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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Fremd soll er bleiben, Thea Barden
Thea Barden

Fremd soll er bleiben



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Draußen wird es langsam dunkel, und obwohl ich heute nicht allzuviel gearbeitet habe, beeile ich mich doch, den anderen durch mein unverschämt ausgiebiges Gähnen wissen zu lassen, daß ich, ganz im Gegensatz zu ihnen, rechtschaffen müde bin.


 


Der geputzte Angeber dort drüben quittiert meine lässige Erhabenheit mit einem feurigen Blick und wirft sich in Pose, doch ich bevorzuge, mich in meiner Erhabenheit zu sonnen, ist er doch viel kleiner und schmächtiger als ich. Nervöser Weichling!


 


Ich schüttel kräftig den Kopf, da hast du aber schlechte Papiere!


 


Die rüstige Alte neben mir protestiert schon energisch gegen den ungehobelten Umgangston der Jugend, und angesichts ihrer strengen Miene beschließe ich, weitere Unflätigkeiten zwischen zwei herzhaften Happen zu ersticken.


 


Ist ja auch alles Karotte wie Rübe! Das Heu duftet viel zu verführerisch, mein Haferbreichen schmeckt erstklassig, ebenso wie mein Eimerchen Bier und ich hab es trocken und weich.


 


Außerdem ist diese halbe Portion Pferdescheiße dort drüben sowieso nicht meine Halfterweite.


 


Oh! Verzeiht, ich philosophiere so gerne beim Essen, daß ich ganz vergaß, mich vorzustellen - wie peinlich!


 


Man nennt mich Siebenmaß, weil ich gar so groß geraten bin und - wenn ich das mal so ganz unbescheiden sagen darf - weil ich ohne mit der Wimper zu zucken, sieben Maßen Bier trinken kann, noch vor der Mahlzeit!


 


Ich bin ein hübsches Mägdlein von zehn Lenzen mit Hufen wie Brotzeittellern, der Kraft von drei Ochsen, dem Behang eines Braunbären im Winter, dem Gemüt eines Dotterblümchens und, nun ja, dem Durst eines ganzen Söldnerheeres.


 


Und ich lasse mich äußerst ungern für irgendeinen Mist vor den Karren spannen. Ganz recht, ich bin ein Streitroß und reichlich stolz darauf.


 


Sooo...mal kurz weg kucken, ich muß mal für kleine Shire-Horses. Alles klar, weiter essen.


 


Und jetzt wird es mir eine ganz besondere Freude sein, meinen Herrn zu Wort kommen zu lassen. Also, raus aus dem Stall und rein in die Schenken im Jahre des Herren 1489...


 


 


 


 


 


1


 


 


 


 


 


Wie war es nur möglich, daß ich mich schon wieder hier fand, hier, in dieser undurchsichtigen, verräucherten Schenke, in der Kerzenlicht und Pechfackeln ihr närrisches Spiel auf der Oberfläche meines goldgelben Mets trieben und meinen schweren Blick fesselten? Woran lag es nur, daß jeder Tag meines Lebens so enden mußte?


 


Welche Frage, du Tor, du weißt es doch! Du wirst immer zu spät kommen! Zum Teufel, alles was ich hatte, würde ich geben, nur um die Zeit ein einziges Mal zurückzudrehen! Nein...bitte nicht jetzt...hab Erbarmen, du bittersüße Erinnerung, nicht jetzt! Laß mich allein, laß mich in Selbstmitleid ertrinken, laß den Veit in einem See von Met ersaufen!


 


Zum Wohle, Veit!


 


Pfui, Teufel! Mit jedem Schluck wurde er stärker und schwerer und süßer! Oh, Schmerz, mein Leib wehrte sich, doch mein bißchen Hirn weigerte sich, die Warnzeichen meines Magens ernst zu nehmen, und so forderte ich die Schankmaid auf, reichlich nachzuschenken.


 


„Kunnst zahl’n, Veit?“, hörte ich ihre keifende Stimme, in der Spott und eindeutige Aufforderung stets um die Vormachtstellung kämpften. Und vielleicht auch der Wunsch, Gästen wie mir einfach eine runterzuhauen. Lud hieß sie, glaub ich, Lud, wie Ludwiga oder Luder.


 


„Schenk nach, Lud!“, brummte ich, „mir brennt’s auf der Zung.“


 


Sie lachte und drückte ihren großen Krug an ihren ebenso mächtigen Busen. Ich glaube, in diesem Augenblick hatte der Spott die Schlacht gewonnen.


 


„Wen wundert’s, Veit? Mehr als Sodbrennen hast g’wiß du nit zu bieten!“


 


Irgendjemand lachte.


 


Es war mir völlig gleichgültig, was sie sagte und wie laut sie es sagte, ich hielt ihr einfach den Kelch entgegen, den sie mit einem geringschätzigen Lächeln füllte. Ihre große, weiche Hand fuhr mir durchs Haar.


 


„Bist ein hübscher Bursch, Veit, grad schad um dich.“


 


Die Vertraulichkeit ihrer Berührung bedeutete mir absolut nichts, ich nahm sie kaum wahr. Stattdessen tat ich einen kräftigen Schluck von diesem grauenvoll mundenden Trank, der mehr und mehr meine Sinne betäubte.


 


Ich faßte mir an die Stirn, lehnte mich auf der großen Bank nach hinten. Dabei fiel etwas scheppernd zu Boden. Ich glaube, es war mein Schwert. Halbherzig faßte ich danach, und da ich es nicht mehr erreichte, vergaß ich es auch schon wieder. Der goldgelbe Met blitzte mich an, so lockend, so lecker, so beruhigend.


 


Die Musik wurde immer lauter und närrischer, sie packte meine Glieder, meinen Kopf. Irgendetwas schlug sanft und rhythmisch um meine Schultern wie die Wogen des Schlachtwindes, wie im satten Galopp eines schweren Streitrosses. Mein Haar war es und das Blut in meinen Adern.


 


Ich falle...halt auf...falle!


 


Ich merkte gerade noch rechtzeitig, daß ich meine Augen wohl zu lange geschlossen hatte und der Tischplatte entgegen raste. Kurz vor der goldblitzenden Oberfläche des Mets hielt ich inne. Aus dem Kelch heraus winkte er mir einladend zu. Mühevoll riß ich mich los, um mich in der Schenke umzusehen. Es hatte doch wohl während meiner kurzen Abwesenheit keine Schlacht gegeben? Nein, sah eindeutig nicht danach aus oder zumindest noch nicht.


 


Die drei bunten Spielleut verprügelten lediglich ihre Pauken, entlockten den Sackpfeifen ein diabolisches Quäken und brachten die Flöten dazu, in den höchsten Tönen zu jubilieren. Die Schellen rasselten rhythmisch, und die anderen Gäste klatschten, tanzten und tranken dazu. Sie wirkten alle sehr glücklich, aber wahrscheinlich hatte jeder von ihnen sein eigenes Kreuz zu tragen. Nur hier, im feuchtfröhlichen Vergessen der Schenke waren sie glücklich. Und morgen?


 


Ich dachte mit böser Vorahnung an meinen dicken Schädel, den ich morgen gewiß haben würde. Dieser Vision zum Trotz hob ich den Kelch und wollte meine verbliebenen Sinne zum Teufel schicken, als just in diesem Augenblick ein paar verwegene Gestalten die Schenke betraten.


 


Wenn man vom Teufel spricht...ich kannte sie und deshalb gefiel es mir nicht.


 


Schwarz-Malwine und ihre Söldnerbande traten ein wie erwartet, nämlich laut, brüllend und pöbelnd, als hätten sie diese Schenke gepachtet.


 


Lud protestierte und Malwine lachte ihr unweibliches, herzloses Lachen.


 


Man sagt, sie habe ihre Seele dem Teufel verkauft und daß ihre Mutter eine Hexe gewesen sei.


 


Ich faßte unbewußt nach meinem Schwert, doch dann erinnerte ich mich vage, daß es umgefallen war. Und plötzlich fürchtete ich um den feuchtfröhlichen Frieden in der Schenke. Zur Salzsäule erstarrt beobachtete ich Schwarz-Malwines dreckigen Haufen und war beunruhigt.


 


Nachdem ich von keiner Schlacht in der Gegend wußte, drängte sich mir die Frage auf, was sie hier wollten. Schließlich waren sie Söldner wie ich und damit natürlich auch meist einem Soldherrn verpflichtet. Ich hatte schon an ihrer Seite gekämpft und wußte, daß sie gute Kämpfer waren. Malwine selbst war eine der sehr wenigen Frauen in Waffen, die ich kannte, aber von allen Schlachtenhexen war sie die Schlimmste. Sie kämpfte stets unehrlich, und so mancher tapfere Recke mochte den Tod durch einen ihrer heimtückischen Dolche gefunden haben. Ihre Gegner hatten wahrscheinlich nicht sehr lange über sie gelacht.


 


Ich wußte nicht, wie oft sie schon dem Scheiterhaufen entgangen war, ich wußte nur, daß ich sie und ihre Bande nicht zum Feind haben wollte. Dummerweise sah es im Augenblick aber gänzlich danach aus, denn ich stand zurzeit im Sold, diese nette, gemütliche Stadt zu beschützen. Irgendwie drängte plötzlich der Met nach oben und setzte sich hartnäckig in meiner Kehle fest.


 


„Veit!“


 


Ich erschrak so heftig, daß mir beinahe der Kelch aus der Hand gesprungen wäre und bemerkte alsdann die Gestalt neben mir.


 


„Veit, sitzt’ grad da wie zur Osterandacht! Gewahrest nit dein besten Freund!“


 


„Jörgle...“


 


Ich blinzelte verwirrt, und es ging mir auf, daß er mich wohl schon zum wiederholten Male angesprochen hatte.


