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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Eine magische Weltgeschichte, Marco Wagner
Marco Wagner

Eine magische Weltgeschichte


Die acht Zepter

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1. Aura


Es war wie das Erwachen nach einem sehr langen Schlaf mit der dunklen Erinnerung geträumt zu haben, ohne genau zu wissen, wovon.


 


Ein schroffes Felsgewirr umgab mich und je mehr mein Blick über die Landschaft schweifte, wunderte ich mich. Zwei Monde standen am Nachthimmel und beleuchteten eine ausgedehnte Fläche ringsumher, die nur aus Felsblöcken bestand. Vereinzelt traf das Auge einen knorrigen Baum; etwas weiter entfernt begrenzte ein kleiner Wald das Sichtfeld. Ganz in meiner Nähe plätscherte ein Bach vorüber, in dessen Wasser sich das silberne Mondlicht spiegelte. Der eine der beiden Monde, der ganz flach am Horizont stand, war nicht mehr als eine schmale Sichel, während der andere, im Zenit, schon sein letztes Drittel erreicht hatte. Es roch nach sonnigem Stein, und die kahlen Blöcke strahlten eine angenehme Wärme aus. Nach einer Erinnerung an diesen Ort suchend blieb ich stehen, um in die Nacht hinein zu lauschen. Keines der Sternbilder, die ich erblickte, kam mir auch nur annähernd bekannt vor, kein Nord- oder Südstern, der mir eine Richtung hätte zeigen können. Nur das eindringliche Murmeln des Baches zu meiner Linken, als wollte mir dieser ein Geheimnis anvertrauen, in einer Sprache, die ich nicht verstand.


 


Woher ich kam? Ich wusste es nicht. Wohin ich gehen sollte, was ich überhaupt hier tat? Ich wusste es nicht. Wer ich war, wie ich hieß, oder, ob ich überhaupt einen Namen hatte, was ich bisher in meinem Leben getan und erfahren hatte - von alldem wusste ich nichts. Aber dunkel erinnerte ich mich an eine Welt, in der es auch Flüsse und Bäume und Steine gab, eine Welt, die sich im regelmäßigen Wechsel von Jahreszeiten um sich selbst und um eine Sonne drehte; eine Welt mit nur einem Mond am gestirnten Nachthimmel.


 


Ein langgezogenes Brüllen, wie das eines Löwen, riss mich aus meinen Gedanken und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung. Eine aufrechte Gestalt kam in meiner Richtung über die Felswüste gerannt, selbst schwarz, wie der kleine Wald im Hintergrund, und daher nur zu erahnen. Jetzt machte das Wesen ein paar größere Sprünge von Stein zu Stein, die es ganz in meine Nähe brachten. Ich sah, wie es bei jedem Sprung zwei schwarz gefiederte Schwingen ausbreitete, die es ihm erlaubten, kleine Strecken durch die Luft zu gleiten.


Mit einem Ruck blieb es drei Schritte vor mir stehen und blickte mir gerade entgegen, so wie ich ihm. Die Erscheinung wirkte vom Kopf bis zum Unterleib beinahe menschlich, die einer jungen Frau vielleicht, abgesehen von dem dunklen Federkleid, das den Körper vollständig bedeckte. Die Beine aber waren die eines Laufvogels, mit Krallen statt der Zehen und direkt hinter den Armen befanden sich Flügel.


 


Einen Moment sah ich in ihre Augen mit leuchtend goldener Iris, bevor sie mit einer raschen Kopfbewegung hinter sich blickte. Ich folgte der Bewegung mit den Augen und erkannte ein Tier von der Art eines Löwen, aber ebenfalls geflügelt. Kein Zweifel: Es hatte mich nun auch entdeckt, denn es schien zu stutzen und zu überlegen, ob es sich auf mich stürzen, oder lieber bei seinem bisherigen Opfer bleiben sollte.


 


Ich überlegte auch: Ob es geflügelte Löwen gibt und ob ich mich vor ihnen fürchten müsste. Ich überlegte, ob ich mich fürchten müsste? Ja, ich fragte mich das ernsthaft, doch bevor ich zu einem Ergebnis gekommen war, hörte ich eine sanfte Stimme neben meinem Ohr: „Lege den Arm um meinen Nacken und halte dich fest. Er kann heute nicht fliegen.“


 


Ohne weiter zu zögern oder zu fragen tat ich, wie die Vogelfrau gesagt hatte und fühlte mich im nächsten Augenblick von ihr im Rücken gepackt. Wir machten einige ungelenke Sprünge, dann stürzte sie sich mit mir über die schroffe Kante eines haushohen Felsabbruchs hinab. Nach einer kurzen Zeit des Fallens segelten wir lautlos über die Geröllfelder einer Schlucht. Hinter uns dröhnte das wütende, Mark und Bein durchdringende Brüllen des Löwen, der uns offenbar nicht weiter folgen konnte.


 


„Das Gelände fällt etwas ab“, hörte ich jetzt meine geflügelte Retterin sagen. „Das ist gut, denn sonst kämen wir nicht weit.“ Ich fühlte, wie sich gleich darauf ihre Muskeln bewegten: Sie tat einige kräftige, gleichmäßige Flügelschläge, bevor sie einige Augenblicke mit mir still dahinglitt. Dann schlug sie wieder mit den Flügeln, während ich mich krampfhaft festhielt und gleichzeitig versuchte, sie möglichst nicht zu sehr in ihren Bewegungen zu behindern. Allein mein Körpergewicht machte das Fliegen bestimmt schon schwer genug.


 


Als ich gerade an ihrem Hals vorbei zurückblicken wollte, bemerkte ich plötzlich eine seltsame Veränderung: Ihr Gefieder war nicht mehr dunkel wie vorher, sondern wurde zusehends grauer bis es schließlich fast schneeweiß war. Sie hörte auf mit den Flügeln zu schlagen; wir glitten noch ein kleines Stück und landeten dann ziemlich unsanft auf einer großen flachen Felsplatte. Nachdem ich mich aufgerafft hatte, blieb meine geheimnisvolle Begleiterin immer noch reglos liegen. Besorgt beugte ich mich über sie - und sah in das Gesicht einer alten Frau. War das denn möglich? Sie konnte doch nicht in so kurzer Zeit so gealtert sein! Ich schaute an mir selbst hinunter: Mein Hemd, die lederne Weste, die helle Hose aus Tuch, die schwarzen, ledernen Stiefel - alles unverändert, ebenso wie meine nackten Arme und Hände. Gott sei Dank! Aber was war mit der Vogelfrau? Sie schlug die Augen auf und richtete sich mühsam in eine sitzende Stellung auf, die geschmeidigen Flügel halb über dem Rücken zusammengefaltet.


„Du hast mir wahrscheinlich das Leben gerettet, und ich kenne noch nicht einmal deinen Namen“, begann ich.


„Aura. Ich heiße Aura. Wohl wegen des goldenen Lichts, das meine Augen in der Dunkelheit ausstrahlen“, antwortete sie mit derselben sanften Stimme, mit der sie mich vorhin aufgefordert hatte, mit ihr zu fliehen. „Wie ist dein Name, Fremder?“


Ich sann und sann, aber es half nichts.


„Ich weiß es nicht“, gestand ich dann. „Ich weiß meinen eigenen Namen nicht. Ist dir schon so etwas vorgekommen?“


„Seltsam.“ Sie überlegte ein wenig, bevor sie weiter fragte: „Weißt du sonst irgend etwas von deinem Leben, was du getan hast, wo du warst, bevor du hierher kamst?“


„Nein. Nichts von allem. Ich erinnere mich wohl an eine Welt, die in manchen Dingen ähnlich wie diese gewesen sein könnte, aber nur schwach und schemenhaft, so, als wäre es nur ein Traum.“ „Seltsam“, sagte sie wieder.


„Aber du, Aura. Was ist mit dir? Du bist plötzlich alt geworden! Wie ist das möglich? Vor dem Flug warst du noch jung!“


„Ja“, lächelte sie bitter, „das hat nichts mit dem Fliegen zu tun, nur mit dem Ort.“


„Wie meinst du das?“


„Es gibt immer mehr Orte in dieser Gegend, da vergeht die Zeit nicht in der gewöhnlichen Weise. Hier muss so eine Stelle sein und wir sind ihr nahe gekommen. Zu nahe. Ich bin in einigen Augenblicken um Jahrzehnte gealtert.“


Ich sah sie betroffen an.


„Dich trifft keine Schuld,“ sagte sie. „Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Schließlich lebe ich nicht erst seit heute hier.“


 


Wir schwiegen eine Weile, während der ich Gelegenheit hatte, Aura ganz aus der Nähe zu betrachten. Sie war jung sehr schön gewesen; ja, sie war es selbst jetzt noch, mit den Zeichen des Alterns.


„Aber du“, nahm sie die Unterhaltung wieder auf, „du musst in die Stadt gehen, wo es sicher ist und wo Menschen wohnen, wie du. Du solltest nicht hier draußen herumstreifen, noch dazu bei Nacht. Allerlei Getier treibt sich hier herum, und es gibt noch andere Gefahren, wie du gesehen hast.“


„Dann lass uns morgen früh zusammen zu der Stadt aufbrechen, von der du sprichst.“


Aura lächelte verlegen.


„Das wird wohl nicht gut gehen.“


„Warum nicht?“


„Ich lebe hier. Verstehst du: hier draußen. Hier gehöre ich hin. In der Stadt leben keine wie ich. Du musst dich von mir fern halten.“


„Fern halten?“ Bei dem bloßen Gedanken fühlte ich mich schon schlecht. Und ich fühlte, dass ich in Aura eine Freundin gefunden hatte und dass es gut war, hier jemanden wie sie zur Freundin zu haben.


„Nein, das werde ich nicht“, erklärte ich deshalb bestimmt.


„Ich bin alt und werde dir keine große Hilfe mehr sein.“


„Keine große Hilfe? Du bist mein rettender Engel, und wenn es sein muss, werde ich jetzt dir helfen.“ Sie sah mich mit einem langen, milden Blick an.


„Wenn ich das überhaupt kann, dir helfen“, setzte ich leise hinzu.


„Vielleicht. Wer weiß. Du bist hier mit mir an dieser Stelle der alten Zeit vorbeigekommen, ohne selbst zu altern. Das ist ein Geheimnis. Ich kenne sonst keinen Menschen, kein Wesen, das sich der Wirkung einer solchen Stelle entziehen könnte. Außer natürlich ...“, sie blickte mich kopfschüttelnd an, „... außer natürlich der Herr des Eisernen Zepters.“


„Der ‘Herr des Eisernen Zepters’?“


„Ja. Doch auch von uns, die wir hier leben, hat ihn nie einer gesehen, von Angesicht zu Angesicht jedenfalls nicht. Vielleicht sieht er überhaupt nicht aus, wenn man das so ausdrücken kann. Aber das Eiserne Zepter ist das Zeichen der unüberwindbaren Macht, musst du wissen.“


 


Ich blickte schweigend zum Himmel, von dem die beiden Monde ihre silbernen Strahlen auf uns warfen. Das fahle Licht und die geradezu unheimliche Stille der Steinwüste ringsum verbreiteten einen Hauch von Ewigkeit.


„Lass uns zunächst von etwas anderem, etwas Naheliegenderem sprechen“, schlug ich dann vor. „Du denkst, wir sind vor dem Löwen sicher?“


„Du meinst das geflügelte Mantikor? Es kann uns nicht hierher folgen. Heute nicht, da es nicht fliegen kann.“


„Was soll das heißen: ‘Heute nicht’?“ Ich betonte dabei das ‘Heute’ besonders. „Wie ist es denn morgen? Kann es denn morgen plötzlich fliegen? Es ist doch viel zu schwer!“


„Nein, auch morgen kann es nicht fliegen. Aber du hast Recht: Die Schwere ist sein Problem. In drei oder vier Tagen kann es wieder fliegen. Und ich - ich kann dann natürlich auch fliegen, viel besser und leichter als jetzt.“


Ich staunte und erkannte, dass ich nichts wusste, alles erst noch lernen und erfahren musste, was in dieser Welt zum täglichen Leben gehörte.


„Am Abend des dritten Tages, von heute an gerechnet, geht der Planet Athon wieder auf. Er macht alle Dinge leicht und lässt Geschöpfe wie das Mantikor fliegen, die unter gewöhnlichen Umständen zu schwer dazu wären.“


„Ich muss viel von dir lernen“, sagte ich und langte aus meiner Westentasche Notizbuch und Bleistift hervor, um alles aufzuschreiben. Und als ich das tat, erinnerte ich mich, dass ich diese Gegenstände ja immer mit mir herumgetragen hatte. Auch früher schon.


