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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Eine Welt aus Angst und Tod, Klaus Frank
Klaus Frank

Eine Welt aus Angst und Tod


Phenomena 2

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1


Ralf Josten hob seine rechte Hand, die den Stock hielt, und schwang sie hin und her. Errol, der fünfjährige Mischlingshund, den Ralf Josten und seine Frau Elke in einem verwahrlosten Tierheim in Griechenland gesehen und schließlich mit nach Deutschland genommen hatten, schaute mit glänzenden Augen und offenem Maul zu ihm hinüber. Was immer der Hund in diesem fürchterlichen Tierheim und auch zuvor erlebt haben mochte, er schien keinen Schaden genommen zu haben. Ganz im Gegenteil war Errol das liebevollste und anhänglichste Tier, das ihnen jemals untergekommen war, als wolle er ihnen beweisen, dass auch Tiere zu Regungen wie Dankbarkeit in der Lage waren. Errol schoss davon, als Ralf den Stock mit aller Kraft fortschleuderte. Die Sonne schien von einem beinah wolkenlosen Himmel, nach den vielen Regenfällen, die Überschwemmungen mit sich gebracht hatten, setzte sich wohl nun der Sommer durch. Die Natur und die Menschen schienen aufzuatmen wie nach einem langen Alptraum, aus dem sie erwacht waren.


 


Ein lächelnder Tag, dachte Elke und schmunzelte selber darüber. Aber genauso kam es ihr vor: als lächelte jeder Mensch, der ihnen begegnete, jeder Hund und jeder Vogel, jeder Baum.


 


»Komm her, Errol!«, hörte sie die Stimme ihres Mannes, und Elke blickte ihn liebevoll an, ohne dass er es bemerkte. Sie empfand eine unendliche Liebe für ihn, ohne dass sie hätte erklären können, was sie in dieser Sekunde zu dieser Einsicht gebracht hätte. Es musste wohl wirklich mit dem traumhaften Wetter zu tun haben.


 


Langsam schlenderten sie weiter. Der Pfad wurde zu beiden Seiten von Bäumen begrenzt, die Teil eines dichten Waldgebietes waren. Hinter ihnen lag der kleine Ort Fell, in dem sie wohnten, vor ihnen der Nachbarort Thomm, der aber noch ein gutes Stück weg war. Ralf lebte schon sein ganzes Leben hier, er war der erste Josten seit Jahrhunderten, der nichts mehr mit dem Bergbau zu tun hatte, welcher diesen Landstrich einst geprägt hatte. Elke war es nicht leichtgefallen, das bedeutend aufregendere Leben in Trier aufzugeben und im vergleichsweise dörflichen Fell zu leben, aber mittlerweile, nach mehr als drei Jahren, war es ihr gelungen, den Ort und seine Menschen in ihr Herz zu schließen, zumal Trier kaum zwanzig Kilometer entfernt lag, sodass sie mehrmals im Monat dorthin fuhr.


 


Hätte man Elke gefragt, ihr wäre es nicht schwergefallen, ihr Leben als perfekt einzustufen.


 


Ralf Josten stapfte über die hohen Farne am Waldrand und suchte den Ast, den Errol nicht in der Lage war zu finden. Mit seinem hellen Hemd, das er erst vor wenigen Tagen gekauft hatte, wirkte wie ein verstockter Waldgeist.


 


»Such das Stöckchen!«, rief sie laut und lachte, als Ralf und Errol gleichermaßen irritiert zu ihr hinübersahen.


 


»Sag das deinem unfähigen Hund!«, beschwerte Ralf sich. »Das wäre doch eher sein Job.«


 


»Mein Hund? Verstehe, wenn er etwas nicht hinbekommt, dann ist es mein Hund. Wenn Leute seinetwegen stehen bleiben und ihn bewundern, dann ist er unser Hund.«


 


»Falsch«, sagte Ralf und grinste zu ihr hinüber, »dann ist er mein Hund.« Er zögerte kurz, dann rief er mit triumphierender Stimme: »Ah, da ist der verdammte Stock ja.« Er hob ihn auf und ging ein Stück parallel zu dem sonnendurchfluteten Pfad im Wald weiter; nur hin und wieder traf ein Sonnenstrahl seinen kurzgeschorenen Kopf. An diesen Anblick musste Elke sich erst noch gewöhnen, da ihr Mann bis vor wenigen Tagen noch halblanges Haar gehabt hatte. Nun wirkte er beinah wie ein ganz anderer Mensch. »Hier ist es schön kühl. Komm doch auch her.«


 


»Ich gehe ja gerade wegen der Sonne hier. Aber kühl dich ruhig ein wenig ab, wenn du magst.«


 


Errol rannte zwischen ihnen hin und her, ohne jedoch von dem Stock angelockt zu werden, den Ralf Josten in seiner Hand hielt. Plötzlich blieb der Hund stehen und bellte. Es klang nicht drohend, sondern, so glaubte Elke Josten, eher nach einem ängstlichen Kläffen, doch sie konnte nicht erkennen, wovor Errol sich fürchtete. Hier war nichts Beängstigendes zu sehen oder zu hören.


