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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Tote Götter

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Es regnete, als ginge die Welt unter. Dunkle, schwere Wolken schoben sich über den Horizont und zerfledderten an einigen Stellen, als könnten sie sich nicht entscheiden, welche Form sie annehmen sollten. Glücklicherweise blieb die Sonne verdeckt, denn was ich noch weniger gebrauchen konnte als einen feuchtwarmen Regenschauer war die quälende Hitze des Südens. In der Stadt Migandi im Zentrum von Skaldheim regnete es verdächtig oft, weshalb ich mich längst daran gewöhnt hatte, dass die Nässe meine langen, grauen Haare, die ich zu einem Zopf geflochten hatte, an den Kopf klatschte, an meinen rasierten Kopfseiten hinabrann, durch meinen dichten Bart sickerte, in meine graue Lederrüstung drang und mir das rote Untergewand unangenehm an die Brust klebte. Sogar meine Unterhose wurde durchgeweicht, was den unangenehmen Nebeneffekt hatte, dass ich mich häufig fragte, ob es sich überhaupt lohnte, von der hohen Mauer den weiten Weg zur Latrinengrube zu nehmen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mir in die Hose pisste, allerdings würde es dieses Mal bewusst passieren. Donner grollte in der Ferne wie ein Quartett pochender Herzen, das Wogen aus Blut durch meine Adern pumpte. Ein Blitz ging nieder und tauchte die Gebiete jenseits von Migandi kurzzeitig in grelles Licht. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich die letzten verblassten Überreste des Kraters ausmachen, der einst das Zentrum Skaldheims belebt hatte. Vor vierhundert Jahren waren die Jarls auf die Idee gekommen, die zerstörte Stadt wiederaufzubauen, noch größer und schöner als zuvor. Ein gemeinsames Zeichen des Friedens und Zusammenhalts. Ich konnte ein Schnauben nicht unterdrücken. Der Frieden hatte nicht lange gehalten. Ein weiterer Donnerschlag ließ den Himmel erzittern und dann noch einer. In diesen Nächten, wenn sich die Naturgewalten erhoben und die meisten Menschen sich vor Furcht in ihren Häusern verbargen, fühlte ich mich frei und lebendig. Ich verspürte keine Angst, aber ich besaß auch genügend Verstand, um einen gewissen Respekt nicht missen zu lassen. »Einer!« Ich drehte mich nicht um, denn das würde bedeuten, dass ich den Jungen gehört hatte – es reichte schon, dass er mich in meiner Ruhe störte, und blickte weiter stur in die Ferne. »Einer!«, rief er erneut und blieb schwer atmend neben mir stehen. »Hast du mich nicht gehört?« »Hm«, brummte ich, was alles bedeuten konnte, von einem Ja über ein Nein bis zu einem »Geh mir, verdammt nochmal, nicht auf den Sack«. Ich hasste es, wenn mein Name falsch ausgesprochen wurde, aber was hatte ich erwartet? Migandi zählte offiziell zum Süden Skaldheims, ein Ort, an dem alles falsch war. Selbst die Städte rochen nicht, wie sie riechen sollten. Im Norden stanken die Städte wenigstens nach Scheiße, wie es sich gefälligst gehörte. Hier stank alles nach schnellem Leben und langsamem Verfall, nach Verrat, Intrigen, übertüncht von blumigen Düften und falschen Worten. Es gab ungefähr hundert Orte in Skaldheim, an denen ich lieber wäre. Leider blieb mir nichts anderes übrig. »Ich soll dich ablösen, Einer. Befehl von ganz oben.