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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Engelslügen, Samantha O. Collins
Samantha O. Collins

Engelslügen



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Amazon, Weltbild, Thalia, Google Play ISBN 9783739303659
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1
Der brennende Busch

Der Regen ergoss sich über der Stadt. Das Wasser sammelte sich in den Rinnsälen der Straßen, und die Konturen der Gebäude versanken im dichten Nebel zu unscheinbaren Strukturen. Das Licht des Mondes war gedämpft, aber dennoch schwach als Glimmen erkennbar. Selbst die Laternen, in ihrem gelblichen Licht, erschienen schwach und diffus. Niemand, der nicht gerade wichtiges zu erledigen hatte, befand sich auf der Straße. Schwingen, gleißend hell, so dass keinerlei Umrisse erkennbar waren, breiteten sich über der Straße aus. Olivia, die junge Frau, die sich unter den Schwingen befand, bemerkte in ihrer Eile nicht einmal, dass schlagartig das Prasseln des Regens aufhörte. Olivia hielt ihren dünnen Mantel fest vor der Brust geschlossen und eilte in der späten Abenddämmerung die Straße entlang. Sie konzentrierte sich vollends darauf, nicht in einen der Hundehaufen, die sich durch das Wasser, welches beständig auf sie herabfiel und sich in alle Himmelsrichtungen zu verteilen drohte, zu treten. Sie nahm nichts aus Ihrer Umgebung war, da sie es eilig hatte aus diesem Nass zu kommen. Ihr war kalt und das Wetter drückte ihre Stimmung gewaltig. Sie freute sich schon sehnlichst auf die trockene Wohnung, die sie zusammen mit ihrer Tante Heather bewohnte. Olivia war trotz ihrer Jugend ziemlich schüchtern und lebte sehr zurückgezogen. An ihrem College war niemand mit ihr befreundet. Sie gehörte nicht zu den angesagten Mädchen ihrer Schule, da ihr das Geld für modische Sachen fehlte und nun auch Ihre Brille kaputt war. Der Einzige, dem sie seit Kindertagen vertrauen und einen echten Freund nennen konnte, war Gino. Er war etwas älter als Olivia und wie sie kein auffälliger Typ, sondern einfach der nette Junge von neben an. Öfters trat er als ihr persönlicher Ritter in Erscheinung, wenn sie wie so oft von einer Gruppe Mädchen bedrängt und für ihr Aussehen ausgelacht wurde. Bei ihrem letzten Zusammentreffen mit den Mädchen und ihrer Anführerin Page, war ihre Brille zu Bruch gegangen. Weshalb nun an der rechten Seite ein Klebeband den Bügel mit den Gläsern verband und für einigermaßen ausreichende Stabilität sorgte. Wieder wurde sie gedemütigt, doch sie ertrug ihr Schicksal stillschweigend. Die Feuchtigkeit des Regens löste den Kleber langsam auf und drohte die Brille erneut in zwei Teile zerfallen zu lassen. Noch bevor sie den Windhauch spüren konnte, welchen der Engel mit seinen Schwingen verursachte oder aber das plötzliche Aufhören des Regens wahrnehmen konnte, hatte sie die Stufen, die zu dem Haus führten, in dem sie wohnte erreicht. Vor der Haustür angekommen, wühlte sie in ihrer Umhängetasche nach dem Schlüssel. Ihre kalten und verfrorenen Hände fanden ihn nach wenigen Minuten. Sie schloss die Tür zum Treppenhaus auf und ließ die Tür ins Schloss fallen, so als könnte sie die Nässe und Kälte aussperren. Eilig erklomm sie die Stufen zur Wohnung. Das Treppenhaus war schäbig und roch übel. Die Farbe blätterte von den Wänden und die Stufen waren ausgetreten. In diesem Teil der Stadt kümmerte sich niemand um die Häuser oder ihrer Bewohner. So zerfielen sie mit der Zeit immer mehr. Da Olivia noch zur Schule ging, mussten sie mit dem Geld ihrer Tante überleben. Von ihrem Vater wusste sie nicht viel, er starb vor ihrer Geburt. Ihre Mutter erzählte ihr, dass er strohblondes Haar hatte und sein Lächeln verzaubern konnte. Gebildet und herzlich soll er gewesen sein. Sie nannte ihn immer ihren Engel. Sie hatte kein Bild von ihm und ihre Tante mied es, über ihn zu sprechen, als wäre er ein Krimineller gewesen. Ihre Tante Heather war streng aber gütig. Sie pflegte ihr Haar in einem streng geflochtenen Zopf zu tragen. An den Händen hatte sie Schwielen, die Arbeit in der Wäscherei war hart, dennoch bekam sie nie