 


Er war Jörgle, der verkrüppelte Gaukler, Jörgle mit dem Buckel, dem feuerroten Haarschopf, den lustigen Augen und der Größe eines zehnjährigen Kindes. Und trotz seines seltsam verdrehten Leibes vermochte er die tollsten Kunststücke. Gemäß seinen ehrlosen Standes trug er die bunte Gewandung der Fahrenden und war sicherlich ein armes Schwein, aber ich hatte ihn niemals traurig gesehen. Irgendwie brachte er mich immer zum Lachen.


 


„Verzeih, mein Freund“, ich lächelte, bot ihm Platz an, „setz dich her da.“


 


Jörgle grinste mich schief an und deutete auf meinen Met.


 


„Ei, Veit, mir dünkt, dies is nit dein erster. So hol ich mir g’schwind Bier und helf dir nachher heim.“


 


Ich sah ihn zum Schankwirt und geradewegs in Schwarz-Malwines Arme watscheln. Meine Faust ballte sich in dumpfer Vorahnung um den Kelch und meine schweren Beine waren mit einem Male ziemlich sprungbereit.


 


Es kam, wie es kommen mußte.


 


„Heh, du Zwerg!“


 


Das war Malwines kalte Stimme. „Grad das Tropfbier sei dir trefflich wohl! So denn hau ab und sauf’s mit den Säuen!“


 


Die Neige Bier traf Jörgle geradewegs im Gesicht, wo es traurig von seiner hübschen Stupsnase tropfte.


 


Schallendes Lachen.


 


Jörgle wischte sich das Gesicht mit dem Hemdsärmel ab und lächelte bemitleidend.


 


„Ei, Jungfer“, sagte er, „so habt Ihr wohl ei’m Mannsbild nit mehr zu bieten als ein’ schal’ Schluck Bier?“


 


Wieder schallendes Lachen.


 


„So käm’s Euch freilich übel an, ein G’wand zu tragen wie’s Weibsvolk tut, da mir scheint, Euch sei die Haut zu kurz g’raten...kaum kneifet Ihr die Afterballen zammen, geht Euch schon das Maul auf!“


 


Alles brüllte vor Lachen, nur Schwarz-Malwine nicht. Stattdessen entrang sich ihrer Kehle ein tiefes, wölfisches Knurren, das tatsächlich mehr Ähnlichkeit mit einem Raubtier, denn mit einer Frau hatte. Ihre schwarz behandschuhten Hände schnellten mit der Plötzlichkeit einer Schlange vor, doch da war auch ich bereits in Bewegung, über den Tisch gesprungen und, einige Schaulustige zur Seite stoßend, auf dem Weg zum Ausschank.


 


Überflüssig zu erwähnen, daß die Spielleut aufgehört hatten zu spielen und daß ich plötzlich ziemlich nüchtern war.


 


Malwine hatte den kleinen Jörgle am Kragen gepackt und fletschte ihn blutrünstig an. Das Lachen war verstummt, jetzt gafften sie alle gebannt auf die schwarzhaarige Bestie in ihrer eisenbeschlagenen Lederrüstung und auf ihre süffisant lächelnden Begleiter, die ausnahmslos so aussahen, als würden sie kleine Gaukler zum Frühstück verzehren.


 


„Laß ihn aus und stell dich einem echten Gegner!“, hörte ich mich knurren. Ich war an Jörgles Seite getreten und sprengte schon im nächsten Augenblick Schwarz-Malwines Griff. Jörgle taumelte kraftlos gegen das große Bierfaß.


 


Wir standen uns gegenüber. Malwine war natürlich wesentlich kleiner als ich und ziemlich zierlich. Und vielleicht hatte sie sogar ein hübsches Gesicht, wenn dieses verschlagene Lauern in ihren Augen und das wölfische Lächeln um ihre Mundwinkel nicht gewesen wären.


 


„Bei allen Teufeln, Veit!“, murmelte sie anerkennend und zog mich lüsternen Blickes aus.


 


„Keine Händel in meiner Stadt!“, versicherte ich ihr nachdrücklich. „Ist Zeit zu gehen, Malwine!“


 


„Ach, liebster Veit“, säuselte sie, „trink mit uns, auf trefflich Schlacht, die wir geschlagen.“


 


Sie wandte sich einem vollen Krug Bier zu, und ich war versucht zu glauben, daß sie es sich wirklich nicht mit mir verscherzen wollte. Aber irgendetwas in meinem Restverstand, den ich noch nicht versoffen hatte, schrie nach höchster Vorsicht.


 


„Veit! Hab Acht!“, brüllte Jörgle, denn Bier und Krug verfehlten mich nur um Haaresbreite, als ich zur Seite auswich. Nur für einen kurzen Augenblick lang hörte ich, daß das nasse Geschoß ein anderes lebendes Ziel gefunden hatte, denn während meines Ausweichmanövers lief ich beinahe in Schwarz-Malwines wieselflinke Dolchattacke.


 


Die scharfe, blitzende Klinge ratschte häßlich über meinen Unterarmschutz und fuhr, ihrer ursprünglichen Stoßkraft allerdings weitgehend beraubt, in meine Armbeuge, wo mein Gambeςon Gott sei dank das Schlimmste verhinderte.


 


Während meiner Schrecksekunde und einem erschrockenen „Au!“, prallte mir Malwine regelrecht in die Arme. Keine Zeit zu überlegen. Ich zog aus und schlug rückhänds derart zu, daß das Satansweib wie eine Kanonenkugel über das Bierfaß flog. Man hatte mich zwar gelehrt, niemals eine Frau zu schlagen, doch Schwarz-Malwine war eine Ausnahme.


 


„Veit, hinter...!“ Jörgles restliche Warnung ging in der Explosion blauer Sterne unter, als mich irgendein harter Gegenstand im Nacken traf und auf die Bretter schickte.


 


Wie von Weitem hörte ich die Sturmwogen des Krieges, der plötzlich in der Schenke ausgebrochen schien. Ich schüttelte benommen den Kopf und richtete mich staksig auf. Gerade rechtzeitig, um einen Gesellen aufzufangen, der offenbar nähere Bekanntschaft mit einer Faust gleich eines Pferdetritts gemacht hatte. Wir prallten beide gegen einen Tisch, der unter unserer Wucht nachgab und kostbares Naß wie Krüge durch die rauchgeschwängerte Luft schickte.


 


Ich fragte den Kerl noch, ob er denn des Wahnes sei, ehe ich ihm eine Kostprobe meines Pferdetritts verabreichte.


 


Das Letzte, woran ich mich noch bewußt erinnere, war das heillose Durcheinander der um sich prügelnden Gäste, das gewaltige, furchteinflößende Brüllen des Riesen aus Malwines Haufen, als er mit einem Bierfaß ausholte und Luds endloses Gekeife. Dann verschluckte mich die Raserei vollends.


 


Zur Besinnung brachte mich erst wieder ein Tritt unter die Gürtellinie und ein Hellebardenstiel in die Rippen, weil mir vor Schmerz die Luft wegblieb und ich mich schließlich draußen auf der Gasse wiederfand.


 


Ich sah Uniformierte, die Stadtbüttel, zu denen ich eigentlich auch gehörte. Während ich mich zur Pferdetränke schleppte, räumten sie die Schenke von üblem Gesindel.


 


Kaum, daß ich meinen dicken, blutigen Schädel ins Wasser getaucht hatte, mußte ich mich so elendig übergeben wie selten in meinem Leben. Vermutlich bot ich ein wahres Bild des Jammers, als ich dort kauerte, stöhnte, röchelte, nach Atem rang und sämtliche Teufel aus meinen Eingeweiden spie.


 


„Mir dünkt, Euch war der Abend trefflich wohl.“, sagte jemand irgendwo über mir mit sanfter, belustigter Stimme.


 


„Wie kommt’s“, stöhnte ich, „zu derlei Kenntnis?“


 


Die Stimme lachte amüsiert, dann erschien mit einem Male eine fein behandschuhte Hand vor meinem malträtierten Gesicht. Ich nahm sie, ohne zu zögern und ließ mir aufhelfen.


 


„Ihr seid wahrlich eine Augenweide.“, bemerkte mein aufmerksamer Samariter mitfühlend.


 


„Sagt, wollt Ihr mich ehelichen, oder wer seid Ihr?“, konterte ich, noch reichlich schwächlich in den Knien.


 


Er sah aus wie ein Edelmann mit reicher Gewandung, und er zeigte makellose Zähne, als er lachte.


 


„Als denn ist Euch wohler, als Ihr ausseht. Trefflich. Merket auf! Ich suche Männer, die für mich streiten, und Ihr scheint mir der rechte Mann zu sein.“


 


„Genug der Schlachten!“, wehrte ich ab. Im Augenblick wollte ich nur eines: eine Ewigkeit schlafen.


 


„Euer Schaden soll’s nit sein.“,  meinte er gelassen.


 


„Geht fort, ich brauch Euch nit!“


 


Angeschlagen wankte ich an ihm vorüber. Ich hatte genug, genug Met oder das, was davon geblieben war und genug der Dellen.


 


„Wohlan“, sagte er gelassen, als sei die Angelegenheit noch lange nicht vom Tisch, „mir dünkt, es war zur falschen Stund, verzeiht. So Ihr des Morgens wieder wohl bei Gestalt seid, erlaubet mir, mein Anliegen zu erneuen.“


 


Ich hörte ihm nicht mehr zu, sondern wog einen Schritt nach dem anderen vorsichtig ab, um neben Siebenmaß schließlich völlig erschöpft ins Stroh zu fallen.


 


 


 


 


 


Oh, Herr! Du machst heut aber eine denkbar schlechte Figur und du stinkst nach drei Eimern Mist!


 


Mein Zaumzeug hatte auch schon besser gepaßt - man muß sich eben alles selbst zurechtkauen.


