Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > ESCORTER
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe ESCORTER, Christine Millman
Christine Millman

ESCORTER



Bewertung:
(280)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1706
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon, Weltbild, Thalia, Koios Verlag und überall, wo es eBooks gibt
Drucken Empfehlen

ESCORTER


 


1


 


Der alte U-Bahn-Tunnel war der perfekte Ort. Desoderia liebte die kalte, finstere Röhre, die grauen Betonwände, bedeckt mit Spinnweben und dem Staub eines halben Jahrhunderts. Die Schienen wie die Höllenversion eines roten Teppichs. Armdicke Rohre und Kabel schlängelten sich an der Wand entlang. Ratten, groß wie Hundewelpen, huschten über die Gleise. Das Schaben der winzigen Krallen auf dem Kies klang wie Musik in ihren Ohren. Die Notbeleuchtung brannte noch immer, obwohl die Strecke schon seit zwanzig Jahren nicht mehr befahren wurde, und tauchte den Tunnel ins Halbdunkel. Desoderia hielt sich im Schatten, so weit wie möglich von dem spärlichen Licht entfernt.


So oft es ging, nahm sie diesen Weg. Manchmal nur, um Kraft zu tanken, ihre Gedanken zu klären. So wie andere einen Spaziergang durch den Wald unternahmen, so trieb sie sich unter der Erde herum, an feuchten und düsteren Orten.


Das war nicht immer so gewesen.


Als junge Frau hatte sie ganz normale Dinge gemocht, Dinge wie Diskotheken, Freunde und Kino. Bis zu dem Tag, als sie ihren Escort empfangen hatte, ihren dämonischen Zwilling. Seine Vorlieben waren dunkel und triebhaft und dominierten ihre. Sie mochte das.


Erregung durchflutete sie bei dem Gedanken an das Opfer, das irgendwo am Ende des Tunnels, in einem verlassenen U-Bahnhof, auf sie wartete. Es war nicht irgendein Opfer, nein, ein Abtrünniger war es. Einer, der sich vom Clan abgewandt hatte. Niemand kehrte dem Clan und damit seinem Escort ungestraft den Rücken. Er wusste das. Und doch hatte er es getan, hatte den dunklen Zwilling vertrieben, ihn hinausgeworfen wie einen ungebetenen Gast.


Das durfte nicht ungesühnt bleiben.


Der finstere Abschnitt zwischen den Gleisen, in dem sie sich bewegte, verbarg ihre Gestalt, doch sie spürte das Lächeln, das ihre Lippen kräuselte als leichtes Zucken ihrer Mundwinkel.


»Ich komme, Philippe«, wisperte sie. »Ich bin schon ganz nah.«


Bei dem Gedanken an die bevorstehende Aufgabe wanderte ihre Hand automatisch zu ihrem Gürtel und zog die dünne, gebogene Klinge aus der Lederscheide. Der Zwillingsdolch vibrierte in ihrer Hand, sandte ein Kribbeln durch ihren Körper und weckte das Verlangen nach Blut. Wurde das Verlangen nicht gestillt, konnte der Dolch sich gegen seinen Träger wenden, doch darum musste sie sich nicht sorgen. Bei ihr bekam er ausreichend Nahrung. Immer.


»Dachte ich mir doch, dass sie dich schicken werden.« Philippes vertraute Stimme hallte durch den Gang.


Desoderia erschrak. Er war ihr entgegengekommen, das hätte sie wissen müssen. Geduld gehörte nicht zu Philippes Stärken. Zwei Schatten schälten sich aus dem Zwielicht vor ihr. Einer klein, menschlich, der andere so groß, dass er sich bis über die Tunneldecke wölbte.


»Wie ich sehe, hast Du deinen Schatten mitgebracht«, sagte sie mit einem Blick auf das wabernde Gebilde, das sich eigenständig neben ihm bewegte.


Er nickte in Richtung ihres Dolches. »Und du deinen blutrünstigen, kleinen Freund.«


Desoderia zuckte mit den Schultern. »Dann ist es ja ausgeglichen.«


»Ja, das ist es wohl.«


Der Schatten dehnte sich aus, kroch über die Decke auf sie zu. Schnell fischte sie ein Feuerzeug aus ihrer Jackentasche und betätigte den Schalter. Eine Flamme schoss hervor, hüllte sie in flackerndes Licht, das rasch heller wurde. Viel heller, als es angesichts des kleinen Feuers möglich war. Vorsichtig legte sie das Feuerzeug auf den Boden. Obwohl sie den Schalter losließ, brannte es weiter.


