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Fynia


Wo die Schafe sterben gehen

von Anna Fricke

fantasy
ISBN13-Nummer:
B00CQ7K8T8
Ausstattung:
544 KB, Kindl-Edition, ca 170 A4 Seiten
Preis:
2.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Kontakt zum Autor oder Verlag:
anna.fricke@uni-bielefeld.de
Leseprobe

Luna und ich schlendern schweigend die Straße zum Dorf hinunter. Heute hatte meine Mutter mich angerufen und mir gesagt, dass sie nun bereit sei, mir meine Prophezeiung, meine Bestimmung zu offenbaren. Das war bei uns im Clan so brauch. Luna hatte ihre schon, obwohl wir beide Zwillinge waren. „Bist du aufgeregt?“, fragte Luna mich mit leiser Stimme. „Natürlich.“ Ich lächelte und warf einen kurzen Blick auf meine Schwester. „Wäre auch komisch, wenn nicht. Aber ich bin mir sicher, dass alles gut sein wird.“ Luna sprach mir Mut zu. Ich wusste, sie meinte es gut, doch indirekt schnitt sie mit diesem Satz meine innersten Ängste an. Wenn die Vision der Mutter sich lange hinzog, sie diese erst sehr spät bekam oder sie in irgend einer anderen Weise verstümmelt, zerstückelt oder unkenntlich war, dann bedeutete das nie etwas Gutes. Genau davor hatte ich mächtige Angst. „Du weist genau, was ich denke.“ Das war keine Frage und keine Feststellung. Ich hatte schlicht und ergreifend das ausgesprochen, was wir beide wussten. Wir waren keine eineiigen Zwillinge, obwohl wir uns erstaunlich ähnlich sahen. Wir waren auch vom Wesen her sehr verschieden, aber trotzdem hatte jede Schwester eine Antenne für die Gefühle der Anderen. Es fiel uns schwer getrennt voneinander zu sein, doch seit ich studiere, ging es nicht anders. Deswegen nutzten wir jede Gelegenheit, die sich bot, um miteinander zu Kommunizieren. Unser Verständnis füreinander hatte schon etwas magisches. Sogar die Dorfälteste Rhuni fand uns absolut faszinierend. Aber wir waren auch das einzige Zwillingspärchen seit Generationen im Clan. Wir beide waren schon ziemlich spirituell, wir hatten unsere Familiengaben und glaubten die alten Legenden und Mythen, im Gegensatz zu unseren Partners. Trotzdem fanden wir den Hype, der im Clan um uns gemacht wurde etwas zweifelhaft. In der Familie der Geisterwölfe gab es eigentlich keine Zwillinge. Wenn, dann hatte man mit einem Paar aus der Seherfamilie gerechnet. „Wie wirst du mit Jasper umgehen... nach der Enthüllung?“, fragte Luna nach einer Weile weiteren Schweigens. Wir waren nun fast im Dorf angekommen und bogen auf eine kleine Straße ab, die einen großen Bogen um das Dorfzentrum schrieb. „Keine Ahnung, ich werde ihm wohl erzählen, was darin vorkam, er glaubt es ja eh nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe Kirk auch alles erzählt. Er findet es faszinierend und manchmal versucht er ganz wissenschaftlich Schlussfolgerungen zur Existenz, Herkunft und dem Sinn zu ziehen.“ Luna lachte laut auf, „aber er hat noch kein gesichertes Ergebnis zustande gebracht.“ „Wie denn auch?