 


Heda! Paß doch auf, wo du den Sattel hinwirfst! Mein Rücken ist doch kein Holzbock! Na, wenigstens entschuldigst du dich noch bei deinem großen Mädchen.


 


Manieren hat er ja, mein Herr, manchmal.


 


Na, also, du wirst doch wohl noch in den Sattel kommen, du langes Elend! Jammer...ich darf nicht hinsehen...Soll ich etwa für dich noch in die Knie gehen wie ein Kamel? Ich bin ein Streitroß, falls du es vergessen hast, und du bist der lausigste, strohhirnigste Ritter, der mich je geritten hat! Was sollen denn die anderen von mir denken? Sieh, die Alte und der Hengst glotzen schon ganz argwöhnisch.


 


Na, bist du jetzt endlich oben? Prima! Kann ich endlich losgehen? Puh, was für eine schwere Geburt! Und jetzt sitz gefälligst grade, sonst habe ich wieder einseitigen Muskelkater!


 


Aha, die Stadt. Eine saftige Wiese wäre mir zwar bedeutend lieber, aber sehen wir mal, wo’s hingeht.


 


Hach, ich liebe es, wenn sie alle kucken. Mal den Paradegang einlegen, einen schwebenden Trab höchster Aktion...gel, ich bin eine Augenweide, was man von dir nicht behaupten kann, du fauler Kerl, der du mich heute nicht einmal geputzt hast!


 


Ach, ein kleiner Aufwärmgalopp wäre jetzt eine feine Sache, doch mein Herr mag das heute nicht so gerne, wie es scheint, denn er pariert mich schon wieder durch. Wie langweilig!


 


Aber wenn dir der Feind mal wieder im Nacken hockt, kann ich dir gar nicht schnell genug laufen, wie? Ja, ja, ich weiß, du bist schließlich der Herr.


 


Warum klappert denn heute gar nichts gegen meine werte Seite? Blödian, du hast dein Schwert vergessen!


 


Oh, Herr! Du machst heute aber wirklich eine denkbar schlechte Figur!


 


 


 


 


 


„Zur neunten Stund hat’s längst g’schlagen, Veit Brochdenar!“


 


„Prochtenhaar.“


 


„Wie meint er?“


 


„Veit Prochtenhaar.“


 


„Einerlei, er kummt zu spät!“


 


Jesus, wenn ich sagte, mir ginge es schlecht, würde ich mich vor dem Allmächtigen versündigen! Nein, es ging überhaupt nichts, ich war einfach nur eine Leiche auf schwankenden Beinen. Mein Gesicht war weiß wie die Wand der Ratsstube, abgesehen von den blau geschwollenen Blutergüssen und den rot unterlaufenen Metaugen natürlich. Um das zu wissen, brauchte ich keinen Spiegel, es waren lediglich Erfahrungswerte, und die meisten Erfahrungen schmerzten.


 


Mein Schädel dröhnte wie die Glocken im Kölner Dom, meine Augen brannten wie die armen Seelen im Fegefeuer, mein Magen drehte sich wie ein Mühlrad und meine Wunden zogen wie Siebenmaß zum Freibier.


 


„...Nit nur, daß er pflichtvergessen, ferner noch verhauet er die Leut’, die er zu schützen gelobet hat in dieser Stadt!“


 


Konnte es sein, daß ich vor lauter Selbstbegutachtung einen wesentlichen Teil der Standpauke überhört hatte?


 


„Herr, ich...“, hub ich lahm an, sehr lahm, zu lahm.


 


„Veit Brochdenar oder wie er sich immer schimpfet,“ der Stadtschultheiß sah wirklich nicht sehr milde aus, „bewege er seine lausig Soldritterseel aus meiner Stadt oder ich mag ihm gar trefflich die Afterballen gerben, derowegen sie brennen mögen wie sündig Fleisch im Fegfeuer!“


 


Bei aller Freundschaft, das war deutlich. Diese Soldschaft war gestorben.


 


So weit war’s also mit dem Adel gekommen, so tief gesunken, dass sich ein Ritter von einem bürgerlichen Pfeffersack schelten lassen mußte wie ein dummer Junge. Wo waren die Zeiten geblieben, als es noch hieß: Viel Feind, viel Ehr? Nun ja, mit Ehre hatte ich mich freilich nicht bekleckert, eher mit Met und Erbrochenem. Sehr ritterlich, Veit, Kompliment!


 


„Und weh ihm, wenn er sich nit vonhinnen macht bis Mitternacht, so wird ihm das Rad gar trefflich schmecken!“


 


Eigentlich hatte ich schon genug an leiblichen Mängeln, so deutete ich eine knappe Verbeugung an, die nicht sofort den Mageninhalt nach Außen kehrte und machte mich eiligst davon.


 


Manche Herren hatten einfach eine zu liebenswerte Art, Soldknechte wie mich von den Vorteilen einer neuen Bleibe zu überzeugen.


 


 


 


Und so landete ich wieder hier.


 


Lud funkelte mich böse an, als ich ihre Schenke betrat und stützte sich, um Selbstbeherrschung ringend, auf ihren Reisigbesen, mit dem sie die Kriegsschäden des Vorabends beseitigte.


 


„Kummst wohl zum Zech’ zahln?“, fragte sie spitz, und als ich meine großen Hände um ihre Zöpfe legte und sie mit treuem Hundeblick ansah, schlug sie etwas beschämt die Augen nieder.


 


„Siehst nit grad wohl aus, Veit.“, murmelte sie.


 


„Ich bin der Stadt verwiesen.“,  sagte ich einfach.


 


„Setz dich her da, kriegst was z’beißen.“, brummte sie und befreite sich etwas unwirsch aus meiner Berührung.


 


Ich setzte mich irgendwie traumverloren an den nächsten Tisch, der die Schlägerei besser überstanden hatte als ich, während Lud in der Küche verschwand. Ich war ihr dankbar, daß sie mich nicht auch weggeschickt hatte, kam ich mir doch vor wie der letzte Dreck.


 


Lud brachte Essen und Ziegenmilch und strich mir schon wieder durchs Haar. Diesmal tat es gut zu wissen, daß sie was für mich übrig hatte, und wenn’s nur das Teil zwischen ihren Beinen war.


 


„Wirst ein Bad brauchen.“, stellte sie fest. Ich nickte schlapp und begann, lustlos zu essen.


 


Nicht, daß mir besonders viel an dieser Stadt gelegen war, aber es schmerzte dennoch, hinaus geprügelt zu werden wie ein räudiger Hund. Und es war doch so eine angenehme Arbeit gewesen. Nun würde mich vermutlich das nächste Schlachtfeld wieder verschlingen und mit den Jahren aus einem gesunden, jungen Mann einen alten Krüppel machen oder eine schöne heldenhafte Leiche.


 


Ich will doch nur...!


 


Entsetzt enthauptete ich diesen Gedanken. Ich will nicht mehr darüber nachdenken!


 


„Verzeiht, Veit Prochtenhaar, doch mir dünkt, Ihr misset dies.“


 


Wer wagte es, mich in meinem Selbstmitleid zu stören?


 


Unwillig blickte ich auf und geradewegs in das wissend lächelnde Gesicht eines Fremden, der mir mein Schwert herüberreichte.


 


„Wer...?“ Verwirrt nahm ich mein Eigentum entgegen, „...seid Ihr?“


 


„Tat Euer Haupt ein Schaden nehmen, daß Ihr Euch nit erinnern mögt? Wir trafen letzte nacht zusammen.“


 


Ja, ganz dunkel erinnerte ich mich an den Edelmann, der mir bei der Pferdetränke aufgeholfen hatte. Ich denke, er war es, denn auch heute trug er reiche Samtgewandung in schwarz und bordeaux, ein federgeschmücktes Barett, blank polierte Langschäfter und goldbestickte Handschuhe aus spanischem Leder.


 


Er besaß ein scharf geschnittenes, hellwaches Gesicht mit dunklen, fesselnden Augen und einem fein gestutzten Bart, eingerahmt von seidig schwarzem Haar.


 


„Und wie kommt Ihr zu meinem Namen?“


 


„Das sind der Fragen gleich zwei, Veit. So will mir die Rechnung nit aufgehn, da Ihr mir der meinen schuldig bliebt.“


 


„Welche...Frage?“ Ich kam mir plötzlich ziemlich hilflos vor und suchte Abstand zu dem Fremden, indem ich mich zurücklehnte, aber ich konnte meinen verwirrten Blick nicht von seinen Augen lassen.


 


„Wollt Ihr mein Gefolgsmann sein?“ Er setzte sich mir gegenüber.


 


„Euer Gefolgsmann?“


 


„Ein Leicht’s soll’s mir sein, Euch trefflich zu belohnen, so Ihr mir nur recht zur Seite steht, da mag Ruhm und Reichtum nit ausbleiben.“


 


„Aber mich dürstet nit nach Ruhm und Reichtum.“,  warf ich nachdenklich ein.


 


„So dürstet Euch denn nach Frieden?“


 


„Ja...Frieden...“ Meine Gedanken schweiften ab, und die Erinnerung, die sich mir aufdrängte, schmerzte so sehr, daß mir ein böser Stich durchs Herz fuhr.


 


„Frieden kann ich Euch bringen, so viel Ihr nur wollt. Und freilich auch ein sittsam Heim, wenn’s Euch danach verlanget, so Ihr Euch nur bei mir einschreibt.“


 


Er legte väterlich seine Hand auf meinen verletzten Arm.