Philippe grinste abfällig. »Das wird nicht lange halten.«


»Es wird reichen«, erwiderte Desoderia.


Die Schwärze kroch heran, Schattenfinger ertasteten den Rand des Lichtkegels, zuckten zurück, sobald sie ihn berührten.


»Lass es uns beenden«, sagte sie.


Er nickte. Ein Anflug von Wehmut huschte über sein Gesicht.


Desoderia ließ sich nicht beirren. Er war ein Abtrünniger und verdiente den Tod. Der Schatten huschte um sie herum, suchte nach einer Lücke im Feuerschein, doch sie beachtete ihn nicht. Solange das Feuerzeug brannte, konnte er ihr nichts anhaben.


»Komm ins Licht, mein Freund.« Sie gab ihrer Stimme absichtlich einen abfälligen Klang. Philippe war stolz und mutig, er würde nicht warten, bis das Feuer erstarb.


Und sie behielt recht. Mit zwei großen Schritten trat er in den Lichtkreis. Desoderia musterte ihn. Er trug Jeans, ein blaugestreiftes Hemd und Turnschuhe wie ein gewöhnlicher Mensch.


»Wo ist deine Waffe?«, fragte sie nach einem Blick auf seine leeren Hände.


Er zuckte mit den Schultern. »Ich brauche keine Waffe.«


Desoderia runzelte die Stirn. Ihr Escort regte sich. Sie spürte es als einen kräftigen Ruck in ihrem Bauch, gefolgt von Hitze, die durch ihren Körper strömte.


»Ich lasse keine Gnade walten, selbst wenn du unbewaffnet bist«, warnte sie.


»Ich weiß«, erwiderte Philippe, »das verlange ich auch nicht von dir.«


Seine Gelassenheit irritierte sie, gleichzeitig weckte die Darbietung seines ungeschützten Körpers ihr Verlangen nach seinem Blut. Der Zwillingsdolch in ihrer Hand vibrierte nun so stark, dass sie Mühe hatte, ihn ruhig zu halten. Der Escort zerrte an ihrer Selbstbeherrschung. Erfolgreich. Mit einem Schrei sprang sie auf ihn zu, zielte mit der Klinge auf sein Herz.


Er wehrte sie ab, stieß sie zurück. Desoderia taumelte. Wut stieg in ihr empor. Ohne zu überlegen, sprang sie erneut auf ihn zu. Die Klinge zischte durch die Luft.


Links, rechts, links, rechts.


Sein Hemd hing in Fetzen. Blutgeruch stieg in ihre Nase. Der Hunger übermannte sie mit einer Heftigkeit, die sie seit der Nacht, als sie dem Clan beigetreten war, nicht mehr verspürt hatte.


Die Feuerzeugflamme wurde langsam kleiner. Doch Desoderia nahm es kaum wahr und auch nicht den Schatten, der eine Lücke im Lichtkreis gefunden hatte und nun mit langen, schwarzen Fingern nach ihr griff. Taubheit erfüllte ihre Glieder, dort, wo er sich um ihre Handgelenke wickelte. Sie spürte, wie ihre Bewegungen erlahmten. Der Schatten absorbierte die Hitze in ihr, saugte sie aus ihrem Körper.


Philippe nutzte die Gelegenheit, holte aus und rammte seine Faust in ihr Gesicht. Ein ekelhaftes Knirschen erklang, ihr Nasenbein brach. Der Schmerz trieb heiße Tränen in ihre Augen. Blut rann ihre Kehle hinab.


»Verdammter Wichser«, fluchte sie.


Seine Hand schloss sich um ihre Kehle. Die Schattenfinger umklammerten ihre Handgelenke, machten es ihr unmöglich, sich zu wehren.


