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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Licht und Schatten

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Verdammter Nebel. Wenn es eines gab, das Gnupa Faulzahn noch mehr hasste als einen heißen Tag im Süden, war es Nebel. Die Feuchtigkeit klebte am Boden, erstickte jegliche Geräusche und verschleierte die Sicht, wenn er es am wenigsten brauchte. Die grauen Schwaden drangen ihm in die Ohren und in die Augen, am schlimmsten war es aber, wenn sie die Nase verstopften und er das Gefühl hatte, niesen zu müssen. Musste ausgerechnet heute dieser verdammte Nebel aufziehen? Hätte der sich nicht weiterhin dort verkriechen können, wo er herkam? Zwischen den Arschbacken der westlichen Gebirge? Oder an den Titten der fernen Baumwipfel, die er im Süden gesehen hatte? Nein, der Nebel hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm das Leben so richtig schwer zu machen. Wieder einmal. Das ging nun schon seit vierzehn Jahren so und irgendwie hatte Gnupa das Gefühl, das es mit jedem Jahr schlimmer wurde. Er lag auf dem Bauch, die Feuchtigkeit des aufgeweichten Bodens drang in seine Kleidung und schmatzte bei jeder Bewegung. Wie lange er schon so dalag, konnte er nicht abschätzen. Zeit spielte für ihn sowieso keine Rolle mehr. Wenn er erst einmal darüber nachdachte, dachte er auch über andere Dinge nach. Seiner Meinung nach stand einem Nordmann das Nachdenken nicht gut zu Gesicht. Es machte irgendwie alles schlimmer. »Weißt du, dass du jedes Mal aussiehst, als müsstest du kacken, wenn wir kundschaften gehen?« Faulzahn grinste. »Du meinst, wenn wir im Matsch liegen, aneinander gekuschelt wie zwei Verliebte und …« Runa Wildzorn – oder auch Blutzorn, wie man sie nun nannte – schnaubte laut. »Ach, Hübsche, genieß doch einfach den Ausblick«, kicherte er. »Haben ja sonst nichts zu tun. Freut mich aber, dass du mich so aufmerksam beobachtest.« »Tue ich doch gar nicht.« »Was ist los, Runa? Heute ausnahmsweise mal keine Lust, den Feind auszuspionieren? Faul rumliegen und das Nichtstun genießen?« »Wir machen seit Wochen nichts anderes!« Sie hieb mit ihrer Faust auf den Boden und ließ Matsch aufspritzen. Matsch – wo er hinsah, starrte ihm die braune Brühe entgegen. »So eine Scheiße! Ich habe keine Lust mehr darauf! Wir sollten etwas tun. Irgendetwas.« »Ist dir langweilig?« Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. »Mehr als das. Ich glaube, dass ich umkomme, wenn wir nicht bald etwas anderes machen.« »He, sieh mich nich so an! Ich kann nichts dafür. Gudrod hat gesagt …« »Schnauze da vorne!« Gnupa sah zurück. »Gibt’s was Neues, Einarm?«, rief er dem untersetzten Krieger zu, der aus dem Dickicht des Waldes stakste. Er trug eine graublaue Lederrüstung, hatte schmutziges, braunes Haar und einen ungepflegten Fusselbart. An der Stelle, an der sein linker Arm sein sollte, war das Leinenhemd zu einem dicken Knoten zusammengebunden. Seit der Schlacht um Kolskegg hinkte er leicht. Das lag vermutlich an der Auseinandersetzung mit Crosus. Gnupa schauderte es noch immer, wenn er sich an die beißende Kälte erinnerte, die von dem Riesen ausgegangen war. Die gewaltigen, blauen Muskelberge, das ungeschlachte Gesicht und die unbeschreibliche Kraft. Ein Ungeheuer, das Gestalt angenommen hatte. Gudrod Einarm ließ sich neben ihnen in den Morast fallen. Er kratzte sich am Kinn und dachte lange nach, bis er schließlich etwas sagte. »Könnt ihr nicht ein einziges Mal still sein, wenn ihr eine Aufgabe habt?