 


„Veit“, sprach er eindringlich, und ich versank in seinen dunklen Augen, „dies Stadt von Federfuchsern hätt’ Euch nit verdienet. Zu Größerem seid Ihr geboren, so man Euch nimmer mehr mit Füßen tritt. Einen Freund braucht Ihr, den’s kümmert, was Euch geschieht. Und Wunden mögen heilen.“


 


„Wollt Ihr alsdenn mein Soldherr sein?“


 


„Und Euer Freund, so Ihr’s erlaubt.“


 


Er klang sehr aufrichtig und schenkte mir ein zuversichtliches Lächeln, dennoch nahm ich mir Zeit zu überlegen.


 


Hier hielt mich nichts, das stimmte. Und wenn mir der reiche Fremde tatsächlich eine Zukunft bieten konnte, weshalb sollte ich Nein sagen?


 


Wunden heilen, vielleicht, irgendwann.


 


„Was müßt ich tun?“


 


Mein Gegenüber lächelte geheimnisvoll.


 


„Zum Ersten sollt Ihr mir lebenslang zu Diensten sein.“


 


Ich nickte.


 


„Zum Zweiten müßt Ihr alles vergessen, woran Ihr seither geglaubt.“


 


Das hörte sich schon schwieriger an. Ich war tatsächlich gespannt, ob es eine dritte Bedingung geben würde, und als sich der Fremde anschickte, mich von meiner Spannung zu erlösen, betrat just in diesem Augenblick mein Freund Jörgle die Schenke.


 


Seltsam...Jörgle war doch ein Freund.


 


„Jörgle!“, grüßte ich ihn erfreut, erleichtert zu wissen, daß man ihn letzte Nacht ebensowenig wie mich ins Loch geworfen hatte.


 


„Veit! Ei, daß’d dich in Ludes Nähe traust?“, lachte Jörgle, „war’s gestern nacht doch gar zu toll!“


 


„Nun, Lud mocht’s dem argen Buben wohl verzeihen.“, lächelte ich. Plötzlich hatte ich die dritte Bedingung meines Gegenübers völlig vergessen.


 


„Machst neu Kontrakt zur Soldschaft?“, fragte Jörgle und kam neugierig näher. Mir fiel auf, daß er den edlen Fremden abschätzend musterte, und ich muß sagen, daß mir das Lächeln des Fremden gar nicht gefiel, so kalt wie es über Jörgle hinweg strich.


 


„Der Schulz wollt mir die Afterballen gerben, blieb ich in der Stadt.“, hörte ich mich murmeln, als ich beunruhigte Blicke zwischen den beiden wechselte. Kannten sie sich etwa? Wenn ja, dann waren sie sich nicht gerade unter erfreulichen Umständen begegnet.


 


„Sei’s drum, Veit.“, sagte Jörgle endlich und grinste mich mit breiter, unverschämter Grimasse an, „so trifft sich’s wohl! Wir ziehn morgen zum Tagesanbruch weiter, die Spielleut und ich. Is nit einfacher, du kummst mit uns, hast Kost frei, derweil du mancherorts für’s leiblich Wohl sorgst. Is nit verkehrt, ein’s Reitermannes Schutz zu wissen, und’s fahrend Leben Gaukelei magst du g’wiß nimmer missen.“


 


Ich mußte lachen, teils über Jörgle, dem es immer gelang, dem ernsten Leben ins Gesicht zu spucken, teils über die Tatsache, daß ich, kaum aus der Stadt verbannt, schon zwei Soldherren haben konnte.


 


„Verzeiht“, sagte ich schließlich zu dem Fremden, „wollt Euch nit schändlich warten lassen.“


 


Er lächelte flüchtig, aber ich hatte das Gefühl, daß das Lächeln nicht mir galt, sondern einem Gedanken.


 


„Mir dünkt, ich hab die Qual der Wahl. Verzeiht, Herr, wenn’s itzo nit zum Zeichnen kommt. Und fiele ich bei Euch in Ungnad, noch kann ich’s nit, nit eh’ ich mir garselbst den Schädel hab zurechtgestutzt.“


 


„Solang Ihr wisset“, murmelte der Fremde, einen geringschätzigen Seitenblick auf Jörgle werfend, „wer wahrhaft Eure Freunde sind, sei’s Euch fürs eine Mal verziehen. Doch laßt Euch nit den Weg verderben von eifersüchtig Schwatzen. Veit, noch halt ich auf die Hand für Euch!“


 


Er erhob sich. „Wir sehen uns wieder, Freund.“


 


Ich senkte seufzend den Blick und fühlte mich schlecht. Irgendwie spürte ich, einen Fehler gemacht zu haben, doch der Jörg sah das völlig anders.


 


„Ei, Veit, wenn’st fertig hast dein Vesperei, so magst mich in der Badstuben am Grünmarkt treffen. Hab dir noch ein paar Wort’ mitz’geben.“


 


Jörgle klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter, und als ich endlich wieder aufsah, waren Jörgle und der Fremde verschwunden.


 


 


 


 


 


 


 


 


 


2


 


 


 


 


 


Die Schlacht wütete schon Stunden, als uns der Feind in die Zange nahm. Der Boden war matschig, und Petrus schüttete wahre Eimer vom Himmel.


 


Durch einen Schwertstreich, der mich knapp unter dem Harnisch verletzt hatte, waren Siebenmaß und ich in arge Bedrängnis geraten. Mit meinem Streitkolben hieb ich rasend um mich, um uns einen Weg frei zu kämpfen, und als Siebenmaß sich schließlich wie ein Ungetüm durch Angreifer und Schlamm walzte, traf mich dieser verdammte Armbrustbolzen.


 


Mein Streitkolben flog wie ein blutiger Komet durch den Regen davon. Nur durch Gottes Gnade blieb ich im Sattel und hatte nur ein Ziel:


 


Raus aus dem Schlachtengetümmel!


 


Wir galoppierten diesen endlosen Hügel hinab, der durch Regen, Schlamm und Blut mehr einer Rutschbahn glich, denn einer Heide. Ich schrie noch immer vor Kampfesraserei und Schmerz und vielleicht auch vor Wundschock. Und als wir den großen See am Fuße des Schlachtfeldes erreichten, schrie ich mit einem Male nicht mehr, denn ich war ohnmächtig geworden. Ich merkte nur noch ganz vage, daß Siebenmaß in einen leichten Trab gefallen war und schließlich schnaubend ausschritt. Sie trug mich irgendwohin.


 


Ab und an erwachte ich, doch ich habe keinerlei Erinnerung an die Landschaft oder Ereignisse, die während meiner Zwangspause eintraten, außer, daß ich manchmal Roßhaare ausspie, was mich vermuten läßt, halb über Siebenmaßens Mähne gelegen zu haben.


 


Erst war es der Geruch von frisch gekochtem Essen und dann die Stimmen, die mich ins Reich der Mächtigen zurückholten. Siebenmaß war stehengeblieben.


 


Mir war so schwindlig wie nach drei durchzechten Nächten, daß ich nur eines klar vor mir sah, nämlich einen Brunnen, denn ich verzehrte mich nach Wasser. Ich wollte unbedingt dorthin, doch es war mir irgendwie unmöglich.


 


Bei der geringsten Bewegung schwamm der Brunnen in unerreichbare Ferne fort. Und so war ich so sehr mit meinem Wundbrand beschäftigt, daß ich die vielen lauten, menschlichen Stimmen gar nicht recht bemerkte.


 


Mein Verstand wußte natürlich, daß mich Menschen umgaben, aber ich wollte das gar nicht wissen. Vielleicht, wenn ich nicht so schwer verletzt gewesen wäre, hätte mich die Anwesenheit der Dorfbewohner beruhigt, aber ich war schwer verletzt.


 


Ich hatte vermutlich einen Eimer voll Blut verloren und verdreckte Wunden und war nahe daran, zum Teufel zu gehen, wenn da nicht plötzlich dieses schmale Gesicht neben mir aufgetaucht wäre. Es sagte etwas, aber ich hatte verständlicherweise keine Muße, darüber nachzudenken. Ich sah nur, daß es furchtbar unscharf war, blutschlierig und trotzdem hell und blond.


 


Irgendjemand zerrte mich von Siebenmaß herunter, dann benetzte Wasser meine brennenden, rissigen Lippen. Es beschäftigte mich eine Weile, so daß es mir völlig gleichgültig war, als mich irgendein Irgendjemand aufhob und irgendwo hinbrachte.


 


 


 


Ich lag auf hartem Untergrund. Es war einer der wenigen lichteren Augenblicke während meiner Schwäche.


 


„Mit Bedacht, Andres, langsam!“, sagte eine Frau.


 


Ich konnte Kerzenlicht erkennen und merkte, daß sich jemand an meinem Harnisch zu schaffen machte.


 


„Geht nit! Der Bolzen!“, sagte ein Mann.


 


Während sie miteinander redeten, formte sich ein Gedanke mehr und mehr in meinem schwachen Hirn.


 


Zieh ihn raus, gottverdammt, zieh ihn raus!


 


Der Armbrustbolzen ragte vermutlich noch immer stolz aus meiner rechten Brust und verband nun, allen Bemühungen zum Trotz, den Eisenharnisch mit meinem Fleisch.


 


Ein derbes, rotes Gesicht erschien plötzlich über mir, und ich dachte oder sagte verzweifelt: „So zieh ihn raus!“


 


Das tat er gottlob nicht, sonst wäre ich auf der Stelle vor Schmerz gestorben, sondern er begann, den Bolzen abzuschneiden und mir vorsichtig, den verbeulten Harnisch vom Leib zu ziehen. Aber auch diese kleine Erschütterung riß mich fast entzwei, und ich sank dankbar wieder ins Reich der Träume hinab.


 


 


 


Aber sie waren keine großartige Erholung, die Träume, denn mich quälten Bestien, Todesfratzen und Höllenfeuer, und zwischen dem langsamen Garsieden und dem Um-die-Wette-Klappern meiner Zähne erinnere ich mich nur noch an Wortfetzen, von denen ich nicht weiß, ob sie jemand anderer sagte oder ob ich sie selbst im Fieberwahn vor mich hin stammelte.