« Mit gerunzelter Stirn wandte ich mich dem blassen Jungen zu, der mir kaum bis zur Brust reichte, was genau genommen bei allen Männern im Süden der Fall war. Ein typischer Jüngling mit glatt rasiertem, weibischem Gesicht und einem klapperdürren Körper, der in einer unförmigen Blechdose steckte – zumindest bezeichnete ich die stählernen Rüstungen als solche. Würde er durch die dunklen Wälder des Nordens streifen müssen, eine Meute namhafter Männer auf den Fersen, während der Tod ihm schon über die Schulter blickte, würde er keine Ale weit kommen. Der Junge hatte einen Narren an mir gefressen, quetschte mich jedes Mal nach dem Norden aus, nach alten Sagen und namhaften Männern, und irgendwie schien er mich zu mögen, auch wenn ich mir das nicht erklären konnte. Niemand mochte Einar Schwarzfels. Ich mochte mich ja nicht mal selbst. Vielleicht lag es daran, dass ich weit und breit der einzige Nordländer war und jeden Krieger und jeden Jarl um mehrere Alen überragte. Tatsächlich hätte ich mich an den Namen des Jungen erinnern müssen, schließlich kannten wir uns schon mehrere Monate, aber wenn es eines gab, was ich wirklich nicht beherrschte, war es das Behalten von Namen. Für mich war er deshalb Bleichling wegen seiner hellen Haut. Das sollte genügen. »Wer?«, grollte ich und lehnte mich locker gegen die Mauerbrüstung. Ein neuerlicher Schwung Regen klatschte mir ins Gesicht. »Hauptmann Ansgar hat mich geschickt«, sagte Bleichling ganz aufgeregt. »Es verlangt dringend jemand nach dir.« »Wer?«, wiederholte ich gelassen. Bleichling tippelte unruhig auf der Stelle. »Ich weiß nicht, wer es ist, aber«, er zögerte und sah in mein Gesicht, »es wurde nach dem Schwarzfels gefragt.« Ich zog überrascht die Augenbrauen hoch. Niemand verlangte den Schwarzfels, es sei denn, er hatte noch eine Rechnung mit ihm offen. Tatsächlich wusste kein Schwanz, dass er sich in Migandi befand. Es gab schließlich einen Grund, dass er den Norden mied. »Bist du wirklich Einer … ich meine, Einar Schwarzfels, der namhafte Krieger, der im ganzen Norden bekannt ist? Der Mann, den man auch Rache nennt?« Bleichling wartete keine Antwort ab und sprach aufgeregt weiter. »Ich hörte Geschichten über dich und die acht Recken, und ich habe mir schon immer gewünscht, dir einmal persönlich gegenüberzustehen.« »Das sollte man sich nicht wünschen«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Niemand sollte das.« Er bekam große Augen. »Ich habe gehört, dass die acht Recken auf der Sternenstahlinsel gewesen sind. Ihr sollt dort ein riesiges Ungeheuer besiegt haben! Und dann wart ihr in einer gewaltigen Höhle mit einem Schatz, der so groß wie ein Berg ist. Außerdem wart ihr in fernen Ländern, habt für Könige gekämpft, Jungfrauen gerettet und …« Ich schob Bleichling beiseite und nahm meinen Weg über die Mauer. Meine Stiefel gaben bei jedem Schritt ein leidendes Geräusch von sich, das mich erinnerte, dass ich dringend ein Paar neue brauchte. Während ich an mehreren Wachen vorüberzog, die nicht mehr als ein Stirnrunzeln für mich übrighatten, dachte ich angestrengt nach, wer so töricht sein konnte, mich zu suchen. Meistens hatte das einen schnellen, aber schmerzhaften Tod zur Folge, zumindest früher. Die Menge an Arschlöchern, die mir an die Eier wollte, war groß … so groß, dass ich irgendwann aufgehört hatte, zu zählen. Ich wunderte mich selbst, dass ich immer noch am Leben war. Vielleicht lag das aber auch an meinem unbegreiflichen Glück. Oder Pech, je nachdem, wie man es betrachtete. Die Treppe zum Vorhof war glitschig vom vielen Regen und ich musste aufpassen, dass ich nicht ausrutschte und auf dem Hintern landete, wobei sich der Sturm alle Mühe gab, dass es doch passierte. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es, verdammt nochmal, jeder darauf angelegt hatte, mir das Leben schwer zu machen. Einst waren meine Schritte entschlossen gewesen, Schritte eines Mannes ohne Gewissen, der ganz genau wusste, was er wollte. Nun waren sie eher zögerlich, teilweise unsicher, wie der Marsch eines Geschlagenen zum Richtblock. Als ich schließlich unten ankam, zeigte der Sturm sein hässliches Antlitz und schwoll immer mehr an, fegte über die Stadt und türmte sich zu undurchdringlicher Schwärze auf. Ich hielt mein düsteres Gesicht in den Wind und begrüßte ihn mit einem grimmigen Lächeln. Er konnte noch so sehr versuchen, mich zu bekämpfen, ich würde nicht nachgeben. Nicht grundlos nannte man mich den Schwarzfels. Meine Stiefel schmatzten, als ich mich durch die schlammige Brühe arbeitete, an einem Trupp Soldaten vorbeikam, die viel zu sehr mit sich beschäftigt waren, und auf eine Gruppe Reiter zuhielt, die im dichten Regenschleier beinahe verschwand. Es waren drei, die auf riesigen Gäulen saßen, welche viel zu groß und stämmig für die Klappergestelle aus dem Süden waren, während sie eindringlich auf einen Hauptmann einredeten. Den Hauptmann erkannte man an den bunten Abzeichen, die auf der linken Brustseite der Uniform baumelten, und dem dicken Schnauzer, der wichtigtuerisch zitterte. Manchmal fragte ich mich, ob die Schnauzer ein Maßstab waren, wer wen am meisten ankacken durfte. Neben ihm verharrte ein anderer Hauptmann, der einen kleineren Schnauzer besaß und sich redlich Mühe gab, möglichst unschuldig dreinzublicken. Das war ein Soldatenprinzip und bedeutend wichtiger als der ganze Käse übers Marschieren, über Waffen oder über das Gelände. Wenn ein höher Gestellter die Arschbacken über einem schuldlosen Kopf in Position brachte, konnte man nur noch zusehen, dass einem die Kacke nicht direkt auf den Kopf klatschte. Am schlimmsten war es aber für die, die in der Rangfolge am unteren Ende standen. Die wurden im Grunde ausnahmslos von allen angekackt. Leider gehörte ich dazu. Ich blieb einen Moment stehen, den Kopf leicht gesenkt, die Zähne zusammengebissen und die Hand an der Seite. Eine alte Verletzung plagte mich noch immer, aber wenn es so pisste, dass die Götter höchstpersönlich ihre Blase über uns leerten, schmerzte sie seltsamerweise stärker. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mir die Verletzung zugezogen hatte, aber vermutlich lagerte das Geheimnis irgendwo in den hintersten Winkel meines schattenumlagerten Verstandes. Ich hob den Kopf, kniff die Augen zusammen und versuchte, Details an den Reitern auszumachen. Im Regen war alles gleich hässlich, selbst die prächtigen Türme Migandis sahen aus wie ausgemergelte Riesen. Ein Reiter drehte den Kopf in meine Richtung und unsere Blicke kreuzten sich. Mich durchfuhr ein Schock. Ich hatte damit gerechnet und es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand nach mir verlangen würde. Nun aber die Gewissheit zu bekommen, schmeckte mir ganz und gar nicht. Es war ein Nordmann, und das bedeutete wiederum, dass die anderen beiden ebenfalls Nordmänner waren. Drei Nordmänner in Migandi. Das war kein Zufall. Der Zeitpunkt war gekommen. Meine Gedanken ratterten. Ich könnte meine Füße in die Hand nehmen und verschwinden. Niemand würde etwas bemerken oder mich gar aufhalten können. Oder ich raffte meinen letzten Rest Würde zusammen und begegnete den Männern, die nach dem Schwarzfels verlangten. Ich war kein Idiot, zumindest nicht ausschließlich, deshalb wog ich die Vor- und Nachteile kurz ab und entschied mich fürs Weglaufen. Ich wollte mich nicht wieder meiner Vergangenheit stellen müssen und dem, was Skaldheim unweigerlich bevorstand. Leider wurde der Hauptmann in diesem Augenblick auf mich aufmerksam und winkte mich wie einen räudigen Köter heran. So viel zum Thema, wer wen ankacken durfte. »Scheiße«, fluchte ich und stapfte los. Es schien, als würde mir