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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Ragnarök

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Winzige Sandkörner prasselten zu hunderten auf meinen Kopf, meine Lederrüstung, meinen Hammer und jede Ale unbedeckten Fleisches. Es ging kein Wind, nicht einmal ein Lüftchen, und so mischte sich der gemahlene Sand mit dem Staub, der unter meinen Füßen aufgewirbelt wurde. Das Tuch vor meinem Gesicht sollte mich schützen, aber der Sand fand dennoch einen Weg durch den Stoff. Meine Zähne knirschten und selbst aus meinem Bart rieselten feine Körner. Ich saugte bitter an den Zähnen und spie einen dicken Klumpen aus. Um mich war es stockduster, selbst meine Hand konnte ich kaum vor Augen sehen. Tiefe, finstere Schwärze voller Schatten. Und es war kalt, aber nicht irgendeine Kälte, sondern eine Kälte, die davon zeugte, dass die Sonne an diesem Ort niemals schien. Selbst in Helheim hatte es ein fahles Dämmerlicht gegeben, hier hingegen war die Finsternis vollkommen. Es war ein kühler, dämmriger Ort, dem ein Geruch nach altem Gemäuer, abgestandener Luft und verborgenen Geheimnissen anhaftete. Ich sprach es nicht aus, aber ich ahnte längst, dass ich in eine andere Welt hinabtauchte. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Zwar sah ich weiterhin nur schummrige Erhebungen, geborstene Türme oder zerklüftete Hänge und schreckte jedes Mal auf, wenn ich ein Geräusch in der Ferne vernahm, trotzdem kam ich mittlerweile besser zurecht als zu Beginn meiner Reise. Mein alter Lehrmeister Gudleif Weißfell hatte einst gesagt, dass ein Mensch sich an alles gewöhnen konnte, solange er es akzeptierte. Wie recht er doch hatte. »Bewegung!«, knurrte mein Begleiter vor mir, ohne sich umzudrehen. Er maß gerade einmal zwei Alen in der Höhe, hatte breite Schultern, starke Arme und einen langen verfilzten Bart, der bis auf seine Brust reichte. Ich konnte es unmöglich richtig sehen, aber ich glaubte, so etwas wie eine fleckige Schürze über dunklem Stoff und hartem Leder zu erkennen. Über dem rechten Auge trug er eine schwarze Binde, deren Ränder Narben darunter erahnen ließen. Unbeirrt führte er mich durch diesen geheimnisvollen Ort. »Wie wär′s, wenn du mir ein paar Antworten gibst?«, murrte ich und zuckte zusammen, als ein heißer Schmerz durch meinen Kiefer jagte. Zwei der drei ausgeschlagenen Zähne waren nachgewachsen, aber der dritte und dieser verdammte Unterkiefer machten mir zu schaffen. Es musste schon ein paar Tage zurückliegen, seitdem mich der Kleinwüchsige im Tal der Tausend Zähne, wie ich es genannt hatte, vor den Feuerriesen Muspellsheims und Surt dem Schwarzen gerettet hatte, wobei ich mir nicht sicher war, ob das hier einer Rettung glich. Bisher hatten wir kaum mehr als ein paar Worte gewechselt und ich wusste weder wo ich war noch wo es hinging. Für mich gab es jedoch keinen Grund, mich zu beschweren, ich war mit dem Leben davongekommen. Der Gott Freyr und Skirnir konnten das von sich nicht behaupten. Gedankenverloren legte ich meine Hand auf die Umhängetasche des Gottes. Darin ruhte ein besonderer Schatz und wenn Freyr nicht gelogen hatte, stammte der von dem Ort, an dem ich mich gerade befand. »Also?«, hakte ich nach, aber mein Begleiter strafte mich mit schweigender Verachtung. »Komm schon, sag mir wenigstens, wo du mich hinführst.« »Später«, murmelte er und begutachtete den Ring, den ich ihm als Bezahlung gegeben hatte, damit er mich in das unterirdische Gewölbe eintreten ließ. »Dieser Ring … was hat es mit ihm auf sich?« Der Kleinwüchsige blieb abrupt stehen. »Rost! Du weißt nicht, welchen Schatz du in den Händen gehalten hast, Langer?