mehr als einen Hungerlohn. Es war nicht einfach für Ihre Tante sie beide über Wasser zu halten. Manchmal fiel Olivia auf, dass sie ihretwegen weniger aß. Sie hatte immer so getan, als würde sie es nicht bemerken und ebenfalls weniger gegessen, als ihr aufgefallen war, dass ihre Tante mit der Zeit immer dünner wurde. Sie sprachen nie darüber, aber Olivia war dankbar und liebte sie wie ihre Mutter, da ihre Tante jeden Tag für Ihr Schulgeld schuftete ohne sich zu beklagen. Wenn sie ihre Tante ansah, konnte sie direkt in die Augen ihrer Mutter blicken, obwohl sie acht Jahre zuvor an Herzversagen gestorben war. Das ihre Tante Heather und ihre Mutter Zwillinge waren erleichterte ihr den Abschied nicht. Vom Wesen unterschieden sie sich deutlicher. Während ihre Mutter mehr in den Tag hinein lebte, war ihre Tante Heather zurückgezogen, und verbrachte ihre Zeit mit harter Arbeit. Die schmalen Räume waren kalt, viele Möbel gab es nicht und damit auch kaum Möglichkeiten, wie die Räume Wärme speichern konnten. Selbst die wenigen Regale waren aus dünnen Sperrholz gefertigt und man konnte ihnen ihr fortgeschrittenes Alter ansehen. Auch mit Deko Elementen hatte es ihre Tante nicht so. Nur ein paar kleine gehäkelte Deckchen und wenige Habseligkeiten, sorgten für eine schwache persönliche Note. Olivia legte ihre Tasche ab und schlüpfte aus ihrem nassen Mantel, um ihn zum Trocknen aufzuhängen. Sie drehte das Thermostat nach oben, damit es schneller warm werden würde. Ihre Tante Heather drehte es immer ab, wenn beide das Haus verließen um Geld zu sparen. Ihre Tante hatte, wie sie am Morgen das Haus verlassen, und war bislang noch nicht von ihrer Arbeit zurückgekehrt. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie bis spät in die Nacht hinein in der Wäscherei stand. Normalerweise erledigte Olivia am Abend die Hausarbeit bis ihre Tante aus der Wäscherei kam. Heute jedoch war Olivia noch müder als sonst. In letzter Zeit wurde sie von schlimmen Träumen geplagt, die sie nicht richtig einordnen konnte. Aus diesem Grund war sie auch mit den Mädchen in ihrer Schule aneinandergeraten, da diese sie aufgrund ihrer Übermüdung als Freak bezeichneten. Olivia schaute in den Spiegel, der neben der Wohnungstür hing. Ein Mädchen mit dunklen Augenringen, einer kaputten Brille, nassen Haaren und einer an Unterernährung grenzenden Figur, schaute ihr entgegen. Resigniert ging sie in ihr Zimmer und ließ sich auf ein kleines Sofa fallen, welches man zu einem Bett ausklappen konnte. Es war nicht gerade bequem und der Stoff schon ziemlich abgenutzt. Doch außer Gino kam sowieso niemand, um sie zu besuchen - und er wusste wie sie lebte. Ihre Augen fielen zu, doch an ein entfliehen des Alltags, war nicht zu denken. Noch weniger bekam sie erholsamen Schlaf. In ihr flammten die grausigen Bilder auf, die sie seit Wochen zu verfolgen schienen. Feuer. Wohin sie auch blickte. Der hundertjährige Baum aus dem Park gleich nebenan, brannte lichterloh und wurde von den Flammen aufgezehrt. Während sie sich auf den einst prächtigen Baum zubewegte, glitten ihre Füße über menschliche Schädel, welche unter ihrem Gewicht zerbarsten. Sie hatte das Gefühl schreien zu müssen, doch sie konnte nicht. Schockiert schaute sie sich um, doch es war keine Rettung in Sicht. Ihr Körper schrie förmlich nach Flucht. Der Drang entkommen zu wollen, war stärker als die zunehmende Hitze um sie herum. Panik machte sich in ihr breit. Der sengend heiße Wind kam ihr so realistisch vor, dass sich auf ihrem Nacken bereits Schweißperlen bildeten. Angewidert von den Bildern in ihrem Kopf, riss sie den Kopf nach oben und seufzte. Bald schon, raunte es in ihren Gedanken, ohne dass dieser Gedanke von ihr selbst ausging, die raue männliche Stimme klang drohend und wirkte befremdlich. „Super, jetzt höre ich schon Stimmen, das kann ja nur besser werden“, flüsterte sie ihrer Stoffschildkröte zu, die sie sich griff, als sie sich auf das Bett warf. Während Olivia ihren Kopf in das Plüschreptil vergrub, hangelte sich an der Feuerleiter vor ihrem Fenster Gino zu ihr herauf. Die Wohnungstür nutzte er die letzten Jahre immer seltener. Mit kräftigem Klopfen an das Fensterglas machte er auf sich aufmerksam. Seine beste Freundin erhob sich und er konnte schnell erkennen, dass sie wieder völlig verstört war. Ihm war es in den letzten Wochen immer deutlicher aufgefallen, dass ihre passive Haltung täglich zunahm. „Hey, alles klar?