der Wind stärker ins Gesicht blasen, vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein. Möglich wäre es, der Wind und ich hatten so unsere Probleme. Als ich vor den Reitern stehenblieb und zu ihnen aufsah, blickten mir harte Gesichter entgegen, mit schwulstigen Narben und dichten Bärten. Über und über mit Waffen behangen, in beschlagenes Leder gekleidet und auf den Rücken Rundschilde, wie sie in alten Tagen getragen worden waren. Derbe Krieger, gezeichnet von Schlachten und Krieg. Zweihundert Jahre hatte der Frieden zwischen den Jarls gehalten, aber im dritten Jahrhundert waren sie in ihr altes Muster zurückverfallen, da die Frage um die Krone immer noch nicht geklärt war. Alle wollten König sein, alle wollten herrschen, und um das zu erreichen, musste jemand die Drecksarbeit erledigen. Am besten jemand, der sich aufs Töten verstand. Meine Kieferknochen mahlten, während ich sie nacheinander ansah. Es waren typische Krieger, die all das verkörperten, was den Norden Skaldheims ausmachte. Die Zeit seit Ragnarök hatte nicht ausgereicht, um den Frieden zu festigen, der einst teuer erkauft worden war. Schuld war das heiße Blut, das in jedem Nordmann wie ein glühender Vulkan pulsierte und drängte, mit der Waffe in der Hand zu sterben. Mein Glück war, dass ich keinen kannte, aber das musste nichts heißen. Mein Name reichte weit, meine grausamen Taten noch weiter. »Dies ist Gefreiter Einer«, bellte der Hauptmann, als würde er sich selbst etwas beweisen wollen. »Welche Nachricht kann so dringend sein, dass er seinen äußerst wichtigen Posten verlassen soll?« Warum konnte sich nicht ein Südländer meinen Namen merken? So schwer war das doch nicht … Die Nordmänner ignorierten ihn und hatten ihre Augen starr auf mich gerichtet. Verdammte Scheiße, zuckte es durch meinen Kopf, die drei wussten ganz genau, wer ich war. Ich hoffte, dass sie nicht hier waren, um über meinen abgetrennten Kopf einen Sack zu stülpen und in den Norden zu bringen. Ich hoffte, dass sie nur rein zufällig und nicht im Auftrag eines Jarls vorbeigekommen waren. Und ich hoffte, dass ich mit dem Zahnstocher, der an meiner Hüfte baumelte, mittlerweile umgehen konnte. Es war schon verdammt viel Hoffnung in diesem Spiel. »Mein Name ist Orvar Grimm. Ich bin ein Huskarl in wichtiger Mission. Wir sind auf der Suche nach dem Schwarzfels«, sagte der mit dem Gesicht wie eine grimmige Festung, an der man ein Schwert hätte schärfen können, Augen wie Nägel, Brauen wie Ambosse, eine Nase wie ein Schleifstein. Ein Huskarl, der persönliche Leibwächter und Heeresführer eines Jarls. »Wer nicht?«, schnaubte ich. »Gibt ne Menge Leute, mit denen er noch eine Rechnung offen hat.« »Vielleicht kannst du uns helfen, ihn zu finden. Er soll sich den Gerüchten nach in Migandi aufhalten und huren und saufen bis zum Umfallen.« »Falls ich ihn finde, sag ich euch Bescheid.« Grimm, offenbar der Anführer der kleinen Truppe, schenkte mir ein Lächeln, das eher einem Zähnefletschen glich. Insgeheim hegte ich die Vermutung, dass ein Nordmann überhaupt nicht in der Lage war, zu lächeln. Bislang hatte ich den Gegenbeweis noch nicht gefunden. Der Kerl links von ihm ritt näher und zog die Stirn kraus. Seine grauen Locken umgaben den Kopf wie eine silberne Mähne, der Blick war stechend und aufmerksam und das Gesicht von tiefen Gräben gezeichnet. »Verzeih uns die forsche Art.« Seine Stimme klang wie ein altes Reibeisen. »Jemand wie du muss ihm doch über den Weg gelaufen sein. Es gibt im Süden nicht viele Krieger, die aussehen wie der Schwarzfels.« »Gefreiter Einer«, mischte sich der Hauptmann ein. »Möchtet Ihr mich aufklären, was hier vor sich geht? Ansonsten muss ich diese drei Herren aus der Stadt geleiten lassen.