« Einarm war ein guter Mann, aber er hatte wenig Geduld. Gnupa vermisste es, jemanden an seiner Seite zu haben, der über diese Eigenschaft verfügte. Bei Asgrim Krummfinger, seinem besten Freund und dem größten Krieger des Nordens war das anders gewesen. Egal, was Gnupa gesagt hatte, Krummfinger hatte ihn immer verstanden. Er hatte… Faulzahn schüttelte den Kopf und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Treiben der Stadt, die sich unterhalb der Anhöhe erstreckte. Asgrim Krummfinger war vor fast fünfzehn Jahren im Schildkreis zu Schlamm geworden. Brachte doch nichts, den Toten hinterher zu trauern, am Ende waren sie alle nur Schlamm. »Verdammter Nebel«, knurrte Gnupa. »Streut nur Salz in die Wunde.« »Joh«, brummte Einarm. »Früher war dieser Nebel im Süden eher eine Seltenheit. Heute zieht er an jedem Morgen auf.« »Woher weißt‘n du das? Warste schon früher im Süden gewesen, oder was?« »Ich höre zu, wenn die Menschen etwas sagen. Die Südländer reden miteinander. Oh ja, die reden. Manchmal hab ich das Gefühl, dass die den ganzen Tag nichts anderes machen. Das und sich ihren fruchtigen Wein reinschütten.« »Und sich in seidene, bunte Gewänder kleiden.« »Und sich mit Pisse einreiben«, bemerkte Runa. Gnupa warf ihr einen verwirrten Blick zu. »Im Ernst jetzt?« »Klar. Die füllen die Pisse in kleinen Glasflaschen ab und sprühen sich damit ein. Muss jedes Mal niesen, wenn ich das rieche.« »Ne, das ist keine Pisse«, erwiderte Gnupa kopfschüttelnd. »Ich hab′s in Lofot mitbekommen. Die nennen das Zeug Parfüm.« »Und was soll das sein, dieses … Parfüm?« Er zuckte die Schultern. »Weiß ich auch nich.« »Vielleicht Pisse gemischt mit Blumen und so?« »Weißte was? Ich hab absolut keine Ahnung. Versteh einer doch mal die Südländer, die machen nur so seltsames Zeug. Warum die unbedingt nach Blumen riechen wollen, ist mir nicht ganz klar. Wenn man am Kundschaften ist, bemerkt einen der Feind auf tausend Alen Entfernung.« »Joh«, murmelte Einarm. »Jetzt haltet aber endlich mal die Klappe. Wenn uns einer bemerkt …« »Die bemerken uns nicht«, fuhr ihm Runa über den Mund. »Schau dir die doch mal an! Die tanzen, saufen und stolzieren umher, als hätten sie einen Stock im Arsch! Seit wir vor fünfzehn Jahren hier abgezogen sind, haben die sich vermehrt wie die Karnickel. Wir schlagen uns im Norden die Köpfe ein, die Südländer sind da irgendwie schlauer.