 


»Ruhig, Errol!«, verlangte Ralf, doch das Tier wurde eher noch aufgeregter. Ralf Josten ging auf ihn zu. »Was soll denn das? Mach nicht so einen Lärm!«


 


Er wollte noch etwas sagen, doch plötzlich verlor sein linkes Bein den Halt, und er verschwand bis zur Hüfte im Boden aus weichem Erdreich. Ungelenk prallte er mit dem Oberkörper auf die Erde. Das rechte Bein war nach hinten geknickt; eine unangenehme Haltung, die an Sehnen und Muskeln zerrte. Der Schmerz zog wie ein Stich von der Hüfte bis zu seinem Bein hinunter. Ralf kauerte wie ein betrunkener Balletttänzer am Boden.


 


Sein linkes Bein schlenkerte haltlos im Loch, das beträchtlich groß sein musste, da er keinen Grund ertasten konnte. Lediglich gegen dichte, starre Wurzelschlingen stieß er immer wieder. Er verzog missmutig das Gesicht, als er daran dachte, dass seine Kleidung nun mit Gewürm und Dreck Bekanntschaft machte.


 


»Halt endlich die Klappe!«, rief er seinem Hund boshaft zu, der nun endgültig verrückt spielte und ohne Unterlass kläffte.


 


»Ralf!«, rief Elke und kam näher, ihre dunkelblauen Augen blickten sorgenvoll. »Hast du dir wehgetan? Mein Gott, wie konnte denn das geschehen? Bist du in einen Kaninchenbau getreten? Hast du dich verletzt?«


 


Auf all diese Fragen hatte Ralf nur ungenügende Antworten. Er versuchte, sich mit den Armen hochzuhieven, doch es gelang ihm nicht. Sein rechtes Bein, das in schmerzhafter Verrenkung auf dem Boden lag, fand keinen Halt. Mit einem ärgerlichen Schnaufer sackte er wieder zurück.


 


Er blickte zu Elke hoch, deren Besorgnis gewichen war, ein spöttisches Lächeln deutete sich auf ihrem Gesicht an. »Wie konntest du nur so abstürzen?«


 


»Sehr witzig«, brummte er, aber auch sein Schreck legte sich nun ein wenig. Nur Errol war noch ein Ausbund an Aufregung, die beinah an Panik erinnerte. »Würdest du mir bitte helfen, aus dem Loch rauszukommen? Vielleicht gibt Errol dann endlich Ruhe. Das Theater, das der Köter veranstaltet, ist ja nicht auszuhalten.«


 


»Was er nur hat? Ob er etwas wittert?«


 


»Was weiß ich, was in seinem Hundehirn vor sich geht. Übrigens glaube ich nicht, dass es sich um einen Kaninchenbau handelt. Es ist viel zu groß.«


 


»Was dann? Ein Bergbauschacht?«


 


Ralf Josten schüttelte den Kopf. »So nah an der Erdoberfläche sind sie nicht. Aber damit zu tun haben könnte es allerdings schon. Vielleicht handelt sich um irgendwelche Verwerfungen, das mag vorkommen, wenn weiter unten Schächte einstürzen, die in dieser Gegend manchmal mehrere hundert Jahre alt sind. Wir sollten auf jeden Fall die Behörden informieren. Unter Umständen besteht die Möglichkeit, dass ein weiterer Einbruch bevorsteht. Würdest du also bitte …«


 


Elke hatte schon ihre Hände unter seine Arme geschoben, um ihm zu helfen, doch als er nicht weitersprach, richtete sie sich wieder auf. »Was hast du?«


 


Sie schrak zusammen, als sie sein Gesicht sah, das plötzlich vor Angst verzerrt war. »Da … da war etwas.« Er stieß einen hohen Schrei aus, der das Gekläff des Hundes übertönte. »Eine Berührung an meinem Fuß. Da ist wer!«


 


2


 


Für eine Sekunde hing Elke dem Gedanken nach, ob Ralf sich einen Spaß mit ihr erlaubte, aber ein Blick in sein vor Furcht beinah entstelltes Gesicht radierte diesen Gedanken sofort wieder aus. Seine Angst war nicht gespielt.