« »Nur, weil der Norden mit dem Süden Frieden geschlossen hat, um seine eigenen Schlachten auszutragen, heißt das nicht, dass ich dir nicht die Zunge rausschneide, wenn du nochmal das Maul aufreißt!«, knurrte Grimm. Dem Hauptmann blieb der Mund offen stehen. Der andere Hauptmann entfernte sich ein Stück. Guter Mann, er wusste, wann er den Kopf einziehen musste. Das waren meistens die, die am längsten überlebten. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie nacheinander an. »Was wollt ihr?«, fragte ich dunkel. »Den Schwarzfels«, sagte Graulocke. »Weshalb?« »Seine Dienste werden benötigt.« Grimm klopfte zur Unterstreichung seiner Worte gegen die Doppelaxt am Sattelgurt. »Der Schwarzfels bietet seine Dienste schon lange nicht mehr an.« »Das ist aber schade. Er verpasst den Ruf des Goldes.« »Den Ruf des Goldes kann er nicht mehr hören. Das alles hat er hinter sich gelassen, als er dem Norden, dem Schlachten und den Jarls den Rücken gekehrt hat.« »Woher weißt du davon?« Grimm legte ein Grinsen auf, das mir ganz und gar nicht gefiel. »Bin ihm zufällig über den Weg gelaufen.« Als der Hauptmann bemerkte, dass ihm keine Beachtung geschenkt wurde, stolzierte er mit dem anderen im Schlepptau davon. Allerdings war das mit dem gekränkten Stolz so eine Sache. Ich sah, wie er einen Trupp Soldaten zusammentrommelte und sich wieder auf den Weg zu uns machte. Noch war die Situation zu retten, aber bei meinem Glück rechnete ich nicht damit. Ich zog die Schultern leicht hoch, legte den Kopf schief und warf den Kriegern einen Blick zu, von dem ich mir geschworen hatte, dass ich ihn nie wieder brauchen würde. Es war ein toter Blick, der jeden Abgrund, jeden Blutrausch, jede Schlacht und jede noch so kleine Grausamkeit gesehen hatte. Nichts konnte ihm das Wasser reichen. So wütend wie kochend heißer Dampf, so kalt wie die Gletscher in den Ewigen Frostlanden und so tot wie das Reich der Toten, das danach trachtete, mich endlich der lang ersehnten Strafe zuzuführen. Dort gab es nur einen Ort, der für mich und meine verkommene Seele gedacht war, und es wäre nicht überraschend, wenn die Todesgöttin mich persönlich dorthin geleiten würde. Die Gäule machten unwillkürlich einen Schritt zurück und auch die Krieger wandten kurz den Blick ab, obwohl ich vermutete, dass sie überhaupt nicht wussten, weshalb. Es gab nur wenige, die diesem Blick hatten standhalten können, und sie alle waren Schlamm. Ein Sack fiel vor meine Füße und verteilte den glitzernden Inhalt auf der aufgeweichten Erde. Es waren eine Menge Kronen, mindestens fünfzig, und ich musste zugeben, dass ich kurz zögerte. Aber nichts auf dieser Welt würde mich in das Leben zurückbringen, das ich ganz bewusst hinter mir gelassen hatte. Selbst der verführerische Klang von Gold konnte mich nicht locken. Hoffte ich. »Der Schwarzfels wird nicht nur gehasst«, sagte Grimm. »Es gibt jene, die nach wie vor seine Dienste brauchen. Dringend.« Ich sah auf. »Es geht das Gerücht um, dass Kindern im Norden Geschichten vom Schwarzfels erzählt werden, um sie das Fürchten zu lehren.« »Das ist richtig. Der Schwarzfels ist die Rache. So erinnert man sich daran, wie tief ein Mensch fallen kann.« »Nein«, sagte ich kopfschüttelnd, »der Schwarzfels bleibt mit seinem bequemen Hintern schön im Süden. Er ist fertig mit dem Norden.« Ich wandte mich ab und bemerkte die Soldaten, die sich ringförmig um die Nordländer postierten. Zu meinem Leidwesen musste ich feststellen, dass mir zwei den Weg versperren wollten. »Aus dem Weg«, grollte ich, aber sie machten keine Anstalten, mir den Gefallen zu tun. »Hast du wirklich geglaubt, dass du im Süden Frieden finden wirst?