« Gnupa musste ihr recht geben. Was in der Stadt vor ihnen geschah, grenzte schon an Wahnsinn. Es wurde gefeiert, ausgelassen getanzt und überall wimmelte es von Menschen in bunten Stoffen. Musik drang an seine Ohren, gepaart mit dem Gegröle einiger Betrunkener. Die ganze Nacht war das so gegangen, trotzdem hatten sich Gnupa und seine Gefährten nicht getraut, sich der Stadt zu nähern. Kolskegg war nicht irgendeine Stadt, es war die Hauptstadt von Skaldheim und das Machtzentrum des Südens. Fast fünfzehn Jahre waren seit der Schlacht zwischen dem Norden und dem Süden vergangen und seitdem schien die Stadt immer weiter gewachsen zu sein. Damals hatten dort zehntausend Menschen gelebt. Mittlerweile mussten es mindestens doppelt so viele sein. Das Herumkriechen im Unterholz hatte Gnupa durstig werden lassen. Er zog den Stöpsel aus seinem Trinkschlauch und nahm einige gierige Schlucke. Das Wasser war lauwarm – wie alles im Süden. Er hasste es und vermisste, die Kälte des Nordens auf seiner Haut zu spüren, die stürmischen Winde im Gesicht und den gefrorenen Schnee unter seinen Füßen. Heimat, es war so lange her. Ein Rascheln in der Nähe ließ ihn herumfahren. Eine drahtige, hochgewachsene Frau mit kurzen dreckigen Haaren schlich auf sie zu. Ihre Bewegungen waren raubtierhaft und besaßen eine gewisse Schärfe, die er an ihr mochte. Die braune Lederrüstung wies klaffende Löcher auf und ihre Arme und Beine waren mit Matsch bespritzt. Ihre Augen blickten hart und unnachgiebig und die untere Hälfte des Gesichts trug sie seit dem Zweikampf mit Krummfinger unter einem Tuch verborgen. Gnupa wusste aber, dass die linke Gesichtshälfte gelähmt und der Mund eigenartig verzogen waren. Krummfinger hatte sie … Verdammt nochmal! Warum musste er immer wieder an seinen alten Freund denken? Krummfinger war seit langer Zeit tot und mit ihm war weitaus mehr gestorben als ein ehrenvoller Krieger. Es schien, als wäre die Welt ohne ihn ein ganzes Stück enger geworden. Gnupa verdrängte den Gedanken und stieß einen schweren Seufzer aus. »Wie sieht′s aus?«, fragte Tola Espe mit rauer, sonorer Stimme, die durch das Tuch gedämpft klang. »So wie vor fünf Stunden«, nuschelte Faulzahn, mit dem Trinkschlauch an den Lippen. »Oder die Tage davor. Oder die Wochen und Monate. Scheiße, da hat sich nichts verändert!« Espe hob eine Augenbraue. Er machte eine achtlose Geste. »Die saufen immer noch, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht.« »Hat er sich endlich blicken lassen?« »Ne, mittlerweile glaub ich aber, dass er gar nich hier ist.« »Eirík muss hier sein! Alles andere macht keinen Sinn.« »Ich weiß nicht«, murmelte Gudrod Einarm. Faulzahn wartete gespannt, ob noch etwas kam. Gudrod brauchte meist lange, um einen Gedanken auszuformulieren. Der namhafte Krieger dachte nach, immer. Für Faulzahn dachte er einen Tick zu viel nach. Wenn er es sich recht überlegte, war es doch nicht die Geduld, die er vermisste. Es war etwas anderes. Vielleicht einen richtigen Freund an der Seite? »Wir verfolgen seine Spuren seit Monaten«, fuhr Gudrod schließlich fort. »Ja, wir sind sogar seinem Söldnerheer hinterher gelatscht. Der sogenannte König des Südens bleibt nie länger als ein paar Tage am gleichen Ort und schwingt seine großen Reden.« »Reden kann er eben«, bemerkte Gnupa. »Kenne keinen anderen, der die Scheiße, die aus seinem Mund quillt, so in blumige Seide packen kann. Und was machen die Südländer? Die glauben ihm und hängen an seinen Lippen, als würden sie am liebsten daran nuckeln.« »Man nuckelt an Titten und nicht an Mündern«, belehrte ihn Runa. »Echt? Also ich hab da schon …« »Unwichtig!