“, begrüßte er sie, als Olivia das Fenster für ihn hochschob, um ihn herein zu lassen. Mit glasig, geröteten Augen blickte sie ihn an. Gino rechnete damit, dass sie ihm erzählen würde, was los war. Stattdessen stand sie einfach nur da. Kein Wort kam über ihre Lippen. Einen Moment lang, erwiderte er ihren Blick und hoffte, dass sie etwas sagen würde. Da sie weiter schwieg, ergriff er das Wort. „Oliv, was hast du denn? Hat dich die dumme Page wieder geärgert?“, durchbrach er die unheimliche Stille. Sie seufzte und formte mit ihren Lippen die Worte, die sie nicht laut aussprechen wollte. Kurz überlegte sie, schüttelte dann den Kopf. „Nein, diesmal nicht. Ach ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Es ist einfach … keine Ahnung“, fluchte sie. „Du kannst sicher etwas Ablenkung vertragen! Ich habe eine Überraschung für dich! Aber wir müssen uns beeilen.“ Ehe sie widersprechen konnte, packte Gino sie am Arm und eilte mit ihr zur Wohnungstür. Während sie fragte, wo es hingehen sollte, zog sie sich eilig Jacke und Schuhe über. „Lass dich überraschen! Es wird dir sicher gefallen“, erwiderte Gino. Der Regen hatte zwischenzeitlich aufgehört, Dunst hing wie ein feiner Schleier in der Luft und hüllte die nassen Fassaden und Gehwege in ein silbriges Licht. Es ließ die frühere Anmut und Reinheit erahnen, die in längst vergangenen Zeiten Straßen und Häuser hatten glänzen lassen. Der Mond strahlte hell. Nur noch wenige Tage und er würde in ganzer Pracht den Nachthimmel zum Leuchten bringen. Er wirkte schon jetzt groß, da er teilweise von Häusern verdeckt wurde und dem Betrachter damit eine größere Mondscheibe suggerierte. Glitzernd funkelten die Sterne über dem Park mit dem großen alten Baum, der seinen meterdicken Stamm in den Himmel streckte. Gino zog sie stetig weiter zu dem Baum, weil in dieser Nacht ein inoffizieller Gig, der Band seines Cousins dort stattfinden würde. Olivia setzte sich neben ihn auf die kleine Parkbank am großen Baum. Die Bank wurde durch das Blätterdach gut vor möglichen Regentropfen geschützt und zeigte direkt auf die Bühne. Sie waren bislang die Einzigen und noch war nicht viel von der Band zu sehen. Lediglich ein paar Leute bauten Verstärker und Mikros auf. Gedankenverloren und gerädert vom andauernden Schlafmangel, lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Sie schaute zu dem ehrfürchtigen Zeugen der Zeit hinauf und erinnerte sich sofort an die schrecklichen Bilder aus ihrem Traum, die vor ihrem inneren Auge wieder auf sie einstürmten. Sie erzählte Gino von diesem Traum. Er sagte kein Wort, sondern hörte aufmerksam ihren grausig detaillierten Schilderungen zu. Seine Mine war ausdruckslos, fast so als wüsste er nicht, was er sagen sollte und letztlich war es auch genau das. Was sollte er dazu sagen? Er machte sich große Sorgen um sie, gegen Träume konnte er allerdings nichts ausrichten. „Es sind Träume Oliv. Miß ihnen keine allzu große Bedeutung bei!“, rang er sich tröstende Worte ab. Er litt mit ihr, weniger wegen ihrer Träume, sondern vielmehr weil es sie so quälte. Zärtlich stupste er sie mit seinem Finger an ihrer Schulter an. „Dein Traum“, sprach er laut „das hat was von dem brennenden Busch in der Bibel. Findest du nicht auch? Vielleicht solltest du mal mit einem Priester reden. Die kennen sich doch mit so einem Hokuspokus aus!“ Damit ließ er das Thema fallen und lauschte den Klängen seines Cousins, dessen Band zwischenzeitlich zu spielen begonnen hatte. Eine Mischung aus Folklore und Rock. Immer mehr Besucher wurden von der Musik in den Park gelockt. Noch bevor sich seine Worte in ihren Gedanken nachformen konnten und sie sich die Geschichte des brennenden Dornenbusches in ihre Erinnerung rufen konnte, stand der Himmel in Flammen. Lichterloh züngelte ein orangeroter Schein über den Nachthimmel.