“, fragte ich ebenfalls lachend. Klar, ich glaubte natürlich nicht, dass der liebe Gott, das Universum, Allah, Krishna oder meinetwegen das fliegende Spaghettimonster uns die Visionen schenkt, dafür bin ich viel zu aufgeklärt. Nur wo genau die Visionen stattdessen herkommen, wusste auch keiner. Ich vermutete irgendeine natürliche, also wissenschaftlich erklärbare Energiequelle oder Reizung der Nervenzellen im Gehirn der Mütter oder so, die diese Visionen auslösen, aber ich kenne mich nicht so mit Elektrizität oder Hirnforschung aus. Sicher bin ich mir nur, dass wir es nicht mit etwas übersinnlichem zu tun haben, sondern mit etwas, was wir uns mit unserem jetzigen Wissensstand nicht erklären können. Luna und ich hatten früher nächtelang miteinander über die Entstehung der Familiengaben gesprochen. „Weist du noch unsere Theorien über die Gaben?“, fragte ich lächelnd. „Au ja, eine wilder, als die nächste.“, antwortete Luna. „Ich glaube, wir haben vielleicht gar nicht so daneben gelegen.“, gab ich ehrlich zu. „Rhuni war trotzdem ziemlich böse mit uns.“, warf Luna ein. „Oh jaaa...“ Wir schwelgten beide in alten Erinnerungen. Als wir eine unserer Theorien der Ältesten Rhuni vorgestellt hatten, hat sie uns schockiert angestarrt und uns eine halbe Stunde lang eine Standpauke über Blasphemie gehalten. Wir fühlten uns damals wirklich schlecht, als hätten wir etwas Böses getan. „Ich fand deine Theorie über die Naturverbundenheit und die Schutzfunktion eigentlich ganz gut.“, erklärte Luna mir, „nur hatten wir damals zu wenig Fachwissen um tatsächlich mit Beweisen umgehen zu können.“ „Naja, versuch mal naturwissenschaftlich zu beweisen, dass wir uns in Wölfe verwandeln können.“, erwiderte ich und kicherte mädchenhaft. „Hm, das ist schon eine harte Nuss, aber wieso mit dem Schwersten anfangen? Wie wäre es denn, wenn wir uns mit den Bändigern oder Sehern beschäftigen? Wenn die ganze Welt um uns herum aus Energie besteht, denn Materie besteht aus Energie, wieso sollten dann nicht einige Menschen begabt sein, diese Energie zu beeinflussen?“, fragte Luna mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht. „Stimmt schon. Aber du weist, dass sich das ziemlich nach so Sektengelaber anhört? Ihr seid alle Magier und könnt die Welt verändern!“ Ich machte eine gruselige Stimme und bewegte meine Finger neben meinem Gesicht um ein Wabern dazustellen. „Aber genau das ist es doch! Wir sind so was wie Magier, Fynia. Früher hatte man jemanden, der verkrüppelt war, oder Authisten oder solche Dinge wie Telephon oder Fotoapparate für Magie gehalten. Vielleicht in hundert oder zweihundert Jahren kann jeder Mensch eine Gabe haben, weil wir dann herausgefunden haben, wie sie erzeugt werden.“ „Du hast schon recht.“, pflichtete ich ihr bei, „aber im Moment sind wir böse Hexen.“ „Das ist schon scheiße. Ich würde Kirk so gerne mehr von uns erzählen. Ich wünschte, er wäre aus dem Clan.“, seufzte Luna und streckte sich. „Jasper ist aus dem Clan, hat aber keine Gabe. Das ist nicht viel besser. Kirk ist wenigstens tolerant erzogen worden. Für Jasper sind wir alle Verrückte.“ Ich verdrehte die Augen. „Das bekommt ihr schon hin. Und wenn unsere Kinder erst mal ihre Gabe entdecken, dann löst sich das Problem vielleicht von ganz alleine. Weist du noch wie Instabil wir damals waren?“ Ich erinnerte mich nur zu gut an die ständigen Verwandlungen in der ersten zeit. Wir hatten sogar Schulfrei deswegen. Vielleicht, wenn sich meine Tochter oder mein Sohn irgendwann vor Jasper verwandeln würde, natürlich aus versehen, dann könnten wir ihm alles erklären. Dann würde er vielleicht auch wieder eine Gabe haben. Aber wenn es so weiter lief wie bisher, dann würde er es nicht erfahren. Geheimhaltung war das oberste Gebot unseres Clans. „Meinst du, es war ein Fehler, dass wir auf die Schule außerhalb gegangen sind?