«, rief mir Grimm zu. »Du bist der verdammte Schwarzfels, die Rache! Nur, weil du im Süden nicht gewütet hast, heißt das noch lange nicht, dass sie einem Arschloch wie dir eine Chance geben. Du gehörst in den Norden und in deine Hand gehört die Waffe eines Kriegers!« Ich blieb leicht vornübergebeugt stehen und kaute auf den Worten herum. Ich schob das knorpelige Stück hin und her, versuchte, es zu sortieren, aber alles, was ich hervorbringen würde, wäre sinnlos. »Ich habe lange genug die Drecksarbeit für alle erledigt«, sagte ich leise und wusste, dass sie mich trotz des Regens hören konnten. Es war eine Fertigkeit, die ich mir im Laufe des Lebens angeeignet hatte, wenn auch unbeabsichtigt – und die so manchem namhaftem Krieger die Furcht in die Knochen getrieben hatte. »Ich habe geraubt, geplündert, gemordet und gerichtet. Rache. Ich war immer die Rache. Irgendwann musste ich feststellen, dass Rache bei weitem eine hübsche Vorstellung, aber wenn sie tatsächlich näher rückt, nicht mehr so angenehm ist. Und wenn sich all die Träume von Rache als Tand herausstellen, hat man nicht einmal mehr seine Träume.« Ich sah die Soldaten an und bot ihnen meinen Todesblick, worauf sie beinahe ihre Speere aus den Händen verloren und einen Schritt zur Seite machten. »Du kannst vor deiner Vergangenheit nicht davonlaufen, Schwarzfels! Der Norden braucht dich.« »Das, was der Norden am wenigsten braucht, ist noch mehr Rache.« »Und was, wenn der Norden vor einer Bedrohung steht, die zu groß für ihn ist?« Ich blieb erneut stehen und drehte den Kopf leicht zur Seite. »Wenn der Norden Hilfe braucht, soll er die alten Bräuche ehren und die Götter um Beistand bitten.« »Genau das ist der Grund, weshalb wir hier sind. Die Götter antworten nicht mehr.« Ich drehte mich langsam um. »Die Götter antworten nicht mehr? Was ist mit den Priestern?« »Ah, jetzt haben wir also dein Ohr, Schwarzfels? Wie wäre es, wenn du uns begleitest und …« »Wer hat euch geschickt?«, unterbrach ich ihn. Mein Atem ging stoßweise, meine Finger waren vom Schweiß verklebt, der nach und nach davongewaschen wurde. Der Sturm fegte über den weiten Platz, brachte einen neuen Schwung Regen mit sich und erfasste zwei Fahnen, die in den Himmel trudelten. »Der Jarl von Ingolfsfall«, sagte Graulocke und hielt inne, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht wieder unterbrach. »Unsere Mission ist von äußerster Dringlichkeit.« »Der Jarl hasst mich, genauso wie alle anderen Jarls. Weil sie alle zu oft meine Dienste in Anspruch genommen haben und ich über jede ihrer kleinen, finsteren Machenschaften Bescheid weiß. Viele hassen mich auch, weil ich ihnen gegeben habe, wonach es sie gelüstet hatte, sie aber feststellen mussten, dass es am Ende doch nicht das war, was sie wollten.« Ich lächelte böse. »Sie fürchten mich.« Ich wollte mich schon abwenden, als der Krieger fortfuhr. »Es sind Fremde aus einem fernen Land in der Goldbucht angekommen. Der Jarl hat eine Mannschaft zusammengestellt, die den ersten Kontakt herstellen sollte.« »Und?« »Sie sind alle tot. Man hat ihre Leichen an der Küste gefunden. Zungen, Ohren und Nasen waren abgeschnitten, die Augen ausgestochen und die Mägen mit Blei gefüllt.« »Und die Fremden?« »Auf und davon gesegelt, nachdem sie ihr Banner an der Küste platziert haben. Unseren Männern war ein Symbol auf die Brust gebrannt, welches wir nicht kennen.