« Es fiel mir schwer, ihn zu verstehen, denn er sprach manche Wörter der alten Sprache, als hätte er Kieselsteine im Mund. »Nicht wirklich«, gab ich zu. »Was ist so besonderes daran?« »Was so besonderes daran ist?« Er schüttelte den Kopf und lief weiter. Unser Weg führte in die Tiefe, vorbei an gewaltigen Schluchten, deren Umrisse ich nur erahnen konnte, über sanfte Erhebungen, die Hügeln glichen, und vorbei an wuchtigen Steinformationen, die sich wie das Haupt eines Riesen über uns auftürmten. Unsere Schritte dröhnten in den Ohren, als würden wir uns in einer riesigen Höhle befinden, in deren weiten Ausläufer sie verklangen. Irgendwann erfasste mich Erschöpfung und ich sank zu Boden. Sofort war der Kleinwüchsige neben mir, trat mir gegen den Fuß und nickte nach vorne. Also wuchtete ich mich wieder hoch, biss die Zähne zusammen und verdrängte den Schmerz, der zunehmend der Müdigkeit wich. Meine Wunden heilten und es blieben nicht einmal Narben zurück, es war aber nichts im Vergleich zu dem Versagen, das wie ein Todesbote über mir schwebte. Eines der drei Runennetze war zerstört, der Herrscher von Muspellsheim hatte allerdings bewiesen, dass er wesentlich mächtiger war als ich – sogar mächtiger als die Götter. Ich sah die Armee der Statuen vor mir. Tausende Einherjer, die vor Jahrhunderten gegen Surt und seine Häscher gekämpft und verloren hatten. Wie konnte ich einen Unterschied in diesem Krieg machen? Wie konnte ich meine Heimat beschützen, wenn es nicht einmal den Göttern gelungen war? Nachdenklich strich ich über die Rune Sowilo, die auf dem metallischen Kopf meines Hammers ruhte. Ich kannte die Worte, um mich mit ihr zu verbinden, und hatte mittlerweile begriffen, dass die Rune ein Wesenszug von mir war. Nicht die Waffe, mit der ich im Kampf gefallen war, war für die Verbindung verantwortlich, sondern ich selbst. Das, was ich war, und das, was mich ausmachte. Eine leichte Böe wehte mir ins Gesicht, ehe sie überraschend verebbte. In der Ferne war blasses Licht auszumachen, das lange Schatten über die Berghänge warf, denen wir uns näherten. Dazwischen war eine Art Festung erkennbar, die in einer Senke verschwand. Sie schmiegte sich an die Ausläufer des Berghanges, da sie teils im Stein belassen war, teils Wehre vorgelagert hatte. Ich hatte schon viele Festungen gesehen, selbst die Mauern von Kaetilfast hatten unüberwindbar gewirkt, aber dies hier war eine Festung, die meine Vorstellungen bei weitem übertraf. In der Felswand auf dem obersten Plateau befand sich der acht Schritte breite und zehn Schritte hohe Einlass in das verborgene Reich. Am Fuß dieser Festung erstreckte sich ein Tor, das so riesig groß war, dass selbst Crosus daneben wie ein Zwerg wirkte. Genietetes, gehämmertes, beschlagenes, silbriges Metall, das trotz der Dunkelheit ein geheimes Licht zu verströmen schien. Ich blieb ehrfürchtig stehen und wusste nicht, ob ich meinen Augen trauen konnte. Das Tor bestand aus Sternenstahl – Unmengen von Sternenstahl. »Bei den Toten«, raunte ich. Mein Begleiter verpasste mir einen Stoß. »Weiter!« »Warte!« Ich hielt ihn am Arm fest und deutete zum Tor. »Ist das wirklich das, was ich denke?« »Woher soll ich wissen, was du denkst? Hab ich in deinem Kopf nachgesehen?« Ich starrte ihn mit gerunzelter Stirn an. »Du bist seltsam.« »Ich bin ein Schwarzalb, wie du wissen solltest. Liegt mir im Blut, seltsam zu sein.« Er riss sich los und stapfte auf das Tor zu. »Sternenstahl. Ein riesiges Tor aus Sternenstahl. Wie ist so etwas möglich?