2
Gefilmt

Blau strahlte der Himmel über der Stadt, nur wenige Wolken störten den majestätischen Anblick. Der Boden war bis zum Mittag vollständig getrocknet. Die Luft war klar, roch aber wie üblich nach den Abgasen der Autos, die an der Hauptstraße vor Olivias Wohnung an einer Ampel starr auf Grün warteten. In der letzten Nacht hatte sie geglaubt ihren Verstand zu verlieren, als sie den Himmel in Flammen stehen sah. Es kam ihr vor, als würde ihr Traum plötzlich wahr werden. Stattdessen gab es ein paar Blocks entfernt eine Gasexplosion, bei der drei Menschen starben. Ein Leck in einem Gastank führte zu dem Unglück. Während sie zur Schule lief, fuhren noch immer Löschfahrzeuge mit Blaulicht durch die Straßen. Zwei Tage noch und sie konnte ihren 18ten Geburtstag feiern. Melancholisch dachte sie an die acht Jahre, die sie nun schon bei ihrer Tante lebte. In ein paar Monaten würde sie wegziehen müssen, um irgendwo einen einjährigen Praktikumsplatz zu finden. Diesen brauchte sie für ihr weiteres Medien- und Journalismus Studium und sie hatte auch schon einige Bewerbungsgespräche bei unterschiedlichen Blättern hinter sich gebracht. Ihre Chancen standen gut, bei dem angesehenen National History Magazine einen Platz zu bekommen. In der Schule war sie bereits die Herausgeberin der Schülerzeitung und Jahrgangsbeste in fast allen Fächern, die sie belegte. Journalistisch konnte ihr am College niemand das Wasser reichen, selbst die älteren Studenten hatten kein so feinfühliges Geschick für Wörter wie sie. Früher glaubte sie, sie könnte sich damit etwas beliebter machen, aber auch das schlug fehl. Sie konnte es nicht lassen, unangenehme Fragen zu stellen, welche somit für de einen oder anderen Skandal sorgten. Die Schülerzeitung selbst war erfolgreich, nur mieden die Schüler sie seither noch mehr als je zuvor. Alles fing damit an, dass bei ihr Jahre früher als bei den anderen Mädchen, die Menstruation einsetzte und ihre Brüste wuchsen. Die Kinder ihrer Klasse verspotteten sie anfangs als abnormal später als Freak, da sie sich auch keine neuen Klamotten leisten konnte. Olivia merkte nicht, dass sie zufällig und völlig in ihren Träumereien versunken auf die Tasche von Page trat. Ausgerechnet Pages Tasche! Sofort sprang ihre Rivalin auf und begann mit ihren gängigen Beschimpfungen. „Du Trampel …“, schrie sie und richtete sich auf. Gerade als sie Olivia wie so oft vor die Brust schupsen wollte, blieb Olivia wie ein Baum in der Erde verwurzelt stehen und ließ sich nicht umwerfen. Erschrocken versuchte es Page gleich darauf noch einmal und scheiterte erneut. Olivia hob ihre Hände und versetzte Page ebenfalls einen Stoß, der diese ein paar Meter weiter nach hinten beförderte. Fassungslos starrte Olivia auf ihre Hände und sah zu Page auf, die sich ebenfalls verblüfft aufrappelte. Unter Olivias Haut zeichneten sich feine Linien ab, die schwungvoll golden schimmerten und ebenso schnell verschwanden, wie sie erschienen waren. Olivia bekam einen Schreck. Hatte sie sich das gerade nur eingebildet? Ringsherum bildete sich ein kleiner Pulk und eifrig wurden Smartphones gezückt, um das Geschehen auf Video zu bannen. Die Zuschauer standen da, als hofften sie regelrecht darauf, gleich Blut sehen zu können. Angewidert von der Meute erwachte Olivia aus ihrer Starre. Sie bahnte sich hastig einen Weg durch die Gaffer und lief in die Richtung zurück, aus der sie noch vor ein paar Minuten gekommen war. An den Fahrradständern vorbei rannte sie den schmalen Weg zur Hauptstraße hinunter und über eine Brücke zu einer kleinen Nische, in einem verfallenen Haus. Dort hatte sie sich schon einmal vor Page und ihrer Meute versteckt und es erschien ihr auch diesmal als der geeignetste Rückzugsort. War ich das? Wie um alles in der Welt ist so etwas möglich? Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie entsetzt auf ihre Hände starrte, die vor Aufregung zitterten. Nur langsam ließ die Anspannung nach, lautlos richtete sie sich auf. Sie verspürte den Drang, das alte Gemäuer näher zu untersuchen, auch um sich noch weiter diesem verblödeten Tag zu entziehen. Sie war zwar schon häufiger hier gewesen, aber nur in der Nische, um sich vor ihren Verfolgerinnen zu verstecken. Das alte Haus, welches wohl vor der Jahrhundertwende errichtet wurde, stand schon, seit sie es kannte, zur Hälfte in sich zusammengefallen an dieser Stelle. Beachtung fand es selten, selbst Graffitikünstler mieden es, nur auf der Vorderseite des Gebäudes fanden sich ein paar Schmierereien. Verwunschen sei es, oder von der Dunkelheit in Besitz genommen hatte ihre Tante einmal erzählt. Behutsam lief sie zu einer Steintreppe, die in das Kellergeschoss führte. Leise nahm sie eine Stufe nach der anderen, bis sie in einem großen Gewölbe stand. Anders als von außen vermutet, befand sich unter dem Haus eine fünf Meter hohe Kuppel aus alten verwitterten Marmorplatten und vielen Säulen. Kurz stellte sie sich vor, wie das zur Glanzzeit des Hauses ausgesehen haben mochte. Die Kronleuchter von der Decke hängend und den glänzenden hellen Steinboden zum glitzern bringend, sah sie die Vergangenheit vor sich. Ihre Fantasievollen Vorstellungen wurden durch einen überraschenden Huster, der aus dem hinteren Teil des Kellers kam, unterbrochen. Wie ein Suchscheinwerfer drehte sie sich ängstlich im Kreis, um die Herkunft des Geräusches zu ermitteln. Durch das Gewölbe, das jeden Ton verstärkte und von einer Ecke zur anderen brach, war es unmöglich den Ursprung genauer zu lokalisieren. Ihr normaler Impuls, sich so schnell wie möglich umzudrehen und davon zu laufen, verkehrte sich ins Gegenteil. Ungeahnt neugierig aber auch mit vor Aufregung schneller werdendem Puls, wagte sie sich weiter vor in die Dunkelheit des Raumes. Je weiter sie in die Finsternis vortrat, umso mehr konnte sie erkennen. Sie hatte zwar schon immer sehr gut im Dunkeln sehen können, aber so gut das war neu. Immer deutlicher erkannte sie die Konturen der Säulen und auch die Wände wurden zunehmend schemenhaft sichtbar. Unerwartet schoss etwas an ihr vorbei und streifte sie am Oberarm. Der Schmerz überwältigte sie in Sekundenbruchteilen und ließ sie laut aufheulen. Das, was auch immer gerade hier mit ihr war, stoppte abrupt. Olivia biss sich auf die Lippe, um den Schmerz in ihrem Arm zu unterdrücken und drehte sich so schnell sie konnte zu dem Wesen um, dass gerade ihren Arm mit einem unglaublichen Schmerz bedacht hatte. Sie sah in giftgrün leuchtende Augen. Noch bevor sie den Rest des Wesens mit ihrem Blick auch nur im Ansatz abtasten konnte, verschwand es so schnell wie ein Blitzlicht über die Treppe. Was zum Teufel war das? Scheiße tut das Weh! Sie blieb noch eine ganze Weile in der Hausruine. Zorn flammte in ihr auf und der Schmerz in ihrem Arm wurde stärker. Wutentbrannt stieß sie einen Schrei aus und ihre linke Hand begann zu funkeln. Erschrocken starrte sie darauf, hob die Hand ein wenig höher und mit einem Knistern entlud sich Energie auf die Wand vor ihr. Ein blauer Blitz bahnte sich von ihrem Zeigefinger in eine Marmorplatte und hinterließ ein kleines Loch. Mit