«, zischte Espe. »Was wolltest du sagen, Faulzahn?« »Ähm ja, also dieser verdammte Drecksack Eirík ist uns immer voraus, egal, was wir tun.« »Was willst du damit sagen?«, hakte sie nach. »Was, wenn er gar nicht hier ist? Wenn er längst mit einer neuen Armee losgezogen ist und …« »Und wir sollen das nicht mitbekommen haben? Sag mal, hat das Wetter dein Gehirn aufgeweicht, oder was? Eirík ist hier!« »Wir werden das wohl nie rausfinden, wenn wir die Stadt nur beobachten«, warf Runa ein. »Von hier oben sehen wir viel zu wenig.« Gnupa musste ihr zustimmen. Die Anhöhe, auf der sie sich befanden, lag südlich von Kolskegg und wurde von einem dichten Waldgebiet umschlossen. Dadurch konnten sie den hinteren Teil der Stadt ausmachen, der größte Teil wurde aber von dem dichten Mauerring umschlossen. Leider war da zusätzlich noch dieser verdammte Nebel, der die Sicht erschwerte. »Sag′s mir nochmal, Espe«, knurrte Runa. »Warum machen wir das? Und warum fordern wir Eirík nicht einfach zum Schildkreis?« Espe hockte sich neben sie und zeichnete mit einem Ast Ringe in den Matsch. »Holdirs Anweisungen waren eindeutig.« »Ja, schon klar. Wir haben ihm Treue geschworen und sind auf seine Anweisung in den Süden gegangen, um den verdammten Kriegstreiber im Auge zu behalten.« Sie schnaubte laut. »Wir wissen mittlerweile, dass Eirík sein Heer versammelt und bald in den Norden zieht. Wir wissen auch, dass er wahrscheinlich von Kolskegg seine elenden Schwanzlutscher in den Norden führt. Warum bleiben wir noch hier?« »Wir wissen‘s nich mit Bestimmtheit, Hübsche«, lachte Gnupa und erntete einen harschen Blick. »Eirík kann auch von Helgafell losziehen, oder schlimmer: von Osfjoll. Die Stadt liegt im westlichen Gebirge. Da kann er den Krater umgehen und Lonsheior so richtig dreckig von hinten rannehmen. Keiner würd es mitbekommen.« »Vielleicht«, knurrte sie. »Aber warum machen wir das? Ich meine, warum sind wir immer noch hier?« »Du meinst, warum wir an Holdirs Sack nuckeln?« »Jetzt kann man also schon an einem Sack nuckeln? Ehrlich, Faulzahn, du bist verrückt.« Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, den er nicht deuten konnte. »Na ja, Krummfinger hat viel von Holdir gehalten und …« »Der Huskarl ist tot! Geht das nicht in deinen verdammten Dickschädel? Wir waren ihm verpflichtet, weil er der Größte von uns allen war. Er hat Tola Espe im Schildkreis das Leben geschenkt. Er hat Gudrod Einarm ebenfalls überleben lassen. Für den Zwerg, der sich selbst König nennt, habe ich aber nicht viel übrig. Jetzt spricht der schon von irgendwelchen Abenteuern jenseits der Nordgebirge. Dieser Dummkopf will doch nur alten Legenden nachjagen. Was für ein riesengroßer …« »Wem willst du sonst folgen, Wildzorn?«, fuhr Einarm ruhig dazwischen. »Brynhild von Ingolfsfall? Verbrand von Hafnaross? Sven von Grindill? Oder vielleicht der alten Fichte von Mjolborg? Das sind doch alles selbsternannte Könige, die nur an sich denken. Keiner von denen hat den nötigen Mumm in den Knochen, um es mit dem Süden aufzunehmen. Keiner.« Runa schwieg eine Weile. »Hallfred von Manarfell«, sagte sie schließlich. »Ihm könnte ich folgen. Er ist ein Mann von Ehre und Mut. Ich habe bei der Schlacht um Kolskegg an seiner Seite gekämpft. Wir haben Schädel gespalten, gelacht, geschrien und Blut vergossen. Bei ihm hab ich mich richtig wohl gefühlt.