« Als wir uns der Festung näherten, öffneten sich die beiden Torflügel einladend. Bei einem derart wuchtigen Bauwerk hätte ich erwartet, dass es quietschte oder knirschte oder irgendein verräterisches Geräusch verursachte, aber das war nicht der Fall. Sie schwangen auf, als wären sie federleicht, und ließen mich einen Blick in das Innere erhaschen, der mich schwindeln ließ. Es war, als blickte ich in eine andere Welt. *** Als wir durch das Tor traten, gelangten wir in eine riesige Halle, deren genaue Ausmaße nicht erkennbar waren. In regelmäßigen Abständen gab es quadratische Kohlebecken, die einen Pfad durch die Halle markierten und in denen wärmendes Feuer brannte, das die Kälte aus meinen Knochen vertrieb. Dort, wo das Licht nicht hinreichte, verlor sich die Halle in den Schatten. Meine Augen schweiften über die Steinmetzarbeiten, welche die Mauern und Säulen zierten, die Figuren, Verzierungen, Sockel und Säulen versetzten mich in Staunen. Sie waren so detailliert und kunstvoll geschaffen, dass sie nicht von Menschenhand stammen konnten. Ich bemerkte, dass mir der Mund offen stand, vergas es aber sogleich wieder, als ich mich weiter umsah. »Damit das klar ist«, grollte mein Begleiter. »Du hast für eine Passage bezahlt, ich habe dich hierher gebracht. Ich bin weder dein Aufpasser noch dein Beschützer. Wenn wir die goldenen Pforten passiert haben, sind wir miteinander fertig, verstanden?« Ich nickte langsam. »Du hast Wort gehalten. Danke.« Ich hielt ihm die Hand hin, aber er machte eine achtlose Geste und marschierte weiter. »Der Ring gehört nun mir.« »Natürlich gehört er …« »Nein, der Ring gehört mir! Alles, was mit dem Tröpfler zu tun hat, gehört ebenfalls mir! Ich werde es dir nicht überlassen. Verstanden?« »Was ist ein Tröpfler?« Er schüttelte den Kopf und lief schneller. »He, wenn du nicht mir sprichst, kannst du auch nicht erwarten, dass ich alles weiß. Erklär′s mir einfach!« Mein Begleiter zog den Ring aus der Tasche und hielt ihn ins Licht. Er spuckte in seine Hand, wischte den Schmutz weg und rieb über das Metall, als würde er den kostbarsten Schatz der Welt in den Händen halten. Erst da wurde mir bewusst, dass der Ring aus Sternenstahl bestand und eine einzelne Rune in die Oberfläche geritzt war. Es war Fehu, die Rune des Reichtums. »Das ist der Tröpfler«, sagte der Schwarzalbe. »Kapiert?« »Und was hat es damit auf sich?« Er murmelte einen Fluch, den ich nicht verstand – zumindest glaubte ich, dass es ein Fluch war, denn er knurrte wie ein wütender Skrall. Er hielt den Ring näher ans Feuer und wartete. »Ich verstehe nicht …«, sagte ich, als plötzlich etwas geschah. Der Ring verflüssigte sich, und aus der Flüssigkeit bildeten sich acht Ringe, die einander vollkommen glichen. »Frost und Eis!« Ich wollte ihm einen der Ringe aus der Hand nehmen, aber er ließ sie schnell in seiner Tasche verschwinden. »Das ist der Tröpfler. In jeder neunten Nacht passiert das. Mehr musst du nicht wissen.« »Sind die Ringe gleich?« »Ja und nein.« »Warum?« »Weil es eben so ist!« »Wenn also ein Ring zerstört wird, kann er nachwachsen?« »Solange es nicht der Tröpfler ist, ja.« »Also …« »Keine Fragen mehr!« Er wandte sich ab und stapfte voran. »Willst du denn nicht wissen, woher ich ihn habe?«, rief ich hinterher. »Nein, weil ich das bereits weiß.« »Ist das so?« »Ja, von einem deiner Götter.« Er betonte das Wort, als wäre es eine Beleidigung. Wir liefen weiter durch die Halle, vorbei an Steinmetzarbeiten, die so wunderschön waren, dass ich mich gar nicht sattsehen konnte. Schließlich erreichten wir ein weiteres Tor, nicht unähnlich dem außerhalb der Festung, das sich öffnete, sobald wir davor stehenblieben. Die Halle dahinter glich der vorherigen, bestand aber größtenteils aus Marmor. Die Arbeit der Steinmetze raubte mir schier den Atem und ich fragte mich einmal mehr, ob jemals zuvor ein Mensch diese Kunst hatte bewundern können. Neuneckige graue Säulen von zwanzig Alen Umfang und mehr wuchsen wie versteinerte Bäume in die Höhe. Die Halle war so hoch, dass man die Decke nicht sehen konnte, die Säulen ragten anscheinend ins Nirgendwo. Womöglich führten sie nach oben, um die Gipfel dieser Welt zu stützen. Zwischen den Pfeilern spannten sich ornamentreiche Steinbögen, in die Runen graviert waren. Ich sah Fehu, Berkana und Othala. Alles Runen, die für Reichtum, Wohlstand oder Zusammenhalt standen. Unmittelbar vor uns hatten die Bildhauer ein riesiges steinernes Abbild einer Gestalt erschaffen, die meinem Begleiter glich. Ein granitfarbener Schwarzalb saß auf einem Thron aus weißem Marmor, die Rechte zum Gruß erhoben, die Linke auf dem Griff einer Axt. Sein Stiefel war so hoch wie ich und bestimmt so lang wie ein Pferd. Die Wände daneben, vermutlich einst nackter, kahler Fels, waren glatt geschliffen und in die matt glänzende Oberfläche waren Worte der alten Sprache gemeißelt. Sie waren so schön und exakt gearbeitet, dass ich langsamer ging, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. Ich streckte die Hand aus und fuhr ehrfürchtig über die Oberfläche. Eine solche Pracht hätte ich niemals für möglich gehalten. »Das ist wirklich unglaublich!«, entfuhr es mir voller Anerkennung. »Wer hat das gemacht?« »Rost! Schon wieder?« »Schon wieder was?« »Schon wieder diese Frage? Haben wir das nicht längst hinter uns?« »Ich verstehe nicht …« Er schnaubte laut. »Es war kein Mensch. Beantwortet das deine Frage?« »Das habe ich mir schon gedacht, aber wer war es?« »Ein Schwarzalb, wer denn sonst? Ehrlich, was ist das nur immer mit dir und diesen vielen Fragen?« Ich seufzte. Mein Begleiter konnte mich nicht leiden, aber das war mir egal. »Und wer ist das?« Der Schwarzalb blickte in das Antlitz der Statue. »Modsognir, der erste und mächtigste Schwarzalb.« »Modsognir. Das bedeutet Der Müde, oder?« Er sah mich merkwürdig an. Dann wandte er sich kopfschüttelnd ab. Unser Weg verlief zwischen den Füßen des regungslosen Giganten und führte uns in einen etwas schmaleren Gang. Die Luft kühlte merklich ab. Es dauerte nicht lange und wir standen vor einem goldenen Tor, das ebenfalls hoch und beeindruckend war, aber die Vermutung zuließ, dass es nicht zum Schutz diente, sondern einfach nur ein Tor war, um die Kälte auszusperren. »Hör zu«, grummelte der Schwarzalb. »Joh.« »Du befindest dich nun in Svartalfheim, aber das weißt du natürlich bereits.« »Joh, weiß ich.« »Halt die Klappe und hör zu!« Ich presste den Mund zu einer schmalen Linie zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann neigte ich kaum wahrnehmbar den Kopf. »Gut so. Das hier ist das Reich der Schwarzalben. Nur zur Erinnerung, falls du es vergessen hast.« Ich kaute noch an diesem seltsamen Satz herum, als er weitersprach. »Ich habe dich nicht aus Nächstenliebe mitgenommen, sondern weil du mir etwas gegeben hast, was rechtmäßig mir gehört. Wir beide wissen, warum.« Ich hob eine Augenbraue, behielt aber eine Erwiderung für mich. »Halte dich zurück und versuche, nichts kaputt zu machen, wie beim letzten Mal.« »Beim letzten Mal?«, stutzte ich. Er kniff das verbliebene Auge zusammen. »Rost! Verscheißer mich nicht, Langer!« »Das tue ich doch gar nicht, ich …« »Halt einfach die Klappe und stelle nichts an! Und vor allem gib keine Versprechen, die du nicht halten kannst! Verstanden?« Da mir nichts anderes übrig blieb, stimmte ich zu. »Guter Mann. Ach und steck das mal wieder dahin, wo es hingehört.« Er sah betont auf Nevelnjir. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn krampfhaft gepackt hielt. »Könnte sonst jemand als Aufforderung verstehen.« Ohne Widerworte kam ich seiner Aufforderung nach. Irgendetwas entging mir, aber ich kam nicht dahinter, was es war. Bevor ich nachfragen konnte, stieß der Schwarzalb das Tor auf. Die nächste Halle übertraf alles Gesehene: Runde Säulen ragten in schwindelnde Höhe, die Wände zierten in Stein gehauene Szenen aus der Geschichte der Schwarzalben, die an glorreiche Errungenschaften, wundersame Maschinen, die sie gebaut hatten, und an Taten vergangener Jahrhunderte erinnerten. Kohlebecken und quadratische Leuchter spendeten warmes Licht, und eine angenehme Frische wehte durch die Halle. Während ich meinem Begleiter folgte, spürte ich die Blicke tausender Schwarzalben auf mir ruhen. Sobald ich an ihnen vorüberschritt, zeigten sie auf mich. Einige wirkten erstaunt, andere senkten sogar den Kopf. War es Ehrerbietung? Das konnte ich mir kaum vorstellen. Die Schwarzalben glichen einander, wie es bei Menschen der Fall war, ich erkannte aber, dass es vieles gab, was uns voneinander unterschied. Im Norden Skaldheims zählte man nur als Mann, wenn man einen Bart trug. Schwarzalben trugen nicht nur einen Bart, manche wirkten, als wäre er genau das, was sie ausmachte. Vielen reichte der Bart auf die Brust, andere hatten ihn zu Zöpfen geflochten und mit kleinen Perlen und Edelsteinen versehen. Es waren so viele unterschiedliche Darstellungen ihrer Bärte, dass mir bei dem Anblick beinahe schwindelte. Einige Schwarzalben waren in Rüstungen gekleidet, denen eines Nordmanns nicht unähnlich, es gab aber auch welche, die seidene Gewänder trugen. Ihre Nasen waren flach, ihre Augen finster und ihre Schultern breit und stark. Die Hände glichen Bratpfannen, schwielig und massig. Keiner reichte ansatzweise an meine Größe heran, alle waren nicht größer als zwei Alen. Je weiter ich durch die Halle schritt, desto mehr bemerkte ich, wie ich zum Zentrum der Aufmerksamkeit wurde. Es lag eine Anspannung in der Luft, die spürbar war. Lag es daran, dass ich ein Mensch war und ihre Heimat entweihte, oder war etwas an den seltsamen Worten meines Begleiters? Im Unterschied zum Rest seines Volkes war sein Bart weder verziert noch gepflegt, strähnig, teilweise verfilzt, an einigen Stellen angesengt. Seine Kopfseiten waren geschoren, sodass sein schwarz-graues Haar wie ein Fächer über die eine Kopfseite fiel. Seine graue Schürze war fleckig, seine Stiefel lädiert, und sein Gesicht derart mit Schmutz bedeckt, dass man kaum sagen konnte, wo der Schmutz begann und wo er aufhörte. Kurz gesagt: Er wirkte ziemlich verwahrlost und wie ein Außenseiter. »He«, flüsterte ich ihm zu. »Warum starren die mich alle so an?« »Na, warum wohl?« »Ich weiß wirklich nicht, wovon …« »Ich hab′s dir schon einmal gesagt, Langer!«, schnauzte er. »Verscheißer mich nicht. Wir sind Schwarzalben, wir vergessen kein Gesicht, schon gar nicht deins. Und vor allem vergessen wir kein Versprechen. Das ist uns wichtiger als die eigene Mutter.« Ich zögerte. »Du kennst mich also?« Er blieb stehen und musterte mich von oben bis unten. Es war verwirrend, dem verbliebenen Auge zu folgen, und erinnerte mich zu manchen Zeiten an Wodan. »Was ist los mit dir? Haben sie dir deine Erinnerungen genommen, oder was?« Ich zuckte die Schultern. Er wischte sich etwas Dreck aus dem Gesicht, aber das machte es nur noch schlimmer. Nun zogen sich fünf schwarze Schlieren vom Kinn zur Stirn. »Wie ist mein Name?« Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie sich einige Schwarzalben näherten. Unter ihnen waren auch Kinder und Frauen, zumindest glaubte ich, dass es Frauen waren, denn sie trugen keine Bärte. »Bei den Toten, ich habe dich noch nie zuvor gesehen!« Er musterte mich noch einen Augenblick, dann verfiel er plötzlich in schallendes Gelächter. Nicht amüsiert, sondern eher durchdrungen von einer Prise Verzweiflung. Ich war so überrascht, dass ich einen Moment sprachlos war. »Also stimmt es doch«, schnaufte er schließlich. »Das kann jetzt lustig werden. Nach all den Jahrhunderten kehrst du zurück, aber nicht beabsichtigt, sondern aufgrund einer Laune des Schicksals. Mit dir haben sie wieder einmal ihr Spiel getrieben. Du hast es geahnt, aber dass sie es wirklich tun? Unglaublich.