offenem Mund schaute sie immer wieder vom Loch in der Wand zu ihrer Hand, die zwischenzeitlich alle Anzeichen ungewöhnlicher Aktivitäten eingestellt zu haben schien. Nach einem kurzen Moment, in dem sie den Schock halbwegs verdaute, untersuchte sie die Zerstörung an der Wand genauer und ihr Blick glitt weiter voran. Unzählige kunstvoll gearbeitete Bilder zierten sie. Vor dem Bildnis eines Engels mit dem Kopf eines Menschen in der Hand blieb sie fasziniert stehen. Sie hob ihren Finger und wollte die Linien um die Schwingen nachfahren, doch sie verwischte damit die Farbe. Feuchte Farbe? Das heißt … Nein, das kann nicht sein. Hat das Wesen das gemacht? Oder war es ein Mensch? Nein dafür war es zu schnell! Aber wie und warum? Es sieht so unglaublich schön aus. Warum hat der Engel einen abgetrennten Kopf in der Hand? Die Gedanken überschlugen sich in Olivias Kopf und sie trottete Gedankenverloren nach Hause. „Olivia, was ist denn mit dir los? Du machst schon wieder so ein betrübtes Gesicht. Hattest du wieder Ärger mit den Mädchen?“, wollte ihre Tante wissen. „Ja … Nein. Ach ich schlafe zurzeit nur nicht sonderlich gut“, erklärte sie und verschwieg die außergewöhnlichen Vorkommnisse des Tages. „Warum warst du dann nicht in der Uni?“, fragte sie. „Woher weißt du das?“, entgegnete Olivia erstaunt. „Da du noch nicht 18 bist, werde ich informiert, wenn du dem Unterricht fern bleibst“, erklärte sie ihrer Nichte. „Entschuldige, es kommt nicht wieder vor. Ich fühle mich nur nicht sonderlich fit in letzter Zeit“, bat sie reuevoll um Verzeihung. „Ach Kind, das ist bestimmt nur die Sorge darüber, wie die Zukunft aussehen wird. Lass dir eines gesagt sein. Du wirst deinen Weg schon finden und alles schaffen, was du dir vornimmst! Deine Mutter war immer Stolz auf dich und wäre es auch noch, genauso wie ich es auf dich bin meine Kleine! Der Herr wird dich auf all deinen Wegen beschützen. Und jetzt zeig mir ein strahlendes Lächeln!“, beruhigte sie ihre Nichte. Als eine Träne aus Olivias Auge hinunter auf ihre Wange rollte, zog ihre Tante sie zu sich heran und umarmte sie, woraufhin ein Lächeln über Olivias Lippen huschte. Zufrieden nickte Tante Heather und wand sich wieder ihrem Magazin zu, dass sie zuvor schon gelesen hatte. Sie liebte es, den Klatsch und Tratsch der Königshäuser der ganzen Welt zu lesen. Sie glaubte zwar nicht immer was darin stand, aber wie die „Reichen“ lebten faszinierte sie. „Soviel Protz braucht niemand! Nichts würde mich dazu bringen so zu leben wie die!“, betonte sie stets. In ihrem Zimmer wartete bereits Gino auf sie. Am Morgen hatte sie vergessen das Fenster ganz zu schließen und ihr Freund konnte sich so leicht Zugang verschaffen. Ihrer Tante gefiel das überhaupt nicht und daher ließ sie eigens für ihn einen Wohnungsschlüssel nachmachen. „Du kannst die Tür benutzen!“, kommentierte sie die Schlüsselübergabe. Anfangs nutzte er ihn, um ihr zu zeigen, dass er ein braver Junge war, aber bald schon kam und ging er wie gewohnt durch Olivias Fenster. „Da bist du ja“, begrüßte er sie. „Falls Gino was essen möchte, es steht noch ein bisschen in der Küche!“, hörte sie ihre Tante Heather rufen. Woher wusste sie, dass Gino da war? „Er hat keinen Hunger!“, rief sie zurück, bevor Gino darauf antworten konnte. „Du ich bin total erledigt heute. Ich will mich einfach nur hinlegen“, wandte sie sich erschöpft an ihn. Sie hoffte, dass er gehen würde, da sie allein darüber nachdenken wollte, was dieser verrückte Tag zu bedeuten hatte. Gino strahlte sie an und für einen Moment vergaß sie die Ereignisse des Tages und dass sie lieber allein sein wollte. Sein rundes Gesicht und die breiten Schultern, taten ihr übriges. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen und doch wollte sie das nicht. Für sie war er mehr wie ein Bruder den sie nie hatte und ein Freund mit dem sie über Sachen sprechen konnte, über die sie mit sonst niemanden reden konnte. „Das hat nicht zufällig etwas damit zu tun?“, er zog sein Handy aus der Tasche und spielte ein Video ab. Darauf zu sehen, war gerade noch, wie Olivia Page nach hinten stieß. Auf dem Video sah es stärker aus, als es sich für sie angefühlt hatte. Irgendein Spaßvogel hatte auch typische Comicgeräusche, wie BANG, POW, BOOM und WUSCH dazu geschrieben. Sein Gesichtsausdruck wurde markanter und die weichen Konturen hoben sich zu härteren Linien ab. Seine Augenbrauen zog er hoch und sein Blick suchte nach Antworten. „Also wenn ich dich nicht kennen würde, könnte ich auf die Idee kommen, dass du Steroide nimmst. Was auch erklären würde, warum du so depressiv geworden bist“, klagte er sie an. „Steroide? Spinnst du? Sehe ich aus, als würde ich so was nehmen oder brauchen?“ Zur Verdeutlichung, fuhr sie mit den Händen ihren schmächtigen Körper nach. Super, genau das hat mir jetzt noch gefehlt. Ganz toll! „Das hab ich jetzt echt nicht gehört, dass du auch nur ansatzweise denkst, ich könnte so etwas nehmen!“, fauchte sie ihn böse an. Gerade als Gino sich entschuldigen wollte, begann Olivias Hand wieder zu funkeln. Der helle Glanz reflektierte vom Spiegel neben ihrem Bett und von der Glasverzierten Deckenleuchte. Für einen kurzen Augenblick strahlte ihr Zimmer wie eine Discokugel. „Was zur Hölle …“, er deutete auf ihre Hand. „Gino! Ich dulde hier keine Flüche!“, hallte es aus der Küche. Tante Heather war eine überaus gottesfürchtige Frau, dennoch kam sie dem ausdrücklichen Wunsch im Testament ihrer Schwester nach und hatte Olivia nicht taufen lassen. Olivia war es recht so, mit Gott hatte sie nicht viel zu tun, hatte er ihr doch ihre Mutter genommen. Eines morgens bereitete ihre Mutter gerade das Frühstück, als sie kollabierte. Der sofort herbeigerufene Notarzt konnte jedoch nur noch ihren Tod feststellen. Als Todesursache gaben die Ärzte einen Herzfehler an. Ihre Tante Heather ließ Olivia gleich darauf untersuchen, ob es ihrem Herzen gut gehe. „Kräftig wie das eines Bären!“, diagnostizierte der Kinderarzt damals. Ihre Tante glaubte nicht so recht an die Gutachten der Autopsie. Sie sprach oft davon, dass Olivias Mutter an gebrochenem Herzen starb. Außerdem bekam sie so früher immer eine Freistunde, während die anderen Schüler ihrer Klasse die Bibel repetieren mussten. Die freie Zeit nutzte sie um Hausaufgaben zu machen. So hatte sie Nachmittags mehr Zeit für sich und ihre Recherchen für die Schülerzeitung. Langsam, in der Hoffnung, dass Funkeln würde genauso schnell verschwinden, wie es aufgetreten war, holte sie die Hand hervor, die sie beim Ruf ihrer Tante hinter ihrem Rücken versteckte. „Wie hast du das gemacht?“, fragte er völlig erstaunt. „Wie habe ich was gemacht?“, gab sie unschuldig zurück. Das Funkeln hatte tatsächlich aufgehört und ihre Hand sah völlig normal aus. „Ich bin doch nicht blöd, du hast da irgendwas gemacht! Komm schon, erst das mit Page jetzt deine Hand, du verschweigst mir etwas“, beharrte ihr bester Freund. Statt ihm eine Antwort zu geben, sah sie ihn nur mit großen Augen an. „Also gut. Versteh schon, du willst nicht mit mir darüber reden. Ich wünsch dir noch einen schönen Abend! Aber glaube nicht, dass ich das vergessen werde! Ich weiß was ich gesehen habe!