“, fragte Luna plötzlich. „Wieso?“ „Weil wir dort beide unsere Freunde kennengelernt haben und wir jetzt beide dieses Problem haben.“ „Ja, aber wen hätten wir schon auf der Dorfschule kennengelernt? Wir kennen doch fast alle hier und willst du einen von denen heiraten?“, fragte ich rhetorisch. Natürlich fanden wir unsere Clanleute nicht durchweg schlecht. Aber in einem so kleinen Dorf kannte man sich halt und irgendwie war man auch untereinander verwand. Nicht wirklich, aber man stand sich schon irgendwie so nahe, dass es einem so vorkam und irgendwo mussten ja schließlich auch unsere Vorfahren gemeinsame Wurzeln haben, denn nur wenige Clanmitglieder hatten Menschen von außerhalb geheiratet. „Ach ja, Fynia. Du hast wie immer recht.“, seufzte meine Schwester erneut. Als wir an der kleinen Kapelle vorbei gingen, sahen wir mehrere kleine Gruppen aus Kindern. Kleine Initianten, die Gemeishaftsdienst leisteten. Eine Gruppe aus drei Kindern, etwa zehn bis zwölf Jahre alt, widmeten sich der Bemalung der Kapellenwand. Jedes Jahr wurden von den Neuen ein Teil der Wand bemalt, so zu sagen als Fußabdruck der neuen Generation. Ich bemerkte schmunzelnd, wie ein junges Mädchen den Pinsel mittels Psychokinese schweben ließ und so versuchte ihrer Sonne eine Brille aufzusetzen. Luna und ich steuerten automatisch den Teil der Wand an, wo unser Fußabdruck zu sehen war. Wir hatten uns selbst auf der Wand verewigt. Vier wunderschöne Wölfen waren auf der Wand zu sehen, einer in Violett, einer in Gelb, einer in Blau und einer in Rot. Unsere ganze Familie. Nur unser Vater fehlte, er war ja kein Gestaltwandler. „Ziemlich fies, Papa wegzulassen, oder?“, räumte Luna ein. „Was sollten wir tun? Das war doch irgendwie normal für uns.“, verteidigte ich unsere jüngeren Ichs. Als Menschen, die in einer überwiegend westeuropäischen Welt aufgewachsen waren, auch wenn der Einfluss unseres Clans nicht von der Hand zu weisen war, fühlten wir uns schon etwas privilegiert. Unser Clan lebte nämlich in einem Matriarchat. Im Dorf war es quasi genau andersrum, als beim Rest der Welt. Allerdings auch nicht wieder völlig verkehrte Welt. Es war nicht so, dass die Frauen arbeiteten und die Männer die Kinder hüteten. Im Gegenteil. Kinder bekommen und sie aufziehen war ein Privileg der Frauen. Wenn ein Kind, egal ob männlich oder weiblich, in der Welt großes Ansehen erlangte, dann war das der Verdienst seiner oder ihrer Mutter. Die Biologie diktierte unserem Clan, dass die Frau etwas wertvolles war. Ich konnte nicht verstehen, wieso das in anderen Kulturen anders gelaufen war. Die Frau ließ in sich selbst ein neues Leben entstehen und brachte es in die Welt. Sie kümmerte sich, gab ihren eigenen Leib, ihre Seele und ihre Jugend für die Aufzucht des Nachwuchses. Gibt es etwas Ehrenvolleres? Etwas Selbstloseres? In meinen Augen nicht. Aber die Erkenntnis, dass in der „echten“ Welt, in der Welt da draußen das Gebären, die Monatsblutung und die Erziehung der Kinder entweder unrein oder eine niedere Aufgabe war, schockierte mich zutiefst. Natürlich wurden bei uns die Männer auch geehrt. Sie sorgten sich um ihre Frauen, sie waren an der Fortpflanzung beteiligt und für die Ausbildung der Jungen verantwortlich. Dennoch galt die Zeit der Mutterschaft als eine heilige Zeit und damit konnte kein Mann konkurrieren. Mittlerweile sind wir da auch schon etwas gleichberechtigter. Mein Vater hatte auch Elternzeit und hat uns mit erzogen. Ein Privileg. „Sollen wir zurück? Mama ist bestimmt gleich wieder da.