»Eines Tages wirst du erkennen, wie falsch du liegst«, zischte er. »Und dass du büßen musst für deine Taten.«


Trotz Luftnot und Schmerzen verzog Desoderia ihren Mund zu einem Grinsen. »Du bist schwach. Bist es schon immer gewesen.«


»Nur weil ich meinen Escort eher als Begleiter denn als Teil meiner Selbst gesehen habe, bin ich noch lange nicht schwach. Schwach ist es, sich ihm hinzugeben, seiner dämonischen Kraft zu verfallen, so wie du es tust.«


Desoderia schnaubte verächtlich. Es klang eher wie ein Husten. »Das ist Teil der Abmachung.«


Er näherte sein Gesicht dem ihren und blickte ihr geradewegs in die Augen. »Ist es auch Teil der Abmachung, deine Tochter dafür zu opfern? Sie trägt das Blut ihres Vaters in sich und sie wird sterben, wenn du sie zwingst, diesen Weg einzuschlagen.«


»Blödsinn«, spie sie ihm entgegen. »Sie wird mächtig werden. Die mächtigste Escorterin, die je gelebt hat.«


Ihr Knie schnellte hoch, rammte die Weichteile zwischen seinen Beinen. Er schrie auf, ließ sie los und taumelte zurück. Die Schattenfinger lockerten ihren Griff. Desoderia schüttelte sie ab, zwang ihren Arm hoch, obwohl er sich noch immer taub anfühlte, und stieß den Dolch in seinen ungeschützten Bauch.


Die Baucharterie, dort musste sie sein.


Sie drehte die Klinge, zerfetzte seine Eingeweide. Kein Blut trat aus der Wunde. Die Klinge sog jeden Tropfen auf. Philippes Augen weiteten sich. Ächzend sackte er in die Knie. Desoderia folgte ihm. Mit der einen Hand hielt sie den Dolchgriff umklammert, mit der anderen zog sie seinen Kopf herbei, langsam, fast zärtlich.


»Ich will dich trinken«, wisperte sie an seinem Ohr.


Mit einem keuchenden Laut stieß Philippe die Luft aus seinen Lungen. »Wage es nicht«, hauchte er.


Desoderia grinste, drückte ihre Lippen auf seinen Mund, mischte ihren blutigen Speichel mit seinem.


Währenddessen zog sie geschickt mit einer Hand einen silbernen Fingerhut aus ihrem Gürtel und stülpte ihn über ihren Zeigefinger. Er war vorne nicht abgerundet, wie ein normaler Fingerhut, sondern spitz und scharf wie ein Skalpell. Vorsichtig stach sie in seine Halsarterie, schaffte eine winzige, kreisrunde Öffnung. Blut quoll hervor. Verlockendes, frisches Blut. Sie lachte, tauchte ihre Zungenspitze in den warmen Saft, schmeckte die metallische Süße. Erregung durchflutete sie, gepaart mit Erinnerungen. Verschwommene Bilder, weich gezeichnet wie eine romantische Fotografie.


Sein nackter Körper, schweißgebadet, in Wollust mit ihrem vereint. Sein Schatten und ihr Blut, die dämonische Kraft ihrer Escorts, verbunden zu einem rauschhaften Sturm. Nächtelang. Der Escort in ihr wand sich ekstatisch, wegen des Blutes und wegen der Erinnerung. Desoderia verlor jede Zurückhaltung. Gierig leckte sie das Blut von Philippes Hals. Leckte und leckte.


In einem hatte er recht gehabt. Wer außer ihr hätte ihn töten können? Zuviel Nähe war immer tödlich.


Der Schatten verschwand als Erster, noch bevor Philippes Herz aufhörte zu schlagen. Desoderia wunderte sich nicht darüber – Schatten waren weder heroisch noch tapfer, folgten ihrem Herrn nur, solange ihm ausreichend Macht innewohnte.


Schließlich verlöschte der Glanz in Philippes Augen. Sein Körper sackte in sich zusammen, fiel rücklings auf die Gleise. Kein Blut war zu sehen, nirgendwo. Der Dolch und ihre Zunge hatten ganze Arbeit geleistet. Langsam zog sie die Klinge aus seinem Bauch und betrachtet sie. Sie funkelte und glänzte, erhellte die Finsternis mit ihrem Schein.


Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Lippen und lächelte. »Danke, mein Freund.«


Vorsichtig steckte sie den Dolch zusammen mit dem Fingerhut in den Gürtel zurück und erhob sich, warf einen letzten Blick auf den Mann, der einst ihr Geliebter gewesen war und der nun tot und blutleer zu ihren Füßen lag. Normalerweise fühlte sie sich nach einem Mahl euphorisch und stark, doch diesmal wartete sie vergeblich auf den Rausch. Im Gegenteil. Ein unangenehmes Kribbeln fuhr ihren Rücken hinauf. Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Philippe zu töten war leichter gewesen, als sie erwartet hatte. Zu leicht. Immerhin war er ein Schattenträger.