“ Er wandte sich enttäuscht von ihr ab und öffnete das Fenster, um ihr Zimmer wieder zu verlassen. Als er das erste Bein über die Brüstung schwang, hielt sie ihn am Arm fest. „Bitte warte“, bat sie Gino leise. „Das Funkeln ist heute einfach so passiert. Aber ich habe dir doch schon von meinen Träumen erzählt. Sie sind so realistisch. Und heute habe ich mich so über Page geärgert, keine Ahnung wie ich das fertiggebracht habe sie so fest zu stoßen“, Olivia machte eine Pause. „Ja und danach bin ich weggelaufen in die alte Villa, du weißt schon, die bei der Uni. Erst habe ich mich versteckt, und als ich mir sicher war, dass mir niemand gefolgt ist, habe ich das alte Haus genauer untersucht. Wusstest du, dass in dem Keller ein wahnsinnig großer mit Marmor verkleideter Saal ist?“, sie hoffte, er würde sich darauf einlassen und den Rest vergessen. „Natürlich weiß ich das nicht, woher auch? Und weiter!“, warf er kühl ein. „Dort habe ich etwas gesehen, beziehungsweise eigentlich nicht. Aber da war etwas unheimliches, es hat mich angesehen und mich verletzt“, sie zeigte ihre Wunde am Oberarm, die nach wie vor heftig brannte. „Okay, aber das erklärt das Funkeln noch nicht!“, bemerkte er sichtlich interessierter. Seine Gesichtszüge wurden allmählich weicher, als er merkte, dass sie ihm die Geschichte wirklich erzählen wollte. „Das hatte mich so wütend und ängstlich gemacht und plötzlich funkelte meine Hand. Ich hob sie an, und auf einmal ging ein Blitz oder was auch immer von meiner Hand direkt in die Wand. Ich schwöre dir, ich habe keine Ahnung, was da passiert ist. Ehrlich gesagt war ich mir nicht mal sicher, dass es überhaupt geschehen war, bis es jetzt wieder passierte.“ „Was hattest du da überhaupt zu suchen? Soweit ich weiß, soll die alte Villa nächstes Jahr wegen Einsturzgefährdung abgerissen werden. So stand es jedenfalls in der Zeitung. Und ein Schandfleck für die Gegend ist die Ruine auch! Irgendwie auch gruselig, wenn du mich fragst!“ „Da verstecke ich mich wie schon gesagt immer, doch diesmal zog mich irgendwas in den Keller, es war wie mit den Träumen so eine Ahnung! Verstehst du?“, rechtfertigte sie ihre Leichtsinnigkeit. „Sag mal, siehst du nie Horrorfilme? Huch ein komisches Geräusch, ich sollte mal nachsehen. Vielleicht ist es ja nur eine Katze, die versucht Schränke nach Wertsachen zu durchsuchen. Mensch, die Leute sterben im wahren Leben!“, parodierte er einen schlechten Film. „Wie heißt es so schön? Lieber feige als tot! Wer weiß was dir hätte passieren können!“, legte er nach. Eine Weile saßen sie noch auf ihrem Sofa und sie versuchte permanent ihre Hand erneut zum Funkeln zu bringen, hatte aber wenig Erfolg damit. Als er schließlich durch das Fenster verschwand, gab er ihr noch den zarten Hauch eines Kusses auf die Wange und sagte: „Wenn was ist, sag es mir! Ich bin für dich da, vergiss das nie! Und halt dich von dem alten Haus fern!“ Sein warmer Atem strich über ihre Wange und ließ sie vor Scham erröten. Soviel Zärtlichkeit war sie von ihm nicht gewohnt. Zum Üben hatten sie sich früher einmal geküsst, dabei war jedoch nie ein Gefühl entstanden. Mit dem zarten Kuss auf ihre Wange, fühlte sie das erste Mal, das ein wenig mehr zwischen ihnen war, als reine Freundschaft. Ob es daran lag, dass sie älter und reifer wurde, wusste sie nicht. Es war ihr auch egal, dieses Gefühl inmitten der sonderbaren Ereignisse tat ihr einfach nur gut.


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