« Graulocke zog einen Zettel aus seiner Tasche und hielt ihn mir hin. Ich packte zu und besah die Zeichnung, die aufgrund der Feuchtigkeit teilweise verschmiert war. Das Symbol zeigte einen Punkt in der Mitte mit acht pfeilförmigen Strahlen. Mir wurde plötzlich siedend heiß. Ich kannte das Symbol, zu gut für meinen Geschmack, und das bedeutete, dass der Zeitpunkt tatsächlich eingetroffen war. Es war der Nachtstern. »Du bist viel herumgekommen, Schwarzfels. Wir hatten gehofft, dass du mehr darüber weißt. Und wenn ich dich so betrachte, erkenne ich, dass wir richtig gelegen haben.« »Da muss ich euch leider enttäuschen. Das Symbol ist mir unbekannt.« Ich hielt ihm den Zettel hin, aber er machte keine Anstalten, zuzugreifen, und so erfasste der Wind ihn und wirbelte ihn davon. »Das ist bedauerlich. Wir wissen nicht, welche Bedrohung auf uns zukommt. Es könnte ganz Skaldheim betreffen.« »Wenn ihr mich kennt, wisst ihr, dass ich aus dem Norden verbannt wurde. Ich schulde Skaldheim nichts.« Graulocke musterte mich eingehend. »Es wurde ein weiteres Schiff der Fremden vor der Küste entdeckt«, sagte er mit Bedacht, als erforderte jedes Wort gesonderte Beachtung. »Wir brauchen jemanden, der sie gebührend empfängt und mit ihnen vertraut ist. Wir brauchen ein wenig Rache.« »Ich habe dieses Leben hinter mir gelassen.« »Wenn du diesen Auftrag annimmst, erhältst du deine Freiheit zurück. Das schwöre ich als Reidar Graulock, der Lögmaður von Ingolfsfall.« Ein Lögmaður also, der Rechtssprecher und Versammlungswahrer eines Jarls. Das kam überraschend. Nur selten wurde so eine wichtige Botschaft von einem Lögmaður persönlich überbracht. »Mir geht′s hier eigentlich ganz gut.« Er sah sich skeptisch um. »Ist immerhin besser als zum Blutadler gemacht zu werden.« »Vielleicht können wir dich doch noch umstimmen.« »Glaub ich kaum.« »Torkel Raubein hat die Mannschaft angeführt.« Da mir nichts einfiel, was ich antworten sollte, blieb ich stumm. Raubein war einer der wenigen gewesen, den ich als so etwas wie einen Freund bezeichnet hatte. Ihn tot zu wissen bewegte etwas in mir. Ich konnte nicht beschreiben, was es war, aber ich spürte dieses unangenehme Ziehen im Magen. Mit seinem Tod war meine alte Mannschaft nun vollends Geschichte. Ich versuchte, mich zu wehren, aber der Geschmack nach Blut, der sich langsam in meinem Mund ausbreitete, mir in die Nase stieg und meinen Verstand benebelte, gewann immer mehr überhand. Graulock ließ mich nicht aus den Augen. »Was sollen wir den Jarls in Ingolfsfall ausrichten?« Ich sah mich um, blickte in die furchtsamen Gesichter der Südländer, die vermutlich keinen blassen Schimmer hatten, was hier wirklich vor sich ging, begutachtete den Sturm, der wie zur Bestätigung ein Geländer aus der Verankerung riss, und betrachtete die drei Nordländer, die all das verkörperten, was ich gleichzeitig hasste und liebte. In den letzten dreizehn Jahren hatte ich viel erlebt. Zu viel, um es in Worte zu fassen. Es sah ganz danach aus, als könnte Skaldheim wieder ein klein wenig Rache gebrauchen. Auf einmal wurde die Angelegenheit persönlich. Ich hatte mir geschworen, nie in den Norden zurückzukehren und nie wieder der Schwarzfels zu sein. Aber so war das mit den Schwüren, zumeist waren sie so viel wert wie ein feuchter Furz. Diese Dreckschweine hatten Raubein umgebracht. Das würden sie mir büßen! Es war Zeit. Ich griff an meine Hüfte, band das Schwert los und ließ es achtlos in den Schlamm fallen. Die Schulterpanzer löste ich ebenfalls und sah nicht hinterher, als sie davontrudelten und vom Regenschleier geschluckt wurden. Es hatte etwas Theatralisches, auch wenn es nicht beabsichtigt war. »Ich breche zur Goldbucht auf«, sagte ich und wandte mich ab. »Wann?«, rief mir Graulock hinterher. »Sofort.«


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