Besorgt blickte sie sich um. Auch ihr Escort huschte unruhig umher. Ein unangenehmes Gefühl, als würde sich ein Eiswurm durch ihren Körper winden. Der metallisch feuchte Geruch des Tunnels hatte sich verändert, wurde überlagert von dem Gestank nach Gummi und Schweiß.


Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag.


Philippe hatte sie verraten, sie in eine Falle gelockt. Hektisch blickte sie sich um. Weiter vorn erstrahlten die Lichter von mindestens fünf Taschenlampen. Schnelle Schritte näherten sich. Ohne zu überlegen wandte sie sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Trotz ihrer dreiundvierzig Jahre war sie noch gut in Form, das tägliche Ausdauertraining zahlte sich aus. Es kam ihr vor, als flöge sie über die Gleise. Schneller. Immer schneller.


In einem Seitengang zu ihrer Rechten flammten Lichter auf. Stimmen hallten durch den Tunnel. Zuckende Lichtkreise direkt vor ihr. Die Jäger waren überall.


Von irgendwoher kam etwas geflogen. Sie bemerkte das Netz nur einen Lidschlag bevor es sich um ihren Körper wickelte. Sie stürzte, schlug hart mit dem Kopf auf die Schiene. Etwas Feuchtes rann über ihre Stirn, tropfte in die Augen. Das Netz umhüllte sie, und je mehr sie zappelte, umso fester schlang es sich um ihren Körper. Sie dachte daran, dass sie den Willenlosen hätte mitnehmen sollen. Doch gegen die feindliche Übermacht hätte auch er nichts ausrichten können. Ihr zweiter Gedanke galt ihrer Tochter. Doreé. Dieses einfältige Mädchen. Was würde sie tun, wenn ihre Mutter nicht nachhause kam? Ganz sicher zur Polizei gehen und eine Vermisstenmeldung aufgeben. Verdammt. Schon lange hatte Desoderia mit dem Gedanken gespielt, ihre Tochter noch vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag einzuweihen, doch die Clanchefs hatten es ihr strikt untersagt. Unwissenheit, so sagten sie, sei der beste Schutz vor den Gideonisten, den Streitern des Herrn. Erst in der Nacht vor ihrer Weihe sollte Doreé die Wahrheit erfahren.


Die Gideonisten traten auf sie zu und richteten die Taschenlampen auf ihr Gesicht. Gleißendes Licht traf auf ihre Netzhaut. Sie kniff die Augen zusammen, blinzelte die Tränen weg. So unauffällig wie möglich fischte sie den Dolch aus ihrem Gürtel und begann, das Drahtgespinst um sie herum zu durchtrennen.


»Sie versucht, sich zu befreien«, sagte einer der Männer.


»Das wird ihr nichts nützen«, erwiderte ein anderer.


Eine Frau lachte. Jemand griff nach ihrem Arm, versuchte, ihr den Dolch durch das Netz hindurch zu entwinden.


»Sei vorsichtig, das ist ein Blutdolch«, warnte einer.


Desoderia stieß einen zischenden Laut aus, versuchte, irgendetwas zu erkennen, ein Gesicht oder die Anzahl der Streiter, doch das Licht der Taschenlampen war einfach zu grell.


»Lasst mich gehen, wenn euch euer Leben lieb ist«, stieß sie hervor.


Wieder ein Lachen, diesmal von mehreren zugleich.


»Lacht ihr nur, ihr Missgeburten, solange ihr noch könnt. Sehr bald schon werde ich mit bloßen Händen die Eingeweide aus eurem Leib reißen und sie euch in die aufgerissenen Mäuler stopfen, bis ihr daran erstickt«, spie sie ihnen entgegen.


»Der Escort spricht aus ihr, wir sollten sie ausschalten«, schlug die Frau vor. »Kurt?«


»Ist okay, ich mach’ das«, erwiderte der Mann namens Kurt. Etwas klickte, gefolgt von einem kurzen Zischen. Desoderia spürte einen scharfen Schmerz in ihrem Oberschenkel.


»Hast du die volle Dosis eingestellt?«, fragte die Frau.


»Natürlich«, erwiderte Kurt.


Die Frau beugte sich zu Desoderia hinab. Ein dunkelblonder Pagenkopf mit einem blassen, länglichen Gesicht. »Schlaf gut«, sagte sie feixend.


»Verflucht sollt ihr sein«, zischte Desoderia und spuckte aus. Das Gesicht der Frau verschwamm vor ihren Augen, Schwindel erfasste sie, dann wurde alles dunkel.


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs