken. Ich betrachtete mich im Spiegel, während ich meine Hände in den Trockensog hielt. Vor das Braun meiner Augen schob sich ein zweites Paar in durchdringendem Grün. Ein Kribbeln bildete sich auf meinem Rücken und zog den Verlauf der Wirbelsäule nach. Meine Probezeit war vorbei.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 5 secs