 


Jemand, und das war deutlich, machte mir äußerst schmerzhaft klar, daß Armbrustbolzen nicht in menschliches Fleisch gehörten und wieder jemand hielt mich erbarmungslos fest, als man dieses verdammte Ding endlich entfernte. Ich wollte sie alle töten für diese gemeine Tortur, aber ich war dann doch mehr mit zu Tode frieren und gleichzeitigem Verbrennen beschäftigt.


 


Eine Stimme sprach auf mich ein - es war eine sanfte, weiche Stimme - und jemand wärmte mich. Jemand kühlte meine Stirn und löschte allmählich das Fegefeuer, und jemand holte mich aus nachtschwärzester Tiefe mittels Wangentätscheln ins Leben zurück.


 


Man hinderte mich so hartnäckig am Sterben, daß ich eines morgens tatsächlich eine blasse Sonne gewahrte, ein weiches Bett, in dem ich lag, die Schmerzen, mich selbst und das blonde Mädchen, das mich erleichtert anlächelte.


 


Und nun war ich furchtbar müde. Während ich also völlig erschöpft einschlief, spürte ich, wie es mir zärtlich eine verschwitzte Locke aus meinem matten, todesbleichen Gesicht strich, und das tat verdammt gut.


 


 


 


Ich war aus langem, bleiernen Schlaf erwacht und lauschte zunächst ganz unparteiisch dem grimmigen, pochenden Schmerz in Brust und Bauch, ja weigerte mich gar hartnäckig, die Augen aufzumachen, vielleicht weil ich glaubte, man hätte mich in zwei Hälften gerissen.


 


Meine Zunge fühlte sich schwammig an, und als ich mühevoll schluckte, brannte mir die Kehle wie von einem Polakenschnaps.


 


Jesus, einen ganzen See hätte ich aussaufen können!


 


Die Notwendigkeit zu trinken überzeugte mich nun doch, die Augen aufzumachen, doch die gleißende Helligkeit schloß sie sofort wieder. So versuchte ich es blinzelnd, erst mit einem, dann mit beiden. Das war schon besser.


 


Natürlich hatte ich nicht erwartet, auf dem Schlachtfeld zu liegen, aber die völlig fremde Umgebung erstaunte mich doch sehr. In meinem Blickfeld erschienen Teile einer sonnendurchfluteten Stube, die Balken einer Dachschräge, sowie eine Lehmwand mit einem Kruzifix daran. Als ich langsam den Kopf drehte, konnte ich das Fensterchen und den Himmel sehen. Es war Herbst - natürlich, was sonst?


 


Dann lenkten mich mit einem Male Stimmen ab, sie drangen von unten zu mir herauf.


 


„Ein G’fahr und ein Übel is er fürs Dorf! Rumlungernd Soldpack! Fort mit!“


 


„Is nit christlich, was’d sagst, Schulz! Versündigst dich gegen unsern Herrn. Der kunn nit reit’, nit halten sich auf’d Bein.“


 


Diese energische Frauenstimme kam mir irgendwie vertraut vor. Mir war schon klar, es ging um mich.


 


„Dem is die Weiberehr’ nix wert. Wirst sehn, Spindlerin, der ehrlos Lump bringt dir nur Schererei.“


 


„Hat just unser heilig Frau sich seiner erbarmt, wird’s wohl schon eing’richt haben im rechten Wissen! Und so bleibt er, bis er g’sundet! So, mein Tagwerk mag nit warten, Schulz.“


 


„Wünsch dir kein Übel und kein Not, Spindlerin, doch hab fein Acht auf’d sündig Seel in deiner Bettstatt!“


 


Die Stimmen verstummten, schwere Schritte entfernten sich und leichte kamen herauf. Eine Tür fiel knarrend ins Schloß.


 


Ich versuchte, mich aufzusetzen, um mehr über meine neue Umgebung zu erfahren, aber der grimmige Schmerz wurde bissig und verbannte mich augenblicklich wieder ins Laken, wo ich stöhnend nach Luft rang.


 


„Gutgütiger! Nit regen oder wollt Ihr Euer Wund reißen?!“


 


Sanft aber bestimmt hielt mich das Mädchen fest.


 


„So Ihr des Lebens überdrüssig seid, sagt’s nur g’rad recht raus, Soldknecht, dann mag ich Euch nit dreinreden, so Ihr aber leben wollt, rat ich Euch, mir zu folgen.“


 


Ich lag ganz brav und still, bis der Schmerz zu einem erträglichen Maß abklang. Das Mädchen nickte zufrieden.


 


„Habt’s nur nit gar so eilig.“


 


Ich hätte gern freundlich um etwas Trinkbares gebeten, doch über meine spröden Lippen bemühte sich nur ein erbärmliches Krächzen, das sich vermutlich nur mit viel Vorstellungsvermögen wie Wasser anhörte. Meine Lebensretterin besaß entweder diese Gabe oder sie konnte Gedanken lesen, jedenfalls flößte sie mir irgend einen Kräutersud ein, der zwar nicht gerade wie Met schmeckte, aber durchaus seinen Zweck erfüllte, nämlich meiner ausgetrockneten Kehle wieder ein gewisses Maß an Geschmeidigkeit zu verleihen.


 


Da mich dieser gräßliche Brand nicht weiter quälte, hatte ich nun endlich Gelegenheit, meine Samariterin genauer kennenzulernen. Sie war klein und schlank, trug einfache Leinengewandung, eine Bluse und einen Rock mit einer Schürze. Ihr blondes Haar war wahrscheinlich ziemlich lang, aber sie hatte es zu einem Knoten hochgesteckt. Sie besaß helle Haut mit Sommersprossen und gewitzte, strahlende Augen, und irgendwie mochte ich ihr schmales, herzliches Gesicht mit der energischen Nase sofort.


 


Ich wollte mich auf der Stelle bei ihr bedanken, aber ein erneuter Schwall von Müdigkeit machte mein Vorhaben zunichte und ließ mich schon wieder in Morpheus’ Arme hinab dämmern. So viel Blutverlust mußte man schließlich erst wieder hereinholen.


 


Aber dann ging es allmählich aufwärts, die Schmerzen wurden erträglicher, so daß ich mich wenigstens aufsetzen und selbständig Nahrung zu mir nehmen konnte. Der erhabene Blickwinkel munterte mich auf und offenbarte mir eine kleine Dachkammer. Das Schlafgemach meiner Lebensretterin mit den vielen kleinen Habseligkeiten, die das Weibsvolk eben sein eigen nennt und entsprechend sauber gehalten. Nebenan, durch eine niedrige Tür, erkannte ich den Speicher, in dem allerlei Töpfe, Säcke und Fässer standen.


 


Ich fühlte mich wirklich geehrt, daß sie mir ihre persönliche Stube überlassen hatte und daß ich mein Elend in ihrem höchsteigenen Bett kurieren durfte.


 


Natürlich hatte ich eine Menge Fragen, da mir ja ein ganzes Stück meines Lebens fehlte, und so erfuhr ich, daß man mich unter lautem Protest der Dörfler in ihr Haus gebracht hatte. Für die Menschen hier draußen auf dem Land bedeutete ein Söldner Diebstahl, Vergewaltigung, Mord und Brandschatzen, von daher war es kein Wunder, daß sie meiner Ankunft höchst beunruhigt entgegen gesehen hatten.


 


Nur sie zeigte Erbarmen und ihr etwas tumber Nachbar Andres, der mich ins Haus trug, half, mich notdürftig zu versorgen und sich dann um die treue Siebenmaß kümmerte. Siebenmaß war Gott sei dank unversehrt.


 


Mich, welch eine Ironie, flickte die hiesige Hebamme zusammen, die der Müllerin in der gleichen Nacht noch half, ihren fünften Balg zur Welt zu bringen.


 


Und dann lag mein Leben in den sanften Händen der Spindlerin, die meinen Dank mit einem heiteren Lächeln zur Kenntnis nahm und sagte:


 


„Nennt mich Hanne.“


 


Ich beeilte mich, für die Arbeit, die ich ihr gemacht hatte um Verzeihung zu bitten, doch als sie nicht darauf einging und mich stattdessen fragend ansah, merkte ich, daß ich etwas vergessen hatte.


 


„Oh, äh, ich bin Veit.“


 


„Wohlan, Veit“, lachte sie, „so weiß ich wohl um Euer Leibsmaß, so denn nun gar, für wen ich trefflich neu G’wandung näh.“


 


Und als ich etwas verwirrt dreinblickte, fügte sie rasch hinzu:


 


„In Euer erbärmlich Rock vermochten’s sieben Katz’ nit, ein einzig Maus z’fangen, hat’s G’wand wie Rüstzeug gar arg Schaden g’nommen im Feld.“


 


Da wurde mir klar, daß ich außer Stiefel, Schwert, Sattel und Pferd nur noch mein bares Leben mein eigen nannte und fühlte mich eigentlich gar nicht so unwohl dabei, eingedenk der Tatsache, daß ich jetzt, wie viele andere arme Söldnerseelen, dort draußen auf dem Schlachtfeld grauslich verrecken und verfaulen könnte.


 


Ich war ein richtiger Glückspilz, denn ich hatte Hanne. Hanne...


 


 




 


 


3


 


 


 


 


 


„Veit!“


 


Ich riß die Augen auf und erblickte Luds strenges Gesicht über mir.


 


Lud?! Wo war ich gewesen? Hanne...?


 


„Is nit Schlafenszeit! Zu Mittag hat’s läuten, du Lump! Is Zeit zum Zech zahl‘n! Schläft der doch glatt am Tisch ein, ein Jammer und ein Schand!“


 


Während Luds lautstarkes Keifen durch meinen allmählich erwachenden Schädel dröhnte, wurde mir schmerzlich klar, daß ich mich nicht mehr in den sanften Händen meiner Spindlerin befand, sondern fast zwei Jahre später in der trostlosen Schenke einer grausamen Stadt, die mir die Pforten gewiesen hatte. Es wurde mir ebenso deutlich klar, daß mich jene Erinnerung während meines Kneipenschlummers ganz gemein überfallen hatte, die ich stets mit aller Gewalt und mit Met bekämpfte, die Erinnerung an Hanne.


 


Nein, manche Wunden heilen nie.


 


Ich stützte meinen schweren Kopf auf und versuchte zusammengekniffenen Auges, die kleine Dachkammer und diese kleine, energische Nase zu vergessen. Für eine Weile fühlte ich den widerlichen dicken Kloß in meiner Kehle, der mir ganz unmannhaft einige Tränen in die Augen trieb, ehe es mir gelang, meine Selbstbeherrschung mittels mühevollem Schlucken wiederzugewinnen.


 


Und dann fiel mir die Verabredung mit Jörgle im Badehaus wieder ein.


 


Verdammt, hoffentlich erwischte ich ihn noch!


 


„Lud, was kriegst?“, rief ich und kramte bereits nach meinem Geldsäckel, während ich aufstand.


 


Ich bezahlte vermutlich mehr als anständig, drückte Lud ein Küßchen auf die Stirn, und sie griff mir schalkhaft zwischen die Beine, daß mich ein wohliger Lebensstrom durchfuhr. Dann packte ich meine wenigen Sachen und verließ die Schenke.


 


Siebenmaß wartete schon reichlich ungeduldig auf mich und rollte tadelnd mit ihren großen, sanften Augen.


 


„Sei mir nit auch ein Wegzehr vergönnt?“, fragte ich sie, als ich mich in den Sattel schwang.


 


 


 


 


 


Muß ich darauf antworten, Herr? Ich steh mir hier die Hufe platt, und du liebäugelst mit deiner fetten Wirtin und mit deinem Frühstück!


 


Na ja, wenigstens scheinst du mir jetzt nüchterner zu sein als heut morgen. Das merk ich gleich wie du im Sattel sitzt.


 


Ach, lieber Gott, so gib mir dann und wann einen Herrn, der auch im Suff noch reiten kann!


 


Wie bitte? Galopphilfe? Heh, der Junge ist wach!


 


Haben wir etwa Feinde, die dir und mir ans Fell wollen? Zu Befehl, Herr, ich eile!


 


Es waren wohl doch keine Feinde, wir haben die Stadt ja nicht einmal verlassen, und jetzt, wo ich richtig Spaß an der Bewegung gehabt hätte, steigt der Kerl schon wieder ab.


 


Igitt! Seifengeruch in meinen Nüstern! Der wird doch nicht auf den Gedanken kommen, sich zu baden! Besser, ich drehe mich ein wenig Richtung Grünmarkt, atme den würzigen Duft des Kohles ein und halte ein wohlverdientes Nickerchen.


 


Aha, er behängt mich mit allerlei Metallkram, Schwert, Harnisch...na ja, wird das Nickerchen halt etwas flacher ausfallen, damit nicht irgendein Lump denkt, er könne mir die Habseligkeiten meines Herrn vom Sattel stehlen. Ansonsten, wehe ihm...! Ich lasse nämlich nicht jeden Hanswurst an mich heran, da bin ich eigen. Ich habe nämlich studiert! Ich bin ein Streitroß von edler Abstammung, aber das habe ich ja bereits erwähnt.


 


So, Ohren auf gemäßigten Empfang stellen, Augen auf Halbmast, das lobende Tätscheln meines Herren genießen, am Rost der Kandare herumkauen, ein Bein entlasten, so läßt sich’s aushalten.


 


 


 


 


 


Ich hatte Glück. Jörgle und die drei Spielleut waren noch da.


 


Während sich einige Bürger und Bürgerfrauen im Badezuber angeregt unterhielten und sich manche Patrizier dem Aderlaß unterzogen, spielten die Fahrenden munter auf, und Jörgle vertrieb die Zeit mit allerlei Gaukeleien und Kurzweil.


 


Ich betrat die Badstube, winkte mir zugleich den Bader herbei und bestellte mir frisches, heißes Wasser, als ich meine zechdurchschwitzte Gewandung an den Nagel hing.


 


Etwas später genoß ich das heiße, entspannende Bad und die gründliche Rasur des Badermeisters. Meine schmerzenden Erfahrungen der nächtlichen Schlägerei schwollen ab, und das Restgift des Mets verflüchtigte sich, so daß ich mir bald wie ein neuer Mensch vorkam. Eine hübsche Badhur massierte und wusch meine langen, kastanienbraunen Locken, von denen ich wußte, daß sie das Weibsvolk stets beeindruckten, und als ich eine gewisse lustvolle Regung zwischen meinen Schenkeln bemerkte, wußte ich, daß ich trotz allem noch am Leben war.


 


Eigentlich wäre ich mir wie im Himmel vorgekommen, wenn mich nicht Jörgle völlig unvermittelt an meine derzeitig brenzlige Lage erinnert hätte. Ein Schwall Wasser traf mein Gesicht, und ich prustete und schüttelte mich wie ein begossener Hund. Jörgle lachte. Ich blickte ihn herausfordernd an.


 


„Wie lang hast noch Stadtrecht?“, fragte er mich.


 


„Bis Mitternacht.“,  antwortete ich.


 


„Dann mag’s angehn, daß wir zammentreffen, jenseits der Mauern im Morgengrauen.“, schlug er vor.


 


„Halt ein, Jörgle! Was, wenn ich Soldschaft mit dem Fremden siegelt?“


 


Jörgles Gesicht wurde mit einem Male ziemlich ernst, und das sollte bei Jörgle wirklich etwas bedeuten. Er schüttelte irgendwie beängstigend eindringlich den Kopf.


 


„Nit, Veit!“, beschwor er mich, „mach nit Handel mit dem! Der is nit geheuer! Wie kummt’s, daß er nit gehet der bürgerlich Weg und ein Ausschreibung tät? Wie kummt’s, daß’d all vergessen sollst, und wie kummt’s, daß er der Bedingung gar dreie stellet, als ob ein Leibeigenschaft nit langet?“


 


„Hast mitgehört, Jörgle?“, stellte ich nachdenklich fest.


 


„Ei, freilich! Mag mein einzig Freund nit ins Verderben rennen sehn.“


 


„Kennst ihn?“


 


„Gott bewahr! Kenn ihn nit, und du sollt‘st auch nit dergleichen tun! Fremd isser und fremd soller bleiben.“


 


Jörgle blickte mich hoffnungsvoll an, als ich mich nachdenklich aus dem Badezuber machte und mir ein Leibtuch schnappte.


 


„Viel tät er mir bieten.“, murmelte ich mehr zu mir selbst.


 


„Hast nit verstanden, Veit?“ Jörgle sah eindringlich zu mir auf. „Bot er dir ein einzig Sicherheit?“


 


„Nein.“ Ich stieg energisch in meine speckigen, ledernen Beinkleider, daß die Nähte vor Protest krachten und dann in meine abgewetzten Langschäfter.


 


„Tat’st du’s?“


 


„Nein!“ Jörgle schüttelte fast verzweifelt seinen roten Flammenkopf. „Bräucht’s nit, so du mein Freund bist!“


 


Ich straffte mich zu meiner nicht unbeträchtlichen Größe und seufzte schwer.


 


„Was wärst zu bieten mir imstand, Jörgle?“


 


„Freundschaft, sonst nix.“


 


„Fürwahr ein edel Gut, Jörg, doch verlangt’s mir nach mehr...“


 


Ich ließ meinen Gedanken bewußt unausgesprochen und schlüpfte stattdessen in mein schmutziges Leinenhemd.


 


Jörgle war zwar ein Freund, aber wie jeder echte Freund auch grausam ehrlich.


 


„Die Lieb, die’st suchst, liegt drauß‘ im Feld maustot.“


 


Vielleicht hatte er es nicht so gemeint, aber er hatte meinen wundesten Punkt getroffen, und so fuhr ich zu ihm herum und funkelte ihn wild an.


 


„Wie kommt’s zu derlei Sprach’?“


 


„Im Suff kummt’s, Veit! Is manch Ding wahr g’sagt im Rausch, is manch Wund offen und schmerzlich Trän echt, so’s ein g’standen Mannsbild gleich dir freilich nit recht wahrhaben möcht.“


 


Jörgles erregte Stimme strafte seine mitfühlenden, ehrlichen Augen Lügen, und ich wußte, daß er mir nur irgendwie helfen wollte, aber jetzt wollte ich keine Hilfe. Stattdessen begann ich zu weinen, still und heimlich - selbstredend-  wie man mich lehrte, es zu tun, eben so, wie man es gefälligst von einem mutigen Ritter, und sei er noch so mittellos, erwartete.


 


Deshalb wandte ich mich ab, schlüpfte in den Gambeςon und legte meinen Leibgurt mit übertriebener Entschlossenheit an. Ich war sehr empfindlich, wenn ich nüchtern war, und jetzt war ich völlig nüchtern.


 


Ich spürte Jörgles bemitleidenden Blick auf mir, doch er schwieg. Er war zwar ein fahrender Gaukler ohne Recht, der ein Schwert bestenfalls zum Jonglieren benutzt hätte, aber auch er war ein Mann, und ich wußte, daß er meine stillen Tränen bemerkt hatte und respektierte.


 


„Sei’s drum“, murmelte ich rauh, als ich einmal mehr meine Selbstbeherrschung wiederfand, „so mag ich dir mein’ Schutz wohl bieten, Jörg. Ich reit mit dir.“


 


Jörgle nickte nachdenklich.


