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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Klänge der Magie, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Klänge der Magie



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Grauer Nebel füllte die leeren Straßen Legentums. Zögernd, als fürchtete es sich vor den schroffen Felsen, den Klippen und dem Anblick der Stadt, stieg das Ge-stirn hinab und erhellte die Türme und Häuserschluchten mit seinem feurigen, schwächer werdenden Licht. Weit oberhalb des Wolkenmeeres erhob sich trotzig ein kalkweißes Gebäude aus dem Dunst und reckte sich der Abendsonne entgegen. Der Palast der Götter. In einem langen Atemzug sog Uzrial die aufsteigende Feuchtigkeit ein und betrat den Korridor, der halb im Schatten lag, nur das flackernde Licht der Öl-lampen tanzte über die weiß getünchten Wände. Er fragte nicht nach dem Grund für seine Anwesenheit im Palast, er tat das, wozu er bestimmt war. Ein kühler Wind wehte zwischen den Mauern, als wollte er ihn bestärken, seinen Auftrag zu Ende zu bringen. Kein Laut erklang, als er sich durch den Korridor bewegte, nicht einmal das Geräusch seines Atems, das Rascheln seiner Kleidung oder der Aufprall seines Schrittes. Er lief im Einklang, keine Bewegung war willkürlich, wie es ihn gelehrt worden war. Aus der Ferne drang das Gegröle der Feiernden an seine Ohren, die tanzten, tranken, klatschten und sangen. Es trommelte im Wechsel zum Aulos und dem sanften Klang einer Kithara. Unwillkürlich fragte er sich, wie die Menschen in ihrer Torheit vergessen konnten, dass die Klänge ein schreckliches Geheimnis bargen. Alles unwichtig, alles nur noch Schall und Rauch. Uzrial öffnete lautlos eine unscheinbare Tür, die zu den Dienerquartieren führte, und schlüpfte hindurch. Diener schwirrten in schwarzen Tuniken emsig herum, damit keiner der geladenen Gäste zu kurz kam. Ihre Schritte waren laut und unachtsam, ihre Kleidung raschelte. Besteck klapperte, Töpfe klirrten, Teller polterten, ein Krach, der gefährlich war. Die Menschen Legentums hatten alle Lehren der Vergangenheit vergessen. Keiner der Diener achtete auf ihn, als er sich an ihnen vorbeischob und auf die Ausgangstür zuhielt. Für sie war er nur einer der Bettler, die an diesem besonderen Abend in den ehrwürdigen Hallen der Götter geduldet wurden – eine Ausnahme, um die hungernden Plebejer der Unterstadt milde zu stimmen. Patrizier fanden immer eine Möglichkeit, einen Aufstand zu unterbinden. Uzrial trug eine seidene farblose Hose, die an der Hüfte von einem einzelnen Band gehalten wurde, und darüber ein ebenso seidenes leichtes Hemd mit langen Ärmeln, die Schlitze besaßen, hinter denen Metallschienen verborgen waren. Sandalen trug er keine, weshalb man seine nackten, schmutzigen Zehen sehen konnte. Um Ablenkung zu vermeiden, waren seine Haare geschoren. Er bewegte sich im Rhythmus der Trommeln, dachte nicht nach und sein Körper war gespannt wie eine Feder. Ein einfacher Auftrag, ein Ziel, das es zu erreichen galt. Heute Nacht würden die Götter Legentums sterben. Die Geräusche wurden lauter, schwollen an und vermengten sich zu einem herrlichen Konzert, das mit unvergesslicher Schönheit lockte. Uzrial wappnete sich dagegen. Er durfte sich nicht verleiten lassen. Die Trommler spielten einen neuen Rhythmus. Die Schläge durchfuhren Uz-rial wie ein pochendes Herz, das Wogen aus Blut durch die Hallen pumpte. Die nächste Tür verbarg einen prächtigen Saal mit hohen weißen Marmorsäu-len, aus denen Bildhauer Statuen gemeißelt hatten, die wie Pfeiler in die Höhe strebten und sich in der weiten Kuppel verloren. Goldener Zierrat bedeckte jede ungenutzte Elle des Saals, es gab vergoldete Vasen, die mindestens fünf Fuß in die Höhe reichten. Die berühmtesten Künstler Legentums hatten auf ihnen die heldenhaften Taten der Götter festgehalten. Glorreiche Schlachten, finstere We-sen, die von ihnen erschlagen wurden und zuletzt nichts Geringeres als den Sieg über die Finsternis. Zurück blieb das Licht, in das die Götter die Menschen nach ihrem Tod führten. Uzrial musste den Kopf schütteln. So viel Glanz für nichts. Die Menschen sollten es besser wissen, aber sie vertrauten auf den Schutz der Götter. Er lief los. Keine Erde, um Schrittgeräusche zu schlucken, kein Mittel, um den Klang zu dämpfen, der überall um ihn war. Verschwenderisch, töricht. Lange Tischreihen zogen sich von einem Ende zum anderen. An ihnen saßen Gäste, betranken sich und feierten, dass an diesem Abend einer der sechs leben-den Götter zum neuen Göttervater erhoben werden würde, dem Höchsten von ihnen, der in jeder wiedergeborenen Generation einmal bestimmt wurde. Wein strömte aus hohen Krügen und einige Feiernde fielen mit roten Gesichtern zu Boden, während das warme Licht der Öllampen Schweißperlen auf ihrer Haut hervorrief. Wenn der Wein floss, war es kaum vorstellbar, dass es sich um die mächtigsten Patrizier der Oberstadt handelte, die über die Geschicke tausender Menschenseelen entschieden. Dazwischen schwirrten Diener umher und ließen sich nicht anmerken, was sie von dem Gelage hielten, das immer mehr ausartete. Uzrial ließ sein geschultes Auge umherstreifen und nahm jedes noch so kleine Detail auf. Der Saal erstreckte sich über zwei Ebenen, wobei die obere mit einem wuchtigen Geländer abgetrennt war. Inmitten der Marmorsäulen und Tisch-reihen gab es eine freie Fläche, die zum verwaisten Thron des Göttervaters führ-te. An der rechten Wand war eine Tribüne für die Musiker aufgebaut, die trom-melten, sangen und spielten, was das Zeug hielt. Sie besaßen das Privileg, am Fest teilnehmen zu dürfen, obwohl sie Plebejer waren. Uzrial wandte hastig den Blick ab. Er konnte es nicht ertragen, Menschen zuzusehen, die in ihrer Torheit die Klänge zur Belustigung missbrauchten. Abrupt erstarben die Trommeln. Es war wie ein Wolkenbruch an einem ver-regneten Tag. Uzrial suchte die Reihen ab, wurde jedoch nicht fündig. Also war noch nicht entschieden, welcher Gott die Nachfolge des Göttervaters antrat. Er bahnte sich einen Weg durch den Raum, nutzte die wenigen Schatten an den Wänden, die ihn vor neugierigen Blicken verbargen. Vermutlich könnte er mitten hindurch spazieren, ohne bemerkt zu werden. Die Welt war laut gewor-den und die Menschen hatten vergessen, was sich hinter dem Klang verbarg. Stimmen schnatterten. Fremde Zungen aus unterschiedlichen Bezirken der Stadt. Tief und schwer, hoch und zart, rau und beißend. So viele, dass sie zu unter-schiedlich waren, um miteinander zu harmonisieren. Nichts besaß an diesem Ort eine Ordnung. Uzrial schwindelte von den vielen Eindrücken, aber er biss die Zähne zusam-men und wurde zu einem Schatten aus schwärzestem Schwarz. Die Dunkelheit empfing ihn, als sehnte sie sich nach ihm wie eine verstoßene Geliebte. Auf sei-nem Weg war er gezwungen, um den Gott Gaius Tapferkeit zu gehen, der ge-langweilt auf einem Sofa lungerte. Tatsächlich sollte Gaius bei seinen Brüdern und Schwestern sein, um seinen Anspruch auf den Thron des Göttervaters zu erheben, aber der Gott interessierte sich nicht für das, was um ihn geschah. Die Meister hatten entschieden, dass von ihm keine große Gefahr ausging, deshalb durfte er leben. Die restlichen Anwesenden waren unbedeutend. Von ihnen hielt Uzrial sich fern, schritt an den Seiten des Raumes entlang und kam an den Trommlern vor-bei, die ihr Spiel wieder aufgenommen hatten. Die Musik tanzte vor seinen Au-gen und nahm die Form von grünen Lichtfäden an, die sich wie dünne Halme hin und her wanden und durch den ganzen Raum strömten. Einer der sechs Klänge in reiner und mächtiger Form. Uzrial hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um die Lichtfäden berühren und nutzen zu können. Als er die Trommler hinter sich ließ, atmete er erleichtert auf. Am Rand des Saals schritt er an Reihen stetig aufsteigender Klänge vorbei, die sich wie Insek-ten am Boden zusammenscharten. Ihre Quelle konnte überall sein, aber viel wahrscheinlicher war, dass sie durch das Schlurfen der Diener zustande kamen. Tatsächlich sah er einen an sich vorüberziehen, der so viel Lärm machte wie ein platzender Weinschlauch bei einer göttlichen Audienz. Für gewöhnliche Men-schen waren die zarten grauen Klänge nicht sichtbar, Uzrial hingegen konnte sie sehen, als wären sie lebendige Wesen, die sich nach Aufmerksamkeit sehnten. Aber ihre Intensität war ebenso unbefriedigend wie ein verregneter Morgen nach einer Woche in den Katakomben. Für seine Aufgabe waren sie nutzlos, denn nicht alle Klänge waren von Macht durchdrungen. Uzrial schielte auf die geschwungenen Metallschienen, die an seinen Unter-armen befestigt waren und unter den langen Fetzen im fahlen Licht schimmerten. Wenn der Zeitpunkt gekommen war, würden sie mehr als ausreichen. Er wandte sich nach rechts, ließ den Saal mit dem Gelage hinter sich und nahm einen Korridor, der ihn zum Ratssaal führte. Die Geräusche waren ge-dämpfter und wurden leiser, je weiter er sich von dem Festsaal entfernte. Blasse Klänge krochen an den Wänden entlang und erstarben, sobald sie verklungen waren. Überall strömten sie zusammen, lauerten in den Schatten und warteten auf ihn, damit er sie verwenden würde. Die Menschen Legentums waren Narren, wenn sie nicht verstanden, in welcher Verschwendung sie lebten. Aber was soll-te Uzrial tun? Er war der Auserwählte. Er trug die schwerste Bürde und tat das, was von ihm verlangt wurde. Der nächste Korridor endete vor einer bronzenen Tür. Dahinter befand sich der letzte Gang, der ihn vom Ziel seines Auftrags trennte. »Was machst du hier?«, rief jemand in der Zunge der Unterstadt. Uzrial sah zurück. Zwei Legionäre in hartem Leder über einer Tunika aus grobem Stoff näherten sich. In ihren Händen hielten sie Pila gepackt, Wurfspie-ße mit hoher Durchschlagskraft, und an ihren Hüften baumelten Gladii mit brei-ter Klinge. Für einen Kampf mit gewöhnlichen Menschen waren sie gut gerüstet. Aber Uzrial war kein gewöhnlicher Mensch. Der erste Legionär blieb nur wenige Schritte vor ihm stehen und rammte sein Pilum auf den Boden. »Ich habe dir eine Frage gestellt!«, knurrte er. »Was hast du hier verloren?« Uzrial legte eine Hand auf die Klinke. »Beantworte seine Frage!«, schnauzte der zweite. Uzrial drückte die Klinke hinunter. »Halt!« Sie streckten ihm die Pila entgegen. »Du hast hier keinen Zutritt. Noch eine Bewegung und es wird deine letzte sein!« »Ihr könnt mich nicht aufhalten.« Seine Stimme klang rau wie ein sich dre-hender Wetzstein. Es fühlte sich seltsam an, den Mund zum Sprechen zu benut-zen, ungewohnt und schwerfällig. »Nimm die Hand weg, sonst wirst du meinen Stahl schmecken!« »Geht, wenn ihr leben wollt.« Der Linke packte ihn am Arm. »Du kommst jetzt mit uns, Bettler.« »Ich bin kein Bettler.« »So, was bist du dann? Vielleicht ein Gott?« Sie lachten dreckig. »Bitte geht.« »Sonst was?« Uzrial wirbelte aus dem Griff und verpasste ihm einen Stoß gegen die Schul-ter, der ihn zurücktaumeln ließ. »Was zum …?« Er rammte blitzschnell die Metallschienen zusammen. Rote Fäden zuckten auf, und bildeten einen mächtigen Klang, der ihn in berstendem Licht umschwirrte. Der Klang wirkte belebend, aber auch gefährlich. Er trieb ihn zur Tat. Zur Bewegung. Zum Handeln. Es kam darauf an, wie er ihn erzeugte. Ein leises Rascheln ähnelte dem letzten Atemzug eines sterbenden Mannes, mit dem er kaum etwas anfangen konnte. Bewirkte er jedoch einen Klang von großer Intensität, wie er es soeben getan hatte, konnte er daraus etwas Mächtiges formen. Doch es war nicht nur wichtig, welche Intensität der Klang besaß, sondern auch, wie er zustande kam und aus-gerichtet war. Uzrial hatte ihn in Richtung des einen Legionärs erzeugt, der mit-gerissen wurde, als wäre ein Sturm über ihn hinweggefegt. Der Legionär segelte durch die Luft, prallte gegen die Wand und ging bewusstlos zu Boden. Dies war eine Methode, um den Klang zu nutzen: das Hämmern. »Was … was war das?« Die Stimme des zweiten Legionärs überschlug sich wie die eines Kindes. »Was das war?«, flüsterte Uzrial und legte die Hand wieder auf die Klinke. »Einer der sechs Klänge.« Das Pilum zuckte vor, verfehlte ihn knapp und prallte gegen die Tür. Uzrial reagierte sofort, hieb mit der Hand auf die bronzene Oberfläche und erweckte ein Klatschen. Blaue Fäden stiegen auf und trieben umher wie fließendes Was-ser. Er nutzte die Gabe des Klangbändigens, beeinflusste die Klangfäden und veränderte die Oberfläche der Tür. Der Wurfspieß versank darin, als würde er in Butter eintauchen. Ein Blinzeln später wurde die Oberfläche wieder so fest wie zuvor. Der Legionär starrte ihn entgeistert an, riss an dem Wurfspieß, der bis zur Hälfte eingedrungen war, während Uzrial seinen Kopf packte und gegen die Tür rammte. Bewusstlos ging auch er zu Boden. Uzrial stieg über ihn, öffnete verstohlen die Tür und betrat den angrenzenden Korridor. Drei weitere Legionäre, dieses Mal aus der Oberstadt, verharrten da-hinter und zielten mit ihren Pila auf ihn. Sie trugen rote langärmelige Tuniken, darüber je einen stählernen Rüstungspanzer, sowie Legionärshelme und schwar-ze Überziehmäntel. »Stehen bleiben!«, rief der vorderste. »Wer auch immer du bist, wir werden Gewalt anwenden, wenn du dich wehrst!« »Nein, ich will euch nichts tun«, flüsterte Uzrial, aber genauso gut hätte er sein Nein den tobenden Stürmen oder dem Wachsen der Bäume entgegen-schleudern können. Er war eine Waffe, um zu töten. »Stehen bleiben habe ich gesagt!« Uzrial machte einen Schritt nach vorne. Der erste Wächter warf seine Waffe. Uzrial drückte die Metallschienen gegeneinander – nicht so kräftig wie zuvor –, und richtete den Klang schräg nach unten. Orangene Fäden stoben auf, prall-ten auf den Steinboden und beförderten den Ton nach oben. Diese Art des Klangbändigens war schwierig und ähnelte einem Knirschen, das viel Feingefühl und Erfahrung benötigte. Er erinnerte sich nicht gerne, wie lange er gebraucht hatte, um es zu meistern. Nicht nur Schmerzen hatte er erdul-den müssen, auch Erniedrigung und Furcht. Nachdem er das erste Mal das Knir-schen genutzt hatte, wäre er beinahe gestorben. Man musste genau abschätzen können, wie intensiv man es erzeugte. Uzrial segelte durch die Luft, der Wind zerrte an seinen Kleidern, und als er den höchsten Punkt erreichte, erzeugte er ein weiteres Knirschen, das ihn hinter die Wächter brachte. Er landete lautlos und sanft wie eine Feder in den Knien. Die Wächter starrten ihn an, als wäre er eines jener dunklen Wesen aus den alten Legenden. Einer tastete nach seiner Waffe. Uzrial erzeugte ein Hämmern, das den Wächter von den Füßen fegte, und setzte hinterher. Zweimal rieb er die Punkte seiner Armschienen an den Handgelenken aneinander, wo die Oberflä-che etwas körniger war, um ein Schaben hervorzurufen, das glühenden Speer-spitzen ähnelte und in konzentrierte Stöße umgewandelt werden konnte. Beiden Legionären wurden die Waffen aus den Händen gerissen. »Schall und Rauch!«, fluchte der linke. »Was bist du?« »Der Auserwählte«, raunte Uzrial, beförderte sich mit einem Knirschen zwi-schen die zwei, erzeugte ein Hämmern, mit dem er sie ringförmig wegdrückte, als wären sie raschelndes Laub im Wind. Der erste Legionär stolperte auf ihn zu, zog das verdrehte Bein nach, die Au-gen weit aufgerissen, den Mund zum Schrei geöffnet. Wenn er noch mehr Lärm machte, würde bald der ganze Palast von dem Attentat wissen. Ohne zu zögern, rieb Uzrial die Schienen aneinander und sandte ein gelbes Schaben durch die Luft, das die Stirn des Legionärs glatt durchschlugen. Eine Blutfontäne spritzte aus dem Hinterkopf und verteilte sich auf dem Boden. Leb-los sackte der Körper zu Boden. Töten. Er verachtete es mehr als alles andere, aber ihm blieb nichts anderes übrig. Seine heilige Mission musste Erfolg haben. Einige Blutströpfchen hatten sein farbloses Gewand benetzt. Das war eine Unachtsamkeit, für die ihn die Meister bestrafen würden. Er wusste nicht, was an diesem Tag mit ihm war. Womöglich lag es daran, dass er kurz davorstand, die Götter umzubringen. Gedankenverloren lief er einen Seitenkorridor entlang und folgte der Karte, die er sich eingeprägt hatte. Er schoss um die Ecke und drückte sich flach gegen die Wand, als ein Trupp Legionäre den Toten entdeckte. Sofort schlugen die Neuankömmlinge Alarm. Unachtsam, mehr als unachtsam, dachte er. Seine Anweisungen waren klar und deutlich. Töte die Götter im Ratssaal und sieh zu, dass du nicht gesehen wirst. Niemand sollte um die Kräfte wissen, die mehrere Jahrtausende nicht be-achtet worden waren. Aus jenen Zeiten gab es keine Überlieferungen und die Legenden waren schrecklich falsch. Dafür hatten die Götter gesorgt. Uzrial spähte in den letzten Korridor, der ihn vom Ratssaal trennte. Einer der Legionäre entdeckte ihn und deutete in seine Richtung. Uzrial legte die Schienen aneinander und bewirkte ein Knirschen, das ihn in dem Gang schräg nach oben beförderte. Vor dem Legionär prallte er auf den Boden, rammte dem seine Faust in die Magengrube und schleuderte ihn mit ei-nem Hämmern gegen die anderen. Sie gingen in einem Knäuel zu Boden. Dann beförderte sich Uzrial mit den Beinen voran an die Decke, nutzte das Trommeln, als seine nackten Füße auf den Stein trafen, und zog diesen in seine Richtung. Das war eine weitere Methode des Klangbändigens. Die grünen Fäden des Trommelns wickelten sich um seine Zehen und konnten genutzt werden, um ei-nen Gegenstand oder eine Person in die Richtung des Wirkers zu ziehen. Da der Stein zu fest und massiv war, um gelöst zu werden, hing er nun an der Decke. Von dort erzeugte er ein rotes Hämmern, traf die Legionäre mit den Wirbeln un-ter sich und glitt wieder zu Boden. Uzrial erreichte die nächste Tür, die aus purem Gold bestand, doch sie war verschlossen. Er streckte die Arme weit nach vorne und erzeugte ein dröhnendes Hämmern, das wesentlich intensiver als zuvor war. Der Rahmen erbebte unter der Wucht, aber die Tür hielt stand. Erneut wirkte er ein Hämmern, welches alles von ihm abverlangte, und die Tür gab nach, bog sich nach innen und stand kurz davor, aus dem Rahmen ge-sprengt zu werden. Dahinter erklangen aufgeregte Stimmen und ein sirrendes Geräusch von Stahl auf Stahl. Er könnte die Tür nach innen drücken und hinterherstürmen, aber damit rech-neten seine Gegner. Also entschied er sich für eine andere Methode, schlug mit der Faust zweimal zu und erzeugte ein grünes Trommeln auf der Oberfläche. Mit aller Kraft zog er daran und sprang schnell aus dem Weg, als die Tür in die andere Richtung – in seine – bewegt wurde und aus dem Rahmen flog. Sie schlitterte über den Boden, schob zwei Wächter aus dem Weg und kam schließ-lich an der Wand zum Stillstand. Uzrial beförderte sich mit einem Knirschen in den Raum und landete mitten in einem Pulk aus Legionären. Sie waren besser gerüstet und trugen zusätzlich Scuta in den Händen, rechteckige, gewölbte Schilde. Hastig ließ er seinen Blick schweifen. Der runde Raum bestand gänzlich aus weißem Marmor. Weißer Bo-den, weiße Wände, weiße Säulen, weiße Kuppel. In der Mitte stand eine runde Tafel, ebenfalls aus Marmor. Schließlich blieb sein Blick im hinteren Eck an den Gestalten haften, die ihn, umgeben von mehreren Legionären, anklagend mus-terten. Fünf Männer und Frauen in luftigen, strahlend weißen Togen, behängt mit Ketten, Spangen, Diademen und anderen weltlichen Dingen. Von ihnen ging eine geheimnisvolle Aura aus, etwas, das nicht von dieser Welt stammte, und auf einmal verspürte er den Drang, zu verschwinden und nie zurückzukehren. Die Götter Legentums. Sein Augenmerk richtete sich auf den hochgewachsenen Mann in der Mitte. Aulus Gerechtigkeit, der Anwärter auf den Thron des Göttervaters. Gladii und Pila zuckten in Uzrials Richtung, aber er bog sie mit einem Häm-mern nach außen, setzte mit einem weiteren nach und drückte die Legionäre von sich weg. Dann segelte er gegen eine Wand, nutzte ein Knirschen bevor er auf-traf, und drückte sich ab, um hinter den Göttern zu landen. Die Legionäre wurden von Panik ergriffen. Schreie schnitten durch die Luft und ein Gewusel aus Leibern stolperte von ihm weg, wobei sie sich mit ihren Waffen beinahe selbst aufspießten. Aber sie waren nicht schnell genug, niemand war das. Überall im Raum stoben Klangfäden auf, scharten sich zusammen und verhöhnten ihn mit ihren Farben. Ratschend, reißend, polternd, klirrend, scha-bend. Er fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Das Blut donnerte in seinen Ohren, selbst das Herz klopfte wie der Hammer eines Zimmermanns. Seine Muskeln brannten, sein Atem ging zischend und Schweiß tropfte von sei-ner Stirn. Lange war er auf diesen Tag vorbereitet worden und nun war es so-weit. Uzrial richtete sich auf, seine Kleidung kräuselte sich und er biss die Zähne zusammen, als er bemerkte, wie sehr er diese Lebendigkeit genoss. Es war falsch, das Verwenden des Klangbändigens sollte ihn nicht erfüllen, aber die Verlockung wuchs mit jedem weiteren Klang. »Aulus Gerechtigkeit«, sagte er, kaum lauter als ein Flüstern. »Die Götter ha-ben sich an der Macht bereichert. Ich werde Euch richten.« Es waren viele Wör-ter, die ihm nur schwerfällig über die Lippen kamen. Dort, wo er sonst sein Le-ben verbrachte, sprach man auf andere Weise. »Wer bist du?«, fragte Aulus mit herrischer, voller Stimme. In Legentum wurde er zugleich verehrt und gefürchtet, und nun, da sich Uzrial in seiner Nähe befand, verstand er, weshalb das so war. Aulus war groß und umgeben von ent-setzlicher Macht. »Der Auserwählte. Seid Ihr bereit?« Die Legionäre wollten zum Angriff übergehen, aber Aulus hielt sie mit erho-bener Hand zurück, löste sich aus dem Pulk und trat näher. »Nenne mir deinen Namen!«, forderte der Gott. Seine Präsenz war überwälti-gend und unwillkürlich empfand Uzrial das Verlangen, vor ihm niederzuknien. »Es ist unwichtig, wer ich bin. Eure Herrschaft muss enden.« »Sag mir, Fremder, warum willst du deine Götter töten?« Die Frage traf Uzrial unvorbereitet. Die Meister hatten ihn nicht gewarnt, dass sein Ziel nach Gründen fragen könnte. Aus Unsicherheit machte er einige Ge-bärden, bis ihm auffiel, dass der Gott ihn nicht verstehen konnte. »Du.« Uzrial vollführte gleichzeitig die Gebärde: Mittelfinger und Daumen aneinandergelegt, Zeigefinger ausgestreckt. Danach Zeige- und Mittelfinger erhoben, die anderen zu einer Faust zusammengepresst. »Ihr wollt die Finsternis zurückbringen.« Die Legionäre umzingelten ihn allmählich. »Dann lass mich dir eine andere Frage stellen.« Aulus faltete seine Hände hinter dem Rücken und wippte leicht auf den Fersen. »Woher kommt deine Macht?« Der Gott ließ ihn nicht aus den Augen. Er wirkte intelligent und stolz, ein Mann, der sich seiner Macht bewusst war. Von den sechs Göttern Legentums war er der Älteste. Uzrial antwortete in Gebärdensprache und bemerkte erst auf halbem Weg, dass das niemand verstehen würde. »Du solltest wissen, woher ich diese Macht habe«, sagte er in Worten. »Ich verstehe nicht.« »Du hilfst der Finsternis.« »Ich stehe als Gott für das Licht. Soeben wurde beschlossen, dass ich Götter-vater bin. Ein gerechter Herrscher, dem das Wohl seines Volkes am Herzen liegt. Wenn du mich umbringst, wirst du ein Sakrileg begehen.« »Es tut mir leid. Du musst sterben.« »Ich habe damit gerechnet, aber nicht so bald.« Uzrial blickte ihn unsicher an. »Gerechnet?« »Natürlich. Ich hörte Gerüchte, dass sich in den Katakomben der Unterstadt allerhand Verbrecher verbergen. Banden, Ausgestoßene und Mörder. Es soll so-gar Gilden geben, die Attentäter ausbilden. Eine dunkle Welt, die nicht mehr lange Bestand haben wird.« Er ließ seine Worte wirken. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis uns jemand aus dem Weg räumen möchte, um nach der Macht zu greifen.« Aulus machte einen Schritt auf ihn zu. »Wer ist dein Auftraggeber?« Das dauert zu lange, dachte Uzrial und streckte die Arme weit auseinander. Er war nicht nur gesehen worden, sondern hatte auch mit seinem Opfer gespro-chen. Die Bestrafung für diese Torheit würde grausam sein, wenn er zurück-kehrte. Er war bereit, es zu Ende zu bringen … »Wie viel hat man dir geboten?« Uzrial zögerte. »Geboten?« »Als Bezahlung für deine Dienste.« »Bezahlung?« »Wenn du keine Bezahlung für deine Dienste bekommst, warum tust du es dann?« »Ich darf leben.« Mittlerweile schmerzte sein Kiefer vom vielen Sprechen. Er sollte es hinter sich bringen und zwar schnell. »Das erscheint mir keine gerechte Bezahlung für jemanden, der sein Leben riskiert, um andere zu nehmen.« Uzrial hielt inne. Der Mann hatte recht. Er riskierte sein Leben, damit er leben durfte. Aber die Meister vertrauten darauf, dass er seinen Auftrag erfüllte. Wenn die Götter nicht starben, würden sie die Fesseln der Finsternis lösen … »Genug«, sagte er in Gebärdensprache und spannte jeden Muskel in seinem Körper an. »Es endet hier.« »Wir Götter sind über jeden Zweifel erhaben!«, schmetterte Aulus ihm entge-gen. Seine Stimme … seine Stimme war so mächtig! »Erinnere dich an die Überlieferungen. Wir waren es, die Schall und Rauch zurückgedrängt haben. Wir sind es, die die Menschen ins Licht führen. Wie können wir den Tod ver-dienen, wo wir uns doch für unser Volk opfern?« Erneut zögerte Uzrial. »Ihr habt Macht«, sagte er betont langsam. »Ihr plant, die Welt zu verändern.« »Ich bin der Göttervater, Fremder. Ich kann dir mehr bieten als dieses triste Leben.« Aulus′ Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ich kann dir Freiheit bieten. Du kannst tun und lassen, was auch immer du willst. Du kannst leben.« »Nein!«, zischte Uzrial und versuchte, die Worte aus seinem Kopf zu vertrei-ben. »Nein, nein, nein!« Er musste den Gott töten, sofort, aber in ihm erscholl eine Stimme, die er nicht unterdrücken konnte. Es war die Stimme, die sich nach Freiheit sehnte. Eine Bewegung in seinem Rücken ließ ihn reagieren. Seine Armschienen prallten mit einem Hämmern aufeinander und ließen rote Klangfäden aufsprit-zen, die er beeinflusste und einen Sturm entfesselte, der alle in seiner Nähe von den Füßen fegte. Leiber stießen gegeneinander und Stimmen kreischten vor Schmerz. Uzrial wirbelte herum und begegnete dem kühlen Blick des Gottes, der trotz der Macht des Klangbändigens aufrecht stand. Goldene träge Flüssigkeit rann aus einer Wunde an seiner Schläfe. Ichor, das Blut der Götter. »Du wirst nicht gewinnen, Attentäter. Wenn wir sterben, werden wir in einer neuen Hülle wiedergeboren. Das hier ist nur Fleisch, das unsere Macht beher-bergt. Wir sind unsterblich.« »Es wird euch eine Weile aufhalten und vergessen lassen.« Aulus machte einen Schritt auf ihn zu. »Du wirst dich immer fragen, ob du nicht in Freiheit hättest leben können, wenn du es wagst, deine Hand gegen mich zu erheben.« Uzrial bewegte sich auf ihn zu. »Ich will und brauche keine Freiheit.« »Doch, du verzehrst dich danach. Ich kann es in dir sehen.« Uzrial blieb stehen. Die Worte besaßen Macht und sprachen tief aus seiner Seele. Er fühlte sich schwach und anfällig für die Lügen. Seine Glieder wurden auf einmal bleischwer. »Wie ist dein Name, Fremder?«, fragte Aulus lockend. »Ich …« »Dein Name!« Jedes Wort ging nieder wie ein Schmiedehammer. Uzrial taumelte. Er konnte das nicht tun, er war zu schwach. Raus, er musste hier raus. Ein Gladius drang in seinen Oberschenkel. Kein Laut kam über Uzrials Lip-pen, als er in die Knie ging, ein Schaben erzeugte und die Brust des Legionärs auf Höhe des Herzens durchlöcherte. Etwas traf ihn am Hinterkopf und ließ Sterne vor seinen Augen tanzen. War-mes, klebriges Blut rann seinen Nacken hinab. Er wälzte herum, sprang auf die Füße, wobei er beinahe wieder einknickte, und hämmerte die Schienen gegenei-nander. Hastig sah er sich um, aber die Götter befanden sich in einem Pulk aus Legionären am anderen Ende, verborgen hinter wuchtigen Scuta, und taumelten von den Leichen weg. »Beschützt die Götter!«, erscholl es aus der Menge. Die verbliebenen Legionäre drangen auf ihn ein. Ein Gladius fuhr über seinen Kopf, ein Pilum schrammte an seiner Wange entlang und ließ einen Tropfen Blut spritzen. Uzrial bewegte sich wie der Wind zwischen ihren Angriffen, erzeugte zwei Schaben nacheinander und drückte sich mit einem Knirschen vom Boden ab. Er stolperte auf den Ausgang zu, erzeugte an einer brüchigen Säule ein Hämmern, worauf die ein Blinzeln später mehrere Legionäre unter sich begrub. Uzrial spähte in den nächsten Korridor. Ein Heer Legionäre rannte durch den Gang und verschluckte die Götter in ihrer Mitte. Eine Hand legte sich um sein Herz und hielt es fest. Er hatte versagt. Uzrial sah zurück in den Saal. Laut der Karte gab es unterhalb der Tafel einen versteckten Ausgang. Aber wollte er wirklich weiterleben, nachdem er geschei-tert war? Freiheit … Er beförderte sich mit einem Knirschen zurück in den Raum, stolperte an den Leichen vorbei und betätigte einen Hebel seitlich an der Tafel. Die Mitte klappte nach innen und offenbarte eine Treppe in die Tiefe. Etwas rammte sich in seinen Rücken und trat vorne wieder aus. Wie betäubt starrte Uzrial auf die blutverschmierte Speerspitze. Er ging gur-gelnd in die Knie und spürte, wie das Leben aus ihm sickerte. Seltsamerweise musste er lächeln. Der Auftrag war gescheitert, aber nun endete alles. Keine Pflicht mehr, keine Aufträge, kein Leben in einem Gefängnis. Mit einem letzten Lächeln auf den Lippen starb Uzrial.


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