„Ja“, meinte Aura jetzt leise und schläfrig. „Es ist Ekas heute, der erste Wochentag. Von Sapta bis Tryas, also vom siebten bis zum dritten Tag, ist der Planet verschwunden, und das Fliegen geht schwer. Am Abend des dritten Wochentages Tryas aber geht er auf und verschwindet erst am Abend des Sat, des sechsten Tages wieder. Neun Tage hat eine Woche hier, denn die Neun ist eine göttliche Zahl.“ Dann machte sie eine kleine Pause bevor sie die folgenden, mir unverständlichen Worte sprach, die aber nur eine Aufzählung der Namen der Wochentage waren, wie ich später erkannte. „Ekas, Dva, Tryas, Catvaras, Panca, Sat, Sapta, Asta und Nava.“ Wieder folgte eine kurze Pause. „Weckst du mich am Morgen, bitte? Ich bin so müde, auf einmal so müde.“


Und schon hatte sie den Kopf in ihrer linken, halbgeöffneten Schwinge verborgen, und ich sah, wie sich ihre Brust gleichmäßig hob und senkte.


 


Ich setzte mich dicht neben sie - Schulter an Schwinge sozusagen - und wandte mich wieder meinem Notizbuch zu. Im Sternen- und Mondlicht schrieb ich alles auf, was ich gerade erlebt und erfahren hatte. Als ich damit fertig war, fühlte ich mich bedeutend besser. Ich hatte mich noch einmal eingehend mit allem beschäftigen, es gewissermaßen noch einmal durchleben können und das machte es mir vertrauter. Meine Gedanken entspannten sich ein wenig, und so wurde ich auch müde. Ich streckte mich also neben meiner neuen Bekannten auf dem harten Fels aus, denn ein anderes Lager gab es nicht, und schloss die Augen. Vielleicht würde mir ja ein Traum etwas von der vergessenen Welt zeigen, der Welt mit nur einem Mond, an die ich mich so wenig erinnerte.


 


Schon beim ersten Dämmerlicht wurde ich wieder wach: Mein Rücken schmerzte. Kein Wunder bei einer so harten Ruhestätte. Aura schlief noch neben mir, in ihrer sitzenden Stellung, das Gesicht halb im Gefieder verborgen.


Ich wollte ihre Ruhe nicht stören, und so griff ich wieder nach Papier und Blei und fing an, sie zu zeichnen. Mehr, um mich zu beschäftigen, als aus einem triftigen Grund. Ich stellte sie mir vor, wie sie jung gewesen war, letzte Nacht.


Sie war schön. Also zeichnete ich sie, zeichnete sie einfach so, wie sie in meiner Vorstellung war, mit schwarzem Gefieder und ohne die Falten des Alters in ihrem Gesicht. Hin und wieder blickte ich kurz von meiner Skizze auf, um mein lebendes Modell zu betrachten, wie Zeichner es für gewöhnlich tun.


 


Ein leiser Lufthauch bewegte ihr Gefieder, das mir mit einem Mal gar nicht mehr so weiß erschien wie zuvor. Ich zeichnete weiter und blickte wieder auf: Ihre Federn hatten jetzt einen unverkennbaren dunklen Schimmer, und auch in ihrem Gesicht, das allerdings halb von mir abgewandt war, schien eine Veränderung vor sich zu gehen. Als ich das nächste Mal zu ihr hinblickte, war sie wach und reckte in freudigem Erstaunen die Flügel den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne entgegen. „Was ist mit mir?“ fragte sie erstaunt und betroffen. „Meine Federn sind ja wieder schwarz, rabenschwarz, schwarz wie die Nacht! Ich bin ja wieder jung!“


Sie sprang auf und tanzte vor Freude auf dem Stein und schien sich gar nicht mehr beruhigen zu können. Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden vor Freude über ihr Glück. Schon wollte sie mich umarmen, da hielt sie plötzlich in der Bewegung inne, um mich ganz erstarrt zu betrachten. Ihr Blick fiel auf mein Bild von ihr, das Bild mit schwarzem Gefieder und jungem Gesicht, das ich mit Bleistift gezeichnet hatte. Anstatt mich zu umarmen, wie sie es gerade noch beabsichtigt zu haben schien, kniete sie nun nieder und verneigte sich vor mir.


„Verzeih“, hauchte sie, „ich wäre dir fast zu nahe gekommen und du bist keiner von uns. Aber sag, hast du etwa Macht über die Zeit?“


„Davon weiß ich nichts“, erklärte ich der Wahrheit gemäß.


„Aber nur so ist das Wunder zu erklären.“


„Bitte steh auf. Ich bin fremd und allein hier und habe überhaupt keine Macht. Aber du, du bist viel mehr als ich. Du bist vielleicht ein Engel, ohne dass du es weißt. Das ist die Erklärung.“


„Ich bin nur ein Mischwesen, nicht ganz Mensch und nicht ganz Tier. Nicht ganz von dieser und nicht ganz von jener Welt. Viele verachten Geschöpfe wie mich und betrachten sie als Unheilsboten.“


„Wie dem auch sei. Ich jedenfalls wäre sehr froh, wenn du bei mir bleiben wolltest.“


Wir sahen uns lange und nachdenklich an.


„Warum hast du mich vor dem Löwen gerettet?“ fragte ich unvermittelt.


„Gerettet?“ Sie machte ein fassungsloses Gesicht. „Ich habe das Mantikor ja erst zu dir geführt. Ohne Absicht zwar, aber ich hätte mich schuldig gefühlt, wenn ich allein entkommen und dir etwas geschehen wäre. Mit dem Gedanken daran hätte ich nicht leben können.“


„Das kann man auch anders sehen. Das Mantikor hätte mich vielleicht so und so entdeckt. Aber du hast ein goldenes Herz. Golden wie das Leuchten deiner Augen.“


Sie errötete leicht.


„Lass uns zum Fluss gehen, um uns zu erfrischen“, schlug sie vor.


 


Während ich das Wasser mit den hohlen Händen schöpfte, trank sie nach der Art der Tiere, indem sie niederkniete und die Wasseroberfläche des Bachs direkt mit den Lippen berührte. Und als ich sie so beobachtete, wunderte ich mich über mich selbst, wunderte mich, wie selbstverständlich ich all die seltsamen Erlebnisse in dieser kurzen Zeit hingenommen hatte. Vielleicht lag es daran, dass ich praktisch keine Erinnerungen an ein vorheriges Leben hatte und es deshalb für mich schwer war, überhaupt zwischen möglich und unmöglich, zwischen Wunder und Alltäglichem zu unterscheiden.


 


Entlang des Bachs gab es einen gut gangbaren, ebenen Weg, dem wir abwärts bis zur ‚Tafelbergstadt’ folgen wollten. Ich nannte die Stadt für mich so, weil mir Aura erklärt hatte, dass sie auf der ebenen Hochfläche eines Tafelbergs läge. Wir entschlossen uns, den Weg zu Fuß zurückzulegen.


„Warum willst du mich zur Stadt führen?“ fragte ich.


„Nur dort leben Menschen wie du; nur dort bist du sicher.“


„Aber kein gefährliches Wesen hat sich die ganze Nacht über mehr gezeigt“, warf ich ein.


„Ja. Weil wir dem ‘Ort der alten Zeit’ zu nahe waren. Kein Wesen wagt sich in die Nähe. Du kannst dir denken, warum. Wenn wir weiter gegangen wären, bis nahe ans Zentrum der Stelle, hättest du sie sehen können.“


„Sie sehen? Wen?“


„Wesen, Menschen und Tiere, die unvorsichtig waren, oder durch ein Unglück an die Stelle verschlagen, oder hineingelockt wurden. Sie sitzen nur reglos da, grau und alt wie Stein.“


„Sind sie tot?“


„Sie leben. Aber sie können dem schrecklichen Schicksal, dort zu sitzen, nicht aus eigener Kraft entkommen. Sie sind so alt wie der Stein dort und so alt wie die Welt, und wenn sie sich nur um die Breite eines Haares bewegen wollen, so brauchen sie hundert Jahre dazu. Du siehst, wieviel Glück wir hatten, dem Einfluss der Zeit so unbeschadet zu entgehen. Es ist ein Wunder.“


Wir schritten eine zeitlang schweigend nebeneinander her. Tatsächlich wurde die Gegend umso belebter, je weiter wir flussabwärts kamen: Mehr und mehr Bäume und Sträucher säumten den Bach und formten weiter draußen in der grauen Felswüste regelrechte grüne Inseln. Vor allem die mächtigen Eichen und Zedern fielen mir besonders auf, und eine mir unbekannte Strauchart von kugelförmigem Wuchs, die sowohl runde als auch lanzettförmige Blätter trug. Bunte Vögel bevölkerten die Strauch- und Bauminseln, an denen wir vorüberkamen und hie und da schreckten wir ein paar Echsen auf, die offenbar die Morgensonne benutzen wollten, um ihre Körper zu erwärmen.


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