 


„Mußt tun, was‘d als rechtens meinst, Veit. Soll nit sein ein eifersüchtig Schwatzen. So stünd dir freilich jeder Weg frei...“


 


Das plötzliche Geschrei draußen auf dem Markt alarmierte völlig unvermittelt meine Sinne, und so hörte ich Jörgles Worte nur noch sinnentleert, „...sagst halt ein Wort, Veit...“


 


Ich stürzte zur Tür der Badstuben wie Siebenmaß zum Hafertrog und suchte den Ursprung des Geschreis. So bemerkte ich nur vage, daß mir Jörgle gefolgt war. Ich war sehr erregt, mein Herz raste, und obwohl ich den Kampf inzwischen verabscheute, schrie meine aufgewühlte Seele jetzt regelrecht nach Kampf, nach Blut, nach Gefahr, nach Tod und nach diesen unnachahmlichen Wogen des Schlachtenwindes, die ich so gut kannte und deshalb so sehr fürchtete. Und natürlich steigerte sich meine Besessenheit in Raserei, als sich jene lautstarke Geräuschkulisse in eine greifbare Szenerie wandelte. In eine Szenerie, die mir überhaupt nicht schmeckte!


 


Es waren der Stadtbüttel drei, die ein um Hilfe rufendes, blondes Mädchen gewalttätig vorwärts zerrten, wie man ein Rindvieh zur Schlachtung zerrt.


 


Dabei hatte man ihr wohl Hemd wie Rock halb vom Leib gerissen, so daß mir ihre entblößte, helle Haut nur reine Unschuld zu schrie und ihre Augen höchste Not. Die Stimmen hingegen schrien Hexe und Teufelsbuhlerin, und die Leute auf dem Grünmarkt gierten lechzend nach dieser willkommenen Sensation.


 


Ich mußte unweigerlich an Hanne denken, und während der Zorn ganz langsam aber gewaltig von meinem Leib Besitz ergriff wie ein böser Geist, fühlte ich mich auch schon losrennen.


 


Ich durfte auf gar keinen Fall zu spät kommen!


 


Als ich nach einer Ewigkeit, wie mir schien, Siebenmaß und damit mein Schwert erreichte, hatte ich kurzzeitig den Eindruck, als würde mir der reiche Fremde von der anderen Straßenseite her auffordernd zuwinken und der Hauch eines entsetzten Jörgle-Schreies mich aufzuhalten versuchen.


 


„Nit, Veit! Sie is tot!“


 


Wie im Traum fühlte ich, daß ich mein Schwert aus der Sattelscheide zog, daß Siebenmaß, durch meine Wut angestachelt, zur Seite tänzelte und daß ich wie ein verrückter Narr den Namen meiner sanften Spindlerin als übergeschnappten Schlachtruf zweckentfremdete.


 


„Hanne!!!“


 


Als sich mein Schwert mit der gewaltigen Wucht des Ansturmes durch den ungeschützten Hals des mir nächsten Büttels biß und den bärtigen Kopf vom Rumpf trennte, herrschte Totenstille auf dem Platz. Vermutlich hatte ich mir selbst auf die Zunge gebissen und war deshalb verstummt. Ich schmeckte Blut, aber ich war mir nicht sicher, ob es mein eigenes war.


 


Wahrscheinlich fiel der tote Körper wie ein nasser Sack und der Kopf in den Kohl, doch hielt ich mich nicht mit derlei Dingen auf, sondern griff schon den nächsten Soldknecht an. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, daß Hanne, beziehungsweise das Mädchen, das ich in meinem Wahn für sie hielt, aus dem Gefahrenbereich stolperte und hysterisch schrie, wie nun auch die Leute auf dem Markt.


 


Meine Wut reichte auch noch für den zweiten Büttel, dessen Hellebardenschaft ich durchschlug wie ranzige Butter und ihm selbst mit wuchtig geführter Klinge eine tödliche Kerbe in den Schädel verpaßte.


 


Der Instinkt eines kriegserprobten Kämpen ließ mich herumwirbeln.


 


Seltsam, manchmal fühlt man die Gefahr im eigenen Rücken fast körperlich.


 


So drehte ich mich aus der Hüfte heraus, um dem Dritten einen äußerst schmerzhaften Schwertstreich in die Rippen zu verabreichen, doch das bizarre Hellebardenblatt parierte meinen kraftvollen Hieb. Metall kreischte funkensprühend gegen Metall.


 


Für einen Herzschlag lang begegneten sich unsere Blicke. Ich kannte ihn. Wir hatten schon miteinander gesoffen. Doch während ich mich in diesem Augenblick entsetzt fragte, was ich hier eigentlich tat, sagten mir seine Augen nur eines: Pflichtbewußtsein! Und sie sagten mir noch etwas, daß er nämlich gleich die Hellebarde drehen würde, um mich zu entwaffnen oder um meine Schwertklinge zu brechen.


 


Überhastet zog ich also meine Waffe zurück und rechnete nicht mit der Tüchtigkeit, die mir seine Augen leider vorenthalten hatten. Er tat das einzig Richtige, das ich an seiner Stelle als Langwaffenträger auch getan hätte, nämlich mir mit dem Holzschaft gehörig eins überzubraten.


 


Dieser Schlag schrieb sich von und zu, traf er mich doch mit voller Wucht am Hinterkopf und schickte mich augenblicklich auf die Knie, daß mir schwarz vor Augen wurde und ich mit diesen höhnisch blauen Sternen schon wieder im Reigen tanzte.


 


Ich kam gar nicht mehr dazu, sie abzuschütteln, weil mich der Stiefel genau unterm Kinn traf und mich vollends lang streckte.


 


Erneut wurde es totenstill oder es kam mir nur so vor. Jedenfalls, als es mir gelang, die Augen wieder zu öffnen, füllte diese riesige Hellebarde mein gesamtes Blickfeld aus, da sie sich just anschickte, meine Kehle zu durchbohren. Ihr Besitzer hingegen stand in sicherer Entfernung zu meinen Beinen, und während er rasch atmete, las ich in seinem Gesicht, daß er sich noch nicht ganz schlüssig war, ob er jetzt zustechen oder mich lieber doch dem Henker überantworten wollte. So oder so, mein Todesurteil hatte ich bereits unterzeichnet. Aber der Gedanke daran machte mir keine Angst, stattdessen drehte ich ganz vorsichtig den Kopf, um das Mädchen zu suchen. Ich konnte es nicht mehr sehen und hoffte, es mochte fortgelaufen sein.


 


Seltsam, nun war mir wieder völlig klar, daß die Blonde nicht Hanne gewesen sein konnte, und jetzt, da die Anspannung zitternd meinen Leib verließ, fühlte ich mich gar in der Lage, den Sieger verwegen anzugrinsen.


 


„Fort mit dem Schwert!“, befahl er mir mit bebender Stimme.


 


Ich war verwirrt. Konnte es sein, daß ich die Klinge noch immer in der Hand hielt? Ich öffnete die Rechte und entließ das Schwert. Ganz offensichtlich.


 


„Hoch mit dir, Lump!“


 


Die Hellebarde entfernte sich nur ganz geringfügig von meiner Kehle, und während ich mich tattrig aufkämpfte, hörte ich auch schon schwere, eilige Schritte nahen. Vermutlich die Verstärkung. Und als ich mich schon bald von mehreren Langwaffen bedroht sah, wurde mir endlich mit vollster Klarheit bewußt, in welch aussichtsloser Lage ich mich befand.


 


Man ging nicht zärtlich mit mir um. Einer drehte meine Arme auf den Rücken, daß ich fürchtete, er würde sie aus den Gelenken reißen und schnürte meine Handgelenke so fest, daß mir der Strick schmerzhaft in die Haut schnitt. Ein anderer durchsuchte mich erfolglos nach weiteren Waffen, und ein Dritter verpaßte mir einen derart menschenverachtenden Tritt in die Afterballen, daß ich Mühe hatte, auf den Beinen zu bleiben.


 


Irgendeiner packte die Lederbändel meines Brustsäckels und riß mir meine letzten Heller vom Leibe, die er geschwind in seiner eigenen Gewandung versteckte.


 


„Hopp, Marsch!“, bellte mich jemand an, stieß mich vorwärts. Ich gehorchte. Nun war ich es, der wie Schlachtvieh über den Markt getrieben wurde und die ganze Aufmerksamkeit der Bürger genoß. Allerdings konnte von Genuß keine Rede sein, denn ich fürchtete dieses abscheuliche Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, von jedem begafft zu werden, tatsächlich wie ein Stück Fleisch.


 


Ich sah mich mit gehetzten Augen um und blickte in viele Gesichter, ängstliche, finstere, mitfühlende, schadenfrohe, gleichgültige...


 


Ich suchte nach dem Fremden, aber er war verschwunden. Stattdessen entdeckte ich das blonde Mädchen, das sich ängstlich hinter einem Gemüsestand versteckt hatte. Es weinte, und ich hatte den Eindruck, daß es auch ein wenig um mich weinte. Vielleicht irrte ich mich, aber jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt, einen Hauch von Trost in Frage zu stellen.


 


Ich versuchte zu lächeln, aber dann war ich schon vorüber und blickte nun geradewegs in Jörgles kreidebleiches Gesicht, das mich fassungslos wie einen Fremden anstarrte. Ich zögerte, denn es schmerzte.


 


„Siebenmaß“, krächzte ich, „gib ihr Bier, so wird sie dich mögen. Und Jörg, nimm die Schatulle.“


 


Ich wurde weiter gestoßen, vorbei an Jörgles Meine-Welt-ist-zusammengebrochen-Gestalt des Jammers, und so blieb es mir verborgen, ob er verstanden hatte.