« »Das ist ein Problem«, sagte Espe. »Hallfred wurde von seinem Bruder Jobjorn gestürzt. Vermutlich weilt er nicht mehr unter den Lebenden.« »Da siehst du es«, sagte Einarm nickend. »Holdir ist der Einzige, der noch Arsch in der Hose hat und über den Tellerrand hinausblickt. Der Huskarl hat an ihn geglaubt und bis zu seinem Tod an ihm festgehalten. Wir sollten seinen Namen und seine Ehre nicht beschmutzen, indem wir Holdir den Rücken kehren.« »Du meinst wohl König Holdir«, schnaubte Runa. Einarm dachte nach, bevor er sprach. »Dann eben König Holdir, wenn es so sein muss.« »Wirklich, Einarm? Du sprichst das einfach so aus, ohne in Schande zu vergehen? Du solltest dich schämen, dich als Nordmann zu bezeichnen. Wir beugen uns vor niemandem! Skaldheim hat keinen König! Skaldheim braucht keinen König!« »Ich verstehe dich, Runa, ganz ehrlich. Aber wenn der Süden marschiert, und das ist nur noch eine Frage der Zeit, muss der Norden bereit sein. Wir haben deshalb eine wichtige Aufgabe.« »Im Dreck wälzen nennst du also eine wichtige Aufgabe?« »Hab ich nichts dagegen einzuwenden«, meinte Gnupa. »Gibt Schlimmeres. Ich hab mich schon in Pisse gewälzt und ich sag euch, das war nich sehr angenehm.« »Eben«, stimmte ihm Gudrod zu. »Wir spionieren den Feind aus, halten uns versteckt und berichten anschließend Jarl … ich meine, König Holdir.« »Und wie lange noch?«, schnauzte Runa. »Wie lange sollen wir noch im warmen Süden hocken und den Südländern beim Feiern zusehen? Ich hab‘s satt! Ich will etwas tun! Ich will einen Dolch in den Hals von diesen Schwanzlutschern rammen. Ich will …« Gnupa hörte nicht weiter zu. Ihm kam ein Einfall, aber er wusste nicht, ob es eine gute Idee war. »He«, sagte er. Als sie nicht auf ihn hörten, versuchte er es erneut. »He, Leute! Jetzt haltet doch mal eure zuckersüßen Münder!« Sie verstummten und blickten ihn verwundert an. »Na endlich. Dieser Tunnel unter der Stadt, gibt’s den noch?« »Du meinst die Kanalas … Kanala …« Runa stockte. »Kanalisation?« Er nickte gedankenverloren. »Die feiern so ausgelassen und bekommen kaum etwas mit. Seit Jahren hat sich kein Nordmann mehr hier blicken gelassen. Ich frag mich deshalb, warum wir nicht einfach reingehen?« Runa tippte ihm auf die Brust. »Du siehst nicht wie ein Südländer aus, Faulzahn. Die werden uns sofort aufknüpfen, wenn wir nur einen Fuß reinsetzen.« »Ach, überlass das mal mir.« »Hast du einen Plan?«, fragte Espe. »Vielleicht. Kenne mich mit den Südländern ein bisschen aus.« Sie musterte ihn mit schmalen Augen. Dieser Blick, dieser verdammte Blick! Er konnte es nicht ausstehen, wenn sie ihn so ansah. Dann fühlte er sich nackt, und nackt sein war nicht besonders angenehm, wenn man im Schlamm hockte. Das wusste er. »Also«, begann er und ignorierte ihren stechenden Blick, »Kolskegg fürchtet keinen Angriff und beim letzten Mal konnten wir problemlos durch den Tunnel in die Stadt gelangen. War leichter als die Beine einer Wirtstochter zu öffnen …« »Was willst du sagen?«, unterbrach Espe ihn. »Raus damit!