 


»Hilf mir!«, schrie er, und Elke schrak zusammen. »O Gott, hilf mir hier raus. Bitte!« Plötzlich schlugen seine Zähne schmerzhaft zusammen, als sein Oberkörper zu rucken begann. Jemand zerrte mit großer Kraft an seinem Bein, versuchte, ihn zu sich in die Tiefe zu zerren.


 


Elke schrie auf, als sie das sah. Grenzenlose Angst kauerte in ihr, dennoch zögerte sie nicht, Ralf aus dem Loch zu ziehen, die Gefahr ignorierend, in der sie dadurch selber schwebte. Doch die unheimliche Gestalt, die drunten hockte, ließ es nicht zu. Unerbittlich wurde er herunterzogen. Das rechte, nach hinten ausgestreckte Bein verkantete sich durch den zunehmenden Druck immer mehr und verharrte nun in einem bedenklichen Winkel, da es Ralf nicht gelang, es in eine andere Position zu bringen. Er schrie noch lauter als zuvor, diesmal vor Schmerzen. Seine Augen schienen vor Panik zu zerbersten.


 


Elke schaffte es nicht, ihn zu halten, der Druck von unten war größer. Dann hörte sie ein Brechen, doch es war kein Ast, der entzwei gegangen war, wie sie annahm, doch das begriff sie erst, als Ralf zu kreischen begann: »Mein Bein! Mein Bein!« Sein Gesicht verlor jegliche Farbe, und mit Blut durchsetzter Speichel rann aus seinem Mund.


 


Unsinnigerweise dachte Elke bei diesem Anblick an das neue Hemd, das er trug.


 


Ralfs Schmerzensschrei kippte über. Errol schnappte mit einem wilden Knurren nach seiner fuchtelnden Hand, dann heulte der Hund auf, als begriffe er, was er getan hatte.


 


Wie eine von einem zornigen Kind verdrehte Gummipuppe wurde Ralf Josten unerbittlich in das schmale Erdloch gezogen, wobei sein gebrochenes Bein immer stärker in Mitleidenschaft gezogen wurde und in einer unmöglichen Stellung zum Rest seines Körpers stand.


 


Elke begriff, dass sie ihren Mann nicht würde retten können; wer immer dort von unten zog, war ungleich kräftiger als sie. Sie zuckte zurück, voller Entsetzen und Verzweiflung, als Ralf vollends durch den finsteren Schlund gezogen wurde. Sie hörte den Aufprall seines Körpers am Boden; ein satter, klatschender Laut, dem etwas Endgültiges anhaftete.


 


»Ralf!«, schrie sie und blickte um sich. Warum kam denn niemand? Warum war niemand hier, um zu helfen?


 


Ralf stöhnte und wimmerte, die Schmerzen, die er auszuhalten hatte, mussten unmenschlich sein. Und ein Keuchen vernahm Elke plötzlich, ein Keuchen und entsetzliches Schmatzen. Sie schob sich ein wenig näher an das Loch im Erdboden heran und lugte hinunter. Es war nicht vollkommen dunkel dort drunten, da ein wenig Tageslicht hineindrang. Irgendetwas war dort, etwas machte sich an Ralf, der wehrlos am Boden lag, zu schaffen und zerrte ihn fort. Nur schwach waren seine Abwehrbewegungen. Einmal glaubte sie, dass er ihren Blick erwiderte, doch dies war vermutlich ein Trugschluss. Sein rechtes Bein stand in einem grotesken Winkel vom Körper ab, beinah so, als wäre es nur noch mittels Fleisch mit dem Torso verbunden und die Knochen sämtlich gebrochen.


 


»Du Bastard!«, schrie sie in die Tiefe. »Lass ihn los!« Sie bekam eine Antwort aus der Tiefe; ein Schlürfen, wieder dieses fürchterliche Schmatzen, als säße dort unten in der Finsternis ein riesenhaftes Kind, das schlechte Manieren hatte.


 


Ralf wurde weiter gezerrt, dort unten schien sich ein Gang befinden, auch wenn Elke sich kaum erklären konnte, wodurch er geschaffen worden war.


 


Ein schwacher Ruf war zu hören, und sie schreckte auf, als sie ihn vernahm. War das Ralf gewesen? Hatte er nach ihr gerufen, um Hilfe gebeten?


 


»Ralf?«, rief sie in die Tiefe, doch sie erhielt keine Antwort. Was sollte sie nur tun? Sie konnte ihn doch nicht einfach sich selbst überlassen. Ein Schluchzen drang über ihre Lippen, dann, nach einem letzten hoffnungslosen Blick in die Runde, glitt sie hinab in die unterirdische Höhle.


 


 


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