 


Jetzt fühlte ich erst, daß mir warme Nässe den Rücken hinab rann und das dumpfe Ziehen in meinem Hinterschädel. Es war mein Blut aus der Platzwunde, die mir der Hellebardenstiel verpaßt hatte.


 


Meine Arme und Hände begannen, taub zu werden, und der Weg zu den Ratskellern kam mir lang und länger vor.


 


Aber dann verschwand das sommerliche Tageslicht in meinem Rücken hinter der massiven, eisenbeschlagenen Tür, und ich stolperte grobe, ausgewaschene Steinstufen hinab. Hinab in die fackeldämmrige Finsternis der Verliese.


 


Einerseits war ich dankbar, daß die unangenehme Fleischbeschau ein Ende hatte, andererseits verursachte das schwere, endgültige Einrasten von Riegeln und Schlössern ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend.


 


Und es stank, stank nach Fäulnis, Feuchtigkeit und Ausscheidungen.


 


Man stieß mich in ein dunkles Loch, daß ich über meine eigenen Beine in fauliges Stroh stürzte, und man schloß die Tür hinter mir. Noch immer gefesselt, rappelte ich mich auf und stellte verwirrt fest: ich war allein.


 


 


 


 


 


Also, ich muß schon sagen, ich bin beleidigt!


 


Da zieht der Junge doch glatt ohne mich in die Schlacht, vergnügt sich und läßt mich einfach hier angebunden stehen!


 


Und dann kommt diese halbe Portion Mensch daher, dessen Geruch ich nicht mal kenne, schmiert mir seinen Handschweiß auf mein Fell, stinkt nach drei Eimern Angst und will mir was erzählen, mir, Siebenmaß, dem Streitroß!


 


Also, wenn ich da nicht erst einmal die Ohren anlege, bedrohlich mit den Augen rolle und meine Hinterläufe in Auskeilstellung bringe...!


 


Aber halt! Was ist das? Augenblick...das ist Bier! Nicht zu fassen, der bucklige Zwerg hat Bier! Einen Eimer voll Bier! Na, das hebt meine Laune ja entschieden! Los, her damit! Schnell, bevor er es selber wegsäuft. Aah, das tut gut. Was, schon leer?


 


Ja, hoppla...langsam, wohin gehen wir denn? Wollen wir nicht erst einmal auf meinen Herrn warten? Nein, der Zwerg wirkt nicht so, als wollte er warten, der hat’s eilig. Und er hat Angst, aber nicht so sehr vor mir. Hab Acht, Siebenmaß, das stinkt hier kräftig nach feindlichem Lager!


 


Mal sehen, ob es etwas bringt, wenn ich den Kopf hoch reiße. Nein, bringt nichts, er hat mich durchschaut. Kennt sich aus, der kleine Mensch. Und wer sich auskennt, dem kann man auch ein gutes Stück vertrauen. Außerdem weiß er, wo es Bier gibt.


 


Mal langsam, ja? Ich komme ja schon mit!


 


 


 


 


 


Ich blieb nicht lange allein in diesem fauligen, schwarzen Loch, aber diese Tatsache war dennoch kein Grund zur Freude, denn die Ratsherren waren bekannt für schnelle Entscheidungen und würden mir nun doch die Afterballen gerben. Aber vorerst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, entkleidet bis auf meine Beinkleider, an einem Eisenhaken an den Füßen aufgehängt zu sein und völlig irrsinnige Fragen zu beantworten. Und das war gar nicht so einfach, mit meinen tauben, schmerzenden Gliedmaßen und mit dem Kopf nach unten, in dem sich bedrückend mein Blut sammelte, beziehungsweise noch immer aus der Platzwunde tropfte.


 


Ich konnte den Schultheiß in seiner Amtsrobe erkennen, einen Dominikanerpfaffen in schwarzweißer Gewandung, einen Federfuchser, zwei Soldknechte im Harnisch und einen schwerfällig wirkenden Mann in der schwarzen Henkerskapuze, aber mein Blick begann sich bereits vor Schwäche zu trüben, schließlich war ich keine Fledermaus.


 


„Wie is kommen zur übel Tat, dergestalten ihm die Hex’ hätt’ ein teuflisch Zauber angetan?“, wollte der Pfaffe streng wissen.


 


Ich schüttelte schwach den Kopf.


 


„Dergleichen ist nit gewesen.“ Meine Stimme war mir fremd.


 


„So sprech er, wie’s ihm ankummt, s’Schwert gegen die Stadt gar selbst z’heben?“, fragte der Schulze.


 


Ich wußte es nicht! Ich wußte es nicht! Ich wußte es einfach nicht!


 


Ich mußte lügen, irgendeine faustdicke Lüge erzählen, die mich vor weiterer Tortur bewahrte. Ich durfte mich auf gar keinen Fall auf die Hexengeschichte einlassen, auch wenn mir dadurch Galgenfrist gewährt wurde, denn solcherlei ernste Dinge konnten nicht durch das Stadtrecht verhandelt werden, aber solcherlei ernste Dinge bedeuteten Tortur, Schmerz und Scheiterhaufen.


 


„Die Rachsucht war’s“, stammelte ich, „gerächt sollt sein Euer schmählich Verrat!“


 


„Verrat?!“ Der Schultheiß war außer sich.


 


„Verrat“, bestätigte ich rasch, „an Euer treuen Knecht, so Ihr ihn habt der Stadt verwiesen. Schuldlos...“ Ich mußte mich zusammennehmen, um weiter zu sprechen, „...anfangs im Geiste, doch nimmermehr in greulich Tat! Euer Leben...“


 


Ich zögerte, spielte hoch, spielte um einen raschen Tod, „...Euer lausig Leben wollt ich nehmen, Euer Haupt wollt aufpflanzen auf mein Schwert.“


 


Ich konnte nicht mehr weiter lügen, rang nach Atem, doch mein Plan schien aufzugehen.


 


„Untreu Seel! Mordend Raufbold!“ Der Schulze wich entsetzt zurück, „gar rädern sollt man ihn!“


 


Allmächtiger! Nur das nicht! Es würde Stunden dauern, ehe ich stürbe!


 


„Doch da er ehr- und ritterlich nun eingestehet sein Übel...“


 


Während der Schulze noch überlegte, welches Strafmaß er für mich festzusetzen gedachte, hoffte ich auf sämtliche Barmherzigkeit des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes, der Jungfrau Maria...


 


„...So mag man ihn, den Brochdenar Veit, mit dem Schwerte richten, morgen, zum Mittagsläuten, wohl auf dem Richtplatz und sein ehrlos Leich verscharren im Schandacker, sein Habtum...“


 


Der Rest ging in Erleichterung unter. Ich schloß dankbar die Augen und verkniff mir sogar wie üblich, meinen Namen richtig zu stellen. Vielmehr dankte ich der Dreifaltigkeit und der Muttergottes für den schnellen Tod durch Enthauptung, zumal man von dem Henker sagte, er verstünde sein Handwerk.


 


Sie gingen, verschwendeten weder Blick noch Gedanken an mich.


 


Der Henker ließ mich herunter und durchtrennte meine Fesseln.


 


Ich lag einfach nur da, versuchte, den prickelnden Schmerz in berechenbare Bahnen zu lenken, als mein Blut wieder frei durch meinen Leib strömte, zwang mich, ruhig zu atmen.


 


„Da!“, hörte ich eine seltsam gelassene, abgestumpfte Stimme, „is kühl herunt.“


 


Etwas fiel weich auf meinen Bauch. Ich öffnete die Augen. Es war meine Gewandung, Hemd, Gambeςon, Gurt und Stiefel.


 


Ich sah außerdem, daß sich der ungeschlachte Mann die Kapuze vom Kopf zog und sie achtlos in eine Ecke warf. Dann baute er sich vor mir auf wie ein gewaltiger Bergfriet und blickte mich ruhig und abwartend an, mit einem rundlichen, ausgeglichenen Gesicht, das ganz und gar nicht mordlüstern wirkte.


 


„Bist du der Henker“, fragte ich ihn, „oder nur sein Knecht?“


 


„Bin der Henker selbst, der dich richt.“, antwortete er bereitwillig.


 


„Dann sei’s mir wohl.“


 


Ich war tatsächlich einigermaßen beruhigt, denn ein Mann, der so gelassen daherkam, würde auch ruhigen Kopf bewahren, wenn es ernst wurde, und vor allem ruhige Hände.


 


„Iz’ mach g’schwind“, sagte er, „muß dich an d’Kett legen.“


 


Ich kleidete mich also an und fand es sehr anständig von ihm, mich nicht unnötigerweise auch noch frieren zu lassen, wenn er mich schon mit schweren Ketten an der eiskalten Wand befestigte.


 


Ich hatte den Mut zum Kampf verloren, deshalb dachte ich gar nicht daran, mich zu wehren, als das kühle Eisen meine Handgelenke umschloß, sondern hing einfach nur da wie ein schlapper Mehlsack.


 


Ich lehnte mich an die Wand, schloß die Augen und begann, leise in mich hineinzulachen. Was für ein überaus seltsamer, ereignisreicher Tag!


 


Man kam doch schneller ins Loch als man glaubt. Dabei dachte ich immer, ich würde dem Sensenmann auf dem Schlachtfeld begegnen.


 


Vielleicht hätte ich die Büttel besser doch nicht angreifen sollen, aber dann säße Hanne...?! Unsinn, das fremde Mädchen jetzt hier und müßte vermutlich noch viel Schlimmeres durchmachen.


 


Ich mußte völlig verrückt sein! Selbstmord! Es war einfach Selbstmord! Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht? Nichts, Veit, gar nichts! Du bist einfach übergeschnappt! Sie hatte ihr lediglich ähnlich gesehen, oder?


 


Jesus! Ich armer, dummer Narr!


 


Gedankenverloren ließ ich mich fallen, ins dunkle Reich meiner düsteren Erinnerung.


 


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