“, meinte Luna mit einen Blick auf ihr Handy. „Ich hab echt Schiss.“, bemerkte ich, als wir uns wieder auf den Rückweg machten. „Schon gut, Finni.“ Luna drückte kurz meine Hand und hakte sich dann bei mir unter. „Nee, echt. Was, wenn sie Vision komisch ist? Du weist, dass die Umstände schon echt verdächtig sind.“ „Ich weiß... aber mal nicht immer alles so schwarz. Es wird schon gutgehen.“, versuchte meine Schwester mich aufzuheitern. Ihre Absichten waren rein, das wusste ich. Zwischen uns gab es so was wie Neid und Eifersucht nicht. „Ich habe Angst...“ „Ich auch, ein wenig. Aber das wird schon.“ Ich fühlte mich so machtlos. Was auch immer heute Abend auf mich zukommen würde, ich hatte keine Kontrolle darüber. Und ich war mir so sicher, dass es etwas zumindest seltsames sein würde. Wieso sonst hatte sich die Vision so verspätet? Was sollte es für einen Grund geben, wenn nicht ein Fehler im System, oder eine schlechte Nachricht? Ich malte mir Bilder und Geschichten aus, in denen ich Krebs bekam oder Jasper durch einen Unfall starb. Oft verspäteten sich solche Ankündigungen, weil die Mutter diese Visionen nicht empfangen wollte. Je näher wir unserem Elternhaus kamen, desto übler wurde mir. Am liebsten wäre ich davon gelaufen, aber die Ungewissheit würde mich nicht ruhen lassen. Was konnte so schlimm sein, dass die Vision sich verspätete? Zerstörung? Wut? Hass? Starke negative Gefühle waren ebenfalls ein Problem bei Visionen. Die Mütter fühlten ja mit und konnten so auch Visionen verdrängen. Was, wenn meine Mutter meine Vision lange verdrängt hatte, weil sie schlecht war? Weil ich frühzeitig starb oder eine Katastrophe angekündigt wurde? Solche Visionen gab es auch. Es war dann eher wie eine Nebenvision. Zwar spielte das Kind die Hauptrolle, aber nebenher wurden bestimmte Aspekte der Zukunft enthüllt, die besser kein Mensch wissen sollte. Es hieß, der Tsunami auf Sri Lanka wurde auch vorher gesagt, weil ein Kind aus unserem Clan dort ein Austauschjahr machte und von der Monsterwelle ertränkt wurde. Endlich waren wir zuhause angekommen. Luna öffnete die Haustür. Von drinnen hörte ich schon die Stimmen meines Freundes, meines Bruders und die von meinem Vater. Was nur würde mich erwarten, wenn ich durch diese Haustür schritt? Welche Katastrophe hielt meine Bestimmung für mich parat?

Klappentext

Fynias Probleme beginnen, als sie aus einer Vision erfährt, dass Jasper nicht ihr Partner fürs Leben sein soll. Um dem Sog der Zweifel zu entfliehen, beschließt Fynia der Sache auf dem Grund zu gehen, denn eines ist sie sich ganz sicher: An der Sache stinkt etwas ganz gewaltig! Der Weg, den sie beschreitet, führt sie an den Ort, wo die Schafe sterben und auf direktem Weg in ein temporäres Paradoxon. Zwar taucht sie immer tiefer in das längst vergessene Wissen ihres Volkes, doch trennt sie dieser Pfad auch Schritt für Schritt von ihrer großen Liebe. Dass das sterbende Schaf Zweiundsiebzig mehr als nur ein Wiederkäuer zu sein scheint, macht allerdings die Tatsache ihrer scheiternden Beziehung nicht wett. Jasper fühlt sich durch die Geheimnistuerei seiner Freundin betrogen und Fynia muss einsehen: Er hat Recht!