« »Wer?« »Die Götter.« Eine Menge bildete sich um uns. Obwohl kaum einer bis zu meiner Brust reichte, ging ihre Anspannung auf mich über. Etwas braute sich zusammen und ich war der Grund dafür. »Du kennst mich also?« »Ob ich dich kenne?« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ich kenne dich besser, als jedes andere Wesen dieser undankbaren Welt! Und du, alter Freund, traust dich, mir unter die Augen zu treten, nach dieser langen Zeit?« »Scheiße, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt, als du mich aus Muspellsheim befreit hast?« »Warum sollte ich? Du kennst mich.« »Nein … wer bist du?« »Brokkr!«, rief jemand aus der Menge. Eine Gasse bildete sich und schwer bewaffnete Schwarzalben traten hervor, die die Umstehenden wie ein Pflug zur Seite schoben. Sie waren vollständig in Stahl gekleidet und ihre Visiere zu Fratzen und Ungeheuern geformt. In der Hand hielten sie Stangenwaffen, die einem Bryntröll ähnelten, allerdings wesentlich kunstvoller gearbeitet waren. »Das ist dein Name?«, fragte ich. »Brokkr?« »Du hast es wirklich vergessen«, schäumte er. »Dann sind wir miteinander fertig, Einherjer.« »Warte ... weshalb? Frost und Eis! Ich habe keine Ahnung, was hier los ist!« Ich sah mich um. »War ich schon einmal in Svartalfheim?« »Du sagtest einst zu mir, wenn man jemandem alles verziehen hat, ist man mit ihm fertig. Ich verzeihe dir!« »Wofür?« Ein prächtig gekleideter Schwarzalb blieb vor uns stehen, seine Rüstung war aus purem Gold. Spangen, Edelsteine und Perlen waren in seinen grauen Bart geflochten, der sich über seinem mächtigen Bauch wölbte. Ringe funkelten an seinen Händen und auf seinem Kopf ruhte eine Krone – nicht eine, wie sie der Kriegstreiber Eirík getragen hatte, sondern eine echte Krone aus purem Gold, verziert mit Rubinen und Smaragden. Sein wallender dunkelblauer Mantel war an den Seiten mit der Rune Fehu bestickt. »Mein Verstand scheint mich zu täuschen, denn meine alten Augen erblicken tatsächlich einen Mann, den ich einst Freund nannte«, verkündete der Schwarzalb. »Kehrt wirklich nach langer Zeit ein göttlicher Auserwählter in die Hallen unserer Urväter zurück?« Er breitete die Arme aus, nickte den Anwesenden zu, und näherte sich mit schlurfenden Schritten. Er hielt mir die Hand zum Gruß hin und ich schlug mit einiger Verzögerung ein. »Wie kommt es, dass du heute vor mir stehst und auch noch in Anwesenheit dieses«, sein Blick streifte meinen Begleiter, »Ehrlosen?« Ich atmete tief durch und verspürte das Bedürfnis, mich mit Sowilo zu verbinden, aber die mahnenden Worte meines Begleiters ließen mich innehalten. »Offenbar kennen wir uns. Es gibt einiges, das ich aus meiner Vergangenheit nicht verstehe, aber ich würde mich erinnern können, wenn ich schon einmal hier gewesen wäre.« »Natürlich kennen wir uns. Ich bin Hreidmar, der König der Schwarzalben und dein Verbündeter und Freund. Erinnerst du dich nicht mehr?« Ich stellte mich aufrechter hin. »Sagt mir nichts. Mein Name ist Asgrim Krummfinger der Huskarl.« Hreidmar runzelte die Stirn. »Asgrim Krummfinger? Nein, das ist nicht dein Name. Wir Schwarzalben vergessen niemals ein Gesicht oder einen Namen, denn wir sind so beständig wie der Stein, zu dem wir irgendwann werden. Zugegeben, du siehst wesentlich jünger als früher aus, aber dennoch bist du der, der du bist. Du bist der Erste der Einherjer.« »Das stimmt, aber …« »… und dein Name lautet Thorvald Weißauge.«


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