« Ja, er vermisste Krummfinger wirklich. Niemand hatte mehr Geduld für seine Scherze. Niemand wusste sie mehr zu schätzen. Krummfinger hatte immer gelacht, egal wie schmutzig der Witz auch gewesen war. Oder er hatte den Kopf geschüttelt, aber niemals unterbrochen. Eine verdammte Schande war das. Tola Espe war ganz anders. Sie hatte sich insgeheim zur Anführerin ihrer Gruppe erkoren und er hatte an sich nichts dagegen. War ein hübsches Ding, vielleicht ein bisschen zu dürr und zu knochig. Und na ja, sie war immer so verdammt zielstrebig und ernst. Es war zeitweise ermüdend … Er stand auf. Als er sich aus dem Matsch löste, schmatzte es laut. Dann schmierte er sich etwas von dem Schlamm auf Arme, Beine und ins Gesicht und nickte seinen Gefährten zu. »Wir werden nicht jünger. Ich pack das jetzt an.« »Und was genau?« »Was gibt‘s in jeder Stadt, Espe?« »Häuser.« »Joh, das mein ich aber nich. Was noch?« »Menschen.« »Auch nich. Was glaubst du …« »Jetzt spuck‘s schon aus, Faulzahn!« »Bettler natürlich.« Er klatschte in die Hände. »Wenn es einen Mann in diesem Land gibt, der jeden davon überzeugen kann, ein stinkender, alter, besoffener und verhurter Bettler zu sein, dann ja wohl ich, he?« Espe rümpfte die Nase. »Bis Sonnenaufgang bist du wieder da! Verstanden?« »Klar, Anführerin. Wenn′s nicht klappt, war‘s zumindest einen Versuch wert.« »Was genau hast du vor? Ich meine … ach was. Ich will es gar nicht wissen. Geh einfach!« Er grinste. »Vertrau mir, das wird schon. Wenn man aussieht wie ein Bettler, sehen die Menschen einfach weg. In ein paar Stunden bin ich wieder da. Falls nich, sehe ich meinen alten Freund endlich wieder.« Gnupa stapfte den schmalen Pfad hinab, wich Büschen und herunterhängenden Ästen aus, und war über seine Worte erstaunt. Ja, er vermisste Krummfinger wirklich. *** Gnupa brauchte länger als gedacht, daher war er froh, als er endlich die braune Brühe der Kanalisation hinter sich lassen und in den feuchten Nebel eintauchen konnte, der ihn wie eine Geliebte aus seinen Träumen willkommen hieß. Als er vor den Gefährten stehenblieb, von oben bis unten mit der Scheiße von Kolskegg bedeckt, zwang er sich zu einem Grinsen. »Du stinkst, Faulzahn«, brummte Einarm. »Jedenfalls schlimmer als sonst.« Er winkte ab. »Unwichtig. Glaubt mir, wenn man den Geruch erst mal in der Nase hat, bemerkt man‘s gar nicht mehr. Ist Gewöhnungssache.« »Das trifft wohl nur für dich zu.« »He, das war nicht fair! Ich habe …« »Wo warst du?«, mischte sich Espe in das Gespräch. Sie lehnte an einem Baum, die Arme vor der knochigen Brust verschränkt. Ein schwarzer Mantel schmiegte sich um ihre Schultern. Verdammt, wo hatte sie das Ding her? Er unterdrückte einen Seufzer. Irgendwie hatte er sich an Espe als Anführerin noch nicht richtig gewöhnen können. »Ich war in der Stadt. Klar soweit?« »Hast du einen Beweis?« »Tada!«, rief er und zog ein kleines Glasfläschchen aus der Tasche, das sie in Kolskegg als Flakon bezeichneten. Es war so groß wie seine Hand und beinhaltete eine gelbe, durchscheinende Flüssigkeit, die träge hin und her schwappte und aussah wie Pisse. Runa wollte es ihm aus der Hand reißen, doch sie war nicht schnell genug. »Das, meine lieben Freunde, ist Parfüm.« Er zog den Stopfen heraus und wollte sich den Inhalt auf den Kopf kippen. »Doch nicht so, du Vollidiot!«, schnaubte Runa. »Du darfst nur ein bisschen was davon nehmen. So in etwa.« Sie steckte sich die kupferroten Haare zur Seite, träufelte ein paar Tropfen auf ihre Hand und verteilte diese vorsichtig an ihrem rechten Halsansatz, der wie stets mit blauer Farbe angemalt war. Gnupa beugte sich vor und roch daran. Er musste zugeben, dass es gar nicht mal schlecht duftete. »Und? Wie rieche ich?«, fragte sie. »Lecker. Ich dachte, das Zeug bringt dich immer zum Niesen?« »Ja, ist ja auch egal.« Sie errötete. Runa Wildzorn errötete tatsächlich! Wie überaus seltsam. »Du warst also in der Stadt«, bemerkte Espe. »Der Tunnel?« »So ist es. Eine Stelle führt zu einem kleinen Vorhof mit einem Brunnen. War ganz schön schwierig zu den Gittern zu gelangen, konnte mich aber raufhangeln und umsehen. Dieser verdammte Nebel hat mir geholfen, war aber gar nicht notwendig. Die haben mich für einen Penner gehalten und einfach übersehen. Und wenn man einen Mann für einen Penner hält, erwartet man auch nen bestimmtes Verhalten. Also habe ich mein Bestes gegeben, um ein überzeugender Penner zu sein …« »Wie viel?«, unterbrach ihn Espe. Gnupa zuckte schuldbewusst die Schultern. »Ich weiß nich, was du meinst.« Ohne Vorwarnung griff sie ihm in die Manteltaschen, trotz seiner lauten Beschwerde, und legte die Kronen auf ihre offene Handfläche. »Zehn Kronen also.« Einarm beugte sich vor, die Augenbrauen erhoben. »Zehn Kronen in einer Stunde? Ehrlich, Faulzahn, irgendwann musst du mir mal beibringen, wie du das schaffst.« »Ist′n Talent.« »Wie auch immer«, sagte Espe und ließ die Kronen in ihrer Tasche verschwinden. Diese Anführersache war echt beschissen, es sei denn, Gnupa wäre auch mal Anführer. Ja, das könnte ihm gefallen. »Sonst noch was?«, hakte sie nach. »Die sind am Saufen ohne Ende«, murmelte Gnupa. »Machen jedem Nordmann alle Ehre.« »Etwas Wichtiges?«, seufzte sie. »Hm, ich hab das hier noch mitgehen lassen.« Er zog einen bunten Schal aus seiner Tasche. »Fühlt sich anders an als unsere Kleidung. Dünner und aus Seide.« Er lächelte. »Ich mag Seide.« Espes Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ich wiederhole meine Fragen nur ungern, Faulzahn!« Er hob abwehrend die Hände. Nun gab es keinen Weg mehr daran vorbei, er musste ihnen die Wahrheit offenbaren. »Ist ja gut. Ich erzähle euch ja, was los war.« »Dann los!« Alle Blicke ruhten auf ihm, während er vorsichtig seinen linken Ärmel aufrollte und den Dolch, der am Unterarm befestigt war, in die rechte Hand nahm. Es war ein Dolch von einfacher Machart, mit einer stumpfen Klinge und getrocknetem Blut an der Spitze. Er warf den Dolch in die Mitte, sodass er mit der Spitze voran im Boden steckenblieb. Es musste nichts gesagt werden, auch so wusste jeder, was es zu bedeuten hatte. Gnupa war nur ein Bote, nachdem Eiríks Truppen ihn in der Stadt erwischt hatten – zum Überbringen einer Botschaft, nicht mehr. Eirík Weißfell forderte Blutrecht … er forderte den